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»Kaum jemand schreibt mit so viel Wissen, Erfahrung und Empathie über die besondere Beziehung von Mensch und Tier wie Maxi Obexer.« Tanja Dückers An einem Morgen im Frühling verlässt Antonia den Hof. Zuvor ließ sie all ihre Kühe abtransportieren. Agnes, ihre Nichte und angehende Philosophin, findet sie in der Psychiatrie wieder – und erinnert sich: an ihr Aufwachsen mit den Tieren; an die Fährten, denen sie mit ihrer Hündin in den Wäldern und im Gebirge folgte; an den Sommer mit den Kühen auf der Alm. Eine »Liebe« zu den Tieren ließ Antonia nie gelten, zu sehr verteidigte sie ein bäuerliches System, an dem sie schließlich zerbricht. Während Agnes allmählich Antonias Zerrissenheit erkennt, erweisen die Tiere Antonia die letzte Ehre. »Maxi Obexer schreibt einen Text über die Gemeinschaft der Lebewesen, der nicht nur politisch und philosophisch, sondern vor allem bezaubernd zärtlich ist.« Svenja Leiber »Der intensiven Beziehung zwischen Menschen und Tieren nachzugehen, und den Schmerz der Trennung auf wundersame Weise zu zeigen, das ist wohl eines der verrücktesten literarischen Vorhaben, die man haben kann – eine echte Maxi Obexer!« Kathrin Röggla
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Seitenzahl: 185
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Maxi Obexer
Die Arbeit an diesem Buch wurde unterstützt durch ein
Werkstatt-Stipendium des Literarischen Colloquiums Berlin
und durch das Amt für Kultur der Südtiroler Landesregierung.
Alle Rechte vorbehalten
© Weissbooks Verlagsgesellschaft mbH, Berlin 2024
Umschlag, Gestaltung und Satz: Harald Hohberger Grafikdesign, Berlin
Unter Verwendung eines Fotos von: © johannes-andersson/unsplash
ISBN 978-3-86337-221-7
www.weissbooks.de
Teil 1 Was ist Schmerz, wenn nicht Durchtrennung?
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Teil 2 Zu zweit, also nicht verloren
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Teil 3 Nur noch Mensch werden
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Ich schlief sofort ein. Wachte nach ein paar Stunden aber wieder auf und lag hellwach da. Es fröstelte mich an den Füßen. Ich schlich zum Auto und holte meinen Pelz aus dem Kofferraum und bettete meine Füße darin. 23
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Teil 4 Wo anfangen, wenn nicht vorn?27
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Dank
Literatur
Meinem Vater gewidmet
Ganze Weltalter voll Liebe werden notwendig sein, um den Tieren ihre Dienste und Verdienste an uns zu vergelten.
Christian Morgenstern
Als die Turmuhr schlug, öffnete Antonia die Augen und schaute zur Decke. Schlag um Schlag prallte schwingendes Metall gegen die Glockenwand und tönte kreisend nach. Im Flur sprang der Hund auf. Er streckte sich, gähnte und schob sich durch die Tür in ihr Zimmer. Stellte sich so an ihr Bett, dass sie nur ihre Hand leicht anheben und auf seinen Rücken legen musste, um ihn zu kraulen. Dann verschwand er wieder. Mit offenen Augen blieb sie liegen. Draußen war es vollkommen still. Kein Vieh im Stall, kein Huhn, das gackerte, auch kein Vogel, nicht einmal das Summen einer Fliege war zu hören. Die Vögel mochten schon weiter oben sein. Wenn es wärmer wurde, flogen sie bis zur Baumgrenze, und wenn es Sommer wurde, auf die Alm. Aber noch war der Schnee auf der Alm nicht ganz geschmolzen. Es war zu früh, um hinaufzufliegen. Und wo waren die Schwalben und ihr hektisches Nisten im Gemäuer des Hauses? Waren spät dran dieses Jahr. Oder kamen gar nicht erst wieder zurück. Wurde nicht im Fernseher behauptet, dass unsere Schwalben nicht mehr zurückkehrten aus ihrem Winter-Domizil? Hörten sie dann auf, unsere Schwalben zu sein?
