Und wo warst du? -  - E-Book

Und wo warst du? E-Book

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Beschreibung

Am 9. November 2019 jährt sich der Tag des Mauerfalls zum dreißigsten Mal. Zeit für ein Resümee der ganz eigenen Art. Die politischen Hintergründe des Mauerfalls wurden schon zur Genüge beschrieben. Aber wie haben die Menschen diesseits und jenseits der Mauer konkret diesen Tag erlebt? Welche Träume und welche Ängste haben sie damit verbunden? Und was ist aus den Träumen und Albträumen geworden? Die Bürgerrechtlerin und Mitbegründerin der DDR-Friedensbewegung und bekannte Autorin und Filmemacherin Freya Klier hat für dieses Buch die unterschiedlichsten Menschen angesprochen und ihnen die Frage gestellt: »Und wo warst du?« So ist ein schillerndes Panorama deutsch-deutscher Geschichte entstanden. 23 Zeitzeugen lassen den Leser einen Blick in ihre Seele werfen. Sie eröffnen einzigartige, persönliche und berührende Perspektiven. Neben bekannten öffentlichen Personen wie Bernhard Vogel oder Guy Stern kommen Menschen zu Wort, die außergewöhnliche Leben vor und zum Zeitpunkt der Wende in der DDR führten, u.a. • Astrid Proll lernte als Einundzwanzigjährige Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof kennen und schloss sich in den frühen Siebzigerjahren der RAF an. • Ingo Hasselbach ist der bekannteste Aussteiger aus der Neonaziszene. Seine Artikel, die in der New York Times und der ZEIT abgedruckt wurden, sorgten für großes Aufsehen. • Burkhart Veigel agierte bis 1970 als Fluchthelfer vom Westen aus. Er erhielt im Jahr 2012 das Bundesverdienstkreuz. Aber auch diejenigen, die im Osten wie im Westen ein "ganz normales" Leben führten – vom Schüler bis zum Politiker, von der Lehrerin bis zur Bankangestellten, erzählen, wie sie diesen Teil der deutsch-deutschen Geschichte erlebt haben. Die Berichte folgen drei zeitlichen Linien: • »Es muss was passieren!« Der lange Weg zum Fall der Mauer • »Die Mauer muss weg!« Aufbruch in die Freiheit • »Zwei Welten treffen aufeinander.« Deutschland in Zeiten der Wiedervereinigung »Alle Phasen – die dunkelsten Momente der DDR-Geschichte …, jene Nacht an der Mauer, in der ein zermürbter Grenzoffizier die Weisung gab 'Wir fluten jetzt!' … oder der Aufbruch in ein wiedervereintes Deutschland – sind in den Erinnerungen der Menschen präsent, die den Herbst 1989 erlebt haben. Nicht alle vermochten die Qualen der Diktatur bisher abzustreifen, doch es wird besser. Manche ziehen uns noch einmal in ihren Glücksrausch, als die Mauer fiel«, so Freya Klier. So eröffnet dieser Band nicht nur den Blick auf die jüngere deutsche Vergangenheit, sondern zieht eine Linie bis zum Verständnis der Gegenwart. Und nicht zuletzt fühlt sich auch der Leser direkt angesprochen, sich zu erinnern: "Und wo warst du am 9. November 1989?"

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Seitenzahl: 286

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Freya Klier (Hg.)

Und wo warst du?

30 Jahre Mauerfall

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2019

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Finken & Bumiller, Stuttgart

Umschlagmotiv: © Lehnartz, Klaus/Bundesarchiv, B 145 Bild-00100901

E-Book-Konvertierung: Carsten Klein, Torgau

ISBN Print: 978-3-451-38553-7

ISBN E-Book: 978-3-451-81669-7

Inhalt

Erleben Sie die Welt in Farbe

Einführung

Freya Klier

1. »Es muss was passieren!« – Der lange Weg zum Fall der Mauer

Meine Oma, das Sperrgebiet und ich

Birgit Siegmann

Angst

Ingo Hasselbach

Der Himmel über uns

Nadja Klier

Erinnerungen an ein missbrauchtes ­Gefühl

Marko Martin

Den Mauerfall durch ein umgedrehtes Fernrohr sehen

Margit Miosga

Wenn Geschichte zum Wunder wird

Johannes Röser

Mein 89

Anna Kaminsky

Ich war ein kalter Krieger

Uwe Spindeldreier

2. »Die Mauer muss weg!« – Aufbruch in die Freiheit

Neues Forum – was denn sonst!

Martin Klähn

Der Bahnhof war völlig verwüstet

Annette von Stieglitz

Berlin holt mich ein

Burkhart Veigel

Sie stürmten unsere Bank

Brigitte Dienst

Gedanken zur Mauer

Guy Stern

Im »Tränenpalast«

Carola Stach

Erinnerungen an die Wendezeit 1989/90

Oliver Das Gupta

3. »Zwei Welten treffen ­aufeinander« – Deutschland in Zeiten der Wiedervereinigung

Herzenssache Wiedervereinigung

Bernd Dietmar Kammerschen

Kaltwelle und Essenkehrer

Katrin Maaß

Wie ich Inge Viett in Magdeburg ­aufsuchte

Astrid Proll

Ab und zu laufe ich bei Pegida mit

Günter Henschel

Kein buntes Thema in Pasewalk

Düzen Tekkal

Kaliningrad

Gudrun Schmidt-Kärner

Warum ich für »Point Alpha« kämpfte

Berthold Dücker

Deutschland, einig Vaterland!

Bernhard Vogel

Autoren

Erleben Sie die Welt in Farbe

Einführung

Freya Klier

Wann spürten wir die ersten Risse im System? Spürten sie, ohne das nahende Ende auch nur zu ahnen?

Im Mai 1986 scheidet der Stellvertreter Erich Mielkes, Generaloberst Markus Wolf, plötzlich aus der Staats­sicherheit aus, als wäre das irgendein Durchschnittsbetrieb. Wolf wird Privatperson und versucht sich als Schriftsteller. Zu tieferem Nachdenken über diesen in einer Diktatur undenkbaren Schritt komme ich nicht, denn ich belagere seit Tagen meinen Bekanntenkreis, um Unterschriften für einen Tschernobyl-Appell zu sammeln, den eine befreundete Gruppe unserer Friedensbewegung ausgearbeitet hat.

Zur Erinnerung: In Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl kam es in der Nacht vom 25. zum 26. April 1986 zu einer bis dahin nicht vorstellbaren Kernschmelze.

Doch nur in den Westmedien wird die verheerende Reaktorkatastrophe auch eine Katastrophe genannt. Die DDR-Regierung versucht, den GAU auszusitzen, und unabhängige Medien gibt es im Land nicht. So fordern wir nun eine öffentliche Diskussion über die Gefahren der Atomenergie. Ein Jahr später wird ein befreundeter Wissenschaftler aus dem Institut für Strahlenschutz streng konspirativ Informationen an Stephan Krawczyk übergeben: So sei in der Gegend um Cottbus der Boden derart kontaminiert gewesen, dass man das Trinken von Milch komplett hätte verbieten müssen. Denn Milchproben weisen noch Wochen nach der Reaktorkatastrophe eine Radioaktivität auf, die bis zu 700 Prozent über dem Grenzwert für Säuglinge liegt. Kontaminierter Regen ergießt sich auch über Landstriche von Sachsen-Anhalt und Thüringen. Das Sammeln von Pilzen müsste sofort im ganzen Land untersagt werden, vermutlich über Jahre. Doch nichts geschieht.

Im Westen werden Spielplätze geschlossen, Jodtabletten kursieren, man meidet frisches Gemüse und greift auf Tiefkühlkost zurück.

Im Osten wird beruhigt, beschönigt, belogen. Eine kleine Meldung auf Seite 5 im »Neuen Deutschland« informiert die DDR-Bevölkerung drei Tage nach der Kernschmelze über eine »Havarie im Kernkraftwerk Tschernobyl«, bei der ein Reaktor »beschädigt« worden sei. Kein Wort von dem, was an radioaktivem Regen noch immer über Europa hernieder kommt. Kein Wort von kontaminierten Kühen und Kopfsalaten.

Im Gegenteil: In Ost-Berlin – stets besser versorgt als die DDR-Provinz – bricht der Wohlstand über Betriebskantinen und Kaufhallen herein: Spargel, Pilze, Erdbeeren, Salat und Gurken in großen Mengen – DDR-Produkte, die der Westen jetzt nicht abnimmt. Auch die Berliner reagieren nun skeptisch, so verteilt die DDR-Führung das Obst und Gemüse in Schulen und Kindergärten …

Als ich mit Stephan Krawczyk im Juni 1986 an einer Autobahnraststätte die überschaubare Speisekarte aufschlage, trauen wir unseren Augen nicht: Es gibt nicht nur wie in allen DDR-Gaststätten Gulasch, Schnitzel und Soljanka. Angeboten werden plötzlich auch Elchkeule und Elchsteak! So etwas Tolles haben wir noch nie gelesen. Wir starren wie auf Hieroglyphen, dann begreifen wir, dass wir gerade das angeboten kriegen, was die Schweden nach einem langen kontaminierten Regendurchzug jetzt nicht mehr verkaufen können. Die DDR hat zugegriffen, für fast umsonst.

Ich laufe also hochmotiviert mit dem Tschernobyl-Appell durch die Gegend, belagere meinen Freundes- und Bekanntenkreis. Die Forderung an die Regierung der DDR: Eine sofortige öffentliche Diskussion über die Gefahren der Atomkraft!

Meine Unterschriftensammlung gerät zum Fiasko: Gern unterschreiben all jene das »staatsfeindliche« Papier, die einen Ausreiseantrag laufen haben und hoffen, dieser Minuspunkt helfe ihnen noch schneller aus dem Land. Und es unterschreiben einzelne, mutige Personen. Doch bei den meisten ist die Bereitschaft, sich gegen existenzielle Bedrohungen zu engagieren, aufs Unerträgliche gesunken, wenn dafür auch nur kleine Unannehmlichkeiten drohen. Alle sind von der Katastrophe in Tschernobyl betroffen. Jedoch nicht tief genug, um die eigene Feigheit zu überwinden. Man schiebt Gründe vor, um nicht unterschreiben zu müssen … Gründe, die in einer Diktatur nachvollziehbar sind: Die eine will eine Boutique aufmachen und braucht eine Genehmigung, der andere hat eine Westreise in Aussicht und die Dritten halten ganz still, damit ihr Kind einen Studienplatz bekommt … Ein Professor aus Halle sagt mir unumwunden, dass sich in diesem beschissenen Staat sowieso nichts ändern wird, er aber auch nicht vorhabe, in den Westen zu gehen. Also gibt es für ihn nur noch zwei Kriterien, auf die er sich konzentriert: Seine Kinder sollen Abitur machen dürfen, und er selbst möchte einmal pro Jahr ins nichtsozialistische Ausland reisen.

Ich kann ihn so gut verstehen – und könnte es noch besser, wäre da nicht meine geheime Jugendbefragung: Unwirsch beschreiben die jungen Leute die zunehmende Anpassung ihrer Eltern; sie fühlen sich dem Erziehungsapparat mittlerweile ohne elterliche Unterstützung ausgeliefert.

Überhaupt, das Reisen: Jene von uns, die sich mit Unterschriftenlisten an Staatskünstler und zugelassene Schriftsteller wenden, sind deprimiert: Die scheinen völlig eingesackt, seit sie die ersten Reiseprivilegien genießen. Das mag wohl auch der Grund dafür sein, dass einige Theaterkollegen schon von weitem die Straßenseite wechseln, wenn sie mich, die Dissidentin, erspähen, obwohl sie mich vor kurzem noch herzlich begrüßten: Man will nicht mehr mit mir gesehen werden, es könnte die beantragte Westreise kosten. In keinem Jahr zuvor vergab die DDR für Anpassung oder wenigstens schweigende Zurückhaltung so viele Reisepässe wie 1986.

