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Lea, Mitte 30, beruflich erfolgreich, ist auf der Suche nach dem privaten Glück. Sie wagt ein ungewöhnliches Experiment. Doch es kommt alles anders, als sie es sich erhofft hat. Eine turbulente und actionreiche Geschichte um die wahre Liebe, mit unerwartetem Ausgang. Für Freunde des gepflegten aber auch schwarzen Humors, ebenso rasant wie leidenschaftlich. Kein Wunsch bleibt offen. Halten Sie sich an der Sofalehne fest, sonst haut es Sie raus !
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Seitenzahl: 201
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Ilona Hoffmann
Urlaub mit Herz und Handschellen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
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Impressum neobooks
„Sie haben Lea entführt.“ hämmerte es in Marcos Kopf.
Die nackte Angst um sie stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er liebte sie, das wusste er jetzt ganz genau. Er hatte es schon immer gewusst. Mit aller Kraft hatte er sich dagegen gewehrt, doch am Ende hatte er diesen Kampf verloren. Es fehlte etwas in seinem Leben, wenn Lea nicht bei ihm war. In ihrer Gegenwart fühlte er sich stark, frei und glücklich. Sie war die Frau, mit der er den restlichen Weg des Lebens gehen wollte. Seit fast drei Wochen lebten sie auf engstem Raum zusammen und nie hatte es ein böses Wort gegeben. Beide respektierten die Stärken und Schwächen des anderen und ihre Liebesnächte waren voller Ekstase und vollkommener Hingabe. Mit aller Kraft trat er das Gaspedal durch und verfolgte den klapprigen VW Bus vor ihm. Der war jetzt von der Straße abgebogen und in einen Feldweg gefahren. Wie wild schlingerte der alte Kasten über die Schotterpiste. Kalle hielt krampfhaft das Lenkrad fest, seine Handknöchel traten weiß hervor. Über sein angespanntes Gesicht rann der Schweiß in Strömen. Stickig und schwül lastete die Hitze auf jedem einzelnen. Durch die geöffneten Fenster wirbelte dichter Staub in den Innenraum und behinderte Kalles Sicht. Kudde hatte alle Mühe sich auf seinem Sitz zu halten.
Ab und zu schaute er nach hinten. Lea und Shiva kauerten im Rückteil des Busses und versuchten verzweifelt Halt zu finden. Marco war jetzt dicht aufgefahren, doch esblieb ihm nichts anderes übrig als immer wieder auf die Bremse zu treten, wenn er nicht hinten auffahren wollte. In regelmäßigen Abständen lenkte er das Wohnmobil nach links um zu sehen, ob er den alten Kasten überholen konnte. Keine Chance, dachte er, so ein Mist. Auf beiden Seiten wuchsen dichte Sträucher, die ihn am Überholen hinderten. Hinter der Entführung, da war er sich ganz sicher, konnte nur Robert und Xenia stecken. Vor Wut war Marco rot angelaufen und seine Augen funkelten gefährlich. Plötzlich fiel sein Blick auf die Tankuhr. Die Nadel fiel bedrohlich in den roten Bereich. Wenn ich die beiden erwische, schlag ich sie windelweich, schwor er sich im Stillen.
„Las uns anhalten und sie freilaassen.“
Mit der einen Hand hielt Kudde sich am Haltegurt über der Beifahrertür fest und die andere umklammerte krampfhaft den Sitz.
„Dafür ist es jetzt zu spät.“ konterte Kalle.
Lea nutzte die Chance sich nach vorne zu den beiden Gestalten fallen zu lassen. Mit beiden Händen hielt sie sich mit aller Kraft am Rücksitz von Kalle fest. Ihr Herz jubelte auf, als sie Marco bemerkte, der sie nach einigen Kilometern gefunden hatte. Als Kalle und Kudde ebenfalls den Wohnwagen bemerkt hatten, hatte Kalle das Gaspedal voll durchgedrückt.
