Ursula und die Farben der Hoffnung - Ulrike Renk - E-Book
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Ursula und die Farben der Hoffnung E-Book

Ulrike Renk

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Beschreibung

„Ursula ist talentiert, mutig und voller Leidenschaft.“ Ulrike Renk 

Potsdam 1911: Ursulas größte Leidenschaft ist die Kunst. Seit sie denken kann, zeichnet sie, alles hat für sie Formen, Farben und eine Geschichte. Als sie die Kunststudentin Vera Dehmel kennenlernt, taucht sie an ihrer Seite in eine ganz neue Welt ein. Nicht nur lernt sie Veras Kommilitonen und Künstlerfreunde kennen, sondern auch ihren Bruder Heinrich. Schnell ist klar, zwischen ihnen besteht eine ganz besondere Verbindung – allen Hindernissen zum Trotz. Die Geschwister Dehmel geben Ursula den Mut, sich an der renommierten Kunstakademie in Berlin zu bewerben und ihren Traum zu verfolgen, Bücher zu gestalten und zu illustrieren. Doch dann bricht der Erste Weltkrieg aus, und plötzlich hat Ursulas Leben alle Farbe verloren. Was ihr bleibt, ist die Hoffnung … 

Warmherzig und authentisch: Die reale Geschichte einer jungen Künstlerin, die für ihre Eigenständigkeit kämpft 

Die neue Saga von Bestsellerautorin Ulrike Renk - Eine Familie in Berlin:
Band 1: Paulas Liebe
Band 2: Ursula und die Farben der Hoffnung
Band 3: Ulla und die Wege der Liebe 

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Seitenzahl: 622

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Über das Buch

Ursulas Leben besteht aus Farben. Ihren Skizzenblock und die Zeichenstifte hat sie immer dabei. Dann begegnet ihr die lebenslustigen Vera, Kunststudentin und Tochter von Paula und Richard Dehmel. Die beiden jungen Frauen freunden sich an, schnell verbindet sie mehr als nur die gemeinsame Leidenschaft für die Malerei. In Paulas literarischem Salon lernt Ursula nicht nur viele zeitgenössische Künstler kennen, sondern auch Ideen, von denen sie noch nie gehört hat. Die Begegnungen geben ihr den Mut, sich an der Kunstgewerbeschule in Berlin zu bewerben. Außerdem trifft sie dort Heinrich, Veras Bruder. Die beiden fühlen sich vom ersten Moment an zueinander hingezogen, doch dann bricht der Erste Weltkrieg aus, und nichts ist mehr, wie es war.

Über Ulrike Renk

Ulrike Renk, Jahrgang 1967, studierte Literatur und Medienwissenschaften und lebt mit ihrer Familie in Krefeld. Familiengeschichten haben sie schon immer fasziniert, und so verwebt sie in ihren Bestsellern Realität mit Fiktion.

Im Aufbau Taschenbuch liegen ihre Australien-Saga, ihre Ostpreußen-Saga, ihre Seidenstadt-Saga sowie zahlreiche historische Romane vor. „Ursula und die Farben der Hoffnung“ ist nach „Eine Familie in Berlin – Paulas Liebe“ der zweite Band ihrer großen neuen Saga um die Dichterfamilie Dehmel.

Mehr zur Autorin unter www.ulrikerenk.de

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Ulrike Renk

Ursula und die Farben der Hoffnung

Eine Familie in Berlin

Roman

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Widmung

Kapitel 1 — Potsdam 1911

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6 — Graal-Müritz, Sommer 1912

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12 — Potsdam, Dezember 1912

Kapitel 13 — Berlin, Mai 1913

Kapitel 14 — Berlin, Ende November 1913

Kapitel 15 — Berlin, März 1914

Kapitel 16 — Berlin, April 1914

Kapitel 17 — Sommer 1914

Kapitel 18 — Ahrenshoop, Sommer 1914

Kapitel 19 — Vohwinkel, Weihnachten 1914

Kapitel 20 — Berlin, Sommer 1917

Kapitel 21 — Berlin, Silvester 1917

Nachwort

Danksagung

Impressum

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Für

Kirsten und Klaus

Kapitel 1

Potsdam 1911

»Viermal, heute hat er sich nur viermal umgezogen.« Margarete von Calenberg wedelte mit den Händen und verzog das Gesicht.

»Aber jedes Mal waren die Fotografen zur Stelle, als er wieder in neuer Aufmachung hereinkam«, sagte Emma von Berghofen, wie die anderen eine der Damen am kaiserlichen Hof, die sich einmal die Woche im Salon von Anna Vorkastner, der Frau des Bürgermeisters, trafen.

»Natürlich waren sie das, schließlich wurden sie von ihm bestellt«, erklärte Anna mit ruhiger Stimme und lächelte. »Ihr wisst doch, dass er sich für sie umzieht, er posiert. Das macht er doch schon seit Beginn seiner Regentschaft.«

»Es wird aber immer schlimmer«, sagte Adelheid von Singen empört. »Alles scheint nur noch für die Öffentlichkeit veranstaltet zu werden. Er reitet ja noch nicht mal aus, ohne dass Kameras dabei sind.«

Ein Klopfen unterbrach sie. Greta, das Mädchen, betrat den Salon, um den Kaffee zu servieren. Vorsichtig stellte es das Tablett mit der Kanne auf den Tisch und schenkte ein. Ihr Blick fiel auf ein überzähliges Gedeck. »Soll ich die Tasse wieder mitnehmen?«, fragte sie leise.

Anna seufzte. »Ursula?«, fragte sie, ohne sich umzudrehenden. »Bist du hier?«

Ursula holte Luft und schob den schweren Brokatvorhang zur Seite, hinter dem sie auf der breiten Fensterbank des Erkers saß. Sie strich sich die dunkelblonden Locken aus dem Gesicht und lächelte ihre Großmutter an. »Ich komme gleich. Ich muss nur schnell etwas fertig machen.« Damit senkte sie ihren Kopf wieder über das Zeichenbuch, das auf ihren Knien lag. Im Raum war es so still, dass man das leise Kratzen des Stifts hören konnte, der über das Papier huschte.

»Deine Enkelin ist hier?«, fragte Emma schrill. »Das wusste ich gar nicht.«

»Aber ja, sie und ihre Schwester sind doch schon seit zwei Wochen bei uns in Potsdam.« Anna lächelte, Ursula sah, dass es sie Mühe kostete.

»Hier – im Raum!«, zischte Emma. »Das meinte ich. Wir sprechen doch über SM‑chen …«, sie räusperte sich, senkte ihre Stimme abermals, »… über Seine Majestät nur im allerintimsten Kreis. Man weiß nie, was so ein Kind nach außen trägt.« Ihre Augen weiteten sich.

»Ursula interessiert sich nicht für Hoftratsch.« Anna tätschelte den Arm ihrer Freundin. »Das hat sie noch nie.«

Regine von Hohenstahl lachte auf. »Richtig. Deine Enkelin hatte immer nur Stifte, Pinsel und Farben im Kopf. Vom wem sie das wohl hat?«

»Nicht von ihrem Vater. Er ist kein Schöngeist, aber ein begnadeter Arzt«, sagte Margarete und seufzte. »Ich habe nie verstanden, warum deine Tochter ihn verlassen hat.«

»Das musst du auch nicht.« Wieder lächelte Anna. »Sie hat einen schweren Weg genommen, aber nun ist sie glücklich, das ist alles, was zählt im Leben, nicht wahr?«

»Sie ist doch wieder verheiratet?«, fragte Emma mit ihrer dünnen Stimme.

»Ja. Sie hat ein zweites Mal geheiratet, und es geht ihr sehr gut.« Anna räusperte sich. »Wollt ihr nicht den köstlichen Apfelkuchen probieren? Meine Köchin hat sich sicher wieder einmal selbst übertroffen.«

Ursula horchte auf. Sie liebte Lises Apfelkuchen. Sollte sie aufstehen und sich an den Tisch setzen? Aber dazu hatte sie keine Lust. Am Tisch hatte sie zu lächeln und sich nett zu benehmen, sollte aber nicht zuhören. Die Gespräche drehten sich meist um die neuste Mode oder um irgendwelche Skandale oder Liebschaften am Hof. Sie würde bestimmt später in der Küche noch ein Stück Kuchen bekommen. Erst einmal wollte sie fertig werden. Unauffällig spähte sie zum Tisch und verglich den Anblick der Damen mit der Skizze, die sie gezeichnet hatte. Hier und dort gab es noch etwas zu verbessern. Vor allem aber stimmte die Perspektive mal wieder nicht – wie so oft. Verzweifelt kaute sie an ihrem Stift. Wieso nur waren die Köpfe immer zu klein? Und der Tisch zu groß? Irgendwann würde sie es hinbekommen.

»Übermorgen hält Paula Dehmel einen Vortrag im Lyzeum-Klub in Berlin«, hörte sie Martha mit ihrer hohen Stimme sagen. »Da möchte ich hin. Ich finde die Frau immer so erfrischend mit ihren lustigen Kinderreimen.«

»Sie hatte es auch nicht leicht im Leben«, sagte Regine. »Ich habe sie einmal bei einem Vortrag erlebt. Ihre Gedanken fand ich gut, ich konnte sie zu einem gewissen Grad nachvollziehen, auch wenn sie doch sehr modern sind.«

»Nicht so modern wie die ihres Mannes«, Emma kicherte verlegen.

»Er ist schon ein großer Poet, doch seine Anschauungen sind tatsächlich manchmal ziemlich gewagt«, meinte Anna nachdenklich. »Habt ihr schon mal Ida Dehmel gesehen?«

»Ja, im Theater in Berlin«, sagte Martha. »Was für ein Anblick.« Die Frauen steckten die Köpfe zusammen, senkten die Stimmen.

