Unmöglich ist gar nichts -  - E-Book

Unmöglich ist gar nichts E-Book

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Beschreibung

15 Menschen mit Handycap erzählen von ihrem Leben als Beeiträchtigte. - wie sie zu ihrem Handycap gekommen sind, was ihnen guttut, was sie mit ihrer zweiten Chance machen, auf was es ihnen im Kontakt mit anderen ankommt ..... Es sind Erfolgsgeschichten! Sie ermutigen und laden ein, es diesen "Stehaufmännchen" gleichzutun. Das Buch ist "ansteckende Zuversicht" - ein Muß für alle, die nach Hoffnungsgebenden suchen!

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Seitenzahl: 198

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsverzeichnis

VORWORT

REINFRIED BLAHA: EIN JAHR LANG MIT DEM ROLLSTUHL DURCH ZENTRALAMERIKA

SONJA HAINGARTNER: SEGELN GEGEN DEN WIND

FRANZ JOSEPH HUAINIGG: STIMME IST STIMMUNG

MARIA LIEBHART: BEWEGUNG BEDEUTET FÜR MICH FREIHEIT

FRANZ LÄMMEREINER: LEBEN KANN GELINGEN - UND MUSS NICHT NUR GESCHEHEN…

JOHANNES MAIERHOFER: DIE ZWEITE CHANCE

RICARDA MOTSCHILNIG: WEIL ES GEMEINSAM EINFACH LEICHTER IST

BERNADETTE DE ROJA: EIN MODEL FÜR INKLUSION

ANNELIESE SCHOLZ: „KOPF HOCH“ - WELCH’ TREFFENDER TITEL FÜR MEINE, EURE, UNSERE GESCHICHTEN!

SIGRID SCHWAB: „AUS’M LEB’N GRIFF’N“

JOHANN STADLER: MEIN SELBSTÄNDIGES LEBEN

ROSALIA THUMER: LEBEN IST WICHTIGER ALS DIE BEINE

LINDA WALLNER: GRÜß EUCH!

WERNER DAVID WIECHENTALER: „KOPF HOCH!“

ALFRED ZANCOLO: MEIN LEBEN – ZWEI LEBENSLÄUFE

Vorwort

Niemand kann in die Zukunft schauen. Keiner kann voraussagen, was sie bringen wird.

Trotz schönster Träume kann es ganz anders kommen, als man es sich ausgemalt hat. Niemand kann annehmen, dass man sich nicht schon im nächsten Augenblick in einer anderen Welt wiederfindet. Nicht selten wird man vom Schicksal überrascht.

Wenn einem was Unangenehmes zustößt, hat man im ersten Augenblick das Gefühl, die Welt würde zusammenbrechen.

Aber der erste Schein kann trügen: Es muss keine „Katastrophe“ sein! – Auch nicht, wenn man meint, keine Chancen mehr zu haben oder nicht mehr an die Zukunft glauben zu können!

Wir Autorinnen und Autoren haben das durchlebt! Wir können „eine Geschichte“ davon erzählen – und tun es in diesem Buch!

Wir wissen: Man muss sich seiner Situation stellen, seine Chancen suchen, an sie glauben und sie nutzen! Wir schreiben davon, wie wir seit dem Schicksalsschlag die Welt sehen und was uns auf dem "Weg zurück" gutgetan hat.

Nicht Sorgen oder Trübsinn prägen diese Geschichten, sondern Hoffnung, Zuversicht und der Wille, aus seiner Lage das Beste zu machen!

Manchmal mutet das Geschriebene so an, als sei es eine bloße Aneinanderreihung von Selbstverständlichkeiten. Man muss aber bedenken, wie oft es notwendig war, sich anzustrengen - manchmal sogar, sich zu überwinden! Aber:

Je größer die Anstrengung, desto wertvoller ist das Erreichte!

Jede Autorin, jeder Autor ist ein „Stehaufmännchen“. Wir haben uns von Problemen nicht unterkriegen lassen. Wir lassen die Leser wissen, wie wir - jeder auf seine Weise - die Chancen gesucht, an sie geglaubt und schließlich genutzt haben!

Was uns geholfen hat, könnte auch für andere hilfreich sein!

"Kopf hoch! ... nicht verzweifeln, ... sich bemühen ... auf Gott vertrauen … klaren Kopf bewahren … nichts ist selbstverständlich … jeder Tag ist ein Geschenk!“

Wie schwer es aber sein kann, es so sehen zu können, ist uns natürlich auch nicht verborgen geblieben!

Trotz aller Zweifel und Sorgen kommt es drauf an,

dass man – kommt was will - ein Hoffender bleibt!

Eines ist uns klar geworden: Nur in lebensbejahender Weise kann man für seine Entwicklung einen fruchtbaren Boden schaffen! – Und der ist notwendig, wenn etwas wachsen, gedeihen und schön werden soll!

„Das Beste aus seinen Möglichkeiten machen“! - Wir sind doch nicht die Einzigen, die das wollen?

Wir wünschen uns, dass das Buch für alle auf einem derartigen Weg eine Stärkung ist! Besonders hoffen wir, dass es uns gelingt, Hilfsbedürftige und Trübsinnige zuversichtlich zu stimmen! Wir haben das Buch gemacht, weil wir wollen, dass alle - besonders die Eingeschränkten - ihre Situation annehmen, ihre Chancen erkennen, an sie glauben und sie nutzen können!

Reinfried Blaha

Sonja Haingartner

Franz Joseph Huainigg

Maria Liebhart

Franz Lämmereiner

Johannes Maierhofer

Ricarda Motschilnig

Bernadette de Roja

Anneliese Scholz

Sigrid Schwab

Johann Stadler

Rosalia Thumer

Linda Wallner

Werner David Wiechentaler

Alfred Zancolo

Reinfried Blaha: Ein Jahr lang mit dem Rollstuhl durch Zentralamerika

Über mich:

geboren am 11. März 1978 in Graz

2005 Diplom in Architektur, Universität für angewandte Kunst, Wien 2006 Schiunfall mit Wirbelbruch und anschließendem Querschnitt 2008 - 2011 Referent für barrierefreies Bauen, Land Steiermark

Lehraufträge für „Barrierefreies Bauen“, „Kommunikation und Motivation“ und „ Selbstbestimmtes Leben für Menschen mit Behinderung“ an der Technischen Universität Graz, an der FH JOANNEUM und der Karl-Franzens-Universität Graz 2013-2016 Reisevorträge zusammen mit Victoria Reitter

Veröffentlichung mehrerer Reiseberichte im Fachmagazin „Behinderte Menschen“

Ich hatte gerade erfolgreich mein Architekturstudium abgeschlossen und die ganze Welt schien mir offenzustehen, als mich im Februar 2006 ein folgenschwerer Schiunfall brutal aus meinem Leben riss. Ich zertrümmerte mir dabei einen Wirbel, der das Rückenmark massiv verletzte. Seit diesem Moment bin ich von meiner Brust abwärts vollkommen gelähmt und in meiner Fortbewegung auf einen Rollstuhl angewiesen. Dieser Schicksalsschlag traf mich in der Blüte meines Lebens. Für mich brach eine Welt zusammen. Immer schon war ich ein sportlicher Mensch – mit meiner Beweglichkeit habe ich mich identifiziert. Wer war ich nun, ohne zwei Drittel meines Körpers fühlen oder bewegen zu können? Für ein Jahr lang weinte ich wahrscheinlich jeden Tag. In dieser Zeit war es wichtig, meine Trauer und Verzweiflung nicht zu verdrängen, sondern sie wahrzunehmen („für wahr zu nehmen“) und sie auch zuzulassen. Nur dadurch und durch eine innere (und noch immer andauernde) Forschungsreise nach dem „Glücklichsein“, dem Sinn des Lebens und der wahren Natur meines Geistes lernte ich irgendwann meine Mobilitätseinschränkungen anzunehmen und meine neue Lebenssituation so zu akzeptieren, wie sie nun eben ist. Eine wichtige Bewältigungsstrategie dabei war für mich das Reisen. Schon vor meinem Unfall bin ich gerne umhergereist. Das wollte ich mir durch meine Bewegungseinschränkung nicht nehmen lassen. So wurde das Reisen – jetzt im Rollstuhl – für mich eine wichtige Lebenserfahrung, mit der ich nicht nur meine Grenzen, sondern auch neue Möglichkeiten, nicht nur ferne, sondern auch innere Welten kennenlernen durfte.

Von einer dieser Reisen werde ich hier berichten.

Sonne, Sand und Kugellager

Der heftige Fahrtwind bläst mir die Haare ins Gesicht, aber ich habe keine Hand frei, um sie mir aus den Augen zu wischen. Verkrampft halte ich mich mit beiden Armen am Bootsrand und an meiner Sitzbank fest.

Vicki, meine Freundin1) sitzt neben mir und kümmert sich um das verängstigt weinende Kind einer jungen einheimischen Mutter, die schützend ihr Baby im Arm hält.

Wir sind mitten im Atlantik, zwischen Little und Big Corn Island, einer winzigen Inselgruppe im karibischen Meer Nicaraguas, und es ist schon lang kein Land mehr in Sicht. Das Boot ist im Vergleich zum gigantischen Wellengang winzig und hat weder Echolot noch GPS, es gibt wahrscheinlich nicht einmal einen Kompass! Noch dazu ist das offene Boot hoffnungslos überfüllt. (Jeder zusätzliche Fahrgast bringt Geld, darum wurde keiner zurückgelassen. Außerdem fährt die Fähre nur zweimal die Woche.)

Als ein Sturm aufzieht, wird auch die Stimmung der Crew merklich angespannter und innerhalb von Minuten sind wir mitten in einem erbarmungslosen Gewitter. Der Kahn wird wie ein Spielball durch die Wellen geworfen, wir werden von den über Bord schlagenden Wogen (warm) und dem Regenguss (kalt) so richtig durchgespült. Seit einem Unfall vor etwa sieben Jahren bin ich querschnittgelähmt. Meine Rumpfstabilität ist eingeschränkt. Jetzt kämpfe ich mit all meiner Geschicklichkeit und den Muskeln meiner Arme, um auf meinem Sitzplatz bzw. an Bord zu bleiben.

Genau hier und jetzt beginne ich die Sinnhaftigkeit der gesamten Reise in Frage zu stellen. Zahlt es sich aus, in die verstecktesten Winkel zu reisen und sich in solche Gefahren zu begeben? Ist es zuhause auf meiner Couch nicht schön genug? Ich kann es nicht verleugnen, dass sich in meiner Brust ein gewisses Heimweh breitmacht. Wir sind schon 11 Monate unterwegs, teilweise weitab der touristischen Trampelpfade und in Regionen, die vor mir wahrscheinlich noch nie einen Rollstuhlfahrer gesehen haben. Mit dem Ausblick auf die Entbehrungen und Strapazen, die uns noch bevorstehen, wird aus meinem Zweifel kurz Verzweiflung.

Sobald wir wieder festes Land unter unseren Füßen (bzw. Rädern) spüren, ändert sich meine Stimmung rasch, auch wenn das Land unter uns noch lange weiter schwankt. Die letzte Woche auf Little Corn Island war einfach fantastisch. Hier gibt es keine großen Hotels, nur ein paar Strandhütten, auch keine Autos oder Straßen, dafür ein türkisblaues Meer und Sandstrände ohne Ende. De Facto ist die ganze Insel ein einziger mit Kokospalmen bewachsener Sandhaufen mitten im Meer. Das mag prinzipiell paradiesisch klingen, macht aber das Fortkommen mit einem Rollstuhl nahezu unmöglich. Irgendwie haben wir es dann doch immer geschafft bzw. jemanden getroffen, der mich ein paar Meter weiter durch den tiefen Sand zog, einmal sogar um die halbe Insel. Sobald wir unsere Strandhütte bezogen hatten, wurde unsere winzige Terrasse zu meinem Königreich, das ich für die restliche Woche kaum mehr verließ. Die Hängematte (sic!) wurde zu meinem Thron, von dem aus ich – angepasst an die lokale Zeitverflieggeschwindigkeit – dem Leben beim Vorbeiziehen zuschaute.

Bislang dachte ich immer, die in diesem Teil der Welt omnipräsenten Hängematten (aka. hamacas) sind für einen Rollstuhlfahrer ein „No-Go“. Darum suchte ich immer verzweifelt nach Liegestühlen, die ich jedoch nirgendwo fand. Als mich dann vor etwa vier Monaten an El Salvadors Küste wieder tropische Temperaturen jenseits der gefühlten 40° C plagten, die jegliche Bewegung zu einer Qual machten (nur ein Bruchteil meines Körpers kann schwitzen), entwickelte ich – zuerst noch gemeinsam mit Vicki – eine Hängematten-Ein-und-Ausstiegstechnik, die ich bis zum Schluss unserer Reise perfektionierte.

Von Big Corn Island setzten wir über nach Bluefields am nicaraguanischen Festland. Die Fahrpläne für die Fähren sind hand-geschrieben und haben keine Abfahrtszeiten, die Boote legen ab, wenn sie voll sind – eine Herausforderung für ein durchschnittliches mitteleuropäisches Vorausplanungsbedürfnis. Mit einem Speedboot und einem wahnsinnigen Kapitän (wir waren verdammt schnell, nur ging unterwegs das Benzin aus) erreichten wir Pearl Lagoon, ein von Mangrovenwäldern umgebenes Fischerdorf, wo das günstigste Nahrungsmittel Shrimps ist. (Die Garnelen werden unter anderem an die Nobelrestaurants New Yorks exportiert.) Die Regenzeit vereitelte schließlich unseren Plan, noch tiefer in die nur per Schiff erreichbare Küstenregion vorzudringen, dafür machten wir uns – nach weiteren drei Bootsfahrten – auf den Weg zum Rio San Juan, dem Grenzfluss zu Costa Rica.

Die eineinhalb Tagesreise dorthin verbrachten wir zwischen Maiskolben, Bananenstauden, Chilischoten, Reissäcken und lebenden und toten Hühnern zusammen mit ca. 100 anderen Fahrgästen in (wieder einmal hoffnungslos überfüllten) öffentlichen Bussen (die ausnahmslos alte US-amerikanische Schulbusse aus den 50er Jahren sind). Mein Erfindergeist war erneut gefordert, denn ich konnte bei den Pausen verständlicherweise nicht einfach aus dem Bus springen. Ich bin ab der Brust abwärts gelähmt und muss kathetern, um meine Blase zu entleeren – was ich mitten im Trubel hinter einem selbstgebastelten Sichtschutz erledigte.

Bei all den Transfers in und aus den Booten und Bussen war ich natürlich immer auf Hilfe fremder Männer angewiesen, die mich dann meistens zum besten Sitzplatz in der ersten Reihe trugen, während Vicki sich um das Gepäck und die Verladung des Rollstuhls kümmerte. Diese Art des Reisens funktionierte für uns nur mit leichtem Gepäck (allein die Tasche mit meinen Kathetern – gepackt für 6 Monate – war größer als alle Gepäckstücke zusammen, die wir jetzt mit uns trugen). Unsere restlichen Sachen warteten währenddessen (hoffentlich) in unserem Auto in Managua auf uns.

Hier, am gefühlten Ende der Welt, mit Blick auf Fischer in Einbaumkanus vor dem Regenwald Costa Ricas auf der anderen Seite des Flusses, mit bunten Vögeln vor und Brüllaffen hinter uns weitab von irgendeiner Werkstätte, muss mein Rollstuhl jetzt (trotz regelmäßiger Ölung) dem Salz und Sand und generell den pausenlosen und manchmal grenzwertigen Belastungen Tribut zollen. Ganz langsam knacken hintereinander drei der vier Kugellager der vorderen kleinen Räder auseinander. Mit Entsetzen muss ich mit ansehen, wie sich schließlich das rechte Vorderrad überhaupt (und scheinbar irreparabel) aus der Halterung löst … so ziemlich das Schlimmste, was uns auf der Reise passieren kann, ist eingetreten. Ohne einen funktionierenden Rollstuhl ist an ein Weiterkommen (oder Hier-Wegkommen) nicht zu denken. Am Boden zerstört lasse ich mich von Vicki gekippt nachhause rollen, wo ich wackelig und regungslos an einer Stelle sitzen bleibe. Was sollten wir jetzt bloß machen? Ist das das Ende meiner Mobilität? Ist das das Ende der Reise?

Aber erstmal langsam, wie kommen wir eigentlich hierher? Geplant war ein sechsmonatiger Aufenthalt in Mexiko – einerseits, um zu arbeiten und dabei Sprache, Land und Leute kennenzulernen, andererseits, um dem österreichischen Winter zu entkommen. Schon bald verselbstständigten sich die Reisepläne, und wir ließen uns im Fluss des Reisens von der Kraft des Augenblicks tragen und verlängerten unsere Zeit gleich zweimal um jeweils drei Monate, um nicht nur Mexiko zu sehen, sondern auch Mittelamerika zu bereisen – und letztendlich in Panama zu landen …

Das Abenteuer startete im Spätsommer in Kalifornien, wo ich mich kurz einer flächendeckenden Barrierefreiheit (weit über den österreichischen Verhältnissen) erfreuen durfte. Allein das Preisniveau brachte uns ins Schwitzen, Los Angeles sollte bei weitem die teuerste Destination des gesamten folgenden Jahres bleiben.

Aus ökonomischen Gründen schlossen wir uns der Couchsurfing-Gemeinschaft an, einer Online-Plattform, wo Privatpersonen ihre Wohnungen Reisenden zur Verfügung stellen ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. Für uns war das nicht nur ein antikapitalistischer Beweis, dass doch nicht alles in unserer Welt rein gewinnorientiert funktioniert. Bald lernten wir es wirklich zu schätzen, mit Einheimischen zu wohnen, dabei wunderbare Menschen kennenzulernen und tiefer in die jeweils örtlichen Gepflogenheiten einzutauchen, als es uns als TouristInnen jemals möglich gewesen wäre. (Außerdem hat Couchsurfing im Gegensatz zu Reiseführern, Hotelschildern oder so manch anderen Online-Buchungsmaschinen eine Filteroption für „accessible/barrierefrei“.)

Nach zwei Wochen erster Welt setzten wir uns also mit einem frisch erstandenen 1984er Volvo 240 GL nach Mexiko ab. Für die nächsten 11½ Monate sollte „Barrierefreiheit“ nicht nur sprachlich ein Fremdwort bleiben …

Zum Beispiel blieb die Hotelsuche bis zum Schluss eine mühsame Prozedur, bei der Vicki im Durchschnitt an die fünf Hotels begutachtete, während ich im Auto wartete, um dann (nach manchmal mehreren Stunden des vergeblichen Suchens) das geringste Übel auszuwählen.

Ab und zu fanden wir einfach gar nichts Passendes im "Low Budget-Bereich“ (wir wussten, dass wir nur dann lange unterwegs sein könnten, wenn wir sparsam reisten). Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der einzelnen Leute wog dann aber viele Unannehmlichkeiten wieder auf, und wir bekamen Rampen vor unsere Hütten gebaut oder Träger zur Verfügung gestellt. Wenn wir einfach gar nichts Adäquates finden konnten, schliefen wir im Auto oder im Zelt – so auch in Baja California, einem der schönsten Flecken der Welt.

Große Teile der über 1000 km langen Halbinsel auf der pazifischen Seite Mexikos sind wild, wüstenartig und verlassen. Für über fünf Wochen campierten wir an einsamen Stränden allein in der Gegenwart von Ameisenlöwen, Fischadlern, Fregattvögeln und Delphinen. Auch Baja

California ist ein einziger Sandhaufen, und oft steckte ich bewegungslos im tiefen Sand fest, während Vicki unser Nachtlager alleine einrichtete. Um diesem Problem zu entgehen, quartierten wir uns manchmal – im Stile von „Die fetten Jahre sind vorbei“ – auf verlassenen Terrassen von US-amerikanischen Ferienhäusern ein.

Fernab der Zivilisation und jeglicher Sitztoilette sahen wir uns plötzlich noch ganz anderen Herausforderungen gegenüber. Da ich mich nicht hinter den nächsten Busch hocken konnte, improvisierten wir aus einem faltbaren Camping-Stuhl mit einem selbstgezirkelten Gesäßloch einen „Camping-Stuhl-Stuhl“, der mir folglich meine exkretorische Unabhängigkeit schenkte.

Am Südkap der Halbinsel – dem vermeintlichen Ziel der Reise – arbeitete ich für mehr als drei Monate in einem Architekturbüro und Vicki ehrenamtlich im Bereich der Armutsbekämpfung in einer NGO, während wir uns ein Haus am Meer mieteten und dort von unserer Terrasse aus die jährliche Ankunft der Grauwale aus der Arktis beobachteten. Ehrlich gesagt, wären wir vielleicht heute noch dort, wären mir nicht langsam die Katheter ausgegangen und die Sendung von zuhause vom mexikanischen Zoll konfisziert worden. Uns blieb nichts Anderes übrig, als uns langsam in Richtung Mexico City zu begeben, einem Monster, faszinierend und beängstigend zugleich. Am Weg dorthin kamen wir dann auf den Geschmack – ja, von Mexiko wollen wir mehr sehen. (Die Katheter konnten wir allerdings trotz Einschaltung der Botschaft und eines Zollagenten nicht aus den staatlichen Klauen befreien, und ich war auf eine weitere Sendung angewiesen.)

Mexiko ist flächenmäßig ungefähr so groß wie die halbe Europäische Union, darum fällt es mir schwer, die Eindrücke aus einem so großen und vielseitigen Land in ein paar wenige Zeilen zu komprimieren.

Wir machten es oft wie die Einheimischen, saßen in Cafés oder im Schatten herum, lernten die perfekte Aussprache von Worten wie Teotihuacán, Oaxaca und Popocatepetl, aßen gegrillte Grillen und Nopales (eine Art Feigenkaktus) in Tortillas und tranken dazu Sol und Mescal.

Was mein Reisetage- bzw. Skizzenbuch prägte, waren die vielen verschiedenen Pyramiden der Azteken, Olmeken, Tolteken und Maya.

Wie zu erwarten, ist keine dieser Sehenswürdigkeiten problemlos mit dem Rollstuhl zu besichtigen. Ich war so gut wie immer auf fremde Hilfe angewiesen; meist ließ ich mich zu einem zentralen Platz schieben oder tragen, wo ich die alten Steine zeichnete, während Vicki auf Ruinenresten kletternd oft stundenlang den Dschungel erforschte. Erst auf dem kleinen Bildschirm von Vickis Digitalkamera konnte ich den Panoramablick über die Baumwipfel genießen, und mir das wahre Ausmaß der Gesamtanlage ausmalen.

In Cabo San Lucas, Baja California Sur lernten wir, inmitten von Seelöwen, Kormoranen, Seepferdchen und tausenden Fischen, tauchen. Bevor ich jedoch die Schwere- und Konkurrenzlosigkeit unter Wasser richtig genießen konnte, hatte ich einige Mühe, (flossenlos) in der Tiefe meine Stabilität zu finden – aber anderen Anfängern ging es ähnlich. Als frisch gebackene Open-Water-Diver wagten wir uns dann mit nur sechs Tauchgängen verwegen in die Grotten der Cenotes Yucatans (oft riesige, mit Süßwasser gefüllte, dolinenartige Kalksteinlöcher), wo wir zwischen Stalagmiten und Stalaktiten in eine atemberaubend schaurige Unterwelt abtauchten. Nach genau 180 Tagen und am letzten Tag unseres Visums ließen wir Mexiko hinter uns. Traurigerweise wiederholt sich die extreme Einwanderungspolitik der USA gegenüber Mexiko im Süden des Landes vor allem an der guatemaltekischen Grenze. Der spürbar ärmere Staat ist von einem fast 30-jährigen Bürgerkrieg (mit einem bei uns kaum bekannten Genozid an der in-digenen Bevölkerung), der erst 1996 endete, noch immer schwer angeschlagen. Waffen sind zahlreich im Land vorhanden. Wir wurden vorsichtiger und merkten bald, dass bei Polizei- oder Militärkontrollen der Rollstuhlbonus (den wir manchmal auf verschiedenen Wegen theatralisch zelebrierten) nicht mehr wirkte. Egal, wie wir uns auch in die Bevölkerung einzugliedern versuchten, hier blieben wir einfach immer weiße TouristInnen und damit reich – Rollstuhl hin oder her. Obwohl die Gewaltbereitschaft gegenüber Gringos (immerhin hatten wir US-amerikanische Nummerntafeln) die Reisewarnungen der internationalen Botschafts-Webseiten füllte, war unsere Erfahrung, eine andere. Trotz Sprachbarrieren (Spanisch ist hier die erste oder sogar erst zweite Fremdsprache) trafen wir fast ausnahmslos freundliche Menschen, die gerade genug zum Überleben hatten, also arm aber glücklich waren. Dieses Szenario wiederholte sich in Folge in den weiteren von uns bereisten Regionen und ließ uns einigermaßen nachdenklich werden. In der ersten Welt sind wir in den größten Luxus eingebettet, in Wahrheit fehlt es uns an nichts, und dennoch sind viele Leute verzweifelt oder traurig, unabhängig davon, ob sie nun eine Behinderung haben oder nicht. Der Sonnenschein in den Augen dieser Menschen hier zeigte mir, dass „Glücklichsein“ nicht abhängig ist vom allerneuesten iPhone, sondern vielmehr irgendwo aus dem Inneren kommt. Ich schloss daraus, dass das Glück auch nicht auf zwei Beinen steht.

Sechs weitere Monate tingelten wir durch die Staaten Mittelamerikas. Nach den ersten mechanischen Autoproblemen verinnerlichten wir in Belize hauptsächlich die Kokospalmen-gesäumten Sandstrände. In Guatemala tauchten wir im Farbenmeer der indigenen Märkte unter und kämpften uns in der Kolonialstadt Antigua in Mitten von Osterprozessionen absurden Ausmaßes gemeinsam über das 500 Jahre alte Kopfsteinpflaster. In El Salvador strandeten wir für über eine Woche mit einem Benzinpumpendefekt in einem entlegenen Dorf, wo sich zorro und conejo gute Nacht sagen, und lernten überrascht, dass ganze Landstriche voller Kaffeeplantagen das Getränk Kaffee nur in löslicher Form kannten. In Honduras lachten wir mit Garífuna-Gastgebern abendelang, tauchten in stockdunkler Nacht um Wracks und bestaunten zusammen mit guacamayos dschungelumwucherte Maya-Ruinen. In Nicaragua fuhren wir an den Kraterrand eines aktiven Vulkans („Bitte in Fluchtrichtung parken!“), gondelten vor Granada per Boot durch 365 winzige Inseln, lenkten den Volvo auf der Vulkaninsel Ometepe über bachbettähnliche Straßen und tauchten in der Karibik mit Hammerhaien.

An der Grenze zu Costa Rica blieben wir dann auf unserem Weg Richtung Südamerika stecken. Trotz gezielter Bestechungsversuche ließen die Grenzbeamten unseren alten Volvo wegen eines „salvaged“ Eintrags in den Autopapieren nicht einreisen. Die Destinationen Costa Rica und Panama müssen wir uns also für eine weitere Reise aufheben. Eines ist damit klar, wir kommen wieder. Jetzt aber stürzen wir uns in ein neues Abenteuer. Wir wollen die uns verbleibende Zeit nützen, um die touristisch wenig erschlossene, karibische Seite Nicaraguas kennenzulernen, lassen das Auto in Managua stehen und fliegen auf die Corn Islands …

Von den Ereignissen dieses Monats berichtete ich bereits am Beginn dieses Reiseberichts. Aber was passierte nun eigentlich mit meinem defekten Rollstuhl? Im Laufe der Zeit lernten wir während der Reise ein gelassenes Vertrauen in die Lösbarkeit jeden neuen Problems zu entwickeln. So auch hier. Und tatsächlich, der Retter in der Not war bald gefunden. Mr. Silvio war sein Name, ein sicher 80jähriger Schweißer, der sein Leben auf Öltankern verbracht und dort auch alles Mögliche repariert hatte, wieso also nicht auch einen Rollstuhl? Ungeachtet der filigranen High-Tech-Komponenten schweißte Mr. Silvio das Rad wieder an, sogar mit einer Drehfunktion (die auf Öltankern wahrscheinlich auch funktionieren würde). Ich war von Herzen dankbar und wieder halbwegs mobil, auch wenn bei weiten nicht mehr so wendig, wie ich es gewohnt war. Verständlicherweise war ich dadurch um einiges langsamer, aber inzwischen hatten wir uns schon lange an den hiesigen Lebensstil gewöhnt und meine neue Geschwindigkeit passte da ganz gut dazu …

