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Entscheidest du selbst über dein Leben? Oder überlässt du es anderen? Joanna hat alles, was sich eine junge Frau nur wünschen kann. Sie ist beliebt, sieht gut aus und kommt bei ihren Freunden, und vor allem bei den Männern, an ihrer Universität gut an. Ihr Leben verläuft in klaren Strukturen und ganz nach ihren Vorstellungen. Bis sie Benny trifft, der sie die Welt mit seinen Augen sehen lässt. Es könnte der Beginn einer ganz wunderbaren Liebesgeschichte sein, wären da nicht Joannas Freundinnen, die alles andere als begeistert von der Beziehung sind. Erst, als alles zu spät erscheint, stellt sich Joanna die Frage, wer wirklich die Entscheidungen über ihr Leben trifft.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1 – Heute
Kapitel 2 – Dezember 2018
Kapitel 3 – Heute
Kapitel 4 – Dezember 2018
Kapitel 5 – Heute
Kapitel 6 – Januar 2019
Kapitel 7 – Heute
Kapitel 8 – Februar 2019
Kapitel 9 – Heute
Kapitel 10 – April 2019
Kapitel 11 – Heute
Kapitel 12 - Mai 2019
Kapitel 13 - Juni 2019
Kapitel 14 - Juli 2019
Kapitel 15 - August 2019
Kapitel 16 – Heute
Kapitel 17 - September 2019
Kapitel 18 - Oktober 2019
Kapitel 19 – Heute
Kapitel 20 – Dezember 2019
Kapitel 21 – Heute
Kapitel 22 – Januar 2020
Kapitel 23 – Heute
Kapitel 24 – Frühjahr 2020
Kapitel 25 – Heute
Impressum
„Pst, sei leise. Sonst wacht mein Vater noch auf.“
„Du solltest besser aufpassen. Gleich wirst du ziemlich laut“, raunte er mir mit seiner tiefen, dunklen Stimme ins Ohr.
Kichernd schlang ich meine Arme um seinen Hals. In dem dunklen Flur wirkten seine Augen noch tiefer, noch geheimnisvoller. Noch viel anziehender als jemals zuvor. „Ich kann mich beherrschen.“
„Ach ja? Dann hat dir wohl noch niemand gezeigt, wie es richtig geht.“ Aufreizend langsam küsste er meinen Hals. Seine Hand wanderte unter meinen Rock und drückte fest meinen Po. Ein leises Stöhnen kam über meine Lippen. Gott, wie lange hatte ich darauf gewartet? Er wusste genau, was er tun musste. Ich hatte keine Minute lang daran gezweifelt, dass er so gut war, wie ich es mir in meinen Träumen vorgestellt hatte.
„Wie war das? Du hast dich unter Kontrolle?“, neckte er mich und packte mich noch etwas fester. Bestimmt drückte er mich an sich, seine Lippen noch immer an meinem Hals.
„Ich bin nur so froh, dass es endlich passiert“, hauchte ich und zog seinen Kopf weg von meinem Hals. Ich wollte ihn küsssen. Ich wollte ihn spüren. Er schmeckte so gut, ich wollte gar nicht aufhören. Er war nicht zurückhaltend. Er zögerte nicht. Er wusste, was ich wollte.
„Und ich erst“, stöhnte er leise. „Du glaubst nicht, wie langweilig es mit meiner Freundin war. Ich habe lange darauf gewartet, endlich jemanden wie dich zu bekommen.“
Bevor ich antworten konnte, küsste er mich ein weiteres Mal leidenschaftlich. Seine Zunge fuhr über meine Unterlippe. Seine Hand knetete weiter meinen Po. Ich unterdrückte ein weiteres Stöhnen, küsste ihn dafür nur noch heftiger. Fast zwei Jahre hatte es gedauert. Zwei Jahre, in denen ich nur auf ihn gewartet hatte. Auf diesen geheimnisvollen, sexy Belgier, der mich von der ersten Sekunde an in seinen Bann gezogen hatte.
„Komm, gehen wir nach oben, bevor mein Vater aufwacht“, hauchte ich, als sich unsere Lippen für eine Sekunde voneinander lösten. Ich wollte und konnte nicht länger warten.
„Warum bleiben wir nicht hier unten? Hast du es noch nie in einer Küche getan?“
Ich biss mir auf die Unterlippe, meine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Allein bei dem Gedanken, wie Konstantin nackt in unserer kleinen Küche stand und ich…
„Boah, shit. Was soll das denn?“, fluchte Konstantin und riss eine Hand vor sein Gesicht. Die andere verweilte noch immer auf meinem Hintern und ich hoffte, dass er sie auch noch eine ganze Weile dort lassen würde. Oder noch etwas weiter nach unten wandern würde und dann…
„Papa?“ Ich blinzelte einige Male, bis ich in diesem hellen Licht endlich etwas erkennen konnte. „Was soll das denn?“
„Überraschung, ich bin schon wach. Ihr musstet mich nicht einmal wecken“, sagte er ausdruckslos. Unter seinen Augen lagen dunkle Ringe. Sein Gesicht wirkte noch eingefallener als sonst. Zumindest soweit ich das in meinem jetzigen Zustand und in dem grellen Licht beurteilen konnte.
„Bitte entschuldigen Sie die Störung, wir wollten nicht stören“, entschuldigte Konstantin sich höflich. Es war mehr als offensichtlich, dass auch er nicht nüchtern war.
„Es wäre angebracht, wenn Sie jetzt gehen würden“, entgegnete mein Vater kühl.
„Nein, er bleibt“, ging ich bestimmt dazwischen. Er hatte sein eigenes Leben in den Sand gesetzt, aber mit mir würde er das ganz bestimmt nicht machen. Ich konnte selbst über mein Leben entscheiden und wenn ich mit Konstantin schlafen wollte, dann würde er mich nicht davon abhalten können. „Und wir beide wollen unsere Ruhe haben.“
„Wie du meinst. Wenn es dich denn gar nicht interessiert, was mit deinem Freund ist.“
„Ich habe keinen Freund“, schob ich zwischen den Zähnen hervor. Konstantin neben mir blieb locker, seine Hand wanderte immer weiter unter meinen Rock. Der Alkohol sorgte dafür, dass es mir ganz egal war, ob mein Vater davon etwas mitbekam. Sollte er doch. Er könnte uns ja auch einfach in Ruhe lassen, wenn er es nicht sehen wollte.
„Für Benny war es anders“, mischte sich eine leise Stimme ein. Hinter meinem Vater trat Marianna aus dem Wohnzimmer heraus, die Arme fest um den Körper geschlungen.
„Benny? Etwa der Pferdejunge?“, lachte Konstantin, was ihm einen bösen Blick von Marianna einbrachte. Augenblicklich verstummte er.
„Er geht mich nichts mehr an. Er will nichts mehr von mir wissen und ich nichts mehr von ihm.“ Es war genau das, was er mir gestern gesagt hatte. Und ich würde es nie wieder vergessen können. Die Worte hatten sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Wenn es still war, konnte ich seine Stimme wieder hören. Immer wieder warf er mir das Gleiche an den Kopf. Er hatte Recht. Fuck, natürlich hatte er Recht, das hatte er immer gehabt. Das Problem war nur, dass ich es nicht hören wollte. Wir hatten schon immer in verschiedenen Welten gelebt, die nicht zusammenpassten. Er hatte sich gewünscht, dass es anders laufen würde und manchmal war es einem Teil von mir ganz genauso gegangen. Aber es hatte nicht funktioniert. Ich hatte es eingesehen. Er hatte mich verändert, mich zu einer Person gemacht, die ich nicht war und auch niemals sein würde. Es würde auch einfach keinen Sinn machen, mich weiter zu verbiegen oder ihm weiter hinterher zu trauern.
Und so half mir das, was gestern Abend geschehen war, wieder zu der Jo zu werden, die ich vor Benny gewesen war. Das war ich. Eine junge Frau, die gerne feierte, flirtete und die Partys brauchte, um sich lebendig zu fühlen. Das war ich. Und das würde ich immer bleiben. Alles andere wäre nur ein Wunschgedanke. Ein netter Traum vielleicht. Aber nicht die Realität.
„Jo!“
Shit. Ich hatte es nur bis zur Haustüre geschafft. Zwei Sekunden. Mehr hätte ich nicht gebraucht, um zu meinem entspannten Abend zu gelangen. Mit einem übertrieben freundlichen Lächeln drehte ich mich um. Mein Blick blieb kühl, so wie es unser Verhältnis schon seit langer Zeit war. „Vater.“
„Wo willst du hin?“ Mit vor der Brust verschränkten Armen stand er im schmalen Flur unseres Einfamilienhauses.
„Ich gehe aus.“ Meine Hand lag schon auf der Türklinke. Ich brauchte sie nur noch nach unten zu drücken und dann wäre ich frei. Zumindest für den Abend.
„Es ist Donnerstag.“
„Ja, und? Ich bin Studentin, wir gehen auch unter der Woche aus.“ Und ich bin dir keinerlei Erklärung schuldig, fügte ich in Gedanken hinzu. Ich bin alt genug, um mein eigenes Leben zu leben. Du hast mir schon lange nichts mehr zu sagen.
