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Der Hohepriester hat sein Ritual begonnen. Die Stadt wird zu seinem Altar. In einer beschaulichen schwäbischen Kleinstadt beginnt eine beispiellose Mordserie: Chirurgisch abgetrennte menschliche Hände werden in einer Andachtsstätte gefunden. Hauptkommissar Klemens Maier erkennt schnell, dass er es nicht mit einem gewöhnlichen Täter zu tun hat, sondern mit einem okkulten Hohepriester, der eine perverse Logik verfolgt. Mit jedem neuen Leichenteil – von der Mariengrotte über uralte Kapellen bis hin zum Kopf auf einem mysteriösen Pentagramm – baut der Täter seine »Corona Fracta« (die zerbrochene Krone) der Stadt auf. Unterstützt von seiner pragmatischen Stellvertreterin Lena Frank und einem zynischen Experten, muss Maier die Symbolik der Morde entschlüsseln, bevor der Zyklus vollendet ist. Doch die Jagd wird persönlich und intellektuell vernichtend. Die Verfolgung führt Maier und Frank in ein klaustrophobisches Labyrinth aus unterirdischen Gängen, der »Achse der Seelen«, und schließlich zum Zentralklinikum. Dort, im Herzen der medizinischen Versorgung, will der Täter das Finale seines Martyriums zelebrieren und das System, das er verabscheut, brutal entlarven. Der Showdown im Kontrollraum des Klinikums enthüllt eine schockierende Wahrheit: Das Zentrum der Schuld ist nicht nur ein Ort – es ist das Opfer, das der Täter bereit ist zu bringen, um die Seele der Stadt zu reinigen.
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Seitenzahl: 147
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Das Zentrum der Schuld
Roman
Klemens Maier ermittelt I
F. K. Neyer
F. K. Neyer wurde im Jahr 1960 in einem kleinen Dorf im Schwabenland geboren. Er ist seit mehr als 40 Jahren verheiratet und hat zwei bereits erwachsene Töchter. Nach der Mittleren Reife im Jahr 1977 arbeitete er zunächst in unterschiedlichen Branchen. Eine Ausbildung zum Programmierer ermöglichte ihm Anfang der 1990er-Jahre den Einsteig in die aufstrebende Informationstechnologie, wo er als Systemprogrammierer tätig war. Nach Jahrzehnten in dieser Branche erfüllte er sich im vorgezogenen Ruhestand den lang gehegten Wunsch und begann zu schreiben. Der vorliegende Roman ist der Achte des Autors. Weitere werden folgen.
Seine Romane sind als Taschenbuch und Ebook bei den bekannten Shops erhältlich. Die Ebooks können auch direkt beim Autor bezogen werden.
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Texte: © Copyright F. K. Neyer
Coverdesign: © Copyright F. K. Neyer
Illustrationen: © Copyright F. K. Neyer
Bildmaterial: Lizenzfreie Bilder
Verlag:
Friedhelm Neyer
Hauffstraße 21/1
73084 Salach
Vertrieb:
epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
© 2025 F. K. Neyer, Friedhelm Neyer
Alle Rechte vorbehalten. Insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden, mit Ausnahme kurzer Zitate in Rezensionen.
Diese Geschichte ist ein Werk der Fiktion. Namen, Charaktere, Orte und Begebenheiten sind entweder der Fantasie des Autors entsprungen oder werden in fiktiver Weise verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, lebend oder tot, oder realen Ereignissen ist rein zufällig.
Der Hohepriester hat sein Ritual begonnen. Die Stadt wird zu seinem Altar. In einer beschaulichen schwäbischen Kleinstadt beginnt eine beispiellose Mordserie: Chirurgisch abgetrennte menschliche Hände werden in einer Andachtsstätte gefunden. Hauptkommissar Klemens Maier erkennt schnell, dass er es nicht mit einem gewöhnlichen Täter zu tun hat, sondern mit einem okkulten Hohepriester, der eine perverse Logik verfolgt. Mit jedem neuen Leichenteil – von der Mariengrotte über uralte Kapellen bis hin zum Kopf auf einem mysteriösen Pentagramm – baut der Täter seine »Corona Fracta« (die zerbrochene Krone) der Stadt auf. Unterstützt von seiner pragmatischen Stellvertreterin Lena Frank und einem zynischen Experten, muss Maier die Symbolik der Morde entschlüsseln, bevor der Zyklus vollendet ist. Doch die Jagd wird persönlich und intellektuell vernichtend. Die Verfolgung führt Maier und Frank in ein klaustrophobisches Labyrinth aus unterirdischen Gängen, der »Achse der Seelen«, und schließlich zum Zentralklinikum. Dort, im Herzen der medizinischen Versorgung, will der Täter das Finale seines Martyriums zelebrieren und das System, das er verabscheut, brutal entlarven. Der Showdown im Kontrollraum des Klinikums enthüllt eine schockierende Wahrheit: Das Zentrum der Schuld ist nicht nur ein Ort – es ist das Opfer, das der Täter bereit ist zu bringen, um die Seele der Stadt zu reinigen.
Mit weit ausladenden Schritten kam Bernhard Hägele die Staufenecker Straße herauf. Der gemütlich wirkende dreiundsechzigjährige Oberstudienrat a. D. warf seine schulterlangen, schlohweißen Haare mit einer energischen Kopfbewegung zurück. Sein ganzes Leben hatte er am Fuß des Staufenecks zugebracht und nicht die Absicht, daran im Ruhestand etwas zu ändern. Seine Haarpracht war ungewöhnlich für einen Pädagogen. Sie zu einem Pferdeschwanz zusammenzubinden hätte zu seiner aktiven Zeit jedes Maß der Akzeptanz überschritten. Der angenehm warme Septembervormittag war für eine kurze Wanderung auf den Hausberg des Dorfes wie geschaffen. Für den passionierten Wanderer Hägele kaum mehr als ein längerer Spaziergang. Dennoch ließ er es sich nicht nehmen, auch auf kurzen Strecken passend gekleidet zu sein. Dunkelbraune, kurze Hosen aus geschmeidigem Hirschleder, rot-weiß kariertes Hemd aus Leinen, brauner Filzhut und stabile Wanderschuhe seiner bevorzugten Marke betrachtete er als absolutes Muss. Ein knotiger Wanderstock aus Bergahorn, den er vor Jahrzehnten im Hinterautal am Fuß des Karwendels selbst geschnitten hatte, und ein kleiner Rucksack waren ebenso unverzichtbar. Den kurzen, aber nicht zu unterschätzenden Anstieg über zweihundert Höhenmeter wollte er dennoch im Schatten des Mischwaldes zurücklegen. Hägele hatte es nicht eilig und würde eine kurze Pause machen: An der Andachtsstätte, die von den Salachern »Mariengrotte« genannt wurde. Einem Ort der Besinnung und Beschaulichkeit. Er nahm auf der Ruhebank Platz und schloss für einen Moment die Augen. Seine Gedanken machten sich selbstständig, drifteten ab. Manche Begebenheiten aus einem langen Berufsleben als Lehrer für Geschichte und Religion an einem renommierten Gymnasium in der Kreisstadt zogen vor seinem inneren Auge vorbei. Es gab nur wenig, auf das er hätte verzichten wollen. An das meiste dachte er gern zurück. Es gehörte zu seinem Leben, er wollte es gar nicht missen.
Bernhard Hägele warf einen Blick auf das sakrale Ensemble, als wollte er sagen »Du verstehst, was ich meine«. Im Dämmerlicht des Mischwaldes bemerkte er erst jetzt, dass etwas anders war als sonst. Die Nachbildung der Lourdes-Grotte war von einer Art Plane verdeckt, die am Schutzgitter befestigt war und den Blick auf das Innere der Andachtsstätte verhinderte. Verärgert über diese offensichtliche Entweihung erhob er sich und zerrte an der Plane, um sie mit einem kräftigen Ruck zu entfernen. Nur widerwillig glitt die Plane nach unten. Ohne sofort zu realisieren, was er sah, fixierte Hägeles Blick die beiden Hände: Die Ähnlichkeit mit Albrecht Dürers Zeichnung »Betende Hände« war offensichtlich. Noch immer hatte er nicht begriffen, was er dort sah. »Was zum Teufel soll das bedeuten? Soll das ein Scherz sein?