„Seit ihr verrückt geworden? Was soll das werden, wenn’s fertig ist?“
Rasende Wut hatte sie erfasst. Nur mit Mühe konnte sie sich auf den Beinen halten. In ihrem Kopf schien ein Vorschlaghammer zu rotieren. Im Hintergrund miaute Shiva kläglich auf. Verzweifelt versuchte sie Halt zu finden, ständig wurde sie kreuz und quer durch den Bus geschleudert. Lea drehte sich um, den helfenden Blick auf Shiva gerichtet. Mit der Kraft der puren Verzweiflung hielt sich die kleine schwarze Katze nun mit ihren Krallen an der Gardine des Rückfensters fest. Kalle konnte im letzten Augenblick das Hindernis, das plötzlich vor ihm auftauchte, gerade noch rechtzeitig erkennen und trat voll auf die Bremse. Shiva wurde Richtung Führerhausgeschleudert, an ihren Krallen hing die Gardine, in die sie sich verfangen hatte. Sie rutschte über den Campingtisch und hinterließ mit ihren Krallen eine tiefe Kratzspur. Unsanft landete sie mit einer Drehung in der Luft auf ihren vier Pfoten, um dannungebremst, die Gardine im Schlepptau, mit einem Sprung zielgenau auf Kuddes Hinterkopf zu landen. Fauchend fuhr sie ihre Krallen aus und hielt sich krampfhaft an Kuddes Stirn fest. Die Augen angstvoll aufgerissen, starrte sie aus dem Fenster, in abwartender Haltung, was da wohl noch auf sie zu kam. Ihr kleines Herz schlug ihr bis zum Hals. Kudde, dessen Schrammen von der letzten Begegnung mit Shiva noch nicht richtig verheilt waren, stieß vor
Schmerzen einen markerschütternden Schrei aus. Vor Schreck trat Kalle das Gaspedal voll durch, so dass Shiva, um nicht nach unten zu rutschen, ihre Krallen noch tiefer in Kuddes Fleisch bohrte. Kudde, der sich weiterhin festhalten musste um nicht wie ein Gummiball durch das Fahrerhaus geschleudert zu werden, sah Kalle mit weitaufgerissenen Augen angstvoll an und schrie lautstark um Hilfe. Doch Kalle hatte selber alle Hände voll zu tun. Mit Entsetzen nahm er die kleine Anhöhe wahr, die quer über den Feldweg verlief. „Festhalten!“
Seine Warnung bewegten Kudde und Lea dazu nach vorne aus dem Fenster zu schauen. Mit ungläubigen Augen sahen sie das Hindernis direkt auf sich zukommen. Alle drei stießen einen markerschütternden Schrei aus, als das alte Vehikel wie ein Geschoss abhob und schwerelos durch die Luft segelte....
Einige Monate vorher.
Zaghaft zeichnete sich ein schwaches Rot am Himmel. Die Nacht musste dem Tag weichen, seit Millionen von Jahren ein Kampf, bei dem es am Ende doch keinen endgültigen Sieger gab.
Es war eine besonders klare und somit recht kalte Nacht gewesen. Lea zog fröstelnd die warme Decke etwas fester um Ihre Schultern. Sie saß auf Ihrem Lieblingsplatz auf der Fensterbank und schaute zu den langsam verblassenden Sternen. Sie liebte die aufgehende Sonne, denn erst durch sie erwachte Leben, erstrahlte die Welt in Licht und Farbe. Sie hielt die Tasse mit dem frisch aufgebrühten Kaffee in beiden Händen und trank einen kleinen Schluck. Kaum hörbar entrann ihr ein kleiner Seufzer. Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es eigentlich noch viel zu früh war, um aufzustehen. Im selben Augenblick machte sich auch schon der kleine Störenfried bemerkbar, der sie unsanft aus Ihren Träumen gerissen hatte.
“Na, komm schon her, Shiva,“ lockte Lea.
