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Zwei junge Männer, die in die Vergangenheit reisen, um den zehnjährigen Adolf Hitler zu ermorden, ein Student, den in einer durchwachten Nacht eine Stechmücke in den Tod treibt, und ein Psychiater, der als Geheimagent in die Fänge einer Teufelssekte gerät: In diesen und den weiteren Erzählungen des Buches geht es um Menschen auf der Sinnsuche, die mit menschenfeindlichen Gesellschaftssystemen konfrontiert werden, sich in abwegige Ideologien verstricken oder auf andere Weise grausam scheitern.
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Seitenzahl: 187
Veröffentlichungsjahr: 2014
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RICHARD OLIVER SCHULZ, Jahrgang 1959, studierte Psychologie, Philosophie und Humanmedizin, bevor er an verschiedenen Kliniken in Bayern eine Facharztausbildung in Psychiatrie und Psychotherapie absolvierte. Unheimliche Erzählungen ist seine zwölfte Buchveröffentlichung.
Aus dem Höllentagebuch des Dr. Schomol
Der Träumer
Vier seltsame Vögel
Die Zeitfalle
Die Stechmücke
Aus den Leben Buddhas
Celsus
Schrumpfwürstchens Weltsicht
Die Exekution
Mein Name ist Dr. Schomol. Ich bin Psychiater.
Ich war beauftragt, ein Heim für schwer erziehbare Jugendliche zu inspizieren, das von einer Nonne geleitet wurde. Bereits bei der ersten Begehung fielen mir ihre sonderbaren Erziehungsmethoden auf. Die Nonne pflegte die tobenden Kinder dadurch zu strafen, dass sie sie in eben der Stellung einzugipsen pflegte, in der sie sie beim Herumtoben angetroffen hatte. So schienen die Zimmer, die ich betrat, mit seltsamen Gipsfiguren ausgestattet zu sein, meist auf einem Bein stehend, mit erhobenen Armen und weit aufgerissenem Mund. Beim Betreten des ersten Raumes wähnte ich mich zunächst in einer Kunstausstellung, aber auf meine Frage nach dem Künstler, der dies geschaffen hätte, klärte mich die Nonne über meinen Irrtum auf und fügte gleichmütig hinzu, dass die Kinder in ihren Gipskokons mehrere Stunden auszuharren hätten. Ich begann die Nonne hierauf scharf zu kritisieren und schlug dabei einen fast schreienden Ton an. Die ganz in Schwarz gekleidete Dame, solche Kritik offenbar nicht gewohnt und erstmals mit einem Mann konfrontiert, der ihre Erziehungsmethoden in Zweifel zog, hob ihre dicke Bibel und fing bitterlich zu klagen an. »Zwanzig Jahre arbeite ich jetzt schon hier! Zwanzig Jahre, und noch nie hat einer das zu mir gesagt!«
Sie geriet so recht in Rage, brüllte lauthals heraus und wiederholte immer wieder: »Zwanzig Jahre!« Dann aber lief sie, ihre Bibel schwenkend, heulend aus dem Zimmer. Ich blickte ihr ungläubig nach. Bei einem gotischen Fenster machte sie Halt, schmetterte in äußerster Erregung ihre Bibel durch die Glasscheibe – und stürzte sich selbst hinterher. Die Nonne konnte nur noch tot geborgen werden.
Natürlich wurde der Fall sofort publik, und ich machte als Nonnenmörder Schlagzeilen. »Ungläubiger Arzt treibt Nonne in den Tod«, hieß es bei Bild. Da ich namentlich erwähnt wurde, war meine Entlassung vorprogrammiert. Natürlich wurden die Missstände in diesem Heim von mir aufgedeckt, natürlich wurden die Kinder aus ihrem Gips befreit, aber danach fragte keiner. Undank ist der Welt Lohn. Freilich hatte meine Entlassung noch einen anderen Grund, von dem ich in Bälde erfuhr.
