Unter einem guten Stern - Minnie Darke - E-Book
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Unter einem guten Stern E-Book

Minnie Darke

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Beschreibung

Sie glaubt nicht an das Schicksal. Doch dieser Mann ist für sie bestimmt ...

Als Justine (Journalistin, Realistin, Schütze) ihrem Sandkastenfreund Nick (Romeo-Darsteller im Theater, Träumer, Wassermann) wiederbegegnet, wird ihr eines sofort klar: Eigentlich war sie schon immer in ihn verliebt. Und als sie erfährt, dass er sich stets nach dem Horoskop der Zeitschrift richtet, bei der Justine arbeitet, beschließt sie, ihm ein Zeichen zu senden. Heimlich nimmt sie Änderungen am Wassermann-Horoskop vor, um ihm zu zeigen, dass sie füreinander bestimmt sind. Doch Nick missversteht ihre Hinweise völlig – und er ist nicht der Einzige, der sich von den Sternen leiten lässt …

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Seitenzahl: 601

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Buch

Als Justine Carmichael (Schütze, angehende Journalistin und Skeptikerin) auf ihren Sandkastenfreund Nick Jordan (Wassermann, Schauspieler und Romantiker) trifft, wird ihr eines schlagartig klar: Eigentlich war sie schon immer in ihn verliebt. Gleichzeitig ist sie sich sicher, dass er in ihr nur die Nachbarstochter sieht, mit der er früher auf Bäume geklettert ist. Als sie aber erfährt, dass Nick sich ausgerechnet stets nach dem Horoskop der Zeitschrift richtet, bei der Justine arbeitet, reift ein Plan in ihr heran. Warum nicht kleine Hinweise in das Wassermann-Horoskop schreiben, um ihn in ihre Richtung zu lenken? Was soll schon passieren? Schließlich ist die Deutung der Gestirne absoluter Unsinn. Nick ist allerdings nicht der einzige Wassermann, der sich von seinem Horoskop leiten lässt. Und so greift Justine unwissentlich in die Geschicke sehr vieler Menschen ein. Doch das Schicksal lässt sich ohnehin nicht in die Sterne schauen …

Autorin

Minnie Darke – Sternzeichen Zwillinge, Aszendent Jungfrau, skrupellose Scrabble-Meisterin, Strickprofi, Liebhaberin von Büchern, frisch angespitzten Stiften und Russischem Karawanentee – arbeitet am liebsten an ihrem Küchentisch oder im kleinen Schreibstudio in ihrem Garten in Tasmanien. Ihr Debüt »Unter einem guten Stern« erscheint in 22 Ländern.

Minnie Darke

Unter einem guten Stern

Roman

Übersetzt von Stefanie Retterbush

Die australische Originalausgabe erscheint 2019 unter dem Titel »Star-Crossed«

bei Penguin Random House Australia.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.Deutsche Erstveröffentlichung November 2019

Copyright © der Originalausgabe 2019 by Minnie Darke

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: © FAVORITBUERO, München

Umschlagmotiv: Frau, Sternbild: FAVORITBUERO, MünchenSterne: Shutterstock/lavendertime

Redaktion: Ann-Catherine Geuder

MR· Herstellung: kw

Satz: Mediengestaltung Vornehm GmbH, MünchenISBN: 978-3-641-24061-5V003

www.goldmann-verlag.deBesuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

Meinem Lieblingsskorpion, P. T.

Die Sterne sind die Spitzen welch wunderbarer Dreiecke! Welch weit entfernte, wunderliche Wesen in ihren verschiedenen Behausungen des Weltalls sie wohl just in diesem Augenblick ebenfalls betrachten!

Henry David Thoreau

Astrologie ist wie die Schwerkraft. Man muss nicht daran glauben, damit sie ihre Wirkung im Leben entfaltet.

Zolar’s Starmates

Keine Leidenschaft auf der Welt, weder Liebe noch Hass, kommt der Leidenschaft gleich, eines anderen Lebensentwurf zu verändern.

H. G. Wells

Wassermann

Nicholas Jordan wurde nicht etwa unter dem sternenklaren Himmel von Edenvale geboren, sondern im Krankenhaus – in einem unscheinbaren Backsteingebäude am Rand eines Städtchens, in dem es vier Pubs gab, keine Bank, ein öffentliches Schwimmbad, sechs Wohltätigkeitsvereine und jeden Sommer zutiefst verhasste Wasserrestriktionen. Das Krankenhaus war umgeben von farbenprächtigen Blumenbeeten mit rosaroten Bougainvilleen und durstigen Rasenrechtecken, und in dem Moment, als Nick geboren wurde, strahlte der Himmel über dem heißen Blechdach im gleißenden Blau eines Südhalbkugel-Februarnachmittags.

Und doch waren die Sterne da. Jenseits der wolkenlosen Hitze der Troposphäre, jenseits der Ozondecke der Stratosphäre, jenseits der Mesosphäre und der Thermosphäre, der Ionosphäre, der Exosphäre und der Magnetosphäre funkelten die Sterne. Millionen und Abermillionen, die wie Sprenkel die Dunkelheit durchsetzten und sich zu eben jener Konstellation zusammenfügten, die sich für alle Zeiten wie eine Landkarte in die Seele von Nicholas Jordan einprägen sollte.

Joanna Jordan – Widder, Inhaberin des von ihr betriebenen Friseursalons Der Goldene Schnitt in Edenvale, beängstigend treffsichere Angreiferin der Edenvale-Stars-Korbballmannschaft und zweimalige Titelträgerin der Miss Eden Valley – verschwendete in den Stunden nach der Geburt ihres Sohnes keinen Gedanken an die Sterne. Glückselig entrückt und erschöpft lag sie im einzigen Kreißsaal des Krankenhauses, versunken in den Anblick von Nicks kleinem Gesichtchen, und versuchte Einflüsse weitaus irdischerer Natur auszumachen.

»Die Nase hat er von dir«, raunte sie ihrem Ehemann zu.

Und recht hatte sie. Das Baby trug die perfekte, winzig kleine Kopie jener Nase im Gesicht, die ihr so lieb und vertraut war. Die von Mark Jordan – Stier, breitschultriger ehemaliger Australian-Football-Verteidiger, jetzt Poloshirt-tragender Finanzberater, Käsekuchenliebhaber und hoffnungsloser Bewunderer langbeiniger Frauen.

»Und die Ohren von dir«, entgegnete Mark, dem es vorkam, als seien seine Hände unvermittelt zu grotesker Größe angewachsen, als er Nick ein paar federzarte Härchen auf dem Neugeborenenköpfchen zurückstrich.

Und so betrachteten Joanna und Mark hingerissen ihren kleinen Sohn und versuchten die Form von Wangen, Stirn, Fingern und Zehen zurückzuverfolgen. Aus den weit auseinanderstehenden Augen ihres Babys, so fanden die frischgebackenen Eltern, blitzte Marks Bruder, und Joannas Mutter erkannten sie in den vollen, ausdrucksvollen Lippen wieder.

Nirgendwo jedoch fanden sie einen Hinweis auf Beta Aquarii, den gelben Überriesen, der gut 537 Lichtjahre von der Erde entfernt strahlte. Oder den etwas weniger offensichtlichen Einfluss des Helixnebels oder diverser anderer Himmelskörper, die die ausgedehnte Konstellation des Wassermanns ausmachen, in der die Sonne in der Geburtsstunde des Babys gestanden hatte.

Ein Astrologe, der sich die winzigen Nadelstiche des Schicksals genauer angeschaut hätte, die im Geburtshoroskop des kleinen Nick angelegt waren, hätte womöglich schon am Tag seiner Geburt voraussagen können, dass dieses Kind einmal ein sehr eigenwilliger Mensch werden würde, originell und schon fast ans Exzentrische grenzend, kreativ und fürsorglich und dabei so ehrgeizig und wetteifernd, dass seine Geschwister lieber freiwillig Rosenkohl äßen, als mit ihm Monopoly zu spielen. Er würde Kostümpartys lieben und jeden halb verhungerten Straßenköter und jede dahergelaufene verflohte herrenlose Streunerkatze mit nach Hause nehmen, die ihm über den Weg liefen.

Besagter Astrologe hätte dann womöglich mit einem wohlwollenden Lächeln prophezeit, Nick werde von Mitte zwanzig an aus tiefstem Herzen an die Macht der Sterne glauben. Und er werde Gefallen daran finden, ein Wassermann zu sein – ein Sternzeichen, das er ebenso mit innovativen, originellen Ideen verband wie mit Sommer, Musikfestivals und ausgeflippten jungen Hippiemädchen, die nach Patschuli und Sex rochen.

Am Tag von Nicks Geburt war allerdings gerade kein Sterndeuter zur Hand, und die Einzige, die damals eine astrologische Vorhersage bezüglich des kleinen Nick wagte, war Joannas beste Freundin Mandy Carmichael. Mandy – Zwilling, grübchenlächelnder Lieblingswetterfrosch des lokalen Fernsehsenders, strahlende Frischvermählte, fanatischer Abba-Fan – erschien gleich nach der Arbeit wie eine gute Fee im Krankenhaus. Das Gesicht mit fingerdickem Make-up noch völlig übergeschminkt balancierte sie auf ihren schwindelerregend hohen Absätzen herein, einen gigantisch großen Teddybären und einen Strauß Tankstellen-Chrysanthemen jonglierend. Der Teddy saß bald gemütlich auf einem Stuhl, die Chrysanthemen steckten in einem Marmeladenglas, und Mandy stand barfuß am Bett und hielt den Erstgeborenen ihrer Freundin mit unermesslichem Zartgefühl in den Armen.

