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Als Ungarn 1989 die Grenze zu Österreich öffnete und damit Zehntausenden DDR-Bürgern die Flucht in den Westen ermöglichte, beförderte das die Einheit Deutschlands und Europas. Eine Woge der Sympathie schlug den Ungarn entgegen. Doch seit einiger Zeit mehren sich die schlechten Nachrichten: Überfälle auf Roma, ein wiederauflebender Antisemitismus, marode Staatsfinanzen und der Abbau demokratischer Rechte.
Reinhold Vetter, lange Jahre Korrespondent in Budapest, geht den Ursachen für die aktuelle Entwicklung nach. Aber er erzählt auch Geschichten von den kulinarischen Köstlichkeiten, der exotisch klingenden Sprache und der Vielzahl ungarischer Genies. Ein kompaktes Kompendium für alle Ungarn-Reisenden.
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Seitenzahl: 289
Veröffentlichungsjahr: 2012
Reinhold Vetter
Ein Länderporträt
Ch. Links Verlag, Berlin
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
1. Auflage, April 2012 (entspricht der 1. Druck-Auflage von März 2012)
© Christoph Links Verlag GmbH
Schönhauser Allee 36, 10435 Berlin, Tel.: (030) 44 02 32-0
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Umschlaggestaltung unter Verwendung eines Fotos vom
Szechenly-Bad in Budapest, Januar 2011 (imago / blickwinkel)
Lektorat: Günther Wessel, Berlin
eISBN: 978-3-86284-170-7
Einleitung
Vom Westen aus gesehen
Paneuropäisches Picknick
Deutsche Einheit am Balaton
Piroschka und Sissi, Kertész und Esterházy
Das »Wunder von Bern«
Wirtschaft und Wissenschaft
Donauschwaben und Ungarnflüchtlinge
Von ungarischen Köpfen
Nobelpreisträger und andere Genies
Minderwertigkeitskomplexe und völkisches Denken
Das schwere Gepäck der Geschichte
Die Revolution von 1848
Der Vertrag von Trianon und seine Folgen
Der Weg in die Katastrophe und der zweifelhafte Neubeginn von 1945
1956: Die einsamen Revolutionäre
Das Kádár-Regime: Vom Terror zum »Gulaschkommunismus«
1989: Systemwechsel von oben
Landsleute jenseits der Grenzen
Slowakei: Mal Eintracht, mal Streit
Ukraine: Kaum Probleme
Rumänien: Vernunft dominiert
Serbien: Tolerante Vojvodina
Kroatien, Slowenien, Österreich: Gut integriert
Juden und andere »Fremde«
Den Verlust begreifen
Nachfahren der Donauschwaben
Die Roma als Hassobjekt
Der exotische Klang der Sprache
Wortungeheuer
Gemeinsame Sprachfamilie
Tiefe Gräben in der Politik
Die neue politische Landkarte
Eine konservative Revolution
Eine neue Zeitrechnung?
Parteienlandschaft und Bürgergesellschaft
Vom Musterknaben zum Problemfall
Wirtschaftliche Erfolgsgeschichte
Die Kehrseite der Medaille
Die Reichen und die Armen
Sozialismus-Nostalgie
Zwiespältige Wirtschaftspolitik
Kultur im Alltag
Paprika, Zwiebeln, Speck und Sauerrahm
Land des Weines
Keine Freizeit ohne Fernsehen
Musikliebhaber überall
Budapest
Die Donau und ihre Brücken
Unterwegs in der Stadt
Das pulsierende Leben
Markthallen und Einkaufszentren
Kaffeehäuser, Gaststuben, Bäder
Museen und Denkmäler
Die Geheimnisse der Friedhöfe
Das Landsinnere
Der reiche Westen
Das »ungarische Meer«
Multikulturelles im Süden
Szeged – Budapests kleine Schwester
Von der Pusztasteppe zur modernen Landwirtschaft
Protestantismus im Osten
Das grüne Dach Ungarns
Anhang
Literatur
Gespräche / Dank
Strukturdaten
Im Auswärtigen Amt in Berlin gilt der Grundsatz, dass deutsche Diplomaten möglichst nicht länger als drei Jahre in einem bestimmten Land »auf Posten« sein sollen. Die Begründung: Ihre Aufgabe bestehe hauptsächlich darin, die Bundesrepublik Deutschland zu vertreten und sich nicht zu sehr mit ihrem Gastland zu identifizieren. Kann man ein Land innerhalb von drei Jahren wirklich kennenlernen und einigermaßen begreifen? Ich bin da eher skeptisch. Ich habe länger mit meiner Familie in Budapest gelebt, und wir sind immer wieder kreuz und quer durch Ungarn gefahren. Auch danach hat es mich immer dorthin gezogen. So habe ich viel gelernt, und trotzdem stellen sich mir immer wieder neue Fragen. Das vorliegende Buch ist das Ergebnis reicher Erfahrungen und intensiver Recherche, beruht aber auch auf der Erkenntnis, dass man nie aufhören sollte, sich mit einem Sujet zu befassen, das einen wirklich interessiert. Ob man je alles weiß, ist aber fraglich.
Ungarn ist ein sympathisches und gastfreundliches Land, in dem Touristen und überhaupt Gäste aller Art herzlich willkommen sind. Wer einmal ein paar Tage in Budapest war oder gar einige Jahre dort als Wissenschaftler, Diplomat, Zeitungskorrespondent oder Unternehmensmanager gelebt hat und wer Städte wie das multikulturelle Pécs (Fünfkirchen) oder die endlosen Weiten der Puszta erkundet hat, wird die Schönheit und Eigentümlichkeit dieses Landes, seine kulturellen Errungenschaften und auch seine kulinarischen Verführungskünste nicht vergessen. Das Klima sorgt für einen mediterranen Charme ähnlich wie in Italien oder Spanien. Kein Wunder also, dass es in sozialistischen Zeiten gerade auch die Bürger der DDR waren, die Ungarn und besonders den Plattensee für sich eroberten, weil ihnen die Annehmlichkeiten der »westlichen« Staaten Südeuropas vorenthalten wurden.
Der Reiz Ungarns liegt auch in seiner Fremdheit. Das gilt nicht zuletzt für die Sprache des Landes, die so gar nicht europäisch klingt. Allerdings teilen die Ungarn dieses Schicksal insbesondere mit den Finnen und Esten, deren Sprachen, historisch gesehen, ebenfalls zur finno-ugrischen Sprachfamilie gehören. Heute allerdings versteht kein Finne oder Este mehr Ungarisch, weil sich die Sprachen schon vor etwa 1000 Jahren in verschiedene Richtungen entwickelt haben. Trotz dieser sprachlichen Exotik haben Gäste in Ungarn fast nie Probleme, weil die Gastgeber immer bemüht sind, den Besuchern in deutscher oder englischer Sprache entgegenzukommen.
Vor zwanzig Jahren galt Ungarn als Musterschüler unter den EU-Bewerbern Ostmittel- und Südosteuropas, weil das Land, früher als andere, die Transformation in ein demokratisch-parlamentarisches und marktwirtschaftliches System mit Bravour gemeistert hatte. Doch dieses glänzende Bild hat inzwischen ein paar tiefe Risse bekommen. Ungarn kämpft gegen eine tiefe finanzielle und wirtschaftliche Krise, die sowohl hausgemacht ist als auch internationale Ursachen hat. So sind die Staatsfinanzen zerrüttet, weil linke wie rechte Regierungen lange Jahre eine verantwortungslose Ausgabenpolitik betrieben haben. Außerdem hat die globale Krise dem Land mächtig zugesetzt. Und die schreckliche Umweltkatastrophe im Herbst 2010, bei der die tiefrote, ätzende Brühe, die aus einem geborstenen Rückhaltebecken für Bauxitschlamm eines Aluminiumwerks ausströmte, einen ganzen Landstrich im Westen des Landes verwüstete, warf überall in Europa die Frage auf, wie es denn in Ungarn um die Aufsichtspflicht des Staates, das ökologische Bewusstsein privater Unternehmer und überhaupt die Einhaltung von EU-Normen des Umweltschutzes stehe. Wie in Tschechien, Rumänien und anderen Staaten der Region kommt es auch in Ungarn immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Roma und der Mehrheitsbevölkerung. Studien der Ungarischen Akademie der Wissenschaften haben ergeben, dass 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung für Antisemitismus und andere Phobien sowie für völkisches oder rechtsradikales Denken anfällig sind.
Die seit 2010 amtierende Regierung von Ministerpräsident Viktor Orbán will den ungarischen Staat, seine Verfassung sowie Wirtschaft, Bildung und Kultur nach nationalkonservativen Grundsätzen umgestalten. Sie beruft sich dabei auf den grandiosen Wahlsieg des Fidesz, der bei der letzten Parlamentswahl zwei Drittel der Parlamentssitze erringen konnte. Seit der Transformation in den Jahren 1988 / 89 hat keine andere ungarische Regierung derart weitreichende Veränderungen auf den Weg gebracht, die das Funktionieren der parlamentarischen Demokratie und des Rechtsstaates auf eine harte Probe stellen. Internationale Kritik rief besonders das neue ungarische Mediengesetz hervor, das Orbáns Regierung zum 1. Januar 2011 im Parlament durchsetzte. Es erlaubt dem Staat in Gestalt eines vom Fidesz dominierten Medienrates, weitreichende Eingriffe in das publizistische Leben vorzunehmen.
Wer nach den Ursachen für die Schwächen der Demokratie in Ungarn sucht, muss weit in die Geschichte zurückgehen. Dabei stellen sich Fragen über Fragen. Welche historischen Erfahrungen prägen das Geschichtsbewusstsein der Ungarn und damit auch ihr politisches und gesellschaftliches Verhalten? Warum gibt es bis heute undemokratische Hinterlassenschaften des früheren kommunistischen Systems? Wo lagen die Stärken und Schwächen der Transformation Ende der achtziger Jahre? Warum kommt ein beträchtlicher Teil der heutigen Wirtschaftselite des Landes aus dem alten kommunistischen Partei- und Wirtschaftsapparat? Was vereint die Ungarn mit Europa, was trennt sie? Welche überkommenen Denk- und Verhaltensweisen prägen den ungarischen Alltag? Mit diesem Buch habe ich versucht, Antworten auf solche und andere Fragen zu geben.
Doch die kritische Analyse der Probleme darf die Würdigung der großen Errungenschaften dieses Landes nicht verdecken. Mehrmals zählten Ungarn zu den Helden Europas. 1956, als sich unerschrockene Bürger in den Straßen von Budapest gegen die sowjetischen Panzer stellten und für ihre Ideale kämpften, ebenso wie 1989, als die Ungarn den Eisernen Vorhang öffneten, der den östlichen Teil Europas von der Freiheit trennte. Nicht zu Unrecht nannte man Ungarn besonders in den siebziger Jahren »die lustigste Baracke im Ostblock«, weil das dortige kommunistische System den Bürgern kleine Freiheiten ließ und lange nicht so rigide wie das in der DDR und der Tschechoslowakei war.
Ungarische Komponisten, Musiker, Dichter, Schriftsteller und Filmschaffende haben europäische und internationale Kulturgeschichte geschrieben, ungarische Wissenschaftler haben bahnbrechende Entdeckungen gemacht. Der ungarische Fußball war zeitweise Weltklasse, auch wenn das Finale der Weltmeisterschaft von 1954 gegen Deutschland durch das »Wunder von Bern« verloren ging. Und was wäre die internationale Börsengeschichte ohne solche berühmten, ungarnstämmigen Spekulanten wie André Kostolany und George Soros?
Die Ungarn zählen zu den kleinen Völkern in Europa, die bis heute das Gefühl haben, tagtäglich um ihre nationale Existenz kämpfen zu müssen. Der Spagat zwischen nationaler Selbstbehauptung und Teilnahme an der europäischen Einigung ist nicht einfach und führt mitunter zu extremen Verhaltensweisen. Kritik ist somit durchaus erlaubt. Aber noch wichtiger ist reges Interesse für dieses spannende Land an der europäischen Peripherie.
Auch wenn die Regierungspolitik in Budapest wie im Falle des ungarischen Mediengesetzes zeitweise zu Verstimmung in Berlin führte, sind die bilateralen Beziehungen auf der politischen Ebene gut. Differenzen etwa in europapolitischen Fragen sorgen nicht für eine nachhaltige Störung des deutsch-ungarischen Verhältnisses.