Eine geheime Regierungsabteilung suchte nach Spitzenagenten für besondere Aufträge, ebenso gelehrt wie arbeitslos, und mit mir glaubten sie einen besonderen Fang gemacht zu haben. Ärzte waren für den Job begehrt, besonders aber Psychiater. Ich musste einwilligen, denn man stellte mich vor die Wahl: Entweder noch mehr Schlagzeilen und am Ende ein ruinierter Ruf, was gleichbedeutend wäre mit der lebenslänglichen Verurteilung zu einem Dasein als deutsche Sozialleiche – oder doppeltes Gehalt wie an der Klinik.
Mein erster Auftrag war eine mysteriöse Teufelssekte. Ein Kollege führte mich dort ein. Wir hatten gefälschte Papiere und gaben uns als Mitglieder aus. Der Kollege machte mich auf die oberste Direktive aufmerksam, nach der wir nicht auffallen durften und jegliche Einmischung in die Angelegenheiten und Rituale der Sekte verboten war. Der Hauptsitz der Sekte war ein imposanter Palast im Zentrum der Stadt. Dort fand an diesem Abend eine Generalversammlung der Sektenmitglieder statt, die als Faschingsball getarnt war. Auch mein Kollege und ich hatten uns – sehr diskret – verkleidet. Es standen überall gedeckte Tische mit Tellern und Tassen, in denen sich Messer und Gabeln befanden. Der große Vorplatz des Gebäudes wimmelte von Menschen. Wie ich erfuhr, sollte heute Abend zu Ehren des obersten Teufels ein Kind geopfert werden. Die Sektenführerin Zagreba, eine schlanke, schwarzhaarige Teufelshexe, hatte das Opfer bestimmt: einen blonden sechsjährigen Jungen. Flüsternd machte ich meinen Kollegen darauf aufmerksam, dass man so etwas doch nicht zulassen könne, aber dieser verwies mich auf die oberste Direktive.
»Wir dürfen uns nicht einmischen«, flüsterte er zurück. »Mensch, begreifen Sie doch endlich, das ist kein harmloser Job wie Ihre Ambulanztätigkeit. Der Job ist in höchstem Grade lebensgefährlich! Was glauben Sie denn, was passiert, wenn diese Leute herausfinden, wer wir sind? Wenn wir tot sind, nützt das außerdem keinem. Dann werden wir die Sekte nicht auffliegen lassen können!«
»Aber wir müssen doch etwas dagegen unternehmen…«
»Mensch, schweigen Sie und passen Sie sich an. Nur kein Aufsehen erregen. Folgen Sie meinem Beispiel.«
Der Junge, der geopfert werden sollte, stand mitten unter der Menschenmenge auf dem großen, freien Platz vor dem Palast. Draußen war es schon dunkel. Seine Mutter führte ihn herein. Ein Bediensteter in weißem Hemd und rotem Anzug, wie ein Kellner gekleidet, nahm ihn in Empfang. Der Junge leistete keinen Widerstand, geduldig wie ein Lamm ließ er sich zur Schlachtbank führen. Der Kellner geleitete ihn auf die Terrasse hinaus. Wir folgten ihm unauffällig. Mein Kollege wäre ihm aus freien Stücken nicht gefolgt, aber da ich voranschlich, ging er mir hinterher, um zu sehen, was ich treibe. Die Terrasse grenzte an einen See. Dort sollte die Opferung vorgenommen werden. Der Kellner nahm vom Tisch ein großes Schlachtermesser. In diesem Moment hatte ich ein echtes Déjà-vu-Erlebnis. Ich sah die ganze Szene vor meinem geistigen Auge, als wäre sie schon einmal geschehen. Ich wusste genau, was ich zu tun hatte. Schnell nahm ich ein langes Messer aus einer der Tassen, die auf dem Tisch standen, trat seitlich auf den Kellner zu und stieß es ihm tief unter den rechten Rippenbogen, genau in den Leberlappen. »Mein Gott!«, stieß der Mann hervor, und das wunderte mich. Waren doch diese Satanisten gar nicht gottgläubig. »Mein Teufel« wäre hier wohl passender gewesen. Aber ich ließ es auf sich beruhen, fasste den zusammensinkenden Mann am Arm und warf ihn in den See. Ich hatte kein schlechtes Gewissen dabei. Im Gegenteil: Wenn ein Teufelsknecht in seiner Todessekunde als letzte Worte: »Mein Gott!« ausstößt, dann hatte ich ihn also bekehrt!
