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Die heiligen Orte in den Anden beherbergten einst wertvolle Grabbeigaben. Heute findet man sie in den großen Sammlungen europäischer Museen. Dort wird Gabriela Wiener mit ihrem Erbe konfrontiert: ausgerechnet ihr Ururgroßvater Charles Wiener, ein jüdisch-österreichischer Forscher, erbeutete im 19. Jahrhundert Tausende Artefakte. Als sie der väterlichen Linie ihres Stammbaums nachgeht, stößt sie auf patriarchale Heldenerzählungen: die Legende des bescheidenen Deutschlehrers, der über Nacht zu Indiana Jones wird, aber in Peru Frau und Kind zurücklässt. Und die Parallelbeziehung ihres Vaters, in der dieser mit Vorliebe eine Augenklappe trug. Werden Vorstellungen von Liebe und Lust weitergetragen? – Ausgehend von ihrem Nachnamen wird Gabriela Wiener nicht nur zur Chronistin von Kolonialverbrechen, sondern auch zur Chronistin ihrer selbst. »Die vielleicht mutigste Stimme der neuen literarischen Generation lateinamerikanischer Frauen. Sie hat praktisch jedes heikle Problem erforscht, mit dem sich die heutige Gesellschaft herumschlägt.« The New York Times
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Seitenzahl: 175
Veröffentlichungsjahr: 2025
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GABRIELA WIENER
ROMAN
Aus dem peruanischen Spanisch von Friederike von Criegern
kanon verlag
Die Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel Huaco retrato bei Literatura Randomhouse.
Die Übersetzung aus dem Spanischen wurde gefördert von Litprom e. V. in Kooperation mit dem Goethe-Institut.
ISBN 978-3-98568-165-5
eISBN 978-3-98568-166-2
1. Auflage 2025
© Kanon Verlag Berlin GmbH, 2025
Belziger Straße 35, 10823 Berlin
Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor. Covergestaltung: zero-media.net
Herstellung: Daniel Klotz / Die Lettertypen
Satz: Ingo Neumann / boldfish
Druck und Bindung: Pustet, Regensburg
Printed in Germany
www.kanon-verlag.de
Gabriela Wiener
Unentdeckt
ERSTER TEIL
ZWEITER TEIL
LITERATUR
Dieses Buch enthält koloniale Fremdbezeichnungen, rassistische Klischees und diskriminierende Sprache. Die Autorin hat sich dazu entschieden, solche Begrifflichkeiten bewusst zu setzen. Verlag und Übersetzerin haben entschieden, diese Begriffe, wie im Ausgangstext, nicht zu kursivieren.
Die künstliche Blödheit des Körpers war bei den Peruanern mit der faktischen Blödheit des Geistes verbunden.
Charles Wiener
Verlegenheit scheint zwischen Eltern und Kindern die einzige Möglichkeit der Verständigung zu sein.
Heinrich Böll
Der Tod selbst kann belebend wirken.
Ludovico Ariosto
Allein sein, hier, in Paris, am Fuße des Eiffelturms, im Saal eines ethnologischen Museums – das Merkwürdigste daran ist der Gedanke, dass all diese mir gleichenden Statuetten dem kulturellen Erbe meines Landes von einem Mann entrissen wurden, dessen Nachnamen ich trage.
In der Vitrine vermischt sich mein Spiegelbild mit den Umrissen dieser Gesichter mit brauner Haut, mit Augen wie kleinen, funkelnden Wunden, Nasen und Wangen aus so blanker Bronze wie meine, gemeinsam ergeben wir ein hieratisches, naturalistisches Werk. Ein Ururgroßvater ist kaum mehr als eine Spur in einem Leben, es sei denn, er hat läppische viertausend präkolumbianische Objekte mit nach Europa genommen. Und wenn seine größte Leistung darin besteht, Machu Picchu nicht entdeckt zu haben, aber fast.
