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Stefanie Lorenz

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Beschreibung

Rain hat immer geglaubt, ein gewöhnlicher Mensch zu sein. Doch als ihre Welt in Trümmer zerfällt und sie in ein gefährliches Reich voller Monster gestoßen wird, muss sie sich schockierenden Wahrheiten stellen. Zwischen zwei verfeindeten Rudeln, gefangen in einem Netz aus Geheimnissen, Vorurteilen und blutigen Konflikten, entdeckt Rain nicht nur eine Bestie in sich, sondern auch eine unbekannte Macht. Während die Grenzen der Realität zerbrechen und ein uraltes Grauen sich regt, muss Rain ihre wahre Identität annehmen – oder alles verlieren, was ihr lieb ist. 'Unity: Das Erbe der Nachtgeborenen' ist eine packende Geschichte über Familie, Selbstfindung und den Kampf um das, was uns menschlich macht - selbst wenn wir es nicht sind.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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1

Das Gefängnis

Meine Geschichte beginnt in einem kleinen Dorf namens Coastal Rocks an einem Tag, von dem ich dachte, dass es mein letzter sei.

Coastal Rocks befand sich ganz im Westen des östlichen Kontinents auf einer Landzunge, die an einer hohen, schroffen Klippe abrupt endete. Dort oben trotzten die Häuser stur Wind und Wetter und boten Behaglichkeit und Schutz für ihre Bewohner. Beinahe jedes dieser Häuser beherbergte eine Familie. Nur diejenigen, die der Klippe am nächsten standen, wurden gemieden. Zwar hielten die Häuser den heraufziehenden Stürmen stand, jedoch brachen immer wieder Felsen aus dem Gestein, das unter der ständig wiederkehrenden Wucht der Wellen irgendwann nachgab. Das ein oder andere Haus war auf diese Weise schon im Meer verschwunden. Die Bewohner, welche rechtzeitig das Haus verlassen konnten, bauten meist am entgegengesetzten Ende des Dorfes ihr neues Heim auf.

Zu Coastal Rocks gehörten auch die angrenzenden Felder. Leider war es nicht einfach, hier etwas anzubauen, doch wir schafften es, uns wenigstens mit dem Nötigsten zu versorgen. Die wenigen Feldfrüchte wurden gerecht aufgeteilt und der nahe gelegene Wald versorgte uns ausreichend mit frischem Fleisch. Außerdem fuhr einer der Männer einmal im Monat nach Port Bay.

Das Nachbardorf war mit einem ausgeruhten Pferd innerhalb eines Tages zu erreichen. Es lag direkt am Meer und verfügte über einen Hafen, durch den Port Bay Anschluss zu anderen Kontinenten und deren Gütern genoss. Dort tauschten wir Felle, Holz und allerlei andere Dinge gegen neue Vorräte, die uns durch den nächsten Monat halfen.

Meist dauerte der Rückweg etwas länger, da man sich mit Nahrungsmitteln an manchen Stellen des Weges nur sehr behutsam bewegen konnte. Nicht etwa, weil Banditen und Wegelagerer auf arglose Passanten warteten, sondern weil man sich der Grenze gefährlich näherte.

Die Grenze war eine natürliche Schutzbarriere zwischen den Territorien der Menschen und der Gebiete der anderen Kreaturen, die noch auf diesem Planeten lebten. Jenseits dieses Energiewalls hausten allerlei Monster, von denen eines gefährlicher und tödlicher war als das andere. Keinem von ihnen wollte man allein und schutzlos begegnen und es war schon vorgekommen, dass der Geruch der mitgebrachten Speisen einige von diesen Monstern angelockt hatte. Zwar war die Grenze dazwischen, doch diese war kein unüberwindliches Hindernis. Mit genügend Willen und Anstrengung war es möglich, diese Barriere zu durchschreiten. Also deckte man die erworbenen Nahrungsmittel mit alten Decken ab und bewegte sich so leise wie möglich an den Engpässen vorbei. Aber zum Glück waren solche Überfälle eher selten und nicht die Regel.

Alles in allem hatten wir kein einfaches Leben, konnten uns aber auch nicht beschweren. Wir besaßen, was wir brauchten, und waren keiner unmittelbaren Gefahr ausgesetzt. Zumindest bis zu dem Tag, an dem sich alles ändern sollte. Der Tag, an dem sich ohne jede Vorwarnung die Energiebarriere verschob und Coastal Rocks komplett vom restlichen Kontinent abschnitt. Nun gab es keinerlei Möglichkeit mehr, um sicheren Weges nach Port Bay zu gelangen. Es gab keine Chance, die steilen und glatten Klippen hinunterzuklettern, und die wenigen, die es gewagt hatten, die Grenze zu überqueren und das Gebiet der Monster zu betreten, waren nie mehr zurückgekehrt.

Einer dieser Männer war mein Vater gewesen. Auch er war mit dem Vorsatz über die Grenze getreten, mit Vorräten für alle wiederzukommen. Ich weiß noch, wie meine Mutter geweint und gefleht hatte, er möge nicht gehen. Doch mein Vater hatte nur gelächelt, sie in den Arm genommen und ihr etwas ins Ohr geflüstert. Anschließend hatte er mich kurz an sich gedrückt, ehe er entschlossen in das Territorium der Monster getreten war. Das war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen hatte. Meine Mutter hatte schon nach wenigen Wochen damit aufgehört, auf meinen Vater zu warten, doch ich hoffte noch immer jeden Tag auf seine Rückkehr.

Das war nun schon ein Jahr her und die Situation in Coastal Rocks wurde allmählich wirklich bedenklich. Die Nahrungsvorräte wurden immer knapper und die Stimmung gereizter. Die Menschen im Dorf waren besorgt um ihre Verwandten in anderen Dörfern und je länger unsere missliche Lage anhielt, desto ungehaltener wurden sie. Schon wegen Kleinigkeiten konnte ein Streit ausbrechen. Es schien gerade so, als ob keiner dem anderen ein kleines bisschen Freude in seinem Leben gönnte. Jeder sprach immer nur davon, was er machen würde, wenn die Grenze wieder an ihren alten Platz zurückkehrte. Nur, dass niemand genau wusste, ob das tatsächlich auch geschehen würde.

In der Nacht vor jenem verhängnisvollen Tag warf ich mich unruhig im Bett herum. Es war mir ein Rätsel, wieso alle davon ausgingen, dass die Nacht ausschließlich zum Schlafen da sei. Früher, als mein Vater noch bei uns war, waren wir beide durch das Dorf gegangen, hatten uns auf Dächer gelegt und die Sterne dabei beobachtet, wie sie langsam über den dunklen Himmel krochen. Wir hatten dem Klang des Ozeans und des Waldes gelauscht. Ich sehnte mich jede Nacht zu diesen unbekümmerten Zeiten zurück und fand somit nur schlecht zu der inneren Ruhe, um einschlafen zu können.

Durch das offene Fenster wehte das Rauschen der Wellen in mein Zimmer herein. Selten hörte man ein lautes Platschen, wenn Felsen von der Gewalt des Meeres aus den Klippen gespült wurden und hinunter in die See fielen. Dazu mischten sich das Heulen der Wölfe und das Schreien der Nachtvögel im Wald, während der Wind rauschend durch die Baumkronen fuhr. Diese ganzen Geräusche lockten mich und brachten mich schließlich dazu, aus dem Bett zu steigen, zum Fenster zu schleichen und hinaus in die kühle Nachtluft zu klettern. Was brachte es denn schon, mich stundenlang im Bett herumzuwälzen und auf den Sonnenaufgang zu warten? Was brachte es schon, mich stundenlang im Bett herumzuwälzen und auf den Sonnenaufgang zu warten. Kurz verweilte ich noch vor unserem Haus und vergewisserte mich, dass ich die Einzige war, die einen Spaziergang unternehmen wollte. Aber wie in jeder anderen Nacht auch, blieben die restlichen Dorfbewohner in den sicheren Zufluchten ihrer Häuser.

Seitdem die Grenze so nahe an das Dorf herangerückt war, waren die Menschen hier vorsichtiger geworden. Wo es früher noch Feste gegeben hatte, die bis spät in die Nacht andauerten und von lauter Musik und ausgelassenem Treiben begleitet waren, dort herrschte nun Angst und Vorsicht. Sobald die Sonne unterging, sah jeder zu, schnell in seine vier Wände zu gelangen und Türen und Fenster fest verschlossen zu halten. Bisher war noch nichts passiert, aber allein die Vorstellung, dass eines der Monster die Barriere überwinden könnte und durch Coastal Rocks streifte, ließ jeden bangend im dunklen Heim verweilen.

Sollte meine Mutter jemals von meinen nächtlichen Ausflügen erfahren, wäre ich in großen Schwierigkeiten. Wie die anderen fürchtete sie sich vor der Dunkelheit. Allerdings hatte sie diese Angst auch schon vor der Grenzverschiebung begleitet und wurde durch jenes Ereignis nur noch verstärkt. Am liebsten hätte sie mich immerzu um sich herum, um sicherzugehen, dass ich mich nicht der Grenze näherte und in Sicherheit war.