Der Kollege hatte sprachlos zugesehen, aber er konnte nichts machen. Schreien wäre sein eigenes Todesurteil gewesen. Ich hörte ihn nur »Verdammte Scheiße, wenn das mal gut geht« murmeln. Der Kellner schwamm jetzt im See. Vielleicht würde er später entdeckt. Aber heute Abend bei der Dunkelheit war das unwahrscheinlich.
Dann kümmerte ich mich um das völlig verängstigte Kind. Ich sagte ihm, es solle sich unauffällig davonstehlen und draußen an einem sicheren Ort auf mich warten. Ich würde ihm dann helfen zu entkommen.
Mit einem Gefühl der tiefen Befriedigung marschierte ich durch die Menschenmenge. Auf den an den Wänden aufgehängten Videoschirmen war die Sektenführerin Zagreba zu bestaunen. Die schlanke, dunkelhaarige Frau hielt eine Rede, die in alle Säle des Palastes übertragen wurde. »Schwestern und Brüder«, rief sie mit kehliger Stimme, »die Zeit ist gekommen, da wir Rache nehmen werden an den Propheten des Christus, Rache an Jesus Christus. Die heidnischen Götter sind wieder im Kommen, und sie werden Rache nehmen an allen, die sich zu Jesus Christus bekennen, und werden die Welt verwandeln. Die Welt wird geschwängert werden mit neuen Opfern. Schwester und Brüder, erkennt eure große Berufung, Vorreiter der Rache zu sein. Ich selbst werde den alten Göttern zu ihrem Recht verhelfen.«
Wie ich sah, stand die Teufelshexe vor einem gotisch geformten Fenster, das sich in einem der oberen Stockwerke befinden musste.
Auf meinem Streifzug entdeckte ich sie endlich. Sie saß inzwischen meditierend auf der Fensterbank des gotischen Fensters und hatte mir den Rücken zugekehrt. Ich hatte nicht übel Lust, die Gelegenheit beim Schopf zu fassen und dem Ganzen ein Ende zu bereiten. Ich machte mich also an sie heran, tat so, als ginge ich zufällig an ihr vorbei, und in einem unbeobachteten Augenblick versetzte ich ihr einen gezielten Stoß zwischen die Rippen. Der Hieb hatte gesessen. Die Teufelshexe taumelte und glitt mit einem erstickten Schrei über das Geländer des offenen Fensters. Doch sie war noch nicht bereit zum Sterben. Krampfhaft keilte sie sich mit den nackten Füßen am Geländer fest. Zum Schreien war sie zu stolz, das hätte ihren Ruf ruiniert. Sie stöhnte nur leise. Ich sah, dass ich nachhelfen musste. Mit beiden Händen hob ich ihre Füße ein wenig an, befreite sie vom Geländer – und ließ sie fallen. Kopfüber stürzte die Zauberin etwa sechs Meter tief auf betonierten Boden. Sie war noch nicht völlig tot. Noch einmal hob sie ihren Kopf, der nicht einmal eine Platzwunde aufwies, und versuchte stöhnend aufzustehen. Dies gelang ihr aber nicht mehr. Sie verfiel in konvulsive Zuckungen. Und dies war dann das Ende.
Zufrieden mit meinem Werk wandte ich mich endlich ab. Aber da begann sich der Saal, in dem ich mich befand, schon mit maskierten Sektenmitgliedern zu füllen. Meine Tat konnte nicht unentdeckt bleiben, und – kein Zweifel – es musste offenbar werden, dass ich der Täter war. Mit verzweifelter Miene wandte ich mich an zwei Maskierte, die mich fragend anblickten: »Ein schreckliches Unglück… ich kam gerade zufällig vorbei… unsere Führerin…« Auf den Lippen der beiden Herren malte sich ein Lächeln, als sie hinaus auf den beleuchteten Vorplatz blickten.
»Mein Herr, Sie sind ein Glückspilz«, sagte der eine von ihnen.
»Wie… wie soll ich das verstehen?«, stammelte ich.