Zwei politische Ereignisse der Nachkriegsgeschichte haben sich nachhaltig in das Bewusstsein auch einer breiteren deutschen Öffentlichkeit eingegraben: der ungarische Aufstand gegen den Stalinismus und die sowjetische Fremdherrschaft im Herbst 1956 sowie die Öffnung der österreichisch-ungarischen Grenze für Flüchtlinge aus der DDR am 10. /11. September 1989. Natürlich ist die konkrete Erinnerung an den Aufstand inzwischen verblasst, wissen nur Ältere um die dramatischen Ereignisse in den Straßen von Budapest im Jahr 1956. Lebendiger sind die Bilder Tausender DDR-Flüchtlinge, die 1989 mit Billigung der damaligen ungarischen Führung über die österreichisch-ungarische Grenze Richtung Westen stürmten.
Der ungarische Aufstand von 1956 wurde nicht nur in der damaligen Bundesrepublik mit großer Aufmerksamkeit beobachtet. Auch in der früheren DDR verfolgten viele Menschen das Geschehen, weil sie westliche Radiosender wie den in Berlin stationierten RIAS hörten. Die Nachrichten aus Budapest veranlassten eine Schulklasse in Storkow in der Mark Brandenburg am 29. Oktober 1956, im Geschichtsunterricht mit fünf Schweigeminuten gegen die Niederschlagung des Aufstandes zu protestieren. Vordergründig verteidigten sie ihren Ungehorsam mit dem Verweis auf das damals umlaufende Gerücht, der berühmte ungarische Fußballer Ferenc Puskás sei bei den Kämpfen in Budapest zu Tode gekommen.
Gegen alle anschließenden Drohungen und Erpressungsversuche hielten die Schüler, Eltern und auch einige Lehrer zusammen. Den Funktionären der Staatssicherheit und der SED gelang es nicht, die Anführer des Protests ausfindig zu machen. Schließlich flohen die meisten der beteiligten Gymnasiasten nach Westberlin. 40 Jahre später kamen sie zu einem Klassentreffen zusammen. Einer von ihnen, Dietrich Garstka, hat die damaligen Ereignisse und deren Folgen detailliert in seinem Buch Das schweigende Klassenzimmer beschrieben.
Die Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze am 10. /11. September 1989, die den vielen DDR-Flüchtlingen in Ungarn den Weg in den Westen ebnete, war eine wesentliche Ursache für den Zusammenbruch der DDR. Auf dem Weg über Ungarn verließen in den folgenden Wochen mehr als 60 000 DDR-Bürger ihr Land. Diese Fluchtwelle ließ die Opposition in der DDR erstarken und ermutigte die Menschen zu großen Demonstrationen in Leipzig und anderen Städten der DDR.
Die Grenzöffnung hatte allerdings eine lange Vorgeschichte. Schon einige Jahre zuvor kamen aus dem ungarischen Grenzschutz die ersten Anregungen, den uneffektiven Grenzzaun durchlässiger zu machen oder gar abzubauen. Spätestens im Mai 1987 war die Barriere im Prinzip überflüssig, nachdem alle Ungarn das Recht auf einen Reisepass erhalten hatten. Der Zaun passte auch nicht zu den radikalen innen- wie außenpolitischen und wirtschaftlichen Reformbestrebungen des Kabinetts von Ministerpräsident Miklόs Németh, der im November 1988 sein Amt angetreten hatte.
Ein erster spektakulärer Akt der Grenzöffnung fand dann am 27. Juni 1989 statt, als die Außenminister Ungarns und Österreichs, Gyula Horn und Alois Mock, in der Nähe der Stadt Sopron den Zaun durchschnitten.
Eine zweite aufsehenerregende Aktion war das »Paneuropäische Picknick« am 19. August 1989 ebenfalls in der Nähe der Stadt Sopron – eine Art grenzüberschreitende Versammlung von Bürgern aus Österreich und Ungarn, die von der ungarischen Oppositionspartei Demokratisches Forum, dem ungarischen Reformkommunisten Imre Pozsgay und der Paneuropa-Union Otto von Habsburgs initiiert worden war. Gut 100 DDR-Flüchtlinge nutzten das Picknick, an dem fast 2000 Personen teilnahmen, um die Grenze nach Österreich zu überwinden. Insgesamt fast 700 Bürgern aus der DDR gelang an diesem Tag die Flucht in die Alpenrepublik.
Als die Lage in Ungarn immer bedrohlicher wurde, weil sich dort inzwischen rund 160 000 DDR-Bürger aufhielten, traf die ungarische Regierung am 22. August die Entscheidung, alle Deutschen aus der DDR frei abziehen zu lassen. Dem Beschluss folgten intensive Konsultationen insbesondere mit der Bundesregierung in Bonn. Die Sowjetunion und die DDR wurden lediglich informiert.
20 Jahre später, am 28. Juni 2009, wurde in Budapest eine Ausstellung eröffnet, die an die dramatischen Ereignisse des Jahres 1989 und deren Vorgeschichte in der DDR bzw. die Pionierrolle Ungarns bei der Öffnung des Eisernen Vorhangs erinnerte. Titel der Ausstellung: »20 Jahre Freiheit – Deutschland sagt Danke«.
Schon in den sechziger und siebziger Jahren war Ungarn als Reise- und Urlaubsziel bei den Menschen in der DDR sehr beliebt. Fuhren sie nach Ungarn, dann war das für sie mehr als nur eine Reise in ein anderes Land des sozialistischen Ostblocks. Ein Urlaub am Plattensee / Balaton, ein Spaziergang durch die Hauptstadt Budapest oder ein Trip in die Weinorte Eger und Tokaj und auch der Kontakt zu den temperamentvollen, gastfreundlichen, mitunter reichlich romantischen und melancholischen Ungarn war für sie eine Art Flucht aus einer als eng, grau und langweilig empfundenen DDR. Ungarn – das bedeutete mediterranes Klima mit viel Sonne, Mahlzeiten, die als Ersatz für die unerreichbare italienische Küche galten, farbenfrohe Kleidung sowie Schallplatten, die es in der DDR, wenn überhaupt, nur unter dem Ladentisch gab.