Nur dank meines Vaters war es mir vergönnt gewesen, die Schönheit der Nacht kennenzulernen und bewundern zu können. Ich hatte gelernt, die Dunkelheit und die Möglichkeiten, die sie mit sich brachte, zu lieben. Meine Augen hatten sich allmählich an die ständig wiederkehrenden Zeiten ohne Licht gewöhnt und so war es mir mit der Zeit gelungen, den Weg auch in mondlosen Nächten zu finden.

So auch heute. Ohne Probleme gelangte ich zielsicher zu den Klippen. Das Meer war bei Nacht immer ein ganz besonderer Anblick. Eine schwarze, rauschende Masse, die nur den glitzernden Schein des Mondes reflektierte und auf der Oberfläche tanzen ließ. Beinahe jede Nacht sah ich mir dieses schöne Schauspiel der Natur an und konnte mich nicht daran sattsehen.

Doch der Weg zum Meer hieß auch jedes Mal, sich dem zu stellen, was uns dereinst wohl blühte. Nachdem man zwischen den bewohnten Häusern entlanggegangen war, kam man in eine Gegend, in der zuerst leerstehende Gebäude auftauchten und schließlich von Ruinen abgelöst wurden.

Monat für Monat, Jahr für Jahr, brachen Teile der Klippe ab und fielen ins Meer. Wellen und Wind zerrten so an dem Gestein, bis sie endlich die Struktur so zerstört hatten, dass ein Felsen sich löste und unter lautem Getöse in die aufspritzende See stürzte. Das hatte zur Folge, dass auch schon das eine oder andere Gebäude diesem Schwund zum Opfer gefallen war und im Ganzen oder nur zum Teil ebenfalls seinen Weg hinunter in die Fluten gefunden hatte. Und irgendwann würde die Klippe uns einholen, und es hieße entweder, sich den Monstern hinter der Grenze zu stellen oder im freien Fall die Klippen hinabzuspringen und auf den spitzen Felsen zu zerschellen.

Ein Schrei ließ mich abrupt innehalten und ein schwarzer Schatten flog an mir vorbei.

„Keine Sorge“, sprach ich in die Dunkelheit. „Ich falle schon nicht die Klippen hinunter.“

Der Adler landete krächzend auf einer Ruinenmauer und behielt mich scharf im Auge. Manchmal konnte ich es selbst noch nicht glauben, dass dieser Vogel nun stets und ständig an meiner Seite war. Vor wenigen Monaten war er, als ich mich gerade auf dem Feld befand, aus dem Himmel herabgeschossen und hatte mich vor einer Giftschlange beschützt, die ich nicht bemerkt hatte. Seitdem war dieser Adler immer in meiner Nähe, auch wenn ich ihn manchmal nicht sehen konnte. Er passte auf mich auf und im Gegenzug brachte ich ihm die Mäuse, die sich ab und an in unser Haus verirrten.

Unter missbilligendem Flügelschlagen des Adlers setzte ich mich und ließ die Beine über den Rand der Klippe hängen. Als ich nicht reagierte, schrie der Vogel erneut, kratzte mit seinen Krallen über den Stein und verursachte mir damit eine Gänsehaut. Nur, damit er damit aufhörte, rutschte ich ein wenig zurück und saß nun auf festem Grund.

Ich betrachtete die schimmernden Lichtreflexe auf der Meeresoberfläche und ließ meinen Blick weiter hinaus zum Horizont schweifen. Dort hinten, wo sich der Himmel vom strahlenden Glanz einer Stadt erhellte, befand sich ein anderer Kontinent. Ein Kontinent, auf dem es keine Monster gab. Ein Kontinent, auf dem man sich nicht ständig fürchten musste. Dorthin wollten meine Mutter und ich eines Tages ziehen. Wo ein Leben ohne Angst und Entbehrungen auf uns wartete.

Nur wenige Meter neben mir brachen die nächsten Felsbrocken aus der Klippe heraus und fielen in die Dunkelheit. Ich hörte, wie der Stein unter mir knirschte und knackte, wenn die Wellen an die Klippen brandeten und mich ebenfalls mahnten, dass dies kein guter Ort zum gemütlichen Verweilen war.

Wahrscheinlich zur Erleichterung des Adlers trat ich den Heimweg an. Als ich schon beinahe angekommen war, drang der Ruf eines Wolfes durch die Nacht. Vorher hatten mehrere von ihnen gesungen, doch nun war es nur noch einer. Sein Heulen klang so einsam, dass es mir beinahe das Herz zerriss. Ohne darüber nachzudenken, lief ich an unserem Haus vorbei und auf die Grenze zu.

Auch in diesem Teil des Dorfes war alles ruhig und kein einziges Licht brannte in den zugezogenen Fenstern. Man befürchtete, dass der Schein des Feuers, der einen eigentlich wärmen und schützen sollte, die Monster erst recht aus dem Wald lockte und noch dazu animierte, die Grenzlinie für die Jagd zu überschreiten.

Die Nackenhaare stellten sich mir auf, als ich mich der Energiebarriere näherte. Der Adler flog mit rauschenden Flügeln an mir vorbei, als stumme Warnung, nicht weiterzugehen. Selbst er machte angesichts der möglichen Gefahr, in der wir uns befanden, keine überflüssigen Geräusche. Doch auch so hätte ich niemals freiwillig und dann auch noch bei Nacht diese Grenze übertreten.

Bei Tageslicht konnte man dahinter die alten Gebäude des Dorfes sehen. Zwar waren diese noch nicht wirklich viele Jahrzehnte alt, doch das Wetter und die wilden Monster hatten ihnen schon übel zugesetzt. Türen hingen schief aus den Angeln, Fensterscheiben waren zerbrochen und zeigten, wie sich ihre zerrissenen Gardinen im Wind bewegten. Manche Dächer waren eingefallen und von Pflanzen überwuchert. Es war traurig und deprimierend, diesen Verfall Tag für Tag mit ansehen zu müssen und nichts dagegen unternehmen zu können. Einige wenige Häuser schienen noch komplett unversehrt zu sein und luden regelrecht dazu ein, es sich in ihnen gemütlich zu machen, aber niemand war verzweifelt genug, um dieser Verlockung zu folgen. Schließlich waren da die Monster, die vollkommen ungehindert auf jener Seite der Grenze agieren konnten. An manchen Tagen konnte man frische Fußspuren hinter der Grenze erkennen. Es schien so, als ob die Monster versuchten, eine Stelle in der Energiebarriere zu finden, die sich leichter durchschreiten ließ. Zum Glück sind sie bis heute wohl noch nicht erfolgreich gewesen.

Eine Bewegung zwischen den verlassenen Ruinen zog meine Aufmerksamkeit an. Obwohl es mir möglich war, auch in den dunkelsten Stunden nicht vollkommen blind zu sein, fiel es mir schwer, das Etwas zwischen den Mauern zu erkennen. Schließlich glaubte ich, drei winzige leuchtende Augenpaare zu sehen, die auf mich gerichtet waren.

Gleich drei Ungeheuer waren in dieser Nacht hierhergekommen und ich musste ihnen auch noch ausgerechnet vor die Nasen laufen. Erschrocken blieb ich stehen, in der Hoffnung, dass die drei zu dem Schluss gelangen würden, dass die Grenze zwischen uns lag und es viel zu anstrengend wäre, zu mir zu gelangen. Mit etwas Glück würden sie sich einfach umdrehen und wieder im Wald verschwinden.

Als hätten die drei Monster meine Gedanken gelesen, setzten sie sich in Bewegung. Ich war schon heilfroh, dass ich nicht als Mitternachtsimbiss enden würde, bis mir mein Fehler bewusst wurde. Die drei Augenpaare liefen nicht, wie angenommen, von mir weg, sondern auf mich zu. Die Angst hielt mich an Ort und Stelle, während mein Verstand mir sagte, dass ich schreiend davonlaufen sollte. Doch ich konnte nicht einen Muskel rühren. Pfoten trommelten über den Boden und ich hörte keuchenden Atem und aggressives Fauchen. Und schließlich, als uns nur noch wenige Meter trennten, ging mir auch mein zweiter Fehler auf. Es handelte sich keineswegs um drei Kreaturen, sondern nur um ein Ungeheuer mit drei Köpfen.

Geboren mit dem Kopf einer Ziege, eines Löwen und einer Schlange, war die Chimäre so ziemlich eines der gefährlichsten Monster auf diesem Kontinent. Von den offensichtlichen Krallen und Reißzähnen des Löwen einmal abgesehen, waren die anderen beiden Köpfe nicht minder bedrohlich. Der Ziegenkopf konnte alles in seinem Umkreis verbrennen, während ein Biss der Schlange ohne rechtzeitige Hilfe tödlich endete. Niemand, der noch bei Trost war, würde sich aus freien Stücken einer solchen Bestie stellen. Und nun stand ich einem solchen Monster gegenüber und war vor Angst wie gelähmt.

Die Chimäre kam mit riesigen Sätzen heran. Mordlust funkelte in den gelben Augen des Löwen und löste endlich die Starre, die meinen Körper befallen hatte. Ich lief rückwärts, stolperte über etwas am Boden und fiel hart auf meinen Hintern. Das Monster jedoch kam brüllend vor mir zum Stehen und ihre Krallen bohrten sich in die Erde. Der Ziegenkopf meckerte frustriert und spie mir eine Feuersalve entgegen, während der Schlangenschwanz aufgeregt hin und her peitschte. Die Flammen fegten, ohne größeren Schaden anzurichten, über mich hinweg.

Mein Herz hämmerte noch immer laut, als die Chimäre schließlich grollend von dannen zog. Ich dankte dem Himmel, dass sie nicht beschlossen hatte, die Strapazen auf sich zu nehmen und die Grenze zu überqueren.

Auf zittrigen Beinen kam ich hoch und schleppte mich bis in eine kleine Seitengasse, wo ich mich auf den Boden sinken ließ und das eben Geschehene verdaute. Ich fuhr zusammen, als der Adler mit gesträubtem Gefieder neben mir landete und leise vorwurfsvoll krächzte.

Der Morgen graute bereits, als ich endlich wieder daheim ankam. Nach und nach kehrte das Leben nach Coastal Rocks zurück. Vorhänge bewegten sich, Gespräche wehten durch geöffnete Fenster heraus und manch ein mutiger Bewohner traute sich schon aus den schützenden Wänden seines Hauses heraus.

Vorsichtig, um nicht doch noch von einem neugierigen Nachbarn oder meiner Mutter entdeckt zu werden, schlich ich mich an das Fenster meines Zimmers heran. Ich betete, dass meine Mutter noch selig schlief und meine Abwesenheit nicht bemerkt hatte. Normalerweise war ich immer weit vor Sonnenaufgang zurückgekehrt. Jedoch hatte mich die Begegnung mit der Chimäre so mitgenommen, dass ich die Stunden gebraucht hatte, um mich wieder zu fangen.

“Rain, wo warst du?”, hörte ich die aufgebrachte Stimme meiner Mutter, als ich gerade ein Bein über den Fenstersims hinein in mein Zimmer geschwungen hatte. Ein Geräusch erklang, von dem ich wusste, dass der Adler gerade mit fliegenden Federn die Flucht ergriffen hatte.

“Hi, Mom.”, sagte ich verlegen und zog mein Bein wieder auf die Straße. “Ich war nur kurz frische Luft schnappen.”

Ungläubig schnaubend kam meine Mutter näher. “Erzähl mir doch nichts! Ich weiß genau, dass du dich die halbe Nacht hier draußen herumgetrieben hast. Weißt du denn nicht, welche Sorgen ich mir gemacht habe? Du hättest tot sein können! Von der Klippe gefallen oder von irgendeinem Ungeheuer gefressen.”

“Mir ist nichts passiert, Mom.”, versuchte ich sie zu beruhigen. “Es ist alles in Ordnung.”

“Es ist nichts in Ordnung!”, schrie sie nun schon beinahe. Die vorbeikommenden Passanten schauten sich sensationsheischend nach dem Grund der morgendlichen Ruhestörung um.

Schuldbewusst bemerkte ich, dass die Hände meiner Mutter zitterten und tiefe Schatten unter ihren besorgt blickenden Augen lagen. Versöhnlich ging ich die letzten zwei Schritte auf sie zu und nahm ihre Hände in die meinen.

“Es geht mir gut, Mom.”, versicherte ich ihr noch einmal. “Dad hat mir doch beigebracht, mich nachts im Dorf zu orientieren. Glaub mir, mir kann hier draußen nichts geschehen.” Was diese Nacht passiert war, würde ich ihr wohl niemals erzählen.

“Woher willst du das denn wissen? Es sind nur noch so wenige aus unserem Dorf übrig. So viele sind in den Wald gegangen und nie wiedergekehrt. Sie sind einfach verschwunden. Er ist einfach verschwunden und hat uns im Stich gelassen. Ich will nicht, dass dir auch noch etwas zustößt.” Sie schluckte schwer und versuchte, die Tränen niederzukämpfen.

Ich nahm allen Mut zusammen, um meiner Mutter etwas zu sagen, das ich schon seit langem vermutete. “Mom, Dad lebt noch.”, sagte ich so zuversichtlich wie möglich. Es war mir unmöglich zu sagen, woher ich das wusste, aber ich hatte die absolute Gewissheit, dass er nicht tot war.

Sie schüttelte verbissen den Kopf. “Das ist unmöglich.” Ihre Stimme brach ab, sie zog ihre Hände zurück und drehte mir den Rücken zu.

“Ist es nicht.”, widersprach ich energisch. “Ich kann ganz eindeutig spüren, dass er noch irgendwo da draußen ist. Sicherlich gibt es einen triftigen Grund, weswegen er nicht zu uns zurückkommen kann.”

“Das reicht jetzt!”, sagte meine Mutter scharf. “Mach dich nützlich und hol Wasser und Holz.”

“Was?”, protestierte ich. “Ich bin müde.”

“Das ist dein Problem. Wer sich die ganze Nacht draußen herumtreiben kann, der kann auch morgens arbeiten.” Damit ging meine Mutter ins Haus und schlug die Tür hinter sich zu.

Resigniert ging ich hinüber zum Brunnen und begann den alten, rostigen Eimer hinabzulassen. Das Laufrad quietschte schrill unter dem Gewicht des vollen Eimers. Den ganzen Weg bis nach Hause grollte ich vor mich hin. Wie unfair es doch war, für etwas bestraft zu werden, was mir mein Vater erst beigebracht hatte. Für mich waren diese nächtlichen Alleingänge wesentlich wertvoller, als tatenlos auf einen sich nicht einstellen wollenden Schlaf zu warten. Außerdem fühlte ich mich dadurch meinem Vater näher, ganz so, als liefe er die ganze Zeit über neben mir her.

Ächzend hievte ich den schweren Eimer auf den Küchentisch und mein Blick fiel auf den Stapel Holz, der aufgetürmt neben der Feuerstelle lag und nur darauf wartete, benutzt zu werden. Das ließ mich an der Sinnhaftigkeit meiner zweiten Bestrafungsaufgabe zweifeln. Wieso sollte ich noch mehr Holz holen, wenn hier schon genügend Vorräte für die nächsten Tage lagerten? Ohne einen weiteren Gedanken an diese Aufgabe zu verschwenden, verließ ich das Haus erneut und wandte mich in Richtung der Felder.

Vereinzelt liefen mir Leute mit eingezogenen Köpfen und sich ängstlich umblickend über den Weg. Selbst bei Tageslicht beeilten sie sich, um schnell an ihr Ziel zu gelangen. Niemand wollte sich unnötig lange im Freien aufhalten. Sie alle sahen mich verwirrt und fassungslos an und konnten wohl nicht begreifen, wie jemand in aller Ruhe und noch dazu ohne Begleitung zu den Feldern ging. Es ging das Gerücht um, dass sich kleine Kreaturen zwischen den Pflanzen dort versteckten und sich auf verirrte Personen stürzten. Ich ignorierte ihre Blicke, wie ich es immer tat, wenn sie mich betrachteten wie etwas Unnatürliches.

Endlich erreichte ich die Felder und sehnte mich danach, mich auszuruhen und etwas zu schlafen. Die ausladenden Äste der Eiche, die als zentraler Mittelpunkt zwischen den Feldern stand, luden dazu ein, sich in ihnen zu verkriechen. Dieser Baum machte einen so mächtigen und unerschütterlichen Eindruck, als könne selbst die schlimmste Katastrophe ihm nichts anhaben. Und soweit ich zurückdenken konnte, konnte ich nur gute Erinnerungen mit diesem Ort verbinden.

Glücklich darüber, einen Platz zur Ruhe gefunden zu haben, kletterte ich in seine Äste und suchte mir eine sichere und bequeme Position. In dem wohligen Bewusstsein, immer eine Zuflucht zu haben, solange diese Eiche stand, schlief ich letztlich ein.

Der Ast unter mir erzitterte und rüttelte mich wach. Zuerst dachte ich, es wären die verblassenden Eindrücke aus meinen Träumen, doch ich musste erkennen, dass tatsächlich der Boden leicht bebte. Dann nahm ich das leise Summen in der Luft wahr, die seltsame Energie, die mir die Haare zu Berge stehen ließ und schließlich auch die nackte Angst, die eindeutig aus dem Dorf herübergeweht wurde. All diese Anzeichen kannte ich, da ich sie schon vor einem Jahr erlebt hatte. Schon damals waren all diese Sachen passiert, als sich die Grenze das erste Mal verschoben hatte.

Mit einem Sprung war ich vom Baum herunter und rannte zurück zum Dorf. Panische Menschen rannten mir entgegen und stießen sich gegenseitig aus dem Weg. Jeder achtete bloß noch auf sein eigenes Wohl. Verzweifelt versuchten sie herauszufinden, an welcher Stelle sich die Energiebarriere erneut aufbauen würde und liefen chaotisch mal in die eine und dann in die andere Richtung. Ein großer, kräftiger Mann schubste mich aus dem Weg und rempelte dann eine ältere Frau an. Diese stolperte und fiel bäuchlings auf den Boden, ohne dass sich der Mann auch nur einmal nach ihr umdrehte.

Ich war entsetzt, welche Verhaltensweisen die Dorfbewohner nun zeigten. Die alte Frau mühte sich ab, um wieder auf die Beine zu kommen und riskierte dabei die ganze Zeit, von der aufgeregten Masse zertrampelt zu werden. Also lief ich zu ihr herüber und half ihr auf. Der Adler schrie warnend auf, als ich einen Moment stehen blieb.