„Das ist schon das dritte Mal in diesem Monat.“
„Ich bin volljährig und das nicht erst seit gestern. Du kannst mir nicht vorschreiben, was ich tun und lassen darf.“
„Jo“, seufzte er. „Lass das doch nicht an mir aus. Ich kann auch nichts dafür.“
„Ich lasse nichts an dir aus. Im Gegensatz zu dir habe ich auch noch ein Leben außerhalb dieses Hauses und möchte nicht den ganzen Tag neben dem Telefon sitzen. Das ist ein großer Unterschied.“ Wütend funkelte ich ihn an. Es war gemein, was ich sagte, aber ich hatte das Gefühl, dass ich anders nicht mehr mit ihm kommunzieren konnte. Nicht einmal ein Streit kam zustande. Ihm schien alles egal zu sein. „Du warst lange nicht mehr bei ihr. Vielleicht solltest du sie wieder besuchen gehen.“
„Und dann was? Glaubst du, dass es irgendein Wunder bewirken wird? So wird es nicht kommen und deshalb werde ich bestimmt nicht mein Leben wegwerfen und hier drin versauern. Reicht doch, wenn einer von uns das tut.“
„Du könntest mehr für die Uni tun. Ich dachte, dein Studium sei dir wichtig?“ Wieder keine Reaktion.
Ich rollte mit den Augen. Es war so typisch für ihn, dass er jetzt mit dem Thema anfing. „Ja und ich bin gut. Ich habe alle meine Prüfungen bestanden und werde auch die nächsten im Januar locker bestehen. Und selbst wenn nicht, dann studiere ich eben ein Semester länger. Letztendlich interessiert es keinen ob ich meinen Bachelor in der Regelstudienzeit geschafft habe oder nicht. Die meisten brauchen sowieso länger.“
„Das stimmt nicht. Mich interessiert es. Jo, du weißt, dass ich dir alles ermöglichen werde und dich zu nichts zwingen werde, aber du kennst auch unsere Lage.“
„Was willst du mir damit sagen? Mach es kurz, Milena wartet auf mich.“ Mein Griff um die Türklinke verstärkte sich. Ich bewegte sie nach unten. In Richtung Freiheit. In Richtung Spaß und Leben. Weg von der trostlosen Einöde und seinen stillen Vorwürfen, die in der Luft hingen.
Mein Vater seufzte schwer auf. Seine Haare wirkten in dem fahlen Licht der Lampe noch grauer, die Falten auf seiner Stirn traten noch deutlicher hervor. „Nichts, Jo, nichts. Hab Spaß da draußen.“
Ich rollte nur mit den Augen und öffnete die Tür. Das wäre auch deutlich schneller gegangen oder hätte sich ganz vermeiden lassen. „Bis morgen.“
Falls er sich noch verabschiedete hörte ich es nicht mehr. Die Tür fiel hinter mir ins Schloss und beißende Kälte erwartete mich. Es interessierte mich nicht, dass sich die ersten Minuten wie tausende Nadelstiche auf meiner Haut anfühlten. Ich wollte gut aussehen und da passten eine dicke Wollmütze und ein unförmiger Wintermantel nicht dazu. Das war etws für Streber und Loser und ich zählte mich zu keiner der beiden Gruppen hinzu.
Milena und Rafael warteten schon an der Kreuzung am Ende der Straße auf mich.
„Sorry, mein Alter hat gerade ein bisschen Stress gemacht“, rief ich den beiden noch im Laufen zu. Ich konnte nicht anders, als erneut mit den Augen zu rollen.
„Noch immer?“ Milena stöhnte mitleidig auf. „Du Arme.“
„Warum denn das?“, fragte Rafael neugierig.
„Er meinte, dass ich wohl zu oft feiern gehen und dadurch die Uni vernachlässigen würde. Was ja wohl komplett übertrieben ist. Ich meine, ich bin immer noch eine der Besten im Studium.“
„Willst du damit wieder auf deine 1,3 in der BWL-Klausur anspielen? Oder verschonst du uns heute damit?“
„Du hättest auch eine haben können“, erwiderte ich trocken.
„Lasst uns nicht über Uni oder nervige Eltern reden. Der kriegt sich irgendwann schon wieder ein“, wechselte Milena schnell das Thema.
„Hoffentlich“, murmelte ich, auch wenn ich langsam die Hoffnung aufgab. Aber genau deshalb war ich hier. Ich wollte nicht mehr nachdenken.
„Du siehst aber echt heiß aus, Jo. Willst du etwa heute Abend jemanden mit nach Hause nehmen?“ Anzüglich wackelte Milena mit den Augenbrauen.
„Du weißt genau, wen ich im Auge habe.“ Vielsagend zwinkerte ich ihr zu.
„Oh, dann ist es heute Abend also soweit?“
„Ich hab gehört, dass er auch da sein soll. Also mach dich darauf gefasst, dass es heute Abend sowas von soweit ist.“ Lachend hakte ich mich bei meiner besten Freundin unter. Dafür liebte ich sie. Es dauerte nur ein paar Minuten und schon war meine schlechte Laune vergessen.
„Das wird aber auch Zeit. Wie lange stehst du schon auf ihn?“
„Zu lange“, seufzte ich. „Ich wusste es schon direkt am ersten Tag in der Uni als ich ihn gesehen habe. Und seitdem ist einfach gar nichts passiert. Wir haben uns noch nicht einmal allein getroffen. Kannst du das glauben?“
Milena schüttelte nur den Kopf. „Unglaublich, dass ein Kerl dir so lange Zeit widerstehen kann.“
„Hallo? Ich habe es auch geschafft?“, protestierte Rafael hinter uns.
„An dich hab ich mich ja auch nicht rangemacht“, erwiderte ich trocken. „Aber wenn, dann hättest du sowas von keine Chance.“
„Pf, das denkst auch nur du.“
„Keine Sorge, du bist der kleine Bruder meiner besten Freundin und damit sowieso uninteressant.“
Milena formte mit den Lippen ein stummes „Danke“ in meine Richtung. Ich schüttelte leicht den Kopf. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Geschwister der besten Freunde tabu waren. Ich wollte es auch nicht. Oder überhaupt eine Beziehung. Bloß nicht. Wobei, für einen gewissen Herren würde ich vielleicht auch eine Ausnahme machen. Aber auch nur für eine gewisse Zeit. Dann würde es langweilig werden. Und außerdem, wer wollte sich denn schon festlegen, wenn es so viel zu entdecken gab? Meine Lippen zuckten bei dem Gedanken daran und in meiner Magengegend begann es zu kribbeln. Oh ja, für ihn würde ich so einige Ausnahmen machen. Und heute Abend würde ich damit anfangen.
Die Party war schon in vollem Gange, als wir eine knappe Viertelstunde später dort ankamen. Selbst draußen vor der Haustür hörten wir die laute Musik. Der Bass ließ den Boden unter unseren Füßen regelrecht vibrieren. Ein letztes Mal prüfte ich mein Aussehen über die Frontkamera meines Handys. Meine kunstvoll gedrehten blonden Locken wippten bei jeder Bewegung und mein Outfit war sowieso der absolute Wahnsinn. Ein dunkler Rock, der in Falten um meine Beine fiel und meine schmale Taille betonte und dazu ein enges Oberteil, das meine Oberweite gut zur Geltung brachte. Heute Abend würde mir niemand widerstehen können. Auch Konstantin nicht.
„Milena! Jo!“, begrüßte uns Valentina, eine Kommilitonin von uns beiden und die Gastgeberin der Party. Wir wussten alle, dass diese Feier genauso grandios werden würde wie alle anderen, die sie gab. „Endlich seid ihr da!“
„Das Beste kommt doch immer zum Schluss“, lachte ich und drückte die zierliche Blondine kurz. Meine Jacke warf ich achtlos auf alle anderen, die sich mittlerweile schon unter der Garderobe stapelten. Hauptsache, mein Shirt zerknitterte nicht.
„Wenn ihr etwas trinken wollt, ihr wisst ja, wo alles ist. Ihr wohnt ja sozusagen schon hier“, kicherte sie und nippte an ihrem Getränk.
„Wir kennen uns bestens aus.“ Milena zwinkerte ihr zu.
„Perfekt, dann sehen wir uns gleich auf der Tanzfläche!“ Und damit war Valentina auch schon wieder im Wohnzimmer verschwunden.
Ich warf im Vorbeigehen nur einen flüchtigen Blick hinein. Noch konnte ich ihn nicht entdecken, aber das wäre ohnehin schwierig in dem dämmrigen Licht. Ein wenig ärgerte ich mich jetzt doch, dass wir so spät dran waren. Ein Knoten der Eifersucht hatte sich in meiner Magengegend gebildet. Was, wenn irgendein anderes Mädchen sich schon an ihn ranmachte? So einen wie ihn ließ man nicht einfach wieder gehen. Aber andererseits… Seit wann war das ein Hindernis für mich? Im Vorbeigehen ließ ich meinen Blick über die anderen weiblichen Gäste schweifen. Nein, von denen konnte mir keine das Wasser reichen.
