Unter dem Grün - Friedhelm Neyer - E-Book

Unter dem Grün E-Book

Friedhelm Neyer

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Beschreibung

Ein malerischer Golfplatz in einer kleinen Stadt im Osten. Baden Württembergs. Ein Leichenfund stört die Ruhe und Beschaulichkeit der kleinen Stadt. Zeitgleich tauchen alte Gerüchte über die dunkle Seite des Golfplatzes wieder auf. Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Areal als Flugplatz der US-Army genutzt. Niemand weiß, was die Army bei ihrem Abzug unter den weitläufigen Fairways und Grüns verschwinden ließ. Hochgiftige Rückstände? Explosive Altlasten? Gefährliche Kampfstoffe? Zeitzeugen, die über die Machenschaften berichten könnten, schweigen. Aus Angst? Eine freie Journalistin beginnt zu recherchieren.

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Seitenzahl: 289

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Das Buch
Der Autor
Impressum
Rechtliches
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
Kapitel 80
Kapitel 81
Kapitel 82
Kapitel 83
Anmerkungen des Autors

F. K. Neyer

Unter dem Grün

Band 5 der Reihe um Annabelle und Rick Epple

Regionalroman

Das Buch

Ein malerischer Golfplatz in einer kleinen Stadt im Osten. Baden Württembergs. Ein Leichenfund stört die Ruhe und Beschaulichkeit der kleinen Stadt. Zeitgleich tauchen alte Gerüchte über die dunkle Seite des Golfplatzes wieder auf. Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Areal als Flugplatz der US-Army genutzt. Niemand weiß, was die Army bei ihrem Abzug unter den weitläufigen Fairways Und Grüns verschwinden ließ. Hochgiftige Rückstände? Explosive Altlasten? Gefährliche Kampfstoffe? Zeitzeugen, die über die Machenschaften berichten könnten, schweigen. Aus Angst? Eine freie Journalistin beginnt zu recherchieren.

Der Autor

F. K. Neyer wurde im Jahr 1960 in einem kleinen Dorf im Schwabenland geboren. Er ist seit über vierzig Jahren verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Nach der Mittleren Reife im Jahr 1977 arbeitete er zuerst in unterschiedlichen Bereichen. Eine Ausbildung zum Programmierer ermöglichte ihm in den frühen 1990er-Jahren den Einstieg in die aufstrebende Informationstechnologie, wo er als Systemprogrammierer tätig war. Nach Jahrzehnten in dieser Branche erfüllte er sich im vorgezogenen Ruhestand einen lange gehegten Wunsch und begann zu schreiben. Der vorliegende Roman ist bereits der Siebte des umtriebigen Autors. Weitere werden folgen. Die Printausgaben sind bei den bekannten Shops erhältlich. Als Ebook können alle seine Romane direkt bei ihm erworben werden.

Email mit Angabe des Titels an:

[email protected]

Impressum

Texte: © Copyright F. K. Neyer

Coverdesign: © Copyright F. K. Neyer

Fotos / Illustrationen:

Eigene Aufnahmen und lizenzfreie Bilder aus Pixabay.

Verlag: Friedhelm Neyer

Hauffstraße 21/1

73084 Salach

[email protected]

Vertrieb: epubli – ein Service der

neopubli GmbH, Berlin

Rechtliches

© F. K. Neyer, Friedhelm Neyer (2025). Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Romans darf ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Herausgebers in irgendeiner Form, inklusive Fotokopien, Aufzeichnungen oder anderen elektronischen oder mechanischen Methoden, vervielfältigt, verteilt oder übertragen werden.

Ausgenommen sind kurze Zitate in kritischen Rezensionen und anderen nicht kommerziellen Verwendungen, die durch das Urheberrecht gedeckt sind. Anfragen richten Sie bitte an den Herausgeber unter der im Impressum angegebenen E-Mail-Adresse oder an die Postanschrift. Dies ist ein fiktives Werk. Namen, Personen, Unternehmen, Orte, alteingesessene Institutionen, Behörden, öffentliche Ämter, Ereignisse, Orte und Vorfälle sind entweder das Produkt der Fantasie des Autors oder fiktiv verwendet worden. Abgesehen von historischen Bezügen ist jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, lebenden oder verstorbenen oder tatsächlichen Ereignissen rein zufällig. Alle Marken sind Eigentum ihrer jeweiligen Inhaber. Der Autor ist nicht mit einem der in diesem Buch erwähnten Produkten oder Anbietern verbunden. Dieses Buch enthält urheberrechtlich geschütztes Material, das nicht zur Schulung von Systemen mit künstlicher Intelligenz (KI) verwendet werden darf. Autor und Herausgeber dieses Buches untersagen die Verwendung von Teilen dieses Buches für KI-Schulungen, maschinelles Lernen oder ähnliche Zwecke ohne vorherige schriftliche Genehmigung. Autor und Verlag befürworten oder autorisieren die Verwendung dieses Buches für KI-Schulungen nicht und haften nicht für Schäden, die durch eine solche nicht autorisierte Verwendung entstehen können. Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieses Buches für KI-Schulungen ist strengstens untersagt und kann gegen geltende Gesetze und Vorschriften verstoßen. Autor und Verlag behalten sich alle Rechte vor, einschließlich, aber nicht beschränkt auf das Recht, Schadenersatz und Unterlassungsansprüche gegen jede natürliche oder juristische Person geltend zu machen, die dieses Buch ohne vorherige schriftliche Genehmigung für KI-Schulungen verwendet. Wenn Sie Teile dieses Buches für KI-Schulungen verwenden möchten, wenden Sie sich bitte an den Autor oder an den Verlag, um eine schriftliche Genehmigung zu erhalten.

Prolog

März 1971

Der Winter machte in diesem Jahr keine Anstalten, dem Frühling zu weichen und sich in sein eigenes Ruhequartier zurückzuziehen. Noch herrschte auf der Militärbasis der US-Army Nachtruhe. Von Zeit zu Zeit unterbrochen vom Jaulen eines Willy Jeeps, dessen Fahrer das Getriebe rücksichtslos malträtierte. In wenigen Minuten würde die Nachtschicht der beiden weißbehelmten Militärpolizisten enden. Dennoch achteten sie penibel auf alles, was ihnen ungewöhnlich erschien. Heute war der große Tag. Punkt 0600 würden die umfangreichsten Bauarbeiten beginnen, die die Cook Barracks jemals gesehen hatten. Nach einer fast endlosen Planungsphase würden in wenigen Minuten die Baumaschinen anrollen. Entlang der Rollbahn des nur 770 Meter langen Flugfeldes sollten riesige unterirdische Kavernen entstehen. Der Zweck dieser Kavernen war nur wenigen Eingeweihten bekannt, darunter natürlich der Standortkommandeur und sein Stellvertreter. Der Zugang zu dieser Anlage wurde durch ausgeklügelte Technik und umfassenden Sicherheitsmaßnahmen reglementiert. Kein Unbefugter konnte die Anlage betreten. Im Verlauf der kommenden neun Monate würden vier unterirdische Hallen mit je viertausend Quadratmeter nutzbarer Fläche entstehen. Zehn Meter unter der Oberfläche sollte eines der größten Lager der US-Army militärisches Material aller Art aufnehmen. Die Details waren streng geheim. Die Bauarbeiten sollten von eigens eingeflogenen Bautrupps der USACE[1] ausgeführt werden. Die Baustelle wurde von der restlichen Basis abgetrennt. Kein GI durfte auch nur in die Nähe der Arbeiten kommen. Kurz vor Jahresende 1971 konnten die Arbeiten abgeschlossen werden. Ab Januar 1972 nahm sowohl der Luft- als auch der Straßenverkehr zur Basis massiv zu. Hunderte von Flugzeugen des Typs Curtiss C-46 und Pilatus PC-6 Porter landeten auf der Basis. Unzählige Flüge mit Chinook-Helikoptern, auch als Bananenhubschrauber bekannt, brachten Unmengen von Material in die Cooke Barracks. Ganze Flotten von Kenworth-Sattelzügen ergänzten die Aktion. Nur wenige Menschen wussten, was dort unter der Erde gelagert wurde. Ganz unbemerkt konnten derart umfangreiche Arbeiten nicht durchgeführt werden. So machten Gerüchte über nukleare Sprengköpfe, chemische und biologische Kampfstoffe, Giftgas. Keine Absurdität wurde ausgespart. Manche verbreiteten sogar Gerüchte, dass die USA in Göppingen eine Art Zweigniederlassung der Area 51 unterhielten. Was immer dort vor sich ging, es war und blieb geheim. Jahrzehntelang. Selbst die Baupläne wurden mit der höchsten Geheimhaltungsstufe versehen und verschwanden in einem noch geheimeren Archiv der US-Regierung.

Kapitel 1

Arbeitszimmer des OberbürgermeistersMontag, 15. Juli 2024, 09:56 UhrEin dezentes Klopfen an der Tür zum Arbeitszimmer des Oberbürgermeisters. Werner Rebmann kannte dieses Klopfen. Es erforderte kein Herein oder eine andere Reaktion. Othilie Badtmann, seine Sekretärin streckte kurz den Kopf herein. »Herr Feldmann ist jetzt da«, kündigte sie seinen nächsten Termin an und zog sich sofort wieder zurück. Rebmann warf einen Blick auf den gelben Notizzettel, der diesen Feldmann kurz charakterisierte. Für jeden Besucher ihres Chefs erstellte sie so einen Zettel und legte den meist hohen Stapel jeden Morgen vor acht Uhr auf seinen Schreibtisch. Jemand, für den es keinen gelben Zettel gab, hatte keine Chance, zum Oberbürgermeister vorzudringen. Niemand kam an Frau Badtmann vorbei. Sie war die gute Seele des Rathauses. Nein, sie war das Rathaus. Der Mann, der in der Tür stehen geblieben war, wusste um die Wirkung seines Aussehens. Er ähnelte verblüffend dem amerikanischen Schauspieler John Wayne. The Duke, wie er auch genannt wurde. Bis hin zu dessen schiefem Grinsen. »Herr Oberbürgermeister«, lächelte er gewinnend, »vielen Dank, dass sie mich so kurzfristig empfangen. Das ist alles andere als selbstverständlich.« Rebmann wusste so gut wie nichts über Roland Feldmann. Ein Bauunternehmer, der ihm den Plan für die Weiterentwicklung des Industriegebiets Stauferpark im Norden der Stadt vorstellen wollte. »Keine Ursache, Herr Feldberg«, antwortete Rebmann zerstreut. Der Unternehmer kam ihm nicht gelegen. »Was können ich und die Stadt für sie tun?« »Feldmann, Herr Oberbürgermeister, mein Name ist Roland Feldmann.« Rebmann warf erneut einen Blick auf den Notizzettel. Tatsächlich, dort stand der Name Feldmann. »Verzeihung, ein typisch freudscher Versprecher. Also nochmals, wie kann ich ihnen helfen?«

Kapitel 2

Arbeitszimmer des OberbürgermeistersMontag, 15. Juli 2024, 10:15 UhrBevor Feldmann antworten konnte, nahm Rebmann eine Bewegung an der kleinen Tür auf der linken Seite seines Arbeitszimmers wahr. Gewissermaßen sein Notausgang, wenn er hin und wieder unbemerkt das Rathaus verlassen wollte. Die einzige Möglichkeit, ohne einen gelben Zettel von Frau Badtmann zu ihm vorzudringen. Diese Tür war nur wenigen im Rathaus bekannt. Er wusste sofort, wer dort in der Tür stand. Das Gesicht Erwin Haffners. Rebmanns Mentor. Förderer und zugleich sein größter Albtraum. Ohne Haffner hätte er bei den letzten Wahlen keine Chance gehabt, Oberbürgermeister der Stadt zu werden. Haffner machte drei Schritte in das Arbeitszimmer des OB und blieb abwartend stehen. Er war bekannt in der Öffentlichkeit. Dennoch kannten ihn die wenigsten Leute persönlich. Er mied diese, wo er nur konnte. Nur zu äußerst seltenen Gelegenheiten verließ er seine Villa aus der Gründerzeit am Nordrand der Stadt. Falls eine dieser Gelegenheiten es erforderte, dass er sich damit befasste. Haffner war eine beeindruckende Erscheinung. Er wusste um die Wirkung seines Auftritts. Erstklassig frisiert. Jedes einzelne Härchen lag exakt an seinem vorgesehenen Platz. In der Stadt munkelte man, dass er mehrmals die Woche seinen Coiffeur aufsuchte, um überflüssige Haare meisterhaft entfernen zu lassen. Ein nur unterschwellig wahrnehmbarer Duft nach teurem Tom Ford Ombre Leather umwehte ihn dezent. Haffners leuchtend blaue Augen und sein aristokratisches Aussehen verfehlten ihre Wirkung niemals. Der maßgeschneiderte Anzug aus unaufdringlich glänzendem Stoff tat ein Übriges. Er spielte in einer ganz anderen Liga als der Oberbürgermeister. Von dessen Besucher ganz zu schweigen. »Ich ... ääh ...ich«, stammelte Feldmann, »ich dachte, wir hätten einen Termin, Herr Oberbürgermeister?« »Haben wir, Herr Feldmann«, erwiderte Rebmann, »darf ich ihnen Erwin Haffner vorstellen? Er berät mich in vielen Angelegenheiten. Er wird an diesem Treffen teilnehmen.« Kein Wort davon, dass Rebmann mindestens ebenso überrascht von Haffners Auftauchen war. »Das Thema unserer Besprechung«, widersprach Feldmann, »ist vertraulich. Kein Außenstehender sollte in dieser frühen Phase involviert sein.« »Nun, Herr Feldmann«, meinte Rebmann, »Herr Haffner ist kein Außenstehender. Sie müssen mir schon zugestehen, dass ich meinen Berater dazu geholt habe. Er wird sicher nützliche Anregungen dazu beitragen können.« Nun übernahm Haffner die Gesprächsführung. Rebmann ließ ihn gewähren. Er wusste, dass er seinen Berater nicht daran hindern konnte. »Feldmann, Roland Feldmann, wenn ich nicht irre«, sagte Erwin Haffner. »Erfolgreicher Bauunternehmer, Planer und Stadtentwickler, der bereits unzählige Projekte durchgeführt haben will.« »Durchgeführt hat, Herr Haffner«, protestierte Feldmann, »durchgeführt hat. Wie kommen sie zu dieser unzutreffenden Behauptung? Wer sind sie, wenn ich das fragen darf? Was qualifziert sie dazu, an diesem Meeting teilzunehmen?« »Roland Feldmann«, Haffners Stimme zischte scharf wie ein zweischneidiges Schwert durch den Raum, »lassen wir doch dieses unwürdige Spiel. Sie können es nicht gewinnen. Mag sein, dass es ihnen gelingt, unseren geschätzten Oberbürgermeister«, er machte eine Geste, die das Gegenteil seiner Worte ausdrückte, »mit ihren Plänen hinters Licht zu führen. Mit mir können sie das nicht! Ich habe mich über sie informiert. Ich weiß wer sie sind.« »Tatsächlich?« Feldmann dachte wohl, dass er Oberwasser habe. »Dann erzählen sie doch mal, Herr Haffner. Wer bin ich ihrer Meinung nach? Anschließend würde ich gerne wisen, wer sie sind. Welche Funktion haben sie?« »Beginnen wir mit ihrer ersten Frage, Herr Feldmann«, entgegnete Haffner. »Welcher Name gefällt ihnen am besten? Rolf Falk, Rudolf Fellner, Richard Färber?« Feldmann wurde schlagartig sehr kleinlaut. Woher kannte der Kerl diese Namen? Fieberhaft überlegte er, wie er auf diese Vorwürfe reagieren sollte. Angriff oder Rückzug? Er entschloss ich dazu, gar keine Antwort zu geben und stattdessen abzuwarten, ob dieser Haffner mehr wusste. »Sie sagen gar nichts, Herr Feldmann? Ihre Entscheidung. Auch gut. Meine Funktion ist irrelevant. Zumindest für sie.« Aus der Innentasche seines Sakkos zog er mehrere amtlich aussehende Dokumente hervor. »Bleiben wir beim Namen Feldmann. Sie werden dieses Büro umgehend verlassen. Sie haben exakt vierundzwanzig Stunden, um die Stadt zu verlassen.« Er warf einen Blick auf seine schlichte Armbanduhr. »Morgen vormittag um zehn Uhr siebenunddreißig werde ich diese Unterlagen«, Haffner wedelte mit den Dokumenten, »dem zuständigen Oberstaatsanwalt aushändigen. Er wird wissen, was er damit in den Händen hat. Sie wissen, was das für sie bedeutet.« Feldmann setzte zu einer Erwiderung an. Haffner schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab. »Die Höflichkeit, die ich nur selten vergesse, verlangt es, dass ich auch ihre andere Frage beantworte. Wer bin ich? Um es kurz zu machen, nennen sie mich ihren schlimmsten Albtraum! Betrachten sie mich als ihre Nemesis! Die Zeit, ihre Zeit läuft. Gehen sie! Jetzt! Bevor ich es mir anders überlege!« Feldmann wusste, dass er verloren hatte. Noch bevor das Spiel begonnen hatte. Wortlos schlich er aus dem Amtszimmer des Oberbürgermeisters. Werner Rebmann war sprachlos. Er konnte sich nicht erinnern, seinen Mentor jemals derart konsequent erlebt zu haben.

Kapitel 3

Arbeitszimmer des OberbürgermeistersMontag, 15. Juli 2024, 10:15 Uhr So schnell er aufgetaucht war, so schnell war Haffner wieder durch die unscheinbare Tür verschwunden. Er betrachtete es als überflüssig, sich dem OB zu erklären. Zum ersten Mal in den fünf Jahren seiner ersten Amtszeit wurde Rebmann bewusst, dass er kaum mehr von oder über Erwin Haffner wusste als ein beliebiger Einwohner dieser Stadt. Wer war der Mann wirklich? Niemand wusste, wer er war. Bekannt war nur, dass er nicht in der Stadt geboren war, sondern sich als Kind in den 1970er-Jahren mit seinem Vater hier niedergelassen hatte. Seine Mutter, so es denn eine geben sollte, hatte noch nie jemand gesehen. Seinem Vater, Wendelin Haffner, gelang es damals aus dem Nichts einen vom ersten Tag an florierenden Handel mit Mineralölprodukten aller Art auf die Beine zu stellen und das Geschäft ebenso mustergültig wie weitgehend unter dem Radar der Öffentlichkeit zu führen. Ja, man kannte den Namen Haffner. Nicht aber die Geschäfte, die er ohne Angestellte führte. Anfang der 1980er-Jahre wurde Wendelin Haffner Opfer eines mit äußerster Brutalität durchgeführten Mordanschlags, der in der Bevölkerung für gehörige Unruhe gesorgt hatte. Mord war bis zu diesem Tag etwas gewesen, was nur in Großstädten vorkam. Bis heute unbekannte Täter hatten Erwin Haffners Vater auf dem Parkplatz einer Gaststätte direkt neben einer auch in der Nacht gut frequentierten Straße erschossen. Die Polizei konnte damals nur ermitteln, dass beide Schüsse aus kürzester Entfernung aus einer sogenannten Lupara, einer abgesägten Schrotflinte, abgegeben worden waren. Der alte Haffner hatte nicht die geringste Chance. Die Munition des Kalibers zwölf – Schrotkugeln mit acht Millimeter Durchmesser und einem Einzelgewicht von fast achtundddreißig Gramm – hatte den kaum Fünfzigjährigen förmlich zerfetzt. Der in aller Öffentlichkeit ausgeführte Mord, auch als lupara rossa bezeichnet, ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass sich der alte Haffner mit der Mafia angelegt hatte und für irgendetwas zur Verantwortung gezogen worden war. Die Polizei ging bis zum heutigen Tag davon aus, dass der Täter unmittelbar nach den Schüssen das Land verlassen haben musste. Der Sohn erbte die Firma und ein erhebliches Vermögen. In der Stadt wurde gemunkelt, Erwin Haffner habe sich irgendwie mit den Leuten aus dem Süden geeinigt. Genaueres wusste natürlich niemand. Es waren nur Gerüchte. Dennoch konnte nicht ausgeschlossen werden, dass er die höchstwahrscheinlich vergifteten Beziehungen seines Vaters zur Mafia auf einer neuen Basis fortgeführt hatte und das bis heute tat. Auch hier nur Vermutungen. Direkt danach zu fragen, wäre nicht klug. Erwin Haffner war nicht nur märchenhaft reich, er war auch äußerst nachtragend. Eine Beleidigung, eine Kränkung vergaß er niemals. Die ihn näher kannten, konnten über seine Bedeutung im ganzen Land nur vage Vermutungen anstellen. Erwin Haffner war das, was man eine graue Eminenz nennt. Sein politischer Einfluss reichte bis in höchste Ebenen der Landesregierung. Sein Wort hatte Gewicht. Großes Gewicht. Hinter vorgehaltener Hand wurde er Don Lucifero genannt. Niemand würde es wagen, diese Bezeichnung laut auszusprechen. Ein weit oben gelegener Platz auf der Liste derjenigen, die Haffner eines Tages ins Visier nähme, wäre demjenigen sicher, der das wagen sollte.Genug spekuliert. Auch ich werde nicht mehr über Haffner herausfinden. Belassen wir es dabei, dass er mir in vielen Angelegenheiten behilflich war.

Kapitel 4

Golfplatz Göppingen, Wasserhindernis Loch 5Mittwoch, 24. Juli 2024, 04:10 UhrNoch lag der Golfplatz verlassen in der Nacht. Die Morgendämmerung war noch nicht einmal zu ahnen. Die ersten Golfer des Tages würden frühestens in drei Stunden auf ihre Runden gehen. Die Frühschicht in einigen der angrenzenden Unternehmen begann nicht vor sechs Uhr. Niemand hielt sich um diese Tageszeit hier auf. Keineswegs! Ein Mann bummelte die schmale Straße entlang, die rund um den Platz führte. Er machte einen hoch konzentrierten Eindruck. Seine hochgewachsene, muskulöse Statur, die wachsame Art, wie er sich bewegte und die dunklen, kurz geschnittenen Haare deuteten auf einen militärischen Hintergrund hin. Er trug eine anthrazitfarbene Cargohose und ein T-Shirt in derselben Farbe. Darüber eine sogenannte taktische Weste mit unzähligen Taschen, Gurtschlaufen und Karabinerhaken. Nun zog er eine schwarze, eng anliegende Strickmütze über. Er mochte etwa fünfzig Jahre alt sein, vielleicht ein paar Jahre jünger. Die eisblauen Augen ließen keine Spur von Nervosität erkennen. Unablässig scannte er seine Umgebung. Ohne Zweifel ein Profi. Sofern man seine Tätigkeit als Handwerk bezeichnen durfte, hatte er es in vielen Jahren von der Pike auf gelernt. Er wartete auf seine Zielperson. Eine gewisse Gegenwehr kalkulierte er immer mit ein, doch ein durchschnittlicher Mensch hatte keine Chance. Wie auch immer, er war auf alles vorbereitet. Am Wasserhindernis von Bahn fünf des Golfkurses blieb er stehen. Hier würde es geschehen. Der Mann, dessen Eliminierung sein Auftraggeber als unerlässlich bezeichnete, joggte seit langer Zeit jeden Tag zu nachtschlafender Zeit hier entlang. Knapp sechs Kilometer. Immer dieselbe Strecke. Seinen Wagen, ein älterer Mercedes S500, stellte er immer auf dem Parkplatz des THW ab. Auch heute würde er seine Gewohnheiten nicht ändern. Hier an der kleinen Ruhebank legte er stets eine kurze Pause ein. Einige Lockerungsübungen, zwei drei Minuten durchatmen, dann weiter auf der gewohnten Strecke. Strategisch gesehen wäre es besser, sich auf dem Rückweg mit dem Mann zu befassen. Wenn er vom Laufen erschöpft und entsprechend unaufmerksam war. Doch bis dahin war die Sonne aufgegangen und er musste damit rechnen, dass andere Personen hier unterwegs waren. Jetzt, in der Morgendämmerung, konnte nichts schiefgehen. Ihm blieb ausreichend Zeit, seinen Job unbemerkt erledigen zu können. Aus einem ebenfalls schwarzen Rucksack zerrte er einen großen Akku-Nagler heraus. Die Maschine feuerte einhundert Millimeter lange Schraubnägel ab. Bestens geeignet für alle Arten von – nun ja - Aufgaben. Eine Les Baer Monolith führte er nur als Backup mit sich. Der Nagler war seit Jahren das Werkzeug seiner Wahl. Ebenso durchschlagend wie eine großkalibrige Schusswaffe, doch ohne Blutvergießen und nahezu lautlos. Am Körper eines Menschen gab es nur eine einzige Stelle, an der ein solcher Schraubnagel zum sekundenschnellen Tod führte. Der Profi warf einen schnellen Blick auf seine Armbanduhr. Noch fünfundvierzig Minuten. Wie vor jedem Job machte er sich Gedanken über seine Zielperson. Was mochte der Mann getan haben? Wem mochte er auf die Füße getreten sein? Hatte er jemanden betrogen? Trotzdem interessierte es ihn nicht wirklich. Er wurde beauftragt, bezahlt und erledigte den Job. Das Wort Gewissensbisse existierte in seinem Wortschatz nicht. Bei Vertragsabschluss nannte man ihm den Namen der Zielperson. Man stellte ihm ein Foto zur Verfügung. Die erste Hälfte des vereinbarten Honorars wurde als Vorschuss auf eines seiner Offshore-Konten überwiesen. Soweit bekannt informierte man ihn über Gewohnheiten der Zielperson und einen Zeitraum, innerhalb dessen er den Kontrakt zu erfüllen hatte. Er hatte sich von Anfang an untersagt, mehr über eine Zielperson herausfinden zu wollen, als ihn sein Auftraggeber wissen ließ. In seiner Branche konnte zuviel Wissen sehr ungesund sein. Nicht unerwartet drifteten seine Gedanken weiter ab. Das taten sie vor jedem Job. Ihm war klar, dass er sich diesen Gedanken stellen musste. Immer beschäftigte ihn die Frage, welche moralethischen Regeln für ihn galten. Gab es überhaupt solche? Permanent redete er sich ein, dass ihm das Töten keinen Spaß machte. Im Lauf der Jahre schwor er sich zigmal, dass er an dem Tag, an dem ihm ein Job Spaß macht, den Nagler aus der Hand legen und nie wieder anfassen würde. Bis dahin beruhigte er sich damit, dass es Dinge gab, die einfach erledigt werden mussten. Wenn er es nicht tat, würde es ein anderer aus der Branche tun. Getan würde ein Job immer werden. Wenn jemand die Entscheidung fällte, dass ein Leben beendet werden musste, dann war das so. Der Profi bemerkte, dass er in sich philosophischen Plattitüden zu verirren drohte. Er wusste sehr gut, dass er sich seit seiner Bundeswehrzeit auf der Suche nach dem Sinn des Lebens befand. Er würde ihn nicht finden. Nicht den, den er sich erhoffte. Er würde weiter suchen müssen.

Kapitel 5

Golfplatz Göppingen, Wasserhindernis Loch 5 Mittwoch, 24. Juli 2024, 05:20 UhrMit Anfang vierzig, nach einer zwanzigjährigen Verpflichtung bei der Bundeswehr überrollte ihn erneut die Ernüchterung wie ein psychischer Tsunami. Sein Dienst am Vaterland war mit schnellen Beförderungen honoriert worden. In Rekordzeit stieg er in den Rang eines Hauptmanns auf. In verschiedenen Spezialeinheiten – national und international – wurde er zu einer lebenden Kampfmaschine ausgebildet. Trotzdem konnte er in der freien Wirtschaft keinen seiner Qualifikation entsprechenden Job finden. Er verfügte über eine umfassende Allgemeinbildung und sprach drei Sprachen fließend. Breites taktisches Wissen und erstklassige Reflexe rundeten sein Profil ab. Dennoch hatte er jedes Vorstellungsgespräch abrupt abgebrochen, sobald die Sprache auf seinen Werdegang gekommen war. Sein Ruhegehalt von der Bundeswehr hätte für ein angenehmes Leben ausgereicht. Doch wieder war er an der Stelle, an der er sich fragte, ob das alles gewesen konnte. Zum Donnerwetter! Da musste doch noch mehr sein. Mit knapp über vierzig sollte er das Leben eines gelangweilten Pensionärs führen? Niemals! Nach einer Phase der Selbstfindung wusste er, was er tun hatte. Wie er das realisieren würde, dagegen noch nicht. Das Angebot, als Ausbilder für die einheimischen Kräfte in einem Land am Hindukusch tätig zu werden, wies ihm den Weg. Bei einem Feuerüberfall einer Rebellengruppe fiel er sogenanntem friendly fire zum Opfer. Seine Leiche wurde nie gefunden. Innerhalb kürzester Zeit wurde er für tot erklärt. Gefallen für Dienst und Vaterland in einem fremden Land, in dem er nichts zu suchen hatte. Er war zu einem Gespenst geworden. Einem nicht existierenden Ghost. Nach menschlichem Ermessen konnte ihn niemand aufspüren. Leider mit dem Nachteil verbunden, dass das Ruhegehalt für einen Toten nicht weiter bezahlt wurde. Seit damals arbeitete er als Freelancer der sich seine Jobs aussuchen konnte. Meist ging es um Informationsbeschaffung. Wirtschaftsspionage, um es treffender auszudrücken. Nur selten wurde er mit einem mokraya rabota beauftragt. Einem sogenannten nassen Job, der jemanden das Leben kostete. Diese Jobs waren nun einmal am besten bezahlt. Von irgendetwas musste er schließlich leben. Er hatte nicht die Absicht, sich mit Kleingeld auf Sozialhilfeniveau zu begnügen. Dafür hatte er seinen Arsch nicht zwanzig Jahren lang in fremdes Feuer gehalten. Sich als Söldner bei einem der privaten Militärdienstleister zu verdingen, wäre die andere Option gewesen. Doch als Kanonenfutter für durchgeknallte Politiker war er sich zu schade.

Kapitel 6

Golfplatz Göppingen, Wasserhindernis Loch 5 Mittwoch, 24. Juli 2024, 06:00 UhrEin erneuter Blick auf seine Armbanduhr. Die Breitling war eine von zwei Extravaganzen, die er sich leistete. Noch zehn Minuten. Falls seine Zielperson den Zeitplan der letzten Tage einhalten würde. Eine letzte Überprüfung des Naglers. Einsatzbereit. Da war es! Er hörte das leise Knirschen langsamer, gleichmäßiger Schritte auf dem abgenutzten, unebenen Asphalt. Das musste er sein. Konzentration jetzt! In der Dämmerung konnte er gefahrlos einen Blick riskieren. Der Jogger war vollkommen arglos. Natürlich! Was sollte hier schon passieren? Er nahm den Nagler fester in die rechte Hand und verbarg ihn hinter dem Rücken. Noch ein Blick. Der Mann kam mit federnden Schritten auf ihn zu. Noch fünfzehn Meter. Zehn. Der Rhythmus der Schritte wurde langsamer. Er blieb direkt vor dem Gebüsch, in dem sich der Profi verbarg, stehen. Kehrte ihm schweratmend den Rücken zu. Optimal! Besser hätte es nicht laufen können! Er machte einen unhörbaren Schritt auf den Jogger zu. Immer noch war er arglos. Mit einer hundertfach trainierten Bewegung legte er dem Mann seinen linken Arm um den Hals. Drückte zu und hielt in eisernem Griff. Er konnte dem überraschenden Angriff nichts entgegensetzen. Er hatte keine Chance sich zu befreien. Er verstärkte den Würgegriff, bis der Jogger das Bewusstsein verlor. Mit dem linken Bein blockierte er die Kniegelenke seines Opfers und ließ den Bewusstlosen nach vorne kippen. Die Nase brach mit einem hässlichen Knirschen. Jetzt musste er schnell sein. Er würde bald wieder zu sich kommen. Mit jeder Minute wuchs das Risiko, dass andere Jogger auftauchen würden. Zielsicher setzte er den Akku-Nagler oberhalb des ersten Halswirbels an und betätigte, ohne zu zögern, den Abzug. Der geriffelte Schraubnagel zischte aus seiner Führung und fand seinen Weg in die Schädelbasis. Der Stahlstift durchtrennte das Rückenmark, zerstörte den Hirnstamm und beendete damit das Leben des Opfers in Sekundenschnelle. Abgesehen von einem kurzen, stechenden Schmerz war es eine humane Art der Tötung. Kein minuten- oder stundenlanges Leiden! Spiel, Satz und Tod. So einfach war das! Ohne merkbare Regung beugte sich der Freelancer über den Toten und drehte ihn in Rückenlage. Die gebrochene Nase veränderte die Gesichtszüge etwas, doch der Vergleich mit dem ausgehändigten Foto ergab dennoch eindeutige Übereinstimmung. Erledigt! Wieder einmal! Einhunderttausend Euro mehr auf seinem Konto. Noch drei oder vier dieser Jobs und er konnte sich zur Ruhe setzen. Eine kleine Insel irgendwo in der Südsee. Das restliche Leben genießen. Doch noch blieb etwas zu tun. Er hasste diesen Teil des Jobs, doch er war Teil des Auftrags. Die Identifizierung des Toten musste verhindert, zumindest erschwert werden. Fingerabdrücke und Zahnschema sollten nicht mehr ermittelbar sein. Eine DNA-Analyse konnte er nicht verhindern. Nachdem dieser unangenehme Teil des Jobs erledigt war, musste er sich noch um die Tätowierung am rechten Handgelenk der Leiche kümmern. Die betreffende Hautpartie fiel seinem rasiermesserscharfen Messer zum Opfer. Natürlich würde selbst ein drittklassiger Pathologe bemerken, dass sich an dieser Stelle ein Tattoo befunden hatte. Das Motiv hingegen würde er nicht rekonstruieren können. Nun nahm er die Leiche auf seine Arme und schleppte sie in das Wasserhindernis. Den Rest konnte er beruhigt dem schlammigen Wasser und dem Morast überlassen. Selbstverständlich hatte er sich zuvor von der Tiefe des Sumpfes überzeugt. Mehr als ein Meter. Bis zur Mittagszeit sollte der Körper vollständig im Sumpf versunken sein. Am Wegrand säuberte er seine Schuhe. Dann verstaute er in aller Ruhe den Nagler in seinem Rucksack und schulterte ihn. Letzte prüfende Blicke in alle Richtungen. Alles ruhig. Niemand zu sehen. Der Nagler hatte nur ein kurzes Knacken von sich gegeben. Selbst die schallgedämpfte Les Baer wäre um einiges lauter gewesen. Nun kam der angenehme Teil des Jobs. Dieser war ihm nach jedem erfolgreich erledigten Auftrag zur Gewohnheit geworden. Fast ein Ritual, das er nun zelebrierte. Aus der linken Brusttasche seiner Weste zog einen langen Zigarillo hervor und zündete ihn an. Cohiba Short Year of the Dragon Gold Plated. Überaus aromatischer Rauch zog in seine Lunge. Ein überragender Genuss. Nur wenige Züge. Eigentlich war er Nichtraucher. Er drückte den Zigarillo aus und ließ ihn in einer Tasche verschwinden. Er durfte nicht gefunden werden. Die Polizei würde die Cohiba schnell identifizieren. Diese Spur durfte er nicht legen. Es gab sicher nicht viele Menschen, die sich den Luxus leisteten, einen Zigarillo für zehn Euro nur kurz anzurauchen. Ein allerletzter Blick nach allen Seiten, dann entfernte er sich zügig aber nicht überhastet vom Ort des grausigen Geschehens. Die ersten Golfer würden bald auftauchen. Bis dahin musste er verschwunden sein. Sein Auftraggeber würde sich zufrieden zeigen und ihm die zweite Hälfte seines Honorars auf dem üblichen Weg zukommen lassen. Nicht zu bezahlen konnte und würde er sich leisten. Er wusste, welchen Ruf der Freelancer in der Branche genoss. Das Risiko, sich ihn und seinen Nagler zum Feind zu machen, würde er nicht eingehen. Sein Vertragspartner wusste auch, dass er zuverlässig, aber auch äußerst nachtragend war.

Kapitel 7

Rundweg um den Golfplatz GöppingenMittwoch, 24. Juli 2024, 09:45 Uhr»Wer zum Teufel sind sie? Was haben sie hier zu suchen? Sie müssen vollkommen wahnsinnig sein! Kommen sie sofort aus dem Wasserloch 'raus!« Eine seltsam krächzende, fast knarzende Stimme, wie sie ihr noch nie untergekommen war, erschreckte Tabitha Greffin beinahe zu Tode. Sie fuhr herum. Sah sich einem unbekannten Mann gegenüber. Nicht übermäßig groß. Hager, aber nicht dürr. Er mochte etwa siebzig Jahre alt sein und präsentierte eine ausgeprägte, in der Morgensonne spiegelnde Stirnglatze. Eigentlich war es nur noch ein schmaler Kranz schmutzig weißer, in alle Richtungen abstehender Haare. An einer kurzen, stabil wirkenden Leine führte er eine riesige Deutsche Dogge, deren Fell dunkelgrau glänzte. Ein wunderschönes Tier. Der Hund hatte eine beeindruckende Statur. Schulterhöhe sicher mehr als achtzig Zentimeter. Ausgeprägter Brustkorb mit definierten Muskelsträngen. Gewaltige Pratzen. Sicher doppelt so groß wie Tabithas Hände. Der Koloss brachte bestimmt hundert Kilogramm auf die Waage. Vielleicht mehr. Tabitha hatte nie zuvor einen derart riesigen Hund gesehen. Wie alle seiner Rasse sabberte er ausgiebig. Ohne nachzudenken machte sie einen Schritt auf den Unbekannten zu. Die Dogge ließ nur ein kurzes, tief grollendes Knurren hören. Sie blieb ruckartig stehen und machte einen vorsichtigen Schritt rückwärts. Mit diesem Giganten sollte sich niemand anlegen, der noch bei Verstand war. »Sind sie verrückt geworden?« Tabitha blaffte den Mann böse an. »Sie haben mich zu Tode erschreckt! Ihretwegen bin ich fast ins Wasser gefallen! Nehmen sie sofort den Hund weg!« Der Unbekannte lachte heiser keckernd. »Keine Sorge. Waldemar ist die Sanftmut in Person. Auch wenn er nicht so aussieht. Er hat sie nur davor gewarnt, mir allzu nahe zu kommen. Das mag er nämlich gar nicht.« »Schon möglich«, erwiderte Tabitha etwas zurückhaltender, »halten sie ihn bitte kurz. Wer sind sie? Weshalb erschrecken sie mich zu Tode?« »Platz, Waldemar!« befahl er der Dogge. Der Hund gehorchte aufs Wort und legte sich sofort hin. Selbst jetzt erreichte er mit seinem aufmerksam aufgerichteten Quadratschädel Tabithas Hüfte. Er hechelte nur leicht. Sein stechender Blick behielt Tabitha misstrauisch im Auge. »Entschuldigen sie bitte«, krächzte der Mann, »das war nicht meine Absicht. Wie eine Golferin sehen sie nicht aus. Aber falls sie ihren Ball ins Wasser geschlagen haben, ist er verloren. Unrettbar!« »Bevor ich mich weiter mit ihnen unterhalte«, blieb Tabitha bei ihrer abweisenden Haltung, »sagen sie mir zuerst, wer sie sind. Und nein, ich spiele nicht Golf. Das ist Sport für die dekadente Oberschicht.« »Ich entschuldige mich nochmals«, knarzte der Mann leise, »ich wollte kein Geheimnis aus meiner Identität machen. Mein Name ist Staudinger. Ernst Staudinger. Wenn das Wetter es zulässt, bin ich jeden Tag mit Waldemar hier unterwegs. Sie allerdings habe ich noch nie hier gesehen. Die Frage nach ihrer Person und dem, was sie hier machen, ist also gerechtfertigt.« Tabitha fand seine Ausdrucksweise irgendwie antiquiert. Fast schon belustigend. »Zumal sie sich in einem nicht ganz ungefährlichen Wasserloch aufgehalten haben.« »Gefährlich?« Tabitha lachte. »Was sollte an einem Wasserloch gefährlich sein? Auf einem Golfplatz?« »Noch einmal meine Frage!« Jetzt deutlich schärfer. Dieser Staudinger zeigte ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Ehemaliger Manager vielleicht, der es gewohnt war, dass man seine Fragen unreflektiert beantwortete. »Wer sind sie? Was machen sie hier?« »Mein Name ist Tabitha Greffin. Ich bin freie Journalistin. Was ich hier mache, geht sie, mit Verlaub gesagt, nichts an. Sie sind ja auch hier.« Sie ahmte seine antiquierte Sprechweise nach. »Es sei denn, dieser Weg befände sich in ihrem Eigentum.« Staudinger lachte keckernd. Das ungewöhnliche, krächzende Gegacker machte ihn sympathisch. Irgendwie der Typ eines gemütlichen Opas. Tabitha musterte ihn aufmerksam. Möglicherweise hatte er Probleme mit dem Kehlkopf. »Ich wollte sie nur darauf aufmerksam machen, dass dieses Wasserloch nicht so harmlos ist, wie es aussieht. Der Schlamm unter der Wasseroberfläche ist sehr zäh und stellenweise mehr als einen Meter tief. Wenn sie darin versinken, kommen sie ohne fremde Hilfe nicht mehr heraus. Die kann hier lange auf sich warten lassen. Der Golfplatz ist nicht sehr stark frequentiert.« Diese Behauptung musste zutreffen, denn kein Golfer war zu sehen. »Im Übrigen ist der komplette Golfkurs gefährliches Gelände. Niemand sollte sich hier aufhalten. Nicht ohne triftigen Grund. Wenn sie mich fragen, sind diese Golfer ziemlich leichtsinnig unterwegs.« »Fliegende Bälle kümmern mich nicht besonders«, antwortete Tabitha selbstbewusst, »ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen. Oder ist das Betreten des Platzes auch verboten?« »Eigentlich schon«, meinte Staudinger, »der Platz ist Privatgelände. Falls sie sich dennoch hier aufhalten wollen, hindert sie niemand daran. Sie tun es eben auf eigenes Risiko.« »Das weiß ich selbst«, knurrte Tabitha verärgert über die oberlehrerhafte Art Staudingers. »Ach, Kindchen«, erwiderte Staudinger etwas herablassend, »ich rede doch nicht von fliegenden Bällen ...« Jetzt wurde Tabitha hellhörig. Ihr journalistischer Spürsinn erwachte. Wusste der Mann etwas, was sie nicht wusste? Konnte er ihr bei ihrer Recherche eventuell behilflich sein? »Wovon reden sie da? Was kann an oder auf einem Golfplatz schon gefärhlich sein? Von einem unkontrolliert abgeschlagenen Ball abgesehen?« Staudinger schalt sich einen geschwätzigen alten Deppen. Weshalb zum Teufel konnte er nie seine Klappe halten? Er hätte es wissen müssen. Diese Greffin hatte sich als Journalistin vorgestellt. Er hätte wissen müssen, dass sie sich nicht zum Vergnügenhier aufhielt. Dass sie irgendetwas recherchierte, erschien ihm logisch. Wonach suchte sie? War sie irgendwo auf die seit Jahrzehnten kursierenden Gerüchte gestoßen? Versuchte sie zu verifizieren, ob es sich tatsächlich nur um Gerüchte handelte? »Vergessen sie das Gelabere eines alten Mannes einfach wieder«, brummte Staudinger genervt von seiner Geschwätzigkeit. »Wonach immer sie suchen, seien sie bitte äußerst vorsichtig. Schönen Tag noch! Waldemar! Wir gehen weiter.« »Einen Moment mal!« fauchte Tabitha. Sie hatte Blut geleckt. Ihr Spürsinn schlug Alarm. Das tat niemals ohne Grund. »So einfach lasse ich sie nicht vom Haken! Was wissen sie über den Golfplatz, das nicht allgemein bekannt ist?« »Ich? Ich bitte sie, Frau Greffin!« Nicht sehr überzeugend. »Was sollte ein Mann in meinem Alter schon noch wissen? Ich bin schon froh, wenn ich morgens nicht vergessen habe, wie man sich die Schuhe zubindet. Ich weiß gar nichts!« Staudingers hastiger Rückzug war auffällig. Verdammt auffällig. Diese Kurve hatte er nicht einmal annähernd bekommen. »Wenn sie klug sind«, setzte er trotzdem hinzu, »und danach sehen sie aus, vergessen sie alles, was ich gesagt habe. Wer immer ihnen die Idee in ihren hübschen Rotschopf gesetzt hat, dass es auf dem Golfplatz etwas Ungewöhnliches gibt ... vergessen sie es ganz schnell wieder. Glauben sie mir bitte, es ist gesünder. Für sie, für die Golfer, für alle.« Verdammt! Wieder hatte er sich verplappert! Bevor er sich noch weiter unkontrolliert exponieren konnte, wandte er sich um und ging weiter auf dem schmalen Weg entlang, der rund um den Golfplatz führte.