»Sie haben den ersten Preis gewonnen – fünfhunderttausend Euro!«
»Bitte?«
»Wissen Sie nicht? Auf den Tod Zagrebas ist ein Preis gesetzt. Sie selbst hat ihn bestimmt. Wer die Führerin sterben sieht oder ihren Tod verursacht, kriegt fünfhunderttausend Euro. Das hat sie nämlich gewettet – weil sie sich selber für unsterblich hielt.«
»Aber ist das nicht trotzdem schrecklich?«, fragte ich unsicher.
»I wo, der Teufel hat sie geholt. Das ist das größte Glück für einen Satanisten.«
Von allen Umstehenden wurde ich beklatscht. Die Nachricht von meinem Glück verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und durch die Säle rauschten Wogen von Beifallsrufen. Manche wollten von mir wissen, ob ich Zagreba selber getötet hätte, was ich beharrlich verneinte, sie aber glaubten mir nicht und bewunderten meinen Todesmut. Sie hätten vor den Zauberkräften ihrer Führerin zu großen Respekt gehabt. Ob ich denn die Position der Führerin Zagreba übernehmen und sie zum Heil der alten Götter führen wolle, die Rache an Jesus Christus vollendend?
Ich lehnte dankend ab.
Dann führte man mich in die Verwaltungsabteilung, und mir wurde ein Scheck von fünfhunderttausend Euro ausgehändigt. Man sagte mir auch, ich könne mich ruhig noch einmal in allen Räumen umsehen und mitnehmen, was mir gefalle. Das sei in der Belohnung inbegriffen. Bald würde die große Zauberin wieder auferstehen, alle ihre Feinde vernichten und die Herrschaft über die Welt übernehmen. Sie dankten mir dafür, dass ich das Werk vollendet hätte, das zur Auferstehung und Weltherrschaft der großen Zauberin führen solle. Erneut trug man mir an, ob ich denn nicht bis dahin die Führerschaft und Organisation der Sekte übernehmen wolle. Neue Menschenopfer müssten bestimmt werden, und das könne nur eine starke Persönlichkeit wie ich. Wieder lehnte ich dankend ab.
Bevor ich ging, inspizierte ich noch einmal sämtliche Räume des Gebäudes, die noch unbesucht waren. Hier fand ich verschiedene Menschenschädel. Einige stammten von Vormenschen. Den meisten hatte man durch eine Säure den Kalk entzogen und sie ganz weich gemacht, sodass ich sie leicht zusammenfalten und in eine Plastiktüte stecken konnte. Als Mediziner freut man sich natürlich über Totenschädel, ich hatte eine rege Vorliebe dafür, und so sammelte ich, was ich kriegen konnte.
Froh, mit dem Leben davongekommen zu sein, holte ich den Jungen ab und nahm ein Taxi. Den Jungen lieferte ich am nächsten Polizeirevier ab, wobei ich mich als Geheimagent 667 auswies und der Polizei den Auftrag erteilte, ihn in Sicherheit zu bringen, bis die Sekte aufgelöst und ihre Mitglieder in Gewahrsam genommen seien. Auch gab ich sämtliche Informationen zur Sekte, die die Polizei benötigte. »Ich bitte um Vorsicht«, fügte ich hinzu, »diese Leute sind komplett verrückt und völlig unberechenbar.«
Meine Schädelsammlung behielt ich. Erst später fiel mir ein, dass sie eventuell von Opfern der Sekte stammen könnten und es besser gewesen wäre, sie der Polizei zu übergeben. Auf dem Nachhauseweg erzählte mir der Taxifahrer von seiner finanziellen Notlage und dem sozialen Dilemma, in dem seine Familie stecke. Von Mitleid ergriffen überreichte ich ihm den Scheck mit den fünfhunderttausend Euro. Ihm rollten Tränen über die Wangen, als er ihn entgegennahm.
