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›Es gibt kein Halten mehr, wenn man einen Berg hinabstürzt, nichts, um sich festzuklammern. Man traut sich nicht mal, den Blickwinkel zu ändern, sondern starrt gebannt in die Tiefe.‹ Kristof Driesen wird nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft in der Bochumer Altstadt erschossen. Gibt es einen Zusammenhang mit seinen Überfällen? Oder dem heftigen Streit in der Familie? Hauptkommissar Kramer erhofft sich Unterstützung bei Marie Marler, die als Bewährungshelferin Kristofs Freunde betreut. Sie erfährt von einem zurückliegenden Missbrauch.
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Veröffentlichungsjahr: 2018
Das Buch: »Es gibt kein Halten mehr, wenn man einen Berg hinabstürzt, nichts, um sich festzuklammern. Man traut sich nicht mal, den Blickwinkel zu ändern, sondern starrt gebannt in die Tiefe.« Kristof Driesen wird nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft in der Bochumer Altstadt erschossen. Gibt es einen Zusammenhang mit seinen Überfällen? Oder dem heftigen Streit in der Familie? Hauptkommissar Kramer erhofft sich Unterstützung bei Marie Marler, die als Bewährungshelferin Kristofs Freunde betreut. Sie erfährt von einem zurückliegenden Missbrauch.
Der Autor: Peter Märkert ist in Bochum aufgewachsen und wohnt auch dort. Er studierte Informatik und Sozialwesen und arbeitete als Taxifahrer, als Sozialarbeiter im Vollzug und als Bewährungshelfer. Die Erfahrungen aus dem Milieu verarbeitet er in seinen Justizkrimis, die im Ruhrgebiet zwischen JVA, Drogen, Mord spielen und in denen er den Hintergründen von Schuld und Sühne nachspürt.
Diese Publikation ist in der Nationalbibliothek verzeichnet; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet abrufbar.
Die Personen und Handlungen in dem Justizkrimi sind inspiriert von wahren Begebenheiten. Sie wurden jedoch so verändert, dass eine Rückführbarkeit zu einer Person oder einem wahren Geschehen nicht möglich ist.
- alle Rechte liegen beim Autor -
© 2018 by Peter Märkert
© 2. Auflage 2024 by Peter Märkert
Dürerstraße 62
D-44795 Bochum
Telefon: 023498031336
Online: petermaerkert.de
eMail: [email protected]
Coverfotografie: Aylin Reckermann
Covergestaltung: Jen Maerkert
Autorenfotografie: Ulf Peter Quooß
Herstellung und Verlag:
BoD- Books on Demand, Norderstedt
ISBN: 978-3-7504-7042-2
eBook via tolino-media
Für Isa
»Wir leben in einem System, in dem man Rad sein muss, oder unter die Räder gerät.«
Friedrich Nietzsche
Das Glück trägt häufig den Mantel des Unglücks. Während des Abendessens erinnert er sich an das Sprichwort seines Vaters. Warum schenkt ihm Onkel Wolfgang das Handy zum zwölften Geburtstag? Hätte Vater nicht damit vorbeikommen können? Ein ganzes Jahr hat er ihn nicht gesehen. Er mag den Onkel nicht, der immer so nah an ihn heranrückt, dass ihm allein vom Mundgeruch schlecht wird. Mutter sieht ihn an, als ließe sich Dankbarkeit mit einem Blick befehlen: Los, nimm deinen Onkel in den Arm, mach schon! Ob er will oder nicht, er kann sich nicht gegen sie wehren. Er stellt sich die neidischen Blicke der Mitschüler vor, wenn er ihnen das Handy zeigt, und überwindet sich. Eine schnelle Umarmung und zurück auf den Stuhl.
Der Onkel schüttet mit fleischigen Händen Bier und Schnaps in sich hinein. Glasige Augen starren ihn an, die Stimme schwärmt von seiner Figur und fragt, ob er sich für Mädchen interessiert. Er schämt sich, überlegt, auf sein Zimmer zu gehen, doch fürchtet die Reaktion seiner Mutter. Sie betont bei jeder Gelegenheit, wie wichtig es ist, sich mit dem Onkel gut zu stellen, weil der so großzügig ist.
Mit einem gekünstelten Lächeln lässt er sich auf das Gespräch ein, schwärmt von einer Mitschülerin, die mit den Jungen in der Klasse Fußball spielt und sich sogar für Ballerspiele interessiert. An den Stirnfalten seiner Mutter erkennt er, dass ihr die Geschichte nicht gefällt. Schon schimpft sie, dass er auf Vater herauskommt, der nur an seine Interessen gedacht hat, nicht an die Kinder, nicht einmal an ihren Geburtstagen. Immer die gleiche Aufregung, wenn sie zu viel Wein getrunken hat. Sie könne die große Wohnung nicht halten, ihm kein Taschengeld geben. Vaters Unterhalt reiche vorne und hinten nicht, obwohl er in Afghanistan ein Vermögen verdiene. Soll er ihn verteidigen oder sich auf sein Zimmer zurückziehen? Er sagt kein Wort und hofft, dass ihr Anfall vorübergeht. Schon wegen des kleinen Bruders, der ihn mit panischem Blick vom anderen Ende des Tisches ansieht.
