Unverstellt - Ina Rudolph - E-Book

Unverstellt E-Book

Ina Rudolph

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Beschreibung

Du würdest gern ehrlich sein – hast aber Angst, jemanden zu verletzen? Du willst aufhören, dich zu verstellen – und fürchtest, dadurch jemanden zu verlieren? Viele Menschen schlucken ihre Wahrheit hinunter, um Beziehungen zu schützen. Und verlieren dabei etwas viel Kostbareres: sich selbst. Dieses Buch zeigt dir, wie du aus diesem Dilemma herauskommst. Wie du freundlich UND klar sein kannst. Wie du deine Wahrheit sprechen kannst, ohne Drama, ohne Härte – und ohne dich zu verraten. Mit persönlichen Geschichten, tiefen Einsichten, dem Auflösen von negativen Glaubenssätzen und praktischen Wegen zur Umsetzung wirst du entdecken: - Ehrlichkeit kann heilen. - Ehrlichkeit kann verbinden. - Ehrlichkeit kann dich retten – zurück zu dir selbst. "Unverstellt!" ist kein Ratgeber zum "besser funktionieren". Es ist eine Einladung, wieder ganz bei dir anzukommen. Und von dort aus echte Verbindung zu schaffen – zu dir und zu anderen.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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IMPRESSUM

 

eBook: © 2025 GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, Grillparzerstraße 8, 81675 München

 

GU ist eine eingetragene Marke der GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH

 

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, sowie Verbreitung nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages. Ohne die ausschließlichen Rechte des Autors und des Verlags einzuschränken, ist die Nutzung dieser Publikation zum Training generativer KI-Technologien ohne ausdrückliche Genehmigung untersagt. HarperCollins behält sich zudem gemäß Artikel 4 Absatz 3 der Richtlinie 2019/790 über den digitalen Binnenmarkt das Recht vor, diese Publikation von der Text- und Data-Mining-Ausnahme auszuschließen.

 

www.gu.de/kontakt | [email protected]

 

ISBN 978-3-8338-9986-7

1. Auflage 2025

 

GuU 8-9986 12_2025_01

 

DIE BÜCHERMENSCHEN HINTER UNVERSTELLT

Verlagsleitung: Eva Dotterweich

Projektleitung: Ariane Hug

Lektorat: Imke Rötger

Bildredaktion: Simone Hoffmann

Covergestaltung: ki36 Editorial Design, München, Anika Neudert

eBook-Herstellung: Liliana Hahn

 

BILDNACHWEIS

Coverillustrationen: Iryna Auhustsinovich/Stocksy.com

Illustrationen: GU/FinePic®, München

Autorinnenfoto: Bjarne Stehr

 

Syndication: Bildagentur Image Professionals GmbH, Tumblingerstr. 32, 80337 München, www.imageprofessionals.com

 

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WARUM UNS DAS BUCH BEGEISTERT

Wahre Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und anderen kann nicht genug Raum in unser aller Leben einnehmen.

Eva Dotterweich, Verlagsleitung

LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,

 

wie wunderbar, dass du dich für ein Buch von GU entschieden hast! In unserem Verlag dreht sich alles darum, dir mit gutem Rat dein Leben schöner, erfüllter und einfacher zu machen. Unsere Autorinnen und Autoren sind echte Expertinnen und Experten auf ihren Gebieten, die ihr Wissen mit viel Leidenschaft mit dir teilen. Und unsere erfahrenen Redakteurinnen und Redakteure stecken viel Liebe und Sorgfalt in jedes Buch, um dir ein Leseerlebnis zu bieten, das wirklich besonders ist. Qualität steht bei uns schon seit jeher an erster Stelle – jedes Buch ist von Büchermenschen für Buchbegeisterte gemacht, mit dem Ziel, dein neues Lieblingsbuch zu werden. Deine Meinung ist uns wichtig, und wir freuen uns sehr über dein Feedback und deine Empfehlungen – sei es im Freundeskreis oder online. Viel Spaß beim Lesen und Entdecken! P.S. Hier noch mehr GU-Bücher entdecken: www.gu.de

ZUR AUTORIN

Ina Rudolph wurde an der renommierten Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« Berlin in der darstellenden Kunst ausgebildet. Sie arbeitete viele Jahre für Fernsehen und Kino und hat an Drehbüchern und Theaterstücken mitgeschrieben. Seit 2001 ist sie als Trainerin für »The Work« von Byron Katie tätig und hält dazu Vorträge, schreibt Bücher, gibt Seminare und bietet Einzelberatungen an. Ina lebt in Berlin.

