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Nicht nur für Frauke Beck ist der Schock groß, als im Weserstädtchen Aldenthorp der in der Gärtnerbranche erfolgreiche Geschäftsmann und Ratsherr Wim van Veen in einem baufälligen Fabrikgebäude leblos aufgefunden wird. Der ermordete Sohn eines ehemaligen in Aldenthorp stationierten niederländischen Nato-Soldaten galt als beliebter und überaus engagierter Kommunalpolitiker. Als es weitere Opfer gibt, werden Mia Zerna und Michael Mende, Ordnungshüter der örtlichen Polizeistation, zu den Nachforschungen der Mordkommission aus der nahen Kreisstadt Hameln hinzugezogen. Nur langsam gewinnen die Ermittler neue Erkenntnisse zum Umfeld des Toten und zum Tatort. Was wurde dem Getöteten zum Verhängnis? Da ist Frauke Beck, die den ermordeten Wim van Veen als Letzte lebend gesehen hatte, plötzlich verschwunden.
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Seitenzahl: 496
Veröffentlichungsjahr: 2022
Hans-Georg van Ballegooy
van Veens Verhängnis
Ein Weserbergland-Krimi
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
VORBEMERKUNGEN
PROLOG
ERSTER TEIL
ZWEITER TEIL
DRITTER TEIL
VIERTER TEIL
FÜNFTER TEIL
SECHSTER TEIL
EPILOG
NACHBEMERKUNGEN
Impressum neobooks
Wer sich auf die Suche nach dem Handlungsort begibt, wird unter dem Namen Weser-Aldenthorp den im vorliegenden Kriminalroman beschriebenen Ort nicht finden. Dennoch gibt es einige Übereinstimmungen bei der Darstellung der Örtlichkeit und mancher Ereignisse mit den Gegebenheiten in einer Kleinstadt, die sich im nahen Umfeld der bekannten Rattenfängerstadt Hameln befindet.
Wie in nahezu allen Krimis gibt es aus dramaturgischen Gründen bei der Beschreibung des Arbeitsalltags der Polizei und der Ermittler Abweichungen von der Wirklichkeit ihrer Tätigkeit. Denn wer möchte sich schon gerne durch Dienst nach Vorschrift unterhalten lassen? Das gilt in diesem Roman in besonderer Weise für die Darstellung der Örtlichkeit und der Akteure in der Polizeistation des fiktiven Städtchens Weser-Aldenthorp sowie in der Polizeiinspektion Hameln. Um Nachsicht wird gebeten! Dennoch wurde versucht, die Realität möglichst authentisch darzustellen.
Ein besonderer Dank für wertvolle Hinweise und kritische Anmerkungen gilt dem niedersächsischen Ersten Kriminalhauptkommissar, Herrn Oliver Mengershausen.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.
Während der Zeit, in der dieser Roman entstand, hat sich das Leben der Menschen nicht nur in Deutschland, sondern weltweit dramatisch verändert. Eine durch das sogenannte Coronavirus erzeugte Pandemie beeinträchtigt noch immer das private und öffentliche Leben, die Gesundheit, den Klinikalltag, das Familienleben, Bildung, kulturelles Schaffen und die Arbeitswelt der Menschen insgesamt, wesentlich. Aus diesem Grund verzichtet der Roman bewusst nicht darauf, Realitäten rund um den Umgang mit der Pandemie zu benennen.
Dennoch soll dieser Roman unterhalten und kann dadurch vielleicht einen kleinen Beitrag leisten, den gegenwärtigen Alltag für einige Lesestunden etwas erträglicher zu gestalten.
Besonderer Hinweis:
Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit werden Personengruppen in einer neutralen Form bezeichnet. Ermittler, Beamte, Kollegen, Polizisten, Kriminalisten, Mitarbeiter, etc. meinen immer sowohl weibliche, als auch männliche Personen.
Zum Buch
Nicht nur für Frauke Beck ist der Schock groß, als im Weserstädtchen Aldenthorp der in der Gärtnerbranche erfolgreiche Geschäftsmann und Ratsherr Wim van Veen in einem baufälligen Fabrikgebäude leblos aufgefunden wird. Der ermordete Sohn eines ehemaligen in Aldenthorp stationierten niederländischen Nato-Soldaten galt als beliebter und überaus engagierter Kommunalpolitiker.
Als es weitere Opfer gibt, werden Mia Zerna und Michael Mende, Ordnungshüter der örtlichen Polizeistation, zu den Nachforschungen der Mordkommission aus der nahen Kreisstadt Hameln hinzugezogen. Nur langsam gewinnen die Ermittler neue Erkenntnisse zum Umfeld des Toten und zum Tatort. Was wurde dem Getöteten zum Verhängnis?
Da ist Frauke Beck, die den ermordeten Wim van Veen als Letzte lebend gesehen hatte, plötzlich verschwunden.
Zum Autor
Hans-Georg van Ballegooy, Jahrgang 1957, ausgebildeter Gymnasiallehrer, war zuletzt als Therapeut in einer Klinik pädagogisch tätig. Der Hobby-Autor ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und lebt in der Nähe der Stadt Hameln im Weserbergland.
Nach mehreren Veröffentlichungen unterschiedlichen Genres legt der Autor erstmalig einen Kriminalroman vor, in dem er seine Wahlheimat zum Ort des Geschehens erhebt.
Bisherige Veröffentlichungen (auch als eBook/ePUB):
Die Macht des Mohns. Historischer Roman (2016)
ISBN-13: 978-3842357976
Mörderisches Schwarz-Rot-Gold. Historischer Roman (2017/18)
ISBN-13: 978-3746036557
Mörderische Côtes d’Armor. Der Tote vom Roc’h Hudour
Ein Bretagne-Roman (2020)
ISBN-13: 978-3750481336
Anfang August 2020. – Nach einer langen Trockenperiode hatte es mal wieder geregnet. Leider waren es jedoch sintflutartige Niederschläge gewesen, die in der letzten Woche über Weser-Aldenthorp niedergegangen waren. Der ausgetrocknete Boden hatte die Wassermassen kaum aufnehmen können.
Mürrisch versah Baggerführer Max Wühler seinen Job. Nein, nicht deswegen, weil die Baustelle in Nachbarschaft von van Veens Gärtnerei immer noch einer Schlammwüste glich. Wühlers schlechte Laune hatte eine andere Ursache. Er war davon überzeugt, dass er es mit seinen fünfundfünfzig Jahren eigentlich nicht mehr lange nötig hätte zu arbeiten, nachdem er auf dem neuen Grundstück des holländischen Unternehmers kürzlich eine Blechkiste mit etlichen teilweise bis zu fünfzig Gramm schweren Goldbarren und Bargeld gefunden hatte. Endlich ausgesorgt war Wühlers erster Gedanke gewesen, als er den Fund von beachtlichem Wert zum Amt gebracht hatte. Doch wegen der notwendigen Klärung der komplizierten Besitzverhältnisse hatte man ihm sogleich zu verstehen gegeben, dass er sich eine Weile gedulden müsse, bis er möglicherweise von seiner Entdeckung profitieren könne. Diese Auskunft war im Zuge seiner gestrigen Nachfrage wiederholt worden. Mit der Fundsache beschäftige sich einerseits das Denkmalamt. Aber es sei zusätzlich zu prüfen, ob es sich bei dem Edelmetall möglicherweise um Diebesgut handele. Nach dieser enttäuschenden Mitteilung hatte es sein Vorarbeiter Ulf Loose gewagt, ihn deswegen zu necken: »Max, deinen Lottogewinn kannst du vergessen. Du bist halt zu ehrlich gewesen; viel zu naiv. Glaub nur nicht, dass die Behörden deinen Schatz wieder rausrücken werden. Sei lieber froh, dass sie dir nicht an den Karren pissen und unterstellen, du hättest dir sowieso schon einen Teil abgezweigt. Und überhaupt. Der Kaaskopp ist doch im Stadtrat. Und es ist sein neuer Grund, aus dem du die Kohle gehoben hast. Mijnheer wird schon seine Kontakte zu nutzen wissen, damit er selbst deine Ausgrabung einsacken kann. Es ist doch immer so, die Reichen werden immer reicher, und unsereins bleibt auf der Strecke.«
Klugscheißer, hatte Max Wühler gedacht, der es Loose missgönnte, dass der seine Finger nach der Position des Poliers ausstreckte. Aber insgeheim gab er seinem Kollegen recht. Mit Neid hatte Wühler jahrelang aus der Distanz die Erfolgsgeschichte des Geschäftsmannes verfolgt. Doch nicht nur das. Auch auf Karin Kunze, van Veens Angestellte, war Wühler eifersüchtig, sonnte sie sich doch im Licht des Holländers, der glaubte, die Geschicke Aldenthorps bestimmen zu müssen. Beide hatten sie vor Jahren von einem Tag auf den anderen von Wühler nichts mehr wissen wollen. Und dann war da noch die Beck, die sich bei dem Unternehmer eingenistet hatte und sich in Aldenthorp wichtigmachte. Das waren zumindest die Ansichten und Empfindungen von Max Wühler, der damit haderte, sein Dasein als unbedeutender Malocher zu fristen.
Die Stichelei seines Kollegen setzte sich im Bewusstsein des Bauarbeiters fest und nagte an ihm. Zunehmend begann er in Zweifel zu ziehen, ob man ihm seinen neuen Reichtum tatsächlich überlassen würde. Dabei bedauerte er immer mehr, seinen Fund ausgehändigt zu haben; selbst wenn er sich möglicherweise der Unterschlagung schuldig gemacht hätte. Und gleichzeitig traf man ihn mit deutlich finsterer Miene an als üblich.
Max Wühler war ein Mann von kräftiger, gedrungener Statur, dem man im Dunkeln eher nicht zu begegnen wünschte. Die Gesichtshaut war faltig, ohne Vitalität und Farbe. An der Stirn über den buschigen Augenbrauen war eine Spur von Schuppenflechte unübersehbar, die sich bis unter den gelben Schutzhelm zog. Wühler stellte in seinem ganzen Wesen einen derben Typ dar; überwiegend freudlos. Intensiver Zigarettenkonsum war nur ein Zeichen seines sehr ungesunden Lebensstils. Zum wiederholten Male in kürzester Zeit griff er bei fast gleichzeitiger Bedienung seiner Hebel, Fußpedale und Steuerelemente mit traumwandlerischer Sicherheit in die Brusttasche seines dunkelblauen Overalls und entnahm ihm einen Tabakbeutel. Erst mal ein Tütchen drehen, dachte er, sonst krieg ich die Krise. Kurz hielt er bei seiner Arbeit inne, rückte sich ein Kissen auf seinem zerfetzten Baumaschinensitz zurecht und stopfte sich dann fachmännisch den Glimmstängel. Es dauerte nicht lange, bis sich nach einigen Zügen die für den Moment scheinbar wohltuende, ja sogar etwas euphorisierende Wirkung ausbreitete. Der sich süßlich entfaltende Geruch ließ darauf schließen, dass sich in dem xten heute schon konsumierten Sargnagel wohl nicht nur Zigarettentabak befand.
Während Wühler kräftig inhalierte, starrte er wütend hinüber zu den glasgedeckten Gewächshäusern zu Füßen der riesigen Kühlhallen für Tannengrün und Gebinde. Es juckte ihm in den Fingern, dem gläsernen Palast des Holländers mit der Baggerschaufel zu Leibe zu rücken.
Er widerstand der Versuchung, als er sah, wie sich der Bauherr zusammen mit der Beck, der Kunze und einigen Anzugträgern näherte und das Gelände in Augenschein nahm, auf dem die Erweiterungsbauten des Unternehmens entstehen sollten. Während sich die Herrschaften anschickten vorsichtig über Planken zu balancieren, um sich im Matsch der Baustelle nicht ihre Kleidung zu ruinieren, ließ Max Wühler aggressiv den Motor seines PS-starken Gefährts aufheulen. Rasant wendete er sein Kettenfahrzeug, sodass der verschlammte Grund hoch aufspritzte.
Mit ein wenig Genugtuung über die verdutzt dreinschauenden und nunmehr arg verdreckten Persönlichkeiten setzte er seine Arbeit fort und schob Erdreich, Gestein und das Wurzelwerk geschlagener Bäume und Sträucher sorgfältig getrennt zu Sammelstellen zusammen. Sein jetzt übriggebliebener kümmerlicher Joint, den er lässig im Mundwinkel hielt, wurde vorübergehend zur Nebensache.
ZWEI MONATE DANACH
Kapitel 1
Samstag, 3. Oktober. – Der Nationalfeiertag neigte sich dem Ende zu. Entspannt steuerte Polizeihauptkommissar Michael Mende den Funkstreifenwagen durch den Hemeringer Kreisverkehr, den er bei der zweiten Ausfahrt verließ, um zur Polizeistation in Weser-Aldenthorp zurückzukehren. Mit seiner Partnerin hatte er soeben einen Einsatz in Wilhelmshagen einigermaßen friedlich beendet.
Partnerin. Mende schielte zu seiner Beifahrerin Mia Zerna hinüber, deren Gesichtskonturen im Dunkel kaum zu erkennen waren. Nur die Armaturenbeleuchtung zeigte ihm die Körperumrisse von seiner uniformierten Herzallerliebsten im schummrigen Licht. Das muss ja keiner wissen, hatten sie sich einander versichert, als sie vor einigen Wochen ihre Zuneigung füreinander entdeckt hatten. Sie wollten den Kollegen in der Polizeiinspektion Hameln keinen Anlass für unnötiges Getratsche bieten. Zumindest momentan nicht. Wer weiß, auf Leitungsebene käme man womöglich auf die Idee, die Streifenwagenbesatzung auseinanderzureißen. Frei nach dem Motto: Wenn ein Team allzu gut funktioniert, muss man es trennen. Wegen vermeintlicher Abgelenktheiten, Grüppchenbildung, Befangenheiten oder zu befürchtender Mauscheleien und Absprachen bei etwaigen dienstlichen Vergehen wurden Liebesbeziehungen unter Kollegen von einigen Vorgesetzten nicht gerne gesehen – vor allem, wenn ein Paar den Dienst gemeinsam versah und sehr eng zusammenzuarbeiten hatte. Und Michael Mende hatte allen Grund, nach seiner Degradierung und Versetzung nach Aldenthorp nicht unnötig für Zündstoff zu sorgen.
Partnerin. Er harmonierte mit Mia Zerna nicht nur privat gut, sondern auch im Team. Und er hatte keine Probleme damit, dass Polizeihauptkommissarin Zerna die Leitung der Dienststelle in Aldenthorp innehatte.
Mia hatte sich vorgebeugt und der Leitstelle in Hameln per Knopfdruck am Funkgerät zu erkennen gegeben, dass der letzte Einsatz erledigt war.
Erledigt? Von wegen. Mende dachte an den Abschlussbericht, den er anzufertigen hatte. Aber heute nicht mehr, sagte er sich. Er schaute auf seine Armbanduhr, die Mia ihm zu seinem neunundvierzigsten Geburtstag geschenkt hatte. Als er das Gehäuse berührte, ließ ein Sensor das Digital-Zifferblatt leuchten. Nicht mehr weit bis Mitternacht, stellte er fest.
Der Polizist ließ sich noch einmal durch den Kopf gehen, wie er zusammen mit Mia nach dem Anruf einer erbosten Nachbarin bei einigen polizeibekannten Querdenkern und Leugnern dieser schrecklichen Pandemie, die die Welt seit vielen Monaten in Atem hielt, eine Party aufzulösen hatte. Noch immer spürte er, dass dieser Einsatz Mia nicht leichtgefallen war, auch wenn sie sich äußerlich kaum etwas von ihrer Gemütsbewegung hatte anmerken lassen. Erst jüngst hatte sie durch ihre Schwester in Augsburg die Nachricht erhalten, dass ihre betagte Mutter in eine Klinik eingewiesen worden war. Nach Aussage eines Arztes sollte ausgerechnet dieses Coronavirus für die stetige gesundheitliche Verschlechterung der alten Dame verantwortlich sein. Und Mia machte sich berechtigterweise erhebliche Sorgen.
Ein Seufzer entfuhr dem Polizisten, als ihm die Erinnerung an diesen letzten Einsatz überkam …
Im Garten von Horst Heine hatten sie eine illustre Gesellschaft angetroffen. Heine hatte zum Abgrillen geladen. Eine reine Männerrunde, die sich bei Kartenspiel, lauter Musik und offensichtlich übermäßigem Alkoholgenuss amüsierte. Die zahlreichen leeren Flaschen waren ein deutliches Indiz. – Wie Mende wusste, war Heine Tätowierer und Inhaber von zwei Tattoostudios. Einen der beiden Betriebe führte er in Wilhelmshagen, einen weiteren beim Freizeitpark am nordöstlichen Stadtrand von Aldenthorp. So wie Heine war auch der Gastwirt Lutz Hielscher davon betroffen, dass die Behörden ihnen zur Eindämmung der Virusausbreitung und der Massenerkrankungen durch Kontaktreduzierungen vorübergehend ihre Arbeitsgrundlage entzogen hatten. Entsprechend gereizt war die Stimmung, als die Beamten auf der Bildfläche erschienen waren.
»Hat uns die Alte wieder denunziert?«, giftete Heine und ließ seine Muskeln spielen. Er war seit langem Dauerkunde in einer Muckibude und hatte selbst im nüchternen Zustand Mühe, sein Temperament zu zügeln. Fatalerweise war er auch Sportschütze und wegen seiner aufbrausenden und cholerischen Art schon häufiger vom Vereinsvorsitzenden ermahnt worden. »Was soll das?«, ätzte Heine weiter, als Michael Mende sich vor ihm aufbaute, um die Personalien festzustellen. Um Heines Ausweis besser prüfen zu können, begab sich Mende einige Schritte weiter in die Nähe einer Feuerschale. Er trug eine Mund-Nasen-Bedeckung und schwitzte. Darum legte er seine Dienstmütze ab und lüftete die Schutzmaske kurz. Sein raspelkurz geschnittenes dunkles Haar, das wie sein melierter Dreitagebart schon einige graue Strähnen aufwies und dazu die dunklen tiefliegenden Augen, die sich in einen drohend-stechenden Blick verwandeln konnten, verliehen ihm zusammen mit seiner auch körperlich einschüchternden Erscheinung viel Männlichkeit, die eine gehörige Portion Autorität ausstrahlte. Letzteres galt in ihrer Uniform auch für Mia Zerna, unter deren Polizeimütze dunkles zu einem strengen Knoten verflochtenes Haar hervorlugte. Auch sie strotzte vor Selbstbewusstsein und Durchsetzungskraft, während sie es mit dem eher zurückhaltenden Gastwirt Hielscher zu tun hatte.
Mende ignorierte den zunehmend aggressiv werdenden Heine und wandte sich dem Dritten im Bunde zu, der wie unbeteiligt bei einem Schwenkgrill stand und sich um das letzte Grillgut kümmerte, das bisher nicht verzehrt auf dem Bratenrost brutzelte. Auch ihn kannte Mende:
»Doktor Uwe Fleischmann. Corona-Leugner. Na, da sind ja die Richtigen zusammen.« Über den Allgemeinmediziner war bekannt, dass ihn bereits die Ärztekammer in ihrer Rolle als Berufsaufsicht und die Staatsanwaltschaft wegen der in seiner Praxis ausgelegten Flyer mit Falschinformationen zur Corona-Pandemie auf dem Zettel hatten. Immerhin keiner dieser Reichsbürger oder militanten Chaoten, dachte Mende und war überrascht, dass er ausgerechnet von dem Mediziner Unterstützung bekam, als von Heine Randale drohte. Besänftigend wirkte Dr. Fleischmann auf Heine ein:
»Ach Horst, entspann dich. Die Polizei kommt doch nur ihrer Pflicht nach. Das ist eben ihr Job. – Also, verehrte Ordnungshüter«, die Ironie war nicht zu überhören, als sich der Arzt dem Polizisten zuwandte, »tun Sie Ihