Unter kalten Duschen - Swany Swanson - E-Book

Unter kalten Duschen E-Book

Swany Swanson

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Beschreibung

So hatte sich Jona seinen Sommer nicht vorgestellt – weil sein bester Freund die Semesterferien über verreist, soll er dessen Ferienjob bei den Duvalls übernehmen. Das bisschen Babysitten ist zuerst kein Problem. Doch dann bekommt er es mit Tristan, dem arroganten Erstgeborenen der Duvalls, zu tun. Nach einer anfänglichen Eiszeit kocht die Stimmung zwischen den ungleichen jungen Männern hoch. Als sie erkennen, dass sie einander ähnlicher sind als erwartet, ist ihre Zeit fast schon abgelaufen. Und dann passiert ein schrecklicher Unfall.

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Seitenzahl: 245

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Unter kalten Duschen

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2020

http://www.deadsoft.de

© the author

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte:

© mylisa – shutterstock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-428-5

ISBN 9798-3-96089429-2 (epub)

Inhalt:

Ich danke Justin für seine Sorgfalt,

Nadine für ihre Zeit,

Lea für ihren Traum,

Sarah für ihren Garten

Kapitel 1: Neue Aufgaben

1

Ich hasste den Sommer. Vor allem, wenn er schon im Frühling anfing. Es war gerade Mai und fühlte sich wie Juli an. Nicht einmal auf die Jahreszeiten konnte man sich verlassen. Das dachte ich, als ich auf einem Stuhl des Cafés im Freien Platz nahm.

Nach der friedlichen Begrüßung meines Freundes hatte ich mich in Sicherheit gewähnt. Wir plauderten kurz, bevor er unverhofft das Feuer auf mich eröffnete.

«Warst du schon bei deinem Vater?»

Bei den Worten verkrampfte sich mein Magen wie auf Kommando. Ich verfluchte mich für meine Naivität. Dabei hätte ich damit rechnen müssen, dass Tim mich nicht verschonen würde. Nicht nachdem er mich seit Wochen zu dem Gipfeltreffen gedrängt hatte. Immerhin war ich genau deshalb hier. Gewissermaßen hatte ich sogar Anlauf genommen, um ins kalte Wasser zu springen. Dennoch fühlte ich mich unvorbereitet.

«Noch nicht», wich ich aus. Zusätzlich zum verbalen Angriff wirkte das Fenster des Cafés wie ein riesiges Brennglas, das die Sonnenstrahlen in der schmalen Stelle zwischen meinen Schulterblättern bündelte, sodass ich von beiden Seiten ins Schwitzen kam.

«Aber das wirst du noch, oder?» Als ich nicht antwortete, kniff Tim die Stirn zusammen. «Du weißt, was wir besprochen haben. Jona …» Mein Name war ein einziger Vorwurf aus seinem Mund.

«Ich soll nach vorne schauen und tun, wonach mir ist?», wiederholte ich eine der vielen Quintessenzen unserer letzten Gespräche.

«Nein! Auch. Aber zuerst musst du mit der Vergangenheit aufräumen. Es ist wichtig, dass du zu deinem Vater gehst, jetzt, wo er wieder zu Hause ist.»

«Ich weiß.»

«Du musst ihm zeigen, dass es dir leidtut.»

«Ja.»

«Dass du ihn nicht absichtlich verletzen wolltest. Er wird sicher verstehen …»

In der Ferne sah ich, wie die Hitze auf dem Asphalt waberte, als wäre die Straße zu Wackelpudding geworden, der drauf und dran war, sich in Luft aufzulösen. Ein Auto rollte vorbei und nahm mir die Sicht.

«Ich fahre gleich zu ihm», unterbrach ich meinen Freund. Als ich seinen verwirrten Blick sah, bemühte ich mich um ein Lächeln. «Und wann startest du deinen großen Trip?»

Kurz sah es so aus, als würde Tim den Themenwechsel nicht durchgehen lassen. Im letzten Moment gewann dann aber sein Mitteilungsbedürfnis über den Drang, mich festnageln zu wollen. Ich war erleichtert, als er seine Sorgenmiene fallen ließ und stattdessen zu strahlen begann.

«In drei Tagen geht’s los!» Aufgeregt erzählte er mir, wie er bald die Küste Mexikos erkunden, auf den Spuren der Mayas wandeln und hoffentlich beim Tauchen seinen ersten Hai sehen würde. Natürlich im Beisein seiner Freundin Jenny.

Tim redete und redete und ich schweifte gedanklich ab und wusste nicht, was ich die Semesterferien ohne ihn machen sollte. Seitdem ich wegen des Studiums in Düsseldorf lebte, war Tim der einzige Freund, den ich noch hatte. Nicht dass ich je besonders viele Freunde gehabt hätte. Doch jetzt musste ich immer mit dem blöden Zug nach Essen gondeln, um ihn zu treffen. Zudem waren die Besuche noch seltener geworden, seit er mit Jenny zusammen und die Sache mit meinem Vater passiert war.

Zum Glück gab es noch Handy und Telefon. Damit überbrückten wir jeden Mittwochabend um sieben für eine Stunde die Entfernung zwischen uns. Wir quatschten dann darüber, wie unsere Woche gelaufen war, und brachten uns gegenseitig auf den neusten Stand. Der aktuell so aussah, dass mein bester und einziger Freund mal eben für zwei Monate die Biege nach Übersee machen und ich den ganzen Sommer in Zwangsisolation verbringen würde.

«Ich schicke dir Fotos. Vielleicht lege ich für die Reise auch einen Blog an, dann weißt du immer, wo ich bin und kannst die Botschaft alarmieren, wenn ich irgendwie verschwinden sollte. Mit Telefonieren könnte es ja schwierig werden in Mexiko.»

‹Logisch›, dachte ich. Würde Tim mich sogar im Urlaub regelmäßig anrufen, würde Jenny ihm wohl den Hals umdrehen. Oder eher mir. Schließlich war sie schon jetzt kein Fan von mir und den ständigen Mittwochstelefonaten. Was ich ihr nicht einmal verübeln konnte, denn mit Sicherheit hatte Tim ihr erzählt, dass ich schwul war. Und nur weil er und ich wussten, dass das nichts mit unserer Freundschaft zu tun hatte und auch nie haben würde, fanden andere die Sache bestimmt nicht weniger komisch.

Von dem Gedanken wurde mir ein bisschen schwindelig. Als der Kellner vorbeikam, bestellte ich mir kurzerhand zwei Gläser Cola. Mittlerweile zuckte Tim bei so einer Bestellung nicht einmal mehr mit der Wimper. Was mich freute, weil es tierisch nervte, immer auf meinen Cola-Konsum angesprochen zu werden. Noch so eine Sache, die bei mir anscheinend nicht normal war.

«Freut mich», sagte ich, als der Kellner weg war. «Ich hoffe, ihr zwei habt da unten eine richtig gute Zeit. – Was denn?»

Tim grinste mich mit schiefem Mund an: «Du bist ein erbärmlicher Lügner, Jona!»

«Was? Was habe ich denn gesagt?»

«Ich weiß, dass du es nicht toll findest, den Sommer allein zu sein. Tut mir leid.»

Tims Gesicht wurde mit einem Schlag wieder ernst und ich begriff sofort. «Braucht es nicht», sagte ich schnell.

Dann tauchte der Kellner neben mir auf und ich streckte die Hände nach den beiden Gläsern wie nach einem Rettungsring. Direkt nahm ich einen so großen Schluck, dass ich fast ertrunken wäre. Wenigstens war ich abgehärtet genug, um bei anhaltendem Blick ins Cola-Glas nicht vor lauter Kohlensäure in Tränen auszubrechen.

«Na ja», hörte ich Tim sagen – ohne diesen heiseren Unterton in der Stimme, den er seit Kurzem häufiger hatte, wenn wir sprachen. «So langweilig wird dein Sommer vielleicht gar nicht. Ich habe da nämlich einen kleinen Überfall auf dich vor. Du erinnerst dich doch bestimmt an meinen Semesterferienjob, oder?»

«Hausmädchen spielen?», fragte ich irritiert. Dass er nach dieser Ankündigung seinen Ferienjob ins Spiel brachte, beunruhigte mich ein wenig.

«Na ja, Hausmädchen. Eher Babysitter, ein bisschen Putzen, Gärtnern … sowas. Du kennst dich doch mit Pflanzen und Grünzeug aus, oder?» Die Frage war dermaßen fadenscheinig, dass ich mich kaum zurückhalten konnte, die Brauen zu heben. «Jaah …?»

«Also, wie du weißt, ist dieser Job extrem wichtig für mich. Damit finanziere ich mir quasi mein Studium, deshalb …»

«Jetzt spuck’s schon aus», fiel ich ihm ungeduldig ins Wort.

«Na schön. Wegen Mexiko werde ich diesmal leider nicht bei den Duvalls arbeiten können.» Ich wusste, was kam, noch bevor er die Bombe platzen ließ. «Aber du ja vielleicht.»

«Nein.»

«Was? Aber du …»

«Nein», wiederholte ich.