»Ein kleiner Wassermann, was?«, zwitscherte sie, und ihr Blick wurde glasig. »Erwarte nur nicht, dass er so wird wie du und Mark, ja, JoJo? Wassermänner sind besonders. Nicht wahr, mein Kleiner?«

»Tja, hoffentlich mag er Sport«, scherzte Jo. »Mark hat ihm nämlich schon einen Tennisschläger gekauft.«

»Und darum wird er sicher Künstler. Oder Tänzer. Stimmt’s, mein Schatz?«

Mandy steckte den Finger in Nicks kleine Hand, deren winzige Fingerchen sich darum schlossen wie ein Stern, und für einen Moment war sie ungewohnt sprachlos. Dann hauchte sie hingerissen: »Jo, er ist entzückend. Einfach entzückend.«

Als Mandy das Krankenhaus schließlich wieder verließ, dämmerte es bereits, und eine sanfte Brise wehte und brachte herrliche Abkühlung mit sich. Gedankenversunken schlenderte Mandy – die hochhackigen Schuhe in der Hand – über das piksende Gras zum Parkplatz. Der westliche Abendhimmel war in ein rauchiges Blau getaucht, durchsetzt mit tief hängenden, rosaroten Wölkchen, während im Osten bereits die ersten übereifrigen Sterne die hereinbrechende nachtschwarze Dunkelheit erhellten. Mandy schlüpfte hinter das Lenkrad ihres Wagens und saß eine ganze Weile reglos da. Nachdenklich betrachtete sie die Sterne, den lieblichen Babyduft noch in der Nase.

Am Freitag danach drehte sich Drew Carmichael in Curlew Court – einer Sackgasse in einem Neubaugebiet von Edenvale, in dem sich endlose Betoneinfahrten und einstöckige Häuser mit bunten Blechdächern, Rasenmäher und Eukalyptus-Setzlingen in Plastik-Pflanzschützern aneinanderreihten – erschöpft auf den Rücken und ächzte: »Wow.«

Neben ihm, auf dem Trampolin der Nachbarn, lagen eine leere Flasche Baileys Irish Cream, zwei verschmierte Schnapsgläser und seine verschwitzte, grinsende, nur halb bekleidete Frau. Drew – Waage, Agrarberater, begeisterter Amateur-Flieger, Pink-Floyd-Kenner und gefürchteter Schlafzimmerspiegel-Luftgitarrist – war nach zweiwöchiger Geschäftsreise vor nicht einmal einer Stunde nach Hause gekommen. Und er fühlte sich, im besten Sinne des Wortes, benutzt. Leer gesaugt wie nach einem Vampirangriff. Ein Glück, dass die Nachbarn gerade Urlaub an der Gold Coast machten.

»Mmmmmm«, machte Mandy und schaute lächelnd hinauf in den sternenbedeckten Himmel.

Drew stützte sich auf den Ellbogen und betrachtete seine Frau. Er sah den kleinen Schatten an der linken Wange von ihrem Grübchen und roch den Übermut auf ihrer schweißfeuchten Haut.

»Was war das denn bitte?«, fragte er und legte eine Hand auf ihren weichen, blassen, entblößten Bauch. »Hm?«

»Hey, Cowboy«, entgegnete sie und schlug seine Hand mit einem breiten Grinsen spielerisch fort. »Ich bin eine verheiratete Frau. Berühren verboten.«

Er kitzelte sie, und sie kicherte.

»Also, was hast du vor?«

»Was ich vorhabe?«, fragte sie. »Ich … ich will mir noch ein bisschen die Sterne ansehen.«

Ein wenig angetrunken und restlos glücklich legte Drew den Kopf auf die verschränkten Arme und folgte ihrem Blick hinauf ins All.

In dieser Februarnacht zeugten die Carmichaels ein kleines Mädchen, das in den frühen Morgenstunden eines Novembertages im Sternzeichen Schütze geboren werden sollte. Klein und zierlich und perfekt würde sie das Licht der Welt erblicken, auf dem Kopf eine flaumige Haube jener hellbraunen Haare, die sich später in Locken um ihr fein geschnittenes Gesicht ringeln sollten. Haselnussbraune Augen würde sie haben und ein spitzes Kinn, und ihre Lippen würden – wie bei ihrer Mutter – geschwungen sein wie Amors Bogen. Die dunklen Augenbrauen würden – wie die ihres Vaters – schnurgerade und fast schon streng sein.

Ein Astrologe hätte womöglich vorherzusagen vermocht, dass dieses Kind ein sehr geradliniger Mensch werden würde: verspielt, aber perfektionistisch. Sie würde Worte lieben, im zarten Alter von neun Jahren im Fernsehen bei einem Buchstabierwettbewerb auftreten (und ihn gewinnen) und meist mit einem Stift hinterm Ohr herumlaufen. Ihr Nachttisch würde ächzen unter der erdrückenden Last mehrerer Bücherstapel (gelesen, angelesen, ungelesen), und es war durchaus wahrscheinlich, gut versteckt unter diesen Bücherstapeln auch einen Katalog von Howards Storage World oder IKEA zu finden, denn Kleiderschrank-Pornos sollten für diese junge Dame zeitlebens zu ihren heimlichen Lastern gehören. Sie würde über ein makelloses Gedächtnis verfügen, wie ein auf Hochglanz polierter Edelstahl-Aktenschrank, und selbst ihre Textnachrichten würden tadellos formatiert und interpunktiert sein.

Außerdem würde jener Astrologe womöglich auch mit einem bedauernden Kopfschütteln konstatieren, dass dieses Kind sich später rein gar nicht um die Sterne scheren würde. Ganz im Gegenteil, es sollte Horoskope als Bockmist allererster Güte betrachten, nichts als verschwurbelte, verklausulierte Lügen.

»Justine«, murmelte Mandy, fast unhörbar.

»Was?«, fragte Drew.

»Jus-tine«, sagte Mandy, diesmal etwas deutlicher. »Gefällt dir das?«

»Wer ist Justine?«, fragte Drew verdattert.

Das wirst du schon noch sehen, dachte Mandy. Das wirst du schon noch sehen.

Fische

Zeit verging. Monde umkreisten Planeten. Planeten umrundeten die hellsten Sterne. Galaxien funkelten. Und je mehr Jahre ins Land gingen, desto mehr Satelliten kamen hinzu. Und dann, eines Tages, wie von Zauberhand, war sie da: Justine Carmichael, mittlerweile siebenundzwanzig, wie sie an einem Freitagmorgen im März mit ihrer schwankenden Last aus Kaffeebechern eine Vorstadtstraße entlangging. Sie trug ein fröhliches Ensemble aus grün-weiß gepunktetem Leinen und adretten weißen Sneakern, die mit jedem Schritt auf dem sonnengefleckten Bürgersteig aufleuchteten.

Die Straße – ungefähr zwei Autostunden östlich von Edenvale – hieß Rennie Street und gehörte zu den Hauptstraßen in diesem Teil von Alexandria Park. Hier wimmelte es nur so vor herrschaftlichen Altbauten und Art-déco-Apartmentgebäuden, Blumenläden und Cafés, in denen Milchkaffee in hohen Gläsern mit langem Löffel serviert wurde, und Hundefriseuren, die auf eine Kundschaft aus Maltesern und West-Highland-Terriern spezialisiert waren. Justine marschierte zielstrebig auf das Redaktionsgebäude des Alexandria Park Star zu, wo sie arbeitete. Offiziell war sie bloß der Laufbursche, wobei der Herausgeber – der zu wortgewaltigen Übertreibungen neigte, die in keiner Weise seinen kurzen, knappen Schreibstil widerspiegelten – sie gerne »unsere entzückende, allerliebste Volontariatsanwärterin« nannte. Hätte er einen Artikel über sie geschrieben, er hätte sie wohl als »Mädchen für alles« bezeichnet.

Die Verlagsräume des Star waren in einem eleganten, holzverkleideten, etwas von der Straße zurückgesetzten Gebäude untergebracht. Justine trat durch das offene Eingangstor und passierte eine der umstrittensten Skulpturen von ganz Alexandria Park – den namensgebenden Stern selbst. Ebenso unansehnlich wie unübersehbar prangte dort die Mosaik-Skulptur von der Größe eines Traktorreifens, ein strahlender Stern, der hoch oben an seiner Aufhängung über dem Gehweg baumelte. Für einen Stern war er recht rund und kugelig geraten, und seine fünf asymmetrischen Spitzen zierten grob aneinandergesetzte gallegelbe Keramikfliesen und die zerschmetterten Scherben eines Teeservices mit gelbem Rosenmuster.

Als der Stern vor dreißig Jahren dort aufgehängt worden war, hatten die Anwohner ihn scherzhaft die »Gelbe Gefahr« getauft, und sie hatten jeden Kniff und Winkelzug in den Stadtstatuten bemüht, um diese Monstrosität wieder entfernen zu lassen. Damals war der Star für die meisten Einwohner von Alexandria Park nichts weiter als ein billiges Schmierenblättchen und sein junger Herausgeber Jeremy Byrne ein schmuddeliger, degenerierter, langhaariger Bombenleger. Man war einhellig der Meinung, Winifred Byrnes liederlicher ältester Sohn sei eindeutig zu weit gegangen, als er ausgerechnet an der besten Adresse, im Haus seiner verstorbenen Mutter in der Rennie Street, diesem Enthüllungsjournalismus ein Heim bot, der allerhöchstens als Mülleimerauslage taugte.

Aber Alexandria Park sollte sich im Laufe der Zeit damit arrangieren, sowohl mit dem Druckerzeugnis selbst als auch mit seinem geschmacklosen Aushängeschild. Und inzwischen hatte der Star sich längst zu einem renommierten Hochglanzmagazin gemausert, mit Beiträgen über das aktuelle Zeitgeschehen, Sport und Kunst. Die neuen Ausgaben erfreuten sich nicht nur in Alexandria Park größter Beliebtheit, sondern in der gesamten Umgebung. Und obwohl Justines Job noch irgendwo unterhalb der untersten Stufe der Karriereleiter angesiedelt war, gab es doch nicht wenige hoffnungsvolle junge Journalistik-Absolventen, die ernsthaft in Betracht gezogen hätten, ihr das Knie mit einer Eisenstange zu zertrümmern, wenn sie ihr so die heiß begehrte Stelle abspenstig machen könnten.

An ihrem ersten Arbeitstag wurde Justine von Jeremy Byrne höchstpersönlich herumgeführt, inzwischen nicht mehr langhaarig, sondern beinahe kahlköpfig und entschieden mehr Patriarch als Pazifist. Mit Bedacht hatte er sie unter den absonderlichen gelben Stern gestellt.