Die kleine schwarze Katze blieb in der Tür stehen, machte einen Buckel, streckte sich genüsslich und sprang mit langen geschmeidigen Sprüngen zu Lea auf die Fensterbank. Lea lächelte, drückte sie an Ihre Schulter und. schmiegte ihren Kopf an das weiche Fell. Es war Samstagmorgen. Der Zeiger der Uhr stand auf kurz vor halb sechs. Es schien ein wirklich schöner Apriltag zu werden Shiva miaute ungehalten und zwängte sich umgehend aus Leas Umarmung. Der Kaffee war mittlerweile lauwarm geworden. Sie schwang sich von der Fensterbank um frischen, heißen Kaffee nachzuschenken. Sie wollte den neuen Morgen noch ein wenig genießen, bevor er mit dem Lärm und der Hektik des Alltags seine Unschuld verlor. Die Sonne hatte endgültig den Kampf gegen die Nacht gewonnen. Rubinrot leuchtete sie gegen das noch fahle Blau des Himmels. Lea schwang sich, nachdem sie das Radio eingeschaltet hatte, wieder auf die Fensterbank. Nachdenklich schloss sie die Augen. Die ruhige Musik ließ sie nachdenklich werden. In einigen Wochen würde sie ihren neunundzwanzigsten Geburtstag feiern. Nach einer gescheiterten Beziehung, die fünf Jahre dauerte, lebte sie sehr zurückgezogen. Vor einiger Zeit hatte sie beruflich einen Neuanfang gewagt. Die Geschäfte liefen gut. Sie konnte zufrieden sein. Die Arbeit als Innenarchitektin machte ihr Spaß. Sie reiste viel, und die Begegnung mit immer neuen Menschen brachte die notwendige Abwechslung, um nicht zu vereinsamen. Vor ungefähr drei Jahren hatte sie einen kleinen heruntergekommenen Bauernhof in der Nähe von Berlin gekauft und ihn liebevoll restauriert. Humorvoll umschiffte sie die kleinen Tücken des Lebens, interessierte sich für Kunst und Musik und liebte es stundenlang durch die Natur zu wandern. Falschheit und künstliches Gehabe waren ihr fremd. Allzu leicht neigte sie zur Träumerei. Eine Wesensart, die von vielen Menschen, auch von ihrer besten Freundin Sylvie, belächelt wurde. Ihr unerschütterlicher Optimismus war schon legendär und selbst negativem rann sie noch etwas Gutes ab. Entscheidungen traf sie meistens spontan und aus dem Bauch heraus. Sie strahlte Stärke und Selbstsicherheit aus. Und doch war sie sensibel für die Gefühle Ihrer Mitmenschen und wünschte sich tief in ihrem Herzen einen neuen Partner, dem sie ihre ganze Liebe schenken und mit dem sie alt werden wollte. Gedankenverloren strich Lea sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Die Jahre hatten sie reifer und auch fraulicher werden lassen. Ihr goldbraunes Haar fiel in zartgeschwungenen Locken auf Ihre Schultern. Wenn ihre Zeit es erlaubte joggte sie regelmäßig in der näheren Umgebung ihres Bauernhofes. Das plötzliche Läuten der Türglocke riss Lea unsanft aus Ihren Gedanken. Ein Blick auf die Uhr erinnerte sie daran, dass sie ja um sieben Uhr mit ihrer Freundin Sylvie zum Joggen verabredet war. Sie sprang von der Fensterbank und wäre beinah über Shiva gestolpert, die sich auf dem Teppich mitten im Wohnzimmer zu einem Nickerchen zusammengerollt hatte. Aufgeschreckt von der plötzlichen Bewegung Ihres Frauchens trollte sie sich davon.
„Einen schönen guten Morgen, ich rieche Kaffeeduft.“ tönte es gutgelaunt, als Lea die Tür öffnete.
Zielstrebig ging Sylvie mit prüfendem Blick an Lea vorbei, direkt in die Küche, um sich eine Tasse Kaffee ein zu schenken.
„Mein Gott, du siehst ja schrecklich aus.“ bemerkte Sylvie, während sie es sich auf der Eckbank bequem machte. Sie war etwas jünger als Lea mit einer frechen Fransenfrisur und einer schlanken sportlichen Figur.
Nichts, aber auch gar nichts konnte ihre immer gute Laune verderben. Ihr Gesicht zeigte echte Bestürzung und Lea musste unwillkürlich lachen. Ja, so war Sylvie nun mal. Sie trug das Herz auf der Zunge.
„Nein, es ist nichts,“ beschwichtigte Lea Ihre Freundin.
„Shiva hat mich nur ein bisschen früh aus den Federn geworfen. Ich konnte nicht mehr einschlafen und da habe ich auf meinem Lieblingsplatz den herrlichen Sonnenaufgang beobachtet.“
Sylvie setzte die Tasse ab und schaute Lea belustigend an.