Stephan Krawczyk und ich, seit 1985 beide mit Berufsverbot belegt, können nur noch in den Kirchen einiger mutiger Pfarrer auftreten. Gerade bereiten wir einen Farcen-­Abend vor, den wir nun zielgerichtet »Pässe, Parolen« nennen.

Zornig schreibe ich eine Farce unter dem Titel:

»Erleben Sie die Welt in Farbe«

(unter Verwendung von Goethes »Abendsonne«)

Die Frau. Am Fensterkreuz ein Drachen. Aus einem Kassettendeck dringen Hörspielgeräusche – es sind ausnahmslos Geräusche abfahrender Verkehrsmittel –, denen die Frau, im Drachen verschanzt, hingebungsvoll nachspürt.

Frau:

Betrachte, wie in Abendsonne-Glut

Die grünumgebenen Hütten schimmern.

Die Sonne rückt und weicht, der Tag ist überlebt,

Dort eilt sie hin und fördert neues Leben.

O dass kein Flügel mich vom Boden hebt,

Ihr nach und immer nachzustreben!

Ich säh im ewigen Abendstrahl

Die stille Welt zu meinen Füßen …

Den Silberbach in goldne Ströme fließen …

Den wilden Berg mit allen seinen Schluchten.

Schon tut das Meer sich mit erwärmten Buchten

Vor den erstaunten Augen auf –

Der Mann kommt, schleppend.

Frau:

Hast du die Pässe?

Mann:

Sie haben sie uns wieder abgelehnt.

Frau:

… uns wieder … abgelehnt …

Mann: (nickt).

Beide stehen betroffen.

Frau:

Und die Begründung?

Mann:

Keine Begründung.

Frau:

Aber … irgendeine Begründung müssen sie doch gegeben haben?

Mann: (brüllt)

Nein, sie haben keine gegeben! Sie haben abgelehnt und fertig!!

Beide stehen betroffen.

Frau:

Aber … wir sind zwei Stunden früher aufgestanden als vor vier Jahren!?

Mann: (fiebernd)

Wahrscheinlich war das immer noch zu spät. Der Wagener und seine Frau, die waren pünktlich sieben Uhr und dreißig an der Urne: die durften fahren … Vermutlich dürfen die nur, die vor acht da warn …, die ihre Treue gleich bei Tagesanbruch stolz bekundet – im Laufschritt noch, die Schnitte in der Hand …

Frau:

Ich wünschte mir, das Tempo wäre deins am Wahlsonntag gewesen, statt nach dem Frühstück eine halbe Stunde auszutreten!

Mann:

Was kann denn ich für meinen Darm?

Frau:

Wenn du dir nichts verkneifst, dann schaffen wir es nie!

Die Frau springt auf den Fenstersims und verschanzt sich im Drachen.

Doch ist es jedem eingeboren.

Dass sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt;

Wenn über uns, im blauen Raum verloren,

Ihr schmetternd Lied die Lerche singt –

Mann: (hysterisch)

Das ist es! Eben das! Du hast ihn rausgehängt wie eine Fahne! … Das nehmen sie uns übel – die denken doch, wir wolln sie provoziern mit diesem Ding! Das sieht ja aus, als wollten wir die Heimat ganz verlassen, statt einmal übern Grenzwall nur zu spähen …

Frau:

Was bist Du blöd, Mann. Der Vogel dort, das ist von unserm Kind der Drachen – der hängt dort schon drei Herbste lang und keiner hat bisher sich dran gestoßen. Es ist ein buntes Stück Papier!

Mann:

Ein buntes Stück Papier ist noch kein Pass!

Wenn ich dir’s sag, die deuten das als Fluchttrieb … Das wirkt symbolisch, riecht nach grünem Widerstand …

Drum hol ihn rein!

Frau:

Ich kann das nicht, das ist von unserm Kind der Drachen. Was kann das Kind dafür, dass du nicht reisen darfst! Und außerdem: Ich denk, du bist geschädigt von Prüfungen, die keine sind …

Mann:

Das ist dein femininer Unverstand! Was weißt denn du, worauf sie alles achten … Die Regeln geben sie ja nicht bekannt! Wie grüße ich, wie juble oder büße ich – das alles muss ja jeder selber finden … Und mancher krebst damit sein Leben lang … Und erst das Maß, damit es ihnen auch gefällt?! Nimmst du zu wenig, schadest du dem ganzen Kollektiv – bist du zu eifrig, merken sie das auch – die Frage nach der Dosis treibt den Angstschweiß aus den Ritzen!

Frau:

Zu eifrig kannst du gar nicht sein – im Lob nach oben gibt es kein Zuviel!

Die Frau schaltet demonstrativ das Kassettendeck ein. Geräusche abfahrender Verkehrsmittel, beide stehen zitternd.

Frau:

O gibt es Geister in der Luft,

Die zwischen Erd und Himmel herrschend weben,

So steiget nieder aus dem goldnen Duft

Und führt mich weg zu neuem bunten Leben!

Mann:

Ja, wäre nur ein Zaubermantel mein!

Und trüg er mich in fremde Länder,

Mir sollt er um die köstlichsten Gewänder,

Nicht feil um einen Königsmantel sein –

Frau u. Mann:

Ich will die Welt sehn und die Welt –

und nicht an diesem Fensterkreuz verschmachten!!

Mann: (fanatisch)

Drum sag ich: Hol ihn rein – sonst reiß ich ihn als kleine Fetzen runter!

Frau: (absackend)

Tue ich es nicht, dann schaffen wir es nie …

Mechanisch holt sie den Drachen ein. Die Geräusche schwellen an; Mann und Frau krümmen sich, die Hände auf die Ohren gepresst.

*

Die Szene trifft den Nerv des Publikums. Bald geht es Schlag auf Schlag, auch der Druck aus Moskau nimmt zu. Für die DDR-Führung und ihren Machtapparat ist die Konterrevolution im Mai 1989, da die vierzigjährige Wahlfälschung plötzlich nicht mehr hingenommen und von Bürgerrechtlern aufgedeckt wird, bereits bedrohlich fortgeschritten. Sind die Internierungslager bereit?

Es scheint zu spät: Im Sommer 1989 spitzt sich mit den Ereignissen in Polen, der Fluchtwelle über Ungarn und den Botschaftsbesetzungen in Warschau und Prag die politische Krise noch einmal zu. Im September fliehen täglich Menschen in einer Dorf- bis Kleinstadtstärke über die ungarische Grenze. Spontan bilden sich nun oppositionelle Gruppen, sie rufen: »Wir bleiben hier!«

Sie nennen sich Neues Forum, Initiative für eine Sozialdemokratische Partei, Demokratischer Aufbruch, Demokratie Jetzt – und sie kommen aus jener Bürgerrechtsbewegung, die schon seit Jahren um Demokratie im Land ringt, zumeist unter dem Dach der Kirche. Die friedliche Revolution hat begonnen.

Montagsdemonstrationen nehmen zu, in der ganzen DDR. Am 9. Oktober 1989 erlebt Leipzig die größte Protestdemonstration der DDR seit dem 17. Juni 1953: 70 000 Menschen gehen auf den Innenring der Stadt, nicht ohne Angst: Zahlreiche Einsatzwagen der Polizei sind aufgefahren. Ein Kampfgruppenkommandeur hat in der »Leipziger Volkszeitung« gedroht, die »konterrevolutionären Aktionen endgültig und wirksam zu unterbinden. Wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand.« Blutkonserven werden in den Krankenhäusern der Stadt bereitgestellt, Chirurgen halten sich in Bereitschaft. Die Demonstranten setzen sich dennoch in Bewegung und rufen »Keine Gewalt!« und »Wir sind das Volk!« Für die Bewaffneten auf den Lastwagen kommt kein Einsatzbefehl von oben, auch unter ihnen atmen die meisten auf.

Und einen Monat später folgt jener 9. November 1989, an dem wohl jeder in Ost und West noch heute weiß, wo er an diesem Abend gerade war.

Als das Tor plötzlich offen ist, setzt erst recht eine Massenflucht ein. Die verfolgten Ostler hoffen, ihre Leidensgeschichte möge nun ein Ende haben. Anderen geht alles zu schnell, sie suchen nach einem dritten Weg; die meisten aber rufen Richtung Westen sehnsuchtsvoll: »Wir sind ein Volk!« Und die Genossen? Sie beginnen mit der massenhaften Vernichtung von Akten, mit dem geschickten Beiseiteschaffen von Volksvermögen, sie wollen, etwas gewendet, an der Macht bleiben. Honecker und Mielke werden dafür locker geopfert.

Jurist Gregor Gysi, ein Nomenklaturkader des Politbüros, rückt nun an die Spitze der SED und kämpft mit einem Heer von Genossen dafür, die DDR vor dem Untergang zu bewah­ren. Schnell wird dem Sozialismus ein »demokratisch« davorgepappt.

Die Masse der Unterdrückten durchschaut jedoch das Manöver: »Lügen haben kurze Beine – Gysi, zeig uns doch mal deine!«, rufen die Demonstranten auf den Straßen und machen sich für eine wirkliche Demokratie stark. Sie erhalten Unterstützung von den Brüdern und Schwestern aus dem Hochglanzgebiet. Überglücklich macht das jene, deren Herz immer für die Wiedervereinigung schlug. Dass Wiedervereinigungskanzler Helmut Kohl in Halle von als Volk getarnten Stasileuten mit Eiern beworfen wird, hält sie nicht davon ab, in den Osten aufzubrechen.

Facettenreich lässt sich die Geschichte weitererzählen, und spannend bleibt sie bis weit über den Tag der deutschen Einheit hinaus. Spannend ist sie bis heute. Alle Phasen – die dunkelsten Momente der DDR-Geschichte …, jene Nacht an der Mauer, in der ein zermürbter Grenzoffizier die Weisung gab »Wir fluten jetzt!« … oder der Aufbruch in ein wiedervereintes Deutschland – sind in den Erinnerungen der Menschen präsent, die den Herbst 1989 erlebt haben. Nicht alle vermochten die Qualen der Diktatur bisher abzustreifen, doch es wird besser. Manche ziehen uns noch einmal in ihren Glücksrausch, als die Mauer fiel. 23 Autorinnen und Autoren aus Ost und West lassen uns in ihre Seele blicken, erinnern sich noch einmal, wie es ihnen vor dreißig Jahren erging. Spannend sind die Geschichten allemal! Aber lesen Sie selbst …

Freya Klier

1. »Es muss was passieren!«Der lange Weg zum Fall der Mauer

Meine Oma, das Sperrgebiet und ich

Birgit Siegmann

1961 wurde ich in Thüringen geboren, im Sperrgebiet an der innerdeutschen Grenze, als Kind systemkonformer Eltern. Und weil die vor lauter Arbeit und gesellschaftlichen Verpflichtungen keine Zeit für mich hatten, war ich in der Obhut meiner Oma. Bei ihr bin ich aufgewachsen, und das war schön – wir beide liebten uns sehr. Meine Oma war Lehrerin, und so wohnten wir im Schulgebäude, was damals in manchen Dörfern üblich war. Auch meine Eltern wohnten dort, meine Mutter war wie meine Oma Lehrerin. Bereits mit 28 Jahren wurde sie Schulleiterin, wenige Jahre später war sie dann schon in der Kreisleitung der SED.