Ursula bekam das nur am Rande mit. Sie wollte die Damen nur studieren – wie sie saßen, wie sie die Köpfe hielten.

Der Erker hinter den dicken Vorhängen war einer ihrer Lieblingsplätze. Es roch nach Staub und Pfeifentabak und ein wenig nach getrockneten Äpfeln. Unten auf der Karlsstraße fuhren die Droschken vorbei, Spaziergänger flanierten auf dem Trottoir. Es war ein milder Tag, doch der Himmel hatte die Farbe von geronnener Milch. Ursula lehnte die Stirn an die kalte Glasscheibe und sah nach draußen, sie liebte es, die Leute zu beobachten.

»Betreibst du wieder Studien?«, riss Großmutter sie aus ihren Gedanken. Erschrocken fuhr Ursula hoch. Anna lachte leise. »Ist schon gut, Kind. Ich weiß ja, dass du in deiner ganz eigenen Welt lebst. Aber es wäre schön, wenn du wenigstens ein paar Minuten am Tisch Platz nehmen würdest, sonst denken meine Freundinnen noch, du würdest allmählich seltsam.« Sie zwinkerte ihrer Enkelin zu und reichte ihr die Hand.

Zögerlich schloss Ursula ihr Skizzenbuch, legte die Stifte in die Blechdose, nahm die Hand der Großmutter und sprang von der Fensterbank. Mechanisch schüttelte sie ihr Kleid zurecht und setzte sich an die Tafel. Sie gab einen großen Löffel der geschlagenen, süßen Sahne auf ihr Kuchenstück und aß, ohne aufzublicken. Am Kaffee nippte sie nur, sie fand ihn immer zu bitter, selbst wenn sie drei Stücke Zucker hineintat, obwohl höchstens zwei erlaubt waren.

»Hast du wieder gemalt?«, wandte Adelheid sich an sie. »Du scheinst immer nur zu malen.«

»Ich zeichne meist«, antwortete Ursula bemüht höflich. »Ich male nur selten.«

»Ach so, da gibt es einen Unterschied?«

»Natürlich. Ich male nicht mit Pinsel oder Palette, male keine Flächen, sondern benutze Feder oder Bleistift für feinere Zeichnungen.«

Adelheid schwieg einen Moment. Hatte sie etwa etwas Falsches gesagt?

»Magst du mir deine Werke zeigen?«, fragte Adelheit dann und schaute zu der Mappe, die Ursula auf ein Tischchen gelegt hatte.

Ursula senkte den Kopf. Nein, dachte sie, das mag ich nicht. Aber hatte sie eine Wahl? Großmutter war großzügig, was das Verhalten ihrer drei Enkelinnen anging. Auch hatte sie moderne Ansichten über die Erziehung, fand Belehrungen besser als Bestrafungen und versuchte immer zu erklären, wenn sie etwas verbot, und dafür liebte Ursula sie sehr. Dennoch wusste sie, wann es besser war, sich den Gepflogenheiten zu beugen. Also unterdrückte sie ein widerwilliges Seufzen, holte ihre Mappe und reichte sie Frau von Singen. Schweigend blätterte diese durch die Skizzen.

»Nimmst du Unterricht?«, fragte sie.

Ursula schüttelte den Kopf.

Adelheid kniff die Augen nachdenklich zusammen. »Wie lange wirst du noch in Potsdam sein? Deine Mutter wohnt jetzt bei Barmen?«

»Ja, in Vohwinkel, ich werde wohl nächste Woche zurückfahren.«

»Wie schade«, murmelte Adelheit und schaute zu Anna, doch die war ins Gespräch vertieft. »Und deine Schwester Hilde? Ist sie nicht auch hier?«

»Ja, ist sie. Nur ist sie heute mit unserem Vater unterwegs.«

In diesem Moment öffnete sich die Tür, und ihr Großvater trat ein und begrüßte mit charmanten Worten die Runde.

Anna stand auf und ging ihm entgegen. »Schön, dass du schon zu Hause bist, mein Lieber. Aber um Kaffee und Kuchen zu bekommen, musst du die Köchin bezirzen, nicht uns.«

Karl Vorkastner seufzte gespielt auf. »Darf ich mich denn zu der Damenrunde gesellen, oder soll ich meinen Kaffee lieber im Herrenzimmer einnehmen? Ich will nicht stören.«

»Setz dich nur zu uns, Karl«, rief Emma. »Hast du noch mit dem Kaiser gesprochen? Er reist ja morgen wieder nach Berlin.«

Greta, das Mädchen, kam und brachte bald darauf frischen Kaffee und weiteren Kuchen. Ursula nutzte die Gelegenheit, verabschiedete sich hastig von den Damen und schlüpfte aus dem Salon. Im Flur lehnte sie sich für einen Moment an die Wand, schloss die Augen und atmete tief durch.

»Na?«, sagte Greta, die gerade aus dem Zimmer trat, »magst du mitkommen? Lise bereitet schon das Abendessen vor.«

Schnuppernd zog Ursula den Duft ein, der von unten aus der Küche zu ihnen drang. »Gleich vielleicht«, sagte sie. »Ich muss erst noch etwas erledigen.«

Oben in ihrem Zimmer angekommen, das sie mit Anni und Hilde teilte, ließ sie ihre Mappe und die Blechdose mit den Stiften auf den Schreibtisch fallen, dann warf sie sich aufs Bett. Die Großeltern hatten ihnen ein großzügiges Zimmer eingerichtet. Jede der drei hatte ihren eigenen Bereich.

Sosehr Ursula es auch liebte, bei den Großeltern zu sein, so anstrengend fand sie es, wenn ihre Großmutter Besuch hatte. Immer diese Blicke, immer dieses Getuschel um ihre Eltern. Hatten die Leute nichts Besseres zu tun, als sich über andere aufzuregen?

Wütend knüllte sie ihr Kissen zusammen, als die Tür aufging und Hilde summend das Zimmer betrat, sorgfältig ihren Mantel weghängte, die Straßenschuhe auszog, in die Hausschuhe schlüpfte und sich dann Gesicht und Hände wusch, während sie sich im Spiegel betrachtete.

Ursula folgte jeder ihrer Bewegungen amüsiert. »Bist du fertig?«, fragte sie dann.

Hilde fuhr so heftig herum, dass sie fast den Wasserkrug vom Waschtisch gestoßen hätte. »Hast du mich vielleicht erschreckt«, keuchte sie.

Kichernd setzte Ursula sich auf. »Hattest du einen schönen Tag mit Vater?«

Hilde seufzte, dann nickte sie. »Er war wie immer so … bemüht. Aber ich glaube, dass er uns wirklich vermisst.«

»Er hat uns nicht vermisst, als Mutter ihn verlassen hat. Da hat er sich einen Dreck um uns geschert«, sagte Ursula leise.

»Das ist jetzt anders. Er hat sich verändert. Und wir fehlen ihm.« Mit gerümpfter Nase trat Hilde an Ursulas Bett und hob mit spitzen Fingern eine Bluse hoch, die zerknüllt auf dem Boden lag. »Warum kannst du nicht achtsamer mit deinen Sachen umgehen?«, fragte sie.

»Warum? Es sind doch nur Sachen«, entgegnete Ursula, stand aber auf und griff nach der Bluse. Nachdem sie sie kurz ausgeschüttelt hatte, hängte sie sie in den Schrank. Mit gerunzelter Stirn reichte Hilde ihr eine Schürze, eine Strickjacke und drei Paar Socken, die alle um das Bett herum verstreut auf dem Boden gelegen hatten.

»Wenn du alles sofort wegräumst …«

»… ist es ordentlich«, stöhnte Ursula. »Weiß ich doch. Weiß ich ja.«

»Du machst es trotzdem nie. Das Einzige, was du in Ordnung hältst, sind deine Stifte und Farben.«

»Die sind mir eben wichtig«, antwortete Ursula schnippisch. »Aber das kannst du ja nicht verstehen.«

»Stimmt.« Hilde grinste. »Aber ich bin ja auch nicht du, Ullalein.«

»In der Küche gibt es Apfelkuchen«, sagte Ursula, um den Vorwürfen ein Ende zu machen. »Und Lise bereitet schon das Abendessen zu.«

»Kommen Gäste?«

»Kommen irgendwann mal keine Gäste?«, fragte Ursula zurück und verdrehte die Augen.

»Na dann, auf in die Küche!« Hilde ging zur Tür. »Dort ist es einfach am schönsten.«

Ja, dachte Ursula. Dort und im Erker und in ihrem Zimmer. Mit Mutter waren sie in den letzten Jahren mehrmals umgezogen. Von Potsdam nach Berlin und von dort aus nach Vohwinkel. Hilde, Anni und sie waren eine Weile in einem Internat gewesen, nach der Hochzeit hatte ihre Mutter sie dann wieder zu sich genommen. Onkel Fritz war nett und sehr, sehr bemüht um die drei, aber wirklich zu Hause fühlte sich Ursula nur hier, bei den Großeltern.

In der Küche duftete es herrlich. Der große Herd in der Mitte des Raumes zischte, und in einem Topf brodelte wütend das Wasser, in das die Köchin nun geschickt eine Handvoll Flusskrebse gleiten ließ. Schnell sah Ursula weg. War es das kochende Wasser oder zappelten sie noch?

