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Der Kampf der Rassen, Vampire und Werwölfe, Krieg. Und trotz aller Feindschaft entstand eine Vermischung der beiden Rassen - die Vampwölfe. Eine Prophezeiung, die schon fast in Vergessenheit geraten ist. Patricia, eine Frau, die zwischen die Fronten gerät, ihr wird nach dem Leben getrachtet. Doch was hat sie mit alldem zu tun? Ehe sie sich versieht, ist sie mittendrin im Gefecht der Rassen. Unerwartete Wahrheiten, eine Weissagung und eine Vielzahl von Emotionen.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Inhaltsverzeichnis
1 Der Kampf
2 Enthüllung
3 Wandlung
4 Wahrheit
5 Die Jagd
6 Tibor
7 Gregor
8 Weissagung
9 Dreistufenfall
10 Niclas
11 Entdeckung
12 Befreiung
13 Wandlung 2
14 Genesung
15 Pat und Nic
16 Überfall
17 Eveline und Monika
18 Kampf
19 Entscheidung
20 Geburtstag
21 Geburt
22 Alex
Epilog
Danksagung
Christiane Beyer
Vampwolf
die
Vergessene
Liebe Leser/in
Ich bedanke mich bei Ihnen, dass sie sich für mein Buch entschieden haben und wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen.
Ihre Autorin
Christiane Beyer
Impressum
Selfpublishing August 2019
Christiane Beyer
Obere Dorfstraße 27
02763 Zittau / OT Hartau
Tel. 017670869103
Alle Rechte vorbehalten
Im Mondschatten einer hundertjährigen Eiche verschmolz er
mit der Dunkelheit. Er wartete, er wusste, dass sie hier
vorbeikommen würde. Seine Sinne konnten ihre Aura spüren,
sie hatte Angst. Immer hatte sie Angst, wenn sie nachts durch
den Park lief, aber heute war es anders, größer, stärker. Seine
Augen scannten durch die Nacht, er war noch nicht bereit, in
Erscheinung zu treten, den schützenden Schatten der Eiche zu
verlassen. Er wollte mehr von ihr erfahren, bevor er mit ihr in
Kontakt trat. Hier war er nur um sicherzustellen, dass sie
unbeschadet nach Hause kam.
Pat eilte schnellen Schrittes durch den nächtlichen Park.
Es war eine sternenklare Nacht und der volle Mond stand über
der alten Eiche und erhellte den Park. Es war Juli und ein
lauer Wind hüllte sie ein. Es war ihr nicht geheuer allein durch
den Park zu gehen, eine Vorahnung beschlich sie. Sie spürte die
Gefahr, aber es war der kürzeste Weg nach Hause. Noch nie
hatte sie gehört, dass jemandem in diesem Park etwas
zugestoßen war und sie ging den Weg schon seit sechs Jahren.
Sechs Jahre war es jetzt her, als sie hierherzog, um zu
vergessen und die schrecklichen Ereignisse hinter sich zu lassen. Sie hatte ihr Leben neu geordnet und arbeitete abends bis spät in die Nacht hinein in einer Bar. In der Nacht zu arbeiten, machte ihr nichts aus, im Gegenteil. Seit sie tagsüber schlief, hatte sie weniger Alpträume. Waren es überhaupt Alpträume? Sie fühlten sich so erschreckend real an, als würde es wirklich geschehen. Diese Träume hatte sie auch schon als Kind. Und damals sagte ihre Mutter Theresa immer zu ihr:
„Patricia, erzähle niemanden deine Träume, außer mir. Du bist etwas Besonderes. Deine Träume haben manchmal eine Bedeutung und können wahr werden. Wenn du alt genug bist, werde ich es dir erklären.“
Zum Erklären ist es aber nie gekommen. Drei Tage vor ihrem achtzehnten Geburtstag starb ihre Mutter. Sie wollten ein paar Tage in einer kleinen Hütte im Talsteingebirge Urlaub machen und ihren Geburtstag feiern. Es sollte ihr großer Tag werden, wo sie auf all ihre Fragen Antworten erhalten würde.
Nach ihrer Ankunft und einer reichhaltigen
Mahlzeit wollte sich ihre Mutter noch etwas die Beine vertreten. Da Pat erschöpft und müde von der langen Fahrt war, ließ sie ihre Mutter allein gehen und legte sich schon schlafen. Es war nicht das erste Mal, dass ihre Mutter abends allein in den Wald ging und meistens erst spät in der Nacht heimkehrte.
Patricia erwachte mitten in der Nacht. Ihre Mutter war noch nicht zurück und jetzt machte sie sich doch langsam Sorgen. Was hatte sie geweckt? Es klang wie das Heulen eines oder zweier Wölfe, aber nein, sie hatte schon Wölfe gehört. Dieses Heulen war lauter, gewaltiger. Sie konnte es nicht in Worte fassen, auch war ihr, als hörte sie das Fletschen von Zähnen und das Brechen von Unterholz. Es musste nah sein. Dann Stille. Nach einer gefühlten Ewigkeit, dabei waren erst zehn Minuten vergangen, das sagte ihr ein Blick auf die große Standuhr im Wohnzimmer, ging sie ging zur Tür. Im Vorbeigehen schaltete sie alle Lichter aus, sodass sie nicht gesehen werden konnte, wenn sie die Tür öffnete. Sie spähte in die Dunkelheit.
Es war wie heute, schoss es ihr durch den Kopf, eine sternenklare Nacht mit Vollmond. Eine Gestalt lag am Weg zum Wald und versuchte vorwärts zu kriechen. Das lange blonde Haar hing blutverschmiert um den Kopf, oh Gott, es war ihre Mutter! Sie stürmte hinaus. Was sie sah, erschütterte sie und ließ sie in Tränen ausbrechen. Das Gesicht und Hals ihrer Mutter waren zerbissen, der Arm halb zerfleischt und sie hatte tiefe Wunden am Rücken. Der Geruch von frischem Blut konnte Tiere anlocken, dachte sie. Sie musste ihre Mutter ins Haus bringen. Mit aller Kraft hob sie Ihre Mutter auf den Arm und trug sie ins Haus. Dort angekommen, verschloss sie alle Türen und wählte den Notruf. Es würde eine Weile dauern, sagten sie ihr am Telefon, da die Hütte sehr abgelegen sei. Zurück bei ihrer Mutter versuchte sie die schlimmsten Wunden zu verbinden. „Pat“, röchelte ihre Mutter, „du musst verschwinden, er darf dich nicht finden. Vergiss mich, du kennst mich nicht, untertauchen.“
Ihr Kopf sackte zur Seite. In Bruchteilen von Sekunden rauschten die Erinnerungen an die letzte Nacht mit ihrer Mutter vorbei.