Kaum ein anderer Ort in Europa war in den Jahrzehnten der deutschen Teilung besser für unverfängliche und unbeobachtete deutsch-deutsche Begegnungen geeignet als der Plattensee. DDR-Bürger konnten hier weitgehend ungestört westdeutsche Verwandte, Freunde und Bekannte treffen und erhielten dadurch auch Zugang zu westdeutschen Zeitungen und Zeitschriften. Zumindest in den Sommerferien pausierte der Kalte Krieg zwischen den beiden politisch-militärischen Blöcken.
Am Balaton trafen Kapitalismus und Sozialismus deutscher Prägung und damit auch Konsumgesellschaft und Mangelwirtschaft aufeinander. Hier fanden Familien zusammen, die durch die innerdeutsche Grenze getrennt waren. Eltern aus der DDR trafen ihre Töchter und Söhne, die in die Bundesrepublik geflüchtet oder ausgereist waren, Großeltern sahen zum ersten Mal leibhaftig ihre Enkel, die sie bis dato nur von Fotos her kannten. Tanten, Onkel, Kusinen und Neffen kamen sich wieder näher, nachdem sie die deutsch-deutsche Realität auseinandergerissen hatte. Am Balaton entstanden grenzüberschreitende Freundschaften, die oft ein ganzes Leben lang hielten. So manche deutsch-deutsche Liebe und spätere Ehe hatte hier ihren Ursprung – bürokratische und politische Schwierigkeiten für die Eheleute eingeschlossen. Große Bedeutung für die innerdeutsche Begegnung hatten Ferienfreizeiten, die vom Christlichen Verein junger Menschen (CVJM) – bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts: Christlicher Verein junger Männer – und evangelischen Kirchengemeinden in der DDR organisiert wurden.
Natürlich bespitzelte die DDR-Staatssicherheit die deutsch-deutsche Urlaubsszene am Balaton, wie György Dalos in seinem Bericht Balaton-Brigade anschaulich beschreibt. Inoffiziell trug die 1964 vom DDR-Ministerium für Staatssicherheit eingerichtete »Operativgruppe« tatsächlich diesen Namen. Die Arbeit der Gruppe wurde Anfang der achtziger Jahre sogar noch durch den Einsatz der Jugendorganisation FDJ (Freie Deutsche Jugend) unterstützt. Allerdings konnte der unermüdliche Einsatz der Stasi-Spitzel nicht verhindern, dass die Zahl der illegalen Grenzübertritte von DDR-Bürgern Richtung Westen zunahm, die nicht selten bei gesamtdeutschen Familien- oder Freundschaftstreffen am Balaton ausgeheckt wurden.
Die unzähligen deutsch-deutschen Urlaubsgespräche am Plattensee drehten sich in der Regel um Familiäres, Ausbildung, Schule und Beruf, um Fußball, Kochrezepte, Musik, Film und Autoreparaturen, um Beziehungsprobleme und das Älterwerden. Aber sie waren oft auch hochpolitisch, geradezu subversiv. Nicht zuletzt darin lag die politisch-historische Bedeutung der »Deutschen Einheit am Balaton«. Diejenigen DDR-Bürger, die 1989 nach Ungarn gingen, um von dort möglicherweise den Eisernen Vorhang Richtung Westen zu überwinden, taten dies in dem Bewusstsein, dass sie ein Land auswählten, dem sie vertrauen konnten.
Nach der Wende 1989 / 90 verlor Ungarn erst einmal an Attraktivität für Urlaubsreisende aus den neuen Bundesländern. Wer wollte es ihnen verdenken, wenn sie nun vorrangig andere Länder und Regionen in Europa und auf der ganzen Welt erkunden wollten. Doch mit der Zeit entdeckten sie wieder ihre alte Liebe. Außerdem existierten viele alte Freundschaften, die nun wiederbelebt wurden und an Söhne und Töchter weitergegeben wurden. Ohnehin gab und gibt es am Balaton viele Wochenendhäuser (»Datschas«), die im Laufe der Zeit zwischen ungarischen und deutschen Besitzern hin und her gewechselt waren.
Während die Ostdeutschen lieber zum Balaton und in die Puszta fahren, bevorzugen die Westdeutschen eher Budapest und die westliche Region unweit der Grenze zu Österreich.
Bis einschließlich 2009 sank einige Jahre lang kontinuierlich die Zahl deutscher Touristen und überhaupt der Gäste aus europäischen Ländern. Auch wenn man den Einfluss der Politik und des internationalen Wirtschaftsgeschehens nicht überschätzen sollte, lässt sich nicht leugnen, dass neben Ungarns gravierenden Budgetproblemen auch die innenpolitische Entwicklung mit dem verstärkten Auftreten rechtsradikaler Kräfte wie Jobbik und die zunehmenden Übergriffe auf Roma dem touristischen Image des Landes schadeten. Fachleute wie der Leiter des Ungarischen Tourismusamtes in Berlin, Kristόf Sztojanovits, geben dies unumwunden zu. Da auch in Ungarn die Preise in den letzten Jahren in vielen Bereichen mächtig anzogen, rückte das billigere Kroatien stärker in den Fokus deutscher Touristen. Die Ungarn selbst entdeckten verstärkt Kroatien, teilweise auch Slowenien als ihr Urlaubsdomizil. Diejenigen Ungarn, die etwas mehr Geld in der Tasche haben, leisten sich seit Jahren zusätzlich auch noch einen Skiurlaub in Österreich.
Deutschland ist und bleibt der wichtigste touristische Partner Ungarns. Mit einem Anteil von 16 Prozent liegen die deutschen Besucher an der Spitze. Von den mehr als 3,1 Millionen Besuchern aus Deutschland, die 2009 nach Ungarn kamen, waren gut zwei Millionen Touristen. Die Zahlen des Ungarischen Statistikamtes zeigen, dass es im Frühjahr 2010 nach dem jahrelangen Rückgang wieder aufwärts ging. Die offiziellen Zahlen geben allerdings kein vollständiges Bild, da viele deutsche Ungarnreisende, die aus donauschwäbischen Familien besonders im Raum Stuttgart stammen, vielfach bei Verwandten übernachten und deshalb von der Tourismusstatistik nicht erfasst werden.
Der Blick auf Programme ungarischer Reiseveranstalter zeigt deutlich, wo die Prioritäten und Präferenzen liegen. Oft beginnen diese Programme mit einer Stadtbesichtigung in Budapest. Dann geht es ins nahe gelegene Szentendre, eine ungarische Künstleroase, und zum Schloss Gödöllő, wo die österreichische Kaiserin Elisabeth während ihrer Aufenthalte in Ungarn gewohnt hat. Natürlich darf der Plattensee nicht fehlen, ebenso wie die nicht weit entfernte Porzellanmanufaktur von Herend. Von da fahren die Urlauber in der Regel in die Puszta zu den Schauplätzen, an denen der Film »Ich denke oft an Piroschka« nach dem Roman von Hugo Hartung gedreht wurde. Auch Besuche in Kalocsa und Hajόs am mittleren Donauabschnitt ebenso wie in Tokaj im Nordosten Ungarns dürfen nicht fehlen. Ungarn ist berühmt für seine Heilquellen und Thermalbäder, die besonders in Budapest zu finden sind. Auch der aus einer Thermalquelle gespeiste See von Hévíz unweit des Plattensees ist ein Fixpunkt des Tourismus in Ungarn. Oft werden die Reiseprogramme auf eines der vielen Kunst-, Sport-, Folklore- und kulinarischen Festivals konzentriert, die fast das ganze Jahr über in Ungarn stattfinden. Viele deutsche Touristen verbinden ihre Urlaube mit Besuchen bei ungarischen Zahnärzten, Optikern und Orthopäden.
Wie gesehen, gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen den Programmen der Reiseveranstalter und den Produkten der Unterhaltungsindustrie. So erinnern sich ältere Deutsche vor allem an den Film »Ich denke oft an Piroschka« mit Liselotte Pulver und Gunnar Möller in den Hauptrollen, der im Dezember 1955 in die Kinos kam. Die Verfilmung der etwas weltfremden, aber zu Herzen gehenden und nicht selten tragikomischen Liebesgeschichte zwischen einer Ungarin und einem deutschen Austauschstudenten gehört zu den kommerziell erfolgreichsten deutschen Nachkriegsproduktionen. Kurt Hoffmann, Regisseur des Films, festigte damit seinen Ruf als Komödienspezialist und Garant für gutbürgerliches Unterhaltungskino. Der Film spielt insbesondere in einem entlegenen Puszta-Ort mit dem unaussprechlichen Namen Hódmezővásárhelykutasipuszta.
Nicht minder populär und erfolgreich war die Sissi-Trilogie des Regisseurs Ernst Marischka der Jahre 1955 bis 1957, in der Romy Schneider die Kaiserin Elisabeth von Österreich und Karlheinz Böhm den Kaiser Franz Joseph spielten. Marischka war ein Meister filmischer Seifenopern, in denen er gekonnt Hollywoodglamour mit Heimatideologie verquickte. Romy Schneider hatte später arg zu kämpfen, um das Sissi-Image abzustreifen. Böhm »rehabilitierte« sich, indem er mit seiner Stiftung »Menschen für Menschen« vor allem Notleidenden in Äthiopien half. Marischkas Opus unterschied sich diametral von dem Film »Elisabeth von Österreich«, den der Regisseur Adolf Trotz schon 1931 als nüchterne Reportage in die Kinos gebracht hatte. Dieser Streifen mit der berühmten Lil Dagover in der Hauptrolle wurde erst 2010, also reichlich verspätet, als DVD in den Handel gebracht.
Mit dem sogenannten Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn im Jahr 1867 wurden Elisabeth und Franz Joseph auch zum ungarischen Königspaar gekrönt. Elisabeth machte das Schloss Gödöllő gut 20 Kilometer nordöstlich von Budapest zu ihrer Sommerresidenz. Ihre regelmäßigen Aufenthalte dort nutzte sie zur Pferdedressur und nicht zuletzt auch zu regelmäßigen Ausritten mit dem bürgerlich-aufsässigen ungarischen Grafen Gyula Andrássy, der 1848 noch an der ungarischen Revolution gegen das Regime der Habsburger teilgenommen hatte, ab 1867 aber als ungarischer Ministerpräsident eher eine moderate Politik verfolgte. Schwer zu sagen, ob das Gerücht stimmt, es habe eine Liebesbeziehung zwischen ihm und der Kaiserin gegeben.
Ganz »traditionsbewusst« fand die erste Sitzung des EU-Ministerrats nach Beginn der ungarischen EU-Präsidentschaft am 1. Januar 2011 auf Schloss Gödöllő statt. Auch alle weiteren größeren Begegnungen im Rahmen des ungarischen EU-Vorsitzes wurden in dem Barockschloss abgehalten.
Außer den Filmen der fünfziger Jahre waren und sind es vor allem die Operetten des ungarisch-jüdischen Komponisten Imre (Emmerich) Kálmán, die ein breiteres Publikum in Deutschland erreichten und erreichen. Zu seinen wichtigsten Werken zählen die »Csárdásfürstin« von 1915 und »Gräfin Mariza« von 1924.
Kein Wunder, dass das deutsche Ungarnbild oft klischeebeladen von Paprika und Puszta geprägt ist, stammt es doch weitgehend aus diesen Produkten der Unterhaltungsindustrie. Die ungarische Literatur hingegen führt in Deutschland eher ein Schattendasein, auch wenn sie einige Autoren mit hohem internationalen Renommee und sogar universaler Geltung hervorgebracht hat. Aber immerhin war Ungarn 1990 Schwerpunktland der Frankfurter Buchmesse, was dazu führte, das etwa 100 ungarische Neuerscheinungen allein im deutschsprachigen Raum zu verzeichnen waren. Der damalige ungarische Staatspräsident Árpád Göncz war sich der Bedeutung bewusst, als er in seiner Rede zur Eröffnung der Buchmesse betonte, er freue sich Ehrengast gerade in jenem Moment zu sein, da das ungarische Wort seine Grenzen zu sprengen suche.
Auch renommierte ungarische Autoren wie István Eörsi, Péter Esterházy, György Konrád, Ágnes Heller, László Márton, Sándor Márai, Péter Nádas, Zsigmond Móricz, Antal Szerb, Miklós Mészöly, László Végel, Károly Pap und Gyögy Dalos sind lediglich einem eingeweihten deutschen Bildungsbürgertum bekannt. Das gilt auch für Imre Kertész, obwohl er im Jahr 2002 den Literatur-Nobelpreis vor allem für seinen Roman eines Schicksallosen erhielt. Zwei Jahre später empfing Péter Esterházy den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Viele ältere Menschen in Deutschland können die Mannschaftsaufstellung der Weltmeister-Truppe von 1954 noch herunterbeten: Damals schlugen die deutschen Fußballer um Fritz Walter, Toni Turek, Werner Liebrich, Max Morlock und Helmut Rahn, trainiert von Sepp Herberger, die hochfavorisierte ungarische Elf mit ihren Superstars Ferenc Puskás, Gyula Grosics und Nándor Hidegkuti. Bei strömendem Regen hatte die ungarische Mannschaft schon 2 : 0 geführt, ehe das deutsche Team aufholen konnte und Rahn sechs Minuten vor dem Ende sogar das Siegtor zum 3 : 2 erzielte.
Neben der sportlichen Bedeutung hatte dieser Sieg enorme politisch-gesellschaftliche Auswirkungen in beiden Ländern. Er geriet sogar zur Metapher für das Schicksal und die Zukunft zweier Nationen, Staaten und Systeme. In Deutschland überhöhte man ihn zur »eigentlichen Geburtsstunde der Bundesrepublik«, und in Ungarn nahm er den Niedergang vorweg, der in der Niederschlagung des Volksaufstandes von 1956 gipfelte.
Viele Bundesbürger empfanden den Triumph als Zeichen des Aufbruchs nach dem verlorenen Weltkrieg und den Entbehrungen der Nachkriegszeit. Der damalige Präsident des Deutschen Fußballbundes, Peco Bauwens, der während der Nazizeit Mitglied der NSDAP gewesen war, sagte in einer Rede, die Mannschaft von Herberger sei »mit der deutschen Fahne im Herzen« auf den Gegner losgestürmt. Als er sich bei der Siegesfeier im Münchener Löwenbräukeller sogar dazu verstieg, das »Führerprinzip« hochzuhalten, stoppte der Bayerische Rundfunk die Radioübertragung. Dem »Wunder von Bern« folgten das »Wirtschaftswunder« und andere magische Ereignisse.
In Ungarn wiederum, wo die Menschen unter dem kommunistisch-stalinistischen System Moskauer Prägung litten, richtete sich die Wut über Unterdrückung und Entbehrung auch gegen die geschlagene Fußballnationalmannschaft. In Budapest zogen gleich nach dem Ende des Spiels Hunderttausende durch die Straßen, Schaufenster gingen zu Bruch, Straßenbahnen wurden demoliert, und sogar die Wohnung von Nationaltrainer Gusztáv Sebes wurde verwüstet. Vereinzelt wurden sogar politische Parolen gegen die kommunistische Führung um Mátyás Rákosi gerufen. Die Parteispitze und der Geheimdienst, aber auch viele ungarische Bürger machten die heimkehrende Mannschaft für diese »nationale Schande« verantwortlich. Torwart Grosics wurde sogar wegen Landesverrats angeklagt, musste dann aber mangels Beweisen freigesprochen werden. Auf Anweisung der Regierung wurde er von seinem Spitzenverein Honvéd Budapest zu einer unbedeutenden Mannschaft in der Provinz versetzt. Spieler wie Puskás gingen für einige Jahre zu Real Madrid und anderen spanischen Vereinen. Die Geschichte des deutschen Sieges bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 wird auch in dem Film »Das Wunder von Bern« des Regisseurs Sönke Wortmann erzählt.
Seit damals haben die ungarischen Kicker nie wieder an alte Größe anknüpfen können. Ihre Nationalmannschaft spielt auf der europäischen Ebene keine Rolle. Immerhin haben sich einige ungarische Fußballer bei Vereinen der Bundesliga etablieren können.
Schon bald nach der Wende entwickelte sich Deutschland zum wichtigsten Wirtschaftspartner Ungarns – sowohl für Investitionen als auch für den Handel. Gut ein Drittel aller gesamten ausländischen Direktinvestitionen, die seit 1990 nach Ungarn geflossen sind, entfallen auf deutsche Unternehmen. Ende 2009 belief sich das kumulierte deutsche Investitionskapital auf mehr als 15 Milliarden Euro. Inzwischen gibt es in Ungarn etwa 8000 Firmen mit deutscher Mehrheitsbeteiligung, die etwa 300 000 Mitarbeiter unter Vertrag haben. Die Schwerpunkte der deutschen Investitionen liegen im produzierenden Gewerbe sowie im Dienstleistungssektor und im Handel. Zu den großen deutschen Investoren zählen Audi, Deutsche Telekom, RWE, E.on, Allianz, Bosch, Siemens und Knorr-Bremse. Aber auch viele deutsche mittelständische Unternehmen sind in Ungarn aktiv – vor allem im Maschinenbau und in der Automobilzulieferindustrie. Vielfach werden Gewinne, die deutsche Firmen in Ungarn erwirtschaften, nicht nach Deutschland transferiert, sondern vor Ort investiert. Durch den Einsatz hochentwickelter Technologie und moderner Managementmethoden haben deutsche Unternehmen wesentlich zur Modernisierung der ungarischen Volkswirtschaft beigetragen. Andererseits nahmen sie es mitunter nicht so genau mit den sozialen Rechten der Arbeitnehmer in ihren Betrieben. Die Anwesenheit von Gewerkschaften in einzelnen Unternehmen wurde hintertrieben und der Aufbau von Betriebsräten untersagt.
Deutschland ist auch der wichtigste Handelspartner Ungarns. Knapp ein Drittel der ungarischen Exporte gehen nach Deutschland, ein Viertel der ungarischen Importe werden aus Deutschland bezogen. Mit einem Anteil von etwa zwei Prozent am deutschen Warenverkehr liegt Ungarn auf Platz 16 der deutschen Handelsstatistik. Seine Bedeutung für Deutschland entspricht damit etwa der von Schweden und ist deutlich höher als die von Dänemark, Finnland und Irland. Allerdings ist der Anteil Deutschlands an den ungarischen Exporten trotz einer absoluten Zunahme in den letzten 15 Jahren gesunken. 1997 etwa lag er bei 37 Prozent. Dies ist vor allem Ausdruck der Diversifizierung der ungarischen Absatzmärkte. So sind die ungarischen Ausfuhren in die Länder Ostmittel- und Südosteuropas in den letzten Jahren überdurchschnittlich stark gestiegen.