„Du bist und bleibst eine Träumerin, Lea.“
Mit einem Schmollmund ging Lea in die Küche und bereitete das Frühstück. Sorgfältig bestückte sie das Tablett mit Butter, frisch aufgebackenen Hörnchen, verschiedene Wurst und Käsesorten und Honig. Sie stellte den Eierkocher an und zauberte mit flinken Händen einen Obstsalat. Sylvie war ihr in die Küche gefolgt, nahm das Kaffeegeschirr aus dem Schrank und deckte in der Essecke denFrühstückstisch. Ein frischer Blumenstrauß, den Lea gestern von ihrem Sparziergang mitgebracht hatte, zierte frühlingshaft das Ende des Tisches. Süß strömte der Duft der Blumen durch den Raum. Kurze Zeit später saßen beide gut gelaunt und aufgeregt plaudernd beim Frühstück. Plötzlich lehnte sich Sylvie nach hinten, verschränkte die Arme und schaute Lea nachdenklich an. Den Kopf hatte sie leicht auf die Seite geneigt.
„Du gefällst mir gar nicht, Lea.“ schoss es aus ihr heraus.
„Es wird Zeit das wieder ein Mann in dein Leben tritt.“
Lea war so perplex, das sie sich beinah an ihrem Kaffee verschluckt hätte. Abrupt stellte sie die Kaffeetasse hin und schaute Sylvie mit großen Augen an.
„Wie kommst du denn darauf?“ erwiderte sie und merkte wie sie leicht errötete.
„Seit zwei Jahren bist du schon von Ronny getrennt“ antwortete Sylvie, „ich glaube du bist einfach zu wählerisch.“
Sie hatte sich nach vorne gebeugt, beide Ellenbogen auf den Tisch gestützt und sah ihre Freundin ernst an. Lea stand auf und schenkte sich noch etwas Kaffee nach.
„Du weißt, dass ich regelmäßig bei einer seriösen Partnerschaftsagentur im Internet chatte, aber bis jetzt sind alle Treffen ziemlich chaotisch verlaufen. Denk nur mal an den Immobilienmakler aus Tegel. Ladet mich zum Essen ein und vergisst die Brieftasche und hat dann noch die Frechheit mich zu fragen ob ich auf Rollenspiele stehe.“
Beide mussten jetzt doch lachen. Lea nahm ihre Kaffeetasse und öffnete die Terrassentür. Die Sonne blendete sie, so dass sie die Augen für einen kurzen Moment schloss. Sie atmete tief ein und setzte sich in einen der Korbsessel und fingerte eine Zigarette aus ihrem Etui. Sylvie war ihr gefolgt und reichte ihr Feuer. Genüsslich stieß Lea den Rauch in die klare Luft. Noch immer lächelte sie.
„Du solltest mal Urlaub machen. Mit einem Singleclub zum Beispiel. Vielleicht lernst du ja auf diese Weise einen netten Mann kennen.“
Sylvie war ganz begeistert von ihrer eigenen Idee.
„Sylvie, also wirklich, ich bitte dich. Ich renne doch nicht mit einer ganzen Schar heiratswütigen Männern in der Gegend rum. Da müsstest du mich aber doch besser kennen. Ich werde dieses Jahr Urlaub machen, das steht fest, und zwar mit meinem Wohnmobil. Umsonst habe ich mir den ja nicht gekauft. Und wenn ich alleine fahren muss.“
Lea sprang auf und sah das Gespräch für erledigt an.
„So, und jetzt ist Joggen angesagt, O.K?“
Sie warf noch einen Blick zu Sylvie und verschwand dann wieder im Haus.
Marco blinzelte eher neugierig als enttäuschend. Die Sonne kitzelte seine Nase und ehe er einen Niesanfall bekommen konnte, drehte er sich schnell um und flüchtete wieder unter die Bettdecke. Es war Samstag stellte er zufrieden fest. Keine Arbeit, kein Stress und sein erster
Blick zum Fenster ließ einen sonnigen Tag erahnen. Sein Job als Webdesigner verlangte ihm eine Menge ab. Zusammen mit seinem Geschäftspartner Robert leitete er eine gutgehende Werbeagentur in einem Bürokomplex in der Nähe vom Brandenburger Tor. Die Auftragsbücher waren voll und auch sonst lief alles bestens. Er würde heute wohl doch noch mal in die Firma müssen, um einige Unterlagen zu bearbeiten. Ein Großauftrag einer japanischen Firma stand kurz vor dem Abschluss. In letzter Zeit hatte er schon öfters Überlegungen angestellt, es doch in Zukunft ruhiger angehen zu lassen. Immerhin war er keine dreißig mehr. Gesunde Ernährung und Sport allein reichten nicht aus, die Balance wieder herzustellen, die ihm seit längerer Zeit abhanden gekommen war. Mit fünfunddreißig war man nicht alt, aber auch nicht mehr jung.