Das Musée du quai Branly liegt im 7. Arrondissement, mitten auf der Mole gleichen Namens, und es ist eines dieser europäischen Museen, die große Sammlungen nichtwestlicher Kunst beherbergen, aus Amerika, Asien, Afrika und Ozeanien. Das heißt, es sind schöne Museen, die auf sehr hässlichen Dingen errichtet wurden. Als würde es genügen, die Dächer mit Aborigine-Kunst aus Australien zu bemalen und jede Menge Palmen in die Gänge zu stellen, damit wir uns fast wie zu Hause fühlen und vergessen, dass alles, was dort ist, Tausende Kilometer weit weg sein sollte. Mich eingeschlossen.
Ich habe eine Dienstreise genutzt, um endlich die Sammlung Charles Wiener zu sehen. Immer, wenn ich Orte wie diesen betrete, muss ich dem Drang widerstehen, all das als meins zu beanspruchen und zu fordern, mir im Namen des Staates Peru alles zurückzugeben, und das Gefühl verstärkt sich in dem Saal, der meinen Namen trägt und mit über tausend Jahre alten anthropomorphen und zoomorphen Keramikfiguren aus verschiedenen prähispanischen Kulturen gefüllt ist. Ich versuche, einen empfohlenen Rundgang zu finden, etwas, was die Objekte in der Zeit verortet, aber sie sind zusammenhanglos und isoliert ausgestellt, die Beschriftungen vage oder lediglich generisch. Ich mache mehrere Fotos von der Wand, auf der »Mission de M. Wiener« steht, wie auch schon bei meiner Reise nach Deutschland, als ich mit zweifelhafter Befriedigung überall meinen Namen entdeckte. Wiener ist einer jener Familiennamen, die sich von Orten ableiten, wie Epstein, Aurbach oder Guinzberg. Einige jüdische Gemeinden nahmen aus einem Gefühl der Verbundenheit die Namen ihrer Städte oder Dörfer an. Wiener ist ein Gentilizname, er bezeichnet die Menschen aus Wien. Oder die Würstchen. Ich brauche ein paar Sekunden, bis ich verstehe, dass M. das M. von Monsieur ist.
Auch wenn er eine wissenschaftliche Mission im Stile Forschungsreisender des 19. Jahrhunderts geführt hat, scherze ich bei Essen mit Freunden oft, mein Ururgroßvater sei ein international anerkannter Huaquero gewesen. Ohne Euphemismus nenne ich sie Huaqueros, denn das sind diese Plünderer archäologischer Stätten: Grabräuber, die bis heute Kulturgüter und Kunstwerke stehlen und verhökern. Diese Herren mögen hochintellektuell oder wohlhabend sein, und sie können tausendjährige Schätze in die Museen Europas oder die Salons ihrer kreolischen Häuser in Lima bringen. Das Wort Huaquero kommt aus dem Quechua, huaca oder wak’a werden in den Anden heilige Orte genannt, die heute mehrheitlich archäologische Stätten oder einfach Ruinen sind. In ihren Katakomben wurden die örtlichen Herrscher mit ihren Grabbeigaben bestattet. Die Huaqueros dringen dort systematisch ein und suchen nach Gräbern oder wertvollen Gegenständen, und aufgrund ihres wenig professionellen Vorgehens hinterlassen sie in der Regel eine Art Müllhalde. Das Problem ist, dass ein solches Verhalten spätere seriöse Forschungen verhindert, es verunmöglicht, Spuren von Identität oder kultureller Erinnerung zu finden, um so die Vergangenheit zu rekonstruieren. Plündern ist darum eine Form von Gewalt: Sie verwandelt Fragmente der Geschichte in Privateigentum, das als Staffage und zur Dekoration eines Egos dient. Hollywood widmet Grabräubern und Gemäldedieben ganze Filme. Es sind durchaus glamouröse Schandtaten. Charles Wiener, weiter muss man gar nicht schauen, ist der Nachwelt nicht nur als Gelehrter bekannt, sondern gilt auch als »Urheber« dieser Sammlung von Kunstwerken, wodurch unter dem Deckmantel der Wissenschaft und mit dem Geld einer imperialistischen Regierung deren reale und anonyme Urheber ausgelöscht werden. Damals nannte man das Umschichten von ein wenig Erde schon Archäologie.