Wichtigstes Bindeglied in den Wirtschaftsbeziehungen ist die Deutsch-Ungarische Industrie- und Handelskammer (DUIHK) in Budapest. Sie vertritt mehr als 1000 Mitgliedsfirmen aus Ungarn und Deutschland. Die von ihr repräsentierten Unternehmen erwirtschaften rund 40 Prozent des ungarischen Bruttoinlandsprodukts. Die DUIHK war 2010 und 2011 auch einer der Hauptvertreter des Protestes gegen verschiedene wirtschafts- und finanz-politische Entscheidungen der nationalkonservativen Regierung von Ministerpräsident Viktor Orbán. Deutsche, niederländische, französische und österreichische Unternehmen protestierten bei der EU-Kommission gegen die von der Regierung beschlossene Krisensteuer, mit der ausländische Firmen den Staatshaushalt mitsanieren sollten.
Schon 1987 wurde zwischen der Bundesrepublik und Ungarn ein Abkommen über die Zusammenarbeit in der wissenschaftlichen Forschung und technologischen Entwicklung unterzeichnet. Kooperationsabkommen der Bundesländer mit ungarischen staatlichen Einrichtungen kamen hinzu. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft kooperiert mit der Ungarischen Akademie der Wissenschaften und der Ungarischen Stiftung für Wissenschaftliche Forschung. Deutsche Graduiertenkollegs arbeiten mit entsprechenden Bildungseinrichtungen in Ungarn zusammen. Unternehmen wie Audi, Volkswagen, Knorr-Bremse, Siemens, Continental und Bosch knüpften Kontakte zu ungarischen Universitäten und Fachhochschulen und förderten dort den Aufbau moderner Institute für Forschung und Entwicklung. Inzwischen gibt es mehr als 200 Partnerschaften zwischen Universitäten und anderen Hochschulen in beiden Ländern, so wurde unter anderem in Budapest ein neues Institut für Informations- und Kommunikationstechnologie gegründet.
Die bilaterale Kooperation umfasst außerdem die Kulturwissenschaften im weiteren Sinne sowie die Rechts- und Wirtschaftswissenschaften und die sprachliche Ausbildung. Lektoren des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und der Robert-Bosch-Stiftung arbeiten an ungarischen Universitäten. Das Goethe-Institut kooperiert mit ungarischen Gymnasien bei der Sprachausbildung. Seit 1992 besteht die »Deutsche Schule Budapest« (Thomas-Mann-Gymnasium), die zu den renommiertesten Oberschulen in der ungarischen Hauptstadt zählt. Im Herbst 2002 eröffnete der damalige Bundespräsident Johannes Rau mit der »Andrássy-Universität« die erste deutschsprachige Hochschule außerhalb des deutschen Sprachraums, an der Studenten ein Postgraduiertenstudium in Fächern wie Internationale Beziehungen, Staats- und Rechtswissenschaften, Mitteleuropastudien und Wissenschaftsmanagement absolvieren können.
Donauschwaben werden alle jene Deutschen genannt, die zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert in Länder ausgewandert sind, die zum damaligen Ungarn gehörten. Ihre Siedlungsgebiete lagen insbesondere längs des Mittellaufs der Donau in der Pannonischen Tiefebene. Nach dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie als Folge des Ersten Weltkriegs wurden die Siedlungsgebiete der Donauschwaben durch den Vertrag von Trianon dreigeteilt. Ein Teil blieb bei Ungarn, dessen Staatsgebiet stark verkleinert wurde, ein zweiter Teil kam zu dem erheblich erweiterten Rumänien, wo die Deutschen vor allem im Banat und in der Gegend von Arad wohnten, und der dritte Teil fiel an das neu geschaffene Jugoslawien, wo die deutschen Siedlungsgebiete vor allem in der Wojwodina und in Slawonien lagen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde gut die Hälfte der in Ungarn verbliebenen Deutschen aufgrund der Beschlüsse der Konferenz von Potsdam 1945 in drei Etappen vertrieben bzw. ausgesiedelt: von Januar bis Juli 1946, vom März bis August 1947 sowie von Januar bis Juni 1948. Fast 190 000 Menschen kamen in die amerikanische, britische und französische Besatzungszone Deutschlands, etwa 40 000 in die sowjetische Besatzungszone. Hauptaufnahmeländer waren Baden-Württemberg, Bayern und Hessen. Die meisten Ungarndeutschen entschieden sich bewusst für die Siedlungsgebiete, aus denen ihre Vorfahren Jahrhunderte zuvor ausgereist waren. Auch in den folgenden Jahrzehnten kamen pro Jahr 500 bis 1000 deutsche Aussiedler aus Ungarn nach Deutschland. Erst nach der Wende 1989 ging die Aussiedlung praktisch zu Ende.
Auch die Eltern des früheren Grünen-Politikers und Bundesaußenministers Joschka Fischer mussten 1946 ihren Heimatort Budakeszi in der Nähe von Budapest verlassen, wo ihre Vorfahren seit 1731 ansässig gewesen waren. Fischer wurde am 12. April 1948 in Gerabronn im Nordosten Baden-Württembergs geboren. Später räumte er ein, dass er als Deutscher, der in die Nachkriegszeit hineingeboren wurde, durchaus eine gewisse familiäre Entwurzelung gespürt habe. Er sei aufgewachsen ohne Großeltern und die Familiengräber auf dem heimatlichen Friedhof. Ungarn, so betonte er, sei für ihn eine fremde und zugleich sehr vertraute Welt gewesen. Zu Hause habe man Deutsch und Ungarisch gesprochen, und die Mutter habe anders gekocht als die schwäbischen Nachbarn. Die Vertreibung sei in der familiären Erinnerung immer sehr präsent gewesen. 1987 besuchte Fischer zum ersten Mal die Heimat seiner Vorfahren. Bei dieser Gelegenheit wurde ihm auch die Ehrenbürgerschaft von Budakeszi verliehen.