Mein Vater war als gelernter Hochfrequenztechniker freiwillig in der NVA und saß auf dem höchsten Berg bei uns, offenbar spionierte er den Westen aus, was ich aber erst nach dem Mauerfall begriff. Fachleute meinen, er könnte so etwas wie die Schnittstelle zu den »Freunden« gewesen sein, dazu passt, dass er im Sperrgebiet eine Privatfunklizenz besaß. Er hat bis zu seinem Tod nie darüber geredet. Auch auf anderem Gebiet leistete er etwas für die DDR, denn in dem Betrieb, den er leitete, entwickelte er etwas Innovatives, wofür er den Orden »Banner der Arbeit 1. Klasse« bekam.

Wie gesagt, meine Eltern hatten viel zu tun. Als Kind war ich ständig eifrig bemüht, ihnen zu gefallen und die in mich gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Doch meine eigentliche Bezugsperson war bis zu ihrem Tod meine Oma. Die hielt sich aber politisch zurück, obwohl wir ständig über den Alltag, vor allem aber über Geschichte und Literatur diskutierten. Bis zum Mauerfall blieb ich ziemlich unwissend. Als Schülerin war ich ehrgeizig und linientreu, und ich war Vorsitzende des Freundschaftsrates der FDJ.

Nach der 10. Klasse entschied ich mich für eine Berufsausbildung mit Abitur, konkret für den Beruf eines Facharbeiters für Anlagetechnik. Ich lernte in einem elektrokeramischen Werk, in dem Zündkerzen und Isolatoren hergestellt wurden. Die Lehre mit Abitur hatte den Riesenvorteil, dass man von Anfang an etwas eigenes Geld bekam. Dafür gab es keine Schulferien, sondern Urlaub, der natürlich kürzer ausfiel als die Ferien. Der Wechsel zwischen Schulbank und Betrieb tat mir gut. Auch dass man in einen anderen Freundeskreis hineinwuchs. Und wenn Arbeiter oder Lehrmeister mein Engagement lobten, war ich richtig stolz. Das Werk stand in einem Vorort von Sonneberg und grenzte direkt an den Westen.

Ich kannte gar nichts anderes als das abgeschottete Sperrgebiet und ein paar Orte drum herum. Im Norden war der Rennsteig die Grenze, in Richtung Osten, Süden und ­Westen lag die Grenze zur Bundesrepublik. Der Vorteil war, dass, wenn in unserem Dorfkonsum Bananen eintrafen, die Verkäuferin die Bananen einzeln auf die Familien aufteilte, je nachdem, wie viel Kinder die hatten.

Tatsächlich, Bananen! Wir wurden um einiges besser versorgt als die meisten DDR-Bürger. Jeder kannte jeden, und niemand kam von außen dazu, der dir was wegkaufen konnte – die durften ja nicht rein ins Sperrgebiet. Der Nachteil war, dass man für jeden Freund oder Verwandten, der einen besuchen wollte, einen Passierschein beantragen musste.

1981, direkt nach dem Facharbeiterbrief mit Abitur, heiratete ich. Und wie ich begann auch mein Mann in Halle mit dem Lehrerstudium. Nur als Ehepaar hatten wir die Chance, ein eigenes Zimmer im Studentenwohnheim zu bekommen. Die Unverheirateten mussten ja alle in Mehr-Bett-Zimmern wohnen. Wir heirateten also, eine Scheidung war in der DDR billig.

Mein Mann war Zehnkämpfer, Leistungssportler in Bad Blankenburg. Und als er sich weigerte, mit der Stasi zusammenzuarbeiten, schmissen sie ihn von heute auf morgen aus dem Leistungssport raus. Dadurch konnte er nicht professionell abtrainieren und ist viel zu früh gestorben.

Ich studierte also in Halle Pädagogik – Geschichte und Staatsbürgerkunde. Eigentlich wollte ich Lehrerin für Geschichte und Geografie werden, aber angeblich war da kein Platz mehr frei. Meine Mutter riet mir zur Staatsbürgerkunde. Das Studium war unangenehm: heuchlerisch, staatstreu. Die Leute dort waren ein Albtraum. Mit mir studierten Kinder von Stasi-Offizieren, von Funktionären, die noch wesentlich mehr als meine Eltern vom Staat profitierten und arrogant auf den Rest der DDR-Bürger herabschauten. Eine Mitstudentin z. B. holte monatelang ihr Stipendium nicht ab, weil sie das gar nicht nötig hatte. Und als ich mich einmal über die schlechte Versorgungslage in Halle aufregte, meinte sie, ich könne doch ins »Delikat« oder »Exquisit« gehen. Weniger reiche Studenten hatten zu tun, mit dem 190-Mark-Stipendium über die Runden zu kommen. Es gab aber auch ein paar nette Kommilitonen und auch einige Dozenten, die sich über die Universität hinaus ihrer Studenten annahmen. Doch das allgemeine Klima war eben geprägt von Heuchelei, einander Bespitzeln und Duckmäusertum. FDJ-Versammlungen waren eine Farce, weil jeder jeden anlog und alle darum wussten.