„Was willst du trinken? Bier? Oder gleich die harten Sachen? Wir haben genug Auswahl für den ganzen Abend.“ Valentina hatte wie immer alles bestens vorbereitet. „Außerdem hast du noch ein bisschen Zeit, bis du ihn suchen gehst und ein bisschen Alkohol schadet nie.“
„Wein. Und vorher einen Kurzen“, entschied ich nach einem kurzen Zögern. Sie hatte Recht. Ein bisschen Alkohol zur Auflockerung hatte noch niemandem geschadet. Oder vielleicht auch ein bisschen mehr. „Wo ist eigentlich dein Bruder hin?“
„Keine Ahnung.“ Milena zuckte nur mit den Schultern und füllte zwei kleine Gläser mit der klaren Flüssigkeit. „Ist mir auch egal. Der kann auf sich selbst aufpassen. Ich bin nicht sein Babysitter und er bildet sich auch hoffentlich nicht ein, meiner zu sein. Hier. Zum Wohl.“
„Auf uns.“
„Und deine heutige Eroberung.“ Klirrend stießen wir die Gläser aneinander und kippten den Schnaps hinunter. Ich spürte das Brennen in meiner Kehle. Für einen kurzen Moment schloss ich die Augen und lächelte. Ja, das war genau das, was ich heute brauchte.
Wieder klingelte es an der Tür. Ein Wunder, dass es überhaupt noch zu hören war. Milena schenkte sofort eine zweite Runde Schnaps nach. „Wir sollten es ausnutzen, solange uns niemand die Flasche klauen will.“ Sie grinste nur.
Lachend stimmte ich ihr zu. Gleichzeitig kippten wir auch das zweite Glas hinunter. Sekunden danach schüttelte es mich. Das Brennen wirkte eindeutig ein wenig zu lange nach. „War das ekelhaft.“
„Und ich dachte, du wärst trinkfest, Joanna“, ertönte über die Musik hinweg eine Stimme direkt hinter mir. „Ich bin ja regelrecht enttäuscht von dir.“ „Timo! Du bist wieder da.“ Lachend umarmte ich meinen alten Freund. Es musste Jahre her sein, dass ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. „Wie kommst du denn hierher?“
„Über einen Freund und eine Freundin von ihm, die mich dann mitgenommen hat. Ich dachte nicht, dass ich dich hier treffe. Vor allem nicht nach so langer Zeit.“
„Ich auch nicht. Das ist ja verrückt.“ Lachend schob ich meine Locken zurück hinters Ohr. Meine Wangen glühten jetzt schon. Dabei hatte die Party gerade erst begonnen.
„Aber du siehst gut aus. Das Studium bekommt dir.“ Anerkennend ließ er seinen Blick über meinen Körper wandern.
„Danke. England scheint dir aber auch gut zu tun. Trainierst du?“
„Ein wenig“, gab er mit einem schelmischen Grinsen zu. Wäre mein Plan für heute Abend nicht ein ganz anderer, wäre ich nicht abgeneigt gewesen und er auch nicht, so wie ich ihn kannte. Timo war schon in der Schule immer der große Mädchenschwarm gewesen. Damals waren wir beide nur befreundet gewesen und daran hatte sich bis heute nichts geändert. Zwischendurch hätte es durchaus die Möglichkeit gegeben, aber irgendwie war nie etwas passiert zwischen uns. Und mittlerweile gab es andere für mich, rief ich mir wieder in Erinnerung.
„Das ist übrigens meine beste Freundin Milena“, stellte ich sie kurz vor. Jemand hatte die Musik noch lauter gedreht, sodass sie die Vorstellung ihrer Person gar nicht mitbekam sondern weiterhin Schnäpse einschenkte und mit dem Kopf leicht zur Musik nickte. „Und sie ist Single.“ Ich blinzelte ihm vielsagend zu.
Timo lachte nur und stellte sich neben mich an die Kochinsel. „Hey, ich bin Timo.“
„Trinkst du mit?“, fragte sie nur und schob ihm ein Glas zu.
Grinsend nahm er es entgegen und dieses Mal stießen wir zu dritt auf uns an.
Die Küche und auch das gesamte Haus füllte sich immer mehr. Die Geräuschkulisse wurde immer lauter und der Alkoholpegel stieg in einem beänstigendem Tempo. Wir waren gerade einmal eine Stunde lang hier und schon fühlte ich mich gut und leicht und mehr als nur ein bisschen beschwipst. So, wie es sich gehörte für einen Donnerstagabend. Die Zeit, die ich mit Trübsal blasen Zuhause verbracht hatte, war eindeutig vorbei. Jetzt wollte ich mein Leben genießen und einfach alles erleben.
Locker bewegte ich mich im Rhythmus der Musik in Richtung des Wohnzimmers, wo die eigentliche Party stattfand. Ich kannte einige der Leute aus der Uni und andere von etlichen vorherigen Parties. Valentina war bekannt für ihre hervorragenden Feiern, von denen es meiner Meinung nach viel zu wenige gab.
Ich umarmte kurz eine Kommilitonin und eine andere Bekannte, die mit mir auf das Gymnasium gegangen war, und machte mich dann weiter auf die Suche nach ihm. Milena und Timo hatte ich zusammen in der Küche gelassen. Ich konnte sie jetzt gerade beide nicht brauchen. Außerdem verstanden sie sich auf Anhieb und tranken weiterhin Kurze. Vielleicht war das auch der Grund, weshalb sie sich so gut verstanden. Wie auch immer, ich war froh darüber, meine beste Freundin in guten Händen zu wissen, während ich nach ihm suchte.
Die Musik war laut und das Licht dunkel. Einzelne Spots leuchteten immer wieder auf und tauchten die Tanzenden in der Mitte des Raumes für wenige Sekunden in buntes Licht. Valentinas Eltern hatten Geld und das nicht zu knapp. Sie hatten an nichts gespart. Ein Glück für uns alle.
Es dauerte nicht lange bis ich ihn entdeckte. Mein Herz schlug etwas schneller als ich auf ihn zusteuerte. Das war dem Alkohol und der Aufregung geschuldet. Ich hatte noch nie jemanden wie ihn. Aber ich wusste, dass wir das perfekte Paar wären. Ob für eine Nacht oder für eine Woche oder einen Monat, wir beide gehörten zusammen. Das wusste ich schon seit unserer ersten Begegnung. Er tanzte mit einem jungen Mädchen, das ich nicht kannte. Sie hatte kurze, dunkle Haare und war überhaupt nicht sein Typ, so viel hatte ich über ihn in Erfahrung bringen können. Das und noch viel mehr. Ich wusste alles, was es über ihn zu wissen gab. Und so kannte ich auch sein Beuteschema. Und, welch Überraschung, ich passte genau hinein. Ich war perfekt für ihn. Er war perfekt für mich. Das Spiel sollte ganz einfach sein.
Das nächste Lied ertönte und der Bass ließ den Boden unter meinen Füßen vibrieren. Er grinste, als er mich ebenfalls sah. Beinahe sofort ließ er von dem anderen Mädchen ab und kam mir ein paar Schritte entgegen. Seine weißen Zähne blitzten auf.
„Du bist ja auch da“, sagte er über die laute Musik hinweg in mein Ohr. Er beugte dabei seinen Kopf zu mir herunter. Sein Atem streifte meine Haut. Sofort bekam ich eine Gänsehaut. Es war unbeschreiblich, wie sehr er mich anzog. Mit seinem Aussehen, seinem Geruch und seiner tiefen Stimme. Sie klang so dunkel und dann auch noch dieser Akzent. Allein die wenigen Worte jagten mir einen Schauer nach dem anderen über den Rücken. Gott, ich wollte nie wieder einen anderen Mann als ihn. „Ich dachte schon, du kommst nicht.“
„Das lasse ich mir doch nicht entgehen“, erwiderte ich genauso laut und mit einem koketten Lächeln. Er wusste genau, was ich meinte. „Du hast mir doch versprochen, dass wir zusammen tanzen, Konstantin. Oder willst du dein Versprechen nicht halten?“ Ich schob meine Unterlippe vor. Niemand konnte meinem Schmollmund widerstehen.
Konstantin schnappte sich meine Hand und wirbelte mich herum. So schnell, dass mir fast ein wenig schlecht wurde. Und dann stand ich da, direkt vor ihm. Seine Hand lag an meiner Taille, mit der anderen hielt er noch immer meine Hand fest und presste sich an mich. So nah, dass ich seinen muskulösen Körper an meinem Rücken spürte und noch mehr.
„Ich halte alle meine Versprechen, Joanna“, raunte er mir ins Ohr.
„Joanna, jetzt erzähl mir sofort, was passiert ist gestern Abend!“ Aufgebracht stemmte Milena die Hände in die Hüften. „Du kannst nicht erwarten, dass ich damit zufrieden bin. Ich will Einzelheiten. Details. Komm schon, damit sparst du doch sonst auch nie. Du hast so lange nur über ihn geredet, da musst du schon mit mehr rausrücken.“
„Es ist nichts passiert, wie ich dir schon gesagt habe.“ Mit einem frustrierten Seufzen drehte ich mich auf den Rücken und presste Milenas Kissen fest an meine Brust.
„Das glaube ich dir nicht. Wann ist es das letzte Mal vorgekommen, dass bei dir nichts passiert ist, nachdem du mit einem Kerl rumgemacht hast? Ist das überhaupt schon einmal passiert?“
„Wir haben nicht mal rumgemacht.“
„Was? Willst du mich eigentlich verarschen? Das kannst du mir nicht erzählen. Beim Tanzen habt ihr euch ja schon fast ausgezogen. Timo und ich haben schon überlegt, ob wir euch nicht hoch auf ein leeres Zimmer schicken sollten.“
„Nein, es ist nichts passiert. Wir haben ewig getanzt und dann, als er mich eigentlich gerade küssen wollte, kam irgendeiner und hat gemeint, er müsse dringend mitkommen. Er hat sich entschuldigt und ist dann gegangen und nicht mehr wiedergekommen.“ Ich unterdrückte einen weiteren frustrierten Seufzer. Es machte mich traurig, dass es einfach so geendet hatte. Der Abend, oder besser gesagt die ganze Nacht, hätte so viel besser laufen können. Und wer wusste, wann ich meine nächste Chance bei ihm bekommen würde? Es hatte ewig gedauert, bis sich diese Gelegenheit ergeben hatte. Und das sollte es jetzt gewesen sein? Ich konnte es selbst noch gar nicht richtig glauben. Es machte mich nervös. Ich wollte ihn wiedersehen und da weitermachen, wo wir aufgehört hatten. Aber ich hatte noch nicht einmal seine Nummer und in der Uni konnte ich ihn nicht einfach so ansprechen. Wie verzweifelt würde das denn aussehen?
Es machte mich fast verrückt, dass ich nicht wusste, wann ich ihn wiedersehen würde. Ich hatte so viel Hoffnung in den Abend gesetzt und mir schon ausgemalt, wie es danach weitergehen würde. Wir hätten natürlich unglaublichen und fantastischen Sex gehabt, danach die Nummern getauscht und uns versprochen, dass wir das so bald wie möglich wiederholen würden. Viel weiter hätte ich von der Realität nicht entfernt sein können. Vielleicht konnte ich ja Valentina dazu überreden, dass sie bald noch einmal feierte, überlegte ich.
„Bestimmt meldet er sich in den nächsten Tagen bei dir und erklärt, was los war“, meinte Milena aufmunternd und zog sich ein rotes Kleid über. „Was meinst du, kann ich das anziehen?“
Träge öffnete ich die Augen und betrachtete meine beste Freundin. „Zu auffällig. Du willst dich doch in einer Modelagentur vorstellen und nicht auf dem Strich.“
„Hey!“ Lachend warf sie das besagte Kleid nach mir. „Also eher klassisch schick? Schwarz Jeans und weißes Shirt?“
„Mhm“, murmelte ich und checkte mein Handy, ob er mir schon geschrieben hatte. Es deprimierte mich nur noch mehr und so legte ich es schnell wieder weg.
„Jetzt hör auf damit, Trübsal zu blasen“, schimpfte Milena und zog weitere Klamotten aus ihrem Schrank hervor.
Gedankenverloren ließ ich meine Finger über den Stoff des Kleides wandern, mit dem sie mich abgeworfen hatte. Ich würde ja gerne einfach den Schalter umlegen und wieder lachen und glücklich sein, aber die Situation von gestern Abend ließ mir keine Ruhe. Warum war er einfach abgehauen? Man ließ doch nicht einfach ein Mädchen wie mich auf der Tanzfläche zurück ohne wenigstens rumzumachen. Gott, ich hatte das alles doch schon genau geplant, wie es ablaufen würde. Warum hatte er sich nicht daran gehalten?
„Wahrscheinlich gab es irgendeinen Notfall in der Familie oder sonst was, keine Ahnung. Es wird sich alles aufklären und dann werdet ihr beide darüber lachen, nachdem ihr grandiosen Sex hattet. Oh, und bei eurer Hochzeit bin ich dann Trauzeugin, das ist hoffentlich klar, ja?“
„Ich weiß noch nicht einmal, ob ich ihn wiedersehen werde und du sprichst schon von Hochzeit“, bemerkte ich.
„Er ist in unserem Studiengang, natürlich siehst du ihn wieder. Entweder auf dem Campus oder morgen Abend nach der Klausur. Ich glaube, dass er gesagt hat, dass er auch mitkommen wollte. Das ist das einzig Gute an Klausuren, die samstags geschrieben werden. Du kannst dich direkt danach betrinken.“ Kritisch drehte sich Milena vor dem Spiegel hin und her. „Meinst du nicht, dass das zu langweilig ist? Ich sehe so normal darin aus. Wie alle anderen Mädchen auch.“
„Du sieht super aus und das weißt du eigentlich auch. Die anderen Mädels werden keine Chance gegen dich haben.“ Und das meinte ich ernst. Ich kannte niemanden, der auch nur annährend so hübsch war wie meine beste Freundin, mich selbst natürlich ausgenommen. Sie hatte die hohen Wangenknochen, die sich jeder wünschte, genauso wie die langen, schlanken Beine und einen Körper, den ich nur als perfekt beschreiben konnte.
„Danke“, seufzte sie. „Ich hoffe nur, dass die von der Agentur das genauso sehen.“
„Wenn sie Augen im Kopf haben, dann wird ihnen das nicht entgehen“, bemerkte ich trocken. „Nochmal zurück zu Konstantin. Zu wem hat er das gesagt? Bist du dir sicher, dass er mitkommen wird? Nicht, dass das alles am Ende nur ein Missverständnis ist.“ Mein Magen zog sich zusammen. Es wäre der Wahnsinn, wenn er auch da sein würde. Soweit ich wusste, waren wir keine allzu große Gruppe und es wäre dann ein Leichtes, alles so einzufädeln, dass wir, ganz zufällig natürlich, nebeneinander sitzen würden und uns dann im Laufe des Abends ein bisschen besser kennenlernen würden. Vielleicht sogar besser als auf einer Party. Was sprach auch dagegen, nach dem Besuch in der Bar noch weiterzugehen? Zum Beispiel zu mir oder zu ihm nach Hause? Vor meinem inneren Auge sah ich den Abend schon vor mir, wie wir dann irgendwann zusammen kurz rausgehen würden, damit wir uns besser „unterhalten“ konnten. Wobei wir natürlich wenig Zeit damit verbringen würden, zu reden. Nein, da schwebten mir ganz andere Dinge vor, die er mit seinem Mund machen könnte. Es wäre die perfekte Situation. Nur ein paar meiner Freunde, die dabei wären und keine anderen Studenten. Keine laute Musik wie auf der Party. Eine gemütliche Runde einfach.
Es war wirklich erstaunlich, wie schnell sich meine Stimmung hob, sobald der Name Konstantin fiel.
„Hm, ich glaube, dass er mit Marco darüber gesprochen hat. Die beiden sind neuerdings recht dicke“, murmelte Milena, während sie dezent Lipgloss auftrug. „Warte, ich schreib ihm kurz. Und…“, sie zog das Wort in die Länge, während sie auf ihrem Handy herumtippte. „…erledigt. So, in ein paar Minuten wissen wir mehr.“
„Hab ich dir schon einmal gesagt, dass du einfach die Beste bist?“
„Einige Male, aber du darfst es gerne noch öfter wiederholen.“ Sie zwinkerte mir zu und wandte sich dann wieder ihrem Spiegelbild zu. „Und wie ich sehe, kommt meine alte Jo wieder zurück. Ich mag die Jo nicht, die dauernd traurig ist. Also lass die besser Zuhause. Konstantin wird die auch nicht sonderlich sexy finden.“
„Ich auch nicht“, lachte ich und rollte mich wieder auf den Rücken.
„Ah und da haben wir die Antwort schon. Unser lieber Konstantin ist morgen Abend auch mit am Start. Also Feuer frei, Jo. Ich glaube, du hast bald ein bisschen mehr zu erzählen.“
Für einige Momente ließ ich es zu, dass ich wieder in diesen Tagtraum verfiel und mir ausmalte, wie der morgige Abend verlaufen würde. Ich musste lächeln. Es würde perfekt werden. Ich wusste es. Es gab überhaupt keine andere Möglichkeit. Morgen würde es keine Notfälle und keine Ausreden mehr geben können, sondern nur noch ihn und mich.
„Warum ziehst du nicht das rote Kleid an? Das würde dir sicher gut stehen.“
„Das hier?“ Zweifelnd griff ich wieder danach. Achtlos hatte ich es einfach neben mir auf dem Bett liegen lassen.
„Das, mit dem du meintest, dass ich auf den Strich gehen könnte.“
„Ich will, dass Konstantin auf mich steht. Nicht, dass er glaubt, ich würde Geld dafür wollen.“ Ich warf Milena einen bösen Blick zu. „Außerdem sind meine Brüste mindestens zwei Nummern größer als deine.“
„Du übertreibst maßlos, Jo. Du bist nicht dicker als ich.“
„Das hab ich auch nicht gesagt. Ich habe nur größere Möpse.“
„Jetzt zier dich nicht und probier es an. Brezel dich ein bisschen auf für morgen Abend und mach dich schick“, drängte Milena mich. „Mit deinen blonden Haaren sieht das Kleid sowieso tausendmal besser an dir aus als bei mir.“
Zweifelnd stand ich auf und schlüpfte aus meiner Jeans und dem lockeren Pulli. Milena und ich hatten uns schon unzählige Male nackt gesehen, wir hatten keinerlei Hemmungen, uns voreinander umzuziehen. Sie kannte meine schönste Spitzenunterwäsche und ich die ihre. Wir hatten wirklich schon lange keine Geheimnisse mehr voreinander.