“Kommen Sie.”, sagte ich atemlos und zog an ihrem dünnen Arm.

Die Frau stöhnte und kam mit zitternden Knien wieder auf die Füße. “Ich danke dir, mein Kind.”, sagte sie und hielt sich an meiner Schulter fest.

“Kein Problem.”, beteuerte ich. “Gehen Sie nur schnell nach Hause und schließen die Tür ab.”

“Das macht keinen Unterschied mehr.”, seufzte die Frau resigniert und schüttelte den Kopf.

“Doch, macht es. Bringen Sie sich einfach in Sicherheit. Es wird bestimmt alles gut.”

“In diesem Dorf gibt es keinen Schutz mehr.” Auf einmal wirkte die Frau sehr alt und müde. Sie schien jegliche Zuversicht und Lebenswillen auf einen Schlag verloren zu haben.

Ohne ein weiteres Wort machte ich auf dem Absatz kehrt und rannte davon. Die Worte der Frau hallten noch immer in meinen Ohren nach, doch ich konnte und wollte das einfach nicht glauben. Wie damals schon würde die Grenze wieder auftauchen und wir konnten unser gewohntes Leben weiterführen. Ich musste einfach daran festhalten.

Doch zuerst musste ich unbedingt meine Mutter finden. Unter all den hektisch umhereilenden Menschen konnte ich sie nicht ausmachen. Ich sah nur, wie die meisten das Nötigste zusammenrafften, nach Familienangehörigen riefen und sich immer weiter den Klippen näherten. Keiner von ihnen konnte noch vernünftig denken, während ihnen die Todesangst im Gesicht stand.

Verzweifelt eilte ich zu unserem Haus zurück und warf die Tür krachend auf. Ich rief nach meiner Mutter, doch ich konnte spüren, dass sich niemand in diesem Gebäude aufhielt. Aufgerissene Schubladen und zerwühlte Sachen zeugten davon, dass jemand eilig nach etwas gesucht hatte. Und nur, um auch wirklich sicher zu sein, lief ich jeden Raum ab, griff nach der alten Lederjacke meines Vaters und warf sie mir hastig über. Das kalte Leder verursachte mir eine Gänsehaut, die ich zu ignorieren versuchte. Es gab jetzt Wichtigeres. Ich musste meine Mutter finden.

Gerade als ich aus dem Haus heraustrat, erklang ein spitzer Aufschrei, der mir bis ins Mark ging und schon nach wenigen Augenblicken abrupt abbrach. Eine eisige Stille legte sich über das Dorf, bevor mehrere Menschen aus Angst und Panik in den ersten Schrei einstimmten. Unter all den Stimmen konnte ich den Ruf des Adlers heraushören, der über mir kreiste und mir eindeutig zu verstehen gab, in Richtung Norden zu gehen.

“Nein”, rief ich über den Lärm der Menschen hinweg. “Ich muss erst meine Mutter finden.”

Sichtlich widerwillig folgte mir der Adler, als ich durch die engen Gässchen rannte und dabei immer wieder nach meiner Mutter rief. Aber ich wartete vergebens auf eine Antwort. Egal, wo ich auch suchte, sie war wie vom Erdboden verschluckt.

Dann wurde plötzlich das Gekreische lauter und die Männer fluchten haltlos. Alle wechselten die Richtung und flohen Hals über Kopf vor irgendetwas, das vor ihnen lag. Noch chaotischer wurde es, als etwas brüllte, das eindeutig kein menschliches Wesen gewesen war. Eine ungekannte Neugier ergriff mich, um zu erfahren, welche Kreatur eine solche Stimme haben könnte. Am Ende siegte dabei die Vernunft, da ich meine Mutter unbedingt in Sicherheit wissen wollte.

Auf der Suche nach ihr spähte ich in jedes Fenster und schaute hinter jede offenstehende Tür. Ich suchte hinter jeder Ecke und sah sogar in den wenigen dunklen Versteckmöglichkeiten nach, die Coastal Rocks zu bieten hatte. Dabei blieb ich immer auf der Hut vor dem Monster, das sich offensichtlich schon im Dorf herumtrieb.

Kurz hielt ich inne und überlegte, wo ich noch nicht nach meiner Mutter gesucht hatte, als ich ein lautes Fauchen und gleich darauf die schweren Schritte von großen Tatzen vernahm. Flink duckte ich mich hinter eine niedrige Mauer und hoffte, nicht von der Kreatur entdeckt zu werden.

Eine Chimäre sprang heran und schlug mit ihren Pranken nach den flüchtenden Menschen. Diejenigen, die diesen Hieben nicht ausweichen konnten, blieben meist reglos am Boden liegen oder schleppten sich stöhnend noch wenige Meter weiter, bevor der Löwenkopf seine Arbeit beendete. Frisches Blut klebte an dessen Maul und troff in langen Fäden von seinen Fangzähnen herunter, während die Giftzähne der Schlange begierig im mittäglichen Sonnenlicht blitzten. Mein Bauchgefühl sagte mir, dass dies eben jene Chimäre gewesen war, die mich schon in der Nacht angreifen wollte.

Unerwartet kam eine weitere Kreatur hinzu. Zwar war es keine zweite Chimäre, aber es stand dieser an Schrecklichkeit in nichts nach. Es war ein Mantikor, eine löwenähnliche Kreatur mit dem Gesicht eines Menschen und dem Schwanz eines Skorpions. Er schoss giftige, nadeldünne Pfeile aus seinem Schwanz auf die in Panik fliehenden Menschen. Die Getroffenen taumelten benommen, bevor sie dann zuckend zusammenbrachen. Das unheimliche, menschliche Gesicht des Mantikors schien zu grinsen und entblößte dabei seine raubtierhaften Zähne, bevor er sich auf seine Beute stürzte. Von der Jagd berauscht, wollte sich die Chimäre über die geschlagenen Opfer hermachen, wurde aber wütend von dem Mantikor zurückgedrängt, der jeden erlegten Menschen als seine Beute betrachtete. Die beiden Monster fauchten und keiften sich nun verbissen an.

Als ich schon dachte, es könne nicht mehr schlimmer werden, schossen etliche Werwölfe zwischen den Häusern hindurch und über die Dächer hinweg und jagten in Richtung der Klippen davon. Ein Schatten verdunkelte immer wieder die Sonne und ich wandte blinzelnd mein Gesicht dem Himmel zu. Es war unfassbar, doch ein Greif flog über Coastal Rocks hinweg und schien sich ebenfalls nach seiner nächsten Beute umzuschauen. Ich fühlte mich allmählich wie ein Lamm auf einer Schlachtbank, das nur noch auf den Schlächter wartete. Verzweifelt hoffte ich nur noch, dass meine Mutter und der Adler irgendwo weit weg einen Unterschlupf gefunden hatten und in Sicherheit waren.

“Rain, da bist du ja.”

Ich erschrak schrecklich, als meine Mutter mit eingezogenem Kopf herbeigeeilt kam. Sie sah erschöpft aus, blickte sich aber wachsam nach allen Seiten um.

“Mom, ein Glück.”, flüsterte ich erleichtert. Dann warf ich einen hektischen Blick über den Mauerrand. Die beiden Monster stritten sich noch immer um die toten Menschen am Boden. “Wir müssen hinüber zu den Klippen.”

“Nein”, zischte meine Mutter so laut, dass ich den Kopf einzog. “Geh nicht zu den Klippen.” Das sagte sie so bestimmt, dass ich an der Richtigkeit meiner Aussage zweifelte.

“Wieso nicht?”, fragte ich ratlos. “Die Grenze hat sich bestimmt wie früher nach Norden verschoben. Wir müssen sie nur erreichen und dann sind wir gerettet.”

“Nein, das wäre dein Tod.”, sagte sie nachdrücklich.

“Wir kommen schon irgendwie an den Monstern vorbei und …”

“Das meine ich nicht.” Kopfschüttelnd nahm sie meine Hände und im selben Moment krachte etwas, als würden Bäume aus dem Boden gerissen und umgeworfen. Etwas Großes schien sich seinen Weg durch den Wald auf Coastal Rocks zu bahnen. Nervös sah ich zu den beiden Kämpfenden hinüber. Auch sie hatten kurz mit ihrer Rauferei aufgehört und blickten in die Richtung, aus der der Lärm kam. Dann wandten sie sich ab und bissen und kratzten sich gegenseitig weiter um ihre geschlagene Beute.

“Hör mir zu, Rain.”, sagte meine Mutter eindringlich und ließ mich meine Aufmerksamkeit wieder auf sie richten. “Selbst wenn sich im Norden die Barriere wieder aufbauen sollte, können wir nicht wissen, wie viel des Dorfes dieses Mal noch übrigbleibt. Willst du denn wirklich dein restliches Leben auf einigen wenigen Metern verbringen und dabei zusehen, wie Tag für Tag mehr davon im Meer verschwindet? Coastal Rocks ist ein Gefängnis, das war es schon das gesamte letzte Jahr. Ich kann nicht mehr mit ansehen, wie du deine Zeit hier in Gefangenschaft verschwendest.”