Der Hund tappte im Flur hin und her. Er steckte seinen Kopf wieder zur Tür herein. Am Wippen seines Brustkorbs und dem offenbar heftigen Wedeln sah sie, wie es ihn unruhig machte, dass sie noch immer nicht aufstand.
Es gab nichts zu tun. Das gibt es nicht, hörte sie ihre Mutter sagen, zu tun gibt es immer, man muss die Arbeit nur sehen.
Der Hund schob die Tür weiter auf, legte sich quer über die Türschwelle und folgte ihr mit seinem Blick.
Es gab keinen Grund aufzustehen, es gab keinen Grund. Nur der Zugelaufene, der brauchte jetzt wenigstens Wasser und musste raus. Kaum bewegten sie ihre Finger, sprang er auf und lief freudig zu ihr. Er hatte sich schnell an sie gewöhnt. Schon nach ein paar Wochen benahm er sich, als wären sie seit Jahren zusammen, es waren gerade mal ein paar Monate, Anfang Dezember, der erste Schnee an den Straßenrändern war schwarz und sackte zusammen. Im Schmelzwasser kam er die Straße dahergepatscht, unterwürfig wedelnd. Manchmal hieß sie ihn »den Städter«, wegen dem rot-braunen Fell und dem Glanz darauf. Der war nicht von hier. Er war schmal, und statt mit allen vieren aufzutreten, schien er eher zu schlendern. Wer weiß, ob er irgendwo ausgerissen oder ausgesetzt worden war. Sie würde es nie erfahren. Und sie wollte auch nicht zu viel von ihm wissen. Er trat von einem Bein auf das andere, nahm seine Augen nicht von ihr. Auch wenn er noch so sehr darum bettelte, sie vermied den Blickkontakt. Sie hatte ihr Leben und wusste, was zu tun war.
Sie setzte sich auf, ließ ihre krampfadergefärbten Beine von der Bettkante baumeln und griff zum kleinen Kamm auf dem Nachttisch. Sie fuhr sich ein paarmal durch ihr langes grauweißes Haar, ihren Kopf schräg zur Seite geneigt. Sie packte die Haare zu einem Bund, durchtrennte ihn in drei Stränge, drehte sie glatt und flocht sie ineinander zu einem Zopf. Den legte sie kreisförmig auf ihrem Hinterkopf ab, befestigte ihn mit Haarnadeln und spannte ein Haarnetz darüber. Sie rutschte vom Bett und lief barfuß über den blank gescheuerten Holzboden. Aus der Kommode nahm sie eine frische weißgeblümte Bluse und schlüpfte hinein; mit krummen Fingern schloss sie Knopf für Knopf über Brust und Bauch. Bevor sie die Kammer verließ, schüttelte sie die Wolldecke aus und streifte sie glatt. Sie nahm das Glas und die Schnapsflasche vom Nachttisch, trottete damit in den Flur, ging in die Küche. Der Hund dicht an ihren Fersen. Aus einem Krug goss sie Wasser in seine Schüssel und stellte sie vor die Küchentür. Sie ging zum Herd, drehte das Gas auf und griff zu den Zündhölzern. Sie häufte drei Löffel Kaffeepulver in einen Aluminiumtopf, goss Wasser drauf und wartete, bis es kochte und das Pulver aufstieg. Den kochenden Kaffee goss sie durch ein Sieb in die Emaille-Schale. Sie hob die Schale an ihren Mund.
Der Hund saß gebannt an der Schwelle. Noch nie hatte er sie so in der Küche stehen sehen. Sie schlürfte, trank, stellte die dampfende Schale ab, holte die kalte Asche aus dem Herd, schob mit dem Schürhaken die Ofenringe zur Seite, legte Holz hinein. Meist loderte und knisterte das Feuer, wenn sie wieder zur Schale griff und trank. Ihrem Gesicht war immer anzusehen, was sie als Nächstes und als Übernächstes vorhatte. Sie stand nicht einfach da mit leerem Blick und nippte an der Schale. Ihr Blick verriet, was folgen würde. Und der Herd, das Feuer, das Wasser, der Kaffee, sie alle wussten genau, was zu tun war. Wenn Antonia zur Tür hereinkam, war alles wach und bereit.