„Oh Gott, ist das schrecklich“, lachte ich sofort los, als ich mich im Spiegel sah. Der Rock war bei mir viel zu lang und der Ausschnitt viel zu tief und zu freizügig.
„Ich nehme alles zurück. Damit kannst du dir höchstens was dazuverdienen, wenn wir auf dem Heimweg falsch abbiegen“, prustete Milena und öffnete den Reißverschluss sofort wieder. „Aber schau ruhig meinen Schrank durch. Vielleicht findest du ja etwas anderes für morgen Abend.“
„Danke.“ Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Milenas Auswahl an Klamotten war unglaublich groß. „Was war eigentlich noch mit Timo und dir?“, fragte ich beiläufig und zog ein Shirt aus ihrem Schrank, nur um es dann wieder zurückzulegen.
Sie zuckte mit den Schultern und widmete sich wieder ihrem Make-Up. „Nichts. Wir haben mal ein bisschen rumgemacht und dann meinte er, dass er in London studiert und das war es dann.“
„Was? Warum denn?“
„Was will ich mit einem Typen, der in einem ganz anderen Land wohnt?“
„Spaß? Du musst ihn ja nicht gleich heiraten. Außerdem habe ich gehört, dass er echt gut sein soll.“
„Natürlich will ich ihn nicht heiraten.“ Sie rümpfte die Nase. „Aber ich will nicht das Risiko eingehen, dass ich jemanden mag, mit dem es keine Zukunft hat.“
Ich rollte mit den Augen und zog ein Wollkleid mit schwarzen, langen Ärmeln aus ihrem Schrank. Probehalber hielt ich es vor meinen Körper.
„Bist du eine Nonne geworden, Jo? Ich dachte, du willst ihm zeigen, was er verpasst hat gestern.“
Seufzend hängte ich das Kleid wieder zurück. Sie hatte ja Recht. „Es ist Timo. Der ist auf nichts Festes aus. Ich kenne ihn schon gefühlt mein ganzes Leben.“
„Er ist es vielleicht nicht, aber das muss ja noch lange nicht für mich gelten.“
„Milena Groß!“ Jetzt war ich an der Reihe, grinsend meine Hände in die Hüften zu stemmen. „Willst du dich etwa fest binden?“
„Nee. Ach was. Ich hab nur keinen Bock auf Liebeskummer und den ganzen Kram, weil er so weit weg wohnt. Und ich ja nicht weiß, wann ich ihn wiedersehen kann“, imitierte sie meine Worte von vorhin.
„Hey! Was soll das denn heißen?“ „Dass es dich voll erwischt hat, Jo. So wie du Konstantin immer ansabberst.“
„Ja, und?“
Sie zuckte mit den Schultern, hatte aber ein breites Grinsen auf den Lippen. „Willst du es ernsthaft noch bestreiten, dass du auf ihn stehst?“
„Natürlich stehe ich auf ihn.“
„Seit über einem Jahr. Du bist verknallt, Jo. Sieh es endlich ein.“
„Nein, bin ich nicht“, protestierte ich. Ich hatte keine solchen Gefühle für Konstantin. Bisher war ich noch nie verliebt gewesen und so etwas empfand ich auch für ihn nicht. Ich begehrte Konstantin mehr als einen Mann zuvor, ja, das gab ich gerne zu, aber mit Liebe hatte das noch lange nichts zu tun.
„Ja ja, klar“, murmelte Milena.
Schnaubend holte ich ein weiteres Kleid aus ihrem Schrank und betrachtete mich damit im Spiegel. Nein, ich war nicht verliebt. Ich wollte ihn. Nackt. In meinem Bett. Das war ein riesiger Unterschied.
„Joanna? Wo willst du wieder hin?“ Mein Vater passte mich ab, als ich am nächsten Abend gut gelaunt die Treppe hinunterging.
Nicht mehr lange und ich würde Konstantin wiedersehen und noch mehr. Oh, hoffentlich noch viel mehr als nur das. „Ich gehe aus. Wir haben doch geklärt, dass ich schon lange volljährig bin und machen kann, worauf ich Lust habe, oder?“
„Wie war deine Klausur?“
„Gut. VWL ist nicht schwer.“ Ich zuckte mit den Schultern und holte meine schönen, hochhakigen Winterschuhe aus dem Schuhschrank, die super zu dem Outfit passten, das ich mir von Milena geliehen hatte.
„Sehr schön. Wir müssen kurz reden.“
Ich hielt nicht einen Moment inne. In den vergangenen beiden Tagen hatten wir beide schon mehr miteinander geredet als in dem kompletten letzten Jahr. „Ich habe es eilig.“ Ich hatte ein wenig Angst, dass ich keinen Platz mehr neben Konstantin bekommen würde, wenn ich zu spät dran war. Milena hatte versprochen, mir einen Platz freizuhalten, aber das würde sie nicht ewig machen können, ohne dass es auffällig wurde. „Können wir das nicht morgen machen?“
„Nein, jetzt. Solange du hier wohnst hast du dich an meine Regeln zu halten, Joanna.“
„Welche Regeln, Papa?“ Ich verschränkte meine Arme vor der Brust. Dank meinen hohen Schuhen waren wir fast auf Augenhöhe.
„Dass du mir zuhörst und nicht immer verschwindest, wie es dir passt. Du hast dich abzumelden, wenn du weggehst. Ich mache mir sonst Sorgen um dich, wenn du die ganze Nacht weg bist und ich nicht weiß, wo du unterwegs bist.“
„Gut. Ich gehe mit ein paar Kommilitonen in die Stadt rein. Wir wollen feiern, dass wir die letzte Klausur dieses Jahr geschafft haben. Ich komme wahrscheinlich erst spät wieder. Du wirst es nicht merken“, erwiderte ich knapp. Innerlich rollte ich mit den Augen.
„Und dein Studium hat Vorrang, verstanden? Meinetwegen kannst du so viel ausgehen wie dur möchtest. Solange du deine Klausuren bestehst“, fuhr er fort, als hätte ich nichts gesagt.
„Wo ist dann jetzt das Problem?“, murmelte ich und schaute auffällig auf meine Uhr. „Ich habe immer Einser und bin unter den besten zehn Prozent. War es das jetzt? Oder soll ich dir noch meine Klausuren zum Unterschreiben vorbeibringen?“
„Nein, eine Sache noch.“ Er holte tief Luft. „Komm bitte kurz mit ins Wohnzimmer.“
„Warum? Ich will weiter. Ich bin verabredet und kann nicht zu spät kommen.“
„Fünf Minuten, Joanna. Mehr nicht. Solange können deine Studienkollegen dich noch entbehren.“
Jetzt rollte ich offensichtlich mit den Augen. Genervt folgte ich ihm. Fünf Minuten mehr könnten schon über meine Zukunft mit Konstantin entscheiden. Aber davon hatte mein Vater natürlich keine Ahnung. Wie denn auch? Das letzte Mal war er vor zwei Jahren ausgegangen.
„Du bekommst Taschengeld, aber in Zukunft wirst du dafür auch etwas tun müssen.“
„Was? Ich dachte, ich soll mich auf mein Studium konzentrieren. Von einem Nebenjob war nie die Rede.“ Fassungslos schaute ich ihn an. Es war eine Diskussion vor knapp eineinhalb Jahren gewesen, als ich mein Studium begonnen hatte. Mein Vater hatte mir gesagt, dass es so vollkommen in Ordnung sei. Mein Studium hätte Vorrang. Und daran wollte ich auch nichts ändern. Mir gefiel mein Leben so, wie es jetzt war. Mit allen Freiheiten, die ich hatte und ohne jegliche Verpflichtungen. Ich würde noch lange genug arbeiten.
„Wenn du unter der Woche beinahe jeden Tag feiern gehen kannst, dann dürfte das kein Problem sein. Außerdem verlange ich nichts Unmenschliches von dir.“ Er holte tief Luft und blieb im Eingang zum Wohnzimmer stehen. Eine fremde Frau saß an unserem Esstisch, die sich jetzt langsam erhob. „Joanna, das ist Marianna Winter.“
„Freut mich. Aber du brauchst mir deine neue Freundin nicht vorzustellen. Eine Einladung zur Hochzeit reicht.“ Ich schaute nur kurz zu ihr rüber.
Mein Vater presste die Kiefer fest aufeinander, die einzige Reaktion, die er mir in den letzten Monaten gezeigt hattev. „Sie ist nicht meine Freundin. Sie ist wegen dir hier, Joanna.“
Wie betäubt saß ich in Mariannas Auto und starrte aus dem Fenster. Sie fuhr langsam durch die dunklen Straßen unseres Vorortes. Ich konnte nicht sagen, wie lange wir schon unterwegs waren und was unser eigentliches Ziel war. Meine Gedanken kreisten nur um das, was passiert war.
