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Zwischen März 1944 und Januar 1945 leitete der Schweizer Diplomat Carl Lutz (1895-1975) in Budapest eine umfangreiche Rettungsaktion. Lutz und sein Rettungsteam haben schätzungsweise mehr als 50 000 Schutzbriefe ausgestellt und verfolgte Jüdinnen und Juden in 76 sogenannten Schweizer Schutzhäusern untergebracht und damit Zehntausende vor Deportationen, Erschiessungen und Todesmärschen bewahrt. "Unter Schweizer Schutz" enthält Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie Berichte, Briefe und Vorträge von Überlebenden in Israel, den Vereinigten Staaten, der Schweiz, Ungarn, Grossbritannien und Kanada. Das Buch zeigt die aussergewöhnliche Reichweite und das Ausmass der humanitären Hilfe von Carl Lutz und erinnert an seine selbstlose Grosstat. Carl Lutz kämpfte sein Leben lang um die staatliche Anerkennung seines Einsatzes, der von der offiziellen Schweiz als "Kompetenzüberschreitung" gewertet wurde. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, war dreimal für den Friedensnobelpreis nominiert und erhielt von Yad Vashem den Ehrentitel "Gerechter unter den Völkern". Im Jahr 2018 wurde im Bundeshaus in Bern ein "Carl Lutz Saal" eingeweiht.
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Seitenzahl: 632
Veröffentlichungsjahr: 2020
Über dieses Buch
Zwischen März 1944 und Januar 1945 leitete der Schweizer Diplomat Carl Lutz (1895–1975) in Budapest eine umfangreiche Rettungsaktion. Lutz und sein Rettungsteam haben schätzungsweise mehr als 50000 Schutzbriefe ausgestellt und verfolgte Jüdinnen und Juden in 76 sogenannten Schweizer Schutz-häusern untergebracht und damit Zehntausende vor Deportationen, Erschiessungen und Todesmärschen bewahrt.
«Unter Schweizer Schutz» enthält Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie Berichte, Briefe und Vorträge von Überlebenden in Israel, den Vereinigten Staaten, der Schweiz, Ungarn, Grossbritannien und Kanada. Das Buch zeigt die aussergewöhnliche Reichweite und das Ausmass der humanitären Hilfe von Carl Lutz und erinnert an seine selbstlose Grosstat.
Carl Lutz kämpfte sein Leben lang um die staatliche Anerkennung seines Einsatzes, der von der offiziellen Schweiz als «Kompetenzüberschreitung» gewertet wurde. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, war dreimal für den Friedensnobelpreis nominiert und erhielt von Yad Vashem den Ehrentitel «Gerechter unter den Völkern». Im Jahr 2018 wurde im Bundeshaus in Bern ein «Carl Lutz Saal» eingeweiht.
Agnes Hirschi, geboren kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in London, Kindheit in Budapest. Die Belagerung der ungarischen Hauptstadt erlebte sie als sechs Jahre altes Mädchen, die letzten zwei Monate des Kriegs mit der Familie Lutz und dreissig weiteren Personen im Luftschutzkeller. Nach dem Krieg heiratete Carl Lutz ihre Mutter, so kam sie in die Schweiz, wo sie seit 1949 lebt. Bis zu ihrer Pensionierung war sie als Journalistin in Bern tätig. Sie ist Präsidentin der 2018 in Bern gegründeten Carl Lutz Gesellschaft und Mitglied des Kuratoriums der 2004 gegründeten Carl Lutz Stiftung, Budapest.
Foto Gerry Schallié
Charlotte Schallié, geboren 1965 in Toronto, aufgewachsen im Aargau. Studium der Geschichte und Germanistik an der University of British Columbia in Vancouver. Sie ist Professorin an der University of Victoria in Kanada für Germanistik und Holocaust Studies. Veröffentlichte u. a. «Heimdurchsuchungen. Deutschschweizer Literatur, Geschichtspolitik und Erinnerungskultur seit 1965».
Unter Schweizer Schutz
Die Rettungsaktion von Carl Lutz während des Zweiten Weltkriegs in Budapest – Zeitzeugen berichten
Herausgegeben von Agnes Hirschi und Charlotte Schallié
Unter Mitarbeit von Dahlia Beck, Daniel Teichman, Daniel von Aarburg und Noga Yarmar Mit einem Beitrag von François Wisard
Übersetzungen von Lis Künzli und Barbara Linner
Limmat Verlag
Zürich
«Im Frühjahr 1944, während der unbarmherzigsten Schreckensherrschaft, fand sich ein Mensch, ein Schweizer Diplomat, der sich über alle Vorschriften (sowohl der Schweiz als auch Amerikas) hinwegsetzte, der seinen Diensteid verletzte, um einem Mitmenschen zu helfen.» 2
Dieses Buch zeichnet aus der Sicht von Geretteten und Widerstandskämpfern die Rettungsaktivitäten des Schweizer Diplomaten Carl Lutz während des Zweiten Weltkriegs in Budapest nach.
Carl Robert Lutz (1895–1975) war von Januar 1942 bis März 1945 Vizekonsul und Leiter der Abteilung «Fremde Interessen der Schweizer Gesandtschaft» in Budapest. Zu seinen Aufgaben gehörte, die Schutzmacht-Interessen von vierzehn kriegführenden Staaten in Ungarn zu repräsentieren – unter anderem jene der USA und Grossbritanniens. In dieser Funktion führte Lutz bereits zu Beginn seiner Amtszeit Verhandlungen mit den ungarischen Behörden und erwirkte, dass 10 000 Palästina-Zertifikate 3 für jüdische Kinder und Jugendliche ausgestellt wurden, womit er ihnen die Auswanderung in das britische Mandatsgebiet Palästina ermöglichte. Diese erfolgreichen Verhandlungserfahrungen in Budapest waren wegweisend für den Verlauf von Lutz’ Rettungsaktion, die er nach dem Einmarsch der Wehrmacht am 19. März 1944 auf eigene Initiative in die Wege leitete. Im Anschluss an die Besetzung Ungarns wurde die jüdische Bevölkerung – mit Ausnahme der Juden und Jüdinnen in der Hauptstadt – in weniger als zwei Monaten in Ghettos verschleppt und von dort nach Auschwitz-Birkenau und in andere Vernichtungslager deportiert und ermordet. Obwohl die Deportationen im Juli 1944 weitgehend eingestellt wurden, waren die Jüdinnen und Juden in Budapest weiterhin der Gefahr von Angriffen, Erschiessungen und Todesmärschen ausgesetzt. Carl Lutz, der über den Verlauf der Deportationen informiert war, entschloss sich, umgehend zu handeln. Nach wochenlangen Verhandlungen mit dem Reichsbevollmächtigten für Ungarn, SS-Brigadeführer Edmund Veesenmayer, und SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann erreichte Lutz, dass er das, von Grossbritannien bereits bewilligte, Kontingent von 7800 Palästina-Zertifikaten an jüdische Schutzsuchende ausstellen durfte.4 Da eine Auswanderung zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich war, war Carl Lutz’ Rettungscoup einzig darauf ausgerichtet, die jüdischen Verfolgten in Budapest vor den Erschiessungen, Todesmärschen und vorangetriebenen Abtransporten in die Sammellager zu bewahren. Zu diesem Zweck entwickelte er auf eigene Verantwortung eine Rettungsstrategie, die darauf abzielte, für alle Inhaber der Palästina-Zertifikate sogenannte «Schutzbriefe» auszustellen und sie gleichzeitig in einem kollektiven Auswanderungspass – dem «Kollektivpass» – namentlich zu erfassen. Sowohl die Schutzbriefe wie auch die zwei Kollektivpässe waren mit dem offiziellen Stempel der Schweizer Gesandtschaft versehen. Um sein Vorgehen zu erklären, vertrat Lutz gegenüber den deutschen und ungarischen Behörden den Standpunkt, dass die Inhaberinnen und Inhaber der Schutzbriefe als Schweizer Bürger unter Schweizer Schutz standen und von der Vernichtungspolitik in Ungarn ausgeschlossen waren. Carl Lutz organisierte diesen grossangelegten Rettungseinsatz, der die offizielle Schweiz als Schutzmacht für die jüdische Bevölkerung auftreten liess, ohne dass er dazu von der Schweizer Regierung bevollmächtigt gewesen wäre. Die humanitäre Schutzaktion war aus der Not geboren und konnte – wie die Zeitzeugenberichte in diesem Buch nahelegen – nur mit Hilfe eines Netzwerks von zahlreichen lokalen Helfern und Verbündeten durchgeführt werden. Es war ein gefährliches Unterfangen für alle Mitakteure. Carl Lutz beschreibt diese erste Phase seiner Rettungsaktivitäten wie folgt:
«Die Erstellung dieser Pässe, die ‹Schweizer Kollektivpässe› genannt wurden, bot erhebliche Schwierigkeiten, wenn sich auch zahlreiche Volontäre zur Verfügung stellten, um bei den Schreibarbeiten mitzuhelfen. Meine Idee war, Kollektivpässe von je 1000 Personen zu erstellen. Dazu brauchte es, nebst den Personalien, auch Fotos von den Personen, die aber in den Judenhäusern [Gelbsternhäusern] eingeschlossen waren. Eine Gruppe von 50 jungen jüdischen Volontären stellte sich zur Verfügung – zum Teil in ungarischer Uniform – , um die Personalien und Photi zu beschaffen. In einigen Fällen wurde der Zutritt in die Häuser sogar erzwungen, indem die jungen Burschen sich als Pfeilkreuzler ausgaben. In mühsamer Nachtarbeit wurden vier Pässe angefertigt, die heute wohl historische Dokumente sind.» 5
Der junge Carl Lutz auf der Atlantik-Überfahrt 1913
Obwohl sich Carl Lutz nach aussen hin – und gegenüber den deutschen und ungarischen Behörden – an die Kontingent-Anweisungen hielt, setzte er sich in einem zweiten Schritt über sie hinweg, indem er eigenmächtig den Auftrag erteilte, die genehmigte Quote um ein Vielfaches zu überschreiten. Sein ausgeklügelter und erfinderischer Plan bestand darin, die begrenzten Mittel und Ressourcen des bürokratischen Apparats auszuschöpfen, um so viele Menschenleben wie nur möglich zu retten. Damit die waghalsige Strategie nicht aufflog, hielt er seine Mitarbeiter an, jede neue Serie von Einwanderungszertifikaten und Schutzbriefen jeweils von 1 bis 7800 zu nummerieren.6 Ein weiterer bürokratischer Kniff war, die 7800 Palästina-Zertifikate als «Familienzertifikate» zu interpretieren und für jedes Familienmitglied einen eigenen Schutzbrief auszugeben. Denn, so argumentierte der gewandte Verhandlungsführer Lutz, die ungarische Regierung habe doch schliesslich «Einheiten» genehmigt, die, nach seinen Vorstellungen, bis ca. zehn Familienmitglieder beinhalteten. Diese willkürliche Auslegung hatte zur Folge, dass Carl Lutz mit der von ihm ins Leben gerufenen Rettungsaktion und durch die Unterstützung seines Rettungsteams über 50 000 lebensrettende Schutzbriefe und Schutzpässe ausstellen konnte.7