« fuhr es Hägele durch den Kopf. Er war nie übertrieben religiös gewesen, dennoch erschrak er über diesen Gedanken. An diesem Ort der Besinnung sollte er wohl andere Worte wählen. Gleichzeitig erkannte er, was die betenden Hände wirklich waren. Sein Magen krampfte sich zusammen. Ein eisiger Schauer lief ihm über den Rücken und einen Moment lang glaubte er, seinen Herzschlag trommelnd in den Ohren zu hören. Die Hände waren echt! Das waren keine Scherzartikel. Dafür war das Arrangement zu realistisch. Fast automatisch wanderten seine Augen über den Rosenkranz, der um die Finger der beiden Hände drapiert war: die üblichen Perlen aus dunklem, polierten Material. Vermutlich Olivenholz, wie es oft dafür verwendet wurde. Bemerkenswert war das ungewöhnlich kleine Kruzifix mit der kunstvoll gearbeiteten Figur des Erlösers. Hägele sah mit dem Blick des Religionswissenschaftlers sofort, dass die Kette, die die Perlen zusammenhielt, aus geflochtenem Silberdraht bestand. Ganz zweifelsfrei konnte er nicht feststellen, ob es tatsächlich echte, menschliche Hände waren. Hägele traute sich nicht, das Arrangement anzufassen. Im Halbdunkel des Waldes fiel ihm nach einem Moment ein weiteres Detail auf. Ein Stück ausgefranstes Papier, vielleicht war es auch Pergament, zwischen den Fingern der Hände. Das konnte er nicht ignorieren, das musste er sich näher ansehen. Er sah sich einen Moment um und fand einen dünnen Zweig auf dem Boden. Sein wissenschaftliches Interesse hatte den Schock dieser Entdeckung in den Hintergrund gedrängt. Vorsichtig bewegte er das Pergament, um die Schrift lesen zu können. Exakt gemalte Buchstaben, fast kalligrafisch ausgeführt. Bernhard Hägele sah sofort, dass es sich um griechische Schriftzeichen handelte: Altes Koiné-Griechisch, wie es um die Zeitenwende gebräuchlich gewesen war. Ein Satz des Apostels Lukas aus der sogenannten Ölberg- oder Endzeitrede Jesus Christus'.
Hautai gar eisin hēmerai ekdikēseōs, tou plēsthēnai panta ta gegrammena.Ohne nachdenken zu müssen, übersetzte er das Zitat aus Lukas 21,22: »Denn dies sind Tage der Rache, dass alles erfüllt werde, was geschrieben steht.«Weitere Details fielen ihm ins Auge. Festgeklemmt zwischen den Daumen ein zweites, deutlich größeres Kreuz. Aufwendig vergoldet. Von den Handgelenken aus gesehen stand es auf dem Kopf. Der Schnittpunkt der beiden Kreuzbalken zierte ein rotglitzernder Stein mit einem meisterhaft eingravierten Pentagramm, das auf einer Spitze stand. Ein Symbol, das eine vielschichtige Bedeutung haben konnte. Immer noch betrachtete er das Arrangement aus einem wissenschaftlichen Aspekt. Die Hände? Zweifellos ein Fall für die Polizei. Ebenso müsste die Frage, wo der restliche Körper war, das Auge des Gesetzes interessieren. Der Rosenkranz? Das betraf die Kirche. Der rote Stein mit dem Pentagramm? Das sollte sich ein Satanismus- oder Okkultismus- Experte ansehen. Hägele setzte sich wieder auf die Ruhebank. Er musste nachdenken. Und da war er wieder. Mit Urgewalt kam der anfängliche Schrecken zurück. Seine Finger begannen, unkontrolliert zu zittern. Dieser makabre Fund hatte ihn mehr mitgenommen, als er sich jemals hätte vorstellen können. Bisher hatte er sich als nüchternen Wissenschaftler betrachtet, den nichts so schnell umhauen konnte. Bernhard Hägele sprang mit einem Satz auf. Der neben ihm an der Bank lehnende Wanderstock fiel zu Boden und blieb liegen. Er bemerkte es nicht und vergaß ihn einfach. Ohne auf die Straße zu achten, rannte er stolpernd und taumelnd aus dem Wald. Er hetzte panisch in Richtung Ortsmitte und prallte mit einem Mann zusammen. Beide gingen zu Boden.