Die fleischigen Hände kramen im Portemonnaie, fingern Geldstücke heraus. Wieder muss er sich bedanken, den Onkel umarmen, der ihn drückt, als wolle er ihn nicht mehr loslassen. Er ekelt sich vor dem Geruch nach Alkohol und Schweiß, will weg, nur weg. Mutter lacht über seinen gequälten Gesichtsausdruck. Er reißt sich los, sieht, wie sein kleiner Bruder aufsteht, um ihm zu folgen, doch von Mutter zurückgehalten wird.
Für den Geburtstag hat er sein Zimmer aufgeräumt, seine Sachen im Schrank verstaut. Hätte ja sein können, dass Vater auftaucht. Ob er noch daran denkt, wie sie auf dem Spielplatz tobten? Auf der Schaukel, am Drehkreuz. Welchen Spaß sie auf der Rutsche im Freizeitpark Lago hatten. Er denkt immer daran und würde so gerne die Zeit zurückdrehen. Mutter sagt, er müsse sich mit der Situation abfinden, dabei hat er den Eindruck, dass sie sich selbst damit nicht abgefunden hat.
Er hört, wie sie den kleinen Bruder ins Bett bringt. Erst gehen sie ins Bad, dann ins Kinderzimmer. Sie wird ihm vorlesen, bis er eingeschlafen ist, um zu verhindern, dass er zu ihm kommt. Nach zwanzig Minuten hört er, wie sie vorsichtig die Tür schließt. Soll er nachsehen, ob sein Bruder schläft? Er lauscht in den Flur hinein. Aufgeregte Stimmen dringen aus dem Wohnzimmer. Onkel Wolfgang verteidigt ihn vor seiner Mutter. Er will das nicht, der soll sich nicht für ihn einsetzen. Er holt das Handy aus der Verpackung, dreht es in den Händen und überlegt, es wortlos zurückzugeben, doch kann sich nicht überwinden. Stattdessen zieht er die Folie vom Bildschirm, schließt es an das Ladegerät an. Dann legt er sich aufs Bett und schaltet den kleinen Fernseher ein, den Vater ihm schenkte, als die Welt noch in Ordnung war.
In der Nacht sieht er sich an der Haustür, während sein Vater zu der fremden Frau in den Jeep steigt, der Wagen sich in Bewegung setzt, immer kleiner wird und im Nichts verschwindet. Er wartet auf die Rückkehr, spürt gleichzeitig, dass es sinnlos ist. Er wacht schweißgebadet auf.
Wolfgang kommt ins Zimmer, legt sich wie selbstverständlich zu ihm aufs Bett. Er dreht sich zur Wand, der Onkel rückt näher an ihn heran, er spürt den Bauch an seinem Rücken. Das ist noch nie passiert. Er ist völlig panisch. Warum ist Wolfgang nicht auf der Couch im Wohnzimmer geblieben, die Mutter immer für ihn bezieht? Er stellt sich schlafend. Hoffentlich bemerkt sein Onkel den Irrtum und verschwindet wieder. Oder soll er ihn schlafen lassen und selbst auf die Couch ausweichen?
Hände berühren seinen Rücken, streichen über die Haut, tasten sich nach vorne zu den Brustwarzen. Hätte er sich bloß ein T-Shirt angezogen. Die Hände gleiten abwärts. Über den Bauch unter seine Shorts. Er kann nicht glauben, was da passiert, fühlt sich lebendig begraben, zwei Meter unter der Erde. Mit Onkel Wolfgang. Kein Mensch kann ihn hören, kein Laut dringt nach außen. Sein Herz rast, er wünschte zu sterben. Er hört den Onkel stöhnen, liegt mit dem Gesicht zur Wand, die Augen geschlossen, wie tot.
Wolfgang versucht, ihm einzureden, dass er ihn dazu verleitet hat durch sein ständiges In-den-Arm-nehmen. Ist das wahr? Ist es wirklich wahr? Nein! Mutter wollte es, er nicht. Warum hat er das Handy nicht zurückgegeben? Warum ist er nicht gleich aufgesprungen, als der Onkel sich zu ihm ins Bett legte? Warum hat er es sich gefallen lassen? Die Fragen kreisen in seinem Kopf, nachdem Wolfgang das Zimmer längst verlassen hat. Bis zum Morgen liegt er wach, unfähig, sich zu bewegen. Sein Onkel hat ihm verboten, darüber zu reden. Es ginge nur sie beiden etwas an, sei ihr Geheimnis. Andere würden es nicht verstehen. Er entdeckt fünfzig Euro auf dem Schreibtisch. Meint Wolfgang, ihn dafür bezahlen zu können? Er möchte den Geldschein vernichten, das Handy, den Geburtstag, alles, was ihn an die Nacht erinnert. Er springt aus dem Bett, wundert sich, dass es so leicht ist, als wäre nichts passiert. Dabei würde er sich am liebsten auf den Boden werfen und schreien. Er zieht sich an, um es seiner Mutter zu sagen, läuft in die Küche. Der Blick verrät ihre schlechte Laune. Sie wird ihm die Schuld geben oder die ganze Sache ins Lächerliche ziehen. Nein, soweit darf er es nicht kommen lassen. Er schämt sich zu Tode, schenkt ihr den Fünfziger, um ihre Stimmung zu heben. »Von Onkel Wolfgang«, sagt er und verschwindet ins Bad, um Nachfragen zu entgehen. Er kann sich nicht von der Dusche lösen, bis Mutter an die Tür klopft und ihn an die Schule erinnert.