In Verhandlungen mit dem ungarischen Aussenminister Gábor Kemény erreichte Carl Lutz zudem, dass 76 Häuser in der Pozsonyi-Strasse und am Szent-István-Park laut geltendem Exterritorialitätsrecht unter Schweizer Obhut gestellt wurden. Dazu gehörte das Glashaus in der Vadász-Gasse 29, das als exterritoriales Gesandtschaftsgebäude von der ungarischen Regierung anerkannt war.8 In diesem Gebäude eröffnete die Abteilung «Fremde Interessen der Schweizer Gesandtschaft» am 24. Juli 1944 ihre Auswanderungsabteilung. Carl Lutz betraute zuerst den Leiter des Budapester Palästina-Amtes Miklós (Mosche) Krausz und danach auch Alexander Grossman damit, die Leitung zu übernehmen. Nach dem Staatsstreich der «Nyilas» (Pfeilkreuzler) am 15. Oktober 1944 war das Glashaus das grösste Gebäude unter Schweizer Schutz und beherbergte gemäss Zeitzeugenaussagen bis zu 3000 verfolgte jüdische Menschen. Nach Schätzungen von Mihály Salamon fanden in allen 76 von der Schweiz geschützten Häusern zirka 17 000 Verfolgte einen Zufluchtsort.9
Aus Carl Lutz’ Aufzeichnungen geht hervor, dass um die 150 Personen – Angestellte der Schweizer Gesandtschaft und Freiwillige – an dieser umfangreichen Rettungsaktion mitbeteiligt waren.10 Zu ihnen gehörten Carl Lutz’ engste Vertraute, seine Ehefrau Gertrud Lutz-Fankhauser (1911–1995), die Schweizer Landsleute Harald Feller (1913–2003), Ernst Vonrufs (1906–1972), Peter Zürcher (1914–1975) sowie Miklós Krausz (1908–1985) und Mitglieder der zionistischen Jugenduntergrundbewegungen. Andere Diplomaten wie Raoul Wallenberg oder der päpstliche Nuntius Angelo Rotta folgten seinem Beispiel und stellten ebenfalls zahlreiche Schutzbriefe, Pässe und Zertifikate für die Menschen in Not aus. Aufgrund ihres Umfangs und ihrer minutiösen Durchführung jedoch darf die risikoreiche Operation von Lutz, die er «ohne einen administrativen Apparat, ohne finanzielle Mittel und ohne amtlichen Auftrag»11 ausführte, als die grösste und erfolgreichste zivile Rettungsmission des Zweiten Weltkriegs betrachtet werden.12 Um das Überleben der jüdischen Bevölkerung, die in akuter Lebensgefahr war, zu sichern, setzte sich Carl Lutz über Konventionen und Vorschriften hinweg, indem er die Menschenrechte und den Grundsatz der Unantastbarkeit des menschlichen Lebens über das damals geltende Unrecht stellte. Mehr als 70 Jahre später dient Carl Lutz’ Rettungsaktion noch immer als musterhaftes Beispiel humanitärer Diplomatie in Konfliktgebieten.
Carl Lutz mit seiner geliebten Mutter Ursula, USA 1934
Carl Lutz wurde am 30. März 1895 in Walzenhausen (Appenzell Ausserrhoden), einer hoch über dem Bodensee gelegenen Gemeinde, als zweitjüngstes von zehn Kindern geboren. Sein Vater, Johannes Lutz, betrieb einen Steinbruch, starb jedoch früh. Die tiefreligiöse Familie war arm. Seine Mutter, Ursula Lutz-Künzler, war Sonntagsschullehrerin in der Methodistengemeinde und kümmerte sich um die Armen in der Gemeinde. Sie war eine warmherzige Frau und ein Vorbild für Carl Lutz, der seine Mutter liebte und verehrte. Da ein Studium in der Schweiz aus finanziellen Gründen nicht in Frage kam, wanderte er nach seiner kaufmännischen Lehre in St. Margrethen (St. Gallen) im Jahr 1913 nach St. Louis (Missouri), in die Vereinigten Staaten, aus. Er war gerade achtzehn Jahre alt geworden; ohne eigenes Vermögen und ohne Beziehungen dorthin. Um sein geplantes Studium zu finanzieren, arbeitete er fünf Jahre lang in einer Fabrik in Granite City (Illinois). Dann erst konnte er an der George Washington University sein Studium in Geschichte und Jura aufnehmen und drei Jahre später (1924) mit dem Bachelor of Arts abschliessen. In dieser Zeit begann auch seine diplomatische Karriere, zunächst mit einer Aushilfsstelle als Korrespondent und bald als Kanzlist in der Visa-Abteilung der Schweizer Gesandtschaft in Washington, D. C. Daraufhin folgten feste Anstellungen als Kanzleisekretär an den Schweizer Konsulaten in Philadelphia und St. Louis. Im Jahr 1935, nach seiner Heirat mit Gertrud Fankhauser, wurde Carl Lutz an das Schweizer Konsulat in Jaffa, das für das damalige Palästina und Transjordanien zuständig war, versetzt. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vertrat er auch die Interessen der deutschen Reichsangehörigen in Palästina. In diese Zeit fiel seine Ernennung als Vizekonsul. Die guten Kontakte zu Deutschland kamen ihm später in Budapest zugute. Wie bereits erwähnt war Carl Lutz nach seiner Tätigkeit in Palästina von Januar 1942 bis März 1945 Vizekonsul in Budapest.
Carl Lutz und Gertrud Lutz-Fankhauser (2. Reihe rechts aussen) im Bus von Lissabon nach Genf 1945. Dazu schreibt Carl Lutz: «Endlich rückt die Heimat näher! Von Lissabon ging es Mitte Mai 1945 über Madrid nach Barcelona, wo wir von einem schweizerischen Autobus abgeholt und wohlbehalten nach Hause gebracht wurden.»
Nach den Ereignissen in Budapest kehrte Carl Lutz im Mai 1945 gesundheitlich schwer angeschlagen über Bulgarien und die Türkei in die Schweiz zurück. In seinem unveröffentlichten Lebenslauf, den er 1968 verfasste, schildert er die Umstände dieser abenteuerlichen Reise:
«Nach einem einwöchigen Aufenthalt in der Türkei setzten wir die Reise auf dem Schutzmachtdampfer ‹Drottingholm›, stets mit Schwimmgürtel durch das minenverseuchte Mittelmeer, nach Lissabon fort, von dort über Spanien nach Genf, wo wir nach der sechs Wochen dauernden Reise um Mitternacht ankamen und den Dank und Gruss der Heimat entgegennahmen, der da lautete: ‹Haben Sie was zu verzollen?› »13
Carl Lutz arbeitete nach seiner Genesung von 1946 bis 1954 für das Politische Departement in Bern und Zürich. In dieser Zeit liess er sich von seiner Frau Gertrud scheiden und heiratete im Jahr 1949 Magda Grausz aus Budapest. Im Jahr 1951 war er in einer besonderen Mission für die Lutheran World Federation in Israel tätig. Von 1954 bis 1961 amtete er als Konsul in Bregenz (Österreich) – zuletzt als Titular-Generalkonsul. Nach seiner Pensionierung lebte Carl Lutz in Bern, wo er am 13. Februar 1975 im Alter von 80 Jahren verstarb. Seine erste Frau, Gertrud Lutz-Fankhauser schrieb über ihn: «Er gehörte zu den Stillen im Lande und war zeitlebens ein pflichtbewusster Beamter. Gleichzeitig war er von seinem tiefen christlichen Glauben stark geprägt, was ihn aus innerstem Bedürfnis immer wieder dazu verpflichtete, Menschen in Not beizustehen.»14
Nach der Zeit in Budapest war Carl Lutz für den Rest seines Lebens von einem grundlegenden Widerspruch gezeichnet. Obwohl er sich Vorwürfe machte, in Budapest nicht mehr «Schutzbefohlene» gerettet zu haben, tat er sich schwer damit zu akzeptieren, dass seine humanitäre Aktion in der Schweiz wenig Beachtung fand. Während ihm aus dem Ausland verschiedene Zeichen der Anerkennung zuteil wurden – unter anderem eine Strassennamensgebung in Haifa (1958), das Grosse Bundesverdienstkreuz der BRD (1962), und die Ehrung als «Gerechter unter den Völkern» von Yad Vashem (1964)15 – wurden seine Rettungsaktivitäten in seiner Heimat nur vereinzelt gewürdigt, er erhielt zum Beispiel das Ehrenbürgerrecht seiner Heimatgemeinde Walzenhausen (1963). Nach seiner Rückkehr aus Budapest nahmen sich seine Vorgesetzten im Bundeshaus kaum Zeit, ihn anzuhören; stattdessen prüfte man seine Spesenabrechnung. Auch wurde seiner beim Eidgenössischen Politischen Departement (EPD; heute EDA) vorgebrachten Bitte, ihm zwei Kollektivpässe für einige Zeit zur Verfügung zu stellen, nicht entsprochen. In einem Brief (5. Februar 1949) erhielt Carl Lutz den Bescheid, dass die Polizeiabteilung des Eidgenössischen Polizei- und Justizdepartements gegen ihn den Vorwurf der «Kompetenzüberschreitung» erhob, denn es sei in Budapest nicht gesetzmässig gewesen, Schweizerpässe an Ausländer zu verteilen:
«Die Polizeiabteilung des Eidgenössischen Polizei- und Justizdepartements macht uns [...] mit Schreiben vom 25. Januar 1949 darauf aufmerksam, dass die Bezeichnung der betreffenden Ausweispapiere als schweizerische Kollektivpässe nicht statthaft war; denn die Abteilung für fremde Interessen sei wohl ermächtigt gewesen, den ihrem Schutz unterstellten Ausländern Papiere abzugeben, habe aber diese nicht als Schweizerpässe bezeichnen dürfen.»16
Man muss sich vergegenwärtigen, dass Carl Lutz in einer höchst dramatischen Situation in Ungarn, wo Adolf Eichmann die Vernichtung der ungarischen Juden vorantrieb, sich eines raffinierten juristischen Manövers bediente, um Tausende von Menschenleben zu retten. Während er sich dazu entschied, Menschenleben höher zu gewichten als das buchstabengetreue Befolgen von Gesetzen, wurde ihm letztlich genau dies von seinen Vorgesetzten vorgehalten. Die oben zitierte schriftliche Rüge – auch wenn sie keine Bestrafung nach sich zog – empfand der gewissenhafte und verantwortungsbewusste Beamte, als würde man sein Handeln als schweres Vergehen werten. Es darf deshalb nicht verwundern, dass Carl Lutz bis zu seinem Lebensende darum kämpfte, sich in den Augen jener, die seine Vorgehensweise in Budapest legalistisch oder moralisch verurteilten, zu rehabilitieren.