»Da vorn ist noch Kuchen. Hab zwei Bleche gebacken«, sagte die Köchin lächelnd. »Die Äpfel müssen weg. Sind noch ordentlich viel im Eiskeller, die kommen jetzt inne Vorratskammer. Morgen helft ihr mir, ihr Görn.« Im hinteren Teil des großen Raumes stand ein riesiger, alter Holztisch, der jeden Tag mit Sand geschrubbt wurde und dessen Platte schon ganz abgenutzt war. Auf ihm lagen die Lebensmittel, die noch nicht verarbeitet waren, das Haushaltsbuch der Mamsell und das Küchenbuch der Köchin. Die beiden Mädchen setzten sich an eine freie Ecke, und Ursula fuhr nachdenklich mit den Fingerspitzen über die schrundige Holzplatte, die sicher viel zu erzählen hatte.

»Man sollte davon einen Abdruck machen«, murmelte sie. »Das Astloch sieht aus wie ein Kopf. Und dort drüben haben sich zwei Hasen in das Holz geprägt …«

»Was du immer in den Dingen erkennst«, sagte Hilde lachend und nahm dankbar den Teller mit dem Kuchen entgegen, den ihr eines der Mädchen reichte. »Bist ein bisschen spinnert, muss man meinen.«

»Ist mir egal. Dann bin ich halt spinnert.« Ursula mopste sich aus einer großen Steingutschüssel einen eingelegten Hering.

»Hab ich gesehen, Fröllein«, sagte die Köchin. »Mein nur nich, dass ich nix sehe, nur weil ich zu tun habe. Hast Glück, sind genügend da – aber frag lieber vorher, kommen ja Gäste.«

»Wie immer.«

»Türlich. Euer Großvater ist ein wichtiger Mann.« Lise klang stolz. Plötzlich klingelte die Glocke, und alle schauten zur Wand, an der die Glocke hing. »Musst hoch, Greta«, sagte die Köchin. »Ich hoffe, die Damen gehen endlich, wird langsam Zeit.«

Kurze Zeit später kam Greta mit dem Kaffeegeschirr wieder nach unten, stellte es klirrend auf der Spüle ab und wischte sich über die Stirn. »Die Gnädigste kommt gleich, um das Essen zu besprechen«, sagte sie außer Atem.

»Soll sie mal kommen«, sagte Lise und schob eine Kasserole in den Ofen und legte Holz nach, dann streckte sie sich, sah in die Runde und gab gezielte Anweisungen. Ursula ärgerte sich, dass sie ihren Skizzenblock vergessen hatte, um das geschäftige Treiben, das nun ausbrach, festzuhalten.

Anna betrat den Raum und ging auf Lise zu. »Meine Liebe, Ihr Kuchen war wieder einmal köstlich. Ein großes Lob, auch von meinen Freundinnen.«

»Danke.« Lise nahm das Kompliment mit erhobenem Kopf entgegen.

Sie weiß, was sie tut und was ihre Arbeit wert ist, wurde Ursula auf einmal klar. Was wäre dieser große Haushalt auch ohne alle seine fleißigen Helfer und Mitarbeiter? Ursula lehnte sich zurück. Sie genoss das Leben bei den Großeltern, das schöne weitläufige Haus, die volle Speisekammer, die großen gemütlichen Zimmer. Hier musste keiner darben. Das hatten sie und ihre Schwestern auch schon anders erlebt.

Ihre ersten Lebensjahre hatten sie in einer ähnlichen Umgebung verbracht. Ihr Vater Hermann Stolte war ein anerkannter Arzt und Chirurg mit hohem Ansehen in Potsdam. Ursula konnte sich jedoch kaum an die Zeit erinnern. Sie war fünf, als sich die Mutter vom Vater trennte und nach Berlin in eine kleine, feuchte und heruntergekommene Wohnung zog, die sie möbliert angemietet hatte, weil der Vater ihr nicht erlaubt hatte, etwas mitzunehmen – bis auf die drei kleinen Mädchen. Ihre Mutter hatte keine Ausbildung, geschweige denn eine Stellung, und ihr Vater bot ihr keinerlei finanzielle Unterstützung. Auch ihre Großeltern waren keine Hilfe, beschämt hatten sie sich von der Tochter abgewandt – eine Scheidung war eine gesellschaftliche Niederlage, etwas, was sich auch auf ihr Ansehen in der Gesellschaft auswirken konnte. Es dauerte eine Weile, bis sie Linas Entscheidung hinnahmen. Diese Zeit in Berlin hatte sich in Ursulas Gedächtnis gefräst. Die Kälte, den Dreck und den Hunger würde sie nie vergessen. Schließlich erbarmten sich die Großeltern, und Großvater zahlte das Internat, auf das die Schwestern dann geschickt wurden.

»Ich wollte mit dir noch über das Menü von heute Abend sprechen, Lise«, riss die Stimme der Großmutter sie aus ihren Gedanken. »Wir werden zwei Gäste mehr haben …«

»Das macht nix«, antwortete Lise. »Ich plan so was immer schon mit ein, ne?«

Nun entdeckte Großmutter die beiden Mädchen am Küchentisch. »Hier seid ihr also«, sagte sie lachend. »Das erspart mir den Weg nach oben. Ihr werdet nachher nicht mit uns essen, es kommen einige Ratsmitglieder, und sicherlich wollen sie mit eurem Großvater politische Themen besprechen.« Anna sah die Köchin an. »Du machst den beiden etwas Feines, ja?«

»Verhungern werden se sicher nich.«

»Gut. Und morgen fahre ich nach Berlin. Also reicht eine kleine Küche für meinen Mann und die Mädchen. Gäste werden nicht erwartet.«

»Darf ich mitkommen?«, fragte Hilde aufgeregt. »Berlin ist immer so knorke. Und wir waren schon lange nicht mehr da.«

»Morgen nicht, aber ein anderes Mal ganz sicher, mein Kind.«

Hilde und Ursula wurden von der Köchin ordentlich verwöhnt. Ihnen machte es mehr Spaß, mit dem Personal zu essen, als oben stumm und mit geradem Rücken am Tisch zu sitzen. Großvater legte viel Wert auf gute Manieren, vor allem, wenn Fremde anwesend waren.

»Ich bin so gerne bei den Großeltern«, sagte Ursula, als sie später in ihrem Zimmer waren.

Sie hatte sich den Morgenmantel übergezogen, nahm ihre Zeichenmappe und setzte sich an den Tisch. Sie drehte die Lampe so, dass das Licht auf den Schreibtisch fiel. »Ich wünschte, wir hätten in Vohwinkel auch Elektrik. Das Licht ist abends eine Wucht.«

»Ja, da hast du recht, aber Onkel Fritz bemüht sich doch sehr, dass wir es gut haben.«

»Hätte Mutti seinen Bruder, Onkel Rudolf, geheiratet, ging es uns besser.«

»Ursula!« Hilde, die am Waschtisch stand, drehte sich zu ihrer Schwester um. »Das meinst du doch nicht ernst?«

»Nein, natürlich nicht. Ich weiß, Mutti liebt Onkel Fritz. Ich habe Großmama mal sagen gehört, dass sie ihn schon immer geliebt hat … schon als sie in unserem Alter war.«

»Wirklich? Das wusste ich gar nicht.« Hilde tauchte den Waschlappen in das kalte Wasser, wusch sich das Gesicht und die Arme. Dann trocknete sie sich ab, putzte die Zähne und nahm die Bürste, um ihre langen Haare ordentlich auszukämmen. Morgens bekamen die Mädchen einen Krug mit warmem Wasser, und einmal in der Woche durften sie ein Bad nehmen, meist am Samstag. Im Badezimmer neben dem Schlafzimmer der Großeltern stand eine richtige Badewanne, und dort gab es auch einen Boiler. Es war jedes Mal ein Fest, in das warme, nach Seife duftende Wasser zu steigen.

Hilde verstaute ihre Bürste in der obersten Schublade der Kommode, zog sich ihr Nachthemd über und schlüpfte ins Bett. Wie grundverschieden sie doch waren, dachte Ursula, während sie durch ihre Mappe blätterte und die Zeichnungen, die sie am Nachmittag angefertigt hatte, betrachtete. Die beiden Schwestern trennten nur elf Monate, sie waren fast wie Zwillinge aufgewachsen und standen sich nahe – doch Hilde war ordentlich, manchmal schon pedantisch. Sie hatte alles gerne aufgeräumt und adrett. Ursula hingegen war das egal, sie sah die Welt mit bunten Augen, sah Formen und Figuren, wollte alles auf Papier bannen und festhalten. Unordnung nahm sie einfach nicht wahr.

»Was genau hast du über Mutti und Onkel Fritz gehört?«, fragte Hilde, während sie sich ihre Haare zu einem lockeren Zopf flocht. »Und wieso hörst du immer solche Dinge? Ich bekomme so etwas nie mit.«

»Du sitzt auch nie im Erker im Salon, so wie ich. Manchmal bemerkt es Großmama gar nicht mehr, es ist, als wäre ich für sie ein Teil des Mobiliars.« Sie zog ihr Nachthemd über und setzte sich neben ihre Schwester. Hilde drehte sich zu ihr und bürstete Ursulas Locken. Die Haare waren fein und hatten die Farbe von Waldhonig, aber sie waren auch widerspenstig, wie die wilde Winde im Garten, die sich wirr und fest an alles klammerte. Hilde legte die Bürste zur Seite und begann nun, Ursulas feine Locken zu flechten.

»Das ziept«, beschwerte sich ihre Schwester.

»Ich bin so vorsichtig, wie es geht«, entgegnete Hilde. »Kann ja nichts dafür, dass du so feine Haare hast. Wunderschön sehen sie aus, aber zum Pflegen sind sie eine Plage.«

»Ich würde sie abschneiden, aber Mutti wird das nie erlauben.«

»Abschneiden? Bist du irre?«, fragte Hilde entsetzt.

