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Noah ist kein Vampir, wie er im Buche steht – naja, in diesem schon. Auf der Suche nach Inspiration landete er in einem Wohnblock in Berlin-Lichtenberg. Und auch sonst hat vieles im Leben des nachtwandelnden Flattermanns mit Licht zu tun. So jobbt er nach Einbruch der Dunkelheit in einem 24-Stunden-Sonnenstudio. Ach ja, und seine Chefin hat sich selbst den Titel „Sonnenkönigin von Berlin“ verliehen. Wäre das nicht skurril genug, lernt er eines nachts Mandy kennen, die in einem Solarium namens Rüdiger stecken bleibt. Trotz seines unwiderstehlichen Aussehens verfällt sie ihm nicht. Er jedoch fühlt eine Anziehung, die er so noch nie gespürt hat – und das stellt seine ganze Welt auf den Kopf …
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Inhaltsverzeichnis
Mandy
Eddie
Mandy, was machst du mit mir?
1, 2, 3, 4
Eddie, wir müssen reden
Wenn sie kommen …
Mandy, wo bist du?
Showdown auf der Wilhelm
Impressum
Berlin ist die perfekte Stadt für uns. Sie erwacht nachts zum Leben – genau wie wir. Keiner ist hier etwas Besonderes, keiner fällt auf. Es ist egal wie du aussiehst, egal wer du bist. Es interessiert niemanden. Hier ist es rau, düster und kalt. Wenn du verschwindest, fällt es nicht auf. Berlin hat kein Herz. Der Verstand geht aus, die Instinkte entscheiden. Es stinkt, ist laut und doch so leise. Berlin ist Musik, Tanz und Geschichte. Viele gehen hier verloren, tauchen unter. Hier gibt es keine Farben. Berlin ist schwarz und weiß. Diese Stadt ist gottlos. Sex, Drogen, Gewalt. Hier zählt das Recht des Stärkeren. Politik, Schauspielerei und Architektur. Das Böse war hier zu Hause. Hat befohlen, zerstört und gemordet. Berlin ist nicht sexy. Berlin ist alt, schrumpelig und krank. Erst nach ein paar Tequila kann man es hier ertragen. Diese Stadt muss man sich schön saufen. Und genau deswegen lebe ich hier.
Mein Name ist Noah und ich bin ein Vampir.
Meine Haut ist blass und Sonnenlicht vertrage ich nicht so gut. Es ist nicht so, dass wir Vampire tagsüber das Haus nicht verlassen können. Wir sind wie Krokodile, nur umgekehrt. Wir werden müde und antriebslos, wenn Sonnenstrahlen unsere Haut berühren. Meistens bin ich nachts unterwegs. Berlin schläft nicht, genau wie wir. Wir ruhen uns aus, rasten, fahren herunter, aber wir schlafen nicht.
Ich arbeite nachts in einem rund um die Uhr geöffneten Sonnenstudio. Nicht einmal die Sonne schläft in Berlin. Fand ich irgendwie witzig als Job für einen Blutsauger. Meine Eltern nicht so. Sie wollten, dass ich etwas aus meinem Leben mache, Bücher schreibe, Musiker werde, Philosoph, ein Denker, Poet. So wie meine Vorfahren.
Wir Vampire sind sehr kreativ. Wir machen uns nichts aus normaler Arbeit. Das ist selbst für uns Zeitverschwendung, obwohl wir genug davon haben. Mein Vater leitet ein großes Orchester. Die Proben finden ausschließlich nachts statt. Da er das Sagen hat, werden keine Fragen gestellt. Er gilt als einer der besten Dirigenten unserer Zeit. Wir Vampire sind gut in solchen Dingen.
Meine Mutter ist eine bekannte Balletttänzerin. Sie unterrichtet nur ausgewählte Ballerinas und Ballerinos, die in den besten Häusern der Welt ihr Können unter Beweis stellen. Ihre Enttäuschung spüre ich jedes Mal, wenn ich sie sehe, deswegen besuche ich meine Eltern sehr selten. Egal, ich schweife ab.