1985, nach dem Ende des Studiums, kam ich in den Schuldienst. Ich wollte unbedingt zurück zu meiner Oma und in den Thüringer Wald. Mein Mann und ich kamen in Steinach im Haus meiner Schwiegereltern unter. Und in Sonneberg wurde ich nun Lehrerin an der Polytechnischen Oberschule (POS). Sonneberg liegt von Steinach etwa vierzehn Kilometer entfernt, und inzwischen war unsere erste Tochter auf der Welt. Ich wurde jetzt – und das war bösartig – täglich für die erste Unterrichtsstunde eingeteilt. Wir hatten aber kein Auto – wie sollte ich das schaffen? Der Bus fuhr morgens um 6.10 Uhr unten vom Marktplatz in Steinach nach Sonneberg, die Kinderkrippe lag aber oben auf dem Berg und machte um 6.00 Uhr auf. So rannte ich jeden Morgen mit Kinderwagen den Berg hinauf, stand um 5.50 Uhr bei Wind und Wetter vor der Kinderkrippe. Und wenn die Krippenerzieherinnen nicht pünktlich kamen, musste ich meine Tochter allein im Kinderwagen vor der Tür stehen lassen, dann wieder den Berg hinunterhasten, den ersten Bus kriegen, um als Lehrerin pünktlich in der ersten Stunde vor der Klasse zu stehen. Nach Unterrichtsschluss der gleiche Stress, denn ich musste zurück nach Steinach, nun mit dem Zug, um mein Kind zu stillen. Das war einer der Gründe, warum ich an eine andere Schule wechseln wollte. Mithilfe meiner Mutter bekam ich schließlich eine Stelle als Lehrerin für Marxismus-Leninismus an einer Berufsschule. Ich war dort die einzige Lehrerin in einer Männerdomäne – die Schüler waren angehende Maurer, Klempner und Installateure. Ich war nicht viel älter als sie. Das war die beste Entscheidung meines Lebens. Dort habe ich mich schon ziemlich zurückgehalten mit DDR-Lob.

Ich wollte zudem unbedingt aus der POS raus, um nicht Klassenlehrerin zu werden, denn dann hätte ich die Elternhäuser besuchen und die Familien aushorchen müssen. In der DDR hatten nicht die Eltern das Erziehungsrecht, sondern der Staat, was auch schriftlich so fixiert war. Die Eltern hatten lediglich die Pflicht, den Staat bei der Erziehung des Kindes zur sozialistischen Persönlichkeit zu unterstützen. Lehrer waren Beauftragte des Arbeiter- und Bauernstaates, Transmissionsriemen der Partei. Klassenlehrer war man unabhängig von der Fächerkombination, und man musste die Schüler zu Hause besuchen und sich dort umschauen: Liegt da vielleicht eine Westzeitung? Aufs Klo gehen und dort in den Spiegelschrank gucken, ob womöglich Westkosmetik zu finden ist. Sich das Kinderzimmer zeigen lassen, ob da ein »Bravo«-Poster an der Wand hängt. Vielleicht auch mal einen Blick ins Schlafzimmer der Eltern werfen, ob ein Kreuz oder ein anderes religiöses Symbol zu erspähen ist. Das Ergebnis konnte sich danach in den verpflichtenden Berichten wiederfinden, die dann bei der Schulleitung landeten. So konnte damit u. a. gut sortiert werden, wer zur Erweiterten Oberschule (EOS) delegiert wurde. Dort machte man Abitur – das Wort Gymnasium war, weil bürgerlich, in der DDR eliminiert worden. Natürlich haben nicht alle Klassenlehrer die Elternhäuser ausgespitzelt, aber man musste selbst auch aufpassen, weil man nicht wusste, welche Eltern bei der Stasi waren und einem gegebenenfalls eine Falle stellten, um einen dann hinter dem eigenen Rücken zu bewerten.

Ich wollte weg aus solchen Schulen. Meine Mutter war Kaderleiterin in der Abteilung Volksbildung im Kreis Sonneberg. Sie hat unter anderem meinen Mann, der Lehrer für Polytechnik und ein ziemlicher Freigeist war, an die Feliks-Dzierzynski-Oberschule versetzen lassen, eine Partnerschule des MfS. Ich wechselte also 1986 in die Berufsschule des Landbaukombinates Suhl. Auch dort funktionierte nur noch wenig. Wir hatten z. B. neue elektrische Leitungen an der Berufsschule bekommen – der Betrieb verfügte aber nicht über Gips, um die Leitungen wieder zuzugipsen. Es gab eine Menge derartiger kleiner Geschichten, bei denen man dachte: So geht es einfach nicht mehr weiter.

Ja, ich habe an das Land geglaubt – als eine gute Idee, die nur schlecht umgesetzt wurde. Und schlecht umgesetzt wurde sie. Schockiert war ich bereits von den Arbeitsbedingungen in meiner Lehrlingszeit: Gearbeitet wurde an steinalten Maschinen. Ich hatte einen Spind, da musste ich erst dreimal gegen die Tür treten, um die Kakerlaken zu verscheuchen. Und geduscht habe ich nach der Arbeit nie, weil die Kakerlaken in Klumpen oben an der Dusche hingen. So wurde mit den Arbeitern in den Betrieben umgegangen, die waren einfach nichts wert. Das sah ich schon und fand es schlimm, aber ich habe es nicht als systemisches Problem erkannt, dazu hätte es in der DDR wenigstens eine unabhängige Zeitung geben müssen.

Die Unzufriedenheit nahm in den späten Achtzigerjahren immer mehr zu, und sie wurde immer offener artikuliert. Als im Sommer 1989 viele junge Leute über Ungarn abhauten, hatte ich dafür volles Verständnis. Ich ging montags mit Bauchschmerzen in die Schule: Welche meiner Schüler werden noch vor mir sitzen und wer schon nicht mehr? Auch die Positionen von Gorbatschow sprachen mir aus dem Herzen, irgendwie kam jetzt Bewegung in die Gesellschaft.

Inzwischen hatte ich meine zweite Tochter bekommen und war eine Zeitlang zuhause. Im Herbst hatten wir dann Besuch von einem befreundeten Paar, das gerade aus Dresden kam und Material vom Neuen Forum mitbrachte. Beide waren unsicher, ob sie mir das zeigen sollten, denn für sie war ich ja eine Rote. Der Aufruf vom Neuen Forum riss mich aber voll mit. Das war genau das, wonach ich suchte – ein dritter Weg! Der Mann stammte aus Dresden und hatte sich dort bereits im Neuen Forum engagiert. Und nun wollte er auch bei uns etwas aufbauen.