»Hättest du meine Fusseln, würdest du auch so denken.«

»Aber du siehst so schön damit aus …« Hilde band eine Schleife um den Zopf und ließ sich in die Kissen sinken. »Vater hat mich gefragt, ob ich nicht nach Potsdam ziehen will«, sagte sie nach einer Weile leise.

Ursula legte sich neben sie, drehte sich auf den Bauch und sah ihre Schwester an. »Hierher? Zu ihm? Wirklich?«

»Weil ich ja nächstes Jahr mit der Schule fertig bin …«

»Und?«, fragte Ursula fast tonlos.

»Ich habe ihm versprochen, darüber nachzudenken. Aber, ich weiß nicht …« Sie schaute ihre Schwester an. »Potsdam ist schön, und du weißt, ich liebe es, bei den Großeltern zu sein. Ich würde so gerne mitgehen zum Hof, würde gerne all die feinen Leute sehen, den Kaiser und seine Söhne. Hier ist alles so vornehm. So anders als in Vohwinkel.« Sie stockte, fuhr dann fort. »War Mutti wirklich früher schon in Onkel Fritz verliebt?« Die Frage flüsterte sie nur, als fürchtete sie, dass jemand sie hörte.

»Das haben sie jedenfalls gesagt. Also Großmama hat das erzählt. Sie klang … na ja, du weißt ja, wie sie klingt, wenn sie über Onkel Fritz spricht. Ihr und Großvater wäre es sicherlich lieber gewesen, wenn Mutti bei Vater geblieben wäre.«

»Aber Mutti war unglücklich. Das hat sie uns immer gesagt. Allerdings nie, weshalb.« Plötzlich leuchteten Hildes Augen auf. »Was, wenn sie tatsächlich früher schon in Onkel Fritz verliebt war, ihn aber nicht heiraten durfte …«

»Weshalb sollte sie ihn nicht heiraten dürfen? Sie hat es doch jetzt auch getan?«

»Ach, Ullala – denk doch mal nach. Vater ist Arzt. Ein renommierter Arzt, das war er schon, als er Mutti geheiratet hat. Ganz sicher waren Großmama und Großvater entzückt über ihre Wahl …«

»Ich glaube, Großvater hat ihn Mutti vorgestellt, das habe ich zumindest gehört. Die Großeltern wollten, dass Mutti ihn heiratet und aufhört, für Onkel Fritz, der ja mittellos war, zu schwärmen.«

Hilde klatschte in die Hände. »Siehst du?«, sagte sie aufgeregt. »Mutti hat schon immer Onkel Fritz geliebt.« Wieder ließ sie sich in die Kissen sinken. »Das ist ja so romantisch, so verwegen.«

»Was ist denn daran verwegen?«

»Aber Ullala – verstehst du nicht? Er war ihre große Liebe, aber sie musste Vater heiraten, auch wenn sie ihn nie geliebt hat. Und dann … dann ist sie aus der Ehe ausgebrochen und hat sich scheiden lassen … das ist doch romantisch, denn dann war sie wieder frei für Onkel Fritz.«

»Das war nicht romantisch, das war schrecklich. Erinnerst du dich denn nicht mehr an die kleine, kalte, nasse, dunkle Wohnung in Berlin? Wie fürchterlich es dort war?«,

»Aber stell dir doch vor, du liebst jemanden so sehr, dass du alles aufgibst, um mit ihm zusammen zu sein – ist das nicht ein wunderschöner Gedanke? Ich möchte auch so lieben.«

»Ich glaube nicht, dass ich mich jemals verlieben werde«, sagte Ursula fast tonlos.

»Wie bitte?«, fragte Hilde erstaunt.

»Dazu bin ich wohl nicht geschaffen. Weißt du, ich will keinen Haushalt führen, das könnte ich vermutlich gar nicht.« Ursula lächelte verlegen. »Ich bin viel zu unordentlich.«

»Ach Unfug, das kann man doch lernen.«

»Es ist nur die Frage, ob ich das lernen will.«

»Was möchtest du denn stattdessen?«

»Ich möchte zeichnen, malen, irgendetwas erschaffen. Ich will ich sein. So dunkelblau und rosenrot, wie ich nun mal bin. Welcher Mann würde das wohl mitmachen? Und außerdem … was, wenn er es erst mitmacht, mich aber dann fallenlässt? Dann wäre ich vielleicht in der gleichen Position, wie Mutter es damals war. Und das war schrecklich. Nicht nur für sie … für uns auch. Aber sie hatte ja dann Onkel Fritz. Und ich? Ich hätte vermutlich niemanden.«

Hilde nickte. »Ich weiß. Aber wenn er dann doch kommt? Der Mann, der dich verzaubert?«

»Dann«, sagte Ursula verschmitzt, »werde ich auf jeden Fall Personal benötigen.«

Die beiden schauten sich an und fingen an zu lachen. Ein helles, ein fröhliches und ungezwungenes Lachen.

»Triffst du dich noch mit Vater? Er hat nach dir gefragt«, sagte Hilde leise, als sie schließlich in ihren Betten lagen und das Licht gelöscht war.

»Natürlich!« Ursula setzte sich im Bett auf. »Warum fragst du?«

»Er wünscht es sich so.«

»Er wollte dich allein sehen. Deshalb bin ich nicht mitgekommen.«

»Er will auch dich allein sehen. Das hat er mir gesagt.«

»Warum eigentlich? Warum sollen wir ihn nicht gemeinsam besuchen?«, fragte Ursula verwundert.

»Er wird dich das fragen, was er auch mich gefragt hat – ob du zu ihm ziehen willst«, meinte Hilde.

»Nach all den Jahren.« Ursula lehnte sich zurück in ihre Kissen, verschränkte die Arme hinter dem Kopf.

»Ich glaube«, sagte Hilde kaum hörbar, »er ist einsam.«

»Was ist denn mit dem Fräulein Sowieso, ich habe ihren Namen vergessen und die Namen der anderen Fräuleins auch«, fragte Ursula schnippisch. Dann seufzte sie. »Ja, vermutlich ist er einsam, und die Fräuleins sollten ihn nur trösten.«

»Er liebt Mutti vielleicht immer noch.«

»Ich weiß nicht – meinst du wirklich? Aber sie ihn nicht.«

Die beiden Schwestern schwiegen nachdenklich.

»Gute Nacht«, sagte dann Hilde, und Ursula hörte, wie sich ihre Schwester das Kissen zurechtstopfte. Bald schon waren regelmäßige Atemzüge aus dem anderen Bett zu hören – Hilde war eingeschlafen.

Der Mond stand hoch und voll am Himmel, ein Lichtstrahl fiel durch die Ritze zwischen den Vorhängen ins Zimmer. Irgendwo knackte und knarzte es, die Geräusche eines Hauses in der Nacht. Von unten war noch Stimmengemurmel zu hören, manchmal klang ein schepperndes Lachen durch den Kaminschacht. Doch auch die Stimmen wurden leiser, und dann hörte Ursula wie ganz weit entfernt die Haustür ins Schloss fiel. Die Mädchen waren sicher froh, dass die Gäste gegangen waren und sie jetzt endlich aufräumen und dann ebenfalls zu Bett gehen konnten.

Der Haushalt hier in Potsdam schien wie am Schnürchen zu laufen, aber Ursula war oft genug hier, um zu wissen, dass jede Menge Arbeit und Planung dahintersteckte.

Hilde würde so einen Haushalt sicher leicht führen können, aber sie? Ob sie wirklich zu ihrem Vater ziehen würde? Würde ich selbst bei ihm wohnen wollen? Nein, dafür liebe ich Mutti zu sehr. Unser Familienleben, die gemeinsamen Abende am Klavier, die lauten und lustigen Feste mit den Freunden ihrer Eltern, die so viel unkonventioneller waren als die Abendgesellschaften hier in Potsdam. Und auch wenn ich es erst nicht für möglich gehalten habe – ich liebe auch Tinchen, seit sie auf die Welt gekommen war. Sie bereichert die Familie.

Vater dagegen kenne ich gar nicht wirklich. Mittlerweile bemüht er sich sehr um uns, wenn wir uns sehen, schreibt lange Briefe und versucht an unserem Leben teilzuhaben, aber dennoch ist er eher ein Fremder für mich.

Wieder sah sie zum Mondlicht, das ganz langsam durch den Spalt in den Vorhängen durch das Zimmer wanderte. Nun war es schon fast bis zum Waschtisch gekommen.

»Leise, Peterle, leise,

der Mond geht auf die Reise,

er hat sein weißes Pferd gezäumt,

das geht so still, als ob es träumt,

leise, Peterle, leise«, murmelte sie.

Wie war sie nur auf den Kinderreim gekommen? Ein Reim, den Mutti schon Anni und nun auch Tinchen vorsagte, wenn das Kind schlafen sollte. Ach ja, dachte Ursula und drehte sich zur Seite, schloss endlich die Augen. Paula Dehmel. Es war ein Reim von ihr. Und morgen würde Großmama zu Frau Dehmel fahren.

Kapitel 2

»Ursula?«, schallte der Ruf ihrer Großmutter von unten, ihre Stimme klang seltsam angestrengt, wie eine zu straff gezogene Saite einer Geige. »Dein Vater ist da!«

»Ich komme ja schon!« Hastig packte Ursula den kleinen Skizzenblock und ein paar Stifte in die lederne Tasche, die ihr ihre Mutter geschenkt hatte. Sie warf noch einen verzweifelten Blick in das Zimmer, in dem ihre Kleider wild durcheinanderlagen, weil sie über einer Zeichnung die Zeit vergessen hatte. Dann warf sie die Tür hinter sich zu und eilte nach unten.