Carl Lutz mit einer Kinderschar in Appenzell, Schweiz, undatiert
Nach dieser schriftlichen Massregelung sollten noch neun Jahre verstreichen, bevor Carl Lutz’ «unbefugtes» Vorgehen zum ersten Mal von offizieller Schweizer Seite als humanitäres Engagement gewürdigt wurde. Die Anerkennung von Bundesrat Markus Feldmann kam Lutz anlässlich der Debatte über den Ludwig-Bericht im Nationalrat zuteil. Die eigentliche offizielle Rehabilitierung erfolgte jedoch erst 1995 im Rahmen der Gedenkstunde zum 100. Geburtstag von Carl Lutz. Der damalige Aussenminister Flavio Cotti würdigte Carl Lutz als «stillen, aber grossen Helden». Es ist bezeichnend, dass Cotti in seiner Rede die Privatperson Lutz ehrte, indem er darauf hinwies, dass Lutz «als Mensch und verantwortliches Individuum gehandelt [habe], weil sein persönliches Gewissen ihm keine Ruhe liess». Dass die Rettungsaktion in Budapest nur möglich war, weil Lutz in seiner Funktion als Amtsträger handelte, darauf verwies Cotti in diskret indirekter Weise. Cottis Rede war keine politische Entschuldigung, es war die Ehrung eines Aufrechten und Gerechten, der – hier zitierte Cotti das humanitäre Credo von Carl Lutz – sich das Recht herausnahm, die jüdischen Flüchtlinge unter den offiziellen Schutz der Schweizer Regierung zu stellen: «Wenn es so viele Länder gibt, welche die Gesetze verletzen, um zu töten, so dürfte es doch ein Land geben, dass die Gesetze verletzt, um zu retten.»17
Im Gegensatz zum politischen Erinnerungsdiskurs berichteten die Medien sporadisch über Carl Lutz’ Rettungsaktivitäten im Zweiten Weltkrieg. Vier Monate nach Kriegsende – am 15. September 1945 – erschien in der «Schweizer Illustrierten» ein Beitrag unter dem Titel «Ein Schweizer Konsul und ein Konsul von Salvador verhinderten die Ausrottung des ungarischen Judentums». Anlässlich seiner Pensionierung im Jahre 1961 wurden Carl Lutz’ persönliche Aufzeichnungen in gekürzter Form in der «Neuen Zürcher Zeitung» unter dem Titel «Die Judenverfolgung unter Hitler in Ungarn» zum ersten Mal veröffentlicht. Der einleitende Paragraph würdigte, «was Mannesmut, Unerschrockenheit und Unbeirrbarkeit im Dienste der Menschlichkeit auch in einer Zeit zu wirken vermögen, in der alle ethischen Wertmassstäbe mit Füssen getreten werden».18 Im selben Jahr erschien «Heute darf ich reden – Ich habe nicht umsonst gelebt» in der Zeitschrift «Sie und Er». In diesem Artikel kamen auch weitere an der Rettungsaktion beteiligte Personen wie Tibor Rosenbaum und Alexander Grossman zu Wort. Als zehn Jahre später Carl Lutz der «Schweizer Illustrierten» den Vorschlag unterbreitete, über die Rettungsaktion zu schreiben, erhielt er die Antwort «Nun verhält es sich leider so, dass sich – wie verlässliche Erhebungen ergeben haben – der Grossteil meiner Leser für die dramatischen Vorgänge, in deren Mittelpunkt Sie einstens gestanden haben, kaum mehr interessiert, sodass ich beim besten Willen keine Möglichkeit sehe, einen Bericht in der ‹Schweizer Illustrierten› zu publizieren, wie er Ihnen vorschwebt. Unterzeichnet von Dr. W. Meier – Chefredaktion.» Diesen ablehnenden Bescheid erhielt Carl Lutz vier Jahre vor seinem Tod.
Carl Lutz und Gertrud Lutz-Fankhauser sitzen mit dem Chauffeur Charles Szluha im Wrack ihres Autos, Budapest, Ungarn 1945
Zwischen 1975 und 1995 finden sich in der medialen Aufarbeitung der Schweizer Erinnerungsgeschichte zum Zweiten Weltkrieg relativ wenige Hinweise auf Carl Lutz. Vereinzelte Beiträge behandelten Alexander Grossmans Biografie «Nur das Gewissen. Carl Lutz und seine Budapester Aktion – Geschichte und Porträt» (1986) und berichteten über die Einweihungen der Ehrentafel in Walzenhausen (1975), des Carl-Lutz-Denkmals in Budapest (1990) und des Carl-Lutz-Weges in Bern (1995).
Obwohl die historische Figur Carl Lutz in der kollektiven Erinnerung der Schweiz auch heutzutage noch nicht fest verankert ist, wird seine Schutzbrief-Rettungsaktion im nationalen Gedächtnis der Schweiz seit zehn Jahren vermehrt gewürdigt. Eine bedeutende Ehrung von Seiten der Bundesregierung erfolgte anlässlich der Herbstsession des Nationalrats am 24. September 2018 im Nationalrat. Ein halbes Jahr zuvor wurde das grösste Sitzungszimmer im Westflügel des Bundeshauses als «Carl Lutz Saal» von Bundesrat Ignazio Cassis eingeweiht.
Carl Lutz in den Ruinen der Britischen Gesandtschaft, Budapest, Ungarn 1945
Erste Weihnachten in Bern, Schweiz 1949
Porträtaufnahme von Carl Lutz 1965
Die in diesem Buch vorliegenden Berichte bzw. Zeugnisse von Holocaust-Überlebenden und Zeitzeugen sind über einen Zeitraum von 25 Jahren (1995–2020) in Israel, Ungarn, der Schweiz, Grossbritannien, Kanada und den Vereinigten Staaten erfasst und gesammelt worden. Den Begriff «Zeugnis» verwenden wir dabei nicht in seiner juristischen Bedeutung, sondern fassen ihn, um den multiplen methodologischen Ansätzen gerecht zu werden, in weitem Sinn als «Weitergabe von Informationen, für die sowohl ein innerer, unbeugsamer Druck sie mitzuteilen besteht als auch eine äussere Bereitschaft und ein Verlangen, diese zu empfangen»19.
Nachfolgend steckt François Wisard, Leiter des Historischen Dienstes beim EDA, den historischen Zeitrahmen ab, der die Rettungsmassnahmen von Carl Lutz in den Kontext anderer Rettungseinsätze durch Diplomaten und das Internationale Rote Kreuz in Budapest während des Kriegs stellt. Wisards Überlegungen zu den höchst komplizierten Rettungsmissionen unter Schweizer Leitung führen uns zum ersten Kapitel, das Zeugnisse ehemaliger Mitglieder von vier zionistischen Jugendbewegungen vorstellt: Bne Akiva, Hanoar Hazioni, Haschomer Hazair und Hechaluz. In diesem Kapitel ist auch der Zeugenbericht eines Nichtjuden enthalten, Paul Fabry. Fabry, der zum militärischen Widerstand gehörte, stellte eine Truppe zusammen, die vorgeblich mit der Bewachung des Glashauses beauftragt war. Während die falsche Militäreinheit vortäuschte, die Insassen des Glashauses gefangen zu halten, schützten er und seine Soldaten in Wirklichkeit die jüdischen Bewohner vor Angriffen und Verhaftungen durch die Pfeilkreuzler. Sein Bericht erinnert uns daran, wie viele individuelle Widerstandsaktionen zu den von der Schweiz geführten Rettungsmissionen beigetragen haben: «Es gab keinen einzigen geretteten Juden, ohne dass nicht Dutzende andere daran beteiligt waren. Da war derjenige, der ihn ins Haus hereinliess, derjenige, der ihn zum Taxi brachte, derjenige, der ihm ein bisschen Kleingeld oder etwas zu essen gab, derjenige, der mit gefälschten Bescheinigungen von einem Ort zum andern rannte, derjenige, der den Telefonanruf machte, um ihm zu sagen, er soll fliehen. Es war eine Kette von Ereignissen, und eine einzige Sekunde konnte von Bedeutung sein. Wo konnte in dieser Sekunde jemand helfen? War jemand da, der einem zu Hilfe kam? War jemand da, der einem dieses Papier gab? Niemand konnte allein tausende Verfolgte retten. Und das trifft auch für Lutz zu. Lutz war ein Held, aber er brauchte Hunderte andere, die ihm halfen.»
Im zweiten Kapitel werden Lebensgeschichten nachgezeichnet, die auf Interviews mit Überlebenden und deren Nachkommen beruhen. Diese Porträts von Geretteten – die Gespräche, auf denen sie basieren, wurden mit einer Ausnahme alle von Agnes Hirschi geführt – sind weitgehend in der dritten Person gehalten um hervorzuheben, dass diese mündlich erfragten Lebensgeschichten durch die Augen der GesprächspartnerInnen reflektiert werden. Diesem gemeinschaftlichen Ansatz zwischen Interviewern und Befragten liegt die Überzeugung zugrunde, dass die Erinnerungen der Zeugen nicht in einem abstrakten Vakuum existieren, sondern in einem dialogischen Rahmen gegenseitig konstituiert und vermittelt werden.20
Das dritte Kapitel enthält Zeitzeugengespräche, die von Noga Yarmar, Charlotte Schallié, Daniel von Aarburg und Daniel Teichman geführt wurden.20 Ein Grossteil der Gespräche sind «narrative Interviews», die auf Video aufgezeichnet wurden. Dies bedeutet konkret, dass wir zu Beginn des Gesprächs Leitfragen stellten, danach den Redefluss aber nicht mehr unterbrochen haben. Wenn noch zusätzliche Erklärungen vonnöten waren, haben wir diese gestellt, nachdem die Zeitzeugen ihre Lebensgeschichten zu Ende erzählt hatten. Im Rahmen seines Filmprojektes «Carl Lutz – Der vergessene Held» hat Daniel von Aarburg biografische Interviews geführt, das heisst, er hat sowohl Leitfragen als auch offene Fragen gestellt. Daniel Teichmans Beitrag gibt ein persönliches Gespräch zwischen Vater und Sohn wieder.
Carl Lutz in seinem Büro, Bregenz, Österreich 1960
Wir befragten Überlebende, die im Jahr 1944 noch im Kleinkindalter waren; andere Überlebende, die uns ihre Erinnerungen anvertrauten, waren damals bereits erwachsen und an der Rettungsmission mitbeteiligt. Angesichts dieser grossen Altersspanne variieren die Erinnerungen stark: Einige reflektieren die Wahrnehmung eines Kindes, andere werden aus der Erwachsenenperspektive geschildert und dabei in Zusammenhänge eingebettet, die stark von nachfolgenden Ereignissen und «Folgeerfahrungen»21 geprägt sind.
Während der Gespräche mit den Zeitzeugen achteten wir darauf, aufmerksame und engagierte Zuhörerinnen zu sein und uns so wenig wie möglich einzumischen, um den Erinnerungsprozess zu respektieren, der sich oft als «Bewusstseinsstrom» vollzog. Wir orientierten uns an den vom USC Shoah Foundation Institute for Visual History and Education entwickelten Leitfäden und den vom United States Holocaust Memorial Museum vorgeschlagenen Richtlinien für Interviews. Sämtliche Überlebende, die persönlich befragt wurden, zeigten ein dringendes Bedürfnis, Zeugnis abzulegen – und brachten dies oft schon bei der ersten, telefonischen Kontaktaufnahme deutlich zum Ausdruck. Wenn das Erinnern aufgrund des fortgeschrittenen Alters der Überlebenden schwieriger war, baten wir ihre Ehepartner und Kinder, beim Gespräch zu vermitteln. In solchen Situationen wurde das Format an die individuellen Bedürfnisse und Umstände angepasst, und es entwickelte sich ein gemeinschaftliches Erinnern von Überlebenden und ihren Familienmitgliedern.22
Das vierte Kapitel enthält schriftliche Selbstzeugnisse, die von Überlebenden oder deren Nachkommen verfasst und zum Teil durch Interviews ergänzt wurden. Sowohl in den mündlichen wie auch in den schriftlichen Selbstzeugnissen erinnern sich einige Überlebende lebhaft und detailliert an die Ereignisse von 1944 und 1945, während andere die Erinnerung mit philosophischen und historischen Reflexionen verweben, die auf jahrelangen Recherchen und der Beschäftigung mit der Vergangenheit beruhen.
Im fünften Kapitel versammeln wir Hommagen und Briefe an Carl Lutz, die Agnes Hirschi – Journalistin, Holocaust-Überlebende und Stieftochter von Carl Lutz – über viele Jahre hinweg von Überlebenden erhalten hat.
Die Transkripte der Gespräche, die auf Deutsch, Hebräisch, Ungarisch und Englisch geführt wurden, sind für die Buchausgabe bearbeitet und gekürzt worden. Die schwierige Aufgabe, einen mündlichen Bericht in ein schriftliches Dokument zu übertragen, erforderte weitere gemeinsame Anstrengungen von Überlebenden, InterviewerInnen, ÜbersetzerInnen, RedakteurInnen und LektorInnen. Obwohl die Erinnerungsprozesse zyklischen und sich wiederholenden Mustern folgen, haben wir uns bei allen Berichten und Zeugnissen für eine lineare Erzählstruktur entschieden. Um ein teambasiertes Modell der Zusammenarbeit umsetzen zu können, haben wir alle einen Ansatz gewählt, der dem komplexen Zusammenspiel von Inhalt, Erinnerungsprozess und Formgebung grosse Aufmerksamkeit schenkt.
Die Arbeit unserer MitherausgeberInnen (Daniel Teichman, Noga Yarmar, Dahlia Beck, Daniel von Aarburg) war ein integraler Bestandteil dieses Projekts. Aus diesem Grund haben wir am Schluss einen Anhang mit ihren Anmerkungen hinzugefügt, damit die Art unseres gemeinsamen Vorgehens so transparent wie möglich wird.
Juli 2020
Die Rettungsaktivitäten von Carl Lutz und seinem Team können nur im Kontext der politischen Entwicklungen Ungarns in den Jahren 1944 und 1945 und der gleichzeitig von Repräsentanten anderer neutraler Länder unternommenen Rettungsmassnahmen verstanden werden (siehe 1 und 2).
Lutz’ Rettungseinsatz kann auf keinen Fall als die heroische Tat eines Einzelnen betrachtet werden, sondern war Teil einer kollektiven Anstrengung unter seiner Leitung. Diese Rettungsbemühungen waren jedoch wegweisend: Sie gingen anderen nicht nur zeitlich voraus, sondern ermöglichten auch die Rettung der meisten Menschen (siehe Punkte 2 und 4).
Carl Lutz kam im Januar 1942 nach Budapest und kehrte im April 1945 gemeinsam mit seinen Mitarbeitenden in der schweizerischen diplomatischen Vertretung nach Bern zurück – mit Ausnahme seines Vorgesetzten und eines Kollegen, die beide von den Sowjets gefangengenommen und nach Moskau gebracht worden waren. Die Ereignisse in Ungarn zu jener Zeit können in drei verschiedene Phasen eingeteilt werden.
Die erste Phase umfasst die Zeit bis zur deutschen Besetzung am 19. März 1944. Nachdem sich Ungarn 1940 durch seinen formellen Beitritt zum Achsenbündnis gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland zu militärischem Beistand verpflichtet hatte, konnte es Teile der Tschechoslowakei, Rumäniens und Jugoslawiens annektieren und damit Gebiete zurückgewinnen, die es in der Folge des Ersten Weltkriegs verloren hatte. Zwischen 1938 und 1941 verabschiedete Ungarn drei antijüdische Gesetze, die sich weitgehend an den Nürnberger Gesetzen orientierten und die Juden faktisch von allen staatlichen und öffentlichen Ämtern ausschlossen. Darüber hinaus beteiligten sich ungarische Truppen an Massakern an Juden. Dennoch stellte Ungarn im Frühling 1944 das letzte Gebiet unter Kontrolle oder Einfluss der Achsenmächte dar, in dem die «Endlösung» noch nicht durchgeführt worden war. Es lebten um die 750 000 Juden innerhalb seiner Grenzen, darunter viele, die aus Polen, vor allem aber der Slowakei geflüchtet waren.
Mit dem 19. März 1944 änderte sich die Lage. Angesichts des Vorrückens der sowjetischen Armee und des sich zunehmend stärker manifestierenden Willens der ungarischen Regierung, ins Lager der Alliierten zu wechseln, marschierten die deutschen Truppen im Land ein. Nazideutschland verfügte jedoch nicht mehr über die Mittel für eine umfassende, dauerhafte Besetzung, und ein Grossteil der Truppen wurde bald wieder abgezogen. Es zwang dem Reichsverweser Miklós Horthy, der das Land seit 1920 regierte, zwei Reihen von Massnahmen auf: eine Kollaborationsregierung und eine Armada von Aufsehern und Beratern unter der Leitung von Edmund Veesenmayer, der sowohl Heinrich Himmler als auch Joachim von Ribbentrop vertrat. Adolf Eichmann stand an der Spitze eines Spezialkommandos zur Organisation der Deportationen. Es waren also die Deutschen, die die Strippen zogen. Um jedoch den Schein ungarischer Souveränität aufrechtzuerhalten, blieb der Regent Horthy Staatsoberhaupt.
Eichmann und seine Kommandotruppe machten sich umgehend an die Arbeit. Es wurde ein Zeitplan zur Konzentration der ungarischen Juden erstellt, der bald die Deportation folgen sollte. Als erstes waren die Juden der Provinzen im Osten, Südosten und Norden betroffen – die Gebiete, die den heranrückenden sowjetischen Truppen am nächsten lagen und als letzte von Ungarn annektiert worden waren. Die Operation sollte spätestens nach drei Monaten mit den Juden der Hauptstadt abgeschlossen werden. Am 15. Mai 1944 fuhr der erste Zug nach Auschwitz-Birkenau, bis an die slowakische Grenze von Ungarn begleitet. Innerhalb weniger Wochen wurden über 430 000 Juden aus der Provinz deportiert, was eine Welle an Protesten auslöste. Papst Pius XII., der amerikanische Präsident Roosevelt und der schwedische König schickten Protestnoten an den Regenten Horthy. Anfang Juli wurde Budapest von der US-Luftwaffe bombardiert. Vor diesem Hintergrund ordnete Horthy am 6. Juli einen Deportationsstopp an. Bis dahin war die jüdische Bevölkerung aus der ungarischen Provinz verschwunden. Übrig blieb die jüdische Gemeinschaft der Hauptstadt Budapest.
Im Laufe des Sommers zeichneten sich zwei widersprüchliche Entwicklungen ab: Zum einen mussten die jüdischen Bürger der Hauptstadt sowie die Gebäude, in denen sie zu leben gezwungen waren, den gelben Stern tragen. Zum anderen wurden allzu deutschfreundliche Regierungsmitglieder entlassen.
Die dritte Phase begann mit dem 15. Oktober 1944. Nach der Ankündigung des Regenten Horthy, Ungarn werde sich aus dem Krieg gegen die Alliierten zurückziehen, wurde er gezwungen, die Macht an Ferenc Szálasi abzutreten, den Anführer der Nyilas, der nazistischen ungarischen Pfeilkreuzler-Partei. Der neue Innenminister gab auf der Stelle bekannt, die Regierung werde die von den neutralen Staaten ausgestellten und verteilten Schutzdokumente – wie wir noch sehen werden – nicht mehr anerkennen. In der Hoffnung, von diesen anerkannt zu werden, gab das neue Regime dem Druck jedoch schliesslich nach, und die Massnahme wurde nicht umgesetzt.
Diese letzte Phase kann durch drei Hauptmerkmale charakterisiert werden. Zunächst war diese Zeit von Chaos, Unsicherheit und – vor allem – von Gewalt geprägt. Nyilas-Banden nahmen unaufhörlich Razzien und Übergriffe gegen Juden vor, die bis hin zu Exekutionen am Ufer der Donau reichten, bei denen die Leichen direkt ins Wasser geworfen wurden. Diese Angriffe machten auch vor den Diplomaten neutraler Länder nicht halt: Die schwedische Vertretung wurde am 24. Dezember angegriffen, der Leiter der Schweizer Vertretung am 29. Dezember entführt und gefoltert. Die Zahl der jüdischen Todesopfer durch die Nyilas wird auf über 60 000 geschätzt.24 Im November wurden Zehntausende von Juden gezwungen, zur österreichischen Grenze zu marschieren. Während dieser «Todesmärsche» versuchten Vertreter der neutralen Länder und des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), den Deportierten Schutzdokumente zu überbringen.
Ausserdem wurden im November im Bezirk Pest zwei grosse Ghettos eingerichtet. Das «Internationale Ghetto» umfasste rund um die Pozsonyi-Strasse 122 Häuser, die unter dem Schutz neutraler Länder standen. Es waren moderne Wohnhäuser von vier bis sechs Stockwerken, in denen sich über 20 000 Juden befanden, Inhaber von durch neutrale Länder ausgestellten oder gefälschten Schutzdokumenten. Die meisten Häuser (76 insgesamt) standen unter schweizerischer Verantwortung, die anderen verteilten sich auf Schweden (33), Spanien, Portugal, das IKRK und das schwedische Rote Kreuz. Das sogenannte «Zentrale» oder «Grosse Ghetto» wurde neben der grossen Synagoge eingerichtet. Darin waren über 60 000 Juden eingeschlossen, darunter mehrere tausend, die durch die Nyilas gewaltsam aus dem «Internationalen Ghetto» geholt worden waren.
Und zu guter Letzt waren sich alle bewusst, dass das Vorrücken der Roten Armee und damit die Befreiung von Budapest unvermeidlich waren. General Malinovsky, der Ende Oktober ungarisches Gebiet betreten hatte, rechnete mit der Befreiung von Budapest Anfang November.25 Der erbitterte Widerstand der deutschen und ungarischen Truppen hatte jedoch zur Folge, dass Budapest erst an Weihnachten vollständig eingekesselt werden konnte. Die Befreiung von Pest am linken Donauufer erfolgte am 18. Januar, die von Buda auf der anderen Seite einen Monat später. Insgesamt forderte die Belagerung von Budapest um die 160 000 Menschenleben.
Die diplomatischen Vertretungen der neutralen Staaten spielten gemeinsam mit den jüdischen Organisationen eine zentrale Rolle bei den Rettungsbemühungen für die Juden von Budapest. Manche jüdischen Oberhäupter führten mit den Nazis Verhandlungen, die insbesondere die Ausreise von nahezu 1700 Juden in die Schweiz ermöglichten.27 Namentlich stehen hier die fünf neutralen Staaten, die über eine diplomatische Vertretung in Budapest verfügten, im Zentrum des Interesses: der Heilige Stuhl, Spanien, Portugal, Schweden und die Schweiz.28
Die Neutralen haben für gewisse Juden Schutzdokumente ausgestellt oder ausstellen lassen. Die ungarischen Behörden hatten nur eine begrenzte Anzahl dieser Dokumente zugelassen. Es wurden Dokumente gefälscht, andere verkauft. Die genaue Anzahl dieser von den neutralen Staaten ausgestellten Schutzbriefe zu eruieren, ist nicht möglich, erst recht nicht, da die Zahlen je nach Quelle voneinander abweichen. Wir müssen uns mit ungefähren Grössenordnungen begnügen. Es muss dabei betont werden, dass diese Dokumente zwar einen gewissen Schutz, aber auf keinen Fall absolute Sicherheit boten, besonders nach der Machtergreifung der Nyilas am 15. Oktober.
Der Apostolische Nuntius Angelo Rotta (1872–1965) spielte eine wichtige Rolle bei der Koordination der Bemühungen durch die Neutralen. Am 21. August wurde ein erster gemeinsamer Protest zu einer geplanten Judendeportation eingelegt. In einer zweiten Protestbotschaft, verfasst anlässlich eines Treffens beim Nuntius am 15. November 1944, wurde der sofortige Stopp der Judenverfolgungen verlangt. Während die neutralen Staaten ihre Koordination allgemein intensivierten, waren es gegen Ende vorwiegend die Schweizer und die Schweden, die sich mobilisierten, manchmal in Begleitung von Vertretern der Nuntiatur und des IKRK.
Die Nuntiatur stellte ebenfalls Schutzdokumente aus. Ihr wurden ungefähr 2500 bewilligt, hauptsächlich für zum Christentum konvertierte Juden, sie gab jedoch mindestens sechsmal so viele aus. Ungarn war das einzige Land, in dem Papst Pius XII. öffentlich für die Rettung verfolgter Juden intervenierte und in dem der Nuntius mit den anderen Diplomaten zusammenarbeitete.29 Rotta wurde 1997 posthum als «Gerechter unter den Völkern» geehrt.
Die spanische Gesandtschaft wurde seit dem Sommer 1944 vom Geschäftsträger Ángel Sanz Briz (1910–1980) geleitet. Im Juli erhielt er die Anweisung, 500 Kindern die Emigration nach Tanger zu erlauben, das damals von Spanien besetzt war, darunter 200 aus Budapest. Er liess für diese 200 Kinder Schutzdokumente ausstellen. Nach dem Krieg berichtete er, er habe jedes dieser Kinder in administrativer Hinsicht als eine Familie behandelt und so die Schutzdokumente vervielfachen können. Anfang Dezember gab Spanien den Forderungen der Nyilas nach und versetzte seinen Geschäftsträger unter dem Vorwand der herannahenden Roten Armee von der ungarischen Hauptstadt nach Sopron an der österreichischen Grenze. Ein Italiener, Giorgio Perlasca (1910–1992), löste ihn ab und unterzeichnete die spanischen Schutzdokumente. Wie der Schwede Raoul Wallenberg und die Schweizer Peter Zürcher und Ernst Vonrufs blieb dieser bis zur Befreiung von Pest, des Stadtteils, in dem sich die jüdischen Ghettos befanden, in dieser Weise aktiv. Sanz Briz wurde 1966, Perlasca 1988 mit dem Titel «Gerechter unter den Völkern» geehrt.
Die portugiesische Gesandtschaft von Budapest war ermächtigt, provisorische Pässe an Juden mit Verbindungen zu Portugal oder Brasilien auszustellen – Länder, deren Interessen Lissabon in Deutschland vertrat. Sie stellte um die 800 Pässe aus. Es gab viele Wechsel an der Spitze der Gesandtschaft: Minister Carlos Sampaio Garrido (1883–1960) musste Budapest verlassen, nachdem er in seiner Residenz mit Juden zusammen verhaftet worden war. Er wurde bis Ende Oktober durch den Geschäftsträger Alberto Teixera Branquinho (1902–1973) ersetzt, dieser bis Anfang Dezember durch einen Konsul. Sampaio Garrido wurde 2010 der Titel «Gerechter unter den Völkern» zuerkannt.
Im Gegensatz zu Spanien und Portugal, die Ende 1944 in Budapest keine eigentlichen Vertretungen mehr hatten, befanden sich Schweden und die Schweiz in diplomatischer Hinsicht gegenüber den Budapester Behörden in einer besonderen Situation. Schweden vertrat die Interessen Ungarns in Washington, London und Berlin sowie die Interessen der Sowjetunion in der ungarischen Hauptstadt. Die Schweiz vertrat in Budapest die Interessen von rund zehn Staaten, welche die diplomatischen Beziehungen mit Ungarn abgebrochen hatten, darunter die Vereinigten Staaten und Grossbritannien. Diese Situation verlangte von beiden Ländern nicht nur ein Mindestmass an diplomatischer Präsenz, sondern ermöglichte ihnen auch, ihren Aktionsspielraum je nach Bedarf einzuschränken oder zu erweitern, um den verfolgten Juden zu helfen.
Die Zusammensetzung des schwedischen diplomatischen Personals war bemerkenswert konstant. Die Gesandtschaft mit Sitz im Bezirk Buda wurde von Minister Carl Danielsson (1880–1963) geleitet, bis dieser am 25. Dezember 1944 in der Residenz der Schweizer Gesandtschaft Zuflucht fand.30 Danielsson wurde wirksam unterstützt von Per Anger (1913–2002), später ausserdem von Lars Berg. Mitte Juni bat er um die Erlaubnis, Notpässe [emergency passports] für Juden mit Verbindungen zu Schweden auszustellen, die von der Deportation bedroht waren. Einen Monat später hatte er etwa 450 davon ausgegeben.31 Die Gesandtschaft verhandelte mit ungarischen und deutschen Behörden, um den Juden, die in Besitz eines Notpasses waren, die Emigration zu ermöglichen. Dies geschah parallel zu den Verhandlungen, die Lutz und die Schweizer über die Auswanderung von rund 7000 Juden nach Palästina führten, die aber schliesslich erfolglos waren.32
Am 9. Juli bekam die Gesandtschaft mit der Ankunft von Raoul Wallenberg (1912–?) Verstärkung. Dessen relativ vage gehaltenes Mandat war in Stockholm vom Aussenministerium in Zusammenarbeit mit dem örtlichen Vertreter des War Refugee Board formuliert worden, der Anfang 1944 durch Roosevelt eingerichteten Agentur zur Hilfe für Juden. Wallenberg stand offiziell einer neuen Abteilung der Gesandtschaft vor (Sektion B) und mietete dafür eigene Lokale in Buda an. Sein Aufenthalt, ursprünglich für zwei Monate geplant, war in erster Linie dazu bestimmt, Stockholm über die Entwicklung der Lage der jüdischen Bevölkerung zu unterrichten.
Wallenberg setzte sich sehr rasch mit Lutz in Verbindung, um sich über die Schutzmassnahmen der Schweizer zu informieren. Er begann ebenfalls, Schutzdokumente auszustellen, die sogenannten Schutzpässe [protective passports]. Bis zum 10. September waren etwa 5000 ausgestellt worden, von denen 2000 verteilt waren.33 Er beklagte sich oft in Stockholm über fehlende finanzielle Mittel. Nach dem 15. Oktober intensivierte er seine Hilfsaktivitäten und verlegte die Büros nach Pest. Mehrere hundert Menschen, mehrheitlich Juden, arbeiteten für ihn. Er gab an, dass in seinen Büros 700 Leute lebten.34 Wallenberg erwies sich in den Wochen, die seiner Verhaftung durch die Sowjets am 17. Januar vorangingen, als ausgesprochen aktiv vor Ort in Pest. Er kann jedoch nicht als derjenige angesehen werden, der durch Vereitelung des geplanten Angriffs der Nyilas im Januar 1945 die 60 000 oder 70 000 Gefangenen des «Grossen Ghettos» rettete.35
Im Sommer 1944 trat in Budapest ein weiterer schwedischer Akteur in Erscheinung. Der ehemalige Journalist Waldemar Langlet, der in der ungarischen Hauptstadt lebte, drängte darauf, örtlicher Vertreter des schwedischen Roten Kreuzes zu werden. Als ihm dies im Juli gelang, hatte er bereits zwei Monate lang ohne Erlaubnis Schutzdokumente ausgestellt. Offiziell Danielsson unterstellt, führte er unabhängige Operationen durch, und die von ihm ausgestellten Schutzdokumente überstiegen die autorisierte Quote von 400 bei weitem. Carl Danielsson (1982), Per Anger (1980), Raoul Wallenberg (1963), Lars Berg (1982), Waldemar und Nina Langlet (1965) wurden mit dem Titel «Gerechte unter den Völkern» geehrt.
Vizekonsul Carl Lutz (1895–1975) leitete die Abteilung für fremde Interessen der Schweizer Gesandtschaft in Budapest ab Januar 1942.36 Geboren 1895 in der Ostschweiz, wanderte er 1913 in die Vereinigten Staaten aus, wo er seine zukünftige Frau, die Schweizerin Gertrud Fankhauser (1911–1995), kennenlernte. Lutz hatte für mehrere Schweizer Vertretungen gearbeitet, darunter für die Gesandtschaft in Washington. 1935 wurde er ans Schweizer Konsulat in Jaffa versetzt, wo ihm unter Konsul Jonas Kübler die Leitung des Kanzleramts übertragen wurde. Im September 1939 wurde Lutz mit der Schweizer Vertretung der deutschen Interessen in Palästina und Transjordanien betraut, insbesondere mit der Ausreise des deutschen diplomatischen und konsularischen Personals – eine Aufgabe, die nur von kurzer Dauer sein sollte, denn am 22. Oktober 1939 bestätigte Lutz, dass Spanien diese Aufgabe wahrnehmen werde.37 Ein Jahr später kehrte Lutz in die Schweiz zurück.
In Budapest war Lutz für die Wahrnehmung der Interessen von rund zehn Staaten zuständig. Da es dabei auch um den Schutz diplomatischer Gebäude ging, verlegte er sein Büro in das Gebäude der ehemaligen amerikanischen Gesandtschaft und machte den Sitz der ehemaligen britischen Gesandtschaft zu seiner Residenz. Ersteres befand sich am Freiheitsplatz (Szabadság tér) in Pest, letzterer in Buda. Von 1942 an stellten Lutz und seine etwa 20 Mitarbeitenden 300 bis 400 Schutzpässe für US-amerikanische und britische Staatsbürger aus, sowohl an Juden als auch an Nichtjuden, und verteilten anschliessend 1000 solcher Dokumente an jugoslawische Staatsbürger. Diese Dokumente inspirierten die Schweden zur Ausstellung von Schutzpässen für Juden mit schwedischen Verbindungen.38
Die Abteilung, auf deren Aktionen im nächsten Punkt näher eingegangen wird, vergrösserte sich kontinuierlich. Lutz führte sie bis Weihnachten 1944, als Budapest von der Roten Armee eingekesselt wurde und er in seiner Residenz in Buda von Pest, wo sich die bedrohten Juden befanden, abgeschnitten war. Er hatte für diesen Fall zwei Stellvertreter ernannt. Peter Zürcher (1914–1975) und Ernst Vonrufs (1906–1972), Schweizer, die früher in Budapest in der Textilindustrie tätig gewesen waren. Beide intervenierten bis zur Befreiung von Pest zugunsten der Juden.
Carl Lutz konnte stets auf die Unterstützung seiner wechselnden Vorgesetzten zählen. Die Schweizer Gesandtschaft selbst, von der Lutz’ Abteilung abhing, befand sich in einem anderen Stadtteil von Pest, in der Stefania-Strasse. Die Kanzlei der Gesandtschaft war Anfang Juli bombardiert und auf Initiative des Grafen Esterhazy in dessen Palast in Buda verlegt worden. Die Gesandtschaft stand seit 1938 unter der Leitung von Minister Maximilian Jaeger (1884–1958). Nach der Machtübernahme der Nyilas kehrte dieser jedoch aus Protest in die Schweiz zurück. Sein Nachfolger, Anton Kilchmann (1902–1961), bat aus gesundheitlichen Gründen um Rückkehr. Am 12. Dezember wurde der Berner Harald Feller (1913–2003) zum Leiter der Gesandtschaft ernannt; er versteckte in seiner Residenz etwa zehn Juden und musste vier Schweizerinnen jüdischer Herkunft, die nach ihrer Heirat mit Ungarn ihre Staatsbürgerschaft verloren hatten, evakuieren. Harald Feller wurde im Januar 1945 von den Sowjets verhaftet und in Moskau inhaftiert.
An dieser Stelle sollte kurz auf die Aktivität des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) eingegangen werden. Nach der deutschen Besetzung wurde die Delegation in Budapest von Friedrich Born (1903–1963) geleitet. Die Aktivitäten der bis zu 250 Personen zählenden Delegation erstreckten sich über drei Bereiche: materielle Hilfe, Heime und Krankenhäuser, insbesondere für Kinder, sowie das Ausstellen von Schutzbriefen.
Nach hartnäckigen Verhandlungen erlaubte die ungarische Regierung Born und seinen Mitarbeitenden, Lebensmittelpakete in die Konzentrationslager und Ghettos Kistarcsa und Sárvár zu liefern. Vor allem das Joint Distribution Committee, aber auch andere Hilfsorganisationen stellten die Mittel zum Kauf von Lebensmitteln, Kleidung und Medikamenten bereit, die dann verteilt werden mussten. Diese Aufgabe fiel insbesondere der «Sektion A» der im September 1944 geschaffenen IKRK-Delegation zu, deren Mandat darin bestand, verfolgte Juden zu schützen und zu unterstützen. Born ernannte Ottó Komoly, den Präsidenten der Ungarischen Zionistischen Organisation, den die Nyilas Anfang 1945 ermorden sollten, zu ihrem Leiter.
Friedrich Born widmete sich mit seinem Team ganz besonders der Rettung von Kindern, deren Eltern deportiert worden oder vermisst waren. Er konnte durchsetzen, dass die ungarischen Behörden den Institutionen, in denen diese Kinder Zuflucht fanden, extraterritorialen Status zuerkannten. Born erreichte die Zuerkennung dieses Status nicht nur für bestehende Einrichtungen, sondern auch für solche, die er und sein Team neu einrichteten. Insgesamt wurden mehr als 150 Institutionen (Heime, Krankenhäuser, Volksküchen, Lebensmittellager, Wohnungen für die mit der Delegation arbeitenden Juden) unter den Schutz des IKRK gestellt. 60 dieser Einrichtungen waren Kinderheime, die insgesamt 7000 Kinder beherbergten. Die geschützten Krankenhäuser wurden regelmässig von Nyilas-Banden angegriffen. Born intervenierte persönlich, um ihren extraterritorialen Status durchzusetzen, konnte aber das Massaker an 130 Menschen – Patienten wie Pflegepersonal – im Krankenhaus in der Városmajor-Strasse nicht verhindern.
Schliesslich stellte Born ab September 1944 ebenfalls Schutzbriefe des IKRK aus, laut seinem Tätigkeitsbericht insgesamt 30 000. Er verteilte sie an seine jüdischen Mitarbeitenden, aber auch an all jene, die irgendeine Verbindung zur IKRK-Delegation geltend machen konnten, und an Personen mit Auswanderungszertifikaten für Palästina.
Carl Lutz (1964), Gertrud Lutz-Fankhauser (1978), Friedrich Born (1987), Harald Feller (1999), Peter Zürcher (1998) und Ernst Vonrufs (2001) wurden mit dem Titel «Gerechte(r) unter den Völkern» geehrt. Yad Vashem ehrte noch drei weitere Schweizer Staatsangehörige für ihre Aktivitäten in Budapest, 1995 Schwester Hildegard Gutzwiller, die Mutter Oberin des Herz-Jesu-Klosters, das 250 Menschen Zuflucht geboten hatte; 2003 den Industriellen Otto Haggenmacher, der sich bereit erklärt hatte, etwa 30 jüdische Kinder in seiner Villa unterzubringen und ihren Unterhalt zu finanzieren; 2007 Eduard Benedikt Brunschweiler, einen Mitarbeiter des IKRK, der eine Abtei in der Nähe von Budapest leitete, in der er Kinder aufgenommen und ein Heim für sie eingerichtet hatte.
Die Aktionen von Carl Lutz und seinem Team weisen im Vergleich zu denen der anderen neutralen Länder zwei Besonderheiten auf, die mit der Vertretung der britischen Interessen in Palästina durch die Schweiz zu tun haben. Dies hatte zur Folge, dass auch eine jüdische Organisation – die jüdische Palästina-Agentur (Jewish Agency for Palestine) – nicht nur unter Schweizer Schutz gestellt wurde, sondern bald darauf ihre eigenen Räumlichkeiten erhielt – das Glashaus. Mit diesen beiden Faktoren lässt sich erklären, warum die Aktionen von Lutz und seinem Team sowohl früher einsetzten als andere als auch weitreichender waren.
Bereits im März 1942 wurde eine hochkomplexe Operation in Gang gesetzt, um in Ungarn lebenden jüdischen Kindern die Auswanderung nach Palästina zu ermöglichen. Die Hauptakteure waren die Jewish Agency in Jerusalem und ihr Budapester Büro, die britische Diplomatie (das Foreign and Commonwealth Office und seine Vertretungen in Palästina und der Schweiz) sowie die Schweizer Diplomatie (das Politische Departement 40 und seine Budapester Vertretung). Diese mussten die Listen für die Kinder erstellen und die erforderlichen Ausreise- oder Transitgeneh-migungen einholen. In Budapest führte die Operation zu einer engen, kontinuierlichen Zusammenarbeit zwischen Mosche Krausz, dem örtlichen Leiter der Jewish Agency, und Carl Lutz und ihren jeweiligen Mitarbeitenden. Laut Theo Tschuy konnten bis zum 19. März 1944 fast 10 000 Kinder, hauptsächlich ausländische, Budapest verlassen und in Palästina Zuflucht finden.
Hilfesuchende Juden und Jüdinnen vor der Auswanderungsabteilung der Schweizer Gesandtschaft im Glashaus. Carl Lutz hat dieses Foto im Herbst 1944 gemacht.
Die deutsche Besetzung Ungarns setzte dieser absolut legalen Auswanderung ein jähes Ende. Sie führte zu zwei konkreten Problemen. Erstens sahen Tausende Juden, die im Besitz eines Zertifikats zur Einwanderung nach Palästina waren (Palästina-Zertifikat), ihre Chancen auf ein Ausreisevisum zunichte gemacht. Zweitens waren Krausz und sein Team nun der direkten Bedrohung ausgesetzt. Anfang April gelang es Lutz, sie von der Zwangsarbeit zu befreien und in seinen Büros in der ehemaligen US-Gesandtschaft unterzubringen. Mit Unterstützung seines Vorgesetzten führte Lutz wochenlange Verhandlungen mit den Deutschen (erst mit Veesenmayer, später mit Eichmann) und den Ungarn, damit die Inhaber eines palästinensischen Zertifikats Ungarn verlassen konnten. Zwar wurde eine grundsätzliche Vereinbarung getroffen, es kam jedoch nie zu einer tatsächlichen Ausreise. So genehmigte der ungarische Ministerrat am 26. Mai die Auswanderung von 7000 Juden nach Palästina unter Schweizer Verantwortung und von mehreren hundert Juden nach Schweden.
Auf dieser Grundlage leitete Carl Lutz eine Reihe von Massnahmen ein und wandte auch verschiedene Strategeme an. Diese Prozesse liefen meist parallel nebeneinanderher, was insbesondere im Hinblick auf die Anzahl der betroffenen Personen zu manchmal widersprüchlichen Angaben führte.
Er bat um die Erlaubnis, Schutzbriefe an Personen auszustellen, denen die Auswanderung nach Palästina bewilligt worden war. Diese Dokumente bescheinigten, dass der Inhaber zur Einwanderung berechtigt war und dass sein Name in einem Kollektivpass enthalten war – ein juristischer Trick, auf den nochmals eingegangen werden soll. Sie waren mit dem Schweizer Wappen, dem Namen der Abteilung fremder Interessen sowie einem Stempel versehen. Es ist nicht möglich, das genaue Datum zu bestimmen, ab dem diese Dokumente erstellt und, was noch wichtiger ist, verteilt wurden. Zwei Dinge sind sicher. Erstens löste die Machtergreifung der Nyilas eine fieberhafte Produktion dieser Dokumente aus. Zweitens begannen Fälschungen in grosser Zahl in Umlauf zu gelangen, von denen einige recht ungeschickt ausgeführt waren und typographische Fehler aufwiesen. Mit der Anzahl der Fälschungen bzw. der Herstellung von Briefen, die keinem palästinensischen Zertifikat entsprachen, stieg das Risiko, dass die Ungarn und die Deutschen die gesamte Operation in Frage stellen würden. Im November wurden Carl und Gertrud Lutz gezwungen, in einer Ziegelfabrik in Óbuda die Inhaber gefälschter Dokumente zu identifizieren, unter Androhung, dass sonst alle Inhaber von Schweizer Schutzdokumenten zu Zwangsmärschen verurteilt würden.
Wie bei den von anderen neutralen Ländern ausgestellten Dokumenten kann die Gesamtzahl der Schweizer Schutzbriefe nicht ermittelt werden. Die Zahlen von über 100 000, die in Umlauf waren, erscheinen nicht sehr glaubwürdig, doch man kann realistischerweise von mehreren Zehntausend ausgehen. Sicher ist auf jeden Fall, dass Lutz die Herstellung von Schutzbriefen, die nicht durch Palästina-Zertifikate gedeckt waren, gestattet hatte. Da die Schutzbriefe nummeriert waren, musste darauf geachtet werden, dass die erlaubte Quote nie überschritten wurde, wobei natürlich mehrere Dokumente die gleiche Nummer bekamen.
Ab Sommer 1944 begann Lutz, die Quote der Personen (etwa 7000), für die er die Auswanderungsgenehmigung beantragt und die prinzipielle Zustimmung der ungarischen und deutschen Behörden erhalten hatte, so auszulegen, dass sie sich nicht auf Einzelpersonen, sondern auf Familien bezog. Später bestätigte er, dass er auf dieser Grundlage die Ausstellung von 50 000 Schutzbriefen genehmigt hatte.
Der Text der Schutzbriefe nahm Bezug auf sogenannte Kollektivpässe. Diese Pässe sollten die Ausreise und anschliessend den Transit durch Rumänien für Inhaber von Palästina-Zertifikaten administrativ erleichtern. Sie enthielten Namen und Fotos der betroffenen Personen. Die Herstellung wurde jungen Juden anvertraut, die unter diplomatischem Schutz der Schweiz standen. Die ersten Pässe wurden Ende Juli fertiggestellt. Natürlich war die Zahl der in den Pässen eingetragenen Personen viel geringer als die Zahl der Inhaber von Schutzbriefen.
Im Juli gelang es Lutz, von den Ungarn die Bewilligung zu erhalten, dass sich Inhaber von Schutzbriefen in speziellen Gebäuden, sogenannten Schutzhäusern, mit diplomatischer Immunität aufhalten konnten. Diese bildeten zusammen mit den Häusern, die später anderen neutralen Ländern und dem IKRK gewährt wurden, den Kern des «Internationalen Ghettos». Am 10. November ordnete der Aussenminister des neuen Regimes an, dass alle Inhaber von Schutzdokumenten in diesem Ghetto konzentriert werden mussten. Insgesamt verfügte die Schweiz über 76 der insgesamt 122 von den neutralen Staaten geschützten Häusern, die rund 15 000 Menschen Unterschlupf boten. Der diplomatische Schutz dieser Häuser wurde wiederholt verletzt oder bedroht. Lutz oder seine Stellvertreter mussten immer wieder eingreifen. Die Verpflegung wurde vorwiegend von jungen jüdischen Pionieren (Chaluzim) gewährleistet, wobei oft auch Gertrud Lutz mit Hand anlegte.
Die oben beschriebenen Massnahmen waren ausgehend von der bereits ab 1942 organisierten – legalen – Auswanderung jüdischer Kinder nach Palästina im Rahmen der britischen Interessenvertretung der Schweiz entwickelt worden. Die von Lutz und seinem Team durchgeführten Aktionen hatten, wie bereits erwähnt, noch eine zweite Besonderheit: Die Büros und Mitarbeitenden der Jewish Agency for Palestine standen unter Schweizer Schutz. So konnten Krausz und seine rund 30 Mitarbeiter unter Lutz’ Verantwortung in den von ihm genutzten Räumlichkeiten im Gebäude der ehemaligen amerikanischen Gesandtschaft arbeiten. Die zunehmend grösseren Menschenmassen auf dem Szabadság tér (Freiheitsplatz), die auf der Suche nach Schutzdokumenten waren, brachten das Risiko von Repressalien – von deutscher und ungarischer Seite – für ein Gebäude mit sich, zu dessen Schutz sich die Schweiz verpflichtet hatte. Es musste eine Alternativlösung gefunden werden für das Büro, das bald als Auswanderungsabteilung bezeichnet werden sollte.
Diese Lösung bestand im sogenannten «Glashaus», dem leerstehenden Geschäftsgebäude einer Glasfabrik in der nahe gelegenen Vadász-Gasse 29, das Arthur Weiss gehörte. Lutz bot ihm an, in der Auswanderungsabteilung zu arbeiten und diese ins Glashaus zu verlegen, womit es zu einem Nebengebäude der schweizerischen Gesandtschaft erklärt und unter diplomatische Immunität gestellt werden konnte. Weiss war einverstanden, und die Ungarn gaben grünes Licht. So zog das Auswanderungsamt am 24. Juli ins Glashaus um.
Ab dem 15. Oktober wurden in dem dreistöckigen Gebäude mit Innenhof nicht nur Schutzbriefe zu Tausenden ausgestellt, es wurde auch zum Zufluchtsort für die Verfolgten. Ende des Monats drängten sich darin bereits 800 Menschen. Lutz mietete ein angrenzendes Gebäude und ein drittes im gleichen Bezirk dazu. Insgesamt fanden dort mehr als 4000 Menschen Schutz. Das Glashaus wurde wiederholt von Nyilas-Banden bedroht oder angegriffen. Am Silvesterabend 1944 verlor Arthur Weiss bei einem solchen Überfall das Leben.
Die gefährlichste Zeit waren für die Budapester Juden, die vor allem in Pest im «Zentralen Ghetto», im «Internationalen Ghetto» oder im Glashaus und in seinen Nebengebäuden zusammengedrängt waren, zweifellos die Wochen unmittelbar vor der Befreiung durch die Rote Armee. Seit Weihnachten standen jedoch an vorderster Front Peter Zürcher und Ernst Vonrufs, die Lutz zu seinen Vertretern in Pest ernannt hatte – während er selbst im Gebäude der ehemaligen britischen Gesandtschaft eingeschlossen war, dessen Schutz er zu gewährleisten hatte.
Schweizer Kollektivpässe 1 und 2, Juli 1944
Dieser Abschnitt beschränkt sich auf zwei oft diskutierte Fragen zu Lutz: Ist Carl Lutz Gegenstand einer disziplinarischen Untersuchung geworden? Wie viele Menschen hat er gerettet?
1945 ordnete das Eidgenössische Politische Departement (EPD) eine Untersuchung über die Tätigkeit des Personals der Schweizer Gesandtschaft in Budapest an. Auch Carl Lutz wurde in diesem Zusammenhang befragt. Der Gegenstand der Untersuchung hatte jedoch nichts mit seinen Aktivitäten zum Schutz der Juden zu tun. Das EPD wollte die Motive rekonstruieren, die die Sowjets dazu veranlasst hatten, den Leiter der diplomatischen Vertretung, Harald Feller, und einen seiner Kollegen gefangen zu nehmen, und zwar in äusserst heiklem Kontext: Die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern waren seit 1918 abgebrochen. Schliesslich wurde Harald Feller im Frühjahr 1946 repatriiert. Carl Lutz stand nie im Zentrum einer Untersuchung und wurde nie bestraft.
Interessiert man sich für die Zahl der von Lutz geretteten Menschen, so wird oft von 62 000 gesprochen. Tatsächlich stammt diese Zahl aus einem Brief des ehemaligen Präsidenten der Ungarischen Zionistischen Organisation, Michael Salamon, an Carl Lutz.41 Salamon kommt zu dieser Gesamtzahl, indem er fünf Kategorien von Menschen addiert, die von Lutz und seinem Team gerettet wurden – darunter die im Internationalen Ghetto und die im Glashaus. Dabei wurden einige zwei oder mehrmals gezählt.
Vor allem Randolph Braham und Paul Levine haben einige interessante Fragen über die «Rettung der Juden von Budapest» aufgeworfen.42 Sie stellten insbesondere fest, dass die Summe aller (von neutralen Ländern und anderen) angegebenen geretteten Juden von Budapest die tatsächliche Zahl der Überlebenden deutlich übersteigt. Wir halten es für unmöglich, die Anzahl der von Lutz, Wallenberg und anderen geretteten Menschen genau zu bestimmen. Hingegen scheint – wie es auch der Historiker Yehuda Bauer aufgezeigt hat 43 – gesichert, dass die kollektiven Anstrengungen des schweizerischen diplomatischen Schutzes sowohl in zeitlicher Hinsicht als auch in Bezug auf die Zahl der geretteten Personen Massstäbe setzten.
Aus dem Französischen von Lis Künzli
Tamar und Rafi Benshalom, Kibbuz Ha’ogen, Israel 1994
Richard Friedl (später Rafi Benshalom) wurde im Januar 1944 gemeinsam mit Mosche Alpan (Pil) aus Nové Město (Tschechoslowakei) nach Budapest entsandt, um die von der Haschomer Hazair-Bewegung organisierten Rettungsaktionen für Flüchtlinge zu überwachen. Im Frühling 1944 trat Richard Friedl mit der Bitte an Carl Lutz heran, auf Basis eines Ausweises, der auf den Namen «János Sampiás» ausgestellt war, seine amerikanische Staatsbürgerschaft zu bestätigen. Als Friedl Lutz später gestand, dass er nicht János Sampiás war, versicherte dieser ihm, dass er ihn weiterhin schützen werde.44
Der 19. März war ein Sonntag. Wie in einem Albtraum beobachtete ich [in Budapest] dasselbe schreckliche Schauspiel, das sich genau fünf Jahre zuvor auf den Strassen von Prag abgespielt hatte. Die endlosen Kolonnen grauer Panzer, die Motorräder, die militärisch getarnten Fahrzeuge, alles bewegte sich stumm mit der Präzision eines Uhrwerks vorwärts, Angst und Schrecken über der schneebedeckten Stadt verbreitend. Was wir so sehr gefürchtet und wovor wir so oft gewarnt hatten, war eingetroffen. Spontan trafen wir uns alle im Hauptquartier der Bewegung. Von dort machten wir uns auf den Weg zu den Büros des jüdischen Nationalfonds, da wir wussten, dass sich dort die gesamte zionistische Führung versammeln würde. Und tatsächlich, da sassen sie alle. Alle diese Herren, die sich stets so sicher gewesen waren – und sich ihre eigenen Stürme im Wasserglas zusammenbrauten –, warteten nun darauf, dass ihnen jemand Mut zusprach und Vorschläge für das weitere Vorgehen machte. Und zum ersten Mal waren diese erfahrenen Männer, die mehr Respekt einforderten, als ihnen zustand, in ihrer Autorität ratlos und baten uns um Hilfe. Jetzt erinnerten sie sich an unsere Warnungen und wollten wissen, wie es sich genau verhielt und was wir vorschlugen. Wir sahen einander an – Leon Blatt aus Polen, Ivo Davidovitch aus Jugoslawien, Eli Sajó und ich aus der Slowakei – und konnten uns ein bitteres Lächeln nicht verkneifen. Wir vier waren uns einig: Diese Zionisten durften für das, was nun bevorstand, nicht die Verantwortung übernehmen, sie durften die Führungsposition nicht einnehmen, denn das, was jetzt drohte, war die absolute Vernichtung, und wir durften den Henkern keine helfende Hand reichen. Es war unumgänglich, dass wir uns in den Schatten zurückzogen, die Dinge von dort aus lenkten und ruhig und ohne Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen, taten, was in unserer Macht stand.
Es sollte allerdings eingestanden werden, dass auch unsere Bewegung auf diesen plötzlichen Umschlag nicht vorbereitet war, so sehr sie auch mit ihm gerechnet hatte. Unsere erste Aufgabe bestand darin, für alle Mitglieder der Bewegung christliche Dokumente zu beschaffen. Das schien kein einfaches Unterfangen. In den ersten Tagen herrschte ein Gefühl der Hilflosigkeit. Bisher waren die Juden in Ungarn gesetzestreue Staatsbürger gewesen. Auch wir waren es gewohnt, uns in den «Kens» der Bewegung [Hebräisch für «Vogelnester»: Versammlungsorte, an denen die Aktivitäten der Bewegung stattfanden] und in verschiedenen zionistischen Büros zu treffen. Von nun an beschlossen wir, um alle diese Orte einen weiten Bogen zu machen. Die gesamte Bewegung musste dezentralisiert werden und wieder auf die Strasse zurückkehren. Das war natürlich keine leichte Sache, und auf der Strasse bestand ständig die Gefahr, überfallen zu werden. Wir suchten verschiedene Plätze der Stadt auf und hielten nach Menschen Ausschau, die jüdisch aussahen. Ausserdem war die Stadt zu einer betäubten Festung geworden. Die jüngsten Ereignisse wurden mehrere Tage lang nicht publik gemacht. Wir hatten keine Ahnung, was aus Horthy geworden war und welches Schicksal dem Land beschieden sein würde. Die Macht lag in den Händen der Gestapo. Führende Liberale waren gleich am ersten Tag verhaftet worden, darunter viele bekannte Juden – nach Listen.
Am 21. März wurden Vertreter der jüdischen Gemeinde zu einem Treffen einberufen, bei dem ihnen freundlich mitgeteilt wurde, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchten, es werde ihnen kein Schaden zugefügt. Sie sollten in Ruhe ihren Geschäften nachgehen. Zwar müssten die Juden einen Teil ihrer überschüssigen Energie eindämmen, aber niemand habe um sein Leben zu fürchten. Es war der Zeitpunkt, da der «Judenrat» oder «Jüdische Rat» ernannt wurde. Die weisen Budapester Juden fielen auf den primitiven Taschenspielertrick der Gestapo herein, und der Optimismus war gross. Bis dahin waren bereits mehrere Juden im wieder eingerichteten Konzentrationslager Kistarcsa verschwunden. Der Judenrat war darauf nicht vorbereitet und der neuen Situation hilflos ausgeliefert. Angesichts des Leids und der Unfähigkeit, dem jüdischen Normalbürger Antworten zu geben, beschlossen die Zionisten, im Ratsgebäude in der Síp-Gasse 12 eine Informationsstelle einzurichten. Die meisten altgedienten Zionisten arbeiteten in diesem Gebäude, aber es war eine Sisyphusarbeit. Also sind wir aktiv geworden. Zum Glück hatten wir nach langer Wartezeit gerade ein Kopiergerät [einen Schapirographen] aus der Slowakei erhalten. Da unsere slowakischen Freunde uns zusammen mit dem Schapirographen alle notwendigen Tintenarten geschickt hatten, waren wir in der Lage, alles herzustellen, was wir wollten [in verschiedenen Privatwohnungen und in einer Werkstatt in der Izabella-Gasse]. Es war eine gefährliche Angelegenheit, in irgendeiner Wohnung an der Herstellung von gefälschten Dokumenten beteiligt zu sein, vor allem in der Zeit, da Hausdurchsuchungen an der Tagesordnung standen. Damals bestand die Bewegung in Budapest aus fast 500 Mitgliedern. In der Anfangszeit mussten wir jeden Tag jedes einzelne Mitglied treffen, nur um sicherzugehen, dass niemand verhaftet worden war, aber den Leuten war auch sehr daran gelegen, uns ihre kleinsten Probleme mitzuteilen. Ich war für die Verbindung mit [Rezső] Kasztner und seinen Männern im Judenrat verantwortlich. Wie sehr ich mich auch bemühe, ich kann mich nicht an meinen Tagesablauf erinnern. Ich weiss nur, dass ich sehr spät nachts nach Hause kam, meine Nerven blank lagen und mir quälende Gedanken im Kopf herumgingen, sodass es mir unmöglich war, mehr als drei oder vier Stunden am Stück zu schlafen.
Schweizer Kollektivpass 1 (S. 34), Juli 1944
[Im Juli 1944] hatte uns die Schweizer Gesandtschaft die Möglichkeit gegeben, [im Glashaus in der Vadász-Gasse] halblegale «Sprechstunden» abzuhalten. Wir konnten hier Leute empfangen und in Ruhe ihre Probleme besprechen, ohne die Angst, von jemandem belauscht zu werden; was nicht so schlecht war, wenn in der Zwischenzeit andere warteten. Endlich hatten wir einen Ort gefunden – und das war vielleicht das Wichtigste dabei –, wo wir uns jederzeit aufhalten konnten. Hier konnte jeder, der wollte, vorbeikommen und uns darüber informieren, dass er oder sie noch am Leben war. Hier konnte jeder, der es brauchte, vorbeikommen und Ersatz für eine fehlende Meldebescheinigung oder die Geburtsurkunde seiner Grossmutter in Auftrag geben – wenn diese plötzlich benötigt wurden. Freunde, die aus Arbeitslagern geflohen waren, konnten uns hier finden.
