Unter der Zypresse - Ursel Schmid - E-Book

Unter der Zypresse E-Book

Ursel Schmid

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Beschreibung

Die Kraft der Natur – ein Weg aus der Krise Jan ist innerlich leer und zweifelt an sich. In der Ehe ist ebenso Stillstand eingetreten wie in seiner Kreativität als Künstler. Auf der Suche nach dem Sinn seines Lebens reist er zu Freunden nach Südfrankreich. In der Einsamkeit der Berge findet er Ruhe, verschüttete Bilder dringen an die Oberfläche und lassen ihn das Glück des Daseins wieder spüren. Der Griff zum Pinsel und eine neue Seelenverwandte verändern alles. Jan muss sich entscheiden. Zwischen der Verantwortung gegenüber der Familie und dem Wunsch nach Selbstverwirklichung. Seinem alten Leben an der Schwalm oder neuen Wegen zwischen Meer und Bergen.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Danksagung
Über die Autorin

 

Ursel Schmid

Unter der Zypresse

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

1. Auflage, Februar 2025

Texte: © 2025 Ursel Schmid, alle Rechte vorbehalten

Umschlag: © Silke Herr, www.frauherrausr.de

Coverschrift: brush-tip Terrence Regular

Überschriften innen: Canvas Script

Kapiteltrenner: Julien Eichinger / AdobeStock

 

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

 

Verantwortlich für den Inhalt: Ursel Schmid

Dorotheenstraße 137

53111 Bonn

[email protected]

Lektorat: Lektorat Fernweh - Stephanie Vifian

Korrektorat, Buchsatz: Autorenträume

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Teil I

 

1

 

Ein leises Grollen bahnte sich den Weg aus meiner Kehle, die Leinwand starrte mich fordernd an. Ich hasste diese Erwartungen. Auf der Stirn sammelten sich Schweißperlen. Die kleine Narbe an der Ober-lippe puckerte, wie jedes Mal, wenn das Wetter wechselte. Ich verzog den Mund. Reiß dich zusammen, Jan. Vehement schnellte mein Arm hoch, ich pinnte voll Zorn eine schwungvolle Kontur auf das blanke Weiß. Die Vision von Farbe, Licht und Schatten trog mich, sie oszillierte vor meinen Augen, eine Fata Morgana. Der Arm sank wie ein entleerter Luft-ballon herab. Das Grollen schwoll zu einem lauten Schrei an und drängte aus meinem Mund, war nicht zu bändigen. Ein Haufen wildgewordener Lemuren schien sich durch mein Gehirn zu winden. Ich senkte den Kopf, wischte mir eine Haarsträhne aus der Stirn und setzte mich auf den Hocker. Das sanfte Mailicht leuchtete durch die ausladenden Atelier-fenster und fiel auf die Leinwand und die weiß gekälkte Wand. Ich nahm einen tiefen Atemzug, stand auf und öffnete die Terrassentür zum Garten.

Das Licht lockte mich, herauszutreten. Ich schaute auf Blumen und den dahinter liegenden Obstgarten. Ich liebte diese stille Natur. Der Garten bot mir neben der Kunst ein weiteres Gebiet für Gestaltung und Entspannung. Ich beackerte mit Inbrunst das Terrain, über die Jahre hatte ich eine Oase mit dem Flair eines südfranzösischen Landhauses erschaffen. Am Ende des Areals stand das kleine Gartenhaus im Stil eines Schwedenhauses, das die Kinder nach wie vor gerne als Rückzugsort gebrauchten. Die Nachbarskatze genoss die Wärme auf dem Dach und sonnte sich. Sie erinnerte mich an eine schmelzende Vanilleeiskugel.

»Hallo, Michou«, begrüßte ich sie. Wohlig rollte sie sich hin und her und streckte ihre Pfoten.