Beim Frühstück bedankt sie sich bei ihrem Bruder für die Großzügigkeit und lädt ihn ein, bald wieder bei ihnen zu übernachten. Der Onkel verspricht, auf ihr Angebot zurückzukommen. Beim Abschied drückt er seine Hand, bis sie schmerzt, sieht ihm dabei fest in die Augen.
Kapitel 1
Sechs Jahre später. An einem Mittwoch im September. Verhandlungspause im großen Sitzungssaal des Bochumer Amtsgerichts. Richter und Schöffen ziehen sich zur Beratung ins Hinterzimmer zurück. »Höchstens zehn Minuten«, verkündet der Vorsitzende und bittet die Anwesenden, auf ihren Plätzen zu bleiben.
Was gibt es da zu beraten? Für Bewährungshelferin Marie Marler ist die Beweislage nach den Geständnissen der drei Heranwachsenden eindeutig. Sie kann sich nur vorstellen, dass der Vorsitzende die beiden Schöffen überzeugen will, auf die Zeugenaussagen zu verzichten. Das wäre großartig, dann könnte sie direkt nach der Pause ihre Stellungnahme abgeben und ins Büro fahren, wo jede Menge Arbeit auf sie wartet. »Meinst du, sie hören noch die Zeugen an?«, fragt sie ihren Kollegen Udo Fröbel, der neben ihr am Tisch der Sachverständigen sitzt.
»Keine Ahnung«, brummt der in sich hinein, ohne den Blick von seinem Smartphone zu nehmen. Marie greift automatisch in ihre Tasche. Nein, jetzt nicht. Sie möchte nicht von irgendwelchen Nachrichten abgelenkt werden. Sie könnte die junge Staatsanwältin am Nachbartisch nach deren Einschätzung fragen, doch die scheint zu sehr in die Akten vertieft, um ihren Blick zu bemerken. Sie betrachtet die modische Brille, die zurückgekämmten Haare. Unter der Robe trägt die Staatsanwältin einen dunklen Hosenanzug. Sie strahlt Eleganz und Wichtigkeit aus. Marie wirft einen Blick auf ihre Klamotten. Lederjacke mit Nieten, kurzer schwarzer Rock, in aller Eile am Morgen aus dem Schrank gezogen. Sie schlägt die Beine übereinander, um die tätowierte Schlange um den Stab an ihrer Wade zu verdecken. Eine Erinnerung an eine Sommerliebe in Griechenland. Konnte sie keine Jeans anziehen mit einem Jackett? Es ging am Morgen wieder alles viel zu schnell. Sie muss früher aufstehen, um sich Zeit für ein passendes Outfit zu nehmen. Vor allem, wenn sie zum Gericht geladen ist. Immerhin ist sie vor ein paar Tagen sechsundzwanzig geworden. Wieder fragt sie sich, ob sie irgendwann erwachsen wird. Anderen scheint es zu gelingen. Ihr Blick wandert zu ihrem Klienten auf der Anklagebank. Fabian Meisner, dunkle Locken, fast kindliche Gesichtszüge. Zwischen den Mittätern wirkt er klein, zerbrechlich, dazu passte die traurige Stimme bei dem Geständnis. Was soll sie sich vormachen? Er war bei den Straftaten dabei, daran gibt es nichts zu rütteln. Er hat es zugegeben. Nur darauf kommt es an. Nicht mal einen Monat nach dem Urteil zu einer Jugendstrafe wegen räuberischer Erpressung mit Aussetzung zur Bewährung lässt er sich von den Mittätern zu neuen Straftaten hinreißen. Schuld ist dieser Kristof Driesen, der mit der Anwältin neben Fabian sitzt. Dem möchte Marie nicht im Dunkeln begegnen. Glatze, kalter Blick, groß und kräftig, eine vorgebeugte Haltung. Den Dritten im Bunde, Timo Mitter, kann sie nicht einschätzen. Kleiner als Driesen, etwas untersetzt. Er trägt die ganze Zeit ein Grinsen auf dem Gesicht, das hier völlig fehl am Platz ist. Er scheint in dem Vorsitzenden seinen Vater zu sehen, dem er beweisen will, dass ihm Strafen nichts ausmachen, er sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht erträgt. Übertreibt sie mit ihren Deutungen? Wenn schon, sie liebt es, die Gedanken fließen zu lassen. In der Fußgängerzone in einem Straßencafé zu sitzen, Vorbeiziehende zu betrachten und zu überlegen, was sie mit ihrem Leben anfangen. Grandios!