Man sah ihm sein Alter wirklich nicht an. Dank seinen sportlichen Aktivitäten hatte er sich einen durchtrainierten Körper erhalten. Ein leichtes Grau durchzog seine dunkelbraunen Haare. Das tat seinem männlichen Erscheinungsbild keinen Abbruch. Im Gegenteil: für das weibliche Geschlecht strahlte er Vertrauen und Selbstsicherheit aus. Durch eine Bewegung neben ihm wurde er aus seinen Überlegungen gerissen. Corinna schnurrte wie ein Kätzchen und kuschelte sich eng an ihn. Ihre Finger wanderten tastend und kreisend von seiner Brust Richtung Bauchnabel. Er entzog sich ihr, indem er mit einem Schwung aus dem Bett sprang und Richtung Bad eilte. Corinna hob den Kopf und schaute irritiert hinter ihm her. Heute Morgen war ihm überhaupt nicht nach kuscheln zu Mute und auch nicht nach mehr. Irgendetwas beunruhigte ihn, er konnte es sich nur nicht erklären. Er stieg in die Dusche und ließ das warme Wasser genüsslich über seinen Rücken laufen. Hier konnte er seine Gedanken wieder aufnehmen. Unwillkürlich fanden sie ihren Weg zu der Frau, die er vor zehn Jahren auf tragische Weise verloren hatte. Fast abgöttisch hatte er Susan geliebt und ihr Verlust hatte ihn hart getroffen. In seinen Träumen kamen immer wieder die schrecklichen Bilder vom Autounfall seiner geliebten Frau zurück. Bis heute wollten der Schmerz und die Traurigkeit nicht ganz weichen. Vor ungefähr einem Jahr hatte er Corinna kennen gelernt. Sie war ihm beim Joggen regelrecht in die Arme gelaufen. Sie war eine schöne Frau. Fast schon zu schön. Ihre großen blauen Augen standen im krassen Gegensatz zu Ihrem rabenschwarzen Haar. Die gertenschlanke Figur wusste sie mit dem richtigen Outfit perfekt zu betonen. Sie war Mitte dreißig, anschmiegsam und von exotischer Schönheit. Erst vor kurzem hatten sie mal wieder über eine feste Beziehung gesprochen. Doch er war einfach noch nicht so weit. Die Dusche hatte ihn erfrischt und das Aroma von frischem Kaffee zog durch die Wohnung. Corinna hauchte ihm einen flüchtigen Kuss auf den Mund und deckte den Frühstückstisch.
Es duftete herrlich nach frischen Brötchen, doch Marco wurde die Anspannung, die schon seit Tagen auf ihm lastete, einfach nicht los. Seine Hände zitterten leicht.
„Ich muss heute noch mal ins Büro, ich werde etwas später zu dieser Vernissage kommen. Tut mir leid.“
Corinna stöhnte innerlich auf. Doch sie wagte nicht Marco eine Szene zu machen. Die Abfuhr heute Morgen hatte sie schwer getroffen, trotzdem schluckte sie die Bemerkung, die sie auf der Zunge hatte, hinunter.
„Was meinst du wann du da sein wirst?“ fragte sie äußerlich gelassen.
„Ich schätze gegen zwei werde ich da sein. Wirst du das rote Kleid für mich anziehen? Darin finde ich dich besonders sexy.“ raunte er Corinna über den Tisch zu.
Versöhnlich lächelte Corinna Marco an.
„Für dich doch immer. Und zur Wiedergutmachung führst du mich dann heute Abend noch zum Essen aus.“
Marco lächelte, bot Corinna eine Zigarette an, nahm sich dann auch eine aus seinem Etui und schlenderte auf den Balkon. Tief zog er den Rauch ein und seine Gedanken wanderten schon wieder in Richtung Arbeit. Kurze Zeit später trat Corinna neben ihm und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange.
„Bis später dann. Ich muss noch mal bei mir vorbei und hab keine Lust wieder stundenlang im Stau zu stehen. “
Sie fingerte ihre Handtasche vom Sessel und verließ kurz darauf Marcos Wohnung. Marco tauschte den Bademantel gegen seinen Jogginganzug, warf die Tür ins Schloss und stand kurze Zeit später auf der Straße. Tief atmete er die kühle, frische Luft ein. Nachdem er einige Minuten gelaufen war, merkte er, wie die Anspannung langsam nachließ. Sein Kopf wurde freier und mit weit ausholenden Schritten lief er den gewohnten Weg zu einem kleinen Waldstück. Hier und da hörte man Vogelgezwitscher und die ersten warmen Sonnenstrahlen tanzten durch das erste zarte Grün der Bäume. Gutgelaunt erreichte er nach gut einer Stunde wieder sein Zuhause. Nach einer kurzen Dusche machte er sich auf den Weg ins Büro.