Ein markerschütterndes Brüllen ließ uns noch weiter zusammenkauern und die Hände schützend über die Ohren legen. Die Steinmauer erzitterte unter dem bestialischen Geräusch.

“Du musst nach Port Bay.”, fuhr meine Mutter fort, als der Laut endlich verklungen war.

Ich erstarrte. Um nach Port Bay zu gelangen, mussten wir durch das Gebiet der Monster reisen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit lief man dort Gefahr, angegriffen und getötet zu werden. Das mit heiler Haut zu schaffen, war geradezu unmöglich. Allein bei der Vorstellung wurde mir übel.

“Das kann ich nicht.”, sagte ich atemlos.

“Du kannst das ganz sicher. Deswegen war ich die Nacht so besorgt. Ich hatte Angst, dass du herausgefunden hast, dass du die Einzige von uns bist, die die Möglichkeiten dazu besitzt, diesen Wald zu durchqueren. Ich fürchtete, du würdest losziehen und mich allein zurücklassen. Das war egoistisch von mir, das sehe ich jetzt ein.”

Meine Mutter musste den Verstand verloren haben. Niemand, und schon gar nicht ich, konnte unbeschadet durch diesen Wald voller Ungeheuer hindurchkommen. Es war viel wahrscheinlicher, dass ich innerhalb der ersten zwei Minuten gefressen wurde. Aber wenn sie mir schon dieses Geständnis machte, war eventuell doch etwas Wahres daran. Vielleicht gab es doch etwas, das mein Vater mir beigebracht hatte, was uns durch diese Gefahrenzone half. Und schließlich musste ich auch zugeben, dass sie Recht hatte. Das Stück des Dorfes, das unter Umständen vielleicht dann noch auf der richtigen Seite der Grenze lag, konnte kein erstrebenswertes Leben mehr bieten. Es erschien wirklich sinnvoller, die Gelegenheit zu nutzen, sich nach Port Bay durchzuschlagen und von dort aus einen neuen Anfang zu wagen.

“Okay, Mom.”, stimmte ich zu. “Lass uns gehen.”

“Nein”, widersprach meine Mutter erneut und ihr stiegen die Tränen in die Augen. “Du musst allein gehen. Ich würde dich nur aufhalten und unnötig in Gefahr bringen. Ich versuche, die Klippe zu erreichen, und so das Glück uns hold ist, wird sich die Barriere dort wieder errichten. Du kannst unterdessen Hilfe holen, um uns von diesem Stück Ödland herunterzuholen.”

“Ich lasse dich hier nicht zurück!”, protestierte ich laut. Ein alarmiertes Fauchen und das Meckern des Ziegenkopfes der Chimäre ließen uns sofort verstummen. Bang warteten wir darauf, ob mein ungebremster Ausruf die beiden Monster auf uns aufmerksam gemacht hatte. Doch nur Sekunden später war wieder der übliche Tumult der beiden Bestien zu vernehmen.

“Du musst jetzt gehen, Rain.”, sagte meine Mutter nachdrücklich und riss eine Latte aus dem Gartenzaun gegenüber. “Ich werde sie so lange ablenken.” Kampfbereit hielt sie das Stück Holz in den Händen. Ein alter, rostiger und krummer Nagel ragte aus dem einen Ende gefährlich heraus und machte daraus eine nicht zu unterschätzende Waffe. “Vergiss niemals, dass ich stolz auf dich bin, egal, was noch geschehen mag.”

Meine Kehle schnürte sich zusammen und ich bekam kein Wort mehr heraus. Wie in Zeitlupe sah ich zu, wie sie mit gestrafften Schultern aufstand und die Planke bereithielt. Ich wollte nicht, dass das geschah, was sie vorhatte. Ich wollte mit ihr fliehen und sie nicht mit diesem ausweglosen Kampf im Stich lassen. Verzweifelt rasten meine Gedanken um diese eine Frage. Was konnte ich machen, um meine Mutter zu retten? Doch es fiel mir nichts ein. Es gab schlicht und einfach keine reale Lösung, um diese Situation zu entschärfen.

“Lauf los!”, rief meine Mutter, sprang über die niedrige Mauer und rannte mit gezückter Waffe auf die Chimäre und den Mantikor zu.

Weinend kam ich auf meine plötzlich kraftlosen Beine. Ich hörte, wie die Monster knurrten, meine Mutter schrie und den dumpfen Aufschlag von Holz. Eine der Bestien heulte schmerzerfüllt auf und brüllte dann wütend, sodass es alle anderen Geräusche in der Umgebung übertönte.

Die Sorge um meine Mutter brachte mich dazu, umzukehren, doch sogleich flog mir der Adler in den Weg, stieß mir die Krallen in die Schultern der Lederjacke und zerrte mich weiter in die richtige Richtung. Ich lauschte auf den Kampflärm, bis ich ihn einige Häuser weiter nicht mehr hören konnte.

Es war wichtig, dass ich trotz alledem, was um mich herum passierte, einen klaren Kopf behielt. Ich durfte mich jetzt nicht in der Vorstellung verlieren, was meiner Mutter dort zustoßen könnte. Das Erste, was ich brauchte, war ein Versteck. Einen Ort, an dem ich mich erst einmal verkriechen konnte, bis das alles hier vorbei war. Irgendwann mussten diese Kreaturen ja das Interesse verlieren und wieder dahin gehen, wo sie hergekommen waren. die einzige Möglichkeit für ein brauchbares Versteck, die ich im Moment sah, war der Wald. Nur leider trennten mich die verfallenen Ruinen von den rettenden Bäumen.

Vorsichtig bewegte ich mich weiter voran, blickte mich nach allen Seiten um und duckte mich, wenn ich eine Bewegung zu erkennen glaubte. Als ich schließlich die ehemalige Grenzlinie überschritt, kribbelte meine Haut von der wenigen verbliebenen Restenergie in der Luft. Es würde nur ein paar Stunden dauern, dann wäre auch dieses Phänomen zusammen mit der alten Grenze vollends verflogen.

Mit hämmerndem Herzen erreichte ich die ersten Mauerreste und sah erleichtert, dass ich der Baumgrenze schon etwas nähergekommen war. Zwar war diese nach wie vor noch ein ganzes Stück entfernt, aber das hauptsächliche Chaos spielte sich innerhalb von Coastal Rocks ab.

In regelmäßigen Abständen bebte der Boden, als ob dieses riesige Etwas immer näherkam. Es arbeitete sich langsam durch die dicht beieinanderstehenden Bäume und ließ ihre Wipfel schwanken. Da ich mich auch noch darauf zubewegte, erschien mir mein Unterfangen noch auswegloser. Am liebsten wäre ich sofort wieder umgekehrt und hätte versucht, mich zu den Klippen zu bewegen. Ein Sprung von diesen erschien mir gerade erfolgversprechender als die Aussicht, weiter auf dieses gigantische Wesen zuzulaufen.

Ein zweites Rudel Werwölfe brach aus dem Unterholz. In Panik rannte ich hinüber zu einer der Ruinenmauern und duckte mich mit angehaltenem Atem in ihren Schatten. Da rannten die ersten auch schon an mir vorbei. Einige sprangen über die Ruinen hinweg, jedoch sah sich keiner von ihnen nach mir um. Sie alle hatten nur ein Ziel: Coastal Rocks.

Gerade als ich dachte, dass nun alle vorbeigezogen waren, hechtete ein letzter Werwolf über meine Mauer hinweg und landete nur wenige Meter vor mir. Ich hoffte schon, er würde seinen Kameraden folgen, da blieb er stehen und stellte sich auf seine Hinterbeine. Mir blieb beinahe das Herz stehen, als er witternd seine Nase in die Luft hob und anschließend seinen großen Kopf zu mir herumdrehte.

Seine gelben Raubtieraugen schauten genau in meine, als er mich musterte. Er hob die Lefzen, sodass ich seine zentimeterlangen, tödlichen Reißzähne erkennen konnte. Mit gesträubtem, graubraunem Fell kam der Werwolf langsam auf allen vieren zu mir herangeschlichen.

Ich schloss die Augen und drehte das Gesicht weg, um nicht noch mit ansehen zu müssen, wie er mich mit diesem messerscharfen Gebiss angriff, doch die Sekunden verstrichen und nichts passierte. Zögerlich öffnete ich ein Auge und sah den Werwolf mit schief gelegtem Kopf direkt vor mir stehen. Wenn ich den Arm ausgestreckt hätte, hätte ich ihn berühren können.

Doch anstatt mich zu attackieren, senkte der Werwolf seinen Kopf betont langsam zu mir herab und schnüffelte an mir. Sein warmer, feuchter Atem wehte über meine Haut, während ich ihn zugleich verängstigt und fasziniert dabei beobachtete. Plötzlich schnaubte er laut und schüttelte den Kopf. Ich erschrak und zuckte zusammen. Das wiederum erschreckte den Werwolf. Er sprang zurück und knurrte bedrohlich, die gelben Augen zu misstrauischen Schlitzen verengt. Seine rechte Pranke, mit den kräftigen Fingern und Krallen daran, hatte er warnend erhoben. Jetzt konnte es sich nur noch um Sekunden handeln, bis dieses Monster mich erledigte.

Der Schrei des Adlers war durchdringend, als er mit ausgestreckten Klauen auf das Gesicht des Werwolfs zustürzte. Nur um Zentimeter verfehlten die spitzen Krallen ihr Ziel, da der Werwolf gerade noch rechtzeitig seinen Kopf wegduckte. Wütend blickte er auf und hieb nach dem Vogel, aber auch er konnte ihn nicht erreichen. Verärgert grollend sah der Werwolf dem Adler hinterher, warf mir dann noch einen argwöhnischen Blick zu und folgte schließlich den anderen Ungeheuern mit langen Sätzen. Als er um die nächste Ecke bog, war er aus meinem Blickfeld verschwunden.

Ich dankte dem Himmel, dass der Adler den Werwolf davon abhalten konnte, mich anzugreifen. Mir schlug das Herz noch immer bis zum Hals, als ich mich auf wackeligen Knien an der Wand hochzog. Es schienen keine weiteren Ungeheuer auf meinem Weg zu liegen, aber ich konnte spüren, dass da noch etwas auf mich zukam. Ich hoffte einfach, dass meine Mutter Recht hatte und ich vielleicht wirklich irgendetwas an mir hatte, was mich für diese Monster ungenießbar machte. Allein, dass ich diese Begegnung heil überstanden hatte, war ja schon ein Wunder.

Etwas zuversichtlicher rannte ich auf die nicht mehr allzu weit entfernte Baumgrenze zu und erreichte alsbald die ersten hohen Bäume. Diese Riesen boten mir zwar ein wenig Schutz, doch vor dem gigantischen Monster, das nun nur noch wenige Meter entfernt sein konnte, konnten sie mich nur schlecht abschirmen. Ich war noch lange nicht in Sicherheit.

Indem ich von Baum zu Baum sprintete und mich dabei immer nach möglichen Gefahren und Verfolgern umsah, schaffte ich es, einige Entfernung zwischen mich und das Dorf zu bringen. Dann sah ich, wie sich zwischen den Bäumen und Büschen etwas Dunkles und Schuppiges bewegte. Es musste ein Bein dieses Riesen sein, doch es war dicker als die meisten Baumstämme. Farne und Büsche erzitterten bei jedem Schritt dieser gewaltigen Füße. Bäume ächzten, als sich der pompöse Leib hindurchzwängte, und kleinere Tiere flohen in Angst vor dem, was da kam. Ein Rauschen, als wäre plötzlich Wind aufgekommen, klang durch den Wald und bald begriff ich, dass es das Geräusch der riesigen Lungen war, die in diesem Monster arbeiteten.

Hektisch sah ich mich nach einem Versteck um. Wenn mich dieser Gigant bemerkte, wäre ich tot. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er diese Entscheidung so lange und gründlich überdenken würde wie der Werwolf.

Ein alter, hohler Baumstamm ragte schief zwischen den gesunden Bäumen aus der Erde. Ein Loch an dessen Fuß gewährte einen Einlass.

Flink huschte ich zu dem Stamm hinüber und quetschte mich durch die schmale Öffnung hinein. Meine einzige Sorge war nur, dass auch dieser Baum, zusammen mit so vielen anderen, einfach umgestoßen, aus der Erde gerissen oder zertrampelt wurde.

Ich konnte den Moment genau bestimmen, in dem dieses Monster an meinem Baumstamm vorbeiging. Der Boden bebte und es stellten sich mir alle Haare auf. Pure Bosheit sickerte von diesem Ding durch die winzigen Ritzen im Gehölz zu mir hindurch. Es war unwahrscheinlich, dass dieses Wesen einfach nur zufällig hier vorbeigekommen war und nur friedlich seiner Wege ging.

Schließlich erstarb das Knarzen der Bäume, als der Gigant aus dem Dickicht heraustrat. Kurz erlaubte ich mir einen Moment der Erleichterung und Entspannung in der entstandenen Stille, doch nur einen Augenblick später brüllte das riesige Monster los. Das Geräusch war so laut, dass ich dachte, mir würde der Schädel platzen. Es war ein Laut, den ich meinen Lebtag nicht mehr vergessen würde.

2

Familie

Auch noch Stunden später hockte ich gut verborgen in dem hohlen Baumstamm. Ich hatte weinend den Geräuschen zugehört, die von Coastal Rocks zu mir drangen. Hauptsächlich war es das Brüllen des gigantischen Monsters oder das leisere, aber nicht minder aggressive, Fauchen und Knurren der anderen Ungeheuer gewesen, doch ab und zu klang auch deutlich ein menschlicher Schrei dazwischen, der meist abrupt abbrach. Grausige Bilder schossen mir in den Kopf, die ich zwar zu verdrängen suchte, die sich aber immer wieder in den Vordergrund drängten. Und irgendwann war es einfach still geworden. Kein Fauchen, Brüllen oder Schreien war mehr zu vernehmen, aber ich blieb trotzdem in meinem Versteck gekauert und wollte dort am liebsten für immer bleiben.

Die Nacht war hereingebrochen und die Dunkelheit breitete sich im Unterholz aus. Nachtaktive Insekten krabbelten aus dem morschen Holz und über meine Arme und Beine hinweg. Ich riss mich zusammen, da es wesentlich gefährlicher wäre, die Aufmerksamkeit der großen Monster dort draußen auf mich zu lenken, als diesen Moment des Ekels zu ertragen.

Ein leises Rascheln lenkte mich von meinen tierischen Mitbewohnern ab. Bang beobachtete ich den Eingang des Baumes und versuchte einen Blick auf das zu erhaschen, was dort draußenherum schlich. War es vielleicht die Chimäre, die mich nun doch endlich gefunden hatte, oder war es etwa doch der Werwolf, der mich irgendwie verfolgt hatte? Aber ein weiteres Rascheln und das Erscheinen eines fedrigen Vogelleibs ließen mich erleichtert aufatmen.

Der Adler krächzte ungeduldig, bevor sein Kopf nach vorn schnellte und er sich eines der widerwärtigen Insekten von meinen Kleidern pflückte. Gierig schlang er das Krabbeltier hinunter, bevor er dann an meinem Hosenbein riss. Ich erkannte beruhigt, dass der Adler keine Verletzungen davongetragen hatte. Weder der Werwolf noch eines der anderen Monster hatten ihm etwas anhaben können.

Langsam und vorsichtig kroch ich nun doch aus meinem Versteck heraus und blieb davor mit steifen Gliedern hocken. Ich wollte nicht meine ganze Flucht und das, was meine Mutter für mich getan hatte, aufs Spiel setzen, bloß weil ich unvorsichtig wurde. Unruhig hüpfte der Adler hin und her, ehe er krächzend auf den nächsten Ast flog. Davon ausgehend, dass mich der Adler sicher warnen würde, wenn etwas Gefährliches hier herumstreifte, stand ich endlich auf. Trotzdem sah ich mich gründlich in dem dunklen Dickicht um, konnte aber ebenfalls nichts Verdächtiges entdecken. Und wenn ich es einmal aus einer vernünftigen Sichtweise betrachtete, konnte ich auch nicht ewig in diesem hohlen Baumstamm bleiben.

Im Kreis drehend versuchte ich mich in dem finsteren Wald zu orientieren. Ich wusste das ich, um nach Port Bay zu gelangen, mich am besten immer rechts von der Küste hielt. Nur musste ich diese erst einmal finden. Ich hatte bei meiner Flucht in den Wald und auf der Suche nach einem Versteck nicht sonderlich darauf geachtet, wohin ich dabei lief. Aber ich ging davon aus, dass ich nicht allzu falsch liegen konnte, wenn ich mich erst einmal bergab und linker Hand hielt. Irgendwann würde das Meer schon vor mir auftauchen.

Ich lief los und verfiel schon bald, durch das Gefälle, in einen gemütlichen Trab. Solange wie ich mich bewegte, redete ich mir ein, solange gab es auch noch Hoffnung für die Bewohner von Coastal Rocks. Also ging ich immer weiter, bis ich schließlich das entfernte Rauschen und das Brechen der Wellen am Gestein hören konnte.

Die Dunkelheit war zwischen all diesen Bäumen schwärzer als die, die ich gewohnt war. Nur selten schaffte es ein Mondstrahl durch das dichte Blätterdach hindurch bis auf den Waldboden. Unter manchen der sehr stark belaubten Bäume sah ich noch nicht einmal mehr die Hand vor Augen. Zum Teil musste ich sogar die Arme vorgestreckt halten, um mir meinen Weg voranzuertasten.

Nach einer Weile bemerkte ich, dass mir keine Monster über den Weg liefen. Ich hatte angenommen, dass hinter jedem Gestrüpp ein anderes Ungetüm lauerte. Doch gerade kam es mir so vor, als sei ich allein im Wald. Noch nicht einmal die Vögel gaben einen Laut von sich.