Es war eine regnerische Nacht an diesem Montag in Berlin. Ich stand hinter der Theke des 24-Stunden-Sonnenstudios und starrte in den Fernseher, der mir gegenüber hing. Der Ton war aus. Es machte mir nichts. Ich war in meinen Gedanken versunken. Über was ich nachdachte, weiß ich nicht mehr. Das Klingeln der sich öffnenden Tür riss mich aus meiner Träumerei. Ich schaue den Menschen selten in die Augen. Meistens trage ich eine Sonnenbrille. Besonders nachts und das hat auch einen Grund. Doch dazu später mehr.
Wir Vampire sehen wirklich gut aus. Meine Augen sind grün, meine Lippen voll und mein Kiefer markant. Frauen und Männer verfallen uns sehr schnell. Da viele Kunden eines Sonnenstudios zur eher älteren und liebesbedürftigen Sorte gehören, versuche ich so abgefuckt wie möglich auszusehen, um nicht ständig angebaggert zu werden. Das gelingt mir auch ganz gut. Meine Jeans sind viel zu groß, mein Kapuzenpulli ausgewaschen und eine Sonnenbrille verdeckt meine wunderschönen Augen.
»Einmal Turbobräuner für sieben Minuten bitte, ich habs eilig.«
Eine Frau, etwa Mitte zwanzig, stand vor mir. Ich interessierte mich jedoch nicht sonderlich für sie.
»Folgen Sie mir zu Raum zwei. Handtücher und eine Brille liegen auf dem Stuhl, die Anleitung finden Sie in großer Schrift auf einem Plakat an der Wand. Viel Spaß, das Finanzielle regeln wir hinterher.«
»Danke, den werde ich haben.«
Ich machte mich wieder auf den Weg Richtung Theke. Die Nacht hatte gerade erst begonnen und ich wollte noch ein bisschen in den stummen Fernseher starren und meine Gedanken kreisen lassen. Die Zeitschaltuhr des Turbobräuners war seit einiger Zeit defekt und so stellte ich die Küchenuhr neben mir auf sieben Minuten und tauchte ab.
Auf zwei Fragen fand ich einfach keine Antwort: Macht der Tod den Menschen erst zu dem, was er ist, und was bin ich, wenn ich nicht sterbe? Inwieweit unterscheide ich mich. Der Tod ist ein so wichtiger Bestandteil in den Gedanken der Lebenden, dass sie alles nach ihm ausrichten. Er bildet zusammen mit der Geburt den Rahmen des Seins.
Wenn man weiß, dass alles endet, lebt man anders, oder? Man lebt bewusster, strukturierter, aber auch ängstlicher – zumindest sollte man das. Alles hat seinen Platz auf der Zeitachse. Schule, Ausbildung, Studium, Arbeit, Familie – wer aus diesem Rahmen ausbricht, scheint kein erfülltes Leben zu haben. So zumindest wurde mir das gesagt. Ich verstehe das nicht.
PIIIIIIEEEEEEEEEPPPPPPPPPPP!
Die tanzende Küchenuhr beendete meine Gedankenreise. Die Zeit der jungen Dame schien vorbei zu sein. Keine Angst, ich hatte nicht vor ihr das Blut auszusaugen. Wir Vampire haben uns genauso wie ihr Menschen über die letzten Jahrhunderte kultiviert – wenn man das bei euch so nennen kann. Ich machte mich auf den Weg zu Kabine zwei und klopfte vorsichtig an die Tür.
»Entschuldigung, die sieben Minuten sind vorbei.«
»Oh, ah, mh – hör auf wie ein Idiot an die Tür zu klopfen und hilf mir, ich bekomme den Scheißdeckel nicht auf. Was für ein Saftladen ist das hier eigentlich?«
Sie hörte sich nicht verzweifelt an – ganz im Gegenteil. Ihr bestimmender Ton zog mich irgendwie an und ich verspürte die Lust mich und sie irgendwie auszuziehen. Ich bin ein kranker Vampir.