Noch in derselben Nacht fand eine Massenverhaftung statt. Leider konnte mein Kollege nur noch tot geborgen werden. Berufsrisiko. Er hatte sich offensichtlich verdächtig gemacht, und man hatte ihm die Tötung des Kellners zugeschrieben; seine Leiche wurde neben der des Kellners gefunden. Die Mutter des geretteten Jungen, eine schüchterne Frau, wurde aus der Gewalt der Sekte befreit und ihr zu ihrer Freude das Kind zurückgegeben. Mit den Rädelsführern gab es später noch Probleme. Man wagte es nicht, sie ins Gefängnis oder in die forensische Psychiatrie zu stecken, denn sie hätten im Gefängnis die Gefangenen und in der Psychiatrie die Patienten mit ihrer Lehre angesteckt. Deshalb hatte eine Abteilung des staatlichen Geheimdienstes die Aufgabe übernommen, sie aus dem Verkehr zu ziehen. Man unterzog sie heimlich chirurgischen Gesichtsoperationen, die von ehemals arbeitslosen, nun im Geheimdienst arbeitenden Kollegen vorgenommen wurden, fälschte ihre Papiere und schob sie als illegale Asylbewerber in den Irak ab, wo sie zum Tode durch den Strang verurteilt wurden.
Eine gewisse Komplikation ergab sich daraus, dass einige dieser Leute gegenüber dem Geheimdienst ausplauderten, dass ich unrechtmäßig fünfhunderttausend Euro von ihnen erhalten hätte. Ich verteidigte mich damit, dass ich angab, ich hätte sie völlig rechtmäßig erhalten. Aber die Sektenmitglieder hielten mir entgegen, dass die Voraussetzung, die Prämie zu erhalten, die Mitgliedschaft in der Sekte gewesen sei, die man mir irrtümlicherweise unterstellt habe, die aber nicht zutreffe. Letzteres musste ich freilich zugeben. Da nun die Sekte aufgelöst war, sollte das Geld in den Besitz des Geheimdienstes übergehen. Ich jedoch gestand erleichtert, dass ich es nicht mehr hätte. Ich hätte es einem Taxifahrer geschenkt, als ich mich noch in gutem Glauben an seinen rechtmäßigen Besitz befand. Gegen den Taxifahrer aber ließ sich nicht ermitteln, da er sonst erfahren hätte, dass ich Mitglied im Geheimdienst war. Und meine Identität durfte auf keinen Fall preisgegeben werden. So war ich zufrieden, ein gutes Werk getan zu haben.
Bei einem weiteren Auftrag handelte es sich um ein Zombievirus, dessen Existenz nicht ans Licht der Öffentlichkeit gelangen sollte. In Nordafrika waren die ersten Opfer einer Zombieseuche bekannt geworden. Ich wurde als Psychiater beauftragt, in Nordafrika Seuchenkranke zu behandeln. Mehrere Kollegen vom Geheimdienst arbeiteten mit mir zusammen. Unter anderem ging es darum, ein Heilmittel gegen das Virus zu finden. Mehrere Untersuchungen mit einem bestimmten Vakzin hatten schon stattgefunden, und es stand die Testphase am Menschen an. Da der Kollege an dem entscheidenden Tag erkrankt war – er hatte sich wohl das Zombievirus geholt –, fiel die Aufgabe an mich, das Gegenmittel zu injizieren. Ich tat gewissenhaft meine Pflicht. Leider herrschte ein Mangel an Spritzen und Nadeln, sodass ich dieselbe Nadel mehrmals verwenden musste. Und der Effekt war, dass auch sämtliche Gesunde, die ich mit dem Gegenmittel impfen wollte und die vor dem Lazarett Schlange standen, mit dem Zombievirus infiziert wurden. Das hatte ich freilich nicht bedacht. Erst am Abend des Tages, an dem ich rund dreitausend Afrikaner geimpft hatte, alle mit fünf verschiedenen Nadeln, ging mir ein Licht auf. Ich geriet schier in Panik. Ich wusste gar nicht, wie ich die Misere dem erkrankten Kollegen beibringen sollte. Ich fürchtete, von ihm zur Sau gemacht zu werden. Der aber erschien am nächsten Morgen als Zombie und versuchte mich zu beißen. Unter dem Motto: »Lieber Sau als Zombie« banden wir ihn fest und rammten ihm die Spritze in den Leib. Er erholte sich nicht. Das Vakzin hatte versagt.