Während ich so weiter ging und nur das Knirschen meiner Schritte auf dem Waldboden vernehmen konnte, kam mir eine Eingebung. Es hatte doch schon einmal einen Pfad von Coastal Rocks nach Port Bay gegeben. Bevor die Katastrophe vor einem Jahr geschehen war, waren Dorfleute und Händler beinahe ohne Schwierigkeiten auf diesem Weg unterwegs gewesen. Wenn ich also diese Straße finden sollte, so konnte ich ihr folgen und würde auf jeden Fall an mein Ziel gelangen. Dann schüttelte ich den Kopf. Das wäre vor der Grenzverschiebung vor einem Jahr vielleicht möglich gewesen, aber nicht mehr heute. Inzwischen war der Pfad sicherlich zugewachsen und gehörte genauso wie der restliche Wald zum Territorium der Monster. Es war wahrscheinlich noch gefährlicher diesen Weg zu wählen, als sich einfach quer durchs Unterholz zu schlagen. Also verwarf ich diesen Gedanken schweren Herzens wieder und behielt den alten Kurs bei. Aber es dauerte nicht mehr lang, da drang das lauter werdende Rauschen der Wellen an mein Ohr.

Plötzlich schrie der Adler alarmierend auf. Ein kalter Angstschauer jagte mir den Rücken hinunter, während ich sofort stehen blieb und wachsam nach der Anwesenheit eines Monsters Ausschau hielt. Aber zwischen den eng beieinanderstehenden Büschen schien sich nichts zu verstecken. Jemand anderes wäre jetzt schon beruhigt weiter gegangen, doch ich wusste, dass auf den Adler absoluter Verlass war. Wenn er Alarm schlug, dann war auch etwas nicht in Ordnung. Niemals würde er grundlos für Aufregung sorgen. Ich vertraute seinem Urteilsvermögen und schaute weiter in dem nachtschwarzen Wald umher und versuchte vergebens, etwas zwischen den vielen Sträuchern und Bäumen zu erkennen.

“Was machst du hier?”, fragte jemand hinter mir und ich fuhr erschrocken herum, bereit mich im Ernstfall gegen alles und jeden zu verteidigen.

Nur schemenhaft konnte ich die Konturen des Mannes erkennen, der lässig an einem Baum lehnte und zu mir herüberschaute.

“Das könnte ich dich genauso fragen.”, konterte ich und straffte die Schultern. Unter allen Umständen wollte ich nicht so klein und verletzlich wirken, wie ich mich im Moment fühlte. Vielleicht verlor der Fremde das Interesse schneller an mir, wenn ich mich stark und selbstbewusst gab.

“Streuner auflesen.”, entgegnete er ruhig und in einem Tonfall, als ob das mir klar sein müsste. “Und du?”

“Spazieren”, sagte ich gelassen und versuchte, unbemerkt noch ein paar Meter zwischen uns zu bringen. Wenn ich vor diesem fremden Mann fliehen musste, dann zählte jeder Zentimeter, den ich an Vorsprung herausholen konnte.

“Jetzt?”, fragte er misstrauisch. “Wo ist deine Familie?”

Eine eiskalte Klinge bohrte sich tief in mein Herz und die wahrscheinlichste Antwort auf diese Frage drängte sich ungebeten in meine Gedanken. Jedoch hütete ich mich davor, ihn laut auszusprechen und suchte stattdessen nach einer unverfänglicheren Erwiderung.

“Nicht hier.”, sagte ich gereizter als beabsichtigt, drehte ihm gegen alle Vernunft den Rücken zu und ging weiter. Die unerwartete Nachfrage nach meinen Eltern hatte mich auf dem falschen Fuß erwischt. Und zusammen mit der Vorstellung dieser einen schrecklichen Wahrscheinlichkeit begann auch eine andere böse Stimme in meinen Gedanken zu flüstern. Hartnäckig versuchte sie mich davon zu überzeugen, dass mein Weg nach Port Bay vollkommen zwecklos war, da sowieso schon jeder in Coastal Rocks ums Leben gekommen sein würde, ehe ich wieder zurückkehrte. Ich versuchte diese Stimme zu ignorieren und mich stattdessen wieder auf das Rauschen des Ozeans und vor allem auf diesen fremden Mann zu konzentrieren.

“He, warte!”, rief dieser und kam mir beinahe lautlos hinterher. Wie erwartet, hatte er mich schon nach wenigen Sekunden eingeholt und wollte mich an meinem Vorankommen hindern. Fest legte sich seine Hand um meinen Oberarm und wollte mich dazu zwingen, stehen zu bleiben.

“Lass deine Finger von mir!”, brüllte ich und riss mich los. Seltsam widersprüchliche Gefühle tobten auf einmal in mir. Da waren zuallererst die Überraschung und die Furcht, dass mir dieser Mann tatsächlich etwas zuleide tun könnte. Mittlerweile war ich mir sicher, dass er nicht mit uns im Dorf gelebt hatte. Wo war dieser Fremde also so plötzlich hergekommen und was wollte er wirklich von mir? Aber ich hatte auch eine eigenartige Vertrautheit gespürt. Ganz so, als ob dieser Mann ein lang verloren geglaubter Teil meiner Familie sei. Das war natürlich Blödsinn, doch ich konnte diese seltsame Empfindung einfach nicht abschütteln, dass ich diesen Mann von irgendwoher kannte. Und das störte mich beinahe mehr als die Angst vor seinen möglichen Absichten.

Sprachlos über meine, für ihn unerwartete, Reaktion war er kurz stehen geblieben und folgte mir dann auf dem Fuße. Dieses Mal machte er keinen weiteren Versuch, mir Fragen zu stellen, sondern lief einfach nur stumm hinter mir her und vermittelte mir nur seine Anwesenheit. Plötzlich wurde ich mir schrecklich bewusst, dass ich mit diesem Kerl allein im Wald war und ich ihm das auch noch erzählt hatte. Wenn er wirklich vorhaben sollte, mir etwas anzutun, dann wusste er jetzt, dass niemand ihn davon abhalten würde.

Wir waren schon ein paar Minuten unterwegs, als mir mit einem Mal aufging, was an diesem Fremden, der mich da verfolgte, noch merkwürdig war. Es schien so, als würde von ihm nicht ein Geräusch ausgehen. Zwar gab ich mir auch Mühe, so leise wie möglich zu sein, aber trotzdem stolperte ich in der Dunkelheit über Steine, trat auf Äste, die dann laut knackend zerbarsten oder verfing mich im Geäst von Pflanzen, das dann raschelnd zurückschnellte. Aber dieser Typ schaffte es irgendwie, durch einen finsteren Wald zu gehen, ohne auch nur das geringste Geräusch zu verursachen.

Neugierig geworden, wie er dieses Phänomen wohl bewerkstelligte, warf ich immer wieder kurze Blicke über die Schulter. Es war schwierig, in der Finsternis des Waldes etwas zu erkennen, aber ich gab nicht auf. Schließlich erreichten wir eine Stelle, an der ein Baum mitsamt den Wurzeln umgekippt war und ein riesiges Loch in das Blätterdach des Waldes gerissen hatte. Durch diese entstandene Lücke schaffte es das Mondlicht endlich bis auf den Boden vorzudringen und enthüllte für einen Augenblick auch die Gestalt meines ungebetenen Begleiters.

Zuerst musste ich feststellen, dass dieser Mann wesentlich jünger war, als ich angenommen hatte. Ich schätzte, dass er gerade mal ein oder zwei Jahre älter war als ich. Er war einen guten Kopf größer und drahtig gebaut. Seine Kleidung war an manchen Stellen zerrissen und im fahlen Licht des Mondes konnte ich merkwürdige Flecken auf seinem Hemd erkennen. Und dann sah ich den Grund, wie er es anstellte, sich so lautlos durch das Unterholz zu bewegen. Denn zu meiner Verblüffung waren seine Füße vollkommen nackt. Barfuß lief er sicher über den unebenen Untergrund und verzog noch nicht einmal die Miene, wenn er auf spitze Steine und Dornen trat. Ich war fasziniert und sah zum ersten Mal eine Möglichkeit, wie ich diesem Fremden entkommen konnte.

Mit voller Absicht suchte ich mir einen Weg zwischen den Bäumen hindurch, der besonders unwegsam schien. Tief hingen die Äste hier herab und ich ließ sie peitschend zurückschnellen, wenn ich sie passiert hatte. Selbst durch meine Schuhe hindurch konnte ich die scharfkantigen Steine fühlen und rutschte das ein oder andere Mal auf losem Geröll und verrottenden Ästen aus. Ich hoffte inständig, dass der Fremde mir nicht weiter folgen würde und meine Verfolgung aufgab, doch als ich erneut einen hastigen Blick zurück warf, wurde ich bitter enttäuscht. Wie zuvor ging er ohne ein Anzeichen von Mühe hinter mir her. Es schien gerade so, als würde er den Waldboden nicht spüren. Jedes Mal, wenn ich einen Ast, der mir im Weg war, zurückfahren ließ, fing er ihn entweder mit einer Hand ab oder duckte sich so elegant darunter hinweg, dass ich hätte schwören können, dass er das öfters machte. Außerdem strengte mich dieser Weg anscheinend wesentlich mehr an als ihn. Schließlich seufzte ich laut und gab es auf, ihn abschütteln zu wollen und lief zurück in Richtung der Küste. Ich hoffte einfach, dass der Junge doch noch das Interesse an mir verlieren würde. Immerhin war ich mir inzwischen sicher, dass er mich nicht angreifen wollte, da er dazu schon mehrere gute Momente hatte verstreichen lassen. Also lief ich einfach weiter und versuchte meinen nervigen Begleiter einfach zu ignorieren.