«Jetzt warte doch mal. Wenn ich da absage, kann ich den Job wahrscheinlich auch für die nächsten Jahre vergessen und ich brauche die Kohle echt dringend! Außerdem macht das wirklich Spaß! Die Familie ist total nett und die haben ein superschönes Haus. Eigentlich ist es mehr eine Villa. Was sagst du?» Er klang regelrecht verzweifelt.

«Du willst, dass ich für dich als Hausmädchen bei wildfremden Leuten einspringe, damit du nach Mexiko fliegen kannst, ohne hier deinen Job zu verlieren?», fasste ich seinen Antrag zusammen.

Tim runzelte die Stirn, als hätte ich ihm eine komplizierte Rechenaufgabe gestellt. Nach Prüfung der einzelnen Variablen klärte sich seine Miene auf. «Ja. Doch, ja. Außerdem würde ich selbstverständlich für immer in deiner Schuld stehen. Also?»

«Mhm. Nein.»

«Komm schon, Jona, bitte! Ich flehe dich an, Mann! Nur zwei Monate. Du kannst das Geld auch behalten.»

«Ich brauche kein Geld.» Gut, das war gelogen. Schließlich würde ich nicht ewig von meinem Stipendium leben können. Beim Versuch, mir mich als Babysitter vorzustellen, musste ich daran denken, wie ich einmal alle Zierfische meines Vaters gegrillt hatte. Feuer im Aquarium, das musste man erst mal hinkriegen. Es war Winter gewesen. Ich hatte Mitleid mit den Fischen gehabt und die Wassertemperatur hochgestellt. Danach durfte ich nie wieder ein Haustier haben.

«Du glaubst, dass ich als Kindermädchen taugen würde?», überlegte ich laut. Die Frage war ein Fehler gewesen. Eine Art Zugeständnis, mit dem ich mich unabsichtlich auf Tims Angebot eingelassen hatte, wie mir schnell klar wurde.

«Logisch könntest du das, ist ehrlich ganz easy. Der Kleine, auf den du aufpassen sollst, ist superunkompliziert und du hast kaum was zu tun. Eigentlich kannst du die halbe Zeit in der Villa chillen. Die haben sogar einen riesengroßen Pool im Keller.» Seine Augen wurden über die Lobhudelei immer größer.

«Dann geh doch da tauchen und sag Mexiko ab», schlug ich vor und leerte das erste Glas Cola.

«Witzig, Jona. Im Ernst, das wäre genau das Richtige für dich. So kämst du wenigstens in den Ferien mal unter Leute, statt dich nur in irgendwelchen Semesterarbeiten zu vergraben.»

«Wo du es sagst: Ich muss tatsächlich langsam mit meiner Bachelorarbeit anfangen.»

Statt wie erwartet mit den Augen zu rollen, seufzte Tim auf. «Ich mache mir Sorgen um dich. Seit dieser Sache gehst du so gut wie gar nicht mehr vor die Tür. Du bist noch so jung. Worauf wartest du denn? Fang endlich an, zu leben!»

Stumm betrachtete ich die feuchten Ränder, die ich mit meinem Cola-Glas überall auf dem Holztisch hinterlassen hatte. Ein seltsames Muster war das geworden; irgendwas zwischen Unendlichkeitszeichen und den olympischen Ringen.

Endlich öffnete ich den Mund, doch irgendwo auf dem Weg zur Zunge waren all die schlagfertigen Antworten verloren gegangen. «Du musst dir keine Sorgen machen», brachte ich lediglich heraus. Als hätte meine Äußerung genau das Gegenteil bewirkt, war sie wieder da: die hässliche Heiserkeit in Tims Stimme.

«Ich habe noch gar nicht gefragt, wie es dir geht.»

«Mir geht’s gut», erklärte ich. Auf seinen eindringlichen Blick wiederholte ich: «Es geht mir gut.»

«Kommst du klar, wenn ich weg bin? Es wäre mir lieber, wenn ich wüsste, dass du in den Ferien nicht allein bist.»

Seine Besorgnis brannte auf meinem Gesicht wie Feuer. Ich merkte, wie ich rot wurde. «Jetzt gib’s auf. Ich werde ganz bestimmt nicht Hausmädchen für dich spielen.» Beim Sprechen spürte ich einen Kloß und zwang mich, ihn nicht mit der Cola wegzuspülen, weil das viel zu verdächtig ausgesehen hätte.

«Das wollte ich damit gar nicht sagen.» Tim hob beschwichtigend die Hände.

«Wer ist jetzt der erbärmliche Lügner?» Wir sahen uns an und mussten beide lachen. Laut, kurz und beinahe schmerzlos. Dann herrschte einen Moment Stille.

«Sicher, dass du den Job nicht willst?»