Ich schlendere durch die Gänge der Sammlung Wiener, und zwischen all den mit Huacos gefüllten Vitrinen erregt eine meine Aufmerksamkeit, denn sie ist leer. Auf dem Hinweisschild lese ich: »Momie d’enfant«, aber keine Spur davon. Etwas an diesem leeren Raum versetzt mich in Alarmbereitschaft. Dass es ein Grab ist. Dass es das Grab eines nicht identifizierten Kindes ist. Dass es leer ist. Dass es, letztendlich, ein geöffnetes oder sogar mehrfach geöffnetes Grab ist, unendlich geschändet, als Teil einer Ausstellung gezeigt, die vom Sieg einer Zivilisation über andere erzählt. Kann die Verneinung des ewigen Schlafs eines Kindes diese Geschichte erzählen? Ich frage mich, ob sie diese kleine Mumie weggebracht haben, um sie zu restaurieren, wie man ein Gemälde restauriert, und ob sie die leere Vitrine im Saal gelassen haben wie einen augenzwinkernden Verweis auf Avantgarde-Kunst. Oder ob die Leerstelle, die sie im Raum hinterlässt, eine konstante Anklage ihres Verschwindens ist, so wie damals, als aus einem Museum in Boston ein Vermeer geraubt wurde und der leere Rahmen für immer an der Wand hängen blieb, damit niemand das Bild vergisst. Ich grübele über Raub und Rückführung. Käme ich nicht aus einer Gegend, wo man gewaltsames Verschwindenlassen kennt, wo man Menschen ausgräbt, vor allem aber heimlich vergräbt, dann würde mir dieses unsichtbare Grab hinter Glas vielleicht gar nichts sagen. Doch etwas rumort in mir, vielleicht weil dort steht, dass das Mumienkind von der zentralen Küste Perus stammt, aus Chancay in der Region Lima, wo ich geboren bin. In meinem Kopf streife ich zwischen kleinen imaginären Gräbern herum, dicht unter der Oberfläche, ich ramme den Spaten in das Loch der Irrealität und räume den Staub weg. Dieses Mal vermischt sich mein inkaisches Profil mit nichts, und einige Augenblicke lang ist es der einzige – wenn auch geisterhafte – Inhalt der leeren Vitrine. Mein im Glas gefangener Schatten, einbalsamiert und ausgestellt, ersetzt die Mumie, verwischt die Grenze zwischen der Realität und dem Konstrukt, restauriert sie und entwirft eine Szene für die Interpretation des Todes: mein gewaschener und parfümierter Schatten, die Organe entnommen, alterslos, wie eine durchscheinende Piñata voller Myrrhe, nichts, was die Wildhunde der Wüste verschlingen und vernichten könnten.
Ein Museum ist kein Friedhof, wenn es ihm auch sehr ähnelt. Die Ausstellung zu Wiener erklärt nicht, ob das Kind, das nicht da ist, rituell geopfert wurde, ermordet oder ob es eines natürlichen Todes starb; weder wann, noch wo. Sicher ist, dass dieser Ort keine Huaca ist, und auch kein Vulkangipfel, wo das Kind Menschen und Göttern übergeben wird, damit sie die Ernte segnen und der Regen dick und stetig falle wie in den Legenden, wie ein Wolkenbruch aus Milchzähnen und rubinroten, saftigen Granatapfelkernen, die den Lebenszyklus gießen. Hier hält sich eine Mumie nicht so gut wie im Schnee.