Auch meine Patienten dankten mir die Impfung nicht. Gegen Nachmittag wurde das Lazarett von ihnen umlagert. Sie alle waren zu Zombies geworden, ich hatte dreitausend Menschen infiziert. Dem Ansturm der Menge hielt unsere Bude nicht stand. Sie kamen durch Fenster und Türen und sprengten sogar die Wände, denn das Lazarett bestand aus Blech und Holz. Meine Kollegen wurden regelrecht überrannt, Widerstand war zwecklos. Es war nicht so, dass sie aufgefressen wurden, wie man dies aus herkömmlichen Zombiefilmen kennt. Sie wurden lediglich gebissen, freilich aber kräftig. Darauf ließ man sie in Ruhe. Offenbar hatten die Zombies nur ein Interesse daran, ihre Art zu vermehren. Es waren keine tumben Geschöpfe, sie bewiesen Intelligenz; einen nach dem anderen meiner Kollegen schalteten sie aus. Traurig ihrem Zombiedasein entgegenharrend saßen sie zusammengekauert in einer Ecke. Ich entkam als Einziger schwimmend im Fluss. Zu Fuß und auf einem vergammelten Fahrrad floh ich durch verschiedene Ortschaften, bis ich das nächste Schiff erreichte. Hier erfuhr ich über mein Diensthandy, dass ähnliche Missgeschicke wie das meine auch in anderen Teilen Afrikas geschehen seien und ganze Pilgerzüge von Zombies sich auf Schiffen und Flugzeugen auf dem Weg nach New York befänden. Ich wurde sofort dorthin beordert, um nach den Rechten zu sehen.
Während ich telefonierte, schnappte ein niedliches Mädchen mit scharfen Zähnen nach meiner Hand. Reflexartig zog ich die Hand zurück, und das Handy entglitt mir und fiel über Bord. In der Hektik muss ich auf den Drücker zum Mithören gekommen sein, denn aus dem fallenden Handy erklang die Stimme meines Chefs: »667? Mensch, melden Sie sich, 667! Was ist denn los mit Ihnen, 667?«
Platsch! Die Reisegäste griffen nicht ein. Aller Augen richteten sich gierig auf mich. Dann gingen die Leute zum Angriff über. Das kleine Mädchen, das immer weitere Versuche unternahm, nach meinen Gliedern zu haschen, konnte ich gerade noch mit den Füßen abwehren. Aber die Menge rückte immer näher. Eine hübsche Lady pirschte sich an mich heran und biss mir in den Finger. Aber sie hatte Pech: Ich hatte mich tags zuvor in den Finger geschnitten, und da kein Verbandszeug aufzutreiben war, hatte ich mir einen metallenen Fingerhut aufgestülpt, den ich mit fleischfarbenem Pflaster überzogen hatte. Es knirschte laut; die Lady hatte sich zwei Zähne ausgebissen. Den Überraschungseffekt nutzend ließ ich mich in einem Beiboot hinunter.
»Lasst ihn nur, er kommt nicht weit«, kommentierte jemand mit hohler Stimme. »Bald wird er einer von uns sein!«
Diesen Glauben ließ ich ihnen gerne, während ich mich mit kräftigen Ruderschlägen vom Schiff entfernte.
Halb verdurstet wurde ich drei Tage später von einem anderen Schiff aufgenommen. Aber auch hier wütete, wie sich herausstellte, die Zombieseuche. Zusammen mit Nichtinfizierten rettete ich mich auch hier in einem Beiboot. Und so erreichten wir endlich Südfrankreich. Von dort aus nahm ich ein Flugzeug nach New York.