»Ich möchte, dass du ihn als Talisman jener unerschrockenen, entschieden unparteiischen journalistischen Prinzipien siehst, auf deren Grundlage diese mutige kleine Publikation gegründet wurde«, hatte er zu ihr gesagt, und Justine hatte sich alle Mühe gegeben, es nicht eigenartig und äußerst peinlich zu finden, als er von den »inspirierenden Strahlen« des Sterns gesprochen und sogar pantomimisch dargestellt hatte, wie diese auf ihr Haupt herabrieselten.

Beim Star zu arbeiten war großartig, genau wie sein Herausgeber es versprochen hatte. Alle arbeiteten hart und hatten trotzdem Spaß. Die alljährlichen Weihnachtsfeiern waren berühmt-berüchtigte Fressgelage, und die Zeitschrift bewegte sich auf hohem journalistischem Niveau. Die ganze Sache hatte nur einen Haken: Der Star war als Arbeitgeber derart beliebt, dass keiner der Mitarbeiter je kündigte. Derzeit arbeiteten drei fest angestellte Journalisten in der Redaktion in Alexandria Park und einer in Canberra, und allesamt waren sie schon seit einem Jahrzehnt oder noch länger beim Star angestellt. Der Laufbursche vor Justine hatte drei volle Jahre ausgeharrt und mit Engelsgeduld auf eine Volontariatsstelle gehofft, bis er irgendwann enttäuscht das Handtuch geworfen hatte. Er machte inzwischen irgendwas mit Öffentlichkeitsarbeit.

An dem Tag, als Justine mit hochroten Wangen neben Jeremy Byrne unter dem Stern gestanden hatte, war sie der festen Überzeugung gewesen, ihr Vorgänger hätte den größten Teil der Wartezeit bereits für sie abgesessen. Eine Festanstellung konnte eigentlich nur noch eine Frage der Zeit sein. Aber mittlerweile waren zwei Jahre vergangen, und noch immer war keine Beförderung in Sicht. Und so langsam begann Justine zu befürchten, sie würde ihre erste Zeile für den Star wohl erst dann schreiben, wenn einer der gegenwärtigen Autoren aus Altersgründen das Zeitliche gesegnet hatte.

Eilig lief Justine den lavendelgesäumten Weg entlang und sortierte dabei die hochgestapelten Pappkaffeebecher um, damit sie eine Hand frei hatte, um den Poststapel von den Steinplatten aufzulesen. Sie stieg die niedrige Treppe hinauf und drückte die Tür mit der Hüfte auf. Noch bevor sie wieder hinter ihr zugefallen war, zirpte eine zuckergusssüße Stimme durch den Flur.

»Justine? Bist du’s?«

Es war Barbel Weiss, die Anzeigenchefin, die in einem der wunderschönen erkergeschmückten Salons ihr Büro hatte, das ebenso feminin und durchgestylt war wie sie selbst. Justine ging zu ihr hinein, und Barbel – in einem puderrosa Hosenanzug, die blonden Haare zu einer komplizierten Flechtfrisur aufgetürmt, die aussah, als gehörte sie in die Auslage einer Bäckerei – wedelte ohne vom Schreibtisch aufzusehen mit einer Broschüre.

»Liebes, bringst du das bitte rüber in die Grafikabteilung, wärst du so nett? Sag ihnen, die Schrifttype, die ich für die Brassington-Werbung will, ist genau diese. Hier. Ich habe sie eingekringelt.«

»Kein Ding«, murmelte Justine und manövrierte sich vorsichtig zu ihr auf die andere Schreibtischseite, damit Barbel ihr die Broschüre unter den Arm klemmen konnte.

»Ach«, rief Barbel mit einem Blick auf Justines Kaffeebecherfracht, und eine winzig kleine steile Falte erschien auf ihrer sonst makellos glatten Stirn, »du kommst gerade von Rafaello. Aber es macht dir sicher nichts aus, gleich noch mal fix hinzulaufen, oder? In zwanzig Minuten habe ich einen Kundentermin, und ich dachte, ein paar Macarons wären nett. Sagen wir … Himbeer. Danke, Justine. Du bist ein Engel.«

Im Salon auf der anderen Seite des Flurs saß Jeremy, aber sein Büro war das genaue Gegenteil von Barbels. Es erinnerte eher an ein Messi-Wohnzimmer, mit kniehohen Stapeln ausländischer Zeitungen und überquellenden Bücherregalen, vollgestopft mit rechtswissenschaftlichen Lehrbüchern, Politikerbiografien, Kricket-Almanachen und Büchern über wahre Verbrechen. Jeremy, in einem Hemd, das sehr geschäftsmäßig wirkte und doch irgendwie an einen Kaftan erinnerte, war gerade am Telefon. Als Justine unauffällig hineinschlüpfte, um ihm seinen Soja-Chai auf den Schreibtisch zu stellen, hob er die Hand und zeigte ihr fünf Finger, um ihr zu bedeuten, sie solle in fünf Minuten wiederkommen. Justine lächelte eifrig und nickte.

Im nächsten Zimmer den Flur hinunter saßen die fest angestellten Journalisten. Als sie Justines Schritte auf dem Gang hörte, wandte Roma Sharples sich vom Computerbildschirm ab und lugte über den Rand ihrer neonblauen Brille. Sie war berüchtigt für ihre missmutige, herablassende Art und ging stramm auf die Siebzig zu, doch sie machte noch immer keinerlei Anstalten, in absehbarer Zeit in Rente zu gehen.

»Danke«, brummte Roma und ließ sich ihren großen schwarzen Kaffee geben. Sie zog eine Haftnotiz vom Block auf ihrem Schreibtisch und hielt sie Justine unter die Nase. »Gib Radoslaw diese Adresse und sag ihm, wir müssen um Punkt elf da sein. Und Justine? Fahr doch bitte das Auto schon mal nach vorn, ja?«

Justine stellte einen Latte mit nur einem kleinen Schuss Kaffee auf den leeren Platz neben Roma. Das war Jenna Raes Schreibtisch, die vermutlich gerade unterwegs war zu einem Einsatz und die – mit gerade mal Ende dreißig – Justine am allerwenigsten Grund zur Hoffnung gab, irgendwann mal an ihre Stelle zu rücken.

Martin Oliver war der Sportjournalist des Star, er war Mitte fünfzig und, unter Berücksichtigung seiner zahlreichen Laster, wohl Justines aussichtsreichste Option. Martin telefonierte gerade inmitten seiner gewohnt übel riechenden Dunstwolke aus Alkohol und Nikotin, als Justine ihm seinen überzuckerten doppelten Cappuccino reichte. Er zupfte sie am Ellbogen. Auf den Block auf seinem Schreibtisch hatte er geschrieben: Papierstau im Kopierer. Und darunter: Computer druckt mal wieder keine PDFs. Hol Anwen.

»Ja, na ja, die Auswahl-Verantwortlichen sind ja auch allesamt Vollpfosten, die könnten ein Spin Bowling nicht von einem Bowlingabend unterscheiden«, kläffte er in den Hörer, während er die Worte mal wieder so nachdrücklich unterstrich, dass er eine tiefe Rille im Papier hinterließ. Justine nahm ihm den Kuli ab und malte einen Smiley unter seine Nachricht.

Gleich nebenan war ein klitzekleines Einzelbüro, so eng, dass es in seinem früheren Leben vermutlich einmal eine Abstellkammer gewesen war. Hinter dem Schreibtisch saß Natsue Kobayashi, die Redaktionsmanagerin. Natsue hatte einen exquisiten Geschmack und einen alterslosen Teint, der die Menschen immer wieder in ungläubiges Erstaunen versetzte, wenn sie hörten, dass sie schon dreifache Oma war. Jeden Tag machte sie auf die Minute genau eine Dreiviertelstunde Mittagspause, in der sie mit Luxusgarnen – Merino, Alpaka, Possum, Kamel – entzückende Anziehsachen für ihre abgöttisch geliebten Enkelkinder strickte, die in Schweden lebten. Des Weiteren verfügte Natsue über ein beinahe unheimliches Talent zum Multitasking.

Ohne von dem Brief aufzusehen, der am Dokumentenhalter neben ihrem Computer klemmte und den sie gerade abtippte, zwitscherte sie: »Guten Morgen, Justine. Ach, dieses Kleid! Wie ent-zü-ckend! Kawaii!«

Das Kleid war ein echtes Vintage-Stück und hatte einmal Justines Großmutter gehört.

»Ein Flat White«, verkündete Justine.

Ohne ihr Tippen zu unterbrechen, sagte Natsue: »Danke dir. Und hast du die Post schon durchgesehen? Es wäre sehr nett, wenn du mir meine gleich bringen könntest, sobald du damit fertig bist.«

»Klar doch«, erwiderte Justine.

Der Grafikraum war zum Glück leer, als Justine hereinkam, weshalb ihr zumindest hier niemand noch weitere Aufgaben aufhalsen konnte. Sie legte den Grafikern eine hastig gekritzelte Notiz mit den Anweisungen zu Barbels Broschüre auf den Tisch und sah dann zu, dass sie weiterkam. Gegenüber, auf der anderen Seite des Gangs in der IT-Abteilung, schien der hauseigene Technikengel des Star, Anwen Corbett, gerade tief und fest zu schlafen.

Anwen war überwiegend nachtaktiv und kam oft erst spätabends in die Redaktion, um an den Rechnern herumzubasteln, wenn keiner sie mehr brauchte. Jetzt lag ihr Kopf mit den wirren Dreadlocks auf ein dickes Computerhandbuch gebettet auf dem Schreibtisch, der ein einziges chaotisches Durcheinander an Kabeln, Schaltplatten und Star Wars-Actionfiguren war.

»Anwen«, rief Justine. »An!«

Mit einem Ruck setzte Anwen sich auf, aber ihre Augen blieben geschlossen. »Ja, ja. Schon zur Stelle. Bin da.«

»Martins Computer druckt mal wieder keine PDFs. Du sollst dir das mal ansehen«, sagte Justine.