Ich wollte weinen, aber es wollte keine einzige Träne kommen. Ich wollte trauern, aber die Trauer huschte an mir vorbei, ohne dass ich sie greifen konnte. Ich wollte an etwas festhalten, doch mein Leben glitt durch meine Finger, ohne dass ich es greifen konnte. Dabei war es nicht das meine, das auf dem Spiel stand.
Die Straßen verschwammen vor meinen Augen. Die aufgehende Sonne tauchte alles in ein angenehmes und warmes, orangenes Licht. Es wäre schön gewesen, wenn ich es gesehen hätte. Ich wollte nicht wieder daran denken, wollte nicht an die vielen Sonnenaufgänge, die ich erlebt hatte. An die darauf folgenden Sonnenuntergänge. An das schwindende Licht. An die Dunkelheit, die langsam vom Himmel Besitz ergriff. Nur, um am nächsten Morgen wieder abgelöst zu werden von den ersten Sonnenstrahlen. Wie oft hatte ich das alles schon gesehen? Wie viele Nächte war ich schon wach geblieben, nur um dieses Schauspiel zu beobachten?
Er hatte mir immer gesagt, dass das der Kreislauf des Lebens sei. Jeder Tag ging einmal vorüber, so wie jede noch so lang erscheinende Nacht wieder abgelöst werden würde von einer zarten Morgenröte. Nichts würde unendlich lange andauern.
Ein Sinnbild für das Leben. Alles war endlich.
Wer hätte schon gedacht, dass ich das einmal mit seinem Leben in Verbindung bringen würde? Ich nicht. Und er mit Sicherheit auch nicht. Bekam er das jetzt überhaupt noch mit? Konnte er noch denken? Fühlte er noch? Kämpfte er?
Der Wagen hielt an. Mein Blick wurde klarer, die Umgebung um mich herum nahm wieder scharfe Konturen an. Wir waren nicht am Krankenhaus. Wir waren noch immer in dem Vorort, in dem wir beide wohnten. Die Straße kam mir vage bekannt vor, auch wenn ich es im ersten Moment nicht einordnen konnte. Erst, als ich das junge Mädchen sah, das mit verheultem Gesicht auf das Auto zusteuerte, wusste ich es wieder. Die Erinnerungen liefen in meinem Kopf ab wie ein Film. Immer wieder hatte ich ihn damit konfrontiert. Es war einfach lächerlich gewesen. Lächerlich und unglaublich unwichtig.
„Was macht sie hier?“ Der Vorwurf in ihrer Stimme war kaum zu überhören. Es berührte mich kaum. Ich hörte sie, aber es löste nichts in mir aus. Keine Wut, keinen Trotz, keine Eifersucht. Nichts. Sie war egal. Es hatte doch alles keinen Sinn mehr, wenn er nicht mehr hier war.
„Joanna hat durchaus ein Recht darauf, es zu wissen.“ Marianna klang erstaunlich ruhig.
„Nein, hat sie nicht.“ Ihre Stimme war erstickt. Sie weinte. Ich beneidete sie darum. Ich hätte meine Gefühle auch gerne auf diese Art und Weise gezeigt. Doch in mir war nichts, dem ich irgendwie hätte Ausdruck verleihen können. Ich fühlte nichts. Ich war wie betäubt. In mir war nur eine Leere. Als hätte mir jemand in nur ein paar Minuten all das geraubt, was das Leben für mich lebenswert machte.
„Es ist in Ordnung, Julia. Wir sind alle mit dem gleichen Ziel hier.“
Müde lehnte ich meinen Kopf gegen die Fensterscheibe. Sie fühlte sich kühl und glatt an meiner Stirn an. Die Welt raste wieder an mir vorbei, während sie im gleichen Moment still zu stehen schien. Würde sie sich überhaupt noch weiterdrehen ohne ihn? Hatte die Welt noch einen Sinn? Worin lag der Sinn in meinem Leben, wenn seines jetzt zu Ende sein sollte?
Wir passierten das Ortsschild. Die Straßen waren frei. Ich schloss die Augen, wollte wenigstens irgendetwas fühlen. Aber da war nichts. Keine Verzweiflung, keine Trauer. Ich war nur noch eine leere Hülle. Ich atmete. Ich existierte. Und selbst das schien im Moment noch zu viel zu sein, um es zu ertragen.
Keiner sagte mehr ein Wort. Die Sonne stieg langsam höher. Ich spürte die Wärme auf meinen Augenlidern. Sie ließ mich kalt.
Eine dumpfe Erinnerung kam in mir hoch. Die Erinnerung an die Hoffnung, die ich damals noch hatte. Und die Enttäuschung, als sie mit jedem Tag ein wenig mehr schwand. Genau konnte ich mich nicht mehr daran erinnern, wann ich sie verloren hatte oder wann ich aufgehört hatte, jeden Tag daran zu denken. Es war eine schwache Erinnerung an längst vergessene Zeiten. Verschwommen und unklar. Und verstärkte nur das, was ich jetzt fühlte.
Nichts.
„Wo warst du denn?“ Ungeduldig drückte Milena mich, als ich endlich in dem Pub ankam, in dem wir uns mit dem Rest unserer Clique verabredet hatten.
Ich rollte mit den Augen. „Frag nicht. Mein Dad hat mich aufgehalten. Und dann habe ich auch noch den Bus verpasst.“
„Schon wieder?“ Mitfühlend verzog Milena das Gesicht. Sie hatte mir einen Platz neben sich am Ende des Tisches freigehalten. Uns gegenüber waren noch zwei Plätze frei. Kurz ließ ich meinen Blick über alle Anwesenden schweifen. Valentina lächelte mir kurz zu. Neben ihr saß ihr Freund Kristian, der sich angeregt mit zwei anderen Kommilitoninnen von uns unterhielt. Er selbst machte seinen Master in Architektur, begleitete seine Freundin aber auf viele von unseren Treffen. Ich mochte ihn gerne. Er war eine angenehme Gesellschaft. Milena saß rechts von mir und neben ihr Selina und Xenia, zwei beste Freundinnen, die zu dem Kern unserer kleinen Clique gehörten. Ihnen gegenüber saßen zwei Jungs die ich nur vage vom Sehen kannte. Wahrscheinlich die Freunde von Konstantin.
„Er ist noch nicht da“, raunte meine beste Freundin mir überflüssigerweise zu.
„Wer fehlt dann noch?“ Ich nickte zu dem zweiten freien Platz uns gegenüber.
Milena hob unwissend die Achseln. „Keine Ahnung. Vielleicht hat Valentina noch jemanden eingeladen.“
„Deinen Bruder vielleicht?“
„Um Gottes Willen, nein. Der hat hier nichts zu suchen.“ Sie rümpfte die Nase.
Eine junge Kellnerin kam vorbei und brachte die ersten Getränke vorbei. Milena und ich bestellten uns noch einen Gin Tonic.
„Was wollte dein Vater wieder von dir?“, griff sie das Thema wieder auf und wandte sich zu mir um. Der Rest vom Tisch redete noch über die Klausur. Wir beide hatten keine Lust, uns daran zu beteiligen. Ich wollte nicht so tun, als wäre sie schwer gewese und als wäre ich mir nicht sicher, ob ich bestanden hätte. Milena ging es da zum Glück ähnlich.
Ich konnte nicht anders als wieder genervt die Augen zu verdrehen. „Er meinte, er will jetzt feste Regeln aufstellen. Er hätte Angst um mich.“
„Wie süß“, bemerkte sie trocken. „Kurz vor deinem einundzwanzigsten Geburtstag.“
„Eben.“ Ich seufzte. „Er meinte, dass ich jemandem Nachhilfe geben soll, um mir mein Taschengeld zu verdienen.“
„Einem Kerl?“
„Ja.“
„Ist er wenigstens heiß?“
„Keine Ahnung, ich kenne ihn nicht. Und ich bezweifle, dass er so gut aussieht wie Konstantin.“ Missmutig verzog ich den Mund. „Mir wurde nur gesagt, dass er Benjamin heißt und in zwei Jahren sein Abitur macht.“
„Wie alt ist er dann? Fünfzehn? Sechzehn?“
„So irgendwie wahrscheinlich. Auf jeden Fall hält sich meine Motivation dafür wirklich sehr in Grenzen. Ich frage mich wirklich, was mein Vater sich dabei gedacht hat. Als ob ich Lust darauf hätte, irgendeinem kleinen Jungen Mathe und Englisch beizubringen. Da kann ich meine Zeit sehr viel besser nutzen. Wahrscheinlich hat er einen Anfall von Väterlichkeit und will die letzten Jahre nachholen.“
„Vielleicht wird es ja gar nicht so schlimm und er stellt sich gut an und es ist bald wieder vorbei“, versuchte Milena mich aufzumuntern und drückte meinen Arm. „Und bis dahin kannst du dich ja anderweitig ein wenig ablenken.“ Vielsagend zwinkerte sie mir zu.
„Hoffentlich. Ich habe mir extra Mühe gegeben mit meinen Haaren.“
„Also ich würde sofort mit dir nach Hause gehen“, lachte sie.