 

Besuche Ina Rudolph auf:

www.inarudolph.de

WICHTIGER HINWEIS

Die Gedanken, Methoden und Anregungen in diesem Buch stellen die Meinung bzw. Erfahrung des Verfassers dar. Sie wurden vom Autor nach bestem Wissen erstellt und mit größtmöglicher Sorgfalt geprüft. Sie bieten jedoch keinen Ersatz für persönlichen kompetenten medizinischen Rat. Jede Leserin, jeder Leser ist für das eigene Tun und Lassen auch weiterhin selbstverantwortlich. Weder Autoren noch Verlag können für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den im Buch gegebenen praktischen Hinweisen resultieren, eine Haftung übernehmen.

Dieses Buch ist für dich, wenn …

… dir oft die Worte im Hals stecken bleiben – und du nicht verstehst, warum.

… du verschweigst, was du eigentlich sagen willst – und dich danach klein fühlst.

… du den Frieden wahrst, dabei aber dich selbst verlierst.

… plötzlich alles aus dir herausplatzt – und es dir hinterher leidtut.

…dein Wunsch nach Harmonie dich dazu bringt, dich anzupassen, statt du selbst zu sein.

… du denkst: »Das kann ich unmöglich sagen!« – und schweigst.

… die Frage auftaucht: »Warum kann ich nicht einfach ehrlich sein?«

Erkenne, wie du klar, freundlich und echt sprechen kannst – ohne Schuldgefühle und ohne dich verstellen zu müssen.

»Um mich ehrlich zu zeigen, brauche ich meine Aufmerksamkeit bei mir.«

»Ehrlich Nein zu sagen bedeutet nicht, egoistisch zu sein, sondern sich selbst zu respektieren.«

Ich danke allen, die mir vor Jahren deutlich gezeigt haben, dass ich sie verlieren werde, wenn ich fortfahre, auf so eine ungehobelte Weise ehrlich zu sein. Das war oft schmerzhaft, und nur weil es so schmerzhaft war, habe ich daraus gelernt.

EINLEITUNG

Wie lange willst du dich noch verbiegen, bis dein Körper nicht mehr mitmacht? Wie oft noch runterschlucken, bis dein Magen rebelliert? Wie oft noch zu etwas Ja sagen, obgleich du Nein meinst? Bis die Nerven blank liegen? Studien zeigen: Wer sich verstellt, zahlt mit Verspannung, Erschöpfung, Schmerzen, Stress und psychischen Belastungen. Und wofür? Ehrlichkeit ist kein Risiko – sie ist deine Rettung. Sie macht dich frei, klar, gesund und kann dich auf einer tiefen Ebene entspannen. Dein Nervensystem schaltet von Alarm auf Vertrauen, dein Körper kann aufatmen.

Glaubst du nicht? Musst du auch nicht. Mit diesem Buch lade ich dich ein, es für dich selbst zu testen.

Menschen wollen vor allem eines: Sie wollen sich wohlfühlen. Viele Menschen versuchen deshalb, das Außen so zu gestalten, dass es ihren Wünschen und Bedürfnissen entspricht. Wer das eine Weile gemacht hat, wird gemerkt haben: Damit wird man nicht fertig. Also gelangen Menschen zu Lebenshilfemethoden oder zur Spiritualität.