Anwen ließ den Kopf wieder auf das Behelfskissen sinken und stöhnte. »Sag ihm, das ist ein klassisches PICNIC.«

PICNIC war Anwens Lieblingsakronym. Problem In Chair Not In Computer – das Problem befand sich vor dem Schreibtisch, nicht im Rechner.

»Es gibt auch Kaffee«, versuchte Justine sie zu locken.

»Echt?«, fragte Anwen und blinzelte mit schweren Lidern.

»Doppelter Macchiato. Erhältlich an meinem Schreibtisch, sobald du einen Blick auf Martins Rechner geworfen hast.«

»Das ist gemein.«

Justine grinste. »Aber es wirkt.«

Die Fotoredaktion war ihr nächster Halt den Gang entlang. Justine lehnte sich durch den Türrahmen und rief: »Morgen, Radoslaw. Roma lässt dir ausrichten, sie braucht dich für einen Auftrag um elf. Hier ist die Adresse.«

Wie ein Bantam-Preisboxer sprang der Fotograf des Star hinter seinem gewaltigen Bildschirm auf, eine Dose Red Bull in der Hand, das kurzärmelige Karohemd bis unter den sorgfältig gestutzten schwarzen Bart zugeknöpft. Justines Blick ging zum Mülleimer, in dem bereits zwei der leeren blau-silbernen Dosen lagen.

Radoslaws unbeherrschter Fahrstil war der Grund, dass Roma Justine gebeten hatte, den redaktionseigenen Wagen schon mal vorzufahren und vor dem Redaktionsgebäude abzustellen. Dass der Camry auf beiden Seiten übel verschrammt war und sich am Zaun der kleinen Seitenstraße an mehreren Stellen weiße Lackspuren fanden, ging ganz allein auf sein Konto. Trotzdem beharrte Radoslaw hartnäckig darauf, höchstselbst zu seinen Einsätzen zu fahren. Nicht einmal Roma hatte ihn diesbezüglich umstimmen können.

»Tja, dann sag Roma schöne Grüße, und sie kann mich mal«, antwortete er und gab sich nicht die geringste Mühe, die Stimme zu senken. »Ich habe heute Morgen einen Auftrag mit Martin auf der Rennbahn. Können die sich nicht verdammt noch mal untereinander absprechen? Herrgott verdammt noch mal. Scheiße auch.«

Das war Radoslaws Standardantwort auf die allermeisten Nachrichten, weshalb er wohl von Glück sagen konnte, noch nie im Leben ein schlechtes Foto geschossen zu haben.

Schließlich stand Justine vor ihrem eigenen Schreibtisch, der in einem Anbau an das eigentliche alte Haus untergebracht war. Die Wände waren allesamt unverputzt, wenn auch grob überstrichen. Gegen eine dieser Wände lehnte Martin Olivers Rad, mit dem er zuletzt vor etwa sieben Monaten gefahren war, nämlich als er zu der Überzeugung gekommen war, ein bisschen mehr Bewegung in der Mittagspause als nur den kleinen Spaziergang runter zum Strumpet and Pickle und zurück würde ihm guttun. Zwischen Vorder- und Hinterrad lugte eine bräunlich verfärbte weiße Schnauze hervor, hinter der zwei tränenfeuchte dunkelbraune Äuglein hervorblitzten. Beides gehörte zu einem kleinen struppigen Malteser, der eine Leine mit Leopardenmuster hinter sich herzog.

»Falafel«, rief sie. »Was machst du denn hier?«

Worauf der Hund nur mit dem Schwanz wedelte, Justine die Antwort aber schuldig blieb. Die fand sie auf ihrem Schreibtisch in Form einer Notiz vom Grafikchef des Star. Mit allzu selbstsicherer Handschrift hatte Glynn notiert: Es macht dir doch nichts aus, F. eben zum Friseur zu bringen? Termin ist um zehn. Hundefriseur wird stinksauer, wenn er wieder zu spät kommt. Danke! G.

Falafel trottete zu Justine und kläffte sie ungeduldig an.

»Komm mir ja nicht so«, schimpfte sie mit ihm.

Ein paar Sekunden blieb Justine einfach nur reglos stehen und atmete tief durch. Es nützte nichts, jetzt hysterisch zu werden, sagte sie sich streng. Wenn alle sofort und auf der Stelle irgendwas wollten, musste man eben Prioritäten setzen und das Wichtigste zuerst erledigen. Also überlegte sie, dass Jeremy sie zwar in fünf Minuten sprechen wollte und er ihr Chef war, aber auch ein hoffnungsloser Zeitfantast. Fünf Minuten in Jeremys Welt konnte irgendwas zwischen zehn Minuten und sechs Stunden bedeuten. Also würde sie erst mal die Post sortieren und wenigstens Natsue ihren Stapel bringen, dann rasch zu Rafaello flitzen und Barbels Gebäck holen und auf dem Rückweg eben beim Hundefriseur vorbeigehen und Falafel dort abliefern. Dann konnte sie sich um den Papierstau im Kopierer kümmern, den Camry aus der Einfahrt bugsieren und anschließend einen Streit zwischen Martin und Roma anzetteln, indem sie Roma den ungefähren Inhalt, wenn auch nicht den genauen Wortlaut, von Radoslaws Antwort überbrachte. Danach würde sie …

»Jus-tine!«

Ach verdammt.

Das war Jeremys Stimme, die gut gelaunt durch den Flur dröhnte.

»Brav sein«, ermahnte sie Falafel. »Schön brav.«

Unmittelbar vor Jeremys Büro bremste Justine abrupt ab und strich sich das Kleid glatt. Professionell, kompetent, unerschütterlich, sagte sie sich, bevor sie hineinging.

»Liebelein!«, flötete Jeremy. Er lächelte, und die geplatzten Äderchen auf den Wangen und der Nase röteten sich. »Setz dich, setz dich.«

Jeremy hatte ein ausgeprägtes Faible dafür, sich als wohlwollender Patriarch aufzuführen, und Justine wusste nur zu gut, dass er es als Herausgeber und selbst ernannter Mentor als seine Aufgabe ansah, regelmäßig die eine oder andere lehrreiche kleine Unterredung einzustreuen. Nur zu gern erzählte er dann von seiner ruhm- und gefahrvollen Vergangenheit und erging sich in weitschweifigen Ausführungen zu Arbeitsethos, Rechtsstaatlichkeit, Gesetzgebung und den Feinheiten der Westminster-Demokratie.

»Liebelein«, sagte er und beugte sich vor, um sich mit einem kühnen Sprung mitten in das willkürlich ausgewählte Thema ihrer heutigen Besprechung zu stürzen. »Was weißt du über die Gewaltenteilung?«

»Na ja …«, setzte Justine an, was ihr zum Verhängnis wurde. Im Umgang mit Jeremy war es ein dummer Anfängerfehler, einen Satz mit einem nichtssagenden Füllwort zu beginnen.

»Der französischen Revolution«, unterbrach er sie, »verdanken wir das Konzept der Gewaltenteilung, das die drei Säulen der Regierung – die Exekutive, die Legislative und die Judikative …«

Und so saß Justine da und lauschte, während Jeremy ihr gegenüber am Schreibtisch saß und zu einem langatmigen Monolog ausholte. Die Hände im gepunkteten Schoß gefaltet bemühte sie sich, möglichst interessiert zu wirken, so als sauge sie jedes Wort begierig auf. Und nicht, als sei sie in Gedanken bei Macarons und der zu schmalen Einfahrt und Martins Druckerproblem und ob Falafel wohl schon den Mittagssnack in ihrer Handtasche gefunden und aufgefressen hatte, die unbewacht gleich neben ihrem Schreibtisch stand.

Irgendwann klingelte schließlich Jeremys Telefon, und er griff eifrig zum Hörer. »Harvey!«, rief er. »Kleinen Augenblick, mein Lieber.« Er legte die Hand auf den Hörer und lächelte Justine entschuldigend zu. »Fortsetzung folgt.«

Erleichtert ging Justine nach draußen und wusste anhand des Lärms sofort, dass Radoslaw nicht gewartet hatte, bis Justine Roma seine Nachricht überbracht hatte.

Und dann brüllte Martin auch noch dazwischen. »Jus-tine! Ich muss was ausdrucken. Heute noch.«

Justine schaute auf die Uhr. Falafel kam schon viel zu spät zu seinem Friseurtermin.

Barbel beugte sich aus ihrer Bürotür, eine tiefe Sorgenfalte im perfekt geschminkten Gesicht. »Wo bleiben denn meine Macarons?«, fragte sie, aber Justine hatte nur ein schiefes Lächeln für sie.

Na, das konnte ja ein Tag werden.

Es war halb sieben, als Justine an diesem Abend endlich mit allem fertig war. Die Haare fielen ihr in schlaffen Schnittlauchlocken ins Gesicht, die Haut wirkte matt und fahl, und dank des widerspenstigen Druckers zierten Tintenkleckse eine Seite ihres Kleides. Außerdem hatte sie einen Bärenhunger. Falafel hatte ihren Curry-Hühnchen-Wrap zwar nicht aufgefressen, aber immerhin so lange darauf herumgekaut, dass er ungenießbar war, und Justine hatte keine Zeit gehabt, sich irgendwo was anderes zum Mittagessen zu besorgen.

Draußen bedachte sie den Mosaikstern am Torpfosten mit einem vorwurfsvollen Blick.

»Inspirierende Strahlen, dass ich nicht lache«, brummte sie und trat hinaus auf die Rennie Street.

Sie lief drei Häuserblocks und bog dann in die Dufrene Street ab, wo die After Work-Pubgänger vor dem Strumpet and Pickle sich bis draußen auf dem Gehweg drängten. Rasch wechselte sie auf die andere Straßenseite und wollte gerade durch das östliche Tor in den Alexandria Park gehen, als sie wie angewurzelt stehen blieb, sich auf dem Absatz umdrehte und zurücksah zu den aufgehübschten ehemaligen Lagerhallen auf der anderen Seite der Straße, in denen der große Markt untergebracht war.