Dankend nahm ich von der Bedienung meinen Gin Tonic entgegen und nahm erst einmal einen großzügigen Schluck aus dem Glas. Der Alkohol beruhigte mich. „Oh man, ich bin so dumm. Wie war es bei der Agentur heute Nachmittag? Du hast noch gar nichts erzählt.“
„Nicht so gut. Sie meinten, sie würden sich melden, aber ich habe wenig Hoffnung.“ Milena verzog das Gesicht. Betrübt seufzte sie. „Naja, davon lasse ich mich auf jeden Fall nicht unterkriegen, ich probiere es weiter.“
„Das ist gut. Aber die haben wirklich einen Knall, wenn sie dich nicht nehmen.“ Ich schüttelte den Kopf. Es gab wirklich niemanden, der hübscher und fotogener war als sie.
„Vielleicht war ich einfach zu aufgeregt. Wahrscheinlich hat ihnen das nicht gefallen. Naja, wir werden sehen. Anfang Januar bin ich noch bei einer anderen Agentur eingeladen. Vielleicht läuft es da ja besser.“
„Mit Sicherheit. Aber vergiss mich bitte nicht, wenn du dann berühmt bist, ja? Oder muss ich dann auch über deinen Manager einen Termin bei dir ausmachen?“, scherzte ich, was Milena zum Lachen brachte.
„Leute, sorry für die Verspätung!“, rief Konstantin laut über den Tisch hinweg.
Er hatte sofort meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Für den Moment vergas ich sogar Milena und ihre angehende Modelkarriere. Konstantin sah schon wieder so unglaublich gut aus. Seine Wangen waren etwas gerötet, seine dunklen Augen funkelten und seine Haare… Oh, seine Haare sahen so perfekt aus wie immer. Zerzaust und etwas durch den Wind. Er sah so sexy und anziehend aus. Ich konnte kaum glauben, was er für eine Wirkung auf mich hatte. Das hatte ich so noch nie zuvor erlebt. Er stand noch einmal eine große Stufe über den anderen Kerlen, mit denen ich bisher etwas hatte. Mein Herz schlug schon wieder etwas schneller, nur weil er da war. Noch hatte er mich nicht gesehen und ich überlegte noch, ob ich einfach direkt aufstehen und ihn kurz umarmen sollte. Oder sollte ich ihn einfach küssen?
„Habt ihr etwa zu lange gevögelt?“, rief Kristian vom anderen Ende des Tisches aus mit einem breiten Grinsen im Gesicht, was den ganzen Tisch zum Lachen brachte.
Inklusive mich. Doch es verging mir augenblicklich, als ich Konstantins Miene sah. Er wirkte verlegen und schaute zur Seite. Es fühlte sich wie ein Schlag in den Magen an. Es war mehr als nur ein harmloses Necken gewesen.
Konstantin räusperte sich. „Also für alle, die sie noch nicht kennen: Das ist Amelie. Meine Freundin.“ Er legte seine Hand auf den Rücken eines zierlichen, blonden Mädchens, das mit ihren großen blauen Augen scheu in unsere Runde blickte.
Beinahe wäre mir mein Glas aus der Hand gerutscht. Mein Blick schweifte zwischen ihm und Amelie hin und her. Nein, das konnte nicht sein. Seit wann hatte er eine Freundin? Was war das zwischen uns gewesen am Donnerstag? Es war zwei Tage her, dass wir eng umschlungen getanzt hatten. Ich war mir sicher, dass zwischen uns mehr gewesen war. Genau wie vor einer Woche, als ich ihn einmal kurz in der Uni abgepasst hatte. Warum brachte er jetzt seine Freundin mit? Warum hatte er überhaupt eine? Er könnte schließlich mich haben.
Alle anderen begrüßten das Mädchen lautstark. Nur ich nicht. Ich konnte meinen Blick nicht von dem Pärchen abwenden. Konstantin schaute in meine Richtung. Ich konnte seine Mimik nicht deuten. War es Bedauern? Sollte es eine Art Entschuldigung sein, als er kurz und kaum merklich die Schultern hob, bevor er sich neben seine Freundin an den Tisch setzte? Genau mir gegenüber. Wenn ja, war sie wirklich beschissen. Was dachte er sich dabei? Warum hatte er das getan? Er musste doch gewusst haben, dass ich auch hier war.
Es war kein guter Abend heute. Und er würde nicht besser werden. Eigentlich hätte ich es schon wissen müssen, als mein Vater mich abgefangen hatte. Ich hätte vor einer halben Stunde wirklich nicht gedacht, dass der Abend noch schlimmer werden könnte, doch bei dem Anblick der beiden musste ich mich beinahe übergeben. Warum brachte er sie mit hierher? Warum hatte er überhaupt jemand anderen als mich?
Ich nahm einen tiefen Zug aus meinem Glas. Alkohol war vielleicht nicht die beste Idee, aber mit Abstand die einfachste, um damit klarzukommen. Mit Konstantin und seiner Freundin, die aussah wie ein Engel mit ihren zarten Gesichtszügen, den langen blonden Haaren und den riesigen blauen Augen. Sie sah jung aus, deutlich jünger als ich. Ob sie überhaupt wusste, wen sie sich da geangelt hatte? Ich bezweifelte es. Sie sah nicht aus wie jemand, der das zu schätzen wusste oder sich dessen bewusst war. Konstantin brauchte jemanden wie mich. Ich wusste, wie man mit Kerlen umging. Und was wollte Konstantin mit einer wie ihr? Das passte einfach nicht. Er war niemand, der sich mit einem kleinen Mädchen abgab, das keine Erfahrung hatte. Warum auch? Was konnte so spannend mit ihr sein, dass er sich direkt auf eine Beziehung mit ihr einließ? Dem Gerede in der Uni nach war Konstantin niemand, der viel Wert auf feste und ernsthafte Sachen legte. Oder machte er das vielleiccht nur, damit sie ihn ranließ? Das würde Sinn machen. Und dann wären sie in zwei Wochen wieder getrennt.
Oder?
Alle anderen bestellten etwas zu essen. Ich verzichtete. Mir war der Hunger vergangen. Ich bestellte stattdessen noch einen Gin Tonic. Milena warf mir einen schiefen Blick zu, sagte aber nichts. Konstantin war mir egal. Ich wollte nur dieses dumme Gefühl vergessen, das sich in meiner Magengegend eingenistet hatte.
Mein Kopf dröhnte. Ein stechender Schmerz zog hinter meinen Schläfen bis in meine Augen. Neben mir raschelte die Bettdecke. Selbst dieses leise Geräusch fühlte sich in meinen Ohren unerträglich laut an und verstärkte das Pochen in meinem Kopf.
Und doch war ich froh, dass es so war. Es lenkte meine Gedanken weg von dem, was gestern Abend passiert war. Ich konnte es viel leichter verdrängen und hinter anderen Gefühlen verstecken. Schmerz zum Beispiel. Oder Übelkeit, die bei jeder Bewegung hochschwappte.
Konstantin und Amelie. Amelie und Konstantin. Konstantin und seine Freundin. Konstantin, wie er seine Freundin küsste. Amelie, wie sie danach selig lächelte und den Blick kaum von ihm wenden konnte. Er wollte einfach nicht aus meinem Kopf verschwinden. Verdammt, was sollte das? Ich hatte ihn haben wollen. Nur Sex. Nicht mehr. Ich war nicht verknallt in ihn. Und trotzdem war da dieses miese Gefühl in meiner Magengegend.
„Jo? Bist du wach?“, fragte Milena neben mir. Ich hatte ihr den Rücken zugedreht und starrte mit offenen Augen an die Wand.
„Ja.“ Konstantin hatte es schon wieder in meinen Kopf geschafft. Viel früher als mir lieb war. Und mit ihm ein Schmerz, der viel tiefer ging als der in meinem Kopf oder die Übelkeit in meinem Magen. Ein Schmerz, der sich nur temporär mit Alkohol betäuben ließ und danach noch viel schlimmer zurückkam. Was für ein mieser Verräter.
„Wie fühlst du dich?“
„Ich hätte vielleicht doch etwas essen sollen gestern“, erwiderte ich langsam und schloss meine Augen wieder. Die Welt begann wieder, sich viel zu schnell zu drehen.
„Soll ich dir etwas bringen?“
„Nein. Schon gut.“
Milena schwieg. Sie lag ganz still neben mir und rührte sich nicht. Es war das erste Mal, dass sie mich so erlebte. Wir kannten uns tatsächlich noch nicht so lange, dass wir wussten, wie wir mit dem Liebeskummer der anderen umgehen sollten. Nein, es war kein Liebeskummer, korrigierte ich mich in Gedanken sofort. Ich war nur niedergeschlagen, weil meine Pläne mit Konstantin nicht aufgegangen waren. Es war kein Liebeskummer. So etwas hatte ich nicht.
Nur mein verräterisches Herz hatte davon noch nichts mitbekommen.
Scheiß auf das Ding. Wer brauchte das schon?
„Danke“, sagte ich nach einer Weile leise.