Vater stand schon in der Halle und wartete, er lächelte, als er sie sah. »Hallo, du Wirbelwind«, sagte er und reichte ihr die Hand.

Ursula schöpfte kurz Atem, schlüpfte dann in die Stiefel und hakte sich bei ihm unter. »Was machen wir heute?«, fragte sie fröhlicher, als sie sich fühlte.

»Wir gehen aus«, antwortete Hermann und nickte der Großmutter zu.

»Wird Ursula rechtzeitig zum Essen wieder da sein?«, fragte die Großmutter ein wenig spitz.

»Das weiß ich noch nicht. Guten Tag.« Er lüftete kurz seinen Hut, dann schloss sich die Tür hinter ihnen.

Schweigend gingen sie nebeneinander die Straße hinunter. Ein paarmal räusperte sich ihr Vater, bevor er endlich das Wort ergriff.

»Nun, Ursula, wie schön, dass wir auch endlich Zeit miteinander verbringen können.«

»Ich dachte immer, du verstehst dich gut mit den Großeltern«, unterbrach Ursula ihn und blieb stehen. »Ist das jetzt nicht mehr so?«

»Wie kommst du denn darauf?«, fragte der Vater verblüfft. »Und was sind das überhaupt für Gedanken? Ich wollte dich fragen, was du heute machen möchtest, und nicht mit dir über deine Großeltern reden.« Er schnalzte ungeduldig mit der Zunge. »Also, worauf hast du Lust?«

»Ich weiß nicht«, meinte Ursula unschlüssig.

»Wir könnten nach Sanssouci gehen …«

»Oder?«, fragte Ursula.

»Mit deiner Schwester war ich Tennis spielen, aber das liegt dir wohl nicht so?« Unsicher sah er sie an.

»Nein, eigentlich nicht.« Ursula sah ihn an. »Wir müssen auch nichts Besonderes machen. Wir können ja einfach nur beisammen sein.« Es zuckte in ihren Fingern, zu gerne hätte sie seinen Gesichtsausdruck festgehalten – mit schnellen, einfachen Strichen. Er sah fast ein wenig unsicher aus – so wie sie sich fühlte. Konnte sich Vater ihr gegenüber unsicher fühlen? Das war doch absurd. Sie schüttelte den Kopf. Aber vielleicht, dachte sie nun, weiß er ja auch gar nichts mit mir anzufangen. Er kennt mich ja kaum.

»Aber Ursula«, nun lächelte der Vater wieder, »überleg dir etwas Schönes. Möchtest du Karussell fahren? Es gibt ein dampfbetriebenes Karussell auf dem Rathausplatz.«

»Karussell? Aber Vater, das ist doch nur was für kleine Kinder.«

»Ach so, ja. Du bist ja schon recht groß«, murmelte er, schaute nach oben. Der Himmel hatte die Farbe eines ausgeblichenen Schieferdaches, und kein Wind regte sich. Wieder räusperte er sich. »Vermutlich klart es bald auf, und die Sonne bricht durch. Sollen wir zum See gehen und uns ein Boot mieten?«

»An den Templiner See?«

Vater nickte. »Dort kann man sich Boote mieten. Möchtest du das?«

»Mehr als Tennis spielen«, antwortete Ursula.

»Dann los.« Vater hakte sich bei ihr unter.

»Glaubst du wirklich, dass es aufklart?«, fragte Ursula und sah skeptisch nach oben.

»Nicht wirklich. Aber an einem solchen Tage, wo der Vater mit der Tochter unterwegs ist, ist alles möglich.« Zu Ursulas Überraschung wirkte er plötzlich ehrlich vergnügt. »Ich bin froh, dass wir endlich Zeit füreinander haben.«

»Du hast immer viel zu tun, nicht wahr?«

Vater nickte. »Ich habe meine Praxis und meine privaten Patienten. Das nimmt mich ganz schön in Anspruch.«

Ursula schwieg nachdenklich. Sie merkte, wie wenig auch sie von seinem Leben wusste. Am liebsten hätte sie ihn gefragt, was er am Abend machte oder am Wochenende, aber das schickte sich vermutlich nicht.

»Erzähl von dir«, bat der Vater. »Ich sehe euch Kinder so selten, und das tut mir leid.«

Ursula überlegte. Was sollte sie ihm erzählen? Ihr Leben war doch ganz normal. »Was willst du denn wissen?«

»Alles, ich möchte alles wissen«, sagte Vater und klang ehrlich interessiert.

»Das Leben als Backfisch ist nicht besonders aufregend«, sagte Ursula. »Ich gehe zur Schule. Ich mache meine Aufgaben, und ich helfe natürlich Mutti.«

»Hast du eine beste Freundin?«

»Hmmm … nein, eigentlich nicht. Hilde ist meine beste Freundin. Wir verbringen viel Zeit miteinander.«

»Und Anni?«

»Ja, wir verbringen auch Zeit mit Anni, wir drei verstehen uns sehr gut. Aber Anni ist auch mit der Nachbarstochter Regina befreundet. Sie gehen zusammen in eine Klasse und sehen sich auch oft nach der Schule und an den Wochenenden.« Ursula schwieg verlegen. Es erschien ihr seltsam, Vater über die gewöhnlichen Dinge zu berichten, die alltäglichen. Sollte sie ihm von ihrer Zeichenleidenschaft erzählen? Oder würde er das seltsam finden? Ursula war sich nicht sicher.

»Es ist schade, dass Anni nicht mit euch nach Potsdam gekommen ist … Ich hätte sie auch gerne gesehen.«

»Du kannst doch nach Vohwinkel kommen und uns besuchen«, meinte Ursula. »Mutti hätte bestimmt nichts dagegen.«

»Mutti vielleicht nicht, aber …«, murmelte der Vater kaum hörbar.

Ursula runzelte die Stirn, dann ging ihr auf, dass er wohl Onkel Fritz meinte, und gestand sich ein, dass Vater vermutlich recht hatte. Onkel Fritz war nicht gut auf ihn zu sprechen, auch wenn Ursula nicht so ganz verstand, warum das so war. Schließlich war er jetzt mit Mutti verheiratet. Plötzlich spürte sie, wie Mitleid in ihr aufkam. Ihr Vater hatte niemanden, er lebte ganz allein. Entschlossen nahm sie seine Hand, drückte sie und blickte ihn lächelnd an.

»Anni kommt bestimmt bald mal nach Potsdam, und dann kannst du sie auch sehen«, sagte sie und nahm sich vor, Anni zu diesem Besuch zu überreden.

Sie hatten den See erreicht. An einem Bootsausleger dümpelten die Ruderboote vor sich hin, wie fette, träge Enten. Ursula kniff die Augen zusammen und überlegte, wie sie die Boote und ihr Spiegelbild auf dem Wasser zeichnen würde. Vater lieh eines der kleinen Ruderboote aus. Ursula freute sich jetzt richtig auf den Ausflug. Am schönsten fand es Ursula, als sie sich in Ufernähe treiben ließen. Obwohl die Sonne die Wolken nicht durchbrochen hatte, war es doch heller geworden. Die tief hängenden Weidenzweige senkten sich über das Wasser, und ein paar echte Enten paddelten nahe an ihnen vorbei, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen.

Ursula hatte ihren Skizzenblock hervorgezogen und versuchte das Bild festzuhalten. Ganz glücklich war sie mit ihren Versuchen nicht, aber sie würde es später sicher noch verbessern können. Das Boot schaukelte und schwankte, an eine ruhige Führung des Stiftes war nicht zu denken. Ursula nahm ein weiteres Blatt hervor, versuchte die tief hängenden Weiden einzufangen. Das gelang ihr besser, als die unruhigen Vögel abzubilden.

»Du hast immer deinen Stift zur Hand«, stellte Vater fest. »Das war schon so, als du noch ganz klein warst. Immerzu hast du gezeichnet oder etwas gebastelt.«

»Es ist … mein Leben«, gestand Ursula. »Ich sehe Dinge und möchte sie festhalten, möchte sie malen, zeichnen, sie einfangen. Für mich ist das da drüben nicht nur ein Baum, sondern da versteckt sich so viel mehr. Schau, wie die Weide die dürren Äste hängen lässt, wie sie sanft über das Wasser streichen. Als würde er den See liebkosen, an dem er wächst. Vielleicht sind sie Freunde. Der See erzählt dem Baum plätschernd all das, was er so im Vorbeiziehen sieht, und der Baum flüstert ihm im Gegenzug all die kleinen Vorkommnisse zu, die sich an Land hinter ihm ereignen. Bestimmt kichern sie gemeinsam über uns ungelenke Menschen, die sich in einen schwimmenden Bottich setzen und sich mühsam über das Wasser bewegen.«

»Was du für drollige Gedanken hast«, stellte der Vater erstaunt fest. »So ganz anders als deine Schwester Hilde. Dabei scheint ihr euch so ähnlich zu sein.«

»Nein, wir sind uns nahe, aber auf keinen Fall sind wir uns sehr ähnlich. Hilde ist so organisiert, beinahe schon penibel, und mit meiner Unordnung und Gedankenlosigkeit bringe ich sie vermutlich oft an den Rand des Irrsinns«, sagte Ursula belustigt. »So wie sie mich, mit ihrer Genauigkeit. Aber dennoch mögen wir uns sehr. Und das überwiegt wohl.«

»Zeichnet Hilde auch?«

Ursula sah ihren Vater überrascht an. »Natürlich nicht. Sie bekommt höchstens mal ein Strichmännchen hin. Sie hat auch gar kein Interesse daran, stattdessen näht sie gerne – ganz saubere und feine Stiche. Sie kann wunderbar sticken. Außerdem ist sie auch gerne in der Küche, wenn Seifen und Salben angerührt werden.« Ursula dachte nach. »Sie hilft bei Tinchen, hilft, sie zu waschen oder tröstet sie, wenn sie sich wehgetan hat. Ich erzähle Tinchen lieber etwas oder lese ihr Reime oder Geschichtchen vor.«

»Und Anni?«

»An Anni ist ein Bub verlorengegangen, sagt Mutti immer.« Ursula lachte auf. »Sie tobt, rennt und klettert. Es geht auf keine Kuhhaut, wie viele Strümpfe sie verschleißt – Mutti muss ständig flicken und stopfen …«

»Dann hält Anni deine Mutter wohl ziemlich auf Trab?«

»Das kann man so sagen.«

Vater nickte und runzelte die Stirn. »Hmm, hmm«, machte er, dann schwieg er lange.