Marco und Tobias waren eineiige Zwillingsbrüder. Bis auf die Frisur sahen sie vollkommen gleich aus. Geheimnisse zwischen Ihnen gab es nicht. Nie hatte es bisher einen größeren Streit zwischen ihnen gegeben. Das lag vielleicht daran, dass sie sich auch charakterlich ähnlich waren. Im Gegensatz zu Marco war Tobias aber eher ernsterer Natur. Genau wie Marco war auch er selbständig und er liebte seinen Beruf als Landschaftsarchitekt über alles.
Finanziell gab es keinen Grund zu klagen. Beide verbrachten ihre Freizeit überwiegend in ihrer eigenen kleinen Blockhütte am Ammersee, malerisch gelegen im bayrischen Wald. Dort konnten sie fernab des Alltags beim Segeln so richtig die Seele baumeln lassen.
Tobias saß am Computer und schrieb Rechnungen. Missmutig schaute er auf den Monitor. Im Hintergrund versuchte ein Moderator gute Laune in die Wohnungen der Menschen zu zaubern. Tobias hatte die Balkontür weit aufgerissen, um die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings hereinzulassen. Eine leichte Brise zog an Tobias vorbei. Seine Aufmerksamkeit wurde vom lauten Gezwitscher eines Spatzenpaares gestört, das aufgeregt auf seinem Balkon hin und her tanzte. Die Unbekümmertheit dieser kleinen Geschöpfe belustigte ihn, als es im gleichen Moment laut an der Tür klopfte. Verdammt, er hatte noch immer nicht die Zeit gefunden, die Klingel zu reparieren. Tobias öffnete die Tür und schaute seinem Ebenbild genau ins Gesicht.
„Na, alter Junge. Wie geht’s dir denn so?“ begrüßte Marco seinen Bruder und schlug ihm freundschaftlich auf die Schultern, während er an Tobias vorbei ins Wohnzimmer schlenderte und sich in einen Sessel fallen ließ.
Mit gerunzelter Stirn folgte sein Bruder ihm.
„Diese verdammte Buchführung macht mich noch ganz fertig.“ stöhnte er und
setzte sich wieder an seinen Schreibtisch.
Er lehnte sich zurück und fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar.
„Ich werde dich erlösen und schlag dir eine Spritztour zum Wannsee vor. Und wenn wir zurückkommen helfe ich dir bei deiner Schreibarbeit. Bist du dabei?“
Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken willigte Tobias ein. Kurze Zeit später heulten die Motoren der beiden schweren BMW Maschinen auf und beide lenkten ihre Motorräder auf die Straße stadtauswärts.
Seit zwei Tagen regnete es fast ununterbrochen. Der April war recht kühl gewesen doch jetzt Anfang Mai erhielt endlich die Sonne die Oberhand. An ihrem Geburtstag letztes Wochenende waren Sylvie und Lea schon früh mit dem Motorrad zu einer Spritztour aufgebrochen. Es war einfach herrlich bei strahlendem Sonnenschein, blühenden Apfelbäume am Straßenrand, und im Schatten des ersten zarten Grüns, sich den Wind um die Nase wehen zu lassen. Abends hatte Sylvie sie in ein exquisites Fischrestaurant eingeladen und beide schlemmten sich stundenlang durch die Speisekarte. Zu später Stunde rundeten sie den herrlich Tag noch bei Lea mit einem guten Tropfen Wein ab. Die Nacht war mild und beide hatten bis spät in der Nacht gelacht und über Gott und die Welt philosophiert. Wie jedes Jahr färbte das neue Beginnen von Leben ein wenig auf Lea ab. So oft Ihre Arbeit es zuließ, fuhr oder lief sie stundenlang durch die erwachende Natur.Eines Abends stand sie völlig durchnässt vor der Haustür und konnte ihren Hausschlüssel nicht finden.
Obwohl es nicht ihre Art war, fluchte sie nun laut vor sich hin.
„Verdammt noch mal, wie kann man nur den Schlüssel vergessen.“
Wieder einmal war sie sich Ihrer Schwäche bewusst, wie schusselig sie doch war. Es half nichts, der Schlüssel war nicht da. Kleine Regenbäche liefen über ihr Haar und langsam den Rücken herunter. Sie war spazieren gewesen und hatte natürlich auch keinen Regenschirm dabei. Sie hätte Sylvie anrufen können, doch warum sollte ihr Freundin immer für ihre Schusseligkeit hinhalten? Nein, diesmal musste sie da alleine durch, irgendwo hatte sie doch einen Ersatzschlüssel hinterlegt. Aber wo? Angestrengt überlegte sie, während der Regen unaufhörlich auf sie niederprasselte. Erst mal ins Trockene, war ihre nächste Überlegung. Langsam wurde es dunkel. Geduckt lief sie rüber zur alten Scheune, in der sie allerlei kaum gebrauchte Dinge untergestellt hatte. Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, schrie sie laut auf. Mit einigen geschmeidigen Sprüngen landete Shiva direkt vor ihren Füssen. Sie beachtete Leas unschöne Verwünschungen überhaupt nicht und strich miauend um ihre Beine. Vom Vorbesitzer waren noch einige Ballen Heu übrig geblieben. Nachdem Lea die nassen Kleider ausgezogen und gegen ihre alte Gartenkleidung getauscht hatte, setzte sie sich frustriert auf einen Ballen Heu. Auf einem Querbalken lag ein Kofferradio und ihre schlechte Laune ließ
etwas nach, nachdem eine beruhigende Musik erklang. Shiva sprang auf ihren Schoß und Lea kraulte gedankenverloren ihr Fell. Neben ihr lagen noch die Reste einer alten Zeitung, in der sie vor einigen Tagen junge Veilchen für ihre Freundin eingepackt hatte. Plötzlich hatte sie eine Idee. Eine Annonce, jawohl, sie würde eine Anzeige aufgeben. „Für eine abenteuerliche Reise durch Deutschland in einem Wohnmobil suche ich einen aufgeschlossenen, unverheirateten, gebildeten Herrn zwischen 30 – 35 Jahren. Bedingung: Selbstversorger, kein Schnarcher. Dauer der Reise: ca. 4 – 5 Wochen. Interessiert? Dann sende eine E-Mail an: Lea web.de Sie lehnte sich zurück und fingerte eine Zigarette aus ihrer Etui, zündete sie an und blies den Rauch gedankenverloren nach oben. Natürlich würde man sich erst mal kennen lernen müssen, immerhin waren ja noch einige Wochen Zeit bis zum Reisebeginn. Mit einem Ruck sprang sie auf und Shiva rutschte missmutig von ihrem Schoss. Im gleichen Moment fiel ihr auch wieder ein, wo sie ihren Ersatzschlüssel hatte. Sie fingerte ihn hinter einem losen Stein in der Scheunenwand hervor, lief rüber zum Haus, schloss die Haustür auf und ließ sofort heißes Badewasser ein. Im Schein der Kerzen, die sie im Bad aufgestellt hatte und der nostalgischen Musik nahmen ihre Pläne konkrete Züge an. Sie nippte an einem schweren Rotwein und schloss träge die Augen.
Eine wohlige Wärme umschloss sie und immer tiefer tauchte sie in ihre abenteuerlichen und romantischen Fantasien ein.
Weiße Schäfchenwolken zogen ihre Bahnen über einen strahlend blauen Himmel. Trotz des herrlichen Wetters wehte ein starker Wind am Ammersee. Es war Mitte Mai. Tobias und Marco hatten sich zum Wochenende im Blockhaus verabredet. Ein Wochenende zum Abschalten. Mal raus aus der Hektik des Alltags. Morgens um sieben waren sie zum Joggen aufgebrochen und nun liefen sie die letzten hundert Meter den leichten Berg zum See hinunter.
„Auf drei: Endspurt?“ fragte Tobias neben Marco und sah ihn von der Seite an. „Okay.“ lachte Marco.
„Drei!“
Tobias spurtete los.
Doch Marco kannte seinen Bruder und blieb ihm dicht auf den Fersen. Mit einem kleinen Vorsprung gewann Marco. Tobias gönnte seinem Bruder den Sieg, denn schon lange hatte er ihn nicht mehr so unbeschwert erlebt.
„Geh du zuerst duschen, ich setze inzwischen den Kaffee auf.“