Archäologen sagen, die Kinder, die auf den hohen Vulkanen des Südens gefunden werden, sehen aus, als schliefen sie in ihren Gräbern aus Eis, und wenn man sie zum ersten Mal sieht, hat man das Gefühl, sie könnten jeden Moment aus ihrem jahrhundertelangen Schlaf zurückkehren, könnten wieder anfangen zu sprechen. Und sie sind niemals alleine. Gemeinsam wurden sie, die Kinder von Llullaillaco, in den Anden begraben: die Niña del Rayo, das Blitzmädchen, sieben Jahre alt, der Niño, sechs, und die Doncella, fünfzehn. Und gemeinsam wurden sie ausgegraben.
In einer nicht so fernen Vergangenheit, genau hier, in einer europäischen Hauptstadt, wurden die Kinder auch im gleichen Bereich des Friedhofs begraben, als wären sie alle Geschwister oder als hätte eine Pandemie sie alle auf einmal dahingerafft und sie wären in eine Art Minigeisterstadt in der großen Stadt der Toten gezogen, damit sie, wenn sie um Mitternacht erwachen, zusammen spielen können. Immer, wenn ich einen Friedhof besuche, versuche ich, eine Runde durch die kids zone zu drehen, lese mit Bestürzung und Seufzen die Abschiedsworte, die ihre Familien in den Mausoleen hinterlassen haben, und stelle mir ihre zerbrechlichen Leben und ihren Tod vor, in den meisten Fällen verursacht von unbedeutenden Krankheiten. Ich überlege vor diesem nicht vorhandenen Kindergrab, ob das Grauen, das der Tod eines Kindes heute bedeutet, wohl von dieser alten Zerbrechlichkeit herrührt, und ob wir nicht den Brauch vergessen haben, sie zu opfern, die Normalität, sie zu verlieren. Ich habe noch nie Gräber heutiger Kinder gesehen. Wer bei klarem Verstand würde die Leiche seines Kindes auf den Friedhof bringen. Man müsste verrückt sein. Wer käme auf die Idee, ein Kind zu vergraben, ob tot oder lebendig?
Dieses Kind ohne Grab hingegen, dieses Grab ohne Kind, das hat nicht nur keine Geschwister oder Freunde zum Spielen, es ist auch noch verlorengegangen. Wäre es da, es könnte jemand sein wie ich, stelle ich mir vor, und ich müsste den Impuls unterdrücken, diese Momie d’enfant hochzunehmen, dieses von Wiener aus seinem Grab geraubte Baby, das in ein von der Zeit zerfressenes Tuch mit zweiköpfigen Schlangen und Meereswellen gehüllt ist, und mit ihm fortlaufen, raus zur Mole, das Museum hinter uns lassen, weiter bis zum Eiffelturm, ohne einen genauen Plan, nur weg, so weit weg wie möglich von dort, und ein paar Schüsse in die Luft.
Mein Flieger hatte Verspätung, wie man es so sagt, wenn jemand gestorben ist, als wären es nicht wir selbst, die immer zu allem zu spät kommen. Mamá, die es mal wieder ein paar Tage lang vermieden hatte, mir die wahren Ausmaße der Angelegenheit mitzuteilen, kam endlich zur Sache, sie rief an, damit ich komme, damit ich fliege, flieg, Gabi, dein Vater hält nicht mehr lange durch; und ich muss zugeben, dass ich im Grunde hätte wissen können, was geschehen würde. Orientierungslos drehte ich Runden am Terminal 4 von Barajas, bereitete mich mit einem Knoten im Magen auf die Transatlantikreise vor, und als ich landete, war da kein Knoten mehr, und keine Auflösung, und kein Vater.