Aber diese Augen waren schwer zu verstehen. Und ihr Zeigefinger gab keine Richtung vor. Er schnappte in die Luft. Er tappte über die Schwelle und wieder zurück. Er winselte. Nichts. Oder doch? Sie hatte die Augen bewegt. Sah sie ihn an? Er wedelte mit dem Schwanz. Was stand sie hier rum? Er bellte kurz auf.
Sie goss den restlichen Kaffee ins Waschbecken, ließ Wasser nachlaufen und spülte Topf und Schale aus. Sie blickte auf die Uhr an der Wand, straffte den Rock; es war Zeit. Sie folgte dem Hund durch den Flur zur Haustür und öffnete sie, der huschte über die hölzerne Treppe nach unten und über den Hof.
Antonia wich vor dem grellen Sonnenlicht zurück. Sie zögerte, drehte sich um und ging zurück in die Stube. Richtete den Blick streng nach rechts zur getäfelten Wand, weg vom Tisch mit den Briefen, den verstreuten Umschlägen mit dem roten R darauf und dem pechschwarzen V vom Veterinäramt, um das sich die Schlange kringelte. An der getäfelten Wand hingen die Fotografien der verstorbenen Eltern. Die Mutter lächelt mit ihrem spöttischen Blick auf sie herab. Der Vater mit erschrockenem strengen Blick, als sei das Kameraauge das Jüngste Gericht. Sie tunkte ihre Finger in das kleine Weihwasserbecken, bespritzte die Eltern, nahm die Tasche und zog die Tür hinter sich zu. Sie trat durch die Haustür erneut ins grelle Frühlingslicht, stieg Stufe für Stufe die hölzerne Treppe hinab, bis sie auf dem staubtrockenen Boden ankam.
Der Hund lief vor ihr hin und her, von links nach rechts, sicherte den Weg, bevor sie ihn betrat. Sie liefen an den Feldern vorbei, auf denen zwischen dem alten trockenen das neue grüne Gras hervorstach. Ihr Tritt war schnell, mit kleinen, fest auftretenden Schritten.
An der weißen Bluse und der steifen Handtasche an ihrem Ellenbogen sah er, dass es woandershin ging. In einigem Abstand zu den Bienenstöcken setzte er sich für gewöhnlich hin und wartete, bis sie fertig war und wieder mit ihm zurückkehrte. Das konnte Stunden dauern, während sie die Deckel von den Stöcken hob, Rahmen für Rahmen herausnahm, vor sich hinhielt und darin zu lesen begann. Aber diesmal lief sie an den Stöcken vorbei, als wären sie gar nicht da.
Sie war schon weit entfernt und kümmerte sich nicht. Und jetzt? Laut und aufgeregt bellte er ihr nach. Sprang vor und zurück, wedelte so heftig mit dem Schwanz, dass es seinen hinteren Körper in beide Richtungen zog. Er setzte sich hin, sprang auf, bellte, wartete ab. Nichts. Sie drehte sich nicht einmal um. Er tappte vor und zurück. Sah sie an der Kante der Wiesenkrümmung verschwinden, wedelte nur noch schwach mit dem Schwanz. Dann lief er los.