Schwer zu sagen, was sie just in diesem Augenblick dazu veranlasste. Womöglich schien ihr die Sonne von ihrer gegenwärtigen Position in den Fischen in einem eigentümlichen Winkel ins Gesicht, oder der Mond und die Venus zerrten von ihrem Kuschelsitz im Wassermann gemeinsam an ihrem Ärmel. Oder womöglich sendete Jupiter, der gerade in der Jungfrau herumpolterte, irgendwelche ungünstigen Schwingungen aus. Vielleicht war es aber auch bloß Justines Unterbewusstsein, das eine Möglichkeit suchte, den unvermeidlichen Moment noch ein wenig hinauszuzögern, wenn sie durch die Tür in ihre leere Wohnung kommen, die neueste Folge ihrer BBC-Serie Emma anklicken und flüchtig überlegen würde, ihre beste Freundin Tara anzurufen, um dann stattdessen aber wie immer mit einem Vegemite-Toast zum Abendessen auf der Couch zu kollabieren.

Reglos verharrte Justine am Straßenrand und dachte angestrengt nach. War dafür überhaupt noch Zeit? Der Markt schloss erst um sieben. Sie warf einen Blick auf die Uhr. O ja, mehr als genug Zeit.

Sie linste in die geflochtene Basttasche, die in ihrer Armbeuge baumelte, und sah hocherfreut den schwarzen Filzstift darin liegen, der in seiner eigenen kleinen Seitentasche seines Einsatzes zu harren schien. Sie nahm die Sonnenbrille aus den Haaren und marschierte los.

Nur sehr selten besuchte Justine den Alexandria Park Market, um dort einzukaufen. Vielmehr betrachtete sie die kühlen, hohen Hallen als eine Art Kunstgalerie. Sie erging sich gerne im Anblick fremder, exotischer Blüten, die aus den übergroßen, übervollen Einmachgläsern der Floristen quollen, und schlenderte an der Auslage der Fischhändler vorbei, um die schimmernden Meeresgeschöpfe auf ihrem Totenbett aus Eis zu bewundern.

Zielstrebig ging sie vorbei an den Blumenhändlern, den Metzgern und Bäckern, hinüber zur Obst- und Gemüseabteilung. Unauffällig schlich sie zu einer Holzkiste, in der sich die Wassermelonen stapelten, schob die Sonnenbrille hoch und spähte auf die Auslage mit den Hass-Avocados. Und da war es, auf einem Plastikstängel thronte es hoch über den Früchten. Das Schild des Anstoßes.

ADVOCADOS.

Lernte der Mann es denn nie? Dieser Obsthändler verstand offensichtlich sein Handwerk. Ja, sogar mehr als das. Er stapelte seine Granatäpfel, dass sie aussahen wie die Kronjuwelen eines fernen exotischen Landes. Er vermochte es, Äpfel ohne Fehl und Tadel auszuwählen, und die Trauben benetzte er mit derart feinem Sprühnebel, dass sie den ganzen Tag lang frisch und verlockend funkelten. Weshalb es ihr einfach nicht in den Kopf wollte, dass er stur wie ein Esel ein ums andere Mal »Avocados« falsch schrieb. Und doch war es so. Woche um Woche verbesserte Justine diesen dummen Schreibfehler, worauf der Gemüsehändler das korrigierte Schild wegwarf und beharrlich durch ein weiteres ersetzte, das abermals für verdammte ADVOCADOS warb. Es war zum Aus-der-Haut-Fahren. Aber Justine ließ sich nicht beirren.

Sie wartete, bis die Aushilfe hinter der Theke einen Moment abgelenkt war, dann zog sie schwungvoll den Filzstift heraus. Rasch strich sie das überflüssige »D«. AVOCADOS. Ach, herrlich. So gehörte das.

Zufrieden, die Weltordnung wiederhergestellt zu haben, drehte Justine sich auf dem Absatz um und wollte schnellen Schrittes zum Ausgang des Marktes an der Dufrene Street marschieren. Aber sie kam nicht weit, denn schon nach ein paar Schritten kollidierte sie mit einem riesenhaften Fisch.

Schwer zu sagen, was für ein Fisch es genau war. Er schimmerte silbergrau, und die Lippen waren mit rosarotem Satinband eingefasst. Die Augen waren übergroß, gelb und konvex, wie lackierte halbierte Tischtennisbälle. Eine sehr aufrecht stehende Rückenflosse setzte am Hinterkopf des eigenartigen Geschöpfes an und verlief dann in spitzen Zacken das ganze Rückgrat entlang. Statt Brustflossen trug der Fisch große silberfarbene Handschuhe, und er nuschelte: »Ist das erlaubt?«

Gerade wollte sie schon wüst widersprechen, als sie das menschliche Gesicht erkannte, das durch einen runden Ausschnitt im Fischkostüm herauslugte.

»Nick Jordan?«, fragte Justine ungläubig.

»Heiliger Bimbam. Justine?«

»Hallo!«

»Selber hallo.«

»Ach du lieber Himmel. Du hast dich kein bisschen verändert«, rief Justine überrascht und lächelte.

Nick grinste skeptisch und sah an seiner Fischverkleidung herunter. »Na danke.«

»Wie lange ist das jetzt wohl her?«

»Jahre«, bestätigte er, und dann nickte er, und die Silberlamé-Falten seines Fischanzugs zitterten zustimmend.

»Elf Jahre? Zwölf?«, fragte Justine, als riete sie ins Blaue.

»Unmöglich, so lange kann das noch nicht her sein«, widersprach er.

War es aber. Zwölf Jahre, einen Monat und drei Wochen. Justine wusste es ganz genau.

Irgendwo in einem Schuhkarton, oder womöglich einem Fotoalbum, gab es ein Bild von Justine Carmichael als ein paar Wochen altes Baby, rosa und winzig klein wie ein haarloses Kaninchen, wie sie auf dem Teppich neben dem zehn Monate alten Nicholas Jordan lag, der im Vergleich dazu aussah wie ein draller Sumoringer in einem Winnie-Puuh-Strampler.

Als Krabbelkinder hatten Justine und Nick im Sandkasten der Kita nicht nur die Tiny-Teddy-Kekse geteilt, sondern auch das traumatische Erlebnis, von jüngeren Geschwistern vom Einzelkinder-Thron gestoßen zu werden. Wobei Justine etwas glimpflicher davongekommen war als Nick. Ihre Eltern hatten beim zweiten Versuch einen Jungen bekommen – Austin – und danach die Produktion eingestellt. Jo und Mark dagegen hatten nach Nicks kleinem Bruder Jimmy in der Hoffnung auf ein Mädchen noch einen weiteren Versuch gewagt. Und hatten die kleine Piper bekommen.

Da gingen Justine und Nick schon gemeinsam in den Kindergarten der Eden-Valley-Grundschule, und Nick machte gerade eine Äffchenphase durch, weshalb er sich sogar im Sommer standhaft weigerte, in irgendwas anderem als seinem plüschigen Lemuren-Overall in die Vorschule zu gehen. Justine saß die ganze Zeit treu neben ihm, wenn er bei der Vorlesestunde an seinem Ringelschwanz nuckelte, und half ihm nach dem Mittagessen, die Rindenmulchstückchen vom Spielplatz aus dem Fell zu pulen.

In den ersten Grundschuljahren fing Nick dann an, in den Pausen Fußball zu spielen, während Justine auf Bäume kletterte oder mit den anderen Mädchen Vater, Mutter, Kind spielte, wobei eine von ihnen immer auf dem Boden lag und wie ein Baby schrie. Aber nach der Schule spielten Nick und Justine Stunden um Stunden miteinander, während ihre Mütter schnatternd bei Tee oder Wein zusammensaßen, und beide Kinder wussten, dass sie Jos und Mandys gelegentliche »Nur noch fünf Minuten!«-Rufe fast ausnahmslos überhören konnten. Justine wusste ganz genau, wo die Tim-Tam-Schokokekse in der Speisekammer der Jordans versteckt waren, und Nick hatte sogar eine eigene Zahnbürste bei den Carmichaels.

Irgendwo musste es auch noch eine VHS-Kassette geben mit einer Aufnahme der beiden als Siebenjährige: Nick hatte wie ein Wilder auf den Saiten einer uralten Akustikgitarre herumgeklampft, und Justine hatte mit einer herzförmigen Sonnenbrille auf der Nase in das Mikrofon ihres Kleine Meerjungfrau-Karaoke-Sets gegrölt. »Big Yellow Taxi« hatten sie gesungen, und das gar nicht mal so schlecht, und »Yellow Submarine«, auch das nur leicht schief, und dann hatten sie in ihrer kindlichen Unschuld eine sehr verruchte Version von »Some Girls« von Racey angestimmt. Aber irgendwann hatten Justine und Nick gemerkt, dass ihr Publikum – bestehend nur aus ihren Eltern – haltlos lachte. Über sie. Es sollten noch Jahre vergehen, bis Justine verstand, was in dem Lied gemeint war, wenn es hieß, dass manche Mädchen es machten und manche nicht. Aber an jenem Abend ihres Wohnzimmerkonzertes verstand sie auch so, dass die Erwachsenen sie auslachten.

Für Nick war der Auftritt wie ein Zündfunke gewesen. Kurz nach dem Konzertabend nahm er zum ersten Mal am Eden-Valley-Theaterwettbewerb teil, ein berauschendes Erlebnis, und schnell kam er dahinter, dass in den feinen Künsten ein ebenso ausgeprägtes Konkurrenzdenken herrschte wie im Sport und sich dort genauso viele Pokale sammeln ließen wie beim Fußball.

Drei Tage lang redete Nick kein Wort mehr mit Justine, weil sie ihm unabsichtlich die Show gestohlen hatte, als sie beim Buchstabierwettbewerb landesweit im Fernsehen zu bestaunen gewesen war. Am vierten Tag hatte er es dann schließlich nicht mehr ausgehalten und das Schmollen aufgegeben, um Jasper Bellamy eine reinzuhauen, der Justine eine Streberin genannt hatte. Danach war zwischen den beiden alten Freunden alles wieder gut gewesen.