Niemand bereitet einen auf Trauer vor, auch nicht all die traurigen Bücher, die ich seit einem Jahrzehnt auf fast krankhafte Weise lese. Ich würde Goldman erkennen, wenn er in Brooklyn mit einem Baum spricht, einem Baum, der seine Ehefrau Aura sein könnte, nachdem eine Welle sie getötet hat. Oder Rieff in einem Krankenhaus, der etwas Schlaues sagt, damit niemand merkt, wie verletzt er wegen seiner Mutter ist, der egozentrischen Sontag, die ihr Sterben nicht akzeptieren kann. Oder Molino, der den iPod tausend Mal dasselbe Lied spielen lässt, gegen die verdammte Leukämie von seinem Baby. Oder Bonnett, die es im Geiste immer wiederholt, damit sie glauben kann, dass ihr Sohn nicht mehr da ist: »Daniel hat sich umgebracht.« Oder Hitchens, vom Krebs zerfressen, der auf Gott scheißt. Oder Herbert, der damit kämpft, der Sprössling einer Hure zu sein, die stirbt. Ach, all diese Bücher, die ich nicht weglegen konnte, denn sobald ich mich von den Seiten löste, hatte ich das Gefühl, die Autoren in ihrer Not alleine zu lassen, und das durfte ich mir nicht erlauben. Joan Didion hat recht: Wir überleben mehr, als wir für möglich halten. Und manche tun das, um eines Tages schreiben zu können, was niemand bei klarem Verstand verlangen würde: ein Buch über die Trauer. Niemals könnte ich etwas Vergleichbares tun.
Zu Hause angekommen, im Zuhause meiner Familie, überrascht es mich, zwischen den paar Habseligkeiten, die Papá mir hinterlassen hat, das berühmte Buch von Charles Wiener zu finden. Über der braunen Radierung mit der Landschaft von Cuzco auf dem Cover stehen in roten Lettern der Titel sowie der Name meines Ururgroßvaters. Außerdem bekomme ich Papás Telefon, das er nur wenige Stunden zuvor noch benutzt hat, und seine Brille, die auf dem mit den Jahren verblichenen und etwas angestoßenen Stapel Papier ruht. Einige Minuten lang verharre ich in der Leere, die das schlichte Testament meines Vaters zu füllen vorgibt. Ich nehme das Telefon nicht sofort in die Hand, als ginge es darum, so wenige Spuren wie möglich am Tatort zu hinterlassen. Mein Vater ist in einem Krankenhausbett an Krebs gestorben. Und um nicht ganz zu kentern, versuche ich mich zwischen diesen verstreuten Inseln und den nicht auzulotenden Untiefen seines Fortgangs zu orientieren. Es heißt, die häufigsten Arten in der Tiefsee seien biolumineszente Organismen. Daran denke ich immer, wenn ich mich in größter Dunkelheit fühle. An Wesen, die mit einer chemischen Reaktion auf die Finsternis reagieren: Sie produzieren Licht. Ich sage mir, dass ich das machen kann, dass auch ich dazu in der Lage bin – wenn einer Molluske ein Enzym und ein wenig Sauerstoff reichen, um zu leuchten und die Fressfeinde zu verwirren, warum sollte ich das nicht können.
Ich nehme das Buch, fange hinten an zu blättern und bleibe beim Nachwort hängen, das ich vorher nicht bemerkt hatte, geschrieben von einem gewissen Pascal Riviale. Es trägt die Überschrift »Charles Wiener: Forschungsreisender oder Mann der Medien?« Der sehr kurze Text ist mit einer beißenden Ironie geschrieben, fast ist es ein Pamphlet, in dem er, Riviale, behauptet, Wiener sei weniger ein Wissenschaftler als vielmehr ein Mann mit ausgeprägten gesellschaftlichen und kommunikativen Fähigkeiten gewesen: »Sein manchmal emphatischer, manchmal sentenziöser und humorvoller Stil – dem lyrischen Romantizismus eines Marcoy näher als der wissenschaftlichen Schärfe eines D’Orbigny – passte besser in einen banalen Salon als in eine Studierstube.« Er schließt hämisch und lapidar: »Sein Weg war also vorgezeichnet: Zum Teufel mit der wahren Geschichte, es lebe die Roman-Archäologie!« Sein Erfolg, so schlussfolgert er, war dem Geschick geschuldet, sich seinem Publikum in einem günstigen Licht zu präsentieren. In diesem Augenblick fällt mir ein altes Gerücht wieder ein, das in der Wissenschaft kursiert: Wiener sei ein Scharlatan gewesen, ein Hochstapler.