Sie gingen durch die Weinberge hinab. Er hatte sie inzwischen eingeholt und folgte ihr dicht auf den Fersen. Sie kamen an die Weggabelung, an der es rechts in die Stadt ging. Was machte sie? Lief daran vorbei nach links. Er sah immer wieder zu ihr hoch, ihr Blick war unlesbar geworden, ausdruckslos, hart. Der Weg führte leicht am Hang entlang; unter ihnen die Stadt, an der sie vorbeizogen, bis sie den Talboden erreichten. Nordwärts ging es weiter an den großen Anlagen vorbei, dem Krankenhaus, dem Friedhof, den Autowerkstätten. Vor ihnen war jetzt die vierspurige Schnellstraße. Die Autos rauschten an ihnen vorbei, der Fahrtwind schleuderte den Feinstaub in ihre Augen. Was hatte sie vor? Den Riemen ihrer Tasche um ihr Handgelenk gewickelt, legte sie die Hände an der Leitplanke auf und stieg darüber. Sie rückte ihren Rock zurecht und lief weiter auf dem Standstreifen Richtung Norden. Angst beschlich ihn, er konnte sie nicht lesen, er hatte keinen Anhaltspunkt. Er bellte, er folgte ihr. Als die Autobahn sich vom Boden löste und es über eine luftige Brücke ging, begannen seine Beine zu zittern. Er duckte seinen Kopf unter die Leitplanken. Sah auf den Fluss und auf das steinige Flussufer, erkannte dort zwei dunkle Gestalten, die breitbeinig auf den weißen runden Steinen balancierten. Er stemmte seine Vorderbeine in den Asphalt, spannte den Hals und bellte, bellte in schnellen Stößen hintereinander. Bellte, was er konnte.
Einer der beiden Angler stand mit hochgezogenen Stiefeln im Flussbett, im gemächlichen Wechsel zwischen Widerstand und Nachgeben hielt er seine Angelrute und warf seinem Kumpel einen kurzen Blick zu.
»Hast du einen Wurm?«
»Bedien dich.«
Er reichte ihm den Becher voller Würmer, die sich im Rhythmus einer Bewegung fortwährend ineinanderschoben, während sie versuchten, sich voneinander zu lösen. Der Angler griff sich ein Wurmende und zog daran. Er stach die Hakenspitze in den Körper und schob dann Stück für Stück des Wurms über den Haken.
»Verdammt!«
Das letzte Ende des Regenwurms schlug so heftig um sich, dass sich der ganze Wurm aus dem Haken schob. Eifrig bemühten sich die Anglerfinger, den Haken in den zappelnden Wurm zurückzuschieben. Doch der Wurm war ins Wasser geplumpst, bevor er ihn auswerfen konnte.
»Dreckstück!«
»Nimm dir halt einen anderen.«
Ein dickerer Wurm wurde auf den Haken geschoben, doch wie das Metall durch den Körper fuhr, streckte und reckte sich das Tier so sehr, dass es die doppelte Länge annahm.
»Diesmal entwischst du mir nicht.«
Er nahm den Wurm vom Haken, riss ihn entzwei und steckte beide Teile nebeneinander an den Haken. Eine Sekunde später schossen sie zappelnd über die glatte Oberfläche des Flusses und versanken im Wasser.
»Hörst du das? Hörst du das Bellen? Sei doch mal still! Ein Hund. Das ist ein Hund. Hey! Was … Siehst du das? Diese Gestalten auf der Brücke?«
»Bei mir beißt einer an. Und was für einer. Der hat vielleicht einen Zug drauf! Jetzt nur nicht von der Angel gehen, komm schon, schluck ihn runter, ganz tief runter ...«
»Das sieht mir nach einer Frau aus ...«
»Runter mit dir!«
»Was zum Teufel machen die da?«
»Ich hab ihn gleich.«
»Ruf die Rettung!«
»Gleich hab ich ihn, verdammt!«
»Hier. Nimm. Und ruf die Rettung!«
Er tippte die Nummer ein, drückte ihm das Handy in die Hand, schmiss seine Angelrute in den Sand und lief die Böschung hoch.
»Raus mit dir!«
Während das Rufzeichen ein Mal und ein zweites Mal ertönte, flog ein um sich schlagender Fisch aus dem Wasser, flog über das Flussbett, flog gegen einen Stein. Das Blut schoss in seine Augen, er riss das Maul auf.
»Hallo! Ja! Hier! Wir bräuchten einen Rettungswagen! Eine Frau ist an der Autobahnbrücke! Es sieht so aus –«
Der Fisch war seiner Hand entglitten und robbte über die Steine.