In wenigen Wochen ging unser Flug nachhause und wir freuten uns – nach einem gesamten Jahr auf Achse – auf die eigenen vier Wände und die kleinen Annehmlichkeiten des westlichen Alltags (Kühlschrank, Schokolade oder beim Duschen das Wasser in den Mund nehmen können).

Rückblickend hat die Reise unseren Horizont erweitert. Wie schnell sich doch die ansonsten so übermächtigen Probleme des Alltags relativieren lassen, wenn man nur einmal die Perspektive wechselt. Für mich war es wichtig zu erkennen, dass mir niemand sagen kann, wo meine Grenzen liegen; ich muss sie selber finden, und dabei niemand anderem gehorchen als meiner inneren Stimme, die man in unserer westlichen Welt leider allzu schnell überhört.

Nach knapp 20.000 Straßenkilometern (die nur Vicki allein am Steuer herunterspulte) tauschten wir das Auto gegen zwei Gemälde unseres Couchsurfing-Maler-Freunds in Mexiko City. (Deswegen bekommen wir heute noch Updates, wie es unserem liebgewonnenen Volvo 240 GL – inzwischen mit neuem Lack und Nummerntafeln vom Schwarzmarkt –, so ergeht.)

Generell wäre ohne Vicki die gesamte Reise in dieser Form undenkbar gewesen und nur dank ihrer physischen und psychischen Unterstützung, und ihrer täglich neuen Überzeugung in das Gelingen des gesamten Unterfangens, konnten wir gemeinsam „Realisten sein, und das Unmögliche versuchen“1).

Neben den zahlreichen Rollstuhlproblemen, überwanden wir auch eine handtellergroße Fersenverbrennung, zahlreiche Harnwegsinfekte und Dengue Fieber, doch die allergrößte Herausforderung der gesamten zwölf Monate erwartete uns überraschenderweise zuhause – der Kulturschock des Zurückkommens!

1) Nach einer langjährigen Beziehung und zahlreichen gemeinsam durchlebten Abenteuern haben Vicki und ich uns in Dankbarkeit voneinander getrennt. Wir bleiben im engen Kontakt und gute Freunde.

Dieser Artikel wurde in einer gekürzten Fassung im Fachmagazin „Behinderte Menschen" (Ausgabe 4/5/2013) erstveröffentlicht.

Weitere Informationen finden Sie im Internet unter www.reinfried.blaha.net, www.facebook.com/mebeguelhonicopa

Für Rückfragen erreichen Sie den Autor unter

[email protected]

Sonja Haingartner: Segeln gegen den Wind

Zu meiner Person:

Ich habe meine Wurzeln im Murtal. Mein Zuhause ist Graz.

In meiner Freizeit liebe ich es, auf Reisen im In- und Ausland zu sein.

Möglichst viel Zeit verbringe ich mit meiner Schwester Sylvia und meinem Patenkind Rene.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass jede Person besondere Fähigkeiten hat und es nur die richtigen Mentoren und die passende Umgebung braucht um jede Herausforderung meistern zu können!

Visionen & Ziele muss man haben.

Mut, auch einen Umweg im Kauf zu nehmen gehört genauso dazu, wie nach einem Sturz wieder aufzustehen!

Frei nach dem Motto:

Sei einfach du selbst, alle anderen gibt es schon!

Auch mit „Segeln gegen den Wind“ kann man ans Ziel kommen. Jedes Blatt hat zwei Seiten und man weiß nicht was im nächsten Kapitel steht?

- Das mag ein unkonventioneller Einstieg sein, umschreibt mich aber in einem Satz ziemlich genau.