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Nina Sergejewna verbringt winterliche Wochen im Jahr 1949 in einem Sanatorium für Künstler auf dem Lande. Hier ist alles auf Vergessen gestimmt. Doch sie will mehr über die Vergangenheit, über ihr eigenes Leid und das ihrer Mitmenschen erfahren. Als sie Bilibin kennenlernt, der im gleichen Arbeitslager wie ihr Mann war, sucht sie seine Nähe. Es entspinnt sich eine zarte Zuneigung, doch enttäuscht wendet sie sich ab, als auch Bilibin nicht die Wahrheit, sondern das Verdrängen und Vergessen sucht.
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Seitenzahl: 202
Veröffentlichungsjahr: 2015
LYDIA TSCHUKOWSKAJA
UNTERTAUCHEN
Roman
Aus dem Russischen von Swetlana Geier und mit einem Nachwort von Hans Jürgen Balmes
DÖRLEMANN
Titel des Originals: »Spusk pod vodu« Eine englische Ausgabe erschien unter dem Titel Going under bei Barrie & Jenkins, London. Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten © The Estate of Lydia Tschukowskaja © 2015 Dörlemann Verlag AG, Zürich Umschlaggestaltung: Mike Bierwolf Porträt Lydia Tschukowskaja: © The Estate of Lydia Tschukowskaja Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-908778-63-9www.doerlemann.com
Lydia Tschukowskaja
Die Moralität des Menschen zeigt sich in seinem Verhältnis zum Wort.
Lew Tolstoj
… 2. 49
»So, hier ist Ihr Litwinowka«, sagte der Fahrer und ließ noch einmal den Wald und den violetten Schnee vor meinen Augen scharf in die Kurve gehen. Als ich die finnischen Häuschen mir entgegenfliegen sah, war mir nicht sonderlich wohl zumute. Nach drei Stunden Fahrt in einem kalten Zug und einer Stunde im Auto hatte ich mir ein anderes Ziel meiner Reise vorgestellt. Dort muss man sich sicher an einem Wasserhahn im Flur waschen, dort riecht es nach Küche, und neben dem Ofen ist das nasse Holz aufgeschichtet – das armselige, von mir so wenig geschätzte winterliche Ferieninterieur. Es zieht von allen Fenstern und Türen …
»Wir sind da! …« Mein zufälliger Gefährte bei der Autofahrt, Nikolaj Aleksandrowitsch Bilibin, schlug den schweren Pelzmantel auf und tastete neben den Füßen des Fahrers nach der Aktentasche. Aber der Wagen fuhr weiter, die Schar der finnischen Häuser trat auseinander und lief zurück; noch eine Kurve – und der Wagen hielt vor dem Eingang eines großen zweistöckigen Steingebäudes.
Mädchen in weißen Kitteln über dicken Steppjacken liefen durch die Kälte uns entgegen.
Wir traten ein. Die Mädchen kamen schon mit den Koffern hinter uns her.
»Hier, bitte schön … Bitte, legen Sie ab …«, sagte eine ziemlich stattliche Dame mit gefärbtem Haar und einem Schönheitspflästerchen in dem rosigen Gesicht. »Anja, nimm doch den Mantel. Du siehst doch, die Genossen sind richtig durchgefroren … Die Koffer kommen nach vierzehn und acht … War es sehr kalt? Macht nichts, wir werden Sie hier sofort auftauen. Jetzt sind Sie zu Hause … Einen Augenblick, wir werden Sie in die Kartei eintragen.«
Nachdem sie unsere Papiere registriert hatte, ging die füllige Dame – offensichtlich die Wirtschaftsleiterin – mit ruhigem elastischem Schritt voraus und führte uns eine breite ausladende Treppe hinauf. Teppiche im Salon, ein glänzender Flügel, glänzendes Parkett – nein, das ist keine Datscha, eher ein komfortables Hotel. Warm, ruhig, nur kaum hörbar das Rauschen und Knacken der Dampfheizung. Ein roter Läufer zieht sich durch den ganzen Korridor. Hier oben herrscht würdevolle Stille, die von keinem Schritt unterbrochen wird.
Die Wirtschaftsleiterin schloss vor Bilibin eine Tür auf und eine zweite – ein paar Schritte weiter – für mich.
Und nun war ich zu Hause. Aus dem Salon kam das tiefe, melodische Schlagen einer Uhr, und gleich darauf setzte das regelmäßige und emsige Tuckern des Generators ein. Endlich werde ich allein in einem Zimmer wohnen, zum ersten Mal seit dem Krieg. Wie zu Hause, in Leningrad. An einem Schreibtisch sitzen, den ich nicht dreimal am Tag in einen Esstisch verwandeln muss. In der Stille arbeiten. Und der Gedanke oder der Einfall werden durch das Gerede in der Küche nicht überfahren, nicht verstümmelt … Ich hielt die Hand an das blaue Dampfheizungsrohr: heiß.