»Autobahnbrücke Nord auf der rechten Fahrspur Richtung Süden ... Du, du glattes Stück Scheiße!«
Der Angler torkelte dem Fisch hinterher, fiel auf die Knie, schnappte nach dem Fisch.
»Sieht so aus, als wollte sie runterspringen! Autobahnbrücke Nord, jaaa! Mann! An der Autobahnausfahrt NORD! Meinetwegen auch Autobahneinfahrt Süd! Je nach Sicht ... Was? Natürlich nach meiner Sichtweise ... Süd! Richtung Süden ... HIERGEBLIEBEN! Jetzt hab ich dich. Aber Sie müssen ... Sie müssen Nord rausfahren, also wenn Sie vom Süd...«
Der andere Angler arbeitete sich unterdessen atemlos durch das dürre Gestrüpp die Böschung hoch. Als er an der vierspurigen Autobahn ankam, stand Antonia einen halben Kilometer weit von ihm entfernt.
»Halt! Warten Sie! Bitte warten Sie!«
Sie drehte sich zu ihm um, klammerte sich an den Handlauf des Brückengeländers, sie verstand nicht. Worauf sollte sie warten? Von weitem ließ das Martinshorn sie aufhorchen, das durchs Tal hallte und immer näher kam. Als der Rettungswagen neben ihr hielt, stürzten zwei Männer heraus und auf sie zu, sprachen beruhigend auf sie ein, stützten sie am Ellenbogen und halfen ihr einzusteigen.
Der Angler hielt den Hund die ganze Zeit am Halsband. Als der Wagen mit Blaulicht davonfuhr, nahm er ihn mit hinunter an den Fluss und ließ ihn dort frei. Der Hund schüttelte sich, er wedelte kurz mit dem Schwanz und sprang mit zurückgelegten Ohren übers Flussbett davon.
Ich fand Antonia mit Rock und Bluse bekleidet auf ihrem Bett sitzen, die Hände auf ihrem Schoß gefaltet. Ihr Kopf war seitlich zum Fenster gedreht. Kaum bemerkte sie mich, rutschte sie vom Bett in ihre Schuhe. Schweigend verließen wir das Zimmer und gingen in den Park, wo wir uns auf eine Bank setzten. Ich wagte nur flüchtige Blicke zu ihr. Stumm saßen wir da. Vor uns, in der Mitte des Parks, plätscherte ein weißer Marmorbrunnen. Wir starrten auf den gleichmäßig zurechtrasierten Rasen, auf die schnurgerade aus dem Boden ragenden Stämme der Zedern, deren Zapfen hier und da mit einem kurzen stumpfen Aufprall zu Boden fielen. Einmal wöchentlich würden sie von den Stadtgärtnern in die Container befördert werden. Wir starrten auf die immergrünen auf zwei Meter Höhe gestutzten Ligusterhecken, die die Anlage fein säuberlich vom Leben der anderen trennten. Plötzlich drehte sie den Kopf zu mir. Aus kleinen blauen, wässrigen Augen blickte sie mich an. Leise, als könnte sie für die Frage bestraft werden, aber von einer Klarheit, als gäbe es nur noch diese eine Sache zu wissen, fragte sie mich:
»Welchen Sinn hat mein Leben eigentlich?«
Ich erschrak.
»Welchen Sinn?«
Sie drehte den Kopf zurück und richtete den Blick wieder geradeaus durch die Zedern.
»Dein Leben?«
Ihrem Gesicht waren die strengen Züge entglitten, ihre sonst von der Sonne gegerbte Haut erschien mir zarter, wie aus Papier. Zum ersten Mal bemerkte ich beinahe elegante Altersflecken an ihrer Schläfe. Als sei sie über Nacht zur Städterin geworden. Wir schauten reglos in den gestriegelten Park. Hat Antonia mich gerade nach dem Sinn ihres Lebens gefragt? Auf eine solche Frage hätte sie gewöhnlich mit Spott und Verachtung reagiert. So etwas fragten doch nur die, deren Leben nie einen Sinn hatte. Willensschwache Wesen. Stumm und ratlos saß sie jetzt neben mir.