Stunden vergingen so, bis die Morgendämmerung über den Himmel kroch und sich langsam die Müdigkeit meiner bemächtigte. Doch ich wagte es nicht, mich irgendwo auszuruhen. Zu fest war meine Überzeugung davon, dass mich eines dieser Monster einfach im Schlaf auffressen würde. Wenn es sein musste, dann würde ich auch so lange wach bleiben, bis ich in Port Bay angekommen war.

Hinter mir gähnte es ebenfalls herzhaft. “Wo willst du eigentlich hin?” Das war die erste Frage, die mir der Junge stellte, seitdem ich ihn in der Nacht angefahren hatte.

“Osten”, sagte ich knapp und stapfte weiter voran.

“Und wohin genau? Der Osten ist ziemlich groß und weit.”, stellte er fest und gähnte erneut.

“Geht dich nichts an.”, antwortete ich bissig. Ich verstand einfach nicht, wieso mir dieser fremde Junge noch immer so vehement nachlief, obwohl er selbst doch schon müde wurde.

“Na schön.”, sagte er dann achselzuckend und nickte zu einigen Büschen hinüber. “Aber wollen wir uns nicht einen Platz zum Schlafen suchen?”

Ich schnaubte. “Du kannst dich gerne hinlegen und ein Nickerchen halten, wenn du möchtest. Schließlich habe ich dich nie gebeten, mir hinterher zu laufen. Mach also was dir beliebt, aber ich gehe weiter.”

“Du bist doch bestimmt selbst von dem weiten Weg erschöpft. Und zu zweit ist es wesentlich sicherer als allein.”, versuchte er es auf diesem Wege.

Das Schlimme war, dass er Recht hatte. Ich konnte meine Augen kaum noch offen halten. Meine Füße brannten von dem ungewohnt langen Marsch und ich befürchtete, jeden Moment einfach zur Seite umzukippen und noch im Gehen einzuschlafen. Doch ich ließ mir nichts anmerken, schüttelte den Kopf, um die Müdigkeit zu vertreiben und sagte: “Mag sein, aber ich gehe weiter. Außerdem bin ich nicht allein.”, fügte ich hinzu und zeigte mit dem Finger nach oben. Wie aufs Stichwort schrie der Adler schrill auf und flatterte so dicht an dem Kopf des Jungen vorbei, dass seine Flügelspitze dessen Gesicht streifte.

Als ich den Vogel sah, kam mir ein weiterer Gedanke. Wieso hatte er mich vor diesem Fremden gewarnt, tat aber nichts, um ihn zu vertreiben? Dieser Adler, der sich furchtlos auf giftige Schlangen und sogar Werwölfe stürzte, ließ diesen potenziell gefährlichen Jungen einfach ungestört weiter sein Ziel verfolgen. Wieso?

Als der Junge nicht reagierte, drehte ich mich kurz zu ihm um. Er musterte mich und zog die Stirn kraus.

“Wer bist du?”, fragte er und kam näher heran.

“Das geht dich genauso wenig an.” Hastig brachte ich wieder einige Meter zwischen uns. Ich wusste, dass mich diese geringe Distanz keinesfalls vor ihm schützte, doch es half, um meinen hämmernden Herzschlag zu beruhigen. Das Gefühl, dass er eben kein Fremder war, wollte einfach nicht vergehen. Aber mir fiel beim besten Willen nicht ein, woher ich ihn kennen sollte.

“Wer bist du?”, fragte er dieses Mal drängender und kam wieder hinter mir her. “Du riechst nach jemandem, den ich kenne und auch der Vogel ist mir nicht fremd. Aber dich habe ich noch nie gesehen. Also sag schon, wer bist du?”

Endlich hatte ich die Gewissheit, dass auch er mich nicht von früher kannte, aber trotzdem blieb diese bohrende Ahnung, dass dieser Junge eben doch kein Fremder war. Jedoch ging mir seine penetrante Art an Informationen zu kommen, ziemlich auf die Nerven. Und so kam meine Antwort etwas gereizter heraus als beabsichtigt.

“Es ist mir egal, wonach ich für dich rieche.”, sagte ich und lief weiter, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. “Und außerdem gibt es Adler wie diesen sicherlich zuhauf hier in der Gegend.”

Die Verwirrtheit des Jungen war geradezu spürbar, aber er sagte nichts mehr dazu. Nachdenklich schwieg er, während wir weiter herab von der Klippe stiegen.

Allmählich ging der Abstieg in eine flache Ebene über. Ich folgte noch immer dem Rauschen des Meeres bis um die Mittagszeit herum der Waldboden zur Linken sanft abfiel und das raue Gras von feinem Sand abgelöst wurde. Über Kilometer hinweg zog sich der Strand an der Küstenlinie entlang. Sanfte Wellen schwappten ans Ufer und luden dazu ein, schmerzende Füße in ihrem klaren Wasser zu kühlen.

Inzwischen war ich so erschöpft, dass ich mich am liebsten an Ort und Stelle hingelegt und die nächsten Tage durchgeschlafen hätte. Aber ich durfte keine Zeit vergeuden und musste so schnell wie möglich Port Bay erreichen. Solange es noch den kleinsten Hauch einer Möglichkeit gab, dass meine Mutter und die anderen Dorfbewohner es hinter die Grenze geschafft hatten, durfte ich nicht einfach aufgeben. Ich musste immer weiter voranschreiten. Auch wenn meine Füße schmerzten und mich die Müdigkeit in ihrem eisernen Griff hielt.

Ich erhoffte mir von dem kühlen Wasser ein wenig Erfrischung und so ging ich die Uferböschung hinunter, zog meine Schuhe aus und lief im nassen Sand weiter. Wenn ich diesem Strand folgte, musste ich unweigerlich irgendwann an meinem Ziel ankommen.

Laut und vernehmlich räusperte sich der Junge. “Ich an deiner Stelle würde nicht dort unten laufen.”, rief er zu mir herüber. Er hatte den Strand nicht betreten und lief nun parallel zu mir am Waldrand entlang.

Genervt verdrehte ich die Augen. “Hast du etwa Angst davor, nasse Füße zu bekommen?”, witzelte ich und ignorierte seinen Rat geflissentlich. Weit und breit war nichts außer Sonne, Strand und Meer zu erkennen. Was auch immer mein Verfolger befürchtete, konnte definitiv nicht so schlimm sein, wie er andeutete. Was sollte auch Schreckliches in dieser Idylle passieren? Nachdem ich einige Minuten im weichen Sand gegangen war und nichts Weltbewegendes geschehen war, vergaß ich die Bemerkung des Jungen schnell.

Ein kleines pelziges Tier streckte plötzlich neugierig seinen Kopf aus einem Loch im Boden und kam vorsichtig schnüffelnd näher heran. Es sah aus wie ein kleines Frettchen mit hellem Rücken und Schwanz sowie einem braunen Kopf. Seine winzigen schwarzen Augen hefteten sich auf mich, während seine Nase aufgeregt zuckte. Das Tier war inzwischen so weit herangekommen, dass ich die Berührung der feinen Barthaare an meinem Bein spüren konnte.

“Du solltest jetzt wirklich von dort verschwinden.”, warnte mich der Junge und winkte mich zu sich herauf. “Sonst endest du noch als Mittagessen.”

“So ein Unsinn.”, winkte ich ab. “Dieser kleine Wicht kann mir doch nicht gefährlich werden.” Der Adler schrie laut auf, als ich mich hinunter beugte, um den kleinen Kopf zu streicheln.

Unvermittelt fauchte das Tier mich an und stellte seine Nackenhaare auf. Überall aus dem nassen Sand kamen nun weitere dieser Lebewesen hervorgesprungen und rannten auf mich zu. Als ich ihre gebleckten Zähne sah, wünschte ich, ich hätte auf den Rat des Fremden gehört.

“Du spinnst doch!”, stellte der Junge ungläubig fest und kam nun ebenfalls die Böschung herunter. “Ein Hydrus ist doch kein Schoßtierchen.”

Der erste der kleinen Biester schaffte es, an meinem Bein nach oben zu klettern. Erschrocken wischte ich ihn wieder herunter und seine scharfen Krallen hinterließen rote Striemen auf meiner Hand. Der zweite biss mir in die Wade. Seine nadelspitzen Zähne durchdrangen den Stoff der Hose, gruben sich in meine Haut und ich schrie vor Schmerz erschrocken auf. Verzweifelt trat ich nach hinten aus und der Hydrus flog im hohen Bogen davon. Doch schon waren weitere von ihnen da und machten sich an meinen Beinen zu schaffen. Sie kratzten und bissen, bis sich blutige Flecken auf meiner Hose bildeten. Gierig leckten die Hydrus daran und begannen zu graben, als es ihnen nicht genug war. Einen nach dem anderen packte ich im Fell und schleuderte ihn ins Meer, doch es waren schlicht zu viele, um mit ihnen fertig zu werden. Wie eine Flut brachen sie über mich herein und drohten mich unter ihrer Masse zu begraben.

Dann endlich stieß als erstes der Adler herab und bohrte seine scharfen Klauen tief in die Rücken gleich zweier Hydrus. Irgendwo weiter weg ließ er sie auf den Boden fallen, wo sie fiepend wieder in ihren Löchern verschwanden. Schließlich flog der Adler einen Bogen und machte Jagd auf den nächsten von ihnen.