»Hat dein Klient sich verlaufen oder was macht er auf der Anklagebank?« Die leise Stimme ihres Kollegen. »Ehrlich, was hat er mit Kristof und Timo zu schaffen? Die spielen in einer anderen Liga.«
»Sie haben ihn beschützt, als er in seiner Klasse gemobbt wurde«, flüstert Marie ihm zu. »Das hat er mir beim Besuch in der Untersuchungshaft erzählt.« Hat ihr Kollege es geschafft, sich vom Smartphone zu lösen.
Udo flüstert zurück: »Hat er gesagt, warum er gemobbt wurde?«
»Nein. Nur, dass er anders ist als die Mitschüler in seiner Klasse. Das haben sie gespürt.«
Sie wird lauter: »Ich brauche Zeit, um sein Vertrauen zu gewinnen. Im Knast gerät er unter die Räder. Da bin ich mir sicher.«
»Du plädierst für eine erneute Jugendstrafe mit Aussetzung zur Bewährung«, stellt Udo ebenfalls mit lauter Stimme fest. Wie abgesprochen blicken sie zur Staatsanwältin. Marie überlegt, ob sie selbstständig über den Strafantrag in ihrem Plädoyer entscheiden kann oder im Referendariat ist und den Anweisungen des Sachbearbeiters zu folgen hat.
Die Staatsanwältin dreht sich mit ernster Miene und aufrechter Haltung zu ihnen, wobei ihre hohe Stimme ein Klingeln in Maries Ohren verursacht. »Für eine Strafaussetzung zur Bewährung verlangt das Gesetz eine günstige Prognose. Die kann ich aufgrund der Rückfallgeschwindigkeit mit einschlägigen Taten bei keinem der Beschuldigten erkennen.« Sie sieht zur Anklagebank und wendet sich wieder ihren Akten zu.
Fabians Blick beschwört Marie, ihm zu helfen. Klar, die Worte der Staatsanwältin waren nicht zu überhören. Sie sucht nach einer passenden Antwort, sagt lauter als gewollt: »Hinsichtlich der Tatbeteiligung erkenne ich Unterschiede zwischen den Beschuldigten. Fabian Meisner hat nie in das Geschehen eingegriffen.«
Die Staatsanwältin schüttelt den Kopf, wobei eine Haarsträhne über ihrem rechten Auge zum Liegen kommt. Sie streicht sie mit der Hand zurück und spricht in die Akten hinein: »Alles wie gehabt. Kristof Driesen als Frontmann, Timo Mitter direkt daneben und Fabian Meisner im Hintergrund. Ich war schon vor drei Monaten gegen eine Aussetzung zur Bewährung. Für die Angeklagten ist sie gleichbedeutend mit einem Freispruch.« Sie betont die Worte in einer Weise, als wollte sie das Urteil vorwegnehmen. Marie bleibt nicht einmal Zeit, sich aufzuregen. Das Gericht kehrt aus der Beratungspause zurück. Die Anwesenden erheben sich. Der Vorsitzende bittet sie, wieder Platz zu nehmen. Es würden die Geschädigten gehört, um ein umfassendes Bild von der Tatbeteiligung der Beschuldigten zu erhalten.
»Das Gericht erkennt Unterschiede zwischen den Dreien«, frohlockt Marie.
»Warten wir ab, was die Zeugen sagen. Das kann nach hinten losgehen«, bemerkt ihr Kollege.
Er nervt sie mit seinem Pessimismus. Marie sieht zu den Zuschauerbänken und versucht, Blickkontakt zu Fabians Mutter herzustellen. Vergeblich, die starrt stur geradeaus. Marie wundert sich, wie die Frau sich für die Verhandlung aufgestylt hat. Hochgesteckte Haare, kurzes Kleid mit tiefem Dekolleté. Um den Vorsitzenden zu beeindrucken oder ihren Sohn? Schon bei ihrem Besuch in der vergangenen Woche vermittelte Frau Meisner den Eindruck einer in die Jahre gekommenen Barbiepuppe. Dazu fielen ihr die vielen Stofftiere in der Wohnung auf. Stopp! Dieses Mal wird sie nicht psychologisieren. Was hatte Freud gesagt? Eine Zigarre kann auch mal eine Zigarre bedeuten oder so ähnlich. Außerdem sollte nicht mit Steinen werfen, wer im Glashaus sitzt. Sie versucht, an ihrem Rock zu ziehen.
Die Protokollantin ruft den ersten Zeugen auf: Wilhelm Neuberger. Die schwere Holztür öffnet sich, ein Mann Mitte sechzig mit vollem weißem Haar kommt herein. Er sieht sich im Gerichtssaal um und nähert sich dem Zeugentisch im Saal.