Zurzeit kämpften sich Hyazinthen und Krokusse munter durch die Erde an die Sonne. Die Luft und der Duft von Wiese kitzelten mich in der Nase und animierten dazu, an das Ende des Geländes zu spazieren. Unter den Sohlen gab mir die Weichheit des feuchten Bodens das Gefühl des Schwebens. Ein Bauer aus dem Dorf hielt auf der Weide hinter dem Garten Ziegen. Ich liebte es, meine Arbeit zu unterbrechen und mich zu den Tieren zu gesellen. Wie üblich nahm ich auf einem alten Baumstumpf Platz und betrachtete die vier durch den Maschen-drahtzaun. Sie kamen angesprungen und schauten aufmerksam. Eine braun-weiß-gescheckte, dralle Ziege stupste fordernd ihre Nase durch den Zaun.

»Na, Miss Molly«, ich streichelte ihr über die Stirn, »du weißt, dass ich Leckerli dabeihabe.« Schmunzelnd zog ich eines der Pellets aus meiner Jeanstasche. Ich hatte sie extra für die Ziegen gekauft und trug immer einen kleinen Vorrat bei mir.

»Hallo, Herr Professor.«

Der grauschwarze Ziegenbock schob Miss Molly entschieden zur Seite und streckte seine Zunge in meine Richtung. Ich lachte amüsiert, der Krampf in der Stirn gab nach. Diese hagere Ziege weckte Erinnerungen an meinen alten Grundschullehrer. Mit Nickelbrille und einem kantigen Gesicht erzog er uns Kinder auf Vlieland energisch. Ich nahm den scharfen Ziegengeruch wahr, ähnlich der Ausdüns-tung seines grauen Pullovers, wenn er sich über mich und das Aufgabenheft beugte, und kräuselte die Nase. Aus seinem Mund strömte der sauer-bittere Hauch von Kaffee gemischt mit Zigaretten-rauch. Ich hielt die Hand vor das Gesicht. Wie Tiere einen in ihren charakteristischen Eigenarten an Menschen erinnerten.

Langsam kehrte Ruhe in mir ein, ich streckte die Beine aus. Das Grollen zog sich in die inneren Darmwindungen zurück.

Gut, dass Maya und die Nachbarn auf der Arbeit sind, keine Zeugen für meine Verzweiflung. Und die Kinder sind in der Schule.

Fiona und Dominik! Ich zuckte zusammen und schaute aufs Handy. Mist, halb zwei. Gleich würden sie hungrig einfallen. Dringend Zeit, das späte Mittagessen vorzubereiten. Ich sprang auf. Am liebsten hätte ich mich auf den Ledersessel gefläzt, die Beine auf den Couchtisch gelegt, mir am helllichten Tag einen süffigen Skeriman-Rotwein einverleibt. Keine Chance.

Eilig kehrte ich zur unbarmherzigen Leinwand im Atelier zurück, drehte sie zur Wand, wusch die Pinsel aus und säuberte am alten Emaillewaschbecken Gesicht und Hände. Der altertümliche Wasserhahn spendete spärlich Wasser. Meine Lider waren schwer. Ich fuhr durch die leicht struppigen Haarsträhnen. Seit ich zunehmend graue Haare bekam, waren sie nicht mehr so lockig. Wenigstens waren welche auf dem Kopf. Brummend eilte ich vom Atelier ins Haupthaus.

 

In der Küche erwartete mich der Geruch von abge-standener Linsensuppe. Ich rümpfte die Nase und öffnete das Fenster, schnitt lustlos Zwiebeln und Knoblauch klein und briet sie an. Ich kochte alles mit einem Schuss Martini Bianco auf, schüttete passierte Tomaten hinein und würzte das Ganze. Eine Handvoll Basilikum aus dem Hochbeet dazu … Ich war zufrieden. Selbst den verwöhnten Kindern schmeckten diese Spaghetti.

Kinder … sie waren Teenager.

Vlieland, ich als kleiner Junge. Wie froh ich war, der Begrenztheit der Insel entflohen zu sein. Ich vermisste meine Heimat dennoch zutiefst. Vor allem das Meer, in seinen Schattierungen, der Bewegung, den Stimmungen, die das tosende Wasser in mir hervorrief. Schon als Kind liebte ich es, mit Farbe zu hantieren und meine Beobachtungen auf Papier zu bändigen. Zunächst unbeholfen mit Skizzen, nach der Schule auf dem Malblock, später auf Leinwand. Ich tobte mich mit Materialien aus: Acryl, Öl, was das Taschengeldbudget oder geschenkte Zuwendun-gen hergaben. Meine Eltern betrachteten das Hobby skeptisch. Sie sorgten sich, dass es mich von den wesentlichen Aufgaben abhielt: einen anständigen Schulabschluss schaffen, im Familienbetrieb eine Lehre absolvieren, eine Hotel-Fachausbildung zu Ende bringen und später das elterliche Hotel übernehmen. Ich gab nicht nach, hatte jede freie Minute ins Malen gesteckt und war trotzdem allen Pflichten nachgekommen. Mit siebzehn verkaufte ich erfolgreich Landschaftsbilder an die Sommer-touristen und besserte mein Taschengeld auf.

Ich leckte mir über den Mund und fuhr an der Kontur der Narbe oberhalb der Lippe entlang. Das Relikt von einem Fahrradunfall. Meine Freunde und ich waren im Überschwang frühlingshafter Gefühle auf der Straße zum Posthuys gerast, ich übersah einen Stein, das Rad überschlug sich. Glück im Unglück, dass ich keine gravierendere Verletzung davontrug. Diese Narbe begleitete mich mein Leben lang. Sie gehörte zu mir wie die graublauen Augen und die schlanke Statur. Wobei, wenn ich nicht aufpasste, veränderte die Lust auf genüssliches Essen dies auf Dauer. Ich grinste und rieb mir den Bauch.

2

 

Die Tür flog auf, die Kinder stürmten herein.

»Hi, Paps.« Dominik schaute kurz von seinem Handy auf, schmiss den Rucksack in die Ecke und fragte: »Was gibt’s zu essen?«

Fiona lief, auf ihr Smartphone starrend, grußlos an mir vorbei und setzte sich an den Tisch. Ihre dunklen, schulterlangen Haare fielen ihr ins Gesicht und verdeckten es. Sie überschlug die Beine und tippte eine Nachricht in das Gerät. Dabei bewegte sie nervös ihre Füße, aus den Augenwinkeln sah ich das Hin- und Herwippen ihrer roten Chucks.

»Hallo, Fiona.« Ich lächelte sie herausfordernd an, bis sie den Blick hob.

»Geht’s euch beiden gut, war’s okay in der Schule?«

»Ach Paps, ständig die gleichen blöden Fragen, du nervst. Immer dieselbe alte Leier.«

Ich ignorierte Dominiks mauligen Unterton.

»Sag, was gibt’s?« Er lief zum Herd und schaute in den köchelnden Topf.

»Wieder Spaghetti!« Er schnupperte. »Riecht lecker. Ich hab Hunger wie ein Ork.« Er holte Parmesan aus dem Kühlschrank. »Ich muss gleich zum Fußballtraining, fährst du mich?«

Ich schaute unwillig hoch. »Du kannst mit dem Rad fahren, das ist eine Viertelstunde!«

»Ach komm, Paps, ich muss mich eh nachher genug bewegen.«

Fiona hob amüsiert den Blick. »Paps lässt sich garantiert wieder von dir um den Finger wickeln, Nicki. Obwohl, etwas Arbeit an deinen Speckringen würde dir guttun.« Sie lachte ihn frech an und verschwand blitzschnell auf der Toilette.

Ich betrachtete den durchtrainierten Körperbau meines Sohnes und erinnerte mich an seine kindlich-rundliche Figur vor nicht allzu langer Zeit. Das Weiche, ansatzweise Speckige hatte Dominik im letzten Jahr abgelegt. Ich sah keinen Rettungsring, Fionas Bruder war schlank und kräftig zugleich. Mit seinen braunen, kurzen Haaren und den kecken karamellfarbenen Augen hinter der modernen Brille war er ein Teenager, den die Mädels gerne anschauten. Ich ordnete Fionas Aussage als Neckerei unter Geschwistern ein.

Ich seufzte, goss die Nudeln ab und füllte die tiefen weißen Teller. Wie hungrig ich war. Seit dem frühen Morgen nach dem Schmieren der Brote für die Kids war nichts mehr in den Magen gekommen.

Fiona kam zurück, wir setzten uns an den Tisch und aßen schweigend. Ich betrachtete ihre jungen Gesichter. Meine Tochter schaute wie meistens konzentriert und strich sich eine Strähne aus der Stirn. Sie hob den Blick und sah mich fragend an.

»Was ist mit Hausaufgaben, Nick? Fiona, brauchst du Unterstützung für deine Abi-Klausuren? Braucht ihr mich?«

Beide verneinten mit den Köpfen.

»Okay, falls ihr eure Meinung ändert, sagt Bescheid. Und versinkt nicht in den Social Media.«

»Klar, Paps, wie üblich.« Sie vertieften sich in ihre Geräte.

Handy wegnehmen? Keine Chance, sie würden mir eh den Vogel zeigen. Dominik war siebzehn, Fiona stand kurz vor dem Abitur. Sie war ehrgeizig, arbeitete hart, um einen herausragenden Abschluss zu erlangen. Einige Tage zuvor hatte sie unter Bauchkrämpfen gelitten. Ich hoffte, das lag an ihrer schnellen Art zu essen und legte sich nach dem Abitur. Ob sie sich dann entspannte?

Ich schaute aus dem Fenster, prüfte den Wetter-stand auf der App und beschloss, mit meinem Stand-up-Paddleboard an den See zu fahren. Dominik war heute zum Radeln verdammt. Über viel Zeit verfügte ich nicht, eine kleine Runde. Etwas körperliche Betätigung und frische Luft gegen die innere Leere schienen das Richtige zu sein.

 

Nachdem wir gemeinsam den Tisch aufgeräumt und das Geschirr gespült hatten, verzogen sich die Kids in ihre Zimmer. Ich brühte mir einen Espresso und holte den Rucksack mit Brett und Utensilien sowie den Thermoanzug aus dem Schuppen. Im Mai war das Wasser kalt, ich verspürte keine Lust, mir eine Verkühlung einzuhandeln.

Ich packte das Brett in den Volvo und rollte über den knirschenden Kies auf die Dorfstraße. Am frühen Nachmittag war das Dorf verhältnismäßig leer. Auf der Landstraße preschte ein Alfa Romeo mit Düsseldorfer Kennzeichen heran, das typische Logo waberte wie eine aufgeregte Hornisse. Im Rückspiegel sah ich eine Frau mit alterndem Puppengesicht. Sie schob sich mit der Stoßstange dicht an mein Heck. Sie starrte konzentriert, geschürzte Lippen unterstrichen den herausfor-dernden Blick. Als wolle sie alle von der Straße fegen, fuhr sie dicht auf und zeigte keinerlei Anstalten, Sicherheitsabstand zu halten. Ein Sakrileg, eine persönliche Beleidigung, dass jemand vor ihr so langsam war, ihr Unmut war körperlich durch zwei Karosserien hindurch spürbar.

Ungerührt von ihrem genervten Gesichtsausdruck stellte ich mir vor, wie sie mit rotlackierten Fingernägeln auf das Lenkrad klopfte. Konzentriert richtete ich den Blick nach vorne, um das Zucken in den eigenen Fingern auszublenden. Die Zornesfalte über der Nase grub sich tief in meine Stirn.

Ein riesiger Trecker schob sich von rechts vor uns auf die Straße und bremste mich aus. Die schlecht gelaunte Frau hinter mir schlingerte kurz und hupte empört.

Das Übliche auf dem Land: Landwirtschafts-fahrzeuge hatten »eingebaute Vorfahrt«.

Ich kniff die Augen zusammen und war er-leichtert, nach kurzer Fahrt in den Weg zum See einzubiegen. Die Alfa-Fahrerin überholte in hals-brecherischem Tempo den Traktor.

Ich parkte am Parkplatz am See. Zeit für meine Auszeit. Ich zog die Thermoklamotten an, pulte das Equipment aus dem Auto, trabte zum Ufer und pumpte das Brett auf. Glücklich steckte ich die Füße ins Wasser, setzte das Board auf die Oberfläche, kniete mich darauf und stakte vorsichtig los. Langsam stand ich auf, balancierte den Körper aus, richtete den Blick nach vorne und versuchte, innere Ruhe zu finden. Meine Gereiztheit spiegelte sich im Gewackel auf dem Gewässer wider. Mit zunehmen-dem Vorwärtskommen merkte ich, dass der Dämon sich schlafen legte, die Zufriedenheit über das Paddeln in die Muskeln eindrang und die Horde wilder Äffchen im Kopf sich besänftigte. Konzen-triert betrachtete ich das Gewässer und schaute auf das Ufer.

Langsam glitt ich weiter. Das Bild im Atelier drängte sich ins Gehirn und forderte mich heraus. Was wollte ich ausdrücken? Welcher Impuls lag mir auf der Seele? Eine Form rang darum, Gestalt zu finden. Die Leere in mir entwickelte einen Sog der Tiefe, als ob Lianen meine Füße aus dem schwarzen, stillen See heraus verschlingen wollten.

Ich stieß mit dem Paddel in das träge Gewässer und verscheuchte die Geister. Die grauen, schreien-den Gesichter versanken, eine fressende Unduldsam-keit blieb. Es war dringend an der Zeit, dieser Stimmung zu Leibe zu rücken und die Ursache für die innere Leere zu ergründen.

Ich wendete, forderte meine Muskeln für den beschwerlichen Rückweg zum Volvo. In der seichten Bucht stieg ich vom Board und packte die Ausrüstung ins Auto. Zwei Stunden nach Aufbruch war ich zurück. Zeit zum Aufräumen und Vorbe-reiten des Kartoffelgratins mit Hühnerbrüsten für das Abendessen. Mayas Ankündigung, nicht allzu spät vom Büro nach Hause zu kommen, saß mir im Nacken. Sie liebte Gratin, ich schnippelte ihr zuliebe einen Haufen Kartoffeln und schichtete sie mit geriebenem Knoblauch, Salz und Pfeffer sowie Sahne und Parmesan in eine Form. Diese monotone Tätig-keit beruhigte meine Nerven, der warme Duft kroch langsam aus dem Ofen, ich setzte mich zufrieden mit einem Glas Rotwein an den Küchentisch.

3

 

Die Haustür krachte ins Schloss, Mayas Pumps tackerten über die Fliesen. Ein Blick auf die große weiße Küchenuhr, sieben Uhr. Ihre Aktentasche plumpste auf den Boden, dann erstarben die Geräusche. Die Hauspuschen … 

Sie kam in die Küche und drückte mir einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. In ihrem Businessanzug, mit den zurückgekämmten dunklen Haaren, wirkte sie in den Puschen wie der leibhaftige Widerspruch.

Ich grinste sie an.

»Das riecht lecker, ist das Gratin?«

Ich bejahte und prostete ihr zu. »Wie war dein Tag? War’s stressig? Was macht die neue Werbekam-pagne, bekommt ihr das zweite Budget bewilligt?«

Sie legte ihr Handy aus der Hand auf den Holztisch, warf einen schnellen Blick aufs Display. »Alles soweit okay, scheint so, als erhalten wir es. Das wird viel Arbeit.« Sie schaute kurz auf. Ihre blauen Augen hatten einen konzentrierten Ausdruck, den ich kannte. So schaute sie immer, wenn sie in Gedanken woanders war.

»Ich geh auf Dienstreise, übermorgen geht’s los, von Donnerstag bis Samstag, sie hängen eine Fortbildung mit Teammeeting dran.« Sie hob erneut kurz den Blick. »Behalt die Kinder im Auge, bitte. Ich muss da hin, das ist wichtig für meine Karriere, wenn ich performe, bekomme ich vielleicht eine Senior-Partnerschaft angeboten.«

Ich starrte sie an. »Klar, du kannst dich wie üblich auf mich verlassen. Die Kinder brauchen mich allerdings wenig, so groß wie sie sind.«

Irritiert schaute sie auf und versenkte sofort die Augen auf ihr Handy. »Das stimmt, aber es ist wichtig, dass jemand da ist, sollte es kompliziert werden, und sie zählen auf dich. So wie ich.« Sie stand auf und ergriff das von mir nachgefüllte Weinglas. »Prost, danke fürs Kochen.« Sie öffnete den Mund und brüllte: »Fiona, Dominik, los, Essen ist fertig, schwingt eure Hintern nach unten.«

Oben polterten Schritte, der Stimme ihrer Mutter hatten sie gelernt, zu folgen. Langsam kamen die beiden herunter.

Ich holte eine Pfanne aus dem Schrank und briet die Hühnerfilets an. Mechanisch verteilte ich Salat und Gratin auf den Tellern und legte die fertigen Filets dazu.

Alle drei saßen mit dem Kopf über ihre Geräte geneigt vor dem Essen.

Ein kurzer Impuls, auszuflippen, entwich meinem Herzen. Dann ließ ich resigniert die Schultern fallen und schaufelte das Gratin in mich hinein. Es schmeckte vorzüglich. Ich war zufrieden mit meiner »Arbeit«, obwohl niemand davon Notiz nahm.

Ich hob eine Hand, strich Maya über die Wange und gab ihr einen Kuss. »Auf einen schönen Abend, wenn du übermorgen weg bist.«

Sie schaute erstaunt hoch, hob ihr Glas und trank einen Schluck. »Klar, Prost, ist lecker, dein Essen.«

Ich ließ langsam Atem entweichen. Ob es eine Chance für einen entspannten Abend gab?

Nach dem Abendessen hechteten die Kinder sofort in ihre Zimmer. Wir nahmen unsere Gläser und wechselten ins Wohnzimmer. Trotz der hohen Decke wirkte der große Raum am Abend gemütlich. Wir hatten Wert darauf gelegt, mit Lampen angenehme Lichtakzente zu setzen. Ich hasste sterile, kalte Ausstattung, in der ich mir wie im Designhotel vorkam. Ich setzte mich neben Maya auf die cognacfarbene Ledercouch. Sie löste ihre strenge Frisur und schüttelte die Haare, bis sie locker auf die Schultern fielen. Ich umfasste ihre Taille und drückte den Kopf in ihre Strähnen. Der Duft ihres Parfums zog mir in die Nase und rief Erinnerungen an unser Kennenlernen hervor. »Calèche« von Hermès, eine zeitlos-elegante Note, die mich von Anfang an ebenso betörte wie die junge Frau, die sie trug.

Die Sehnsucht nach ihrer weichen Umarmung und einem liebevollen Kuss wuchs ins Unermessliche. Ich strich ihr über den Rücken, doch sie erstarrte unter meinen Fingern.

Sie hob die Beine und winkelte die Knie an, sie nötigte mich so, abzurücken. Dann bändigte sie vehement die Haare mit einem Haarband, das vom Vorabend auf dem gläsernen Couchtisch lag. Aus dem Augenwinkel sah ich die Glasränder vom Vortag.

»Was treibst du den ganzen Tag?« Heraus-fordernd sah sie mich an. »Was macht die Muse, küsst sie dich ausreichend?«

Dieser Gesichtsausdruck. Mein Gesicht glühte, das Herz schlug Kapriolen im Brustkorb. Zu oft warf sie mir vor, ich sei ein fauler Hund, ich tauge zu nichts, wenn sie überlastet aus dem Büro heimkam. Ihre Augen sprühten dann vor Verachtung, sie gab ihren Lieblingsspruch von sich: »Ich schaffe hier Geld heran, und du vertust Zeit vor deiner dämlichen Leinwand!«

All die Stunden, die ich in Supermärkten, beim Kochen und Waschen, Hausaufgabenbetreuen, im Garten, bei der Verwaltung unseres Besitzes und Zuhören ihrer Vorträge über den Mist im Büro verbrachte, zählten in ihren Augen dann nichts mehr. Waren wie ausgeblendet in ihrem Gehirn. Wann hatte sie so komplett den Respekt vor mir und meiner Leistung verloren?

Der Künstler in mir war nie groß herausge-kommen. Ich hatte einige Erfolge im kleineren Umfang vorzuweisen, berühmt würde ich eher nicht werden. Wir hatten uns, sobald das erste Kind kam, gemeinsam darauf verständigt, dass sie den besseren Job besaß und ich mich um die »Aufzucht« kümmerte. Niemals hätte ich vorhergesehen, wie schwer das werden würde.

Ich zog die Hand zurück und legte den Kopf auf die Couchlehne. Die Stimmung war angespannt wie im Theater, kurz bevor der Vorhang sich hebt. Mein Toleranzkontingent für den Tag war aufgebraucht.

»Ich arbeite«, der gedehnte Unterton war nicht zu überhören, »du kannst manchmal ein Arsch sein, meine liebe Maya. Und danke der Nachfrage, mit Küssen der Muse bin ich ausreichend ausgestattet, keine Sorge.«

Sie griff zu ihrem Handy und rief eine App auf. »Na, dann ist alles gut!« Der Ton war scharf.

Ich stand auf.

»Ich bin müde, ich geh rauf und lese. Du musst morgen früh raus. Schlaf nachher gut.«

Mit zusammengekniffenen Lippen stieg ich die Treppe hinauf, putzte mir die Zähne und legte mich innerlich murrend in die Satinbettwäsche. Anderer Stoff kam meiner verwöhnten Ehefrau nicht mehr an die Haut, die Zeiten normaler Baumwollbettwäsche waren seit Jahren vorbei. Ich biss vehement den Kiefer zusammen.


»Denk dran, morgen genug Getränke zu kaufen, die sind, glaube ich, alle!« rief sie mir nach.

Ich brummte. »Klar«, meine Stimme schwoll an, »wird erledigt!« Das »Chef« murmelte ich in die Kissen. Die Lust zu lesen verging, der Wein verpasste mir eine angenehme Bettschwere. Ich atmete noch einige Male zornig ein.

 

Ich lief durch eine unbekannte, dunkle Landschaft, setzte einen Fuß nach vorne, die Welt um mich war vier Schritte weiter. Menschen in meiner Nähe bewegten sich in Zeitlupe. Erstaunt betrachtete ich die Figuren in diesem Spiel und verweilte nach-denklich in der Kulisse. Was geschah hier mit mir? In der Ferne sah ich Maya. Sie wirkte abgelenkt und nahm mich nicht wahr.

Wo standen wir nach so vielen gemeinsamen Jahren? Wir jonglierten mit Zitronen und hatten verlernt, den Saft aus den Früchten zu pressen. Im Dschungel des Lebens hatten wir uns im Laufe der Zeit aus den Augen verloren. Zudem waren mir einige andere Gefährten abhandengekommen.

---ENDE DER LESEPROBE---