Ich war nicht einmal allzu überrascht, als sich herausstellte, dass drei Viertel der Besatzung aus Zombies bestanden. Wer es nicht war, der wurde kurze Zeit später im Club willkommen geheißen. Ich rettete meine Persönlichkeit, indem ich mich einer List bediente, die ich während meines Kurzlehrganges zum Agenten erlernt hatte: Ich gab mich als Zombie aus. Das war recht einfach: Ich brauchte nur keine Furcht zu zeigen und so zu tun, als wäre ich einer. Leider verriet ich mich unfreiwillig während des Anfluges auf New York, indem ich einen vermeintlich Übriggebliebenen öffentlich biss und ihm zuflüsterte: »Und nun tun Sie so, als wären Sie ein Zombie. Ich bin nämlich keiner!«
Aber er war einer. Er teilte es sofort den anderen mit, sodass ich entlarvt war. Diese Zombies waren überraschend clever. Ich war auf eine Zombiefalle hereingefallen, die darin bestand, dass einige von ihnen sich als Nichtzombies ausgaben, um eventuelle wirkliche Nichtzombies, die sich in ihrer Not als Zombies ausgaben, zu entlarven. Natürlich schämte ich mich, dass ich als Psychiater auf einen derart faulen Trick hereingefallen war. Aber es war nun zu spät. Und auch zur Schamesröte blieb mir nun keine Zeit mehr. Von Passagieren verfolgt, die sich mit Siegesschreien auf mich zu stürzen versuchten, kämpfte ich mich zum Cockpit vor. Ich machte von meiner Dienstpistole Gebrauch, indem ich die Gegner mit Kopfschüssen zu erledigen suchte, so wie ich es aus Zombiefilmen kannte. Aber es fruchtete gar nichts, die Kerle spotteten nur; sie kamen wohl völlig ohne Gehirn aus. Der Kapitän, der wohl die Schießerei vernommen hatte, war so freundlich, mir die Tür zu öffnen. Dankbar nahm ich die Einladung an. Aber ich schauderte entsetzt zurück, als der Kapitän den Rachen öffnete und scharfe, blutige Zähne zeigte. Er hatte soeben die Copiloten gebissen. Vor Schreck fiel mir die Dienstpistole aus der Hand. Ich taumelte zurück und gab mich verloren, als ich einem nachrückenden Zombie in die Arme fiel. Mein Schrei war durchdringend und fuhr mir selber durch Mark und Bein. »Pscht!«, sagte der Zombie flüsternd, »ich bin ja einer von euch.«
»Woher weißt du denn, dass ich kein Zombie bin und nur so tue, als wäre ich keiner?«, flüsterte ich, noch immer misstrauisch, zurück.
»Das war nicht schwer herauszufinden. Kein Zombie schießt auf andere Zombies.«
Da musste ich ihm allerdings Recht geben. »Aber wir haben nun keine Zeit, die Sache weiter auszudiskutieren. Ich muss dich beißen, um echtem Gebissenwerden vorzubeugen.«
Und er biss mich so schmerzhaft in die Schulter, dass ich noch einmal laut aufschrie. Die Zombies klatschten in die Hände und waren nun von meiner Mitgliedschaft überzeugt.
»Den Fallschirm habe ich unter dem rechten Sitz in der sechzehnten Reihe versteckt«, flüsterte der Nicht-Zombie. »Meiner liegt in der Nähe.«
Ich, der ich mich nun frei bewegen konnte, ohne verfolgt zu werden, machte gute Miene zum bösen Spiel und zeigte grimmig lächelnd, so gut ich konnte, meine Eckzähne, um mich als Zombie auszuweisen, was die anderen mit Beifallsbekundungen quittierten. Gemächlich begab ich mich zur Reihe sechzehn und zog den Fallschirm hervor. »Und was soll ich nun damit anfangen?«, fragte ich laut.
»Nein! Doch nicht so! Doch nicht in aller Öffentlichkeit!«, entfuhr es dem Nicht-Zombie.
Damit freilich hatte er sich selbst als solchen zu erkennen gegeben. Flugs streckten sich zahlreiche Zombiehände nach ihm aus.
»Ich habe nur Spaß gemacht«, beteuerte er, aber man glaubte ihm nicht. Er wand sich unter den Händen der Zombies hindurch und griff nach meiner Dienstpistole. Er erwischte sie gerade rechtzeitig, zielte auf eines der Fenster und schoss. Die Scheibe platzte und ein starker Luftsog wehte alles fort, was nicht befestigt war. Sofort fielen die Zombies über ihn her und bissen ihn von allen Seiten.
»Fliehen Sie!«, stöhnte er. »Fliehen Sie, solange noch Zeit ist! Schnallen Sie sich den Fallschirm auf den Rücken, und dann rasch durchs Bullauge. Sie sind unsere letzte Hoffnung – die einzige Hoffnung der Menschheit!«
Mit diesen Worten sackte er unter den Bissen der Zombies zusammen. Ich zögerte nicht, seinen Anweisungen zu folgen, schon langten zahlreichen Zombiehände auch nach mir. Mit einem kühnen Sprung stürzte ich mich durch das Bullauge.