Marie meint, ein mildes Lächeln auf seinem Gesicht zu erkennen. Na ja, sie lag mit ihrer Einschätzung schon daneben. Mit dem gutmütigsten Gesichtsausdruck hat so mancher Höchststrafen gefordert. Der Vorsitzende reißt sie aus ihren Gedanken. Er belehrt den Zeugen über die Wahrheitspflicht vor dem Gericht und befragt ihn zu seinen Personalien.
Wilhelm Neuberger, neunundsechzig Jahre alt, Rentner, wohnhaft in Bochum, mit den Beschuldigten nicht verwandt oder verschwägert. Zum Tatgeschehen schildert er, gegen Nulluhrdreißig aus der Gaststätte gekommen und zu seinem Auto gegangen zu sein, das in unmittelbarer Nähe parkte. Noch bevor er sich anschnallen konnte, sei die Fahrertür aufgerissen worden. Zwei junge Männer hätten ihn aus dem Auto gezerrt, dabei lautstark nach Portemonnaie und Handy verlangt. Er habe sofort zugestimmt, spiele nicht gerne den Helden. Die jungen Männer hätten ihn zur Eile angetrieben, ihm die Sachen regelrecht aus der Hand gerissen. Den Schlag habe er nicht kommen sehen, nur den Schmerz gespürt und das Blut geschmeckt. Er sei neben dem Auto in sich zusammengesunken und für kurze Zeit bewusstlos gewesen, habe zumindest so getan in der Hoffnung, keine weiteren Schläge zu kassieren. Es sei ihm gelungen, sie hätten sich nicht mehr um ihn gekümmert, sondern wären mit der Beute geflohen.
Auf die Frage des Vorsitzenden, ob er den Schlag einem der Anwesenden zuordnen könne, deutet er auf den jungen Glatzkopf, der am nächsten zum Richterpult sitzt. Den Beschuldigten auf der anderen Seite erkennt er als denjenigen, der half, ihn aus dem Auto zu zerren. Den dritten in der Mitte der Anklagebank habe er bei dem Vorfall nicht wahrgenommen.
Marie spürt einen Hoffnungsschimmer. Die Aussage des Zeugen bestätigt, dass Fabian nicht aktiv ins Geschehen eingegriffen hatte. Neuberger hatte ihn nicht mal bemerkt. So kann ihn die Staatsanwältin nicht ernsthaft in das Bedrohungsszenario einbauen. Sie lächelt zu Fabian herüber. Wenn die anderen Zeugen sich ähnlich äußern, wird sie eine Bewährungsstrafe für ihn herausholen.
Neuberger erklärt, sein Portemonnaie nach wenigen Tagen mit den Karten und Ausweisen im Briefkasten gefunden zu haben. Lediglich das Bargeld von hundert Euro habe gefehlt. Es sei ihm vom Rechtsanwalt des dunklen Lockenkopfs, er zeigt auf Fabian, in voller Höhe erstattet worden.
Oberler nickt zustimmend und erklärt, dass er mit seinem Mandanten und der Jugendgerichtshilfe übereingekommen sei, vor der Verhandlung eine Wiedergutmachung zu leisten.
Auf Nachfragen des Vorsitzenden erwidert Neuberger, seine Verletzungen seien ausgeheilt. Er sei von dem Vorfall nicht dauerhaft beeinträchtigt, habe keine psychologische Hilfe in Anspruch genommen und fürchte sich nicht vor ähnlichen Taten.
»Läuft doch gut«, meint Marie zu ihrem Kollegen. Aus den Augenwinkeln beobachtet sie, wie Fabian sich vorbeugt, um etwas zu sagen. Kristof Driesen kommt ihm zuvor, zaubert für einen Moment sogar Reue auf sein Gesicht. Er sei auf die Idee gekommen, das Portemonnaie in den Briefkasten zu werfen, um dem Geschädigten die Laufereien und den Ärger zu ersparen. Er sieht kurz zu Fabian, wendet sich schnell wieder dem Zeugen zu. Marie hofft, dass der Vorsitzende es gesehen hat und die richtigen Schlüsse daraus zieht.
»Ich möchte mich in aller Form bei Ihnen entschuldigen. Ich verspreche, dass es nie wieder vorkommt. Die Tage auf der Zelle haben mich verändert. Glauben Sie mir, ich hatte zum ersten Mal Zeit, über mein Leben nachzudenken. Ich möchte nicht im Knast enden, sondern mich beruflich fortbilden. Ich möchte mein eigenes Geld verdienen und ein ordentliches Leben führen.«
Zu viele: »Ich möchte, mein und mich«, denkt Marie. Dazu die Redewendung: »Glauben Sie mir«. Klingt doch nicht echt, oder? Fortbilden! Als hätte er jemals im Leben eine Ausbildung begonnen. Sie sollte nicht übertreiben, redet sich ein, dass in jedem Menschen eine Begabung steckt, auch in Driesen. Sie wurde durch unzählige Konflikte in die Ecke gedrängt, statt sich entfalten zu können, daher rührt sein Hass. Sie muss sich zurücknehmen, um über ihre Schönfärberei nicht zu lachen. Ein Überfall ist ein Überfall ist ein Überfall.