Ein Geräusch von fletschenden Zähnen und Knurren holte sie in die Wirklichkeit zurück. Sie drehte sich langsam um und sah in tennisballgroße,
rotglühende Augen. Sie wagte kaum zu atmen, vor ihr saß, zum Sprung bereit, ein übergroßer, weißgrauer Wolf. Mit fletschenden Zähnen knurrte er sie an und in ihrem Kopf hörte sie seine Worte: „Du warst bei Theresa vor sechs Jahren, bist du die Seherin, die die letzte Vergessene prophezeit hat? Wie hat Theresa dich gefunden? Aber egal, du bist hier überflüssig. Wenn ich nicht so schwer verletzt gewesen wäre, hätte ich es damals schon zu Ende gebracht. Jetzt kann dich keiner mehr retten.“
Ihr schwirrte der Kopf, wieso hörte sie den Wolf reden? Woher kannte er ihre Mutter Theresa und was hieß zu Ende gebracht? Ihre Mutter, hatte er sie auf dem Gewissen? Er wusste auch nicht, dass sie Theresas Tochter war.
Sie sollte eine Vergessene sein, was in aller Teufelsnamen war eine Vergessene? Mit aller Macht zwang sie sich in die Wirklichkeit zurück. Der Monsterwolf war nicht zum Spaß hier, sie hatte kaum eine Chance. Kampflos wollte sie sich nicht abschlachten lassen. Sie hatte als einzige Waffe ein Stiletto in ihrem Stiefel. Schaffte sie es, es rauszuziehen, konnte sie ihm wenigstens ein paar Wunden zufügen. Sie war schnell und wendig, schneller als alle anderen mit denen sie bis heute zum Spaß gekämpft hatte. Ihre Mutter hatte sie im Nahkampf ausgebildet, sie meinte, es könnte nicht schaden. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie der Wolf zum Sprung ansetzte und Pat ließ sich gleichzeitig zur Seite kippen. Noch im Fallen zog sie ihr Stiletto aus der Scheide im Stiefel. Der Wolf verfehlte sie um Haaresbreite. Noch während sie versuchte, wieder auf die Beine zu kommen,
griff der Wolf erneut an. Sie warf sich auf die andere Seite, doch der Wolf hatte dies vorausgeahnt und erwischte sie mit ausgefahrenen Krallen am Rücken. Sie schrie vor Schmerzen auf und rammte das Stiletto blindlinks nach hinten. Ein Aufheulen sagte ihr, dass sie den Wolf getroffen hatte. Einen kurzen Moment ließ er locker.
Da hörte sie ein zweites Heulen, genau so hatte es auch in der Nacht geklungen, als ihre Mutter starb. „Oh Gott, noch ein Wolf!“
Sie war verloren und schloss die Augen. Zwei kämpfende Wölfe und sie am Boden, der Traum von letzter Woche. Schweißgebadet war sie aufgewacht, als der Wolf über ihr stand.
Das hier war kein Traum und das waren nicht nur Wölfe, aber was waren sie? Etwas stimmte nicht.
„Verdammter Mist!“, fluchte Nic und trat hinter dem Baum
hervor. Er hatte Gregor wahrgenommen.
Er wollte noch nicht kämpfen, wieso war Gregor hier und was wusste er von Patricia? Wer war Patricia? Die, die er suchte! Seit fünf Tagen beobachte er sie nun schon und hatte niemanden in ihrer Nähe bemerkt. Die Informationen, die er gesammelt hatte, waren noch zu wenig. Den ersten Schritt wollte er erst wagen, wenn er sicher war, dass sie eine Vergessene war. Aber jetzt durfte er keine Zeit verlieren, dass Gregor hier war, bedeutete nichts Gutes. Nic wandelte sich, kam in großen Sätzen heran und erfasste den Ernst der Lage. Pat, wie sie von allen genannt wurde, lag am Boden und Gregor auf ihr. Blut tropfte von seiner rechten Pfote. Noch bevor Gregor zum tödlichen
Schlag ausholen konnte, rammte Nic ihn mit voller Wucht. Beide überschlugen sich und sprangen auf die Pfoten. Sich gegenüberstehend, knurrten sie sich an. Es kam Pat so vor, als unterhielten sie sich, aber anders als vorhin verstand sie es nicht. Jetzt fiel ihr auch ein, was nicht stimmte. Sie dachte, sie sei verloren, als der zweite Wolf kam. Aber die Wölfe kämpften, nicht miteinander gegen sie, sondern gegeneinander!
Nic, ein schöner schwarzer Wolf, mit rotem Unterfell, tennisballgroße, wie Bernstein leuchtende Augen. Er knurrte Gregor an.
„Gregor, störe ich dich etwa. Seit wann jagst du Menschen? Ich dachte, es wäre auch bei euch strafbar?“
Das Pat kein Mensch war, wusste Gregor, aber er würde sich hüten, es Niclas zu sagen. Von ihm würde er nicht erfahren, wer Patricia war. Er hatte zu lange gebraucht, um sie noch einmal zu finden.
„Ich jage keine Menschen, ich spiele mit ihnen!“ Er grinste Nic frech an.
„Schönes Spiel.“
Fünf Minuten später und sie wäre tot gewesen, dachte Nic. „Wer ist sie überhaupt?“
Gregor antwortete ihm:
„Eine alte Schlampe, mit der ich noch eine Rechnung offen
habe!“
Bei dem Wort Schlampe, wäre Nic ihm am liebsten an die Kehle gesprungen, aber er gab sich gleichgültig. Wenn Gregor dachte, er könnte ihm einen Bären aufbinden, dann konnte er das schließlich auch.
„OK, damit sollte die Rechnung beglichen sein. Sie hat genug abgekriegt. Du willst doch sicher nicht, dass Konstantin von deinem Spielchen erfährt?“
„Du drohst mir?“
„Wenn es sich für dich so anfühlt, dann ja.“
Gregor wusste, wann er sich zurückziehen sollte, die Sache war noch nicht zu Ende. Er musste jetzt vorsichtiger sein. Es stand zu viel auf dem Spiel, um es jetzt schon zu vermasseln. Wenn er doch nur, im wahrsten Sinne des Wortes, seine Schnauze gehalten hätte. Patricia auf Theresa angesprochen zu haben, war ein Fehler gewesen. Seine Selbstgefälligkeit würde ihm noch zum Verhängnis werden, denn er hatte Patricia schon tot gesehen. Hier konnte er jetzt nichts mehr ausrichten. Nic würde nicht verschwinden, bevor er weg war. Einen letzten Blick auf Patricia werfend, drehte er sich um und sprang davon.