Es ging um die Fragen: Kriegen wir Ärger mit der Stasi, kriegen wir Ärger mit der Polizei? Und ich – naiv und blöd, wie ich damals war – meinte: Wo ist denn das Problem? Das muss man doch nur einfach und offen vertreten! Ich nahm den Aufruf und gestaltete mit meiner Klasse damit eine Wandzeitung in der Berufsschule, mit 26 Schülern – alles Jungs –, und wir diskutierten dabei ganz offen über die DDR-Situation. Die Klasse hatte zum ersten Mal Spaß daran, eine Wandzeitung zu gestalten, wir hängten sie gut gelaunt mitten in der Schule auf. Ich war tatsächlich so naiv zu glauben, damit eine echte Diskussion anzustoßen.

Die Wandzeitung hing nur zehn Minuten, dann wurde ich zum Direktor gerufen, bei dem sich auch der Parteisekretär befand. Beide fragten mich, ob ich noch ganz dicht sei. Und ob ich Lust hätte, weiterhin Staatsbürgerkunde-Lehrerin zu sein. Gerade in meiner Funktion könne ich doch nicht die andere Seite vertreten. Ich fragte: »Welche andere Seite?« Und verteidigte die Werte von Gorbatschow – Offenheit und Umgestaltung. Ich redete noch, da bekamen die beiden Schweißtropfen auf der Stirn, weil sie genau wussten, wessen Tochter ich bin. Wahrscheinlich fragten sie sich, ob ich provozieren wollte, gar ein Stasispitzel war. Auf solch eine Idee wäre ich damals gar nicht gekommen. Die Wandzeitung musste abgenommen werden.

Danach folgte die gleiche Diskussion mit meiner Mutter, die mich erstmal vier Wochen zum Lehrgang auf die Bezirksparteischule nach Schleusingen schickte. Das geschah im Oktober 1989, und es gestaltete sich ziemlich skurril. Dort waren viele Leute auf dem Lehrgang, die den Honecker- und Mielke-Staat noch ernst nahmen. Ich hatte das Material vom Neuen Forum dabei und diskutierte, der Alkohol floss reichlich.

Als ich dann an der Montagsdemonstration teilnahm, die sich vom Bahnhofsvorplatz Sonneberg in die Stadt bewegte, zog der kleine Zug auch an der SED-Kreisleitung vorbei, wo meine Mutter ihr Büro hatte. Natürlich wurde dort nach oben gepöbelt, was mir dann doch an die Nieren ging, denn immerhin hatte meine Mutter auch eine Menge für andere Leute getan. Das war mir zu primitiv.

Am 4. November 1989 gab es die große Demo in Ost-Berlin, bei der ich unbedingt dabei sein wollte. Ich nahm für diesen Tag meinen Haushaltstag und machte mich aus dem Thüringer Wald auf nach Berlin. Natürlich verschwieg ich meinen Eltern, was ich vorhatte, nur meine Oma wusste Bescheid, weil sie auf meine Kinder aufpassen sollte. Mein Mann war sauer und fragte mich, ob ich nicht ganz dicht sei. Was, wenn sie mich verhafteten oder sonst etwas passierte. Er war politisch null interessiert, ging aber davon aus, dass das Ende der DDR ohnehin nahte. Irgendwie hatte er einen Instinkt dafür. Ich fuhr, wenn auch mit schlotternden Knien. Doch ich war an einen Punkt geraten, an dem ich jetzt für mich persönlich wissen wollte: »Wo geht die Reise hin, was kannst du tun?« Ich misstraute inzwischen allen, wollte aber unbedingt was bewegen, verändern.

Ich kannte mich in Berlin nicht aus und übernachtete bei Freunden meines Mannes, die bereits ihre Wohnung leergeräumt hatten und auf dem Sprung in den Westen waren. Auch sie warnten mich, zu dieser Demo zu gehen. Denn sie waren am 7. Oktober dabei gewesen, als Demonstranten im U-Bahn-Schacht durch heruntergelassene Gitter an der Flucht gehindert wurden. Sie selbst wurden bereits auf der Straße eingekreist und konnten ihrer Verhaftung nur entgehen, weil fremde Leute sie in ihr Haus riefen und Kisten im Hinterhof aufstellten, damit sie über die Hofmauer fliehen konnten.

Ich ging zum Alexanderplatz, sah viele Lastwagen mit Soldaten (oder Polizisten?) darauf, die keineswegs angriffslustig wirkten. Demonstranten mit »Keine Gewalt!«-Transparenten. Manche gingen auf die Lastwagen zu und überreichten den Uniformierten da oben Blumen. Und dann arbeitete ich mich ganz nach vorn und stand direkt vor der Bühne und hatte einfach nur Angst. Und als Frau Spira dann von oben rief, sie wünsche sich für ihre Urenkel, »dass sie aufwachsen ohne Fahnenappell, ohne Staatsbürgerkunde, und dass keine Blauhemden mit Fackeln an den hohen Leuten vorübergehen«, und einen riesigen Applaus bekam, da war mein Gedanke: »Oh, jetzt geht’s dir an den Kragen! Jetzt wirst du dich verantworten müssen für das, was du als Lehrerin gemacht hast!«

Während der Veranstaltung kaufte ich mir an einem Stand eine Bratwurst und stand auf einmal neben Markus Wolf, der das Gleiche tat. Ich dachte: »Was laufen denn hier für Leute rum?« Wer das war, wusste ich. Aber dass hohe Stasileute mitliefen, irritierte mich total.

Das alles ließ mich ziemlich ratlos zurück, und diese Ratlosigkeit hielt bis zum 9. November an. Ich konnte nicht einordnen, was für Leute da auf der Bühne waren. Aber das Ganze trieb mich so um, dass ich nach der Rückkehr zu meinen Eltern fuhr, um mit ihnen zu reden. Meine Mutter war nicht erfreut und riet mir, niemandem zu erzählen, wo ich gewesen war. Mein Vater war auch nicht begeistert, wollte aber schon weitere Informationen.