Der Vorsitzende sieht zu Fabian und Timo, die sich wie auf Kommando bei dem Zeugen entschuldigen. Nach Sekunden der Stille sagt Neuberger: »Ich hoffe, ihr meint es ehrlich und denkt nicht nur an eine milde Strafe.«
Er wird aus dem Zeugenstand entlassen und erhält seine Legitimation für Fahrgeld mit dem Angebot, die weitere Verhandlung von den Besucherplätzen aus zu verfolgen. Mit einem Blick zur Anklagebank zögert er und setzt sich auf einen freien Stuhl in der hinteren Reihe.
Kapitel 2
Marie Marler massiert sich die Schläfen. Von der Klimaanlage im Gerichtssaal und dem gleißenden Neonlicht bekommt sie bei den Sitzungen regelmäßig Kopfschmerzen. In ihrer Handtasche sucht sie nach Tabletten, erinnert sich an die letzte Verhandlung, wo sie sich verschluckt hatte. Sie musste fürchterlich husten und vor die Tür gehen, um sich zu fangen. Sie wird in der nächsten Pause in der Gerichtskantine einen Kaffee trinken und dabei die Tablette einnehmen. Sie beneidet ihren älteren Kollegen, der voller Gleichmut der Verhandlung folgt. Zumindest sieht es so aus. Sie fragt sich, ob sie auch so wird, ob es erstrebenswert ist oder sie die Bewährungshilfe vorher verlassen sollte. Doch wann ist der richtige Zeitpunkt? Spürt man ihn? Wird man nicht von dem regelmäßigen Einkommen abhängig? Sie muss schmunzeln. Sie hat nicht mal eine unbefristete Stelle bei der Justiz und macht sich solche Sorgen. Ihr Vater würde sagen, erst das eine, dann das andere. Sie kann das nicht, denkt immer an alles zugleich. Mit einer Spannung im Bauch, als ginge es um ihr Leben, als würde es sich in diesem Moment entscheiden. Irgendwo hat sie diesen Satz gelesen: Jeder Schritt, den du heute gehst, bestimmt dein Leben von morgen.
Die Protokollantin ruft Philipp Christiansen auf. Ein Zwanzigjähriger mit weißem Hemd, Jackett und dunkler Jeans kommt herein. Die angespannten Gesichtszüge vermitteln Marie seine Wut im Bauch. Bestimmt hat er auf den Moment gewartet, um sich Luft zu verschaffen. Sie kann ihn verstehen. Ein Horror, auf der Straße ausgeraubt zu werden. Sie hofft, dass er bei seiner Aussage Fabian ausspart.
Der Vorsitzende belehrt den Zeugen über die Wahrheitspflicht und erkundigt sich nach den Personalien.
Philipp Christiansen, 21 Jahre, Student der Rechtswissenschaften, wohnhaft in Witten, mit den Beschuldigten nicht verwandt oder verschwägert.
Zu dem Vorfall teilt er mit, dass die Angeklagten seiner Freundin Lena und ihm nach einem Besuch der Diskothek Zeche in Bochum hinterherliefen. In Höhe der Bushaltestelle hätten sie sie eingeholt und um Feuer gebeten. »Sie waren sehr aggressiv. Die Haltung, die Sprache. Ich nahm in aller Ruhe mein Feuerzeug aus der Jackentasche.«
So ruhig wirkt er nicht, denkt Marie. Seine Hände zittern auf der Bank, obwohl er sie zu einem Gebet gefaltet hat.
»Da schlug Driesen zu«, sagt er. »Einfach so, ohne jeden Anlass.« Er schüttelt den Kopf, deutet mit dem Zeigefinger zur Anklagebank, zieht die Hand sofort zurück, als hätte er sich verbrannt, faltet die Hände wieder und wendet sich an den Vorsitzenden: »Mit der Faust schlug er mir ins Gesicht … verlangte unsere Handys und Portemonnaies … meine Freundin gab ihre Sachen sofort ab. Ich zögerte einen Moment. Da schlug er erneut zu. Das Blut lief mir aus der Nase. Das rechte Augenlid schwoll an.« Er stockt.
Auf die Frage des Vorsitzenden, ob sie nicht fliehen konnten, schildert der Zeuge, dass er festgehalten wurde. »Von dem Angeklagten Mitter. Meisner hielt in der Zeit meine Freundin fest. Das wird sie bestätigen.«
Damit hat Fabian aktiv ins Geschehen eingegriffen. Marie sieht das überhebliche Lächeln der Staatsanwältin und das Kopfschütteln der Besucher. Die Stimmung im Saal ist vollends gegen die Angeklagten gekippt. Wen wundert es? Die sanfte Stimme des Vorsitzenden holt sie aus ihren Gedanken zurück. »Sie erkennen in den drei Beschuldigten zweifelsfrei diejenigen wieder, die Ihnen unter Anwendung körperlicher Gewalt das Portemonnaie und das Handy weggenommen haben.«
Christiansen nickt bestätigend und macht ein ernstes Gesicht. »Ich bin mir hundertprozentig sicher.«
»Gibt es weitere Fragen an den Zeugen?« Der Vorsitzende sieht zu den beiden Schöffen.