Habe ich etwas Falsches gesagt, fragte sich Ursula. In den vergangenen Jahren hatte sie den Vater nur gelegentlich gesehen, sie hatten kleine Ausflüge gemacht, waren oft nach Berlin gefahren, was immer sehr aufregend war. Hatte Vater sie früher auch solche Dinge gefragt wie heute? Ursula konnte sich nicht wirklich daran erinnern. Aber sie war auch noch nie allein mit ihm unterwegs gewesen, zumindest Hilde, oft auch Anni hatten sie begleitet.

Sie senkte den Kopf wieder über die Skizze. Bald darauf nahm der Vater die Ruder auf und lenkte das Boot zurück zur Anlegestelle.

Anschließend lud Vater sie in eine Konditorei ein, und Ursula bekam eine heiße Schokolade und ein Stück Sahnetorte. Dann brachte er sie, pünktlich zum Abendessen, wieder nach Hause.

»Ich hole dich bald wieder ab«, versprach er beim Abschied.

»Hat er dich gar nicht gefragt, ob du zu ihm ziehen willst?«, fragte Hilde verwundert, als sie später in den Betten lagen.

»Ich habe die ganze Zeit auf die Frage gewartet«, gab Ursula zu. »Aber er hat sie mir nicht gestellt.«

Plötzlich wurde ihr bewusst, dass es unangenehm in ihrem Bauch zwickte und zog – ein seltsames Gefühl. Sie war regelrecht enttäuscht, dass Vater sie nicht gefragt hatte. Er hatte Hilde gefragt, sie aber nicht. Mochte er Hilde lieber?

Lag es an ihrem Wesen? An ihrer Unordentlichkeit? Ihr wurde plötzlich ganz heiß, und es kribbelte in ihren Beinen. Auch wenn sie nicht zum Vater ziehen wollte, gernhaben sollte er sie schon. Die Tränen, die unerwartet und plötzlich in ihr aufstiegen, brannten hinter den Augenlidern. Obwohl sie dagegen ankämpfte, konnte sie ein Schluchzen nicht unterdrücken.

»Ullala?«, fragte Hilde aus dem Dunkeln. »Ist etwas mit dir?«

»Nein«, presste Ursula hervor. Sie holte tief Luft, blinzelte die Tränen weg. »Alles ist gut. Ich bin nur müde. Der Tag war lang und aufregend.«

»Was hat Vater denn sonst noch so gesagt?«

»Ach, nichts Wichtiges.« Ursula gähnte laut und schüttelte sich das Kissen zurecht. »Ich erzähle es dir morgen«, sagte sie und versuchte schläfrig zu klingen. Sie drehte sich auf die Seite und lauschte in die Dunkelheit. Schon bald hörte sie die tiefen und regelmäßigen Atemzüge ihrer Schwester.

Sie selbst war hellwach – zu viele Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Heute hatte sie ihren Vater auf eine neue Art kennengelernt. Was auch immer zwischen ihren Eltern vorgefallen war – Vater schien es zu bedauern. Und er sehnte sich nach seinen Kindern, das hatte sie deutlich gespürt. Doch wer er wirklich war, das wusste sie immer noch nicht. Was machte er abends, wenn er aus der Praxis kam? Es gab eine Haushälterin, eine ältere Frau, die nett, aber eher schweigsam war. Vater muss sehr einsam sein, dachte Ursula traurig.

Ich werde ihm Briefe schreiben, nahm sie sich fest vor. Ich werde ihm regelmäßig schreiben. Vielleicht mag er mich dann auch ein bisschen mehr. Und mit diesem Gedanken schlief sie endlich ein.

Kapitel 3

»Eine beeindruckende Frau«, sagte Großmutters Freundin Adelheit mit Nachdruck. »Ich bin froh, dass du sie endlich kennengelernt hast.«

Mal wieder hatten sich die Damen zum Kaffeekränzchen bei Grußmutter versammelt. Dieses Mal wollte Ursula unbedingt dabei sein, denn eine Woche war nun der Besuch von Großmutter und ihrer Freundin Adelheid in Berlin her, und sie erzählten begeistert davon. Diese Frau Dehmel hatte Großmutter sehr beeindruckt, und Ursula wollte unbedingt mehr über sie wissen.

»Frau Dehmel hat alle meine Erwartungen erfüllt. Sie ist gebildet, wirkt aber sehr uneitel, dafür umso freundlicher«, sagte Großmutter. »Ich habe ja schon viel von ihr gehört und auch einige ihrer Bücher gelesen. Wir müssen sie unbedingt zu uns nach Potsdam einladen. Ihre Gedanken zur Kindererziehung sind phantastisch.«

»Welche Gedanken sind das?«, fragte Emma mit ihrer hohen, aufgeregten Stimme, die Ursula jedes Mal zusammenzucken ließ.

»Du kennst doch all die Kinderbücher, den Struwwelpeter und ähnliche Geschichten. Das sind keine Geschichten, um Kinder anzuregen, um sie zu unterhalten«, erklärte Adelheid in ihrer ruhigen und gelassenen Art, die Ursula so mochte, »sondern um ihnen Angst zu machen und sie zu maßregeln. Frau Dehmel hat uns das genau erläutert, und ich finde, sie hat durchaus recht. Diese Geschichten verschrecken Kinder doch nur.«

»Was soll daran verkehrt sein? Kinder brauchen strenge Regeln, sonst schlagen sie über die Stränge.« Emma hob die Hände und fuchtelte damit, als würde sie Vögel vom Feld vertreiben wollen. Ursula versuchte, sich das Bild gut einzuprägen. Hier am Tisch bei den Damen konnte sie natürlich nicht zeichnen – aber später wollte sie die Eindrücke festhalten.

»Natürlich brauchen Kinder Regeln«, entgegnete Großmutter sanft. »Und sicherlich müssen sie gut erzogen sein. Aber in ihrem Kopf brauchen sie auch Freiraum, um sich zu entwickeln. Sie sollten vor Geschichten keine Angst haben, sondern sich daran erfreuen. Du liest ja auch nicht nur die Bibel oder Bücher, in denen die Moral angepriesen wird, nicht wahr? Du liest auch, um dich zu unterhalten.«

»Du liest am liebsten ›Die Gartenlaube‹, meine Gute«, stimmte Adelheid Großmutter lachend zu. »Die Romane von der Marlitt hast du richtiggehend verschlungen.«

Ursula machte sich auf ihrem Stuhl ganz klein und versuchte, nicht aufzufallen. Sie wusste, wenn die Damen sie nun vergaßen, würden sie Dinge sagen, die sie eigentlich nicht hören sollte.

»Natürlich lese ich nicht nur erbauliche Texte«, antwortete Emma und klang ein wenig verschnupft. »Aber ich bin ja auch moralisch gefestigt, und das sind Kinder nicht. Ihnen sollten klare Vorbilder gezeigt werden.«

»Die meisten Kinderbücher aber zeigen Dinge, die Kinder nicht machen sollen – und haben ein schreckliches Ende.«

»Zur Abschreckung, um sie von solchen Taten abzuhalten.«

»Frau Dehmel«, sagte Großmutter nun, »sieht das anders. Sie möchte, dass die Kinder Raum haben – für ihre Phantasie, ihre eigenen Gedanken und Träume. In ihren Reimen verwendet sie eine kindliche Sprache und hat so einen direkten Zugang zu den Kleinen. Ich finde den Gedanken lobenswert. Ich halte das gerade bei unserer Arbeit für die Frauenhilfe erstrebenswert, diese Gedanken aufzugreifen. Und ich finde, dass wir Frau Dehmel bitten sollten, uns zu unterstützen.«

»Wie meinst du das, Anna?«

»Wir sollten den jungen Müttern ihre Bücher geben. Und die Verse. Es geht zwar primär darum, den Frauen zu zeigen, wie sie ihre Kinder versorgen – aber gehören nicht auch Reime und Geschichten zu einer geistigen Entwicklung und Versorgung dazu? Vor allem im Waisenhaus sollten ihre Bücher vorgelesen werden, die armen Kinder haben es schon schwer genug, sie brauchen nicht auch noch angstmachende Gutenachtgeschichten.«

»Aber gerade die Waisen brauchen doch klare Regeln und Vorbilder, sie haben ja keine Eltern, die ihnen zeigen können, was gut und was schlecht ist.« Emmas Stimme überschlug sich nun fast. Egal, was du Kindern vorliest, es könnten noch die allerlieblichsten Reime sein, es würde sie verschrecken, dachte Ursula und schämte sich sofort für ihren unziemlichen Gedanken.