Doch dann, Justine war zehn und Nick schon beinahe elf, sollte sich schlagartig alles ändern. Mark Jordan bekam eine neue Stelle in einer Stadt auf der anderen Seite des Kontinents angeboten, und die Familie verkaufte ihr Haus und zog weg. Und trotz der allseitigen, ganz ernst gemeinten Beteuerungen, unbedingt in Kontakt bleiben zu wollen, wurden die spätabendlichen Telefongespräche zwischen Mandy und Jo immer seltener und seltener, bis schließlich nur noch die unvermeidliche alljährliche Weihnachtspost in Form einer Karte, geziert vom Weihnachtsmann in knapper Badehose am Strand, übrig blieb.

Ganz riss der Kontakt zwischen den beiden Familien allerdings nicht ab, und an einem langen Australia-Day-Wochenende im Januar des Jahres, in dem Nick und Justine beide fünfzehn wurden, verabredete man sich schließlich zu einem Wiedersehen. Und so kam es, dass die Carmichaels aus dem Osten und die Jordans aus dem Westen anreisten, um sich in der Mitte zu treffen, in der brütenden Hitze einer Ferienanlage am Strand von South Australia. Und obwohl Justine sich die gesamte stickige Autofahrt über in filmreifen Szenen ausgemalt hatte, wie es wohl sein würde, ihren alten Sandkastenfreund endlich wiederzusehen, erstarrte sie bei Nicks Anblick unvermittelt wie das Kaninchen vor der Schlange.

Nick, das sah sie auf den ersten Blick, war kein linkischer Junge mehr, sondern ein junger, fast schon absurd gut aussehender Mann – so einer, dem man, wie Justine aus schmerzhafter Erfahrung wusste, besser aus dem Weg ging, wenn man sich nicht unbedingt die hochpeinliche Blöße geben wollte, eine Abfuhr einzuheimsen. Weshalb sie den ganzen Samstag und den ganzen Sonntag mit dem Sony Walkman auf den Ohren schmollend herumsaß und dröhnend laut die So Fresh-Compilation hörte, die sie zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte, und sich zwischendurch im Badezimmer einschloss, um dort in Ruhe Trübsal zu blasen und verschiedene Ohrringe und Lidschattenfarben auszuprobieren. Nick war genauso unnahbar gewesen und war endlos lange am Strand entlanggejoggt oder hatte am Pool herumgegammelt.

Ihre Eltern schauten sich das Trauerspiel eine ganze Weile wortlos an, bis sie die Nase am Sonntagabend schließlich gestrichen voll hatten von dem Teenie-Gezicke und die beiden, mürrisch und motzend, zu einem Pop-up-Rummelplatz am Strand schleiften. Und ob es nun am Duft der frittierten Hotdogs im Teigmantel und der Zuckerwatte lag, der Kindheitserinnerungen weckte, oder am Geknuffe beim Autoscooter-Fahren – was auch immer sie letztendlich aus ihrer verlegenen Befangenheit riss, am Ende saßen sie spätabends ganz allein nebeneinander am Strand, und im Hintergrund wummerte der Discobeat des Rummels durch den Sand.

Am Morgen danach lag Justine noch im Bett, als die Jordans in geballter Mannschaftsstärke hereinschneiten, um sich zu verabschieden. Durch die dünnen Pappwände des Ferienhäuschens hörte Justine alles, was nebenan geschah – ihr Bruder Aussie, der mit Jimmy herumbalgte, Piper, die heulte, weil sie nicht mitspielen durfte, Mandys und Jos Stimmen wie modulierende Geigenklänge, Drews und Marks Stimmen wie gezupfte Basstöne.

Sie hörte, wie ihre Mutter sagte: »Bestimmt steht sie gleich auf, Nick. Sie will sich ganz bestimmt noch von euch verabschieden.«

Doch selbst als Mandy schließlich zu ihr ins Zimmer kam, an das obere Etagenbett trat und ihre Tochter fest an der Schulter rüttelte, um sie aufzuwecken, vergrub Justine sich nur umso tiefer in den Laken. Sie schämte sich viel zu sehr, um den anderen ins Gesicht zu sehen. Denn sie war sich ganz sicher, jeder in ihrer Familie, und in Nicks Familie genauso, würde ihr auf den ersten Blick ansehen, dass ihre Lippen rot und geschwollen waren vom Knutschen und dass ihre Wangen wund gescheuert waren von Nicks kurzen, kratzigen Bartstoppeln. Und was noch viel schlimmer war: Mit Sicherheit könnte ihr jeder an der Nasenspitze ansehen, wie aufgewühlt und durcheinander sie war. Etwas Neues und Beunruhigendes, Herrliches und Erschreckendes, Berauschendes und Eigenartiges tobte in ihr. Es war, als sei etwas aufgesprungen, wie das Popcorn auf dem Jahrmarkt. Und sie bezweifelte, dass sie es jemals wieder gut genug verstecken könnte, damit es keiner sah.

Bestimmt erinnert er sich gar nicht mehr daran, flüsterte Justines Hirn ihr zu. Und dann sagte es dasselbe noch mal, nur falls sie es beim ersten Mal nicht gehört haben sollte.

Hirn: Bestimmt erinnert er sich nicht mehr daran.

Justine: Bist du jetzt still?

Hirn: Warum sollte er sich noch daran erinnern? Die endlosen Seiten in deinem Tagebuch, die du vollgekritzelt hast, während er einfach nach Hause gefahren ist und nie wieder einen Gedanken an dich und die ganze Geschichte verschwendet hat.

Während Justine eine stumme Debatte mit ihrem Hirn führte, schaffte sie es trotzdem irgendwie, ihre äußerst höfliche Unterhaltung nicht einschlafen zu lassen.

»Und wie geht es deiner Mum?«, erkundigte sie sich.

»Wie immer«, erwiderte Nick. »Sie wird irgendwie überhaupt nicht älter.«

»Kann ich mir vorstellen.« Justine sah die liebreizende Jo vor sich, mit ihrem strahlend weißen Lächeln und den langen braunen Haaren, die immer zart nach Karamell dufteten. Jo war Justines erste Friseurin gewesen. Sie hatte Justine auf die Arbeitsplatte in ihrer Küche gesetzt und sie mit Monte-Carlo-Keksen bestochen, damit sie stillhielt und Jo ihr die Ponyfransen stutzten konnte. »Wocken« – so hatte Jo das unberechenbare, wetterwendische Durcheinander aus Wellen und Locken auf Justines Kopf immer genannt. Jo war es auch gewesen, die Mandy beschwatzt hatte, dass Justine sich schon mit sieben Star Wars anschauen durfte, obwohl der Film erst ab zwölf freigegeben war. Und sie hatte ihr auch den Rücken gestärkt, als Justine in der dritten Klasse einmal riesigen Ärger bekam, weil sie ihre Lehrerin als alte Hexe beschimpft hatte. »Sei nicht so streng mit ihr, Mandy«, hatte Jo zu ihrer Freundin gesagt. »Wo sie recht hat, hat sie recht.«

»Und Jimmy?«, fragte Justine.

»Professioneller Stepptänzer, ob du es glaubst oder nicht. Aber Piper ist doch tatsächlich in Dads Fußstapfen getreten.«

»Wirklich?«

»Fullback für Carlton in der AFLW. Sie ist ein einziges Muskelpaket – ich könnte es längst nicht mehr mit ihr aufnehmen. Und deine Eltern?«, fragte Nick.

»Wohnen immer noch in Edenvale. Alles beim Alten.«

»Sag jetzt nicht, deine Mum ist immer noch der Wetterfrosch beim Lokalsender?«

»Nein, inzwischen hat sie einen leitenden Posten in der Kommunalverwaltung. Du machst dir keine Vorstellung, wie viel Spaß sie dabei hat, andere Leute herumzukommandieren. Dad ist mittlerweile in Rente und hat sich eine Cessna Skycatcher zugelegt, aber er fliegt damit bloß kleine Runden und schaut sich die Felder von oben an. Alte Gewohnheit von ihm.«

»Und du? Wohnst du hier in der Nähe?«

»Auf der anderen Seite des Parks. Nan hat meinem Dad ihre alte Stadtwohnung vermacht, Gott hab sie selig. Und du?«

»Ich bin gerade sozusagen mitten im Umzug, aber ja, die Stadt ist cool. Ich fühle mich hier richtig zu Hause.«

Misstrauisch beäugte Justine Nicks Silberlamé-Fischoverall. »Und das hier? Machst du Werbung für, ähm … Fisch?«

»Austern, genauer gesagt«, erklärte er mit einem Blick zum eisgefüllten Verkaufsstand eines Fischhändlers. »Nur ein paar Tage die Woche, für eine Werbeaktion. Ich laufe rum und rufe Sachen wie: Jede Muschel eine Perle, Mann, komm und hol sie dir. Hey, schon mal eineMeerjungfrau geküsst? Ich weiß doch, dass du es willst.«

Justine verzog das Gesicht. »Ich hab gehört, du warst auf der Schauspielschule.«

Worauf Nick erklärte, wie schwer es sei, mit der Schauspielerei allein genug Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen, und dass er darum die Zeit zwischen den eher unregelmäßigen Engagements am Theater mit Einsätzen als Barista, Kellner, Katalogausträger, Ferienschauspiellehrer und Maurer überbrückte.

»Was wesentlich anstrengender ist, als ein Fisch zu sein«, sagte er grinsend. »Aber bedeutend weniger peinlich. Und du? Was machst du so? Klapperst die Obst- und Gemüsestände der Stadt nach Rechtschreibfehlern ab? Ist das ein Ausbildungsberuf? Für Kinder, die Buchstabierwettbewerbe gewonnen haben?«

Er erinnert sich noch an den Buchstabierwettbewerb, sagte Justine, leicht selbstzufrieden, zu ihrem Hirn.