„Für was?“
„Dass du mich nach Hause gebracht und hier geblieben bist.“
„Ich bin deine beste Freundin. Das ist selbstverständlich“, erwiderte sie schlicht. „Dafür brauchst du mir nicht zu danken.“
„Trotzdem. Danke.“
„Willst du darüber reden?“
„Über was?“
„Konstantin.“
„Nein“, antwortete ich schnell. Etwas zu schnell. Ich bemühte mich, tief ein- und wieder auszuatmen. Hinter meinen Schläfen pochte es unaufhörlich. „Er interessiert mich nicht mehr. Er hat eine Freundin. Und damit ist er maximal uninteressant für mich geworden.“
„Deshalb hast du dich auch gestern abgeschossen und die beiden den ganzen Abend über ignoriert?“
Fuck, was musste sie ausgerechnet jetzt so aufmerksam sein? „Nein.“
„Jo, sei wenigstens ehrlich. Dann ist es bestimmt nicht mehr so schlimm.“
„Es ist nicht schlimm. Ich bin enttäuscht. Das ist alles“, beharrte ich und setzte mich ruckartig auf. Die Welt um mich herum drehte sich viel zu schnell. Für einen Moment wusste ich nicht, wo oben und unten war. Es legte sich wieder, bevor mir übel wurde.
„Komm, lass uns etwas essen. Dann geht es dir vielleicht auch etwas besser danach.“ Milena war schon aufgestanden und hatte sich ihren Pulli übergeworfen, bevor ich mich überhaupt rühren konnte. „Dein Vater ist doch nicht da, oder?“
Langsam schüttelte ich den Kopf. Die Schmerzen in meinem Schädel nahmen wieder zu. „Er hat Schichtdienst. Er ist ja fast nie da.“
„Sag mal, hast du gestern nicht auch gesagt, dass du heute zu diesem Benjamin musst? Oder ist das erst nächste Woche?“
„Echt? Hab ich das?“ Ich runzelte die Stirn. Ab einem gewissen Zeitpunkt waren meine Erinnerungen an den Abend nur noch verschwommen und vage. Verdammt. Ich hätte es mir aufschreiben sollen. „Scheiße, das kann echt sein. Oh Gott, warum habe ich da zugesagt?“
„Weil du weiteren Stress mit deinem Vater vermeiden möchtest.“ Ungerührt stand Milena da, die Hände in die Hüften gestemmt. Ihre Lippen zuckten etwas. Immerhin eine, die ihren Spaß hatte. „Soll ich dir noch mehr über gestern Abend erzählen? Du warst eigentlich recht witzig.“ „Nee du, lass gut sein. Ist vielleicht besser so, wenn ich nicht mehr alles so ganz genau weiß.“ Stöhnend fasste ich mir an den Kopf.
„Vielleicht“, stimmte sie mir nach einem kurzen Zögern zu. „Also los jetzt, ich krieg langsam Hunger.“
„Warum bist du überhaupt so fit?“ Seufzend schwang ich die Beine aus dem Bett. Wieder blieb ich erst einmal für einige Sekunden sitzen und wartete, bis die Welt aufhörte, sich viel zu schnell zu drehen und ich einigermaßen sicher aufstehen konnte.
„Im Gegensatz zu dir habe ich gestern Abend nicht zu viel getrunken und davor auch etwas gegessen“, erwiderte sie und wartete geduldig, bis ich es endlich geschafft hatte, mir einen weiten Pullover überzuziehen. Schwankend stand ich an meiner Kommode. Den Blick in den Spiegel vermied ich absichtlich. Ich wollte nicht wissen, wie ich aussah. Es reichte schon aus, wenn ich mich schrecklich fühlte.
Auf dem Weg nach unten ließ mich zu allem Überfluss auch noch mein Gleichgewichtssinn im Stich. In meinem Leben lief gerade aber auch wirklich überhaupt nichts zusammen.
„Ich mache dir keine Vorwürfe, dass du gestern Abend ein bisschen zu viel getrunken hast“, sagte Milena sanfter.
„Danke.“
„Ich meine, du magst ihn. Auch wenn du es dir nicht eingestehen willst. Ich kann es total verstehen. Konstantin ist heiß, sexy und hat dieses gewisse Etwas.“ Sie redete einfach weiter, dabei wünschte ich mir, dass sie einfach aufhören würde, ihn zu erwähnen. „Und einen Korb auf diese Art und Weise zu bekommen ist einfach nicht schön.“
„Aber warum tanzt er dann überhaupt so mit mir, wenn er doch eine Freundin hat?“ Erschöpft ließ ich mich auf einen Stuhl sinken. Wieder waren da die Gefühle, die ich den ganzen gestrigen Abend versucht hatte zu ertränken. Konnten die mich nicht endlich in Ruhe lassen? Ich hatte keine Lust auf das alles, ich wollte das nicht in meinem Leben haben. „Warum tut er so etwas? Ich verstehe das einfach nicht.“
„Vielleicht ist das seine Masche.“ Milena zuckte mit den Schultern und holte eine Pfanne aus dem Schrank hervor. „Keine Ahnung. Manche Jungs sind einfach absolute Machos, die nicht genug bekommen können.“
„Oder er hat sie erst kurz vorher kennengelernt und so. Sie sah ja schon aus wie ein Mauerblümchen.“
„Absolut verklemmt und nichtssagend“, stimmte Milena mir zu. „Optisch passen die ja mal so gar nicht zusammen. Pass auf, in ein paar Wochen ist er wieder Single und steht bei dir vor der Tür. Du bist total sein Typ und er steht sowas von auf dich. Ich hätte echt darauf gewettet, dass er dich mit nach Hause nimmt nach der Party bei Valentina.“
„Gut, dass du es nicht getan hast.“ In mich zusammengesunken saß ich da und schaute Milena zu, wie sie Rühreier und Toast machte. Unser Katerfrühstück, das sich in den letzten anderthalb Jahren etabliert hatte. Ich würde ihr gerne glauben, dass es so war. Aber im Moment konnte ich es nicht. Ich fühlte mich kraftlos und verletzt. Zurückgewiesen. Wann war mir das das letzte Mal passiert? Ich wusste es schon gar nicht mehr.
Ich wollte nur Antworten. Von Konstantin. Warum er so etwas tat, wenn er doch eine Freundin hatte. Es machte alles keinen Sinn. Und vielleicht würde ich es nie erfahren. Und das machte mich noch ein wenig mehr verrückt.
Drei Stunden und eine Kopfschmerztablette später war es soweit. Ich stand vor der Haustür der Winters. Ihr Haus war gerade einmal drei Straßen weiter, so konnte ich dieser ganzen Sache wenigstens etwas Positives abgewinnen. Vorsorglich hatte ich meine alten Mathe- und Englischunterlagen unter dem Arm. Dann konnte ich wenigstens so tun, als sei ich motiviert und vorbereitet. Immerhin bekam ich Geld von den Winters, da sollte ich nicht allzu verkatert und lustlos wirken.
Laut stieß ich die Luft aus. Eine kleine weiße Nebelwolke stieg vor mir auf. Ich hatte keine Lust. Ich wollte nicht hier sein. Und ich wollte wieder in mein Bett und mich selbst bemitleiden.
Milena hatte mich regelrecht dazu zwingen müssen, das Haus zu verlassen. Der Kopfschmerz saß noch immer dumpf hinter meinen Schläfen und mit Sicherheit hatte ich noch einiges an Restalkohol. Immerhin sah ich mittlerweile einigermaßen annehmbar aus und roch nicht mehr wie ein halber Schnapsladen, wie Milena es liebevoll ausgedrückt hatte. Ein Fortschritt, wie ich fand.
Seufzend drückte ich auf die Klingel. Es half ja doch alles nichts. Je schneller wir anfingen, desto schneller wäre es auch alles vorbei. Ich hoffte nur, dass dieser Benjamin keine komplette Pfeife war und wir schnell durchkommen würden. Gott, mein Kopf dröhnte noch immer so schlimm, dass ich mich kaum konzentrieren konnte. Und meine Gedanken schweiften noch immer alle paar Sekunden zu Konstantin ab. Naja, für ein bisschen einfache Oberstufen-Mathematik sollte mein Denkvermögen gerade noch ausreichen.
Die Tür vor mir öffnete sich. „Hey, du bist Joanna, richtig?“, begrüßte mich ein junger Mann und streckte mir die Hand entgegen.
„Ja, genau. Und du bist Benjamin?“ Ich ergriff seine Hand mit etwas Verzögerung. Der Restalkohol. Nicht seine Erscheinung.
Er lächelte. Ich schob es auf meine restlichen Promille, dass ich ihn ein bisschen zu lange musterte. Benjamin hatte ein kantiges Gesicht mit markanten Wangenknochen, die ihn deutlich älter aussehen ließen, als er es eigentlich sein musste. Am auffälligsten an ihm waren seine braunen Augen, die regelrecht strahlten vor Energie und Lebensfreude.
„Einfach nur Benny. Benjamin hat schon lange niemand mehr zu mir gesagt. Also, komm rein.“ Höflich ging er einen Schritt zur Seite und schloss dann gleich die Tür hinter mir. „Schuhe und Jacke kannst du einfach direkt hier hinstellen.“ Er deutete auf die Garderobe zu meiner Linken.