Schließlich schalte ich das Telefon meines Vaters an. Ich möchte wissen, was er in seinen letzten Stunden getan hat, oder mit einem Teil von ihm zusammensein, der nicht gestorben ist. Wahrscheinlich käme das den meisten Leuten verdammenswert vor, aber die Privatsphäre eines Toten, der überdies dein Vater ist, ist eher relativ. Er schuldet es dir. Die Wahrheit, die auch relativ sein kann, ist – da es sich um meinen Vater handelt – Teil eines Erbes, das mir gehört.
Ich zögere nicht, ich suche nach dem Namen der Frau, mit der mein Vater dreißig Jahre lang parallel zu meiner Mutter eine geheime Beziehung hatte, sowie eine weitere, außereheliche Tochter. Und die erste Nachricht, die aufploppt, ist eine, in der er ihr Untreue vorwirft.
Untreue innerhalb von Untreue.
Ich setze mir Papás schmutzige Brille auf, und zum ersten Mal in meinem Leben, und mehr noch, seit ich zu spät aus dem Flugzeug gestiegen bin, habe ich das Gefühl, ich sollte ernsthaft darüber nachdenken, ob etwas von diesem Schwindler mir gehört. Und weiß nicht mehr, ob ich damit meinen Vater oder Ururgroßvater meine.
In jedem Wienerschen Haus, das ich kenne, gibt es diesen billigen Schwarz-Weiß-Abzug vom finsteren Gesicht des Österreichers, gerahmt und zur Zierde eines Möbelstücks aufgestellt. Es heißt, das Original habe sich immer im Familienbesitz befunden, und eine der Schwestern meines Vaters bewahrte es bis zu ihrem Tod auf.
Die Legende meines Ururgroßvaters Charles Wiener ist die des bescheidenen Deutschlehrers, der über Nacht zu Indiana Jones wird.
Einer meiner Onkel, der, der ihm angeblich am meisten ähnelt, ist, von den Heldentaten seines Urgroßvaters inspiriert, in seine Fußstapfen getreten und Historiker geworden. Er war der Einzige, der Charles’ Buch Pérou et Bolivie gesehen hat, auf Französisch, in den Achtzigerjahren in einer Pariser Bibliothek, und seitdem suchte er nach Möglichkeiten, es in Peru herauszugeben. Als es 1993 in spanischer Übersetzung erschien, war er ein wenig gekränkt, weil man ihm zuvorgekommen war, doch vor allem war er begeistert, das Buch endlich lesen zu können.
Die Buchvorstellung in Lima war ein Festakt von gewisser kultureller Bedeutung: An einem Tisch saßen der bekannte Romanautor Edgardo Rivera Martínez, der das Buch übersetzt hatte, der Expräsident Perus Fernando Belaúnde sowie weitere peruanische Berühmtheiten. Stolz darauf, dass Charles’ Erbe endlich Anerkennung erfuhr, nahm meine Familie an der Veranstaltung teil; unsere Anwesenheit wurde dem Publikum angekündigt: »Wir haben die Freude und Ehre, heute Abend die einzigen peruanischen Nachfahren von Wiener bei uns zu haben«, sagten sie. Sie hatten keine Ahnung, dass Charles hier einen Sohn gehabt und wir uns vermehrt hatten, ohne dass er Teil unseres Lebens war. Wir hätten auch ein paar Hochstapler sein können, aber sie machten sich nicht die Mühe, das zu überprüfen. Wir hätten es auch nicht beweisen können. Meine Familie erhob sich, zum ersten Mal mit dem Gefühl, dieser fremde und pompöse Name tauge zu etwas.