Viele Kundinnen hätten in so einer Situation einen Nervenzusammenbruch bekommen. Ich konnte den Raum jedoch nicht einfach betreten, solange das Solarium lief. Die Strahlung war einfach zu stark für mich und ich hätte es niemals geschafft, den Deckel auch nur leicht anzuheben.
»Ich … ich komme gleich. Ich muss nur kurz die Sicherung ausschalten. Beweg dich nicht vom Fleck, gleich bist du frei.«
»Sehr witzig, du Idiot. Beeil dich, ich hab heute noch was vor.«
Ich rannte zum Sicherungskasten und schaltete die Hauptsicherung ab – sicher ist sicher. Wir Vampire können übrigens im Dunkeln sehen, hatte ich das schon erwähnt? Ich glaube nicht. Ich will jetzt echt nicht angeben, aber wir sind auch sehr viel stärker als Menschen. Wir versuchen uns jedoch unauffällig zu verhalten und keine Fitnessstudios zu besuchen, um anzugeben. Na ja, egal, jemand brauchte meine Hilfe.
Ich ging langsam in den Raum zurück und versuchte, den Deckel des Solariums zu öffnen, ohne Selbiges hochzuheben. Das war gar nicht so einfach. Ich nahm all meine Kraft zusammen, um sie nur teilweise zu nutzen.
Mit einer Hand hielt ich den unteren Teil des Sonnenbräuners fest, mit der anderen versuchte ich den Deckel nach oben zu drücken. Mit einem für mich leichten Ruck öffnete ich schließlich die Sonnenbank. Na ja, okay, ich geb‘s zu, ich hatte den Deckel abgerissen.
Der Turbobräuner, unser meistgebuchtes Solarium, war Geschichte. Er zierte alle Plakate und Flyer und wurde in der Radiowerbung als erstes genannt. Meine Chefin hatte sogar einen Namen für das Bräunungsgerät. Rüdiger. Wieso auch immer.
Der Laden hieß sogar „24-Stunden-Turbobräuner, hier werden Sie geröstet“. Ich glaube, meine Chefin würde es sogar schaffen, mich umbringen, wenn sie das Massaker sah. Aber das ist das Problem des Zukunfts-Noah.
Ich stellte den Deckel vor das Plakat mit der Bedienungsanleitung und was dort auf dem mickrigen Rest des Turbobräuners lag, löste ein Gefühl in mir aus, das ich so noch nie gefühlt hatte – echte Begeisterung. Die junge Dame war nicht nur wunderschön, sie war perfekt. Ihre Augen strahlten in einem Blau, das mich an das Meer erinnerte. Ich liebe das Meer.
»Was hast du gesagt? Meer? Sag mal, spinnst du. Kannst du mal aufhören, mich mit deinen leuchtenden Augen anzustarren und mir ein Handtuch geben? Ich liege hier in Unterwäsche, falls dir das noch nicht aufgefallen ist. Alter, ist das creepy. Was bist du denn für ein Freak.«
Fuck, hatte ich das etwa laut gesagt? Zu allem Übel hatte ich auch noch vergessen, dass meine Augen im Dunklen leuchten. Das ist der Grund, warum ich auch nachts eine spezielle Sonnenbrille trage. Eigentlich. Seit meiner Geburt wurden ich und meine Brüder – ja, ich habe Geschwister – darauf vorbereitet, unter Menschen zu leben, ohne aufzufallen. Wie konnte ich so nachlässig sein?
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, reichte ihr ein Handtuch und ging wortlos zurück zum Sicherungskasten, um das Sonnenstudio wieder zum Laufen zu bringen. Nach und nach nahmen die Lampen und Geräte wieder ihre Funktionen auf. Ich starrte an die Wand und versuchte wieder klarzukommen.
»Atmen, Noah, atmen«, sagte ich zu mir selbst.