«Ganz sicher. Du findest bestimmt einen besseren Ersatz.» Endlich griff ich nach dem zweiten Glas Cola. «Und jetzt erzähl mir mehr von Mexiko.»

2

Als ich bei meinem Elternhaus ankam, waren die Hecken und Sträucher schon tief im Schatten des Hausgiebels versunken und standen mir finster und feindlich gegenüber. So war zumindest mein Eindruck, als ich mit wackligen Beinen die steile Eingangstreppe bezwang. Die steinernen Stufen hatten ordentlich Moos und Dreck angesetzt und wirkten mittlerweile eher grünlich denn grau.

Dass ein beherzter Eingriff meines Vaters schon länger fehlte, zeigte sich am deutlichsten in den verödeten Hortensien neben der Haustür. Der sonst so penibel gestutzte Strauch war verwildert und seine welken Blütendolden ließen wortwörtlich den Kopf hängen. Ich griff danach. Die harten Blütenblätter zerbröselten wie Herbstlaub zwischen meinen Fingern.

Ein Schauder lief über meinen Rücken und ich ließ los. Stattdessen streckte ich die Hand zur Klingel aus, zögerte kurz, wartete und drückte den alten Messingknopf. Die dunkle Patina war stärker geworden und am Rand ertastete ich auch gleich den vertrauten Kratzer, der schon da war, seit ich denken konnte. Wenn mein Vater mich früher als Kind auf den Arm genommen hatte, damit ich klingeln konnte, hatte ich mir den Kratzer als Zielmarke gesetzt. So groß wollte ich irgendwann sein, um eines schönen Tages selbst an die zerkratzte Klingel zu kommen. Wie lächerlich einfach damals noch alles gewesen war.

Die Holztür wurde mit einem Ruck geöffnet und ich blickte in das griesgrämige Gesicht einer fremden Frau mit strengem Dutt und wässrigen blauen Augen. Ich hatte sie noch nie in meinem Leben gesehen. Sie mich offenbar auch nicht, denn sie legte kritisch die Stirn in Falten.

«Ja, bitte?», fragte sie.

«Ich würde gerne zu Herrn Steinkamp», sagte ich und überlegte beim Sprechen, ob das hier wirklich so eine gute Idee war, wie Tim es mich hatte glauben machen wollen.

«Und wer sind Sie?»

«Ich bin sein Sohn», antwortete ich und fühlte, wie meine Gänsehaut zurückkehrte.

Die Frau sah überrascht aus. Was nicht verwunderlich war. Dazu musste man wissen, dass mein Vater ein siebzigjähriger Mann mit stark untersetzter Figur war. Ich dagegen war eine Bohnenstange mit viel zu schmaler Taille und viel zu großen Augen. Tim sagte immer, ich hätte Augen wie ein Mädchen. ‹Melancholische Mädchenaugen›, das waren seine exakten Worte. Höchstens mein störrisches braunes Haar erinnerte an den Typ zerstreuter Professor, der mein Vater war.

«Sein Sohn? Ich … Weiß Frau Steinkamp denn, dass Sie kommen wollten?»

«Natürlich weiß sie das», behauptete ich und war erschrocken darüber, dass mir die Lüge leichter über die Lippen ging als die Wahrheit zuvor.

«Wenn das so ist, kommen Sie bitte herein, Herr Steinkamp.» Einladend öffnete die Fremde mir die Tür ein Stück weiter und ließ mich eintreten. Der altbekannte und zugleich ungewohnte Duft kitzelte in meiner Nase und beschleunigte meinen Puls.

«Folgen Sie mir, bitte», sagte die Frau, während sie die Tür hinter uns schloss und mit einem eleganten Schwung ihrer Hand wie eine perfekte Dienstmagd aus dem vorigen Jahrhundert zu der langen Wendeltreppe in der Mitte der Diele wies. Ich hätte sie fragen können, wer sie war, wo sie herkam und warum sie mich siezte wie einen alten Herrn, doch ich ging ihr einfach nach, ohne ein Wort zu sagen.

Als sie oben am Treppenende wieder mit einer schwungvollen Geste zum Ende des linken Flurs zeigte, ahnte ich bereits, wo sie mich hinführte, und hätte gut allein weitergehen können. Es war albern, mich in meinem eigenen Elternhaus führen zu lassen wie ein Fremder. Trotzdem war ich froh, dass sie keine Anstalten machte, mich mir selbst zu überlassen, und weiter vorwegging.

«Sie haben Glück», sprach sie. «Er ist heute in einer guten Verfassung.» Ich nickte still und hörte schnell damit auf, da mir klar wurde, dass sie mich hinter ihrem Rücken gar nicht sehen konnte.