»Natürlich sollen die Kinder auch eine Erziehung erleben, das steht doch außer Frage«, unterbrach Adelheid ungeduldig. »Aber es muss doch auch für diese armen Geschöpfe glückliche und friedliche Momente geben. Ich bin dafür, dass wir uns intensiver mit diesen Gedanken auseinandersetzen. Hier, liebe Emma, hier ist ein Buch von Frau Dehmel. Es ist ein Märchenbuch und ganz reizend geschrieben. ›Das grüne Haus‹. Nimm es mit und studiere es. Es wird dir gefallen, da bin ich mir sicher.«

Das Buch kannte Ursula. Sie hatten es auch bei sich zu Hause in Vohwinkel. Mutti hatte ihnen früher daraus vorgelesen. Ein Reim war ihr noch fest im Gedächtnis.

Kra, kra, kalter Schnee,

dem Raben tut sein Beinchen weh,

dem Häschen sein Herzchen,

die böse Zeit, die kalte Zeit,

ein jedes hat sein Schmerzchen.

Heile, Fingerchen, heile,

es dauert noch ne Weile,

es dauert noch bis Rosmarein,

dann ist lauter Sonnenschein.

Ein Vers, den Mutti immer sagte, wenn einer von ihnen sich wehgetan hatte. Sie liebte die Märchen aus dem Grünen Haus. Ja, Frau von Singen hatte recht, die Geschichten waren nicht erschreckend. Es waren Erzählungen, die einen begleiteten – wie das von der goldenen Spinne oder das von dem verhexten Bauerssohn. Es waren Geschichten, die Bilder in Ursula hervorriefen, Bilder, die sie zeichnen wollte.

»Und überhaupt, Frau Dehmel ist geschieden«, hörte Ursula nun Emma sagen, sie klang ein wenig verschnupft. »Außerdem ist sie Jüdin.«

»Und?« Großmutter räusperte sich.

»Ihr wisst doch, wie unsere Kaiserin darüber denkt. Sie ist die Schirmherrin der Evangelischen Frauenhilfe, sie hat sie gegründet.«

»Auch die Kaiserin wird irgendwann mit der Zeit gehen müssen«, sagte Adelheid.

»Die Kaiserin wird sich nicht ändern. Sie würde das auf keinen Fall billigen. Sie ist streng gläubig. Sie akzeptiert noch nicht einmal Mischehen, von Scheidungen will sie nichts wissen, und so liebevoll sie als Mutter ist, Freiräume gewährt sie ihren Kindern ganz sicher nicht.« Emma schaute triumphierend in die Runde.

»Ich denke nicht, dass es sie interessieren wird, wenn wir der Frauenhilfe ein paar der schönen Märchenbücher zur Verfügung stellen und uns einen Vortrag von Frau Dehmel anhören«, sagte Adelheid lächelnd. »Das muss die Kaiserin doch auch gar nicht erfahren.«

»Du kannst sie doch nicht hintergehen«, meinte Emma empört, ihre Stimme war so schrill, dass Ursula um die guten Gläser fürchtete. »Wenn sie das erfährt, dann Gnade dir Gott.«

»Ich fand die Märchen von Paula Dehmel wunderbar«, sagte Ursula nun in dem lieblichsten Tonfall, den sie hinbekam. Die Frauen sahen überrascht zu ihr hinüber. Ich glaube, dachte Ursula, sie hatten mich tatsächlich vergessen. »Warum sollte die Kaiserin anders darüber denken?« Fragend schaute sie zu Emma von Berghofen.

»Ach Kind, davon verstehst du nichts«, tat Emma ihre Frage ab.

»Warum sollten wir ihr nicht antworten?«, sagte Adelheid amüsiert. »Ursula, die Kaiserin ist sehr religiös. Sie liest vor allem in der Bibel und meint, dort werden alle Antworten gegeben.«

»Dann kennen die Kaiserlichen Hoheiten keine Märchen?«, wollte Ursula verwundert wissen.

»Doch natürlich«, erklärte nun Großmutter. »Sie haben ja Kindermädchen. Die lesen ihnen vor.«

»Dann könnten sie doch auch die Dehmel-Märchen vorlesen. ›Vom verkehrten Peter‹ zum Beispiel. In dem Märchen geht es auch um eine Prinzessin.«

»Das ist möglich«, sagte Emma, »aber die Kaiserkinder müssen sich schon früh mit anderen Dingen beschäftigen.«

»Aber die Waisenkinder nicht. Warum sollen sie diese Geschichten denn nicht hören?«

»Weil es sich nicht ziemt. Und es ziemt sich auch nicht, so etwas mit einem Kind wie dir zu diskutieren«, sagte Emma entschieden und warf Anna einen bösen Blick zu. »Also bitte«, schnaufte sie. »Als müssten wir uns jetzt auch noch rechtfertigen.«

»Das musst du natürlich nicht, aber Ursula hat ja nicht ganz unrecht. Lies ›Das grüne Haus‹ und auch die Kinderverse, die die Dehmel geschrieben hat, vielleicht änderst du dann ja deine Meinung. Es ist ja noch nichts entschieden«, sagte Anna lächelnd. »Dennoch werde ich Frau Dehmel einladen.«

»Wie du meinst. Wie du meinst«, murmelte Emma eingeschnappt.

An diesem Abend waren Hilde und Ursula mit ihrer Großmutter allein. Nach dem Essen saßen sie noch zusammen am Kamin und erzählten. Großvater war zu einem Empfang im »Neuen Palais« eingeladen. Auch Großmutter hätte mitgehen können, hatte sich aber dazu entschieden, zu Hause zu bleiben und mit den Kindern zu essen. Schon übermorgen ganz in der Frühe würden sie abreisen und nach Vohwinkel zurückfahren.

»Bist du nicht traurig, Großmama?«, fragte Hilde nachdenklich und rutschte näher an Großmutter heran. Sie saß neben ihr auf dem Sofa, während Ursula auf dem Sessel gegenüber Platz genommen hatte. »Du hättest doch heute bei Hof sein können.«

»Ich kann oft genug an Empfängen teilnehmen, ihr Lieben. Aber euch werde ich jetzt eine ganze Weile nicht mehr sehen. Deshalb bin ich heute lieber hier. Morgen wird der Tag hektisch genug sein, wenn wir all eure Sachen packen müssen. Aber heute Abend haben wir noch einmal Zeit für uns.«

»Ich wäre gerne hingegangen«, sagte Hilde verträumt. »Hättest du dort den Kaiser gesehen? Und die Kaiserin?«

»Ja, natürlich.« Großmutter lächelte.

»Hättest du auch mit ihnen gesprochen?«, fragte nun Ursula nachdenklich.

»Vermutlich nicht. Ich habe nur ein paarmal kurz mit den kaiserlichen Hoheiten gesprochen – wieso fragst du?«

»Wenn du mit der Kaiserin hättest sprechen können, dann hättest du ihr doch sagen können, wie gut du Frau Dehmel findest.«

Großmutter lachte los – ein lautes, amüsiertes Lachen, das zwischen den Wänden des Zimmers hallte. »Grundgütiger, nein.«

»Aber warum denn nicht? Wenn Frau von Berghofen denkt, dass die Kaiserin die Geschichten nicht mag, dann könnte man sie doch eines Besseren belehren. Ich liebe die Märchen.«

»Es geht nicht um den Inhalt der Geschichten, du liebes Kind.«

»Aber worum geht es denn dann?«, wollte Ursula wissen.

»Es geht um die Person«, sagte Großmutter nun ernst. »Es geht um Frau Dehmel selbst.«

»Du hast sie kennengelernt und zu dir eingeladen, also kann sie nicht schrecklich sein.«

»Sie ist auch nicht schrecklich, im Gegenteil … sie ist eine milde, eine sehr intelligente und gebildete Frau mit einem großen Herzen.«

»Was hat die Kaiserin denn dann gegen sie?«

»Ach Ullalein«, sagte Hilde nun leise. »Verstehst du es denn nicht? Paula Dehmel ist eine Jüdin. Und … sie ist geschieden. Sie hat sich von ihrem Mann getrennt.«

»Oh.« Ursula schluckte. »Oh. Ja, aber …«

Großmutter legte ihr die Hand auf den Arm. »Mach dir nicht zu viele Gedanken. Die Kaiserin ist sicherlich eine großartige Frau, aber manche Dinge im Leben anderer Menschen versteht sie nicht. So wie wir vielleicht auch nicht das höfische Leben verstehen können. Auguste Viktoria ist sehr gläubig, aber ihr Glaube mag ein wenig zu wortgetreu sein.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Du bist ja auch noch jung und musst es nicht verstehen«, sagte die Großmutter leise.

Das Gespräch plätscherte dahin, und bald schon schickte die Großmutter die Mädchen ins Bett. »Morgen gibt es viel zu tun. Ihr solltet lieber schlafen gehen. Ich komme noch nach euch schauen«, versprach sie.

»Was hattest du denn den ganzen Abend mit Paula Dehmel?«, wollte Hilde wissen, als sie in ihrem Zimmer waren.

»Kannst du dich an die Verse erinnern? Die Mutti zu uns gesagt hat, und nun sagt sie sie zu Tinchen. Die Rumpumpelverse …«

»Wer strampelt im Bettchen?

Versteckt wie ein Dieb?

Das ist der Rumpumpel,

den haben wir lieb«, zitierte Hilde. »Nur dass Mutti immer unsere Namen statt Rumpumpel gesagt hat.«

»Ja, genau.

Was guckt da fürn Näschen?