»Alles wird gut. Nichts ist passiert. Geh zur Theke und mach das, was du immer machst. Sei höflich, aber distanziert. Dir wird schon etwas einfallen, um deine leuchtenden Augen zu erklären, wenn du es überhaupt musst. Wir sind hier in Berlin, hier wundert niemanden mehr irgendwas.«
Der Weg zum Eingangsbereich kam mir wie eine Ewigkeit vor. Meine Nemesis stand bereits vor der Theke. Ihr wütender Blick signalisierte mir, dass sie alles andere als zufrieden mit meinem Service war. Ich versuchte, cool zu bleiben.
»Sieben Minuten Turbobräuner, das macht dann zwölf Euro fünfzig.«
»Sag mal willst du mich verarschen, du Freak? Ich soll jetzt auch noch dafür bezahlen, dass ich in dem Ding festgesteckt bin und du mich mit deinen komischen Augen begafft hast. Sonst noch Wünsche?«
Sie schien nicht in der Stimmung zu sein, die zwölf Euro fünfzig für den Turbobräuner zu bezahlen. Ich versuchte, die Lage unter Kontrolle zu bekommen und setzte auf alles, was mir in dieser Situation noch blieb – mein Aussehen.
Ja, ich weiß, was ihr jetzt denkt, was für ein arroganter Fatzke. Unser unwiderstehliches Aussehen ist jedoch eine unserer Superkräfte. Dachte ich zumindest bis zu diesem Moment. Ich blickte der jungen Dame tief in die Augen.
»Wie heißt du eigentlich?« fragte ich vorsichtig.
»Mandy, ich heiße Mandy. Und Mandy wird ab jetzt keinen Cent mehr bezahlen, wenn sie zu euch zum Bräunen vorbeikommt. Wir sehen uns, du Freak, ich geh jetzt. Arrivederci!«
Mit einem Nicken bestätigte ich ihr, dass ich verstanden hatte. Was mir wirklich Sorgen bereitete, war meine Chefin. Ich hoffte, dass sie zu beschäftigt sein würde, um mir heute noch einen Besuch abzustatten. Falsch gedacht.
Zwei Minuten nachdem Mandy das Studio verlassen hatte, öffnete Rita völlig durchnässt die Tür. Selbst die Klingel beschloss, diesmal nicht zu klingeln. Ich ahnte Schreckliches.
»Noah, wieso gab es hier einen Stromausfall? Meine App hat mir angezeigt, dass der Strom für eine kurze Zeit ausgegangen ist und wieso bekomme ich kein Signal von Rüdiger? Sag mir nicht, dass ihm etwas zugestoßen ist.«
Etwas zugestoßen … Ich schaute ihr tief in die Augen und wurde das zweite Mal an diesem Abend eines Besseren belehrt, was mein Aussehen angeht. Nicht alle Frauen und Männer verfallen uns. Besonders nicht, wenn wir ein Bräunungsgerät mit dem Namen Rüdiger auf dem Gewissen haben.
»Rita, ich weiß nicht, wie ich dir das jetzt erklären soll. Rüdiger geht es nicht so gut. Ich glaube, er hatte einen kleinen Unfall. Ich weiß nicht, ob er es schafft, aber als Optimist gehe ich davon aus, dass er durchkommt.«
»Was hast du gemacht?« schrie mich Rita an, während sie sich schnellen Schrittes auf den Weg zu Rüdiger machte. Oder zu dem, was noch von ihm übrig war.
»Ich bringe dich um. Wie zur Hölle ist das passiert? Bist du eigentlich komplett irre? Komm sofort her.«
Ein zweites Mal an diesem Abend kam mir ein eigentlich kurzer Weg wie eine Ewigkeit vor. Wahrscheinlich lag es daran, dass ich mich in Zeitlupe bewegte. Die Tür stand offen und Rita saß weinend auf dem Unterteil ihres geliebten Turbobräuners.
»Wie konntest du mir das nur antun? Rüdiger war alles für mich. Er war mein erstes Solarium. Ohne ihn wäre ich niemals zur Sonnenkönigin von Berlin geworden.«