Zwischen diesen fremden Wänden kann ich zu mir kommen, mir selbst gegenübertreten.
Aber offenbar steht mir keine ganz einfache Begegnung bevor, denn von Anfang an versuche ich, ihr auszuweichen. ›Wie alt könnte wohl diese Dame sein?‹, überlege ich träge. ›Der verschleierte Blick, das goldfarbene, nach neuester Mode frisierte Haar, an den Fingern Ringe mit grünen viereckigen Steinen … Ich kann mir denken, dass sie Gemeinschaftswohnungen verachtet und sehr gern in einem so hübschen Haus arbeitet.
Schriftsteller – das sind so interessante Menschen! Natürlich, es gibt unter ihnen auch ungehobelte Menschen, aber ein freier Beruf, man kann sagen, was man will, gibt doch einen gewissen Schliff … Wie alt könnte wohl unsere Wirtschaftsleiterin sein? Achtundzwanzig? Achtunddreißig? Es zieht sie nur bestimmt nach Moskau, und sie bemüht sich, jede Autogelegenheit auszunutzen, um hinzufahren, zur Maniküre, ins Theater zu gehen. Wahrscheinlich hat sie hier von der frischen Luft und dem verschneiten Wald längst übergenug.‹
Ich werfe einen vorsichtigen Blick durchs Fenster. Es dämmert. Der Wald fällt in eine Schlucht ab – dort liegt fester zusammengebackener Schnee, hinter der Schlucht – ein leicht ansteigender Hang und viele Tännchen, die diesen Hang hinauflaufen, sie sind noch ganz jung, haben noch den gelblichen Ton, wie Küken, und allen voran, schon ganz oben, die hübscheste, die besonders schlank und jung ist. Sie hat als Erste den höchsten Punkt erreicht und ist stehen geblieben. Und weiter, hinter dem Tännchen liegt ein Dorf. »Kusminskoje«, hat der Fahrer gesagt. Die kleinen Häuser wie von einer ungeübten Kinderhand gezeichnet: zwei krumme Linien über Kreuz – das Dach, ein großes schiefes Quadrat – die Wände und kleine schiefe Rechtecke – Türen und Fenster.
Ich knipse das Licht an. Hinter dem Fenster verschwindet alles – der Schnee und die kleinen Häuser.
Ich ziehe die Gardinen zu und drehe mich um. Jetzt stehe ich diesem Zimmer unmittelbar gegenüber. Hier also werde ich sechsundzwanzig Tage und Nächte wohnen. Ich sehe mich langsam um, vorsichtig, mit gesenktem Kopf. Blaue Wände, blaue Heizungsrohre, ein niedriges, breites Bett, Nachttisch, Bettvorleger, Schreibtisch … Ich beeile mich, mein Tintenfass und Katenkas Bild auf den Tisch zu stellen – ich pflanze meine Fahnen auf … Hier also wird die Begegnung stattfinden. In Anwesenheit dieses Tisches, dieser dunklen Vorhänge und der weißen Gardinen vor dem Fenster, naiv wie die Tannenbäumchen dahinter.
»Abendessen«, sagt eine junge Stimme im Flur. Und dann entschiedener: »Bitte zum Abendessen!«
Aber ich blieb in meinem Zimmer.
… 2.49
Ich bin gestern früh zu Bett gegangen und habe geschlafen, ohne ein einziges Mal aufzuwachen, tief, bis das Licht durch die Vorhänge sickerte. Ich sprang sofort auf, da ich fürchtete, ich hätte mich zum Frühstück verspätet. Tatsächlich, es war schon acht vorbei. Ich beeilte mich mit dem Waschen, lief hinunter ins Speisezimmer– aber das Speisezimmer war noch leer. Ein länglicher Raum mit blanken Fenstern und runden Tischen. Das harte Weiß der frisch gestärkten Tischtücher setzte sich hinter den Fenstern in der Schneekruste der Schlucht fort. Auf den Tischen funkelndes Geschirr und die Pyramiden der Servietten, aber im ganzen Zimmer kein Mensch. Ich glaube, ich war die Erste. Nein, ganz in der Ecke saß eine junge, sehr schlanke dunkeläugige Dame und klopfte mit einem Löffelchen graziös das Ei auf.
Ein beneidenswert rotwangiges und blühend aussehendes Mädchen wies mir meinen Platz an, fragte sehr aufmerksam nach meinen Wünschen und brachte schnell das Frühstück. Ich schaute durch das blitzblanke Fenster: Das alles gehörte mir! Meine Tanne stand auf dem Hang, so rührend in ihrem Ernst– unmöglich, dass sie es nicht ahnte, wie reizend sie war! Die Hausdächer, wie von Kinderhand über den Hang verteilt, waren über Nacht weiß geworden und schmiegten sich enger an die Erde.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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