Am 9. November stehe ich in meiner Küche und backe Kuchen, weil eine meiner Töchter am 10. November Geburtstag hat. Ich höre im Radio Bayern 3, meinen Lieblingssender, mit Thomas Gottschalk und Günter Jauch und guter Musik. Plötzlich hörte ich etwas von »Mauer ist offen«, und da mein Mixer lief, dachte ich, mich jetzt verhört zu haben. Dann hörte man plötzlich Leute, die jubeln. Ich ging ins Wohnzimmer, mit der Kuchenschüssel in der Hand, und schaltete den Fernseher an, und da fiel mir die Kuchenschüssel aus der Hand.

Als ich Tage nach dem Mauerfall endlich auf meine Oma traf, die gerade auf West-Besuch war, sagte sie nicht etwa »Guten Tag« oder »Schön, dass die Grenzen offen sind«. Ihr erster Satz lautete: »So, und nun werden dich auch deine Enkelkinder fragen – so, wie du mich damals, als ich von der Nazizeit erzählt habe, gefragt hast: Warum habt ihr nichts dagegen getan?«

So groß das Aufatmen nach dem 9. November auch war, so schmerzlich war die persönliche Auseinandersetzung mit der DDR. Ich habe mich an der Erziehung zur Lüge beteiligt, in einem menschenverachtenden System. Als Lehrer waren wir zwar perfekt überwacht und kontrolliert, aber wir haben auch selbst durch die gegenseitige Kontrolle als funktionierendes Rädchen im Getriebe etliches zur Stabilität des Erziehungswesens beigetragen. Wir haben – gut bezahlt und privilegiert – Schüler dressiert, wobei wir uns auch selbst dressieren ließen. Natürlich gab es auch Gegenbeispiele, die hatten aber nichts zu lachen.

Als die Mauer plötzlich offen war, haben sich etliche Lehrerkollektive zusammengesetzt, die Schüler wurden ja nun renitent. Und die Lehrer waren sich einig darüber, dass sie ihre Schüler nicht zur Doppelzüngigkeit erzogen haben. Damit war ihre Aufarbeitung beendet. Das kann ich bis heute schwer nachvollziehen.

Ich arbeite seit einigen Jahren als Besucherreferentin in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, dem ehemaligen Stasiknast. Und als mich dort eines Tages ehemalige Mit­studenten besuchten – alles Leute, die heute über fünfzig sind –, fingen einige von ihnen an zu weinen. Das hatten sie sich nicht vorstellen können, dass es so etwas in der DDR gab.

Angst

Ingo Hasselbach

Was kommt dir als Erstes in den Sinn, wenn du dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer an die DDR denkst?

Diese Frage habe ich mir in all den Jahren danach immer mal wieder gestellt. Die Antwort hat sich, bis auf den heutigen Tag, nie geändert.

Diese unglaubliche Stille, nur ab und zu mal unterbrochen vom Gluckern der Heizungsrohre, durch die sich die Fernwärme ihren Weg sucht. Man kann förmlich spüren, wie sie kriecht, sich durch die engen Rohre windet, all die Abzweige und Ventile passiert, um dann hier in diesem Heizkörper meiner Zelle blubbernd anzukommen. Manchmal das einzige Geräusch für sehr lange Zeit. Ich habe diese Stille noch heute tief in mir drinnen. Sie hat mich immer geängstigt und mir eine unglaubliche Panik verursacht, es gab Momente, da wurde sie übermächtig.

Dazu dieser typische Geruch, nach gummiartigem Linoleum auf dem Fußboden und dem Essen, welches hier über den Tag zu verschiedenen Zeiten ausgeteilt wurde. Vermischt mit den Gerüchen, die Menschen absondern und ausströmen. So riecht die DDR für mich, bis heute.

Rummelsburg

Als ich das erste Mal nach Rummelsburg kam, war es mitten in der Nacht. Man brachte uns in einem Sammeltransport vom Polizeipräsidium am Alexanderplatz – in einem großen W 50 LKW, dem Standardgefährt für Gefangenentransporte. Ich war an einen stämmigen Totschläger gefesselt, die Schließacht, wie die Handschelle im Fachjargon der Knastbullen hieß, war die einzige Distanz zwischen uns. Er war ein sogenannter BVer (Berufsverbrecher), das wurde man, wenn man mehrfach vorbestraft war, ich war der ahnungslose Ersttäter, ein Punker. Er spürte meine Panik und tat nichts, um mich zu beruhigen. Im Gegenteil, er genoss es, mir in irgendeiner absurden Form überlegen zu sein. Der LKW hielt kurz, man konnte hören, wie ein großes Tor geöffnet wurde, dann fuhr er noch einmal für einige Meter und kam abrupt zum Stehen. Der Motor ging aus, Türen schlugen zu, der LKW wackelte beim Aussteigen des Fahrers und Beifahrers. Dann plötzlich Ruhe. Das Einzige, was man spüren konnte, war die atemlose Unruhe und Nervosität, sowohl in unserer winzigen Zelle als auch in den anderen Zellen nebenan. Nach einer gefühlten Ewigkeit waren schwere Stiefelschritte zu hören, Hunde bellten, und die Tür des Transporters wurde aufgerissen. Die Zellen neben uns wurden geleert, immer wieder ertönten Rufe und Beleidigungen. Unsere Zelle war die letzte, die Tür flog auf, ein Schließer in rabenschwarzer Uniform brüllte: »Bewegt eure Ärsche aus meinem LKW.« Die andere Hälfte an meiner Handschelle sprang auf, in Richtung Ausgang, und zerrte mich mit sich durch den LKW nach draußen. Dort stand eine Art Empfangskomitee, das uns in eine Reihe zu den anderen LKW-Insassen schubste, die wie wir zu zweit gefesselt waren.