Pat hörte, wie einer der zwei Wölfe davonrannte. Als sie zwei Hände vorsichtig berührten, schrie sie auf. Ihre Nerven waren am Ende und sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Nic hielt ihr schnell seine Hand vor den Mund. Mit einer verletzten Frau, nachts im Park, sollte er besser nicht entdeckt werden. Er beugte sich an ihr Ohr und flüsterte.
„Patricia, beruhige dich, es ist vorbei. Der graue Werwolf ist weg. Ich will dir helfen, du kennst mich aus der Bar. Ich bin Niclas, du weißt, meine Freunde nennen mich Nic. Ich nehme jetzt langsam meine Hand weg und setze mich neben dich. Ich werde dich nicht anfassen und du versuchst nicht zu schreien. Hebe die Hand, wenn du mich verstanden hast!“
Sie hob vorsichtig die Hand.
Nic zog langsam seine Hand weg und setzte sich. Als nichts als Stille um Pat war, öffnete sie vorsichtig die Augen. Neben ihr saß kein zweiter Wolf. Werwolf? Hatte Niclas Werwolf gesagt? Das würde diese überdimensionale Größe erklären. Es gab Werwölfe? Nein, die gab es doch nur in Büchern und Filmen?
Niclas saß vor ihr, aber wo kam er her? Die Hände, die sie vorhin gespürt hatte, waren echt, es waren seine. Sie schloss wieder die Augen. Bestimmt hatte sie den Verstand verloren oder sie träumte das Alles. Vor ihr saß Niclas, den sie aus der Bar kannte. Die letzten fünf Tage war er jeden Tag dort gewesen. Und er hatte mit ihr geflirtet. Nicht das sie etwas dagegen gehabt hätte. Er war groß gewachsen, größer als durchschnittliche Männer. Schwarzes, volles und schulterlanges Haar gab ihm ein verwegenes Aussehen. Sein muskulöser Körper ließ Frauenherzen schneller schlagen. Aber wenn er sich umdrehte, oh Gott, so einen Knackarsch bei einem Mann hatte sie noch nicht gesehen. Er lud einfach zum Anfassen ein.
Sie hatte definitiv den Verstand verloren. Wie konnte sie hier in dieser Situation daliegen und von einem Mann träumen. Wieder öffnete sie die Augen und versuchte sich aufzurichten. Vor Schmerzen stöhnend, ließ sie sich wieder fallen.
Es war alles echt gewesen.
„Aber wie und was?“
Die Worte kamen ihr unbewusst über die Lippen. Nic beugte sich erneut zu ihr.
„Patricia, es wird hell, wir müssen verschwinden. Du kannst
nicht nach Hause. Wir wissen nicht, ob
Gregor weiß, wo du wohnst. Er wird wiederkommen, um das zu beenden, was er angefangen hat. Deine Fragen müssen warten!“
Patricia stöhnte auf.
„Ich nehme dich mit zu mir. Die Wunden müssen versorgt werden und du musst untertauchen. Wenn es dir besser geht, reden wir über alles, du bist bei mir sicher. Auch, du wirst mir Fragen beantworten müssen.“
Murmelnd sagte sie: „Ich kenne dich nicht, aber was habe ich für eine Wahl, wenn ich das jemanden erzähle, stecken sie mich in die Klapsmühle.“
Niclas nahm das als Zustimmung.
„Ich hebe dich jetzt hoch, es wird weh tun, dein Rücken ist arg zerfetzt.“
Als er sie hochhob, schrie sie kurz auf und fiel in Ohnmacht. Es tat ihm weh, sie so liegen zu sehen, aber er hoffte, dass die Ohnmacht andauerte. Er trug sie so schnell er konnte zu seinem Wagen und legte sie vorsichtig bäuchlings auf die Rückbank. Nicht weit von hier hatte er ein kleines Haus am Waldrand gemietet. Für seine Mission brauchte er keine Menschen in seiner Umgebung, die sich wunderten, wenn er nur abends raus ging. Er war ein Vampwolf. Seine Mutter, Louise, war eine Werwölfin und sein Vater, Trist, ein Vampir. Somit hatte er beide Gene geerbt, er war einer der wenigen, die sich in einen Werwolf und Vampir wandeln konnten. Den Genen seiner Mutter verdankte er es auch, dass er auch tagsüber rausgehen konnte. Nur intensive Sonnenstrahlen über einen langen Zeitraum musste er meiden.
Im Haus angekommen, legte er Patricia bäuchlings auf den großen Esstisch. Er machte sich langsam
Sorgen. Patricia schlief immer noch, vielleicht war es keine Ohnmacht, sondern sie war in ein Koma gefallen. Mit solchen Dingen kannte er sich nicht aus, er war ja schließlich kein Arzt. Aber ihre Atmung war ruhig und gleichmäßig, Puls und Blutdruck normal, das wertete er als ein gutes Zeichen. In seinem Notfallset fand er auch eine Fertigspritze gegen Schmerzen. Schnell rechnete er aus, wie viel er spritzen durfte und verabreichte sie ihr. Nun machte er sich an die Arbeit ihren Rücken zu verarzten. Er säuberte und desinfizierte die Wunden und legte einen Verband an. So wie es aussah, würden wohl einige, kleine Narben zurückbleiben. Aber im Großen und Ganzen, hatte sie noch Glück gehabt. Was, wenn er sie nicht schon vor fünf Tagen gefunden hätte? Daran wollte er gar nicht denken, dann wäre sie jetzt tot. Er konnte nichts weiter tun als abwarten. Vorsichtig trug er sie in sein Schlafzimmer, wo sie bequemer liegen konnte. Er nahm sich saubere Sachen aus dem Schrank.
Was er jetzt dringend brauchte, war eine Dusche und etwas zu essen. Vor seinen Augen erschien ein saftiges, großes Rindersteak. Als Vampwolf brauchte er kein frisches Blut wie Vampire, rohes Fleisch tat es auch. Trotz alledem, liebte er es, zu jagen und durch die Wälder zu streifen, egal, ob als Vampir oder Werwolf. Sein Vater Trist war ein Vampir, wie sein Onkel Tibor, der Anführer der Vampire. Beide hatten ihm das Jagen und Kämpfen beigebracht, er war einer der Besten und sollte bald an Tibors Stelle treten. Tibor war schon über dreihundert Jahre Anführer der Vampire und hatte keine Kinder. Sein Traum war es, die
Streitigkeiten zwischen Vampiren und Werwölfen endlich zu beenden. Und wer sollte sich dazu besser eignen als sein Neffe, der beide Gene in sich vereint hatte. Auch seine Mutter Louise war eine starke Werwölfin. Sie war die Schwester von Konstantin, der wiederum der Anführer der Werwölfe war. Konstantin ist gegen die Verbindung von Werwölfen und Vampiren. Er hasste die Vermischung der Rassen. Werwölfe konnten im Durchschnitt zwei Kinder gebären. Durch die Verbindungen mit Vampiren schrumpfte die Zahl der Werwölfe stetig. Bei den Vampiren sah es ähnlich aus. Louise ließ sich davon jedoch nicht abschrecken und heirate die Liebe ihres Lebens, Trist. Auch seine Mutter unterrichtete ihn im Kampf und dem Jagen, aber natürlich als Werwolf. Der Traum von Frieden unter den Rassen schlummerte auch in ihr. Sie glaubte an die Vorhersage der letzten Seherin, auch wenn diese schon fast ein Jahrhundert her war. Seit der Hinrichtung der letzten Seherin hatte es keine Seherin mehr gegeben. Deshalb hießen sie auch die Vergessenen.
Bevor er sich noch mehr in seinen Gedanken verlor, sollte er endlich duschen gehen. Er musste die Lage hier und jetzt überdenke. In der Vergangenheit schwelgen brachte ihn nicht weiter.
Als Patricia erwachte, hüllte sie die Dunkelheit ein. Sie wusste nicht recht, wo sie war.
Das Bett, in dem sie lag, war weich, sie aber liebte harte Betten. Ihr schmerzte der Rücken und sie kam sich, wie zugeschnürt vor. Es war kein stechender Schmerz, eher ein gleichbleibender. Sie lauschte in die Dunkelheit und vernahm ein leises Schnarchen, dass von der anderen Seite des Zimmers kam. Als sich ihre Augen an die Dunkelheit gewönnt hatten, erkannte sie eine Gestalt im Sessel sitzend. Nein, eher halb liegend. Jetzt setzte auch ihr Verstand wieder ein und sie erinnerte sich an den Horrortrip der letzten Nacht. War es letzte Nacht?
Wie lange lag sie schon hier? Den Schmerzen nach zu urteilen, musste es schon länger her sein. Aber halt, ihre Wunden heilen immer schnell. Sie hatte ihre Mutter auch schon gefragt, warum Verletzungen bei ihr so schnell heilten. Ihre Mutter entgegnete ihr jedes Mal ausweichend:
„Freue dich, dann hast du weniger Schmerzen.“ Sie musste sich bewegt oder gestöhnt haben, denn auf einmal regte sich etwas im Sessel.
Patricia!“, rief eine schöne, dunkle, samtige Stimme. Sie kannte sie. Es hatte ihr in der Bar immer gefallen, wenn er sie Patricia nannte. Augenblicklich stand Niclas neben ihr, ging in die Hocke und fragte: „Wie fühlst du dich? Was machen die Schmerzen? Hast du Hunger?“
Patricia sah ihn aus ihren wunderschönen, wie Honig schimmernden Augen an.
„Langsam, nicht drei Fragen auf einmal. Zu erstens, wie von der Dampfwalze überfahren. Zu zweitens, es geht auszuhalten. Zu drittens, ich habe einen Bärenhunger. Pass auf, sonst verspeise ich dich mit Haut und Haaren.“
Nic lachte. „Das du dich nur nicht verschluckst, dass haben schon andere probiert, ich bin ungenießbar. Aber so ein wenig anknabbern lasse ich mich schon. Vor allem, wenn es eine schöne Rothaarige ist, die Pat gerufen wird.“
Die Stimmung hatte sich verändert, es lag ein Knistern in der Luft. Seine Stimme ließ sie erschauern. „Vielleicht vernasche ich dich ja zuerst“, flüsterte Nic. Er senkte den Kopf und küsste sie sanft auf ihr Haar.
An ihrem Ohr raunte er: „Großes, saftiges Rindersteak.“ „Hm...lecker“, stöhnte sie.
Diese wie hingehauchten Worte weckten mehr in ihm. Als Niclas in die Küche gegangen war, versuchte sie sich hinzusetzten. Vorsichtig drehte sie sich auf die Seite. Das funktionierte schon gut. Nun langsam aufrichten. Vor Schmerz verzog sie leicht das Gesicht. Sie biss die Zähne zusammen und saß. Geschafft. Jetzt schaute sie an sich herunter. Ein Männerhemd verdeckte ihre Blöße. Nic musste sie ausgezogen haben. Ihr stieg bei dem Gedanken Röte ins Gesicht. Sie schallt sich albern, er wird ja wohl schon nackte Frauen gesehen haben. Außerdem musste er sie ja verarzten. Ihren Slip trug sie schließlich noch.
Nic betrat das Zimmer, stutzte.
„Ja in Dreiteufelsnamen, was hast du denn gemacht?“
„Ich sitze.“
„Das sehe ich.“
„Glaubst du, ich wollte im Liegen essen?“
„Und wie du sitzt, wie ein Krummsäbel.“
Beleidigt richtete sie sich unter Stöhnen auf. Schnell war er bei ihr, nahm ein großes Kissen und stopfte es ihr hinter den Rücken.
„So, und nun langsam anlehnen.“
Sie ließ sich gegen das Kissen sinken.
„Besser?“, fragte er.
„Danke, ja.“
„Das Steak Medium oder durchgebraten?“
„Fast roh.“
Er drehte sich um und verschwand wieder. Sie schloss die Augen und versuchte nicht nachzugrübeln. Bevor sie nicht mit Nic geredet hatte, brachte es ja doch nichts. Nic betrat mit einem Tablett das Zimmer. Sofort strömte ein köstlicher Duft von gebratenem Fleisch durch das Zimmer. Er stellte das Tablett vor ihr aufs Bett, dann setzte er sich in den Sessel. Patricia aß genüsslich ihr Fleisch. Noch nie hatte sie etwas Köstlicheres gegessen. Zumindest bildete sie sich das ein, vielleicht hatte sie auch einfach nur Hunger. Nic schaute ihr beim Essen zu, wie sie genüsslich jedes Stück Fleisch kaute. Er wusste gar nicht, dass es so erregend sein konnte, jemanden beim Essen zuzusehen. Erregend war es definitiv, er merkte das an seiner Hose. Aber er konnte den Blick nicht abwenden. Es brauchte einen Moment, bis er wahrnahm, dass sie fertig gegessen
hatte. Verlegen räusperte er sich, stand auf und nahm ihr das Tablett ab. Er stellte es auf den kleinen Nachttisch neben dem Bett.
