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Anlässlich der Wiedereinweihung der Universitätskirche St. Pauli in Leipzig erscheint diese reich bebilderte Festschrift. Mit dem Paulinum, das zugleich als Aula und Kirche genutzt wird, erhält die Universität ihr geistig-geistliches Zentrum zurück. Es eröffnet die Chance, "Tradition und Moderne in Freiheit zusammenzubringen" (Ministerpräsident Stanislaw Tillich im Grußwort). Eine Reihe von Beiträgen erinnert an die 1968 gesprengte alte Universitätskirche mit ihren Gottesdiensten, ihrer Musik und ihren Kunstwerken. Der zweite Teil der Festschrift dokumentiert den Zeitraum unmittelbar vor der Sprengung bis zur Errichtung des Neubaus. Im dritten Teil stehen die Chancen des Neubaus im Fokus. Wie wird das zusammengehen: Aula als Kirche und Kirche als Aula? Der neue Raum eröffnet den Universitätsgottesdiensten ungeahnte Möglichkeiten. Durch die beiden Orgeln entsteht ein neues Zentrum der Musik. Aula/Universitätskirche St. Pauli werden den Dialog zwischen Wissenschaft und Glauben voranbringen. Mit Beiträgen von Ministerpräsident Stanislaw Tillich, Rektorin Beate Schücking, Landesbischof Dr. Carsten Rentzing, Oberbürgermeister Burkhard Jung, Matthias Schwarz, Rüdiger Lux, Hartmut Mai, Christian Winter, Heinrich Magirius, Stefan Welzk, Nikolaus Krause, Martin Petzoldt, Wolfgang Ratzmann, Matthias Petzoldt, Erick van Egeraat, Ulrich Stötzner, Rudolf Hiller von Gaertringen, Horst Hodick, Christoph Krummacher; Daniel Beilschmidt, Reinhard Schmidt-Rost, Alexander Deeg, Peter Zimmerling u. a.
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Seitenzahl: 551
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Peter Zimmerling (Hrsg.)
Universitätskirche St. Pauli
Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft
Festschrift zur Wiedereinweihung der Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig
Mit Grußworten von Ministerpräsident Stanislaw Tillich, Rektorin Beate Schücking, Landesbischof Carsten Rentzing, Oberbürgermeister Burkhard Jung, Matthias Schwarz, Pater Josef kleine Bornhorst, Probst Gregor Giele und Superintendent Martin Henker
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
© 2017 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig
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Cover: Kai-Michael Gustmann, Leipzig
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018
ISBN 978-3-374-04779-6
www.eva-leipzig.de
Der Druck dieses Buches wurde dankenswerterweise unterstützt von
Herrn Roger Wolf, London, Herrn Dr. Christian Olearius, Hamburg,
der Stiftung »Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig«,
der LKG Sachsen, Bank für Kirche und Diakonie.
Die Einweihung der neuen Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig ist für die Universitätsgemeinde Anlass zu großer Freude. Wer hätte nach der bösartigen Sprengung der alten Universitätskirche durch das SED-Regime am 30. Mai 1968 zu träumen gewagt, dass an ihrer Stelle einmal eine neue Kirche gebaut werden würde? Nach bald 50 Jahren hat der Universitätsgottesdienst wieder einen eigenen Versammlungsraum! Indem er in die Mitte der Universität zurückkehrt, wird deutlicher als zuvor, dass er eine Veranstaltung für die ganze Universität darstellt – und nicht etwa auf die Mitglieder der Theologischen Fakultät beschränkt werden darf. Genauso wie für den Universitätsgottesdienst eröffnen sich auch für die Universitätsmusik mit der neuen Universitätskirche St. Pauli fantastische neue Möglichkeiten. Mit ihren nunmehr wieder zwei Orgeln stellt die Universitätskirche ein Zentrum der Musik in Mitteldeutschland dar.
Wie schon vor der Sprengung, so dient die Universitätskirche auch heute zusätzlich als Aula der Alma Mater Lipsiensis. Dieser »Mehrzweck« muss kein Nachteil sein. Im Gegenteil: Der neu geschaffene Raum bietet als Aula wie auch für den Gottesdienst neue und ungeahnte Chancen und Herausforderungen. Wie wird das zusammengehen: Aula als Kirche und Kirche als Aula? Als Erinnerungsort gestaltet, besitzt der Raum eine ganz eigene Sprache, die den darin stattfindenden Veranstaltungen Tiefgang und Bedeutung zu geben vermag. Indem die historischen Ausstattungsstücke – Altar, Epitaphien und hoffentlich auch Kanzel – zur Geltung kommen, erscheint hier nicht nur das Motto der Universität Leipzig »Aus Tradition Grenzen überschreiten«, sondern auch der Genius Loci der Stadt Leipzig insgesamt. Der gemeinsame Raum von Aula und Universitätskirche St. Pauli ermöglicht, »Tradition und Moderne in Freiheit zusammenzubringen«, wie Ministerpräsident Stanislaw Tillich in seinem Grußwort zu dieser Festschrift schreibt.
Die Indienstnahme der neuen Universitätskirche ist auch Grund zu großer Dankbarkeit: gegenüber dem Freistaat Sachsen, der Universität, der Stadt und den bürgerschaftlichen Initiativen wie der Stiftung »Universitätskirche St. Pauli« und dem Paulinerverein, die sich alle viele Jahre lang für die Entstehung eines neuen geistig-geistlichen Zentrums der Universität Leipzig eingesetzt haben. Der Architekt Erick van Egeraat vermochte durch seinen zwar nicht unumstrittenen, aber genialen Entwurf, die unterschiedlichen Interessengruppen zu vereinen. Auch ihm und nicht zuletzt den vielen Mitarbeitenden in Universität und Landesbehörden, die durch ihre Arbeit die Ausführung des Baus ermöglicht haben, gilt unser besonderer Dank.
Die Festschrift »Universitätskirche St. Pauli. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft« erscheint anlässlich der Einweihung der neuen Leipziger Universitätskirche. Sie will dabei an die alte Paulinerkirche und das furchtbare Unrecht ihrer Zerstörung sowie die schwierige Zeit danach erinnern. Vor allem möchte die Festschrift eine Tür in die Zukunft öffnen und die unterschiedlichen Facetten der zukünftigen Nutzung des neu gewonnenen Raumes aufzeigen: für Universitätsgottesdienste, Universitätsvespern, Kirchenmusiken, Konzerte, Vortragsreihen und als Erinnerungsraum. In einem ersten Teil der Festschrift werden – wie kann es bei einer evangelischen Kirche, die sich als »Kirche des Wortes« versteht, anders sein – Predigten abgedruckt und erläutert, die an Wendepunkten in der Geschichte der Universitätskirche gehalten wurden. Dazu gehört die Predigt Martin Luthers anlässlich der Indienstnahme der Paulinerkirche als evangelische Universitätskirche 1545, die Predigt von Gottfried Olearius anlässlich der Einrichtung eines regelmäßigen Universitätsgottesdienstes an allen Sonn- und Feiertagen 1710, die Predigt Georg Rietschels bei der Wiedereröffnung der umgebauten Kirche 1899 und die Predigten von Rüdiger Lux und mir auf der Baustelle der neuen Universitätskirche 2009 bzw. 2010. Nicht ohne innere Bewegung lässt sich die Predigt von Heinz Wagner im letzten Universitätsgottesdienst vor der Sprengung am 23. Mai 1968 lesen. Der zweite Teil des vorliegenden Buches spannt einen weiten Bogen von den Anfängen der Paulinerkirche über ihre innere Ausgestaltung im 18. Jahrhundert, die vielfältigen Bemühungen, die Sprengung zu verhindern, bis zur Neukonstituierung des Universitätsgottesdienstes im Herbst 1968 als »akademischen Gottesdienst« in der benachbarten Nikolaikirche. Der dritte Teil der Festschrift versammelt Beiträge, die den langen Weg zur neuen »Aula/Universitätskirche St. Pauli« nachzeichnen. Hier werden zunächst die geistigen Voraussetzungen der Nutzung als Simultaneum sowohl aus der Perspektive der Wissenschaft als auch aus der Sicht des Architekten Erick van Egeraat diskutiert. Die Hoffnung ist, dass die gemeinsame Nutzung als Aula und Universitätskirche den Dialog zwischen Wissenschaft und Glauben voranbringt. Sodann werden Gestalt, Bedeutung und Funktion von Altar, Kanzel, Epitaphien und den beiden Orgeln in der neuen Aula/Universitätskirche St. Pauli in separaten Artikeln thematisiert. Im abschließenden Teil der Festschrift geht es speziell um die besondere Form des Universitätsgottesdienstes und die mit ihm verbundene Kirchenmusik. Die verschiedenen Artikel zeigen: Der Leipziger Universitätsgottesdienst ist in Deutschland (und weltweit) keineswegs eine Einzelerscheinung. Die meisten deutschen Universitäten haben Universitätsgottesdienste und Universitätsprediger, wobei nicht alle eine eigene Universitätskirche besitzen. Außer in Kiel wurde nur in Leipzig in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Universitätskirche erbaut. Eine Besonderheit des Leipziger Universitätsgottesdienstes besteht in der Länge und Ungebrochenheit seiner Tradition. Die spannende Frage ist, wie sich die Tatsache, dass der Leipziger Universitätsgottesdienst fortan wieder in einem universitätseigenen Kirchenraum stattfindet, auf das Selbstverständnis der am Gottesdienst Beteiligten und auf seine Resonanz in der Universitätsöffentlichkeit auswirken wird.