Bei einem späteren Besuch Fischers in Ungarn kamen die Protokollbeamten des Auswärtigen Amtes und der Deutschen Botschaft in Budapest in Schwierigkeiten, weil der Minister mal wieder in einer Phase des Abnehmens und vegetarischen Essens war, während die Verwandten in Budakeszi bei einer gemeinsamen Mahlzeit natürlich kräftig ungarisch auftischen wollten. Schließlich einigte man sich darauf, dass Fischer an allen Gerichten etwas nippte und die Verwandten so zufriedenstellte.
Sieht man einmal vom oft harten persönlichen Schicksal vieler betroffener Familien ab, dann integrierten sich die Ungarndeutschen vergleichsweise problemlos und eher unauffällig in die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft. Ihre Vertreter machten in der Regel weniger öffentlich von sich reden als die der Schlesier, Sudetendeutschen und Ostpreußen. Allerdings gab es jahrelange interne Auseinandersetzungen, bis sich die bis dato bestehenden Interessenverbände im Juni 1955 auf die Gründung einer gemeinsamen Ungarndeutschen Landsmannschaft verständigten.
Bis heute pflegen hauptsächlich die älteren Ungarndeutschen bzw. Donauschwaben ihre Traditionen und Bräuche. In Sindelfingen gibt es das Haus der Donauschwaben, in Ulm erinnert ein Museum an sie und in Tübingen erforscht das Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde ihre Geschichte und Kultur. Auf Initiative von Ungarndeutschen entstanden allein in Baden-Württemberg über 130 Partnerschaften zwischen deutschen und ungarischen Städten. So trugen die damals Vertriebenen und ihre Nachkommen zur Verständigung in Europa bei.
Auch die etwa 120 000 in Deutschland lebenden Ungarn wirken als Brücke zwischen beiden Staaten. Gut vier Fünftel von ihnen besitzen inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft. Für die meisten von ihnen gilt, dass sie sich – selbstbewusst, aber auch anpassungsfähig – nach ihrer Ankunft bemüht haben, Deutschland als zweite Heimat zu begreifen. Als geschlossene Bevölkerungsgruppe sind sie daher kaum wahrnehmbar.
Nur etwa 60 Prozent der in Deutschland lebenden Ungarn kamen aus dem heutigen ungarischen Staatsgebiet in die Bundesrepublik, während 40 Prozent aus den Staaten emigrierten, in denen seit dem Ende des Ersten Weltkriegs und der damit verbundenen Veränderung des ungarischen Staatsgebiets Ungarn leben – also aus der Slowakei, Rumänien, Jugoslawien bzw. Serbien, Kroatien und Slowenien.
Schon seit dem Mittelalter hatten sich immer wieder ungarische Studenten und Handwerksgesellen in deutschen Landen niedergelassen. Aber erst seit 1945 /46 kann man von einer ungarischen Bevölkerungsgruppe in Deutschland sprechen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen etwa 30 000 Ungarn nach Deutschland, nach der Niederschlagung des Volksaufstandes 1956 waren es noch einmal 25 000. In den sechziger Jahren folgten mindestens 20 000 ungarische Gastarbeiter aus dem Gebiet des damaligen Jugoslawien. Die Niederschlagung des »Prager Frühlings« in der Tschechoslowakei im Jahr 1968 veranlasste etwa 5000 Bürger ungarischer Nationalität aus der slowakischen Teilrepublik zur Ausreise nach Deutschland. In den siebziger Jahren folgten etwa 30 000 zuvor in Siebenbürgen lebende Ungarn, die dem nationalkommunistischen Regime des Nicolae Ceauşescu in Rumänien entfliehen wollten. Selbst nach der Wende 1989 entschlossen sich etwa 15 000 Ungarn zur Emigration nach Deutschland. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind außerdem etwa 15 000 Ungarn in die frühere sowjetische Besatzungszone bzw. in die DDR emigriert. Inzwischen leben auch viele ungarische Fachkräfte mit Werkverträgen zeitweise in Deutschland.
Etwa 75 Prozent der in Deutschland ansässigen Ungarn wohnen in Bayern, Baden-Württemberg und Hessen, gut acht Prozent auch in den neuen Bundesländern.
Natürlich gibt es eine Fülle ungarischer Gruppen, Kulturvereine und sonstiger Interessengruppen in Deutschland. Ihr Dachverband ist der Bund ungarischer Organisationen in Deutschland. Ungarische Katholiken und Protestanten pflegen ihr Gemeindeleben in zwei Dutzend Kirchengemeinden. Es erscheinen vier politische, kulturelle oder konfessionell gebundene ungarische Zeitschriften. Die Deutsch-Ungarische Gesellschaft mit Sitz in Stuttgart organisiert den politischen und kulturellen Austausch. Ungarische Kulturinstitute arbeiten ebenfalls in Stuttgart und in Berlin. Das Ungarische Institut, das zum Wissenschaftszentrum Ost- und Südosteuropa in Regensburg gehört, befasst sich mit Forschungen zur ungarischen Geschichte und Gegenwart sowie zu den deutschungarischen Beziehungen.
Für Ausländer ist es nicht einfach, die magyarische Seele zu verstehen. Im Denken der Ungarn korrespondieren Freiheitsliebe, Stolz, Hochmut, Euphorie und brillanter Intellekt mit Unterwürfigkeit, Pessimismus, Melancholie, Naivität und einem Gefühl der Minderwertigkeit gegenüber anderen Nationen. Gerade die ungarische Politik ist mitunter eine schwer verdauliche Mixtur aus nationalem Pathos und bedingungsloser Prinzipientreue einerseits und peinlicher Kompromissbereitschaft und starkem Anpassungsvermögen andererseits. Soziologen sprechen von verschiedenen Lagern innerhalb der ungarischen Gesellschaft, von den Weltenbummlern und den Heimatverbundenen, den Liberalen und Konservativen, den jüdischen, sprachgewandten Kosmopoliten aus den großen Städten und den verschlossenen, maulfaulen Magyaren vom Lande, den Linken und Rechten. Aber nicht immer erkennt man, ob diese Denk- und Verhaltensmuster echt sind oder aber nur ideologische Masken darstellen, die je nach politischer Opportunität und Machtstreben beliebig aufgesetzt und abgenommen werden können. Eine halbwegs brauchbare Antwort auf die Frage