Die kleinstädtische Psychiatrie »Zum heiligen Geist« war einst das Sanatorium für Lungenkranke. Ein großbürgerliches Flair ging noch immer von ihr aus, italienische Bourgeoisie mit weißen Marmorstatuetten. Ein neoklassizistisches Gebäude mit einem hohen, dreigeteilten Eingangsportal, auf das ich hochschaute, bis das elektronische Türschloss mit einem Klack aufsprang. Ich dachte an die schwere Haustür, die Antonia aufschob, wenn sie abends vom Stall ins Haus zurückkehrte, und die sie mit dem Ellenbogen wieder zudrückte, mit den zwei Milcheimern in ihren Händen. Hände, die über Kuhrücken, Katzen, Hühner gestrichen waren; die sollten sich jetzt unter einer Dusche einseifen und waschen?
Stumm saß sie da.
Der Sinn?
War es das Putzmittel und seine Allgegenwart in den Fluren und Räumen? Der sterile Geruch der Fliesen in der Dusche? Oder das nie benutzte Bidet, das sinnlos zwischen Klo und Waschbecken aus der Wand hing? Ich konnte noch immer nicht glauben, dass ich Antonia in der psychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses antraf.
Ich schaute sie an.
»Antonia, was ist passiert?«
Sie zuckte mit den Schultern.
Ich schluckte. Es ratterte durch meinen Kopf. Was sollte ich sagen? Ich? Die doch, kaum dass sie den Mund aufmachte, etwas dahererfand, das Antonia nicht ernst nahm.
Es gab eine Zeit, da hätte ich ihr auf diese Frage das Tiefste und das Höchste gereicht und es vor ihr zum Leuchten gebracht. Ich wäre um die Welt gerannt und hätte massenhaft Sinn vor ihr ausgelegt. Ich hätte die Frage als Einfallstor zu ihr genutzt, hätte die Luke eines Staudamms geöffnet und uns auf einer hohen Woge emporgehoben, hätte uns herabblicken lassen auf die Schönheit der Welt, auf die Schönheit des Lebens, darauf, am Leben zu sein.
»Und weißt du, Antonia«, hätte ich gesagt. »Wir sind Anfänger. Blutige Anfänger. Eine Fliege ist eine Greisin, verglichen mit uns!«
Und ich hätte ihr von meinem Neid auf die Eintagsfliege erzählt, die in dem Augenblick, da sie auf der Welt ist, schon weiß, wie sie die Erde zu nehmen hat, die weiß, wo und wie sie sich ernährt und wie sie sich vor dem Schweif eines Pferdes zu schützen hat, wenn sie von dessen Hinterteil nicht lassen kann. Sie alle wissen voneinander, kennen sich aus, sie kennen sich in- und auswendig, sie sind vertraut mit der Welt vom ersten Augenblick an. Nur wir. Wir sind Stümper dagegen. Wir sind nackt, brauchen ewig, bis wir auf die Beine kommen, müssen alles mühsam erlernen, machen Fehler, sind immer zu jung für das, was uns widerfährt. Haben selten eine zweite Chance. Wissen nicht, woher wir kommen, wohin wir gehen, würden es aber gerne wissen. Ob sich wohl die Eintagsfliege damit herumschlägt?
»Was willst du mir denn erzählen von einer Fliege? Die kleben bei uns zu Hunderten am Streifen von der Küchendecke«, hättest du erwidert.
Meine ganze Fabulierkunst wäre zum Einsatz gekommen, um gegen dein spöttisches Grinsen anzureden. Ich sah das heranwachsende Mädchen vor mir, das immer noch eifriger wurde, das einen Arm voller Bücher vor Antonias Füßen auslegte. Eine Grafik aus einem speckigen Lehrbuch ausklappte, das sie aus der Schulbücherei gefischt hatte, um ihr alles zu beweisen.