»Ich arbeite beim Alexandria Star.«

»Du schreibst für den Star? Ich liebe den Star. Habe ich vielleicht schon mal was von dir gelesen?«

»Ich habe noch nicht …«, setzte Justine an. »Ich bin bloß …«

Justine suchte nach den richtigen Worten, doch noch ehe sie ihr einfallen wollten, fiel Nick ihr ins Wort: »Hey, ehrlich gesagt ist es ein bisschen seltsam, mich mit dir zu unterhalten, während ich in einem riesengroßen Fisch stecke. Wir könnten ja vielleicht, na, du weißt schon, wenn du heute Abend noch nichts vorhast … dann könnten wir uns vielleicht Fish and Chips besorgen und rüber in den Park gehen? Aber, du weißt schon, kein Stress – nur, wenn zu Hause niemand auf dich wartet oder so.«

Sie hatte Hunger, und Fish and Chips klang einfach köstlich. Trotzdem schaffte Justine es in einem Meisterstück der Selbstbeherrschung, nicht gleich mit einer Antwort herauszuplatzen. Sie legte den Kopf schief, damit er sah, dass sie erst überlegen musste.

»Wenn es gerade nicht passt oder …«

Sie lächelte. »Es wartet keiner auf mich.«

Eine frische Brise wehte eine leichte La-Ola-Welle durch die höchsten Blätter der imposanten alten Bäume des Parks, als Justine und Nick durch das gusseiserne Tor mit den hohen Pfeilern schlenderten. Nick schob mit einer Hand ein ramponiertes Fahrrad, und obwohl er das Fischkostüm längst ausgezogen hatte, verströmten seine Shorts, sein Wo die wilden Kerle wohnen-T-Shirt und seine Haut noch einen unverkennbar strengen marinen Duft.

Feierabendliche Jogger stampften über die Trampelpfade im Park, und kleine Hunde mit teurem Halsband jagten Bällchen auf dem Rasen. Nick suchte ihnen ein Fleckchen an einem kleinen Hügel, von wo man einen herrlichen Ausblick über die Stadt hatte und das Gras im verblassenden Tageslicht kupfern schimmerte. Er lehnte das Rad gegen einen Pflanzkübel mit krausem Zierkohl und streckte sich auf dem Rasen aus. Auf den Ellbogen gestützt riss er das weiße Papierpäckchen mit dem Essen entschlossen auf und stopfte sich gierig eine ganze Handvoll der dampfenden Fritten in den Mund.

»Entschuldige, Selbstbeherrschung ist nicht gerade meine Stärke, ich weiß. Aber es ist Jahre her, seit ich das letzte Mal Fish and Chips gegessen habe«, murmelte Nick mit halb vollem Mund.

Justine, die ihm gegenübersaß, nahm eine Pommes und biss vorsichtig mit den Zähnen in ein Ende. Sie hatte einen Bärenhunger, und die Fritten waren perfekt – außen knusprig und leicht gebräunt, innen weiß und fluffig.

Nick hatte schon die zweite Handvoll verdrückt, als er schließlich den Faden wieder aufnahm. »Also, der Star, ja? Wie ist es, da zu arbeiten? Was war deine letzte große Story?«

Justine seufzte. »Keine große Story. Derzeit bin ich bloß der Laufbursche.«

»Heißt das …«

»Genau das heißt es. Ich bin ganz offiziell der Dödel vom Dienst. Ich hatte eigentlich gehofft, eines schönen Tages würde sich die Chance auf eine Festanstellung ergeben, aber …«

»Wo wir gerade dabei sind, müsste die neueste Ausgabe nicht bald rauskommen?«

»Morgen am Zeitungskiosk Ihres Vertrauens«, flötete Justine mit aufgesetzter Werbestimme. »Wobei für ausgewählte Leser auch die Möglichkeit besteht, ein exklusives Vorabexemplar zu ergattern.«

Sie wies auf ihre Tasche, aus der ein druckfrisches, aufgerolltes Exemplar der Zeitschrift herausschaute. Nicks Augen wurden vor Begeisterung groß und rund wie bei einem Kind.

»Darf ich?«, fragte er.

»Nur zu.«

Gedankenverloren wischte er sich die fettigen Finger am T-Shirt ab, bevor er nach dem Heft griff. Er schlug es von hinten auf und blätterte es durch, bis er – recht zielstrebig, wie Justine fand – das Horoskop gefunden hatte. Mit einem Lächeln fiel ihr wieder ein, wie besessen er als Teenager von Astrologie gewesen war. Sie hatte gedacht, er würde dem irgendwann entwachsen wie seinem Lemurenkostüm.

Seltsam, dachte Justine. Einerseits fühlte es sich ganz selbstverständlich an, hier mit Nick zu sitzen. Als würde sie ihn ihr Leben lang kennen. Was ja auch irgendwie stimmte. Aber andererseits war er ihr vollkommen fremd. Womöglich war er ein kleines bisschen größer, als sie ihn in Erinnerung hatte, und nicht ganz so schlaksig. Aber das Gesicht. Das Gesicht war irgendwie anders. Inwiefern?, fragte sie sich, als hätte sie einen Stift in der Hand und solle ganz genau die winzig kleinen Veränderungen an diesem neuen, älteren Nick Jordan markieren.

Zuerst musste sie an ein russisches Matroschkapüppchen denken. Vielleicht war dieser Nick wie die größte Figur von allen, und sie kannte nur die kleineren, darin verborgenen Figürchen. Aber nein, dachte Justine dann. Das traf es nicht ganz. Es war eher, als hätte der ältere Nick sich aus dem jüngeren herausgeschält – Kinn, Wangenknochen, Augenbrauen waren markanter und hervorstechender. Die weit auseinanderstehenden Augen waren noch genauso strahlend blau wie früher, die Gesichtszüge waren lebhaft und ausdrucksstark, und das Lächeln saß ein bisschen schief im Gesicht.

Er las aufmerksam, die dunklen Augenbrauen hoch konzentriert zusammengezogen. Dann klappte er die Zeitschrift wieder zusammen und tippte mit dem Finger auf die Rückseite. Er wirkte verdattert und schüttelte den Kopf, wie um ihn frei zu machen.

»Wie ist er so?«, fragte er Justine.

Sie hatte keinen Schimmer, wovon er redete. »Wer ›er‹?«

»Leo Thornbury«, sagte Nick ganz selbstverständlich.

Es dauerte einen Augenblick, bis Justine verstand, worum es ging. Wenn sie den Star las, überschlug sie normalerweise die Beiträge, die sie nicht interessierten. Wie die Gartenkolumne. Oder das Horoskop. Das von einem angeblich sehr prominenten Astrologen verfasst wurde, besagtem Leo Thornbury.

Justine wusste nur drei Dinge über Leo Thornbury. Erstens, wie er auf dem kleinen Schwarz-Weiß-Foto aussah, das seine Kolumne zierte und das, soweit sie wusste, seit Urzeiten dasselbe war. Darauf hatte er dichtes silbergraues Haar und buschige Augenbrauen über tief liegenden Augen und sah aus – so hatte sie einmal gedacht – wie eine Mischung aus George Clooney und Frankensteins Monster. Zweitens wusste sie, dass er eine Vorliebe dafür hatte, in seinen Horoskopen bekannte Persönlichkeiten zu zitieren, berühmte Schriftsteller, Philosophen und Geistesgrößen. Und drittens und letztens wusste sie, dass Leo Thornbury ein veritabler Einsiedler war.

»Ich bin ihm noch nie begegnet«, antwortete sie. »Ich glaube, keiner von uns ist ihm je begegnet.«

»Wie? Noch nie? Keiner von euch?«

»Na ja, Jeremy vielleicht, in den Anfangsjahren. Er ist unser Herausgeber. Aber wir anderen, nein. Leo Thornbury kommt nicht mal zu unseren Weihnachtsfeiern. Was mich wirklich stutzig macht. Das Essen bei den Weihnachtsfeiern des Star ist so großartig, selbst unsere Gartenkolumnistin überwindet dafür einmal im Jahr ihre Sozialphobie. Angeblich lebt Leo auf einer einsamen Insel, aber ich glaube, keiner weiß so genau, wo.«

»Und was ist mit dem Telefon? Irgendwer muss doch gelegentlich mit ihm sprechen.«

»Ich glaube nicht«, meinte Justine. »Ich habe jedenfalls noch nie gehört, dass jemand das erwähnt hätte. Um ganz ehrlich zu sein, weiß ich nicht mal, ob er … wirklich echt ist. Vielleicht ist Leo Thornbury gar kein Mensch, sondern eine Maschine oder so. Ein Computer irgendwo in einem Raum, der unzusammenhängendes Zeug ausspuckt.«

»Mensch, was bist du bloß für eine bitterböse Zynikerin.«

»Zynikerin? Ich? Ich dachte, ich bin Schütze.«

Nick dachte kurz nach. »Das bist du. Geboren am vierundzwanzigsten November.«

Er erinnerte sich an ihren Geburtstag. Hey, hast du das gehört?, sagte sich Justine, noch ein bisschen selbstzufriedener als vorhin. Er erinnert sich an meinen Geburtstag. Sie hatte ein warmes Kribbeln im Nacken und auf den Wangen und sagte ein stummes Dankeschön dafür, dass die Sonne inzwischen untergegangen war und Nick nicht sah, wie sie errötete.

Nick blätterte im Star, bis er zu den Horoskopen kam. Im Dämmerlicht konnte er die Buchstaben kaum noch erkennen. Aber dann wurde irgendwo ein unsichtbarer Schalter umgelegt, und die Lichter des Parks – milchige Kugeln an schmiedeeisernen Laternenmasten hoch über den Wegen – leuchteten auf.

»Ah, vielen Dank«, murmelte Nick. »Wo waren wir, wo waren wir? Waage, Skorpion … Schütze. Da haben wir es. Machen Sie sich auf einiges gefasst, Bogenträger. Im Laufe des kommenden Jahres sorgt Saturn in Ihrem Zeichen für tiefe Erschütterungen Ihres Weltbildes. Wappnen Sie sich in diesem Monat für die ersten leichten Vorbeben. Ende März bieten sich neue Karrierechancen, aber berufliche Veränderungen könnten noch Monate darüber hinaus andauern.«

Nick sah Justine an und nickte, als sei er tief beeindruckt von ihrer beachtlichen Leistung.