«Ich habe ihn in sein Arbeitszimmer gebracht. Da fühlt er sich am wohlsten», fügte sie hinzu und schenkte mir ein kurzes Lächeln. ‹Glaube ich gerne›, dachte ich, ‹da war er schon immer am liebsten.›

Die Hausführung endete schneller, als mir lieb war, und zwar vor der Tür des Arbeitszimmers. «Ich darf Sie dann allein lassen?» Als ich nickte, entfernte sich die Fremde mit der gleichen dienstbeflissenen Art, wie sie mich vorher empfangen hatte. Seltsames Geschöpf.

Ich wartete, bis sie aus meinem Blickfeld verschwunden war, und stand auch danach noch ein paar Minuten auf dem Flur, wo ich versuchte, meinen Atem zu regulieren. Irgendwann gab ich es auf und öffnete abrupt die Tür. Schocktherapie, das hatte Tim mir mal empfohlen.

Im Zimmer war es wider Erwarten strahlend hell. Ich hatte mir vorgestellt, dass wir uns wie im Film in einem dämmrigen Raum mit zugezogenen Gardinen wiedersehen würden. Jetzt war es hier so lichtdurchflutet wie wahrscheinlich niemals zuvor.

Ich musste nicht lange suchen, um meinen Vater in dem mit Büchern und Regalen vollgestellten Zimmer zu finden, obwohl er nicht wie in meiner Erinnerung an dem herrschaftlichen Mahagonischreibtisch saß, sondern am Fenster, gegenüber der Tür. Er wandte mir den Rücken zu, sodass ich nur seinen halbkahlen ergrauten Schädel zu sehen bekam. Als ich erkannte, dass er, anstatt in seinem normalen Sessel, in einem neumodischen Rollstuhl saß, krampfte sich mein Inneres zusammen.

«Vater?», fragte ich und musste mich räuspern, weil meine Stimme gleich nach dem ersten Wort versagte. Es gab keinerlei Reaktion. Natürlich nicht. Einen Moment blieb ich unschlüssig auf der Türschwelle stehen, dann hielt ich die Stille nicht mehr aus und lief zu ihm aufs Fenster zu.

Der Mann, der da lethargisch im Rollstuhl saß, war mir fremd. Er hatte nichts mit meinem ehrwürdigen Vater, dem Großen, dem Starken gemeinsam. Alles, was ich sah, war die in sich zerfallene Hülle eines Mannes mit leerem Blick und fahler Haut. Vor meinem inneren Auge zuckte das Gegenbild einer zornroten Wutgrimasse auf. Die Erinnerung legte sich wie eine Schablone über das neue Gesicht: maskenhaft starr und weiß wie die Wand. Doch unverkennbar war er mein Vater.

«Vater, ich … erkennst du mich?» Die Frage war überflüssig, genauso wie der ganze Besuch. Trotzdem wartete ich in verzweifelter Hoffnung auf eine Antwort. Mein Vater blieb still und bleich. Seine Augen blickten stur an mir vorbei zum Fenster hinaus. Vielleicht sah er die Bäume an oder die Wolken oder vielleicht war er auch völlig blind für alles, was ihn umgab – mich eingeschlossen.

Auf der Suche nach einer Antwort ließ ich meinen Blick nun selbst im Raum auf- und abwandern. Von den dicken, ledernen Buchrücken über die samtigen Vorhänge zu den vertrauten kuriosen Aquarellen von Darwin’schen Tiermetamorphosen, die oben von den Wänden vorwurfsvoll auf mich hinabblickten, wie auf ein Irrtum der Schöpfung. Danach sah ich wieder zu meinem apathischen Vater. Allein dass ich stand, während er saß, war schon fürchterlich falsch.

«Ich weiß, dass du mich nicht sehen willst, aber …»

Ehe ich aussprechen konnte, flog die Tür auf und das so heftig, dass sie noch in ihrem Rahmen zu beben schien. «Was hast du hier verloren?» Meine Mutter stand im Raum und starrte mich an wie einen bösen Geist. «Verlass sofort das Zimmer!»

Hoffnungsvoll sah ich zu meinem Vater, doch er erhob keinen Einwand und blinzelte nicht einmal. Ich ließ ihn in seinem Rollstuhl sitzen und ging ohne ein Wort an meiner Mutter vorbei hinaus auf den Flur.

Keine fünf Sekunden später erschien sie wieder neben mir, schloss behutsam die Tür und giftete los. «Warum bist du hergekommen? Hast du nicht schon genug angerichtet?»

«Ich wollte sehen, wie es ihm geht», murmelte ich, obwohl sie wahrscheinlich nichts von mir hören wollte, schon gar keine Rechtfertigung.

«Er ist krank. Und du hast nichts anderes zu tun, als ihn auch noch aufzuregen!»

‹Außer dir regt sich niemand auf.›

Ich zwang mich, es nicht zu sagen, und ließ die Schimpftirade stumm über mich ergehen. «Das ist verantwortungslos von dir. Ich kann gar nicht glauben, dass du dich nochmal hierherwagst!»

Sie war kurz davor, ihre hart antrainierte Contenance zu verlieren, das konnte ich deutlich sehen. Ihre Wangen bekamen dunkelrote Flecken und ihr Blick flackerte bedrohlich zwischen meinen Augen hin und her. Es fiel mir schwer, in ihr die stille Frau zu sehen, die sie immer gewesen war.

Das aschblonde Haar hatte über die letzten Monate den Glanz verloren und hing ihr in ein paar krausen Strähnen in die Stirn. Es musste sich vor lauter Ärger aus dem glattgezogenen Seitenscheitel herausgekämpft haben. Ihr Mund war ein schmaler Strich in einer Kraterlandschaft von zuckenden Falten. Sie sah kaum jünger aus als mein versteinerter Vater im Nebenraum, obwohl er über ein Jahrzehnt älter war als sie.

«Er hat mich nicht erkannt», sagte ich bloß. Über ihre blauen Augen legte sich ein Schatten und ich überlegte, ob draußen wohl immer noch die Sonne schien.

«Verschwinde, Jona.» Das Gesicht meiner Mutter war so hart wie die Wand hinter ihr. «Komm nicht wieder her.»

Ich wusste nicht warum, aber ich nickte nur. Anstatt wie eben bei meinem Vater auf eine zweite Chance zu warten, drehte ich mich um und lief den Weg, den mir die fremde Frau gewiesen hatte, allein zurück.

«Du bist nicht mehr willkommen in diesem Haus», rief mir meine Mutter vom obersten Treppenabsatz nach, als ich die Haustür erreicht hatte und mich mit letzter Kraft nach draußen rettete.

Ich passierte die Außentreppe und den dörren Hortensien-Strauch, ohne davon Notiz zu nehmen. Wie aufgewühlt ich war, merkte ich erst, als ich nach einigen Metern Entfernung nach meinem Handy tastete und das blöde Ding schwerlich aus meiner Tasche ziehen konnte, da meine Hände zitterten.

Ich wählte Tims Nummer und wartete kaum das Freizeichen ab. Ohne Ankündigung sprach ich ins Telefon.

«Ich mach’s. Wie ist die Adresse der Villa?»

3

Am nächsten Morgen zögerte der Taxifahrer kurz, als ich ihn nach Bredeney zum Brucker Holt kommandierte. Zwar lag mein Elternhaus auch nicht in der schlechtesten Wohngegend, aber das war kein Vergleich zum Nobelviertel im Süden der Stadt.

Die Straße war gesäumt von Bäumen. Hinter den ordentlich kupierten Hecken und langen Zäunen ragten in regelmäßigen Abständen die Erker und verglasten Galerien der Villen hervor. Hier und da war auch mal eine saubere Hausfassade oder die videoüberwachte Schottereinfahrt zu einem der weitläufigen Grundstücke zu sehen.

Wahrscheinlich dachte der Fahrer, ich würde Einbrecher spielen oder gleich den nächstbesten Passanten ausrauben wollen. Mit Hoodie, Jeans und ausgelatschten Turnschuhen sah ich nicht wie jemand aus, der hier wohnte oder hierher eingeladen wurde. Prompt verstellte der Taxifahrer den Rückspiegel, sodass er mich bestens im Visier hatte. Ich konnte beobachten, wie sich seine Augen mit jedem weiteren Haus enger und enger zusammenzogen, und war heilfroh, als er endlich anhielt.

Hastig reichte ich ihm das Geld, registrierte, dass ich damit pleite war, und stieg schnell aus. Die Aussicht auf das Anwesen der Duvalls haute mich dann so um, dass ich mich an den Wagen lehnen musste und ins Taumeln geriet, als das Taxi losfuhr.

Der blickdichte dunkle Aluminiumzaun ging mir knapp bis zu den Schultern und wurde von meterhohen Sträuchern und rotblühender Clematis-Ranken übertrumpft. Dahinter thronte in einiger Ferne eine glänzende Dachspitze. Als ich den Zaun ablief und das Tor erreichte, wo die Büsche und Hecken der Anlage endeten, sah ich vor mir ein geometrisches Kunstwerk von rechteckigen und quadratischen Blöcken, die zu einem zweistöckigen Villenkomplex verbunden waren. Der glatte Hausputz strahlte in reinstem Weiß.

Ich kramte den Zettel mit der Hausnummer heraus, die ich mir von Tim hatte diktieren lassen. Die Adresse passte. Mein Herz schlug schneller. Reflexartig schaute ich mich um. Aber es war weit und breit keine Menschenseele auf dem Gehweg zu sehen.

Tim war die Erleichterung über mein Einlenken deutlich anzuhören gewesen. Er hatte sich so oft bedankt und mir geschworen, für immer und ewig in meiner Schuld zu stehen, dass ich wirklich das Gefühl hatte, etwas Nobles zu tun. Er wollte direkt am nächsten Morgen bei den Duvalls anrufen und mich als seinen Ersatz ankündigen. Um acht Uhr früh hatte er mich wachgeklingelt und verkündet, dass ich gleich um zehn ein Vorstellungsgespräch hätte.

Hier stand ich also: mit diesem amtlichen Tor vor meiner Nase, nervös und mit rasendem Puls. Schließlich drückte ich den schnörkellosen Klingelschalter. Es gab kein Geräusch und kein Zeichen dafür, dass es geläutet hatte, also wollte ich ein zweites Mal klingeln, da drang eine Frauenstimme aus der Sprechanlage.

«Ja, bitte?»

«Hier ist Jona Steinkamp.» Ich räusperte mich. «Tim Valerius hat Sie sicher schon …» Ehe ich ausreden konnte, öffnete sich das Tor mit einem Surren. Die glänzenden Aluminiumfronten schoben sich auseinander und gaben nach und nach den Blick auf eine hellgeflieste Auffahrt frei. Tim hatte nicht übertrieben: Es war eine Villa!

Auf dem Weg zum Haus gab ich mir alle Mühe, möglichst souverän aufzutreten. Nur für den Fall, dass ich über das Bild von einer der Videokameras im Eingangsbereich analysiert wurde. Ich hatte kaum die Haustür erreicht, da wurde mir auch schon geöffnet.

«Hallo Jona. Schön, dass du so kurzfristig Zeit hattest.»

Die Stimme von der Türanlage gehörte zu einer gepflegten Frau von Mitte vierzig mit sanfter Haarwelle und einem freundlichen Gesicht. Sie sah aus wie eine Schauspielerin. Frau Duvall, die Hausherrin persönlich, dachte ich. Schnell nahm ich die restlichen Schritte auf sie zu und erwiderte ihren Gruß.

«Komm doch rein! Ich habe frische Limonade aufgesetzt.» Ich nahm die Einladung dankend an und merkte, wie mir bei dem Gedanken an etwas zu trinken das Wasser im Mund zusammenlief. Obwohl es vormittags war, spürte ich die Wärme des Sommers deutlich.

Sie geleitete mich durch einen weiten Flur, der durch viele Fenster hell erleuchtet war. Eine schmale Treppe ohne Geländer, bei der die Stufen zu schweben schienen, führte an der Seite zur zweiten Etage hinauf. Ich folgte Frau Duvall geradeaus durch die geschwungene Bogentür in ein noch größeres Zimmer – das Wohnzimmer, das links in eine offene Küche überging. Genau wie der Flur war der Wohnbereich halb leer und ebenso weiß und perfekt wie der Außenanstrich des Gebäudes. Alles war sauber und ordentlich, sodass ich kaum wagte, zu atmen. Ich bewegte mich durch das Haus wie durch ein Museum. Es war herrlich!

Frau Duvall nahm auf dem nierenförmigen Sofa Platz, das die Hälfte des Raumes einnahm, und ich tat es ihr gleich. Auf dem niedrigen Beistelltisch, einem komischen Klotz, der silbern glänzte, stand die versprochene Limonade. Stilecht in einer Kristallkaraffe mit zwei Gläsern serviert. Frau Duvall schenkte mir ein und ich musste erst einen Schluck trinken, ehe ich mich dafür bedankte.

«Du bist also Jona», nahm meine Gastgeberin unumwunden das Gespräch auf. «Tim hat mir schon ein wenig von dir erzählt und meinte, du würdest ihn die nächsten zwei Monate während deiner Semesterferien gerne vertreten. Du weißt vermutlich bereits, was deine Aufgaben hier wären.»

Ich begriff erst verspätet, dass das eine Frage gewesen war. «Ich schätze, ich soll mich um das Haus kümmern. Um die Anlage und um Ihren Sohn.»