Der andere reichte Hägele die Hand, um ihm aufzuhelfen. Erst jetzt erkannte Hägele, dass er seinen alten Freund Erwin Bayer umgerannt hatte. Bayer führte ganz in der Nähe seine Arztpraxis. »Erwin, du bist es!« stammelte Hägele. Dr. Erwin Bayer klopfte sich den Staub der Straße von seiner Hose. »Steh erst mal auf, Bernhard. Du liegst da wie ein Fisch auf dem Trockenen«, sagte Bayer unbeeindruckt aber dennoch leicht verärgert von dem Zusammenprall. »Zum Glück bist du es, Erwin!« keuchte Hägele, während er sich mühsam und immer noch unkontrolliert zitternd aufraffte. Erst jetzt bemerkte Bayer die blasse Gesichtsfarbe Hägeles und den Schweiß, der ihm in Strömen übers Gesicht rann. »Bernhard! Was zum Teufel ist los? Dir geht es gar nicht gut. Du bist blass wie ein Stück Tafelkreide. Was ist passiert? Hast du einen Schwächeanfall?« Bernhard Hägele rang angestrengt nach Luft. »Dort oben, Erwin. An der Mariengrotte. Du musst ... du musst mitkommen. Sofort! Es ist grausig.« Dr. Erwin Bayers Verärgerung über den Zusammenprall wich seiner ärztlichen Fürsorge. Er erkannte die absolute Notlage seines Freundes und packte Hägele stützend am rechten Arm. »Ganz ruhig, Bernhard, bleib ganz ruhig. Tief einatmen und wieder ausatmen. So ist es gut. Weiteratmen. Du stehst mitten auf der Straße. Lass uns ein Stück zur Seite gehen. Atmen, Bernhard, weiteratmen. Natürlich komme ich mit. Was ist denn dort oben? Hast du einen Verletzten gefunden?« Bayer hielt kurz inne. »Ich glaube, ich sollte zuerst einen Notarzt rufen. Ein Schock kann lebensgefährlich sein. Oder ist es etwas, das ... das du gesehen hast?« Hägele schüttelte heftig den Kopf. Seine langen Haare flogen ihm ins Gesicht. »Nein. Keinesfalls. Nicht jetzt«, keuchte er ohne jeden Zusammenhang. »Ich ... ich weiß es nicht, Erwin. Es ist ... es ist ein Arrangement. Es ist still. Niemand ruft um Hilfe. Es ist ... es ist einfach nur falsch. Du musst es sehen. Du als Mediziner. Sofort.« Die schiere Panik in Hägeles Augen nahm überhand. Bayer nickte kurz, wusste er doch, dass sein alter Freund kein Mann überzogen dramatischer Szenen war. Er deaktivierte den Flugmodus seines Smartphones und steckte es wieder ein. »In Ordnung. Dann los! Aber ich rufe an, sobald ich weiß㼀, womit wir es zu tun haben. Und nichts anfassen, Bernhard! Es könnte ein Tatort sein. Wir dürfen keine Spuren vernichten oder verfälschen.« Die beiden Männer eilten das kurze Stück die Straße hinauf. Schnell erreichten sie den Ort des Geschehens, das Hägele als grausig bezeichnet hatte. Das angenehme Dämmerlicht, das Bernhard Hägele Minuten zuvor noch genossen hatte, wirkte nun schwer und bedrohlich. Fast erstickend. Bayers Atem ging schneller, als sie die letzten Meter zur Mariengrotte zurücklegten. Auch auf ihn wirkte die Stille plötzlich nicht mehr beschaulich, sondern dicht und unnatürlich. Unvermittelt verschwand die Sonne hinter einer vorbeiziehenden grauen Wolke. Das Licht wurde noch diffuser. Leichter Wind kam auf. Leise raschelten die Blätter der Bäume, als wollte der Wald rauschend ein Requiem anstimmen, für das, was sie hier vorfinden würden. Abrupt blieb Hägele stehen. Er deutete mit seinem Ahornstock, den er zuvor am Fundort liegen gelassen, nun aber instinktiv an sich genommen hatte, auf das sakrale Ensemble. Auf die dunkle Nische der Mariengrotte, vor deren Schutzgitter die Plane lag, die Hägele heruntergezerrt hatte. »Dort! Zwischen den Gitterstäben!« Dr. Erwin Bayer ging näher heran. Sein Blick, geschult im Umgang mit Verletzungen aller Art und der menschlichem Anatomie, benötigte nur eine Sekunde des Erkennens. Er stieß die Luft zwischen den Zähnen aus. Ein scharfes, zischendes Geräusch. »Was um alles in der Welt ... mein Gott, Bernhard! Das sind ...« »Hände, Erwin«, flüsterte Hägele aufs Neue schockiert. »Menschliche Hände. Echte menschliche Hände. Und sieh dir den Rest an, Erwin. Die Botschaft. Sieh dir die Botschaft an. Das ... das ist bizarr.«