Sie sah ihn erwartungsvoll an.
„Wer oder was bist du?“
Nic antwortete: „Ein Vampwolf.“
„Vampwolf?“
Er nickte und überlegte, wie er es ihr erklären sollte. „Meine Mutter Louise ist eine Werwölfin und mein Vater Trist ein Vampir. Die Kinder aus der Verbindung von Werwolf und Vampir sind Vampwölfe die das Gen von beiden Rassen in sich tragen. Sie können sich in Werwölfe und Vampire wandeln. Die Vampwolfkinder werden in menschlicher Gestalt geboren und können sich erst, wenn sie ausgewachsen sind, wandeln. Das Alter zum Wandeln liegt im Durchschnitt bei zwanzig Jahren. Das erleichtert auch das Zusammenleben mit Menschen. Bis zur ersten Wandlung wachsen und altern wir so schnell wie Menschen. Danach altern wir nur noch sehr, sehr langsam. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei eintausend Jahren. Entgegen den Legenden, die über uns erzählt werden, sind wir sterblich. Um sich wandeln zu können, bedarf es einiger Übung. Du musst dir das so verstellen, wie einen Schalter im Kopf. Deine ganze Konzentration muss darauf ausgerichtet sein, warum du ein Werwolf oder ein Vampir sein möchtest. Das klingt kompliziert, ist es aber nicht.“
„Stopp!“, mir rauchte der Kopf.
„Du meinst also, es gibt Vampire, Werwölfe und Kinder aus dessen Verbindung?“
„Ja“, sagte Niclas.
„Was habe ich aber mit der ganzen Sache zu tun? Was wollte der andere Werwolf von mir? Wieso hörte ich ihn in meinem Kopf reden?“
Jetzt war es an Nic, „Stopp“, zu rufen.
„Der Reihe nach. Ich glaube du bist eine von uns. Was der andere Werwolf, er heißt übrigens Gregor, von dir wollte, weiß ich nicht. Ich hoffte, du könntest es mir sagen? In deinem Kopf kannst du Nachrichten empfangen und senden. Wir sind in der Lage, uns in den sogenannten Empfänger geistig einzuklinken. Was aber auch nur durch intensives Training möglich ist. Die ausgehenden Gedanken sind für uns unerreichbar.“
Stille.
Pat musste das Gehörte erst verarbeiten. Nic konnte warten, er wusste, dass das Alles etwas viel war. Vielleicht war es besser, die Sache erst einmal ruhen zu lassen. Sie war schließlich verletzt und musste sich erholen. Das sagte er ihr
auch und sie nickte.
Vorsichtig nahm er ihr das Kissen weg und half ihr dabei sich hinzulegen. Er setzte sich neben sie, nahm ihre Hand. Die Geste hatte etwas Beruhigendes an sich. Pat fühlte sich geborgen. In ihrem Geist hörte sie ihn sagen, sie solle sich keine Gedanken machen, er wäre jetzt bei ihr und würde auf sie aufpassen. Sie schloss die Augen und war kurz darauf eingeschlafen.
Pat dachte, sie wäre ein ganz normaler Mensch. Was wusste er von ihr? Nein falsch! Er war auf der Suche nach der Vergessenen und wie es schien, Gregor auch. Gregor war ein Werwolf und die rechte Hand von Konstantin. Es wurde erzählt er würde der
Nachfolger von Konstantin werden. Konstantin hatte eine Tochter, wenn er sich nicht täuschte, war ihr Name Theresa. Aber diese war einen Tag vor der Verlobung mit Gregor verschwunden. Man munkelte, sie hatte ihr gesamtes Geld mitgenommen und ihre Konten aufgelöst.
Er schweifte zu weit ab. Also vorausgesetzt Pat wäre die Vergessene, dann hätte Gregor schon einen Grund sie umzubringen. Er war sehr machthungrig, was er jedoch geschickt vor Konstantin verbergen konnte. Mit der Heirat von Theresa wäre er automatisch der Nachfolger von Konstantin geworden. Aber nun musste er immer damit rechnen, dass ihm jemand den Platz streitig machte. Dieser jemand sollte laut Vorhersage der letzten Seherin eine Vergessene sein. Wenn man der Seherin vergangener Zeiten Glauben schenkte. Gregor wollte aber lieber auf der sicheren Seite sein. Es wäre besser, sich Pat beizeiten vom Hals zu schaffen. Er musste etwas wissen, das ihm die Sicherheit gab das es Patricia war. Nur was war hier die Frage.
Er kam nicht weiter. Pat warf sich im Bett hin und her, ihre Worte waren ängstlich.
„Nein, nicht, lass mich!“
Wieder warf sie sich hin und her. Jetzt kam nur noch ein leises Wimmern von ihr. Nic rüttelte sie, sie war schweißnass. „Aufwachen Pat.“
Seine Stimme war laut und drohend, er musste zu ihr durchdringen. Sie öffnete ihre Augen und sah ihn ungläubig an, ihr Atem ging schnell und stoßweise.
„Pat, hattest du einen Alptraum?“
Sie nickte. Wieder so ein Traum der sich so echt
und real anfühlte. Nic fragte sie, ob sie darüber reden wollte. Wieder ein Nicken.
Ich war mit Händen und Füßen an ein Bett gefesselt, meine Kleider waren zerfetzt. Vor dem Bett stand ein großer, kräftiger Mann. Er grinste mich höhnisch an. „Meine Schöne, wir sollten noch etwas Spaß haben. Es wäre schade dich ins Jenseits zu schicken, ohne von dir gekostet zu haben. Er wollte mich gerade nehmen.“
Schluchzend barg sie ihr Gesicht an seiner Brust. Streichelnd fuhr er ihr durchs Haar und versuchte sie zu trösten. Er wollte sich gar nicht ausmalen, dass dieser Traum wahr werden könnte. Sie war eine Seherin, so glaubte er wenigstens. Nicht alle Träume mussten Vorahnungen sein, versuchte er sich selbst zu beruhigen. Als sie ruhiger wurde, löste er sich von ihr. Es war mittlerweile wieder Abend geworden. Ihr Verband war verrutscht und musste eventuell auch erneuert werden, was er ihr sagte. Sie setzte sich hin und drehte ihm den Rücken zu. Jetzt erst bemerkte sie, dass sie keine Schmerzen mehr hatte.
„Die Wunden schmerzen nicht mehr, würdest du dich kurz umdrehen.“
Er war etwas irritiert, machte aber was sie sagte. Sie zog sich das Hemd aus, löste den Verband und hielt sich das Hemd vor die Brust. Er hatte sie zwar schon fast nackt gesehen, aber da war sie nicht bei Bewusstsein gewesen. Jetzt wollte sie nicht entblößt vor ihm sitzen.
„Du kannst dich umdrehen.“
Er drehte sich langsam zu ihr. Sie saß mit
entblößtem Rücken, das Hemd an die Brust gedrückt, vor ihm. Er schmunzelte. Es gefiel ihm, dass sie sich offenbar schämte vor ihm nackt zu sein. Das machte sie in seinen Augen noch reizender. Sie war eine große Frau, mit allen Rundungen an der richtigen Stelle. Eine Frau, die zum Träumen einlud. Ihr rotes, langes Haar fiel ihr mit leichten Wellen über die Schultern. Ein Blick aus ihren wie Honig schimmernden Augen ließen sein Herz schneller schlagen. Er wollte zu ihr und ihren Rücken mit zarten Küssen bedecken. Fast wäre ihm ein Seufzer entwichen. Er räusperte sich. Es war so, wie er erwartet hatte. Die Wunden hatten sich zusammengezogen und geglättet.
„Warte!“, sagte er.
Er kramte in seiner Hosentasche, zog sein Handy heraus und schoss ein Foto von ihrem Rücken.
„Was machst du?“, fragte Pat.
Nic reichte ihr das Handy. Das Foto, was sie sah, zeigte ihren Rücken. Sie sah rote, lange Striemen, die über ihren Rücken liefen. Nicht schön, aber auch nicht so hässlich, dass man nicht hinsehen konnte.
„So und nun scrolle ein Bild zurück.“
Sie tat es und hätte fast das Handy fallen gelassen. „Oh Gott!“, war alles, was sie sagen konnte.
Jetzt glaubte sie es auch, sie konnte kein Mensch sein. Die Wunden, die sie gesehen hatte, würden bei einem Menschen Wochen brauchen, um zu heilen.
„Wer oder was bin ich?“
„Gute Frage!“
Nic zuckte mit den Schultern.
„Wir sollten es schnellstens herausfinden. Erzähl
mir mehr von dir.“
Wo sollte sie anfangen? Soweit sie sich erinnern konnte, lebte sie mit ihrer Mutter allein. Von einem Vater wusste sie nichts. Lebende Familienangehörige, sagte ihre Mutter, gab es keine mehr. Sie lebten immer in kleinen Städten, möglichst am Waldrand. Große Städte waren ihrer Mutter zu hektisch und in Dörfern gab es zu viel Gerede. Ihre Mutter ging nur bis mittags arbeiten, um sich nachmittags um Patricia zu kümmern. Sie blieben nicht länger als drei Jahre an einem Ort. Ihre Mutter begründete das mit neuer Arbeit, aber im Laufe der Jahre glaubte sie es ihrer Mutter nicht mehr. Sie fragte nie nach, ihre Mutter würde schon ihre Gründe haben. Urlaube verbrachten sie in Gebirgen, wo ihre Mutter fünf verschiedene Berghütten hatte. Sie liebten es zu wandern und durch den Wald zu streifen. Dabei erzählte ihr die Mutter Geschichten aus ihrer eigenen Kindheit.
Pat hatte nie feste Freundschaften geschlossen. Vielleicht, weil im Hinterkopf immer der Gedanke war, dass sie ja bald wieder umziehen würden.
„Kurz vor meinem achtzehnten Geburtstag stand wieder ein Umzug an. Diesmal ging es aber um mich. Ich wollte Tiermedizin studieren. Wir waren auf dem Weg zu meinem Studienplatz und wollten vorher noch ein paar Tage im Talsteingebirge Urlaub machen.“
Sie schilderte ihm den Tag ihrer Ankunft und es liefen ihr Tränen über die Wangen, als sie ihm von dem Augenblick erzählte, wo der Kopf ihrer Mutter zur Seite sackte. In diesem Moment trafen die Sanitäter ein. Pat stockte, wischte ihre Tränen ab. Er nahm sie in die Arme und wiegte sie wie ein
kleines Kind.
„Du musst nicht weitererzählen, wenn es dich zu sehr belastet“, sagte Nic.