Sie lächelte knapp. «Nun, das ist prinzipiell richtig. In diesem Sommer gibt es allerdings eine kleine … Änderung.» Das Misstrauen stand mir offenbar ins Gesicht geschrieben, denn ihr Lächeln kehrte plötzlich zurück und entblößte ihre tadellosen Zähne. «Kein Grund zur Beunruhigung. Es ist nur so, dass mein Sohn Ben an einem Sommerprogramm teilnimmt, bevor es nächstes Jahr für ihn in die Schule geht. Deshalb wird er nur an den Wochenenden ab und zu hier sein.»

«Oh, okay.»

«Stattdessen wirst du es vielleicht mit meinem älteren Sohn zu tun bekommen. Tristan.» Sie lächelte vage und machte eine Handbewegung zur gegenüberliegenden Wand. Ich folgte der Geste und registrierte dort ein riesiges Familienporträt. Trotz der Größe war es mir zuvor nicht aufgefallen. Wahrscheinlich weil sich die Schwarz-Weiß-Fotografie durch den hohen Weißanteil perfekt vor der sterilen Wand tarnte.

Ich zählte vier Personen auf dem Foto, allesamt mit hellen Haaren, hellen Gesichtern und hellen Kleidern. Vater, Mutter, Kind und ein Junge in meinem Alter, der so kalt in die Kamera blickte, als wollte er sie zerspringen lassen. Entgeistert drehte ich mich wieder Frau Duvall zu. Tim hatte nichts von einem zweiten Sohn gesagt.

«Und … was bedeutet das?», wollte ich wissen. Sie brauchte einen verwirrenden Moment zu lange, um sich wieder zu fassen.

«Im Grunde gar nichts. Nur, dass es kaum Arbeit für dich geben wird. Aber keine Sorge, du bekommst trotzdem denselben Lohn, wie ihn sonst Tim bekommt.»

«Das ist mir eigentlich gar nicht so wichtig, Frau …»

«Nenn mich ruhig Fiona.» Sie lächelte abermals. Dieses auffallend häufige Lächeln wollte nicht so recht zu ihr passen. Als hätte sie es sich nur kurz geborgt. «Also, Tim meinte, du wohnst nicht mehr bei uns in der Stadt. Es kommt natürlich gar nicht in Frage, dass du jeden Tag hierher pendelst. Ich habe deshalb das Gästezimmer für dich herrichten lassen und würde mich freuen, wenn du die Ferien bei uns verbringst.»

Ich merkte, wie mir das Gesicht entgleiste. Jeden Tag? Die Ferien hier verbringen? So war das nicht verabredet gewesen. Von Einziehen hatte Tim nichts gesagt.

«Es ist mir wichtig, dass immer jemand im Haus ist», erklärte Fiona, die mein Stocken bemerkte. «Mein Mann ist den Sommer über beruflich in Skandinavien und ich arbeite ebenfalls die meiste Zeit oder bin auf Messen unterwegs. Du hast das Haus quasi für dich allein. Geld für Essen und Trinken bekommst du natürlich von uns. Sieh es als kleinen, bezahlten Urlaub.»

«Ich soll nur auf das Haus aufpassen?», wiederholte ich perplex. Das klang zu schön, um wahr zu sein. Ich blickte zu dem Familienbildnis mit dem unheimlichen Jungen. «Was ist mit Ihrem anderen Sohn? Sagten Sie nicht, er sei den Sommer über hier?»

«Nun, Tristan ist … Es ist eigentlich noch gar nicht sicher, ob er überhaupt kommt. Er ist da sehr spontan.» Ich sah, dass sich ihr Kiefer bei den Worten verkrampfte. Kaum schien der böse Gedanke verschwunden, hellte sich ihre Miene wieder auf. «Ihr würdet euch garantiert prächtig verstehen. Tristan ist aufs Internat gegangen, bevor er zur Akademie gewechselt ist, sonst würdet ihr euch vielleicht sogar kennen. Er dürfte gar nicht so viel älter sein als du – wie alt wäre das eigentlich?»

«Ich werde demnächst zwanzig. Ich weiß, ich sehe jünger aus», gab ich zu, da ich ihren überraschten Blick auffing.

«Das ist es gar nicht. Dein Freund Tim sagte nur, du wärest fast mit deinem Studium fertig. Da dachte ich, du müsstest älter sein.»

Ich räusperte mich. «Ich habe in der Schule ein Jahr übersprungen.» Ich sprach so leise, dass es an ein Flüstern grenzte. Es war mir peinlich, dass ich in der Schulzeit so ein Überflieger gewesen war. Das klang nach Wunderkind oder Superstreber. Dabei hatte mir einfach die Ablenkung gefehlt, die meine Hetero-Freunde in der Pubertät gehabt hatten. Nichts, worauf ich stolz war. Im Gegenteil.