Jenseits des Fotos auf der Anrichte oder dem Tischchen im Herzen unserer anonymen Wohnungen wurde Charles in Peru als einer der ersten europäischen Gelehrten bekannt, der Angaben zur Existenz von Machu Picchu machte, fast vierzig Jahre vor der Ankunft von Hiram Bingham und bevor die National Geographic erstmalig Bilder der Ruinenstadt publizierte und der Welt beschrieb, wie majestätisch sie war. Auf den Schwarz-Weiß-Aufnahmen sieht das intensive Grün der Berge tiefschwarz aus, eine Stola makelloser Wolken hängt um den Gipfel des Huayna Picchu, der intakte Wachturm, die drei Himmelsfenster, der Sonnenstein Intihuatana, und die Sonnenuhr zeigt die genaue Zeit an. Charles war ganz nah dran an all dem, tatsächlich näher als sonst irgendjemand zuvor. Hier stelle ich mir immer vor, wie mein Leben als Nachfahrin des »Entdeckers« von einem der sieben Weltwunder verlaufen wäre, auch wenn wir ja wissen, wie das so ist mit dem Entdecken von Amerika und all den Dingen, die immer schon da waren. Ob ich heute ein Haus mit Pool hätte? Könnte ich im Touristenzug zur Bergfestung fahren, ohne bezahlen zu müssen? Könnte ich mein Recht auf diese Ländereien beanspruchen, wie es so viele tun, seit 1911 der Entdeckergringo kam? Hätte ich meinen Namen auf eine Granitmauer der Puerta del Sol kritzeln sollen, es Agustín Lizárraga gleichtun, dem Brückenbeamten aus Cuzco, der Machu Picchu 1902 erreichte, neun Jahre vor Bingham, nur für diese kindische, deplatzierte Punk-Pose und seinen sofortigen Abgang von der Bühne der Geschichte? Als wollte ich sagen, ohne meinen Ururgroßvater und seine bescheidene Landkarte könntet ihr hier heute keine Selfies machen?
Aber Wiener hat es nicht geschafft. Er hinterließ jedoch Hinweise in seinen Unterlagen sowie eine sehr ungefähre Lokalisierung, was Bingham half, den Ort zu erreichen. Am Ende weiß niemand, für wen er arbeitet. »Ich hörte von Huayna Picchu und von Machu Picchu, und ich beschloss, eine letzte Exkursion in den Osten zu unternehmen, bevor ich meinen Weg gen Süden fortsetze«, schreibt Wiener über den Umweg, der ihn zu ein paar wesentlich unbedeutenderen Ruinen führen sollte, und damit definitiv fort von der außergewöhnlichsten Entdeckung der Geschichte Perus. Nah dran gewesen zu sein, um Haaresbreite, war nie eine gute Entschuldigung. Von allen Facetten des Scheiterns ist diese besonders ärgerlich. Und ein solches Erbe will wohl niemand beanspruchen.
Mit den Hinweisen, die er von den Einheimischen bekam, zeichnete Wiener in seinem Buch eine exakte Karte des Tals von Santa Ana, die alle Wegmarken enthielt und die der tatsächlichen Route sehr nahekam, aber letztlich irrte er sich im Weg und entdeckte nichts, konnte sich nicht mit der Ehre schmücken, auf etwas gestoßen zu sein, was vor Hunderten von Jahren gebaut worden war, konnte nicht seine Flagge hineinrammen und die Marseillaise singen.
Er hatte nicht das beneidenswerte Glück seiner Ururenkelin, die im ausgehenden 20. Jahrhundert am Ende ihrer Reise eine Apfel-Bong rauchte, von Dankbarkeit erfüllt beim atemberaubenden Anblick der im Nebel auftauchenden grünen und felsigen untergegangenen Stadt der Inka, nachdem sie Gipfel von fast fünftausend Metern Höhe über dem Meeresspiegel erklommen hatte, lange Pfade ins Heilige Tal der Inka hinabgestiegen und tagelang waldige Kilometer auf dem Inka-Trail gewandert war, unter dem Sternenhimmel neben ihren Freundinnen geschlafen und sich danach verzehrt hatte, deren Brüste zu berühren. Deshalb können wir festhalten, dass ich Machu Picchu vor Charles erreichte. Ich erreichte es einfach. Und er nicht.