An dieser Stelle möchte ich herzlich für die Grußworte danken. In ihnen bekunden Ministerpräsident Stanislaw Tillich, Rektorin Beate Schücking, Landesbischof Carsten Rentzing, Oberbürgermeister Burkhard Jung und der Vorstandsvorsitzende der »Stiftung Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig« Matthias Schwarz allesamt, dass sie die Rückkehr des Universitätsgottesdienstes in die neue Universitätskirche St. Pauli wärmstens begrüßen. Last but not least danke ich allen von Herzen, die durch ihre Artikel und großzügigen Druckkostenzuschüsse das Erscheinen der Festschrift ermöglicht haben. Ohne die Ideen des inzwischen heimgegangenen Martin Petzoldt und von Rüdiger Lux, meinen beiden Vorgängern im Amt des Ersten Universitätspredigers, wäre das Buch wohl kaum entstanden. Predigerkonvent und Theologische Fakultät standen von Anfang an hinter dem Projekt der Festschrift. Zu danken habe ich auch für das unermüdliche, stets zuverlässige Engagement meines Doktoranden Johannes Schütt (Leipzig) und von Frau Annekathrin Böhner (Leipzig) und Herrn Immanuel Buchholtz (Halle), die Erstellung und Endkorrektur des Manuskripts übernahmen. Frau Annette Weidhas war nicht nur sofort bereit, das Buch in das Verlagsprogramm der Evangelischen Verlagsanstalt aufzunehmen, sondern hat bei Hindernissen auf dem Weg zum Buch immer wieder überzeugende Lösungsvorschläge gemacht.
Leipzig, im Frühjahr 2017
Peter Zimmerling, Erster Universitätsprediger
Cover
Titel
Impressum
Danksagung
VORWORT
GRUSSWORTE
Stanislaw Tillich,Ministerpräsident des Freistaates Sachsen
Beate Schücking,Rektorin der Universität Leipzig
Carsten Rentzing,Landesbischof der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens
Burkhard Jung,Oberbürgermeister der Stadt Leipzig
Matthias Schwarz,Vorstandsvorsitzender der Stiftung »Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig«
Pater Josef kleine Bornhorst & Pfarrer Gregor Giele, Probst
Martin Henker,Superintendent im Ev.-Luth. Kirchenbezirk Leipzig
PREDIGTEN
Martin Luther: Predigt vom 12. August 1545
Die gnädige Heimsuchung Christi
Gottfried Olearius: Predigt zur Eröffnung des regelmäßigen Universitätsgottesdienstes am 31. August 1710
Die wahre Herrlichkeit eines wohleingerichteten Gottesdienstes
Georg Rietschel: Predigt bei der Wiedereröffnung der Paulinerkirche am 11. Juni 1899
Wir können nichts wider die Wahrheit, sondern für die Wahrheit
Heinz Wagner: Letzte evangelische Predigt in der Universitätskirche St. Pauli am 23. Mai 1968
Abschied, Auftrag, Aufbruch
Peter Zimmerling: »Baustellenpredigt« am 6. Dezember 2009 in der neuen Aula/Universitätskirche St. Pauli
Gott kommt
Rüdiger Lux: »Baustellenpredigt« am 31. Oktober 2010 in der neuen Aula/Universitätskirche St. Pauli
Damit die Stadt Gottes fein lustig bleibe
WANDLUNGEN
Hartmut Mai: Daten zur Geschichte der Paulinerkirche/Universitätskirche St. Pauli
Michael Lippky: Ein Rundgang durch die Universitätskirche St. Pauli im Jahr 1675
Christian Winter: Der Weg zur Sprengung der Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig
Vorgeschichte und Hintergründe
Heinrich Magirius: Bemühungen des Instituts für Denkmalpflege um die Erhaltung der
Universitätskirche in Leipzig 1960‒1968
Stefan Welzk: Sprengung und Protest
Nikolaus Krause: »Das geistige Schlupfloch am Karl-Marx-Platz«
Martin Petzoldt: Der Universitätsgottesdienst als akademischer Gottesdienst – 1968 und die Folgen
NEUBAU
Wolfgang Ratzmann: Faszinierend und heftig umstritten
Stationen und Positionen beim Bau des neuen symbolischen Zentrums der Leipziger Universität
Matthias Petzoldt: Zum Verhältnis von Glaube und Wissenschaft – ein Beitrag aus theologischer Sicht
Erick van Egeraat: Erinnerungen für die Zukunft
Martin Petzoldt: Der spätgotische Pauliner-Altar der Universitätskirche St. Pauli
Ulrich Stötzner: Die Kanzel der Universitätskirche
Rudolf Hiller von Gaertringen: Die Epitaphien der Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig
Horst Hodick: Die neuen Orgeln in der Aula/Universitätskirche St. Pauli der Universität Leipzig
GOTTESDIENST INMITTEN DER UNIVERSITÄT
Reinhard Schmidt-Rost: Über die Rolle und Bedeutung von Universitätsgottesdiensten
Christoph Krummacher: Kirchenmusik in der Universitätskirche St. Pauli
Daniel Beilschmidt: Laus Deo! Ein Ausblick auf die Kirchenmusik an der neuen Universitätskirche St. Pauli
Alexander Deeg: Zwischen Aula und Kirche
Kulturwissenschaftliche und theologische Perspektiven zum neu entstandenen Bindestrich-Gebäude und Konsequenzen für die Nutzung
Peter Zimmerling: Der Leipziger Universitätsgottesdienst in Geschichte, Gegenwart und Zukunft
Homiletische und liturgische Erwägungen
URKUNDEN ZUR ALTARGRUNDSTEINLEGUNG
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
VERZEICHNIS DER BEITRÄGERINNEN UND BEITRÄGER
WEITERE BÜCHER
Stanislaw Tillich • Beate Schücking Carsten Rentzing • Burkhard Jung Matthias Schwarz • Josef kleine Bornhorst & Gregor Giele Martin Henker
Ministerpräsident des Freistaates Sachsen
Über Jahrhunderte prägte die Universitätskirche St. Pauli das Leipziger Stadtbild. Und nicht nur das: sie prägte auch die Lernenden und Lehrenden der Universität. Die Kirche gab dem, was jenseits des Fassbaren der Wissenschaften lag, Raum.
Die Kirche gehörte selbstverständlich dazu, als die Universität im Zeitalter von Reformation und Humanismus ihre erste Blüte erlebte, genauso wie im 19. und frühen 20. Jahrhundert, als ihr modernes wissenschaftliches Profil entstand. Die Zeitläufte und zwei Weltkriege konnten der Universitätskirche St. Pauli nichts anhaben – bis die SED-Machthaber 1968 ihre Zerstörung beschlossen und damit das geistliche Zentrum der Universität sprengten.
Mit diesem Akt der Willkür und Barbarei wollten sich die Leipziger und Alumni der Universität zu Recht nicht abfinden. Sie nutzten die neugewonnene Freiheit, die maßgeblich auch von den Leipzigern im Oktober 1989 erstritten worden war, um die Verbindung von Wissen und Glauben wiederherzustellen und der Universität den verloren geglaubten geistlichen Mittelpunkt zurückzugeben. Es war von Beginn an der Wille aller Beteiligten, für die Universität Leipzig ein Stück Identität zurückzugewinnen. Natürlich kann der Wiederaufbau den Schmerz des Verlustes nicht vergessen machen. Aber er kann ihn lindern. So wird eine schmerzliche Lücke im Stadtbild geschlossen und gleichzeitig die Erinnerung an das, was war, für die Zukunft erhalten. Und das auf eine Art und Weise, die dem Gedenken an die Barbarei der Machthaber gerecht wird: so gelingt es, dass St. Pauli nicht dem Vergessen anheimfällt. Nicht diejenigen, die die Kirche rücksichtslos zerstörten, prägen die Erinnerung, sondern die, die sich bemühen, Tradition und Moderne in Freiheit zusammenzubringen.
Es war kein einfacher, unbestrittener Weg bis zur Vollendung der neuen Aula und Universitätskirche St. Pauli. Leipzig mit seiner Universität hat sich immer wieder als aktive Bürgerstadt verstanden und deshalb hat diese vielfältige Diskussion auch ihre Berechtigung. Aber davon werden die steinernen Wände der Kirche nichts erzählen. Die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte dieses Ortes und das, was kommt, was hier passieren wird, wird am Ende diese Episode überlagern.
So hoffe ich, dass am Ende die Aula und Universitätskirche St. Pauli ein geistig-geistliches Zentrum ist, mit der Stadt und Universität ihren Frieden finden und Wunden geschlossen werden.
Aus dem Vergessen und den Trümmern der Zerstörung ist die Aula und Universitätskirche St. Pauli zurückgekehrt in das Herz der Stadt.
Zum Lobe Gottes und Wohle der Universität und der Stadt Leipzig.
Stanislaw Tillich
Rektorin der Universität Leipzig
Wir stehen heute am glücklichen Abschluss eines langen Weges. Er begann mit der Zerstörung der Universitätskirche St. Pauli durch Sprengladungen im Auftrag der SED am 30. Mai 1968. Vergessen wir nicht, dass in diesen Tagen auch das benachbarte Augusteum mit zerstört wurde. Die Universität Leipzig verlor damit ihre über viele Jahrhunderte in diesen Gebäuden verankerte geistige und geistliche Mitte. Die Zerstörung der Kirche und des wilhelminischen Prachtbaus sollte Platz schaffen für die sozialistische »Karl-Marx-Universität« als Symbol der vermeintlichen Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaftsform.
Kurz vor der Sprengung gelang es engagierten Mitgliedern der Universität und Leipziger Bürgern, Kunstwerke und steinerne Zeitzeugen der vergangenen Jahrhunderte unter schwierigsten Bedingungen zu bergen, getragen von der Hoffnung, dass dieses gerettete Gut für spätere Generationen wertvolles Material der eigenen Geschichte und Ausgangspunkt für einen Neuanfang sein möge. Die prominentesten Objekte dieser Rettungsaktion sind zweifellos die zahlreichen Epitaphien und Grabsteine von Gelehrten sowie die Kanzel und der Paulineraltar. Viele wertvolle Zeugnisse der Vergangenheit sind jedoch unwiederbringlich zerstört worden, denken wir dabei an die große Orgel und die zahlreichen Grabstellen in den Katakomben der ehemaligen Paulinerkirche.
Für jedermann sichtbar entstand im neuen Stile sozialistischer Prägung ab 1968 das Gesicht der »Karl-Marx-Universität« am Karl-Marx-Platz. An genau jener Stelle, an der bis zum 30. Mai 1968 die Paulinerkirche stand, wurde das monumentale sogenannte »Marxrelief« installiert. Schon bald nach der friedlichen Revolution regte sich in der Universität, bei vielen Leipziger Bürgern und unterstützt von der Kommunal-, Landes- und Bundespolitik der Wille für einen erneuten Anfang am wieder umbenannten Augustusplatz. Erste Ideen für einen Neubau entstanden und wurden wieder verworfen. Wie könnte eine Symbiose aus den Anforderungen einer modernen Universität mit dem Wunsch nach Wiedergutmachung erlebten Unrechts und hohem städtebaulichen Anspruch erreicht werden? Wie könnte der funktionale Studienbetrieb mit der gewünschten Erinnerung an die historischen Gebäude vereint werden? Sollte man die Paulinerkirche nach historischem Vorbild rekonstruieren oder gibt es andere Wege?
All diese Themen erzeugten sehr komplexe Aufgabenstellungen, die nach Überzeugung der damals Verantwortlichen nur auf dem Wege eines breiten Konsenses beantwortet werden konnten. Um ein solches Ergebnis zu erzielen, verabredete man einen internationalen Architektenwettbewerb. Der Wettbewerb wurde in den Jahren 2001 und 2002 mit folgendem Ziel durchgeführt: »Der Universitätskomplex am Augustusplatz als Zentrum der Leipziger Universität soll in dem historisch bedeutsamen Areal bis zum 600-jährigen Gründungsjubiläum im Jahre 2009 seine Bedeutung als Stätte der Begegnung, Kultur und Wissenschaften im Herzen der Stadt wiedererlangen«1. Die Resultate der eingereichten Arbeiten konnten jedoch nicht endgültig überzeugen, so dass im Anschluss ein weiteres ergänzendes Wettbewerbsverfahren durchgeführt wurde. Inhalt der Wettbewerbsaufgabe war nun unter anderem: »Wesentlich bei allen Lösungsvorschlägen ist die Nutzung als Aula für die Universität wie auch als Kirche.« Und weiter: »Wesentlicher Aspekt bei der Bearbeitung der Aufgabe ist, dass mit der Aula für die Universität tatsächlich auch ein Raum entsteht, der als Kirchenraum angemessen erscheint und gleichberechtigt zur Aula genutzt werden kann […] Entsprechend des ursprünglichen Raumprogramms soll die Aula/Kirche 600 Plätze bieten und so angelegt sein, dass sie für akademische Festakte, Gottesdienste, Konzerte, wissenschaftliche Tagungen und Ausstellungen genutzt werden kann […]«2.
Heute stehen wir staunend vor den neuen Gebäuden am Augustusplatz und im großen Aula-/Kirchenraum. Das Paulinum erinnert mit seiner geglückten Architektur und seinem grandiosen Innenraum für jedermann erlebbar an die gesprengte Paulinerkirche. Wir sehen einen sakral anmutenden, jedoch modernen Raum, der sofort einen ganz besonderen Eindruck vermittelt. Es ist ein Unikat, ein Raum mit Atmosphäre, ein Raum mit Altar und Orgel, den die Universität für vielfältigste Veranstaltungen, als Kirchenraum und für unsere Universitätsmusik nutzen wird. Das gewünschte Gleichgewicht zwischen einer universitären Aula für Lehre und Forschung und einer kirchlichen Nutzung ist in der Architektur des Erick van Egeraat geglückt. Die Anforderungen aus den Architektenwettbewerben vor über zehn Jahren haben sich eindrucksvoll verwirklicht, auch wenn der Weg hierhin nicht immer einfach war. Die Universität hat die einmalige Chance genutzt, die vor der Sprengung der Kirche geretteten Kunstwerke zu integrieren und bietet künftigen Generationen die Möglichkeit, Fragen zu stellen und die Erinnerungen wach zu halten.
In der Zukunft wird es darauf ankommen, das Gebäude verschiedenen Nutzungsinteressen angemessen zu öffnen. Das stark vernehmbare Interesse unserer Studierenden am Paulinum muss ebenso Berücksichtigung finden wie der Wunsch von Theologischer Fakultät und Universitätsprediger nach kirchlicher Nutzung. Besonders wichtig wird die Nutzung des Raumes für den Studien- und Wissenschaftsbetrieb sein, und unsere Universitätsmusik kann sich auf einen für ihre Zwecke hervorragenden Raum stützen. Alle diese Interessen spiegeln die gelebte Vielfalt einer großen und jahrhundertealten Universität wider. Wir wollen ausdrücklich eine breite Öffentlichkeit ansprechen, um die Möglichkeit zu nutzen, mit dieser Öffentlichkeit in intensive Kontakte und Diskussionen zu treten. Wir freuen uns darauf.
Prof. Dr. med. Beate A. Schücking
1 Dokumentation zum Qualifizierungsverfahren zum Bereich ehemaliger Standort Paulinerkirche zur Neubebauung mit einer Aula/Kirche; Pkt. 1. Seite 9.
2 Dokumentation zum Qualifizierungsverfahren zum Bereich ehemaliger Standort Paulinerkirche zur Neubebauung mit einer Aula/Kirche; Pkt. 3.2.1. Seite 9 und 10.
Landesbischof der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens
Psalm 71,20 »Du lässest mich erfahren viele und große Angst und machst mich wieder lebendig und holst mich wieder herauf aus den Tiefen der Erde.« (Losung der Herrnhuter Brüdergemeine vom 30. Mai 1968)
Die Sprengung der Universitätskirche St. Pauli am 30. Mai 1968 war ein Ereignis von großer Bedeutung weit über den Tag hinaus. Die SED und jene Funktionsträger, die der Partei ihre Ämter verdankten, begründeten sie mit ihrer religions- und kirchenfeindlichen Ideologie, die davon ausging, dass die Sphäre der Wissenschaft mit der des Glaubens unvereinbar sei. Es sollte eine geistige Tradition abgeschnitten werden, die unser Land und seine Kultur bis in die Tiefe geprägt hat.
Für alle, die auf der anderen Seite das Handeln der Mächtigen kritisierten, war es nicht nur ein Angriff gegen den christlichen Glauben, sondern auch gegen eine jahrhundertealte Wissenschaftstradition. Die Doppelnutzung der Kirche als Gottesdienstraum und Aula veranschaulichte die fruchtbaren Wechselwirkungen sowohl für den Glauben als auch für die Wissenschaft, die aus dem gemeinsamen Bemühen um wertgebundene Erkenntnis erwachsen waren.
Mit der Einweihung von Aula und Universitätskirche liegt eine Geschichte von Verblendung, maßloser Hybris und böser Tat hinter uns. Die Zeiten sind über die Ideologie hinweggegangen; und im Rückblick auf die annähernd fünf Jahrzehnte, die seit der Sprengung vergangen sind, darin der Herbst des Jahres 1989, erinnern wir uns dankbar an die Losung vom 30. Mai 1968. Damals wie heute verkündigt die Kirche das Evangelium von Jesus Christus, durch das Menschen zur Wahrheit finden und getröstet werden angesichts der Wirrsal der Zeiten. Dass Universitätskirche und Aula nun wieder ein gemeinsames Gebäude haben, macht das Unrecht nicht rückgängig, heilt aber Wunden und erfüllt in einem gewissen Sinn das Vermächtnis derer, die gegen den Abriss kämpften und dafür mit dem Verlust der Freiheit, ihrer Gesundheit oder der Aussicht auf den gewählten Beruf bezahlten. Gott holt die Bedrängten herauf aus der Tiefe. Das ist ein Grund, sich an dem Segen, der auf hoffnungsvollem Widerstehen lag, zu freuen und Gott zu loben, der Aufbruch und neuen Anfang geschenkt hat.
Das Gebäude, das in seiner Formensprache bewusst an den gesprengten Vorgängerbau erinnert und sie in unsere Zeit übersetzt, wird nun erneut für die Begegnung von Wissenschaft und Glaube zur Verfügung stehen. – Die Aula wird dem wissenschaftlichen Diskurs dienen. Die Kirche braucht dieses Gespräch, um vor der Gefahr bewahrt zu werden, die Offenheit für das Weltwissen und die geistige Situation der Zeit zu verlieren. – Die Universitätskirche St. Pauli wird Raum bieten für die Verkündigung des Evangeliums von der Befreiung des Menschen aus selbstgeschaffenen Zwängen. Die Wissenschaft braucht die Dimension der Transzendenz, um vor der Gefahr bewahrt zu werden, ihre Erkenntnisse zu überhöhen und den Menschen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.
Der Neubau steht insofern in der langen und fruchtbaren Tradition der Leipziger Universität, in der Glaube und Wissenschaft sich gegenseitig befruchtet haben. So steht zu hoffen, dass Aula und Universitätskirche wechselseitig zum Besten der Universität wie der Kirche dienen werden.
Dr. Carsten Rentzing
Landesbischof der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens
Oberbürgermeister der Stadt Leipzig
Ich bin außerordentlich froh über den heutigen Tag. Die Einweihung der Universitätskirche St. Pauli beendet eines der traurigsten Kapitel der Leipziger Stadtgeschichte. Die Zerstörung der Universitätskirche am 30. Mai 1968 hat sich wie kein zweites Ereignis jener Jahre in das Gedächtnis der Leipziger eingebrannt.
Die Sprengung war mehr als die Zerstörung eines jahrhundertealten ehrwürdigen Gebäudes. Die Sprengung war mehr als ein aggressiver Eingriff in das Erscheinungsbild unserer Stadt. Sie war ein politisches Signal an alle, die sich nicht verbiegen lassen wollten, an alle, die eine eigene Vorstellung von der Entwicklung ihrer Stadt und der Freiheit ihrer Bürger hatten. Das Datum des 30. Mai 1968 steht für eine brutale Machtdemonstration, in der sich der Staat zum Zuchtmeister seiner Bürger aufschwang.
Viele Zeitgenossen sahen, was geschah. Aber niemand durfte es aussprechen. Als man in den Tagen danach einen Blick auf den Ort des Geschehens richten konnte, sah man, dass die Bodenplatten in der Innenstadt dem Explosionsdruck nicht standgehalten hatten. Wie eine anonyme Anklage waren sie himmelwärts gerichtet. Hier war etwas aufgebrochen, das sich zwei Jahrzehnte später in der Friedlichen Revolution zu Wort melden sollte.
Nur ganz wenige haben in jenen Tagen ihre Stimme erhoben. Sie mussten es im Verborgenen tun und einige haben einen hohen Preis dafür gezahlt. Die Neueinweihung zollt diesen widerständigen Menschen ihre verdiente Anerkennung. Ihr Mut und ihre Unbeugsamkeit sind in die Annalen unserer Stadt eingeschrieben. Zu loben sind auch die Mitglieder der Universitätsgemeinde, die vieles vor der Vernichtung bewahrt haben: die Epitaphien, die Kanzel und den Altar. Sie taten es im Vertrauen und im Vorgriff auf Zeiten, in denen diese Gegenstände ihren gesellschaftlichen Wert und ihren angemessenen Ort wiedergewinnen sollten.
Der Rat der Stadt Leipzig hat in jenem Frühling 1968 eine unrühmliche Rolle gespielt. Er degradierte sich mit einer untertänigen Akklamation am 23. Mai 1968 zum Erfüllungsgehilfen von Entscheidungen, die anderen Ortes längst gefällt waren. Mit Demokratie hatte dies nichts zu tun. Es war die Simulation eines Bürgerwillens, der gar nicht gefragt war.
Die heutigen Vertreter der Leipziger Bürgerschaft haben sich von dieser Entscheidung distanziert. Wir haben alle Bestrebungen unterstützt, die der Restaurierung, der Sicherung und dem Erhalt der kunsthistorisch bedeutsamen Objekte dienten, die vor der Sprengung der Universitätskirche geborgen werden konnten. Uns war es außerordentlich wichtig, eine klare Stellung zu diesem dunklen Kapitel unserer Stadtgeschichte zu beziehen.
Der Zerstörung der Paulinerkirche folgte das verordnete Schweigen. Bis zum Ende der DDR durfte nirgendwo öffentlich über die Ereignisse gesprochen werden. Die heutige Einweihung macht diese Geschichte nicht ungeschehen. Was geschehen ist, kann nicht rückgängig gemacht werden. Aber eine Erinnerung, die nicht vergehen darf, kann versöhnen. Sie kann alle verbinden, die diesem Ort eine besondere Bedeutung zugestehen.
Denn seit der Friedlichen Revolution suchte die zweitälteste Universität Deutschlands, die Alma Mater Lipsiensis, einen Raum, der den Stellenwert der Universitätskirche übernehmen könnte: eine Stätte der Diskussion und des öffentlichen Meinungsstreits, auch eine Stätte der Besinnung und der spirituellen Sammlung. Intensive und leidenschaftliche Diskussion, in welcher architektonischen Sprache und institutionellen Form an die Universitätskirche zu erinnern ist, haben diese Suche geprägt.
Nicht wenige fragen weiter danach. Ich persönlich stehe ohne Wenn und Aber hinter dem kühnen Entwurf, der nun endlich verwirklicht ist. Jeder Blick auf das bisher Geschaffene verdeutlicht: Hier wird in einer Weise an das alte Gotteshaus erinnert, die ihresgleichen sucht. Der Tag der Wiedereinweihung sollte daher ein Datum sein, die Kriegsbeile zu begraben und freimütig im Interesse unserer Universität und unserer Stadt alle noch offenen Fragen einer einvernehmlichen Lösung zuzuführen.
Ich bin fest überzeugt: Der Geist eines Ortes wird von den Menschen erzeugt, die ihn beleben. Niemand von uns kann sagen, wie das neue Zentrum unserer Universität von den Menschen angenommen wird. Wir können nicht wissen und keine architektonische Lösung gibt uns eine letzte Gewähr, welcher Geist in diesem Ort Raum greifen wird. Seine Vielgestaltigkeit – als Aula und Universitätskirche, als Gottesdienst- und Versammlungsraum, als Ort von Debatte und Besinnung – wird eine ganz eigene Atmosphäre entfalten.
Aus Reflexion und Spiritualität, aus kritischer Unruhe und geistlicher Besinnung wird sich eine Stimmung ergeben, die uns in seinen Bann ziehen wird. Zumindest ist dies mein Wunsch und meine feste Überzeugung.
Ich jedenfalls werde mich für eine solche Lösung stark machen. Ich wünsche mir viele Mitstreiter für diese Aufgabe. So dass wir vielleicht bald sagen können: Das neue Zentrum unserer Universität inmitten unserer Stadt ist ein Ort, an dem die Zuversicht in die Menschen und das Vertrauen in Gott ungezwungen zueinander gefunden haben.
Burkhard Jung
Vorstandsvorsitzender der Stiftung »Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig«
Mit einem Festgottesdienst kann nach langen Jahren des Wartens der große neue Raum, der sich in seiner Innengestaltung unübersehbar an der früheren Universitätskirche orientiert, in dem nunmehr »Paulinum« genannten Universitätsgebäude am Leipziger Augustusplatz als neue Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig seiner sakralen Bestimmung übergeben werden. Dieser Festgottesdienst schließt sich dem Festakt an, mit dem die Universität die Wiedergewinnung einer Aula feiert. Festakt und Festgottesdienst markieren die beiden Funktionen, die der neue Raum erfüllen soll: Er wird als Aula akademischen Festlichkeiten sowie wissenschaftlichen Veranstaltungen und als Universitätskirche vor allem den Universitätsgottesdiensten dienen, die hier nach der barbarischen Zerstörung der alten Universitätskirche im Jahre 1968 eine neue Heimstätte finden werden. Festakt und Festgottesdienst im selben Raum bringen zum Ausdruck, dass er künftig beides zugleich sein soll: Aula und Kirche, jeweils nach Anlass akademisch oder gottesdienstlich genutzt.
Die Wiedergewinnung einer Universitätskirche ist für Predigerkonvent und Universitätsgemeinde, aber auch für die Theologische Fakultät und die Leipziger Universität insgesamt Anlass zu Dankbarkeit und Freude. Endlich haben Universitätsgemeinde, Fakultät und Universität wieder einen Ort, an dem sich Sakrales mit Weltlichem verbinden kann. Sie können damit an eine Tradition anknüpfen, die bestand, seit Martin Luther 1545 die alte Paulinerkirche des früheren Dominikanerklosters zur Universitätskirche weihte. Immer wieder in ihrer Geschichte war die alte Universitätskirche nicht nur die Heimstatt der Universitätsgottesdienste, sondern zugleich auch Ort akademischen und musikalischen Geschehens.
Die Einweihung der neuen Universitätskirche ist nicht nur Anlass ungeteilter Freude, sondern gibt zugleich auch ein Signal zum Aufbruch in ein Gefilde neuer Aufgaben und neuer Erwartungen. Ehrgeiziges Ziel muss es sein, die Kirche – auch in ihrer Funktion als Aula – für Universität und Stadt zu einem Zentrum geistlicher, akademischer und musikalischer Kultur werden zu lassen. Das ist eine Herausforderung, die zuvörderst der Universitätsgemeinde, der Universitätsmusik und der Theologischen Fakultät gilt. Diese drei universitären Institutionen haben die Herausforderung aufgegriffen und Programme erstellt, mit denen sie der Öffentlichkeit kundtun, wie sie die neue Universitätskirche als einen Ort ihres Wirkens verstehen und gestalten wollen. Diskursive Veranstaltungen zum Spannungsfeld von Glaube und Wissenschaft, zur Rolle von Glaube und Kirche in der heutigen Gesellschaft und zum Verhältnis christlichen Bekenntnisses zu anderen Religionen und Glaubensrichtungen werden das Interesse einer breiten Öffentlichkeit wecken. Inhaltsreiche und musikalisch attraktiv umrahmte Predigten werden so Manchen zu einem Besuch des Universitätsgottesdienstes animieren. Und die Universitätsmusik wird hier künftig eine feste Spielstätte finden und nachhaltig das Leipziger musikalische Geschehen prägen und ergänzen.
Auch für die Stiftung »Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig« ist die Fertigstellung der neuen Universitätskirche neben Anlass zur Freude ebenfalls eine Herausforderung. Bei ihrer Gründung 2008 war mit der Errichtung des Paulinums schon begonnen worden; mit seiner Fertigstellung und der Indienstnahme von Aula und Kirche wurde bereits für das Universitätsjubiläum im Jahre 2009 gerechnet. Diese Erwartung blieb indes unerfüllt, und so verharrte die Stiftung über die Jahre hinweg in einem Wartestand. Das hieß nicht Untätigkeit. Wenn nunmehr in der neuen Kirche neben der Hauptorgel auch eine kleinere, durch ihre Renaissance-Stimmung ausgezeichnete Schwalbennest-Orgel erklingt, ist dies nicht zuletzt ein Verdienst der Stiftung, auf deren Initiative der Bau dieser Orgel zurückzuführen ist und an deren Finanzierung sie einen maßgeblichen Anteil hat. Doch nun erst kommen die eigentlichen Aufgaben auf die Stiftung zu. Ihrer Satzung zufolge will sie die Nutzung der Universitätskirche als Ort geistig-akademischen, kirchlich-gottesdienstlichen und musikalischen Geschehens finanziell unterstützen. Der Förderbedarf ist jetzt schon erkennbar; nun wird es die Aufgabe der Stiftung sein, genügend Spenden zu akquirieren, um ihrem Auftrag gerecht werden zu können. Den bisherigen Spendern sei an dieser Stelle damit auch noch einmal ein tiefer Dank ausgesprochen!
Kraft dieses Auftrages bietet sich die Stiftung den universitären Institutionen der Universitätsgemeinde, der Universitätsmusik und der Theologischen Fakultät als Begleiterin auf deren künftigen Wegen an und hofft auf eine freundschaftliche und nachhaltige Zusammenarbeit mit der Universität. Und sie erbittet für die neue Kirche und alle, die sie nutzen, Gottes Segen!
Prof. Dr. Matthias Schwarz
Prior des Dominikanerklosters St. Albert, Leipzig & Pfarrer der Propsteigemeinde St. Trinitatis Leipzig
Das geistliche und das universitäre Leben der Stadt Leipzig sind eng mit dem Dominikanerorden verknüpft. Als dieser im Jahre 1216 gegründet wurde, entstand ein neuer Typus von Ordensleben: Klösterliches Leben nicht mehr außerhalb der Stadt, nicht mehr in der Einsamkeit und Stille, sondern inmitten der Stadt, unter den Menschen, wo die Dominikaner leben, studieren und predigen sollten; »Ordinis Praedicatorem«, Predigerbrüder, wurden sie genannt. Schnell breitete sich der Orden aus. Leipzig gehört mit dem Gründungsdatum 1229 zu dessen frühen Gründungen und unterstreicht die Bedeutung der Stadt auch als einen wichtigen Ort der Wissenschaft und Lehre. »Semper studere«, lebenslanges Studieren, war damals wie heute ein Leitwort des Ordens. Der Heilige Dominikus wird vielfach mit dem Buch in der Hand dargestellt, wie er Gottes Wort liest, studiert und verkündet. Große Dominikaner, große Theologen und Philosophen waren in der Anfangsphase der Heilige Albert der Große und sein Schüler, der Heilige Thomas von Aquin. Viele weitere bedeutende Theologen und Heilige sollten folgen, auch Dominikanerinnen, wie Katharina von Siena oder die großen Mystiker, Meister Eckhart, Heinrich Seuse, Johannes Tauler.
Der Patron der späteren Universitätskirche, der Heilige Paulus, ist für viele Dominikaner ein wichtiges Vorbild. Vom Heiligen Dominikus wird berichtet, dass er die Paulusbriefe stets bei sich trug und sie fast auswendig kannte und rezitierte. Viele Klöster, so auch das Leipziger Kloster, wählten deshalb den Namen Paulus zum Patrozinium. Deshalb wurde auch die Leipziger Ordensniederlassung Paulinerkloster und Paulinerkirche genannt. Den Stellenwert des Studiums für die Dominikaner unterstreicht, dass zu jedem Dominikanerkloster eine Bibliothek gehört. Und so hängen die Anfänge der Leipziger Universität und die Universitätsbibliothek mit dem Dominikanerorden zusammen. Infolge der Reformation verließen die Ordensbrüder 1539 Leipzig und die Paulinerkirche wurde Universitätskirche und evangelische Kirche. Doch die Verbindung zu den katholischen Geschwistern und zu den Dominikanern riss nie ganz ab.
Die Beziehung der katholischen Christen zu der Universitätskirche nahm durch die Folgen des Zweiten Weltkrieges eine ganz neue Wendung. Beim Bombenangriff auf Leipzig in der Nacht vom 3. zum 4. Dezember 1943 durch die Zerstörung ihrer Kirche heimatlos geworden, durfte die Propsteigemeinde ab dem ersten Maisonntag 1946 in der Universitätskirche ihre Sonntagsgottesdienste feiern – in der Regel waren das fünf und mehr Heilige Messen pro Sonntag. Schnell wurde der Raum aufgrund der gemeinsamen Nutzung durch evangelische und katholische Christen auch für die Propsteigemeindemitglieder zu »ihrer Kirche«. Über die Jahre wuchs darüber hinaus das Bewusstsein, dass die Bereitstellung der Universitätskirche nicht nur ein gastfreundschaftlicher Akt war, sondern dass auf diese Weise ein frühes Zeichen wachsender Ökumene gelebt und praktiziert wurde. Starken Ausdruck fand diese Tatsache in einer Predigt des Dominikanerpaters Gordian Landwehr, der selbst viele Gottesdienste in der Universitätskirche gefeiert und dort auch seine berühmten »Jugendpredigten« gehalten hat. Im Jahre 1964, angesichts der sich verdichtenden Anzeichen eines geplanten Abrisses des Kirchenbaus, predigte er: »Dass gerade dieses Gotteshaus hier in Leipzig zu einer Stätte der Begegnung, zu einer Stätte der Einheit für uns alle werden möge! Für katholische und nichtkatholische Christen, für Gläubige und Nichtgläubige. 300 Jahre gehörte die Universitätskirche der katholischen Kirche und mehr als 400 Jahre gehörte sie der Leipziger Universität und stand in besonderer Weise unter dem Einfluss der evangelischen Kirche. Und jetzt im Augenblick ist es so, dass sie irgendwie der evangelischen und auch der katholischen Kirche gehört, […] den evangelischen und katholischen Gläubigen. In ihr feiern sie ihre Gottesdienste, in ihr hören sie das Wort Gottes, in ihr beten sie. Ich frage mich immer wieder: Warum beten sie nicht zusammen, warum feiern sie ihre Gottesdienste nicht gemeinsam? Die Universitätskirche sagt den katholischen und den nichtkatholischen Gläubigen: Warum schließt ihr euch nicht zusammen? Ihr habt so viel Gemeinsames, warum kann euch nicht alles gemeinsam sein? […] Erkennt doch endlich, dass ihr alles gemeinsam habt!«
Die Zerstörung der Universitätskirche am 30. Mai 1968 war und ist bis heute ein tief sitzender Schmerz für evangelische und katholische Christen, ebenso für viele Leipziger Bürger, die keiner Kirche angehören.
Nach dem Wendejahr 1989, nach einer langen Zeit des Diskutierens, des Planens und Wartens heißt es jetzt, für das neue Paulinum mit Aula/Universitätskirche St. Pauli zu danken. Wir, die Leipziger Dominikaner und die Propsteigemeinde, wünschen, dass es in seiner vielgestaltigen Bestimmung auch wieder ein geistiger und geistlicher Ort im Herzen der Stadt wird und ein Ort und ein Zeichen für eine gute Ökumene.
Pater Josef kleine Bornhorst,
Prior des Dominikanerklosters St. Albert, Leipzig
Propst Gregor Giele,
Pfarrer der Propsteigemeinde St. Trinitatis Leipzig
Superintendent im Ev.-Luth. Kirchenbezirk Leipzig
Nun ist es also (fast) geschafft. Der Neubau des als »Paulinum – Aula/Universitätskirche St. Pauli« offiziell bezeichneten Gebäudes wird nicht mehr nur durch seine äußere Gestalt die Blicke und das Interesse aller, die über den Augustplatz gehen, auf sich ziehen, sondern auch der Innenraum wird der Öffentlichkeit zugänglich. Das Gebäude wird durch die Universität feierlich eröffnet und die neue Universitätskirche St. Pauli durch den Landesbischof geweiht. Dieser nun unmittelbar bevorstehende Festtag wurde von vielen Leipziger Bürgerinnen und Bürgern lange herbeigesehnt. Für manche wird der Tag dazu beitragen, dass eine tiefe, schmerzliche Wunde in ihrem persönlichen Leben weiter heilt.
Die Genialität der äußeren Gestaltung, die alle Gäste, die über den Augustusplatz gehen, fragen lässt: »Was ist denn das für ein Gebäude, eine Kirche?«, wird durch den Innenraum aufgegriffen und vertieft. Ein Riss geht durch das ganze Haus und erinnert an die Sprengung der mittelalterlichen Universitätskirche. Der Paulineraltar steht im Chorraum, als wäre der Gesamtraum für ihn konzipiert, die Westempore füllt eine prächtige Orgel, die kleine Schwalbennestorgel schwebt in der Höhe des Chorraumes über den altehrwürdigen Epitaphien. Für mich gibt es keine Frage, wie dieses faszinierende Haus bei Gästen wie Einheimischen genannt werden wird. So, wie es aussieht: eine Kirche, die Leipziger Universitätskirche.
Möge die neue Universitätskirche in neuer Weise zu einem Ort werden, der aus den Quellen lebt, welche dem zerstörten Vorgängerbau seine Einmaligkeit verliehen: Heimat des Universitätsgottesdienstes und der Gemeinde, die sich Sonntag für Sonntag um Wort und Sakrament versammelt, Zentrum der Universitätsmusik mit ihrer großen Tradition und weiten Ausstrahlung sowie Ort für universitäre Festveranstaltungen. Möge die dreifache Nutzung der Universitätskirche – gottesdienstlich, musikalisch und akademisch – diesen Ort im Zentrum unserer Stadt erneut zu einer Mitte werden lassen, in der im Diskurs, in der Feier und im Gebet Orientierung und Halt gefunden werden.
Martin Henker
Leipzig, am 2. Mai 2017
Martin Luther • Gottfried Olearius Georg Rietschel • Heinz Wagner Peter Zimmerling • Rüdiger Lux
Predigt vom 12. August 1545 | Mittwoch nach dem 10. Sonntag nach Trinitatis Bearbeitet und kommentiert von Michael Beyer
VORBEMERKUNG
Luther predigte zwar am 12. August 1545 in der Universitätskirche, allerdings wohl nicht im Rahmen einer besonderen Weihehandlung im Sinne einer Einführung des evangelischen Gottesdienstes, was landläufig betont wird,1 sich aber nicht sicher nachweisen lässt. Auch der Bezug, den die Predigt erst ganz am Ende zur Universität herstellt, bleibt eher allgemein und ist zu schmal für eine spezielle Einweihungspredigt, wie sie Luther etwa 1544 in der Torgauer Schlosskirche gehalten hatte. Man darf aber davon ausgehen, dass der Aufenthalt des alten Luther in Leipzig und seine Predigt in der ehemaligen Dominikanerkirche für die Zeitgenossen besondere Ereignisse darstellten. St. Pauli war eine Klosterkirche gewesen und wurde nach der reformatorischen Neugestaltung des Innenraumes 1543 unter Leitung Caspar Borners zum besonderen geistlichen Ort der Universität, auch wenn kein regelmäßiger Predigtgottesdienst gehalten wurde. Die jahrhundertelange Nutzung als Aula stand immer unter geistlichem Vorzeichen. Hier fanden die akademischen Festakte zu Weihnachten, Ostern, Pfingsten und dem Reformationsfest sowie vierteljährlich ein öffentlicher geistlicher Konvent (publicus conventus sacer) mit einer gelehrten theologischen Rede statt, außerdem Promotionen und Leichenbegängnisse für die Professoren sowie besondere akademische Feiern zu öffentlichen Ereignissen und Jubiläen, die immer gottesdienstlichen Charakter trugen.2
Luther hatte für seine Predigt keine besondere Perikope benutzt, sondern ihr das altkirchliche Evangelium des vorangegangenen zehnten Sonntags nach Trinitatis zugrunde gelegt, also über Jesu Klage und Unheilsprophetie über Jerusalem sowie die Tempelreinigung gepredigt. Diese Perikope eignete sich jedoch sehr gut für eine Gegenüberstellung von falschem und rechtem Gottesdienst und zur Warnung davor, das Evangelium, in dem Christus selbst zu seinen Gläubigen kommt, gering zu achten. Insofern ist die Überlieferung von der Einführung des evangelischen Gottesdienstes in die Leipziger Universitätskirche durch Luther durchaus nachvollziehbar.
Luthers Predigt ist für die Druckausgabe überarbeitet worden. Das ist schon an ihrem Textumfang erkennbar. Luther predigte in der Regel frei und relativ kurz nach Stichpunkten. Weil außer den beiden Drucken auch eine Mitschrift der Predigt (ihr Umfang entspricht einem reichlichen Drittel des gedruckten Textes) überliefert ist, muss davon ausgegangen werden, dass die Leipziger Predigt, wie bei Predigten Luthers sonst auch üblich, unmittelbar von Zuhörern mitgeschrieben und für den Druck überarbeitet und aufgefüllt wurde. Ob Luther die Bearbeitung korrigiert und den Druck kontrolliert hat, lässt sich nicht sagen.
Textgrundlage der neuhochdeutschen Bearbeitung ist der Wittenberger Druck von 1545, der mit dem im gleichen Jahr erschienenen Nürnberger Druck sowie der Edition von Mitschrift und Wittenberger Druck im 51. Band der Weimarer Lutherausgabe verglichen wurde.3 Die eckigen Klammern im Text bezeichnen die Bogenangaben.
DIE PREDIGT
Liebe Freunde, wir haben im Evangelium des vergangenen Sonntags4 gehört, wie Christus vor seinem Einzug in Jerusalem über die Stadt geweint und ihre endgültige Zerstörung verkündet hat. Er tat das deshalb, weil Jerusalem den Zeitpunkt seiner Heimsuchung5 nicht erkannte. Wir haben auch gehört, wie Christus danach in den Tempel ging, die Händler und Käufer hinaustrieb und sagte: Mein Haus soll ein Bethaus genannt werden, ihr aber habt es zu einer Mördergrube gemacht usw.6
Beides sind zutreffende, sehr harte Worte, insbesondere weil der liebe [Aijv] Herr sagt, die heilige Stadt Jerusalem und der herrliche Tempel sollten vollkommen zerstört werden, und zwar deshalb, weil Jerusalem und seine Bewohner den Zeitpunkt nicht erkannten, an dem sie heimgesucht worden sind. Das wäre wohl ein Wort, das von Rechts wegen jedermann mit Furcht und Zittern annehmen und im Gedächtnis behalten sollte. Denn es ist mit großem Ernst gesprochen und – wie ihr gehört habt – mit von Herzen kommenden Tränen: Du, Jerusalem, hast den Zeitpunkt deiner Heimsuchung nicht erkennen wollen.
Denn »Heimsuchung« meint im Hebräischen: Gott kommt zu uns, klopft bei uns an und hat seine himmlischen Güter dabei. Das entspricht der Redeweise, die Zacharias, der Vater Johannes des Täufers, in seinem Gesang benutzt: Gelobt sei der HERR, der Gott Israels, denn er hat sein Volk heimgesucht und große Erlösung bewirkt.7 Also meint der Ausdruck: Gott habe uns »visitiert« oder »heimgesucht«, dass er zu uns kommt, nicht um etwas von uns zu empfangen oder zu nehmen, sondern um uns etwas zu bringen und zu geben. Genau betrachtet meint das Wort [Aiijr], einen armen Menschen zu besuchen, der ein Bettler ist, heimatlos und verloren und den der Teufel im tiefsten, schwersten Kerker der Sünden, des Todes und der Hölle gefangengesetzt hat. Zu solchen Menschen kommt der liebe Sohn Gottes vom Himmel herab. Kommt in unser Elend, Jammer, Tod und Grab, entbietet uns einen guten Morgen und seligen Gruß und sagt, dass wir fröhlich sein sollen: Er wolle uns aus aller Not erlösen und alles Gute geben. Das ist seine »Visitation« oder »Heimsuchung«. Was geben aber die so Heimgesuchten dazu?
Hier ist nun die Klage (spricht er) und wirklich ein sehr jammervolles Klagen, dass man über dieses unaussprechlich Gute, das er bringt, weder froh wäre noch es dankbar annehmen würde, sondern es über die große Undankbarkeit hinaus auch verfolgen und verjagen helfe. Ja, auch noch den lieben Gast und Herrn, der uns heimsucht, ermorde und sein Heimsuchen verwerfe. Dieses Wort ist jedenfalls schrecklich zu hören, und grauenhaft scheußlich ist die Farbe, mit der die Welt abgemalt wird, weil [A iijv] die blinde, undankbare Welt ihren Herrn weder kennen noch von seinem Heimsuchen etwas wissen will.
Keinen Menschen hielte man für verständig und klug, der in höchster Qual und Leiden liegt, unter Pest und Seuche leidet, aber einen rechtschaffenen, treuen Arzt ablehnt, wenn der zu ihm kommt und seinem Leiden abhelfen könnte und wollte. Wenn es aber einen solchen Menschen gäbe, würde jedermann sagen müssen, er wäre über die Krankheit seines Körpers hinaus toll, seiner Sinne beraubt und besessen und müsste deshalb mit Ketten gefesselt werden. Wie viel mehr müssen diejenigen toll und töricht, rasend und besessen sein, die in der grausamen Krankheit und Not der Sünde und des Todes liegen und ewiges Verlorensein vor sich haben? Und zu ihnen kommt dieser Arzt, der rechte, einzige Heiland und Hirte ihrer Seelen und spricht: Ich will dir helfen und dich erlösen von Sünde und Todesnot, Teufel und allem [Aiiijr] Unglück und in das Himmelreich setzen, wo du mit mir ein Erbe sein sollst des ewigen Lebens. Sollten sie so blind und böse geworden sein, dass sie so einen lieben Mann nicht nur undankbar verachten, sondern ihn zur Stadt hinaus jagen und ans Kreuz schlagen, wie es sein eigenes Volk in Jerusalem tat und wir jetzt auch sehen vor unseren Augen?
Denn siehe, was wir selbst tun, die wir »Christen« heißen, die großen Könige und Herren und besonders Bischöfe und Kardinäle usw., alles, was klug und heilig sein will und das Beste auf Erden. Siehe, sind sie nicht toll und töricht? Sie schreiten daher in großer Ehre und Pracht, mit goldenen Ketten, in Samt und Seide, heißen große, kluge Leute, weise Fürsten und Regenten der Welt, die überaus gut regieren können, was sie auch unterlassen. Sie sind geschickt in mancher Hinsicht, so dass, was sie reden und tun, als etwas Besonderes angesehen wird. Sie werden für diejenigen gehalten, die Gott besonders [Aiiijv] erwählt und die ihm die Liebsten sind, der Welt zu Trost und Heil gegeben.
Aber man achte darauf, wie sie sich verhalten, wenn es diese göttliche Visitation oder Heimsuchung zu betreffen beginnt. Da ist niemand rasender und tollwütiger als eben diese Allerweisesten und Klügsten: Papst, Kardinäle, Bischöfe, Fürsten, große Herren von Adel und andere. Ja, wenn dieser Artikel von der gnädigen und frohmachenden Heimsuchung zur Sprache kommt, da stößt man auf so großen Undank und solche Verachtung, dass einem gläubigen Christen das Herz brechen könnte. Ja, auch der Herr selbst kann nicht an sich halten: Als er die Stadt ansieht, muss er weinen und diese jammervolle Klage führen.
Denn ist es nicht eine jammervolle Klage? Die Hohenpriester, die ansehnlichsten und vornehmsten Leute, die Herren Ananias und Kaiphas, und das ganze Geschlecht der Priester und Leviten, dazu die 72 [Br] Fürsten im Rat zu Jerusalem, sie regieren so weise und halten so schönen Gottesdienst; unter ihnen lebte das Volk in schönem Regiment, Zucht und Gehorsam, und alles war ganz großartig anzusehen. Weder sehen wir heute so ein Regiment wie bei den Juden unter Mose noch ist ein solches unter den Heiden gesehen worden. Aber siehe, was machen sie, dass man sagen muss, sie seien blind, toll und töricht? Ihren lieben Heiland, der ihnen aus allen Nöten helfen will, den hängen sie ans Kreuz!
So ist es gegangen und so geht noch überall in der Welt. Man muss nur die Augen aufmachen! Da gibt es viele weise, kluge und vernünftige Leute (das müssen wir zugeben), auch gelehrt, ehrbar, rechtschaffen. Aber wenn sie das Wort oder die Predigt des Evangeliums von Christus hören, das ihnen die Erlösung vom Tod verkündigt und das ewige Leben, dann schreien sie: Nur hinweg mit ihnen und ganz schnell alle tot-, ja totgeschlagen, die das predigen. [Bv]
Ist aber das Folgende nicht eine jammervolle Sache: Käme das Evangelium als ein grausamer Tyrann oder Türke und erschreckte und plagte die Leute, nehme ihnen ihr Gut und schlüge sie dazu tot, wäre es nicht verwunderlich, dass man zum Feind des Evangeliums würde? Nun kann aber keiner dem Evangelium solcherlei Schuld zumessen. Es schadet niemandem, lässt dir und jedermann, was er hat: Frau, Mann, Kind, Haus, Hof, Güter, Land und Leute. Es beansprucht weder Krone, Regiment und Gewalt des Kaisers und der Könige (wie es der Papst getan hat). Sondern spricht zu allen Menschen: Behaltet, was ihr habt. Ich will und begehre nichts davon. Allein das tue: Glaube an den Sohn Gottes, damit du selig seiest, wenn dieses Leben aufhört. Denn du wirst diese königliche Krone nicht ewig tragen, noch wirst du Ehre, Gewalt und Gut ewig bewahren. Sondern dahin musst du, wo deine Krone, Ehre, Macht, Geld und Gut nichts mehr sein werden. Was wird dir dann helfen können? Nichts! Ich aber will dir helfen. Mich allein nimm dankbar an. [Bijr] Ich begehre nicht mehr, als dass du nur glaubst und diese Heimsuchung erkennst.
Nun siehe, was sollte Christus denn mehr tun, außer aller Welt das anzubieten? Ihre zeitlichen Güter lässt er in Ruhe und lässt sie behalten, was sie haben. Dazu bringt er ihnen die ewigen Güter und trägt sie ihnen nach Hause. Aber Christus sollte bei ihnen nicht einmal erreichen, wenigstens das von ihm anzunehmen. Verdient hat er damit nur so viel, dass sie gegen nichts auf Erden größere Feindschaft empfanden als gegen den, der ihnen das verkündigte.
Das läuft jedenfalls weder menschlich noch natürlich ab. Sondern es müsste gehen, wie es die Natur alle Menschen lehrt: Wer mir Gutes tut und Güter bringt, dem bin ich dankbar und habe ihn lieb. Wenn einer denjenigen weder annehmen noch ihm dankbar sein will, der zeitliche Güter und dieses Leben gegeben hat und dazu noch das ewige Leben schenkt, dann ist das weder natürlich noch menschlich. Denn es richtet sich gegen die Vernunft und das Empfinden aller Menschen, so wie der widerwärtige [Bijv] Teufel aus der Hölle, der die Leute mit Leib und Seele in Besitz genommen hat.
Wer aber will hier so mutig sein, zu Papst, Kardinälen, Bischöfen, Königen und reichen Junkern von Adel so zu sprechen (Ihr seid voller Teufel!), wenn es auch die bittere Wahrheit ist. Aber wer so zu ihnen sprechen will, muss damit rechnen, seinen Kopf hinzuhalten und sich sagen zu lassen, er sei ein Aufrührer und beschädige die Ehre der besten, weisesten, heiligsten Leute. So reden sie jetzt, wenn man ihre öffentlichen Laster benennt. Was aber können wir anderes tun? Deine eigene Vernunft muss dir sagen (wenn sie es sagen will), dass dich der Teufel in Besitz genommen hat, wenn du das Evangelium wissentlich verfolgst. Die Begründung ist folgende: Gott bringt und trägt zu dir alles zeitliche und ewige Gut, kann aber bei dir nicht erreichen, es dankbar anzunehmen. Im Gegenteil: Du verfolgst es; es ist reines Gift für dich.
Ja, sagst du: Dass er uns genügend zeitliches Gut gibt und ewiges dazu, [Biijr] können wir ertragen. Aber das Evangelium straft und verbietet uns zugleich unseren Gottesdienst, die Messen, das monastische Leben usw. – Ich antworte: Ja, es zerreißt dich! Ich höre es wohl: Du hast nicht darüber zu klagen, dass man dir etwas an Leib und Seele wegnimmt oder nichts Gutes gibt. Aber es geht dir darum, deinen Willen nicht durchsetzen zu können. Das ist nicht die Schuld Gottes oder des Evangeliums, sondern dein eigener böser Wille. Mehr nicht! (Denn du könntest andernfalls gut besitzen und behalten, was du hast). Du weißt doch selbst, dass du Unrecht hast und ein sündliches, zur Verdammnis bestimmtes Leben führst. Die Sache ist die: Du willst deinen kleinen Willen durchsetzen, aber Gottes Wille soll sich zurückhalten. Dass du dich selbst und andere mit dir verführst und verdirbst, soll Gott dir durchgehen lassen und es dir nicht sagen. Dass er dir zeitliches und ewiges Leben geben will, genügt dir nicht. Du willst darüber hinaus erreichen, dass Gott dich und andere Leute in euerm sündlichen Wesen verharren lässt. [Biijv].
Das soll und kann er nicht gestatten, denn es ist geradewegs gegen die Heimsuchung. Er sucht dich ja darum heim, weil dich der Teufel und seine Apostel von der Wahrheit zur Lüge geführt und dich gelehrt haben, auf deine Spielereien und deinen Götzendienst zu vertrauen. Gott will dir davon weghelfen, damit du, geschmückt mit der reinen Wahrheit, von den Lügen loskommst und so von der Gewalt des Teufels und der Hölle befreit wirst. – Dagegen schreist du an: Nein! Nein! Das will ich nicht. Ich muss nicht ertragen, meine Sache als Lüge und Unrecht bezeichnen zu lassen. Jedermann soll meine Sache für die göttliche, christliche Wahrheit halten oder (wie sie es jetzt nennen und bekräftigen) für die zu lobende, althergebrachte Religion.
Ja, hörst du aber nicht, dass dieser Text eine andere Geschichte erzählt: Jesus geht in den Tempel Gottes und dort stößt er um und wirft hinaus. Dass dies ein Visitiertwerden oder gnädiges Heimgesuchtsein war, verstanden die Hohenpriester auch nicht. [Biiijr] Sie hielten es für einen großen Ehrverlust und eine Schmähung ihrer zu lobenden Religion und des heiligen Tempels Gottes. – Nein! (sagt Jesus). Das gehört auch zur Heimsuchung. Wollt ihr die Wahrheit haben, so muss ich die Lüge strafen und euch fortschicken, damit ihr nicht eure Religion und Gottesdienst auf den Kramladen aufbaut, den ihr hier betreibt usw.
Hier hätten sie auch sagen können – wie jetzt der Papst und die Seinen: Ja, das ist unsere althergebrachte Religion und unser christlicher Glaube. Darum wollen wir weder davon ablassen noch dulden, dass dagegen geredet wird usw. Aber Christus sagt dazu: Gerade weil ihr den Gottesdienst schändlich umgekehrt habt, komme ich, damit ich euch lehre, was richtiger alter oder falscher neuer Glaube bzw. Gottesdienst ist.
Denn (um von unserer Zeit zu sprechen) es kann nicht als »alter christlicher Glaube« bezeichnet werden, dass ein Pfaffe vor dem Altar steht und eine Messe hält, die er für Tote und Lebende opfern will. Denn wo steht das geschrieben [Biiijv] außer in den Unsinnigkeiten des Papstes und im »Markolf« der Mönche,8 und ist ein neues Fündlein, das sie sich selbst ausgedacht haben. Deshalb soll man diese Neuerung weder für den »alten Glauben« halten noch es so bezeichnen. Sondern man soll den dafür halten, den wir von Christus durch die Apostel empfangen: Er hat seinen Jüngern über Tisch im Abendmahl seinen Leib und sein Blut gegeben, nicht damit sie es opferten, sondern – nach seinen eigenen Worten – um es zu essen und zu trinken und damit den Glauben an die Vergebung der Sünden zu stärken. Das ist die erste alte Ordnung Christi, die man zurecht als den »christlichen althergebrachten Glauben« bezeichnet. Aber unsere Papisten ziehen die schönen und guten Worte »christlich«, »althergebracht« usw. in ihre Lügen, die sie viel später in die Kirche eingeführt haben.
So machten es auch die Pfaffen der Juden: Für sie stand ihr »althergebrachter christlicher Glaube« für das Kaufen und Verkaufen vor dem Tempel. Da hatten sie Gehege und Ställe für Schafe und Kälber, für Hühner und Tauben usw. All das war für den ordentlichen Gottesdienst bestimmt, damit die [Cr] Leute, die von überallher aus dem Land nach Jerusalem kamen, dort ihre Opfergaben kaufen konnten, um sie dem rechten Gott zu opfern. Denn damals gab es im Tempel kein Götzenbild. Der Tempel war rein von allem Götzendienst. Und das Opfer richtete sich allein an den rechten, wahrhaftigen Gott, der Himmel und Erde geschaffen und dieses Volk erlöst hatte. Deshalb bestanden sie auch auf dem Opfern und sagten: »Wer das verhindern will, der widersetzt sich unserem alten Glauben und Gottesdienst.«
Was konnten die einfachen Leute dagegen sagen? Es war ja die Wahrheit. Alles geschah um Gottes Willen: Gott selbst hatte in diesem Volk angeordnet, ihm zu opfern. Das mussten alle als Recht anerkennen; es war der rechte Gottesdienst, den die Hohenpriester abzusichern hatten. Und da kommt dieser Jesus von Nazareth, will im Tempel Visitation halten und wirft alles über den Haufen. Sollte man einen solchen Ketzer, der den rechten Gottesdienst so schmachvoll behandelt, nicht töten und verdammen? [Cv] Einen, der unter sie tritt, um sich schlägt und sie zum Tempel hinaus wirft wie tollwütige Hunde?
Kurz und bündig: So gegen den ordentlichen Gottesdienst vorzugehen, muss als ärgerliches und ganz übles Handeln bezeichnet werden. Hätte Jesus etwas anderes aus dem Tempel geworfen, etwas, das nicht zum Gottesdienst gehört, das hätten sie wohl hinnehmen können. Aber die Dinge zunichte zu machen, die insbesondere zum Opfern verordnet waren und von jedermann gern gegeben und unterstützt werden sollten, und den Tempel »Mördergrube« zu nennen, das war eine zu große Lästerung und nicht zu ertragen.
Es hörte sich genauso lästerlich an, wie wenn ich jetzt sagte, dass die Kirchen, Stifte und Klöster des Papstes, der Kardinäle, Bischöfe, Pfaffen und Mönche mit ihren Gottesdiensten – gerade wo es ganz besonders heilig zugeht – nichts als Mördergruben sind. Genauso hat es in den Ohren der Hohenpriester Hannas und Kaiphas und der anderen geklungen, und so hielten sie es für Recht und billig, ihm zu ant[Cijr]worten: »Ha, der böse Teufel lässt dich so reden, dass du Bösewicht dich unterstehst, den althergebrachten Gottesdienst zu vernichten und die Leute daran zu hindern, Gott in seinem Haus zu dienen und Opfer zu bringen.« Diesen Vorwurf konnten sie dann ganz groß aufblasen.
Aber davon lässt sich Jesus weder beirren noch anfechten. »Liebe Herren«, sagt er, »die Visitation kann damit nicht anders umgehen; ich bin gekommen, um Visitator zu sein, euch heimzusuchen und alles Gute zu bringen, euch das Leibliche zu lassen und dazu das Geistliche zu schenken. Aber ich kann nicht einfach so kommen. Ich muss Unruhe machen und das Geschmeiß (die Ursache von Gottes Zorn über euch und der Grund eures Verderbens) ausfegen.« Wie ich schon gesagt habe: Diesen Leuten geht es nicht einfach um zeitliches Gut. Sie wollen ihren bösen, falschen Willen durchsetzen und vom Unrecht nicht ablassen. Aber zugleich wollen sie kein Unrecht getan haben und auch nicht hören, dass sie ihrem Wesen nach Betrüger sind, ihre Messe Götzendienst und ihr Leben als Mönche Teufels[Cijv]werk. Im Gegenteil: Sie bleiben stur, wollen nicht nachgeben und mit den Hörnern gegen diesen Herrn anlaufen, so wie es die unseren auch tun.
Jesus hätte es wohl zulassen können, dass sie schlachteten und opferten, so viel sie wollten. Denn Moses hatte es bei ihnen so angeordnet. Aber die ganze Sache war verdorben, weil sie damit nichts als den eigenen Nutzen suchten und den Leuten die Überzeugung eingaben, durch solcherlei Werke Gottes Gnade und das ewige Leben zu verdienen. Das richtet sich geradewegs gegen die göttliche Heimsuchung. Denn die Propheten hatten schon vorher klar gesagt, dass ihr Heiland kommen sollte, sie zu erlösen von Sünde, Tod und allem Übel. Auf ihn sollten sie hoffen, ihn sollten sie erwarten und ihre Seligkeit allein auf ihn stellen. Unterdessen sollten sie in diesem Tempel opfern und den äußerlichen Gottesdienst halten, damit sie einerseits das Herkommen und andererseits die Hoffnung auf Christus lebendig erhielten. Aber legen es darauf an, Glauben und Hoffnung ganz auszutilgen und dieses [Ciijr] Haus, das ein Bethaus sein sollte (wie Christus aus Jesaja 56 sagt)9 zu einem schändlichen Kaufhaus und zur Mördergrube der Seelen zu machen.
Dieser Tempel war nämlich zuerst nicht vornehmlich wegen des Opferns und Schlachtens gebaut worden. Im ersten Königebuch steht es klar geschrieben: König Salomo selbst, der den Tempel gebaut hatte, kniete nieder und betete, weihte ihn und bestimmte ihn zum Gebet. Dabei sprach er: »Sollte einmal Hunger, Pest oder anderes Unglück über dein Volk kommen, und die Leute kommen hierher und breiten hier oder wo immer die Hände aus und beten zu diesem Haus und rufen deinen Namen an usw., so wolltest du ihr Gebet und Flehen im Himmel hören.«10 Er sprach nicht: »Du wollest ihre Werke und Opfer ansehen«, damit sie viele Kälber und Schafe oder Räucherwerk in diesen Tempel brächten, sondern sprach: »Ihr Beten und Flehen wollest du hören.« Also hat er selbst den Tempel in erster Linie zum Gebet gestiftet, besonders [Ciijv] zum Gebet in der Not, wenn sie um ihrer Sünden willen gestraft würden. Davon redet er durch das ganze achte Kapitel hindurch. Hier ging es also nicht um das Verdienst wegen ihrer guten Werke oder um Opfer.
Darum ist es richtig und wahr, was der Prophet Jesaja sagt und Christus hier auch: »Mein Haus soll ein Bethaus genannt werden« usw. Der Name des Tempels soll »Bethaus« sein. Dazu hat es Salomo gebaut (obwohl er darin auch geopfert hat). Salomos Worte richten sich allein auf das Beten und Gottes gnädiges Erhören. Das sollte sein endgültiger Gebrauch und seine Ordnung sein. Und gemäß seiner ersten Stiftung sollte es »Bethaus« heißen.
Jetzt aber unterlassen sie diesen Gebrauch, lehren das Volk nicht, wie es beten soll, sondern machen aus dem Tempel nur eine Räucherkammer und ein Schlachthaus. Gott hätte auch das zulassen können, hätten sie außerdem gebetet oder das Volk zum Gebet angeleitet. Aber sie drängten allein auf das Opfern ohne Lehre und Gebet. Dadurch wurde das Haus zu nichts anderem als [Ciiijr] einer Mördergrube. Denn damit verdarben sie die armen Seelen. Sie lehrten nicht das Beten, wie sie es hätten tun müssen und sagten nicht wie die lieben Propheten, wie David und Salomo selbst: »Lasst das Opfern sein! Es geht Gott nicht um das Opfern!« Wie Psalm 5 sagt: »Ich will nicht um deines Opfers willen mit dir hadern, sondern darum sollt ihr hierher kommen, dass ihr Gottes Wort hört und lernt, recht zu glauben, zu danken und zu bitten usw.«11 Das taten sie nicht, pochten jedoch feindlich auf ihren Tempel und ihr Opfern usw. Sich darauf – ohne Glauben an Gott und das Beten zu ihm – zu verlassen, lehrten sie die Leute, um sie sich zu ihrem eigenen Nutzen dienstbar machen zu können.
Deshalb kommt nun Christus und will diesen Schutt aus dem Tempel räumen und fegen. »Dieses Haus«, sagt er, »ist nicht dazu gebaut, um euch als Kuhstall und Taubenhaus zu dienen. Es ist von Gott zu seinem Bethaus geordnet und angenommen worden, um in ihm zu Gott zu beten; [Ciiijv] und Gott will da sein und hören.« Deshalb mussten zu dieser Zeit das jüdische Volk und überhaupt die Juden überall auf der ganzen Welt, wenn sie beten wollten, das Gesicht in die Richtung des Tempels zu Jerusalem wenden. Das galt auch in der babylonischen Gefangenschaft, während der Tempel zerstört war. Zu jeder Zeit sollten sie ihr Gebet um der von ihnen angenommenen göttlichen Ordnung willen mit dieser Stätte verbinden: Da sollten sie beten, und er wollte sie hören.
Aber weil sie diese Stiftung und Ordnung vergaßen, sie ins Gegenteil verkehrten und aus Gottes Bethaus ihr eigenes Kaufhaus machten, kann Jesus nicht umhin, mit seiner Heimsuchung zu kommen; er muss den Tempel von dieser Mordgruberei reinigen, um den armen Seelen zu helfen und sie von den Lügen und der Verführung zur Erkenntnis der Wahrheit und dem richtigen Gottesdienst zu bringen. Das muss zu Recht eine gnädige, heilsame Heimsuchung der Seelen genannt werden, auch wenn er den Verführern mit Zorn begegnet [Dr] und sie züchtigt, damit sie sich von ihrem Handel zurückziehen. Diese Heimsuchung geschieht jetzt (Gottlob!) auch unter uns. Denn durch Gottes Gnade wird ja rein und unverfälscht gepredigt: über rechte Gotteserkenntnis, richtigen Gottesdienst, auf welche Weise wir Christen sein und durch den Glauben unseren Heiland im Herzen haben sollen. Und dann sollen wir mit diesem herzlichen Vertrauen mit allen Anliegen und in allen Nöten Gott anrufen. Und obwohl wir jetzt keinen Ort oder Tempel haben, an den er sich gebunden hätte – denn sein Tempel oder seine Wohnung füllt die ganze Welt aus, so gibt es doch noch den Brauch, dass man Orte oder Häuser hat, wo die Christen zusammenkommen, um mit Gottes Wort umzugehen und miteinander zu beten usw.
Das tut unser päpstisches Pfaffen- und Mönchsvolk nicht. Beides, Lehre und Gebet, verkehren sie ins Gegenteil, zerstören sie und machen aus ihren Kirchen und Klöstern nichts als Mördergruben. Ja, ich weiß, Mönche oder Pfaffen können nichts anderes tun [Dv], denn ich habe es selbst erfahren, bin auch 15 Jahre lang Mönch gewesen, habe täglich Messe gelesen und den Psalter gebetet, dass ich ihn auswendig konnte. Aber ich habe bei all dem niemals ein solches, von Herzen kommendes, gedankenreiches Gebet sprechen können: »Lieber Gott, ich weiß, dass dir mein Gebet wohl gefällt und dass es gewiss erhört ist.« Um meine Gedanken war es so bestellt: Ich war gegenüber meinem Orden und der Kirche gehorsam, habe meine Messe gelesen, meine Gebetszeiten eingehalten und wusste nicht, wie ich mit Gott dran war und ob ihm meine Werke angenehm wären.