Die junge Frau mit dem blonden Zopf neben ihm wendet sich mit eindringlicher Stimme an Christiansen: »Wenn ich Sie richtig verstehe, haben die Beschuldigten den Raubüberfall gemeinsam geplant und ausgeführt. Sie schließen aus, dass es ein alleiniger Plan von Kristof Driesen war, der die anderen erst am Tatort einbezog?«
Hätte die Schöffin die Frage nicht dem älteren Zeugen stellen können?, ärgert sich Marie. Bei Christiansen ist die Antwort vorhersehbar.
»Sie hatten uns zu dritt von der Zeche aus verfolgt«, erläutert er prompt. »Der Disco an der Prinz-Regent-Straße. In Höhe der Bushaltestelle griffen sie uns an. Es war abgesprochen … meine Freundin wird es Ihnen bestätigen. Sie wartet draußen.«
Marie starrt in die Akte auf ihrem Tisch. Warum erwähnt er ständig die Freundin. Traut er der eigenen Meinung nicht? Das kann ja heiter werden. Sie hätte Lust, ihre Sachen zu packen und sich in der Kantine zu stärken. Ihr ist schwindelig, sie braucht auf der Stelle etwas Süßes, sonst fällt sie vom Stuhl. Stopp! Sie darf sich da nicht hineinsteigern. Sie sollte der Verhandlung folgen, statt sich mit dem eigenen Befinden zu beschäftigen.
Die junge Schöffin äußert keine weiteren Fragen, der Schöffe winkt ebenfalls ab. Die Staatsanwältin schaltet sich ein: »Der Raubüberfall liegt etwas mehr als zwei Monate zurück. Leiden Sie noch unter den Verletzungen?«
»Nein, sie sind verheilt. Allerdings träume ich von dem Überfall … wache schweißgebadet auf. Auf der Straße überkommen mich Panikattacken. Ich gehe kaum raus, bleibe meistens auf dem Grundstück meiner Eltern.«
Er übertreibt, oder rührt sein Zittern von der Tat her? Sie sollte objektiver sein, kann nicht erwarten, dass jeder die Sache kleinredet. Der Zeuge vor ihm hatte eine gewisse Altersmilde. Die haben nicht alle Senioren, sie möchte nichts verallgemeinern.
»Haben die Angeklagten versucht, mit Ihnen Kontakt aufzunehmen, um eine Wiedergutmachung zu leisten?«, setzt die Staatsanwältin die Befragung fort.
»Nein!«, kommt es wie aus der Pistole geschossen. »Das will ich nicht.« Seine Stimme zittert vor Anspannung. »Ich will ihr Geld nicht und überhaupt keinen Kontakt zu ihnen.«
Dabei zieht er an dem linken Hemdsärmel. Marie erkennt eine Rolex-Uhr. Möchte er darstellen, wie wohlhabend er ist? Sie wundert sich. Gerade die Reichen versuchen doch, aus allem Geld zu scheffeln, Steuern zu hinterziehen, an der Börse zu spekulieren, die Armen zu betrügen, um noch reicher zu werden. Sie hätte Lust, ihn zu fragen, ob er die teure Uhr zur Tatzeit trug, doch lässt es bleiben.
Der Vorsitzende sieht zur Staatsanwältin und zu den Rechtsanwälten. Es gibt keine weiteren Fragen an den Zeugen.
Kristof Driesen räuspert sich. »Ich entschuldige mich in aller Form bei Ihnen und verspreche, dass ich mein Leben von Grund auf ändern werde.«
Niemand rührt sich oder sagt etwas. Der Satz steht leer im Raum. Es glaubt ihm keiner, denkt Marie. Ist auch absolut unglaubwürdig. Der Zeuge blickt demonstrativ zur Staatsanwältin. Die Angeklagten existieren in seiner Welt höchstens als Schreckgespenster, die es wegzusperren gilt. Hoffentlich wird er kein Richter, wenn er das Jura-Studium beendet hat. Sie sieht an dem Zeugen vorbei zu Fabian und Timo. Offenbar erwartet der Vorsitzende auch von ihnen eine Entschuldigung. Sie scheinen sich nicht zu trauen, weil Christiansen in die andere Richtung blickt. Marie ist erleichtert, als der Vorsitzende das Schweigen bricht. Er bittet den Zeugen, im Saal zu bleiben, falls sich aus der Aussage seiner Freundin Nachfragen an ihn ergeben. Er erhebt sich langsam, bewegt sich zu den Besucherreihen und setzt sich in die erste Reihe.