»Und?«, fragte sie.

»Na, das ist doch gut, oder? Ich hätte gedacht, dass das was Gutes ist.«

Justine schnaubte verächtlich. »Tiefe Erschütterungen Ihres Weltbildes … was soll das denn bitte heißen?«

»Nein, ich meine die Karrierechancen. Die beruflichen Veränderungen.«

»Beim Star verändert sich nichts. Rein gar nichts. Außer dass Jeremy uns womöglich eines schönen Tages damit überrascht, dass er mit Krawatte zur Arbeit kommt.«

»Tja, Leo hat berufliche Veränderungen vorhergesagt. Und Leo weiß alles«, erwiderte Nick, und obwohl ein Anflug von Selbstironie in seinem Lächeln mitschwang, hatte Justine doch den Eindruck, dass er es, zumindest ansatzweise, sehr ernst meinte.

»Und, was für tiefschürfende Erkenntnisse hat Leo diesen Monat für dich?«

»Na ja, ich weiß offen gestanden nicht so richtig, was er mir damit sagen will«, gab Nick zu. »Hier steht: Wassermann. ›Welch eine beängstigende Kreatur ist doch der Mensch‹, schrieb Steinbeck, ›jede Menge Messuhren, Skalen und Regler, aber ablesen können wir nur wenige, und die vermutlich nicht einmal korrekt.‹ Für Wassermänner ist dies ein Monat der Neuausrichtung, in dem Ihnen aufgeht, dass nicht nur das Innenleben anderer Rätsel aufgeben kann, sondern auch die Mechanismen des eigenen Selbst. In stillen Momenten leiser Einsicht vermögen Sie womöglich das Verständnis dessen neu auszurichten, was Sie wirklich antreibt. Was glaubst du, hat das zu bedeuten?«

Justine zuckte die Achseln. »Ähm … dass Leo Thornburys Zitate-Generator gerade bei S wie Steinbeck war.«

»Nein, was meinst du, hat das für mein Leben zu bedeuten?«, hakte Nick nach, aber Justine hatte nicht das Gefühl, dass diese Frage unbedingt ihr galt.

Und dann, noch bevor sie zu einem kleinen Monolog ansetzen konnte über die bewusst allgemein gehaltene, vage Art astrologischer Voraussagen und dass die Kunst vor allem darin bestand, Sätze zu formulieren, die auf alles und jeden zutrafen, sah sie einen Gedanken in Nicks Kopf aufblitzen: Man konnte es ihm ansehen, als ploppte eine neue E-Mail auf.

»Warte«, murmelte er.

Er angelte das Handy aus der Hosentasche, und Justine sah zu, wie er etwas in das Google-Suchfeld tippte und dann rasch die Ergebnisse durchscrollte.

»Ja, ja, ja!«, rief er. »Jetzt hab ich’s. Ich weiß, was Leo mir damit sagen will!«

»Und zwar?«

»Er meint, ich soll den Romeo spielen!«

Justine runzelte die Stirn. »Den Romeo?«

»Ja, den Romeo«, erwiderte Nick und tippte nachdrücklich mit dem Finger auf das Handy-Display. »Das ist nicht bloß irgendein Steinbeck-Zitat. Das ist aus Winter unseres Missvergnügens.«

Justine dachte kurz nach und schüttelte dann den Kopf. »Verstehe ich nicht.«

»Der Titel ist wiederum selbst ein Zitat, und woher das stammt, das weißt du doch, oder?«

»Wenn ich mich recht entsinne … stammt das Original aus Richard III.«

»Und?«, fragte Nick.

»Und was?«

»Und wer hat Richard III. geschrieben? Shakespeare hat’s geschrieben.« Nick wurde immer aufgeregter und sein ganzes Gebaren immer theatralischer. »Kapierst du es denn nicht? Das musst du doch auch sehen!«

»Ähm … ich tue mich gerade etwas schwer.«

»Also, ich stehe vor der Wahl. Es gibt eine Produktion von Romeo und Julia. Sie haben mir gesagt, wenn ich die Rolle will, kann ich den Romeo spielen. Aber die Inszenierung … es ist kein bekanntes Ensemble oder so. Es sind nicht mal alles Profis. Aber andererseits habe ich noch nie den Romeo gespielt. Und für die anderen Hauptrollen hat der Regisseur ein paar recht bekannte Namen verpflichten können. Es gibt so wenig gute Angebote.«

»Und willst du es machen?«, fragte Justine.

»Na ja, die Rolle wollte ich immer schon mal spielen. Aber die Bezahlung ist unterirdisch. Also quasi nicht vorhanden. Statt Gagen bekommen wir eine Gewinnbeteiligung – was normalerweise darauf hinausläuft, dass wir uns eine Kiste Wein für die Party nach der letzten Vorstellung leisten können.«

Es wurde kurz ganz still. Dann sagte Nick: »Es ist fast schon unheimlich, wie zutreffend Leos Horoskope immer sind. Wenn er sagt, ich soll Shakespeare spielen, dann wird er einen triftigen Grund dafür haben. Leo weiß einfach mehr als wir. Wenn ich beherzige, was er sagt, geht es am Ende immer gut aus. Eins führt … na ja … zum anderen halt.«

Justine starrte ihn sprachlos an. »So triffst du wichtige Entscheidungen im Leben?«

Nick zuckte die Achseln. »Oft, ja.«

»Hat Steinbeck nicht auch irgendwas gesagt nach dem Motto, wir wollen nur jenen Rat hören, der uns in unserer Meinung bestärkt?«, gab Justine zurück.

Nick schüttelte den Kopf, abwehrend, aber nicht unbeeindruckt. »Das stimmt, ich weiß noch, du hattest immer schon so ein gruselig gutes Gedächtnis. Du bist der einzige Mensch, den ich kenne, der solche Zitate einfach aus der leeren Luft greifen kann.«

Justine tat sein Kompliment mit einem Schulterzucken ab. »Ich will damit nur sagen, wenn du den Romeo spielen willst, dann spiel den Romeo. Dazu brauchst du doch nicht die Worte eines durchgeknallten Sterndeuters zu verdrehen, damit er dir seinen Segen gibt.«

»Leo Thornbury ist kein durchgeknallter Sterndeuter. Er ist ein Gott.« Wie elektrisiert sprang Nick auf, und der Rasen wurde unvermittelt zur Bühne. »Shakespeare war Stier. Erdig, lustvoll. Aber Romeo, der … der war Fische.«

»Wie bitte? Willst du etwa behaupten, du wüsstest Romeos Sternzeichen?«

»Tue ich.«

»Und wo im Text steht noch mal genau sein Geburtsdatum?«

»Das merkt man doch. Er ist ein Träumer, ein Fantast, mit dem Kopf in den Wolken. Und niemand neigt mehr zur Selbstaufopferung als Fische.«

»Du hast wohl zu lange in deinem Fischkostüm gesteckt.«

»Doch still, was schimmert durch das Fenster dort? Esistder Ost, und Julia die Sonne …«

»Vielleicht solltest du wirklich den Romeo spielen«, meinte Justine und lachte. »Er tut sich auch nicht gerade leicht, Entscheidungen zu treffen.«

»Mach dich ruhig lustig, aber Leo sagt, das ist die richtige Entscheidung. Leo sagt, ich soll es machen. Und Leo wird seine Gründe dafür haben.«

Und dann sprang Nick aus dem Stand auf die Kante eines Blumenkübels und balancierte vorsichtig auf dem Rand, um die kleinen Kohlköpfe darin nicht zu zerquetschen. Den zusammengerollten Star wie die Silhouette einer nicht entzündeten Fackel in der Hand warf er sich vor dem dunklen Himmel in Heldenpose. Justine schüttelte nur lächelnd den Kopf.

»Doch er, der mir zur Fahrt das Steuer lenkt, richt auch mein Segel!«, rief Nick.

Scheitelpunkt

Ende März rückte die Sonne auf dem gigantischen Monopoly-Brett des Kosmos’ um ein Spielfeld vor, von den Fischen zum Widder, womit sich der Tierkreis schloss und gleichzeitig ein neuer begann. Kurz nachdem die Uhr in der Nacht, die Flossen- und Hornträger trennte, zwölf geschlagen hatte, trat eine junge Frau aus der Hintertür ihrer Dreizimmer-Verbundplatten-Mietwohnung in einen winzigen Innenhof.

Das Gesicht dem Nachthimmel zugewendet wartete sie, bis ihre Seele in ihrem Körper gemächlich eine 180-Grad-Drehung gemacht hatte und sie spürte, wie sie von der Erde hing und nach unten baumelte: ein menschlicher Kronleuchter, der mit den Füßen von einer Decke aus hässlichen Waschbetonplatten hing, die sie nun keinen Grund mehr hatte anzusehen. Sie ließ ihren Blick in die endlose Ferne zwischen den Sternen schweifen.

Meistens war sie Nicole Pitt – Wassermann, freiberufliche Nagelkünstlerin, zweifache alleinerziehende Mutter und tunlichste Meiderin (weiterer) nichtsnutziger Männer sowie gänzlich unbeeindruckte Versorgerin der mageren Katze des drogenabhängigen Nachbarn, die, soweit sie wusste, Mistvieh heißen musste. Drinnen im Haus schliefen Nicoles kleine Jungs auf Schaumstoffmatratzen auf dem Boden, die weichen kleinen Ärmchen und Beinchen unter den Laken hervorgestreckt.

Ihr Küchentisch – und überhaupt ihr einziger Tisch – war mit einem Sternbild aus Schnickschnack überzogen, das akkurat die ganze Unvereinbarkeit und Unorganisiertheit ihres Lebens widerspiegelte: die ADHS-Medikamente ihres Ältesten, etliche beinahe leere Fläschchen Nagellack in sämtlichen angesagten Farben, die sie längst hätte nachfüllen müssen, aufgeklappte astrologische Almanache, ein kastiger alter Laptop mit Sprung im Bildschirm und die Märzausgabe des Alexandria Park Star, aufgeschlagen auf der Seite mit den Horoskopen.