So wie ich. Ich war erstaunt, wie anders sich hier alles verhält. Plötzlich ging es mehr darum, in mir zu justieren, statt außerhalb von mir. Als ich mich vom Herumbasteln am Außen abwandte und meinem Inneren zu, wurde ich bereiter, meinen Anteil an einem Konflikt zu finden. Und statt andere Menschen und Situationen ändern zu wollen, schaute ich nun zu mir und sprach von mir. Ich lernte, mich anderen zu zeigen, mit dem, was in mir vor sich ging. Mit all meinen Ecken und Kanten. Ich hörte damit auf, mich passend zu machen. Bis ich vollkommen UNVERSTELLT war. Plötzlich geschah das, was viele Menschen sich sehnlichst wünschen. Ich wurde gesehen. Nicht, weil andere meinen Forderungen danach endlich nachgegeben hatten, sondern weil ich es ermöglichte.

Will ich mich wohlfühlen, will ich mich auch entspannen können. In Zeiten, wo ich mich noch verstellt und angepasst habe, witterte ich permanent Gefahr, andere könnten schlecht über mich denken, mich ausgrenzen und ich könnte sie verlieren. Und in Gefahr kann ich mich nicht sicher fühlen und nicht entspannen. Unmöglich.

Wie du vielleicht auch, habe ich bereits sehr früh damit angefangen, mich zu verstellen, anzupassen oder gar zu lügen. Damit meine Eltern mich liebhaben, ich kein Fernsehverbot oder Stubenarrest bekomme, die Lehrer mir gute Noten geben und damit in diesem Leben »etwas aus mir wird«. Stelle ich diese gelernten Muster nicht irgendwann infrage, schleppe ich – wie viele andere auch – solche alten Wunden und Glaubenssätze mit mir herum, die diese Zwickmühle aufrechterhalten. Viele glauben als Erwachsene immer noch, dass sie nicht richtig sind, so wie sie sind. Sie glauben, sie müssten irgendwie anders sein, und verletzen sich mit solchen Glaubenssätzen immer wieder aufs Neue.

Vor einigen Jahren habe ich deutlich gespürt, dass ich mein Leben nicht länger in dieser Zwickmühle verbringen kann, und habe mich aufgemacht zu ergründen, wie ich UNVERSTELLT sein kann und dabei nicht ständig Gefahr laufe, Menschen oder Dinge zu verlieren, die mir wichtig sind.Zusätzlich konnte ich noch eine Menge der alten, überholten Glaubenssätze auflösen und damit die alten Kindheitswunden heilen, bei denen das ganze Manöver begonnen hatte. Die beste Methode, die ich kenne, um belastende Glaubenssätze zu finden und aufzulösen, ist »The Work« von Byron Katie. Weil sie so hilfreich ist, verweise ich immer wieder darauf, und am Ende des Buches findest du eine Anleitung zu ihrer Anwendung.

Ich teile hier meine Erfahrungen mit dir, wie ich unverstellt ich selbst sein kann, mich nicht mehr verlieren muss und andere auch nicht.

MEIN VATER MONOLOGISIERT

Glaubenssatz: Mein Problem liegt im Verhalten der anderen Person.

Mein Vater ist ein kluger Mann. Schon früh habe ich ihn dafür bewundert, dass er sich aus ärmlichen und bildungsfernen Verhältnissen aus eigener Kraft herauslösen konnte und seinen selbst gewählten Weg ging. Er wollte einen Studienplatz und er hat ihn bekommen, obgleich ihm keiner zustand. Oft dachte ich, wie ähnlich wir uns sind. Und wenn er von seinen Lausbubenstreichen in jungen Jahren erzählte, liebte ich das verschmitzte Lächeln auf seinem Gesicht und dachte, er müsste mich eigentlich verstehen.

Nun ist mein Vater achtzig geworden. Diese Zahl setzt ein Achtungszeichen und lässt mich sein Dasein nicht mehr als selbstverständlich betrachten. In der Endlichkeit wird es kostbarer. Fragen tauchen auf: Was möchte ich noch von ihm wissen, was davon möchte er beantworten, und könnte es sein, dass ich ihn anders sehe, wenn ich mehr von ihm weiß? Seit ich meinen Vater bewusst wahrgenommen habe, hatte ich den Eindruck, dass er gern erzählt. Einmal, in meinem jugendlichen Alter, saß er mit mir zwei Stunden in der Küche und schien begeistert über den Fortschritt an Technik, der zu dem Zeitpunkt möglich war. Zunächst fühlte ich mich geehrt, dass er mir diese Dinge erzählte, dass er nichts Wichtigeres zu tun hatte, nicht in seinem Arbeitszimmer verschwand. Ich fühlte mich wie seine Vertraute, plötzlich erwachsen. Dieser Höhenflug endete, noch bevor die zwei Stunden vorüber waren. Er redete, mal begeistert, mal sachlich, fragte mich nichts und schien auch von mir keine Fragen zu wollen. Wir waren nicht in einem Gespräch, nein – er sprach. Je länger er sprach, umso austauschbarer fühlte ich mich. Auf meinem Stuhl hätte ein Nachbar oder ein Kollege sitzen können.

Das Achtungszeichen an seinem achtzigsten Geburtstag hatte in meiner Schwester und mir etwas angerührt, und wir fragten ihn, ob er sich mit uns treffen wolle, um über sein Leben zu plaudern. Vielleicht auch tiefer zu tauchen als plaudern. Sicher gab es Details, die wir noch nicht gehört hatten. Wir vereinbarten ein Frühstück in einem Berliner Café. Der Tag rückte näher, wurde realer und beim Gedanken daran bemerkte ich ein mulmiges Gefühl. Wo war denn die Freude geblieben, die in mir gewesen war, als wir uns für dieses Gespräch verabredet hatten? Mir fielen Situationen ein, auch welche, die weit zurückreichten. Ich wohnte noch in Pankow, hatte noch kein Kind und arbeitete als Schauspielerin. Er wollte mich dort besuchen, auf einen Kaffee vorbeikommen. Auch da erinnere ich mich an eine Vorfreude auf seinen Besuch. War es nicht aufmerksam von ihm, mal vorbeizuschauen? Bedeutete es nicht, dass er sich dafür interessierte, wie ich mein Leben führe, wie ich wohne und was mir wichtig ist, seit ich von seinem Kind zu einer Frau herangewachsen bin? Er kam in die Wohnung, setzte sich, ich machte Kaffee. Dann erzählte er. Von seiner Arbeit, und mir war, als wäre sie zeit seines Lebens das Wichtigste gewesen. Er sprach von Menschen, denen ich früher mal kurz begegnet war und an die ich mich nicht erinnern konnte. Er führte Dinge aus, die er klar erkannt hatte, während andere noch im Nebel tappten. Als er keinen weiteren Kaffee mehr wollte und auch nichts anderes mehr, stand er auf, sagte noch, wie schön es war, mal zu plaudern, und ging. Als ich die Wohnungstür hinter ihm schloss, dachte ich: Das muss ihm doch auffallen. Das kann er doch so nicht wollen. Ich fühlte mich leer. Ich dachte, weil er das so macht, fühle ich mich so. Heute könnte ich fragen, ob das wahr ist, aber damals wusste ich noch nichts von Glaubenssätzen und wie man sie überprüft.

Zwei Tage vor unserer Frühstücksverabredung stand es glasklar vor mir: Wir haben ihn selbst gebeten, dass er etwas aus seinem Leben erzählen möge. Also wird es so laufen, dass er erzählt und wir zuhören. Na gut, dachte ich, so haben wir es vereinbart. Beim letzten Gespräch mit ihm hatte ich mich bereits vorgewagt, ihm offenbart, dass es mir schwerfällt, lange zuzuhören. Ihm das zu sagen, hatte mich Mut gekostet. Dann kam die Überraschung. Es war ihm bewusst. »Ja«, sagte er, »ich rede manchmal etwas lange – das musst du mir dann einfach sagen!« Gedacht habe ich: Ja, Mensch, wenn du das schon weißt – kannst du dann nicht selbst darauf achten? Gesagt hab ich: »Hm, ja, okay.«

Am Morgen unseres Treffens war ich verstimmt. Ich wollte mich auf das gemeinsame Frühstück freuen, freute mich aber nicht. Ich atmete tief ein und aus, während ich in die Straßenbahn stieg, das half. Ich war freundlich zu mir und auch das half. Nach dem Aussteigen hatte ich noch ein paar Schritte zu gehen. Die hohe Glastür des Cafés war schon zu sehen, und je weiter ich ging, umso näher rückte unsere Begegnung. Ein paar Schritte und noch ein paar. Das anstehende Frühstück erschien mir wie eine schwere Aufgabe, die ich zu lösen hatte, ohne die geringste Ahnung davon zu haben. Geschichten überfluteten mich, waren nicht zu stoppen. Ich versuchte es gar nicht. Ich wusste durchaus, dass es auch Treffen mit ihm gegeben hatte, die anders gelaufen waren. Nach denen ich mich beschwingt von ihm hatte verabschieden können, in denen wir beide voneinander etwas erfahren hatten. Ich wusste, dass unsere Treffen nicht immer so einseitig verliefen. Es war mir klar, besaß dennoch kein Gewicht, dass ich in die Waagschale hätte werfen können. Die Gedankenbrocken auf der anderen Seite der Waage waren bereits zu mächtig, wogen zu schwer.

Auf den letzten Schritten vor dem Café trat meine Schwester in mein Sichtfeld. Ich hatte nicht bemerkt, wie sie herangekommen war. Sie schaute mich an, legte den Kopf schief und fragte: »Alles okay?«

»Nee«, sagte ich und: »Kannst du mich bitte mal drücken?« Man sah es mir also an. Sie umarmte mich und sah auf die Uhr. »Was is’n los?«

»Wie spät ist es?« Zu spät kommen wollte ich jetzt nicht auch noch. Das konnte mein Vater gar nicht leiden.

»Zwei Minuten haben wir noch«, sagte meine Schwester und nickte mir auf eine Weise zu, die mir die Erlaubnis gab, frei von der Leber weg alles Nervige in die verbleibenden zwei Minuten zu packen.

»Ich krieg mich nicht ein«, sagte ich und das stimmte. »Ich bin heute so aufgebracht. Ich weiß nicht, wohin damit.«

Sie nahm meine Hand, drückte sie und sagte mir auf diese Weise, dass sie diese Gefühlsmischung kannte. Ich weiß nicht, was noch alles Platz in diesen zwei Minuten hatte, aber nun waren sie um. Wir nickten uns zu und ich griff nach der Stange an der Glastür, die Show musste beginnen. Und als die Tür aufging, ich das Café betrat und es kein Zurück mehr gab, wusste ich es plötzlich: Ich sage es ihm einfach. Noch wusste ich nicht, wie und was genau, dennoch fühlte es sich wie eine Lösung an. Wir bogen um die Ecke und da saß unser Vater bereits an einem Tisch, pünktlich. Ich konnte ihn anlächeln, ihn umarmen, in die Frühstückskarte schauen und einen Kaffee bestellen. So, als hätte ich mich, wie vereinbart, auf dieses Frühstück gefreut. Wir plauderten uns warm über dies und das, bis der Plauderstoff versiegte, eine Pause entstand, meine Schwester die Hände in den Schoß legte und sagte: »Jaa …«

Hier war mein Moment. Außer dem grundsätzlichen »Ich sag es ihm einfach« hatte ich nichts vorbereitet. Ich richtete mich auf, sah zu meinem Vater, zu meiner Schwester, und als hätte ich seit Jahren nichts anderes getan, als schwierige Unterhaltungen im Familienkreis zu moderieren, hob ich an: »Bevor wir loslegen, hab ich noch eine Bitte. Ich wünsche mir unsere Unterhaltung heute als ein Gespräch. Ich kann einfach nicht mehr lange am Stück zuhören.« Das stimmte alles. »Können wir es so machen, dass jeder von uns mal spricht? Ich weiß«, sagte ich zu meinem Vater, »wir haben uns hier getroffen, um etwas aus deinem Leben zu hören, und bei einem beachtlichen Teil deines Lebens waren wir ja auch dabei.« Ich musste lachen. Genial. Wo war dieser Schachzug denn hergekommen?