Lena Lindner wird in den Zeugenstand gerufen. Herein kommt eine zierliche Schülerin in flauschigem Pulli, schwarzer Lederhose und Sneakers aus Leder und Metall. Ein Parfümduft streift Marie, während sich die junge Frau auf den Zeugenstuhl setzt und den Vorsitzenden aus großen Augen ansieht.
Marie beobachtet Kristofs Blicke. Es ging ihm nicht nur um die Wertsachen. Er wollte sich vor der Frau aufspielen, kapiert nicht, in was er sich und seine Freunde mit dem idiotischen Balzgehabe hineingeritten hat. Sie vernimmt die schüchternen Worte der Zeugin auf die Fragen des Vorsitzenden.
Lena Lindner, achtzehn Jahre, Abiturientin, wohnhaft in Bochum, mit den Angeklagten nicht verwandt oder verschwägert.
Bei den Angaben zum Tatgeschehen blickt sie zu Boden, weint in der Erinnerung. Totenstille im Raum, nur ihre leise Stimme und die vorsichtigen Fragen des Vorsitzenden. Der Schrecken des Überfalls spiegelt sich auf ihrem Gesicht wieder, die Angst vor der Wiederholung des Schrecklichen, ihr Zurückziehen in den familiären Kreis. Ein Besucher verlässt den Sitzungssaal, ein hagerer, mittelgroßer Typ, es könnte Fabians Vater sein, dieselben lockigen Haare, allerdings vollständig ergraut. Marie hat ihn vorher nicht beachtet, er war von der rothaarigen Nachbarin verdeckt worden. In Fabians Blick liest sie seine Aufregung. Er rückt den Stuhl zurück, als plane er, aufzustehen und ihm nachzulaufen. Der Anwalt beruhigt ihn, indem er ihm eine Hand auf die Schulter legt.
Marie sieht zu Fabians Mutter. Sie starrt stur geradeaus, als ginge sie das alles nichts an. Eine seltsame Frau, sie wirkt wie versteinert. Was mag mit ihr geschehen sein, dass sie so hart wurde? Liegt darin die Ursache für Fabians Auffälligkeit?
»Sein Vater?« Udo Fröbel weist mit der Hand zur Tür.
Sie muss sich sammeln. »Dem Aussehen nach könnte es hinkommen. Außerdem versprach er am Telefon, zur Verhandlung zu kommen«, flüstert sie. »Was soll`s, ich werde ihn fragen … bin gleich zurück.«
»Das geht nicht«, vernimmt sie die Worte des Kollegen im Rücken und verlässt schnell den Saal. An der Treppe holt sie ihn ein. »Hallo, ich bin Marie Marler, die Bewährungshelferin Ihres Sohnes. Wir haben miteinander telefoniert.«
Er mustert sie, lächelt. »Der Äskulapstab. Um meinen Sohn zu heilen? Entschuldigen Sie, Jürgen Meisner. Sie sehen, ich bin gekommen, aber habe mich dabei übernommen. Die Verhandlung strengt mich zu sehr an. Entschuldigen Sie mich bitte bei meinem Sohn. Sagen Sie ihm, er wird von mir hören.« Er wendet sich zur Treppe.
Marie gibt sich alle Mühe, freundlich zu bleiben, obwohl sie ihn am liebsten zurechtweisen würde. »Besteht keine Chance, Sie zu bewegen, den Urteilsspruch abzuwarten?«, flötet sie.
Er dreht sich zu ihr, sieht sie an und schüttelt den Kopf. »Sagen Sie, warum hat Fabian die junge Zeugin festgehalten? Was meinen Sie?«
»Sie tat ihm leid. Er wollte sie vor den anderen schützen. Sie hat es falsch verstanden. Kein Wunder in der Situation.«
»Schön, dass Sie es so sehen. Wissen Sie, vor Afghanistan haben wir viel Zeit miteinander verbracht. Fabian ist ein guter Junge. Es wäre nie passiert, wenn ich zuhause geblieben wäre.«
»Das glaube ich Ihnen, nur im Augenblick hilft es Fabian nicht. Bleiben Sie, das wird ihm helfen. Wollen Sie es sich nicht überlegen?«
Er steigt die nächsten Stufen herab. »Nein, es ist zu viel passiert. Man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Leider. Sagen Sie ihm, dass ich ihn verstehen kann … und ihm die Daumen drücke.«
»Nun warten Sie! Ich schlage vor, Sie entspannen sich in der Kantine und kommen später in den Gerichtssaal zurück.« Sie eilt ihm nach. »Es würde ihm viel bedeuten.«
»Ich kann nicht.« Er schüttelt den Kopf, drückt ihr eine Visitenkarte in die Hand. »Mein Anwalt wird sich mit Ihnen in Verbindung setzen. Auf mich wartet die Therapiestunde.«
»Die rothaarige Frau im Saal ... Ihre neue Partnerin?«, ruft sie ihm nach.