Bayer taumelte einen halben Schritt zurück und stieß erneut zischend die Luft aus. Sein Sachverstand als Mediziner, der sich im Alltag mit leichteren Verletzungen auseinandersetzte, war überfordert. Seine jahrzehntelange medizinische Erfahrung sagte ihm trotzdem, dass diese beiden Hände sauber und chirurgisch präzise und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit post mortem amputiert worden waren. Bei den schwärzlichen Verfärbungen an den Schnittkanten konnte es sich nur um geronnenes, altes Blut handeln. Seiner ersten Einschätzung nach mehrere Tage alt. Amputiert«, presste Bayer mit belegter Stimme hervor. »Das ist kein ... das ist keine tödliche Verletzung, Bernhard. Es ist eine Inszenierung.« Er zwang sich zur Ruhe. Die Nachbildung von Dürers »Betende Händen« war nicht länger ein zerstückelter, menschlicher Überrest. Er musste sie als das betrachten, was sie wirklich darstellten – ein schockierendes Exponat menschlicher Grausamkeit. »Bei sachgerechter Wundversorgung«, ergänzte er, »könnte der Besitzer dieser Hände durchaus noch am Leben sein.« Bernhard Hägele fühlte sich durch die nüchternen Feststellungen seines Freundes kurzzeitig etwas gefasster. Er machte einige tiefe Atemzüge. Musste sich einen Moment an der Lehne der Bank festhalten. Dann deutete er auf die weiteren Details. Seine ursprüngliche Panik wich zunehmend einer kühlen, analytischen Beurteilung der Szene. »Du hast recht, Erwin. Es ist nicht in erster Linie die Tat. Es ist die Inszenierung, die zählt.« Bayers Blick wanderte kreuz und quer über diese Zurschaustellung menschlicher Perversion. Er sah den Rosenkranz aus dunklem Holz, das kleine Kruzifix aus milchig-trüben Rosenquarz. Er, der seit Jahrzehnten jeden, wie auch immer gearteten Glauben, als vollkommen irrationalen Aberglauben abtat, spürte mit Macht, wie sich in seinem Inneren eine nicht zu unterdrückende Wut regte. »Das ganze christliche Brimborium«, murmelte er mit beißender Verachtung. »Weshalb genau diese Requisiten? Will hier jemand zeigen, dass er Gegner der Kirche ist? Das ist nicht mehr als amateurhaftes Satanismus-Theater, wie es jeder Zwölfjährige in einem B-Movie sehen kann. Diese lächerliche Farce kann doch niemand ernst nehmen.« »Nein, Erwin«, entgegnete Hägele scharf. Seine Augen glänzten fast fiebrig. »Nein und nochmals nein! Sieh genau hin. Das ist viel zu präzise, als dass es Theater sein könnte. Zu kontradiktorisch!« Er deutete auf das Pergament zwischen den Fingern der Hände. Bayer beugte sich vor. Er achtete peinlich genau darauf, die Blutspuren nicht zu berühren. Hägeles Übersetzung brauchte er nicht, er beherrschte das alte Koiné-Griechisch ebenso gut wie dieser. »Tage der Rache. Dass alles erfüllt wird, was geschrieben steht.« Er spuckte die Worte aus dem Evangelium des Mannes, der mehrfach als Lügner bezeichnet wurde, förmlich aus. Bayer, der glühende Anti-Theist. Bayer, ein Mann, der nicht nur Gott ablehnte, sondern die Religion als Ganzes für schädlich und in weiten Teilen für gefährlich hielt. Bayer, ein Mensch, der sich aktiv für die Abschaffung der Religionsfreiheit einsetzte, kannte die gewaltige Macht religiöser Texte als kulturelle Waffe. »Lukas-Evangelium«, giftete er, »die Apokalypse. Rache. Das ist der Ruf des Eiferers, Bernhard. Das ist nicht der Spott des Amateurs. Wer das hier inszeniert hat, ist ein Mensch, der die christliche Eschatologie nicht nur kennt, sondern sie ernst nimmt und pervertiert.« Er zuckte zusammen, als sein Blick auf das kopfstehende, vergoldete Kreuz fiel. »Und das hier?« fragte Hägele abwartend und zeigte auf eben jenes Kreuz. »Der rote Stein. Das Pentagramm. Schutzzeichen und satanisches Symbol zugleich?« Bayer presste die Lippen zusammen. Als Naturwissenschaftler, als Mann der reinen Vernunft im Sinne Kants, verabscheute er das symbolische, irrationale Denken der Theologie. Dennoch erkannte er sofort die rhetorische Wucht dieser Kombination: Die betenden Hände Dürers. Die Intensität der Worte aus dem Lukas-Evangelium und über allem das doppeldeutige Pentagramm. »Erwin, ich bitte dich!« forderte Hägele leise, »das hier ist keine Provokation, die sich gegen die Kirche richtet.« Seine Stimme hatte einen dozierenden Unterton angenommen. »Es ist eine Kriegserklärung, die sich aus der Kirche heraus erhebt. Jemand benutzt die Sprache der Religion, um ihre Harmonie zu brechen. Den Keim des Bösen zu etablieren, der in jeder Dogmatik steckt, um seine Tat zu legitimieren.«