»Die Menschen sind nur vier Sekunden alt, wenn wir die Entstehung der Erde und aller Lebewesen auf eine Dauer von vierundzwanzig Stunden spannen. Jedes Tier ist älter als wir. Sogar die Eintagsfliege!«
Ich hätte einen Augenblick gewartet, bis ihr Kopfschütteln nachgelassen hätte. Bis wieder Schweigen herrschte.
Ich hätte alles dafür gegeben, dass Antonia mir ein Mal glaubte. Mir zu glauben, war so viel, wie mich zu sehen. Es war so viel, wie da zu sein, neben ihr.
Konnte ich nicht schlafen, schlich ich mich zu ihr, legte mich neben ihr Bett auf den Boden, schlief ein, bis mich ihr Schnarchen wieder weckte. In der Dunkelheit dieses dumpf sägenden Geräuschs vermutete ich Einbrecher und versuchte Antonia zu warnen: »Einbrecher, Antonia, es sind Einbrecher im Haus.« Aus Furcht davor, sie zu wecken, flüsterte ich und lag ängstlich da, bis der Tag anbrach.
»Hast du wieder Geister gehört?», fragte Antonia belustigt, als sie die Augen aufmachte und auf mein Schlaflager neben ihr auf dem Boden blickte.
»Es waren Einbrecher an der Tür.«
»Einbrecher. Und wo sind sie jetzt?«, fragte sie zurück, und ich konnte ihrer Stirnfalte ansehen, dass sie sich gleich ärgern würde: Hört dieses Kind denn nie auf zu lügen?
»Die sind abgehauen, als es hell wurde.«
Es klang bereits wie ein Geständnis.
»Geh lieber beichten«, sagte sie trocken, als ich mit zittrigen Händen das Pflaster von meiner Stirn zog, auf das ich eine tiefrote Wunde gemalt hatte. Die bunten Pflaster waren von meiner Mutter in einer vollgestopften Tasche zurückgelassen worden, zusammen mit den Unterleibchen, einem Pyjama und einem Pack Unterhosen. Aus dem Hansaplast-Päckchen nahm ich ein gelbes Pflaster heraus, bemalte es mit einem roten Filzstift und klebte es auf meine Stirn. Niemand bezweifelte das Loch in meinem Kopf. In der Schule waren alle beeindruckt vom roten Blutfleck; die Wunde wurde mit Vorsicht und mit Respekt bestaunt. Nur Antonia hatte mich angesehen und wollte wissen, was passiert war. Am Ton ihrer Frage verstand ich, was sie bereits wusste: Nichts war passiert. Die blanke Lüge zeigte sich sichtbar auf meiner Stirn und konnte sichtbarer nicht sein.
»Ich bin auf den Kopf gefallen.«
»Auf den Kopf?«
»Ja, auf den Kopf«, wiederholte ich und nickte energisch.
»Lass sehen.«
Ich schüttelte den Kopf und schluckte. Antonia starrte ungerührt auf meine Stirn. Ich zog das Pflaster langsam von der Haut und ließ sehen, was sie sehen wollte: nichts. Kein Loch, keine Wunde, kein Garnichts und also auch kein Schmerz.
»Geh lieber beichten.«
Der Sinn. Wie sollte ich von ihm sprechen, ohne zu verraten, was für mich bedeutungsvoll war. Für mich ganz allein. Und nicht für die Kirche und nicht für die Obrigkeit und auch nicht für die vielen schweigsamen Gesetze, die Antonia so eisern verteidigte.
Ich kniff die Augen zusammen und schaute schräg zu Antonia hinüber.
Vieles, was ich ihr sagen, wovon ich ihr erzählen wollte, nahm, wenn ich vor ihr stand, die Gestalt einer Beichte an. Also ließ ich es bleiben und sagte nichts. Dabei brannte es; je mehr ich es ihr sagen wollte und es bleiben ließ, umso mehr brannte es.
Es wollte zu ihr. Wie die Vollmondnacht, von der ich wie verwandelt zurückgekehrt war. Tagelang überlegte ich, wie ich ihr davon erzählen konnte.