Sie schüttelte den Kopf und berichtete weiter. „Während die Sanitäter meine Mutter versorgten und sie zum Krankenwagen trugen, habe ich schnell ein paar Sachen gepackt. Ich nahm den kleinen Handkoffer meiner Mutter, ohne den sie nie das Haus verließ und fuhr hinter den Sanitätern her. Als sie am Krankenhaus ankamen, wartete dort nicht wie vermutet das Krankenhauspersonal der Notaufnahme. Es stimmte etwas nicht, ein mulmiges Gefühl machte sich in mir breit. Als ich zu den Sanitätern des Krankenwagens trat, die gerade ausstiegen, sagte einer mit betretener Mine. Die Frau hat die Fahrt nicht überlebt. Die Verletzungen waren zu schwer und der Blutverlust zu groß. Ich nickte und ging wie in Trance zu ihrem noch immer voll beladenen Auto. Als ich losfuhr, hörte ich noch Stimmen rufen, aber ich konnte es nicht fassen. Die Worte meiner Mutter hallten mir immer noch im Ohr. Du musst verschwinden, er darf dich nicht finden. Vergiss mich, du kennst mich nicht, untertauchen! Zwei Tage fuhr ich mit dem Auto kreuz und quer, hielt nur um zu essen und zu schlafen. Am dritten Tag, es war mein achtzehnter Geburtstag, hielt ich vor einem Hotel in einer Kleinstadt, um zu übernachten. Mit dem Geld, das ich noch hatte, konnte ich mir das Hotel leisten. Ich sehnte mich nach einer Dusche und einem richtigen Bett. Bis dahin hatte ich nur im Auto übernachtet und nur auf belebten Raststätten.“
Ein Gedanke schoss ihr in den Kopf und sie sagte
ihn laut: „Geld hatte meine Mutter immer gehabt, obwohl sie nur halbtags arbeitete. Den Führerschein hatte ich schon mit siebzehn gemacht und ein Auto bekommen, mit dem ich nur in Begleitung meiner Mutter fahren durfte. Bis dahin! Ich ging in mein Zimmer. Als ich geduscht und gegessen hatte, nahm ich zum ersten Mal den Handkoffer meiner Mutter.“
Pat kämpfte wieder mit den Tränen. Energisch schüttelte sie
den Kopf. Langsam, tief Luft holend, erzählte sie weiter: „Der Koffer war mit einem Zahlenschloss gesichert. Ich probierte den Geburtstag meiner Mutter, nichts. Als nächstes meinen Geburtstag, nichts. Gewaltsam wollte ich das Schloss nicht aufbrechen und überlegte, dabei muss ich wohl eingeschlafen sein. Ich erwachte am helllichten Tag. Das war also mein ganz großer Tag gewesen“, sie seufzte. „Großer Tag, schoss es mir in den Kopf. Meine Mutter hat mir einmal von ihrem achtzehnten Geburtstag erzählt. Es wurde eine große Party gefeiert, die erste in ihrem Leben. Schnell rechnete ich nach welchem Datum, das gewesen sein musste. Ich gab die Zahlen in das Schloss am Koffer ein und er ging auf. Es lagen ein paar Dokumente von meiner Mutter darin, die ich herausnahm. Ansonsten war er leer. Beim zweiten Hinsehen fiel ihr auf, dass der Koffer noch viel tiefer war. Er musste einen doppelten Boden haben. Am hinteren Rand der Innenseite sah man bei genauem Hinsehen eine kleine Öffnung. Ich durchsuchte die Handtasche meiner Mutter und fand in einem kleinen Innenfach einen winzigen Sicherheitsschlüssel, der in die Öffnung passte.
Als der Boden aufsprang, blieb mir die Luft weg. Das ganze Fach war mit Geldbündeln gefüllt. Obenauf ein gefaltetes Blatt. Für unseren Lebensunterhalt und daneben ein Brief. 'Liebe Patricia, nur öffnen, wenn du in Not gerätst oder in Lebensgefahr.' War ich das? Nein, entschied ich und ließ den Brief, ohne ihn zu lesen, wo er war. Ich musste das Geschehene verarbeiten, außerdem musste ich mir Gedanken machen, was nun werden sollte. Um es kurz zu machen, ich blieb, kaufte mir eine Wohnung. Den Koffer verwahrte ich an einem sicheren Ort, wie ich glaubte, außerhalb meiner Wohnung. Mein Studium wollte ich erst einmal nicht beginnen. Ich nahm den Job in der Nachtbar an. Es sollte nur vorübergehend sein. Nun ist es schon sechs Jahre her“, schloss sie.
Nic drückte sie fest an sich, gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Dann schob er sie eine Armlänge von sich. „Du wolltest Tiermedizin studieren?“
„Ja“, antwortete Pat, „ich mag Tiere.“
Nic grinste. „Ich auch, ich habe sie zum Fressen gern!“ Sie knuffte ihm in den Arm.
„So nicht!“, drohte sie ihm mit dem Zeigefinger.
Er fing ihren Zeigefinger ein und setzte einen sanften Kuss darauf. Sie erbebte, zog ihre Hand weg und knurrte: „Lass das!“
Mit unschuldigem Blick, als könnte er kein Wässerchen trüben, meinte er: „Was soll ich lassen?“
„Du weißt, was ich meine, du bist ein Vampir. Euch werden Verführungskünste zugeschrieben, denen keiner widerstehen kann.“
Mit einem hintergründigen Lächeln stand er auf. „Ich mache uns etwas zu essen. Danach erstellen wir einen Masterplan.“
Eine Weile später saßen sie am Tisch.
„Fassen wir einmal zusammen was uns weiterhelfen könnte. Die einzige Spur ist der Koffer mit dem Brief.“
Er sah sie erwartungsvoll an.
„Der Koffer mit dem Brief ist in einem Schließfach am nächsten Flughafen.“
„Ist das ein sicherer Ort?“
„Natürlich, auf dem Flughafen läuft die Polizei rund um die Uhr Streife. Die Fächer sind videoüberwacht! Bei der Anmietung des Schließfaches brauchte ich keine persönlichen Daten von mir anzugeben und es gibt keine Öffnungszeiten wie bei einer Bank.“
Jetzt war es an ihr listig zu grinsen.
„Weibliche Logik, da komm ich als Mann nicht mit. Der Koffer
steht jetzt seit sechs Jahren in einem Schließfach. Warst du wenigstens mal nachsehen?“
Sie zog die Stirn in Falten, warf ihm einen bösen Blick zu. „Was glaubst du?“
Er trat einen Schritt zurück, hob die Hände.
„Tu mir bloß nichts!“
„Also ich fahre jetzt zum Flughafen und hole den Koffer, du wartest hier auf mich, Pat.“
„Ich bleibe hier nicht allein! Dein Hemd habe ich schon an, jetzt brauche ich noch eine Hose mit Gürtel von dir. Schuhe und Basecap, um die Haare zu verstecken. Wir fahren bei meiner Wohnung vorbei, um Sachen für mich zu holen.“
Er war überrascht, wie sachlich und präzise sie ihre Forderungen stellte.
„Ok, bei der Wohnung müssen wir vorsichtig sein!“
In Nics Wagen näherten sie sich langsam Patricias Wohnung. Aus einiger Entfernung sahen sie zwei Einsatzfahrzeuge der Polizei vor ihrem Haus stehen. Nic fuhr an den Straßenrand und hielt an. Sie sahen, wie Polizisten in dem Haus, wo Pat wohnte, rein und raus gingen. Was hatte das zu bedeuten? Patricia kniff die Augen zusammen und lehnte sich etwas vor, um besser sehen zu können. Mit einem Lächeln drehte sie sich zu ihm.
„So, jetzt kannst du deinen Charme spielen lassen. Dort vorn auf dem Bürgersteig steht mein Boss aus dem Nachtclub und spricht mit einem Polizisten. Daneben eine Dame mit einem gelben Kleid, sie steht etwas abseits. Das ist meine Nachbarin und sie ist sehr geschwätzig. Vielleicht kannst du etwas herausfinden, wenn du recht nett zu ihr bist.“ Pat lächelte ihn zuckersüß an.
„Ich gehe in Deckung, damit mich keiner sieht.“
Sie rutschte etwas runter, beugte den Kopf nach unten und tat so, als ob sie schlief. Sie schubste ihn seitlich, was so viel bedeutete wie
"Geh schon endlich".
Niclas stöhnte. „War sie jetzt der Boss?“
Er musste es laut gesagt haben.
„Ja!“, kam ihre Antwort.
Sie hörte auch alles. Nach einer Weile kam er zurück, setzte sich ins Auto und fuhr los.
„Wir verschwinden hier schleunigst!“
Während der Fahrt erzählte er ihr, dass ihr Boss nach ihr sehen wollte, da sie seit Tagen nicht
arbeiten war.
Pat nickte. „Ich habe nie auf Arbeit gefehlt, ohne mich abzumelden.“
„Jedenfalls war deine Wohnungstür nicht
verschlossen. Als er die Tür öffnete, fand er das blanke Chaos vor. Er alarmierte die Polizei.“
„Und jetzt?“, fragte Pat.
Nic setzte eine strenge Mine auf.
„Jetzt bin ich der Boss“, sagte er mit einem Tonfall, der nicht zu seinem Gesichtsausdruck passen wollte.
Pat salutiere. „Aye, Aye Chef.“
„So ist es richtig, dass gefällt mir“, grinste er sie an. Sie fuhren zum Gewerbegebiet, wo es viele Geschäfte gab. Vor einem kleinen Bekleidungsgeschäft hielt Nic an. Sie stiegen aus, gingen ins Geschäft. Bevor Pat etwas tun konnte, schob er sie in die Umkleidekabine.
In ihrem Kopf sagte er ihr, sie solle nicht sprechen. Sie hörte, wie Nic der Verkäuferin erklärte, er würde sich kümmern und sich melden, wenn er Hilfe brauchte. Daraufhin reichte er ihre Sachen in die Kabine.
„Sachen für die nächste Woche“, hörte sie ihn in ihrem Kopf. Der Verkäuferin kam das seltsam vor und sie blieb in der Nähe stehen. Nic störte sich nicht daran. Pat probierte die Kleidung. Er hatte einen guten Geschmack, stellte sie fest. Als dann auch noch Unterwäsche in der Kabine ankam, wurde sie wieder rot. Ein gutes Augenmaß besaß er auch, denn es passte fast alles. Sie reichte ihm die Sachen aus der Kabine, die sie nehmen wollte. Wieder hörte sie ihn in ihrem Kopf.
„Ich reiche dir gleich wieder Sachen rein. Die
ziehst du an und gehst sofort zum Wagen. Vergiss nicht das Basecap aufzusetzen.“
Niclas legte alles auf den Tresen neben der Kasse.
„Das nehmen wir“, sagte er zur Verkäuferin. Sprachlos starrte ihn die Verkäuferin an, fing
sich aber schnell und begann alles in der Kasse
einzuscannen. Er nahm eine Jeans, einen Pulli und Unterwäsche von den gescannten Sachen und brachte sie zu Patricia. Pat reichte ihm seine Bekleidung heraus, die sie getragen hatte. Er ging zurück zur Kasse, bezahlte alles bar. Aus den Augenwickeln sah er, wie Patricia das Geschäft verließ. Mit einem großzügigen Trinkgeld und drei Tüten in der Hand verließ er das Geschäft. Am Auto verstauten sie die Einkäufe und gingen in ein Schuhgeschäft. Kurze Zeit später hatten sie auch verschiedene Schuhe für Pat gekauft. Ihm knurrte der Magen.
„Hunger?“, fragte Pat.
Er antwortete mit einem Nicken.
Am Imbiss verzehrten sie eine Kleinigkeit von sechs Hamburgern ohne Brötchen.
„Hm... lecker“, sagte Nic.
„Hast du das Gesicht gesehen, als du ohne Brötchen bestellt hast“, beide lachten.
Sie setzten sich ins Auto.
„Ich brauche dir ja sicherlich nicht zu sagen, auf wessen Konto deine Wohnung geht?“
Pat schüttelte den Kopf.
„Wir müssen von hier verschwinden ohne Spuren zu hinterlassen. Gibt es hier ein Hotel mit Hinterausgang?“
„Ja, das Hotel wo ich zuerst abgestiegen bin. Hinter dem Hotel ist ein Parkplatz. Den Hintereingang kann man mit der Schlüsselkarte vom Zimmer öffnen.“
„Perfekt.“
Sie fuhren zu dem Hotel, er parkte vor dem Eingang. Nic hängte sich in Pats Arm ein und raunte ihr ins Ohr. „Meine Süße, wir sind jetzt verheiratet, sei nett zu mir.“
Er schenkte ihr ein strahlendes Lächeln, dass ihre Knie weich wurden, zog sie zu sich heran und küsste sie lange und zärtlich. Als sie wieder Luft bekam, hatte er sie schon zum
Empfang des Hotels gezogen.
„Wir hätten gern ein großes Zimmer für eine Nacht. Ich bezahle gleich im Voraus.“
„Meine Frau“, er sah Patrica zärtlich an „ist sehr erschöpft. Wenn sie sich hingelegt hat, komme ich noch einmal runter und erledige die Formalitäten.“
Die Empfangsdame hing förmlich an seinen Lippen. Kein Wunder bei seinem Aussehen und dem Charme den er versprühte. Nachdem Niclas bezahlt hatte, erhielten sie eine Schlüsselkarte. Freundlich mit einem, „Bis später“, gingen sie auf ihr Zimmer.
„Mein lieber Schwan, dir fallen ja die Frauen reihenweise zu Füßen. Ich glaube da kann ich nicht mithalten.“
„Versuch es doch mal!“
„Ich werde mich hüten, am Ende werde ich noch eifersüchtig.“
„Das könnte mir gefallen!“ Eine rothaarige, wilde, vor Zorn sprühende Pat. Süffisant lächelte er.
„Den Gefallen werde ich dir nicht tun.“
Sie drehte sich um und ging ins Bad.
Frisch geduscht, nur mit einem Handtuch bedeckt, kam sie wieder zu Nic.
Jetzt war es an ihm sie anzustarren. Sie fing
seinen Blick auf, Begierde leuchtete in seinen Augen. Das gefiel ihr.
„Vielleicht gehst du auch duschen, kalt!“
Ihr Blick glitt nach unten, zu der Ausbeulung in seiner Hose.
„Ich wüsste etwas Besseres?“
Er wackelte mit den Augenbrauen.
„Träume schön weiter!“
„Ein Versuch war es wert“, erklang es in ihrem Kopf.