Ein Mädchen sitzt dran,

das ist das Christinchen, die ziehn wir jetzt an.«

»Ja, ich weiß – Mutti singt manchmal die Reime. Ich glaube, die Melodien denkt sie sich aus.«

»Ja. Mutti kann so wunderbar singen. Ich bin froh, dass sie das jetzt wieder tut. Ein paar Jahre hat sie kaum gesungen«, sagte Ursula nachdenklich.

»In den schlimmen Jahren – da war sie auch ganz anders, so still und ernst. Aber jetzt ist sie wieder fröhlich. Vielleicht liegt das auch an Tinchen – die macht sie froh.«

»Möglich.«

»Aber was hat das nun mit der Dehmel auf sich?«

»Großmutter hat sie doch neulich in Berlin getroffen. Und sie hat sie zu sich eingeladen. Sie möchte die Märchen in der Frauenhilfe, die sie ja unterstützt, einbringen. Aber die von Berghofen ist dagegen. Sie meint, die Kaiserin halte nichts von Paula Dehmel. Aber das kann doch nicht daran liegen, dass sie geschieden ist?« Den letzten Satz flüsterte sie fast.

»Doch, das kann es.« Hilde setzte sich auf die Bettkante und reichte ihrer Schwester die Hand. »Mach dir darüber keine Gedanken. Die Zeiten ändern sich.«

»Mutti ist geschieden, dadurch ist sie aber doch keine schlechte Person.« Ursula stiegen die Tränen in die Augen. »Ich mag Onkel Fritz wirklich, aber manchmal wünschte ich mir, die Eltern hätten sich nicht scheiden lassen und wir würden noch mit Vater zusammenleben.«

»Das geht mir auch so. Aber Mutti hat ihre Gründe gehabt.«

»Welche?«

Hilde zuckte mit den Schultern. »Das weiß ich nicht. Aber es müssen gute Gründe gewesen sein, sonst hätte sie das ganz sicher nicht gemacht.«

Sie hörten die Schritte der Großmutter im Flur, und Hilde schlüpfte schnell in ihr Bett. Großmutter öffnete die Tür und schaute ins Zimmer. Kopfschüttelnd ging sie zu Ursulas Bett, hob die Wäsche auf. »Ich hoffe, das legt sich noch bei dir. Wie willst du denn mal einen Haushalt führen, wenn du noch nicht einmal deine Dinge in Ordnung halten kannst?«

»Ich werde Personal brauchen«, sagte Ursula und gluckste.

»Hoffentlich wirst du dir das leisten können«, seufzte die Großmutter und setzte sich zu ihr aufs Bett. »Vielleicht kannst du mir aber auch versprechen, dass du versuchst, dich zu bessern, bis du uns das nächste Mal besuchen kommst.«

Ursula biss sich auf die Lippe. »Großmama«, sagte sie dann und setzte ihr liebstes Gesicht auf, »kann ich nicht noch länger hierbleiben? Hier, bei dir? Ich verspreche dir auch, dass ich ab sofort so ordentlich sein werde, wie es mir möglich ist.«

Überrascht sah die Großmutter sie an. »Wieso das denn? Möchtest du nicht nach Hause zu deiner Mutti?«

»Doch, schon«, sagte Ursula. »Aber hier ist es so schön. Und auch so spannend. Außerdem möchte ich so gerne Frau Dehmel kennenlernen.«

Nun lachte die Großmutter. »Das ist aber kein Grund, mein Kind.« Sie strich Ursula über die Haare. »Du kommst bald wieder, ja? Aber erst einmal musst du fleißig zur Schule gehen, und du musst auch deine Mutter zu Hause unterstützen.«

»Ich könnte doch hier zur Schule gehen …«

»Vielleicht kannst du später hierhin ziehen, wenn du die Schule beendet hast.«

Ursula runzelte die Stirn, dann nickte sie.

»Und jetzt, mein liebes Ullakind, musst du schlafen. Und morgen musst du helfen, damit deine Sachen ordentlich gepackt werden.«

Wieder nickte Ursula. Großmutter küsste sie auf die Stirn, ging dann zu Hilde und sprach auch mit ihr noch ein paar Sätze. »Im Sommer kommt ihr wieder. Vielleicht fahren wir dann alle zusammen in die Sommerfrische. Ich werde das noch mit eurer Mutter besprechen. Aber nun schlaft gut.« Sie löschte das Licht und schloss die Tür hinter sich.

»Würdest du wirklich hierbleiben wollen? Nur um diese Frau Dehmel zu treffen?«, fragte Hilde verblüfft.

»Nein«, murmelte Ursula. »Ich glaube nicht. Das war nur so ein Gedanke, weil mich Großmamas Bericht über sie so beeindruckt hat. Aber wenn ich genauer darüber nachdenke, möchte ich doch lieber heim zu Mutti.«

»Das dachte ich mir doch«, sagte Hilde zufrieden und drehte sich um. »Gute Nacht, Ullala. Schlaf schön und träum süß von sauren Kirschen.«

»Gute Nacht, Hilde. Schlaf schön rund, damit du nicht eckig wirst.«

Die beiden Schwestern kicherten leise, dann machte es sich jede gemütlich, und wie immer war Hilde bald schon eingeschlafen.

Warum ist mir diese Frau Dehmel nur so im Kopf geblieben, fragte sich Ursula. Vielleicht, weil ich an die schönen Stunden mit Mutti erinnert wurde, wenn sie uns früher vorgelesen oder gesungen hat. Das war immer so heimelig, auch wenn die Zeiten nicht einfach waren. Ich muss unbedingt die Märchen noch einmal lesen. Vielleicht kann ich sie ja Tinchen vorlesen?

Kapitel 4

Der nächste Tag wurde so hektisch, wie Großmutter es befürchtet hatte. Sie hatte beschlossen, dass die Mädchen mit möglichst wenig dreckiger Wäsche nach Hause fuhren. Hildes Schmutzwäsche war überschaubar. Bei Ursula sah das anders aus, sie hatte manchmal ihre Kleidung einfach nur in den Schrank gestopft, Dreckiges mit Sauberem zusammen. Das stellte Großmutter heute mit Entsetzen fest.

»Ursula!«, polterte sie laut, »wie kannst du nur?«

Ursula senkte beschämt den Kopf. Es passierte nur sehr selten, dass die Großmutter die Stimme erhob. Sie musste sehr enttäuscht von ihr sein. Tränen stiegen ihr in die Augen. Warum war sie nur so unbedacht?

»Ich habe es nicht böse gemeint. Es ist nur … ich mache mir darüber keine Gedanken«, stotterte sie.

»Offensichtlich nicht«, sagte die Großmutter verärgert und drehte sich zu ihrer Mamsell um. »Was machen wir nun, Fräulein Schneider?«

Elsbeth Schneider seufzte. »Da gibt es nur eines«, sagte sie dann resolut. »Wir waschen alles. Und zwar jetzt sofort. Wenn die Mädchen flink sind, können wir die Sachen bis heute Abend noch trocknen – es regnet nicht, es geht sogar ein leichter Wind. Die dickeren Sachen lasse ich zu Goldstein in die Backstube bringen, sie haben hinter dem Ofen einen Raum, in dem die Teige zum Gehen gelagert werden, dort ist es warm. Meist stellen sie Wassereimer auf, um eine gewisse Feuchtigkeit in der Luft zu haben, aber die nassen Sachen erfüllen den gleichen Zweck.«

Ursula hörte gebannt zu. »Woher wissen Sie so etwas, Fräulein Schneider?«

»Es ist meine Aufgabe, so etwas zu wissen«, gab die Mamsell knapp zurück. »Aber wir müssen uns beeilen.« Sie wandte sich zu dem Mädchen um. »Lauf in das Weberviertel und such dir ein paar saubere Mädels zu Hilfe. Die Köchin soll schon mal den Kessel anheizen. Und schick Frieda und Irmi mit Wäschekörben hoch.«

Ursula ging zu ihrem Schreibtisch, sammelte fahrig die Stifte ein. Sie schämte sich in Grund und Boden. Warum kann ich nicht einfach so sein wie Hilde und Anni? Sie schaffen es doch auch, ihre Sachen in Ordnung zu halten. Jetzt mussten vier Frauen den ganzen Tag arbeiten, um ihren Fehler auszubügeln.

Wütend klappte sie die Blechdose mit ihren Zeichenutensilien zu. Hilde trat zu ihr und legte ihr tröstend den Arm um die Schulter. »Gräm dich nicht, Ullala. Du bist halt so verträumt, wie du bist. Großmama möchte natürlich, dass es Mutti einfach hat. Bei uns zu Hause wäre so etwas nicht möglich – schnell mal alles waschen und trocknen.« Hilde lachte leise. Ursula nickte, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und ging in den Flur, wo sich Großmutter mit der Mamsell besprach. »Ich möchte mich noch einmal entschuldigen«, sagte sie tapfer.

Großmutter sah sie streng an.

»Ich werde mich wirklich bessern. Und ich möchte helfen. Bitte, lass mich mithelfen.«

»Bei der Wäsche?«, fragte Großmutter erstaunt. »Aber …« Sie sah die Mamsell fragend an.

»Das ist eine wunderbare Idee«, sagte die Mamsell. »Natürlich kann und sollte sie mithelfen.«

»Das ist eigentlich keine Aufgabe für meine Enkelin …«

»Nein, normalerweise nicht. Aber einmal zu sehen, welche Arbeit es anderen bereitet, wenn man derartig sorglos ist, wäre vielleicht lehrreich, finden Sie nicht, gnädige Frau?« Die Mamsell lächelte.

Großmutter überlegte. Frieda und Irmi kamen in diesem Moment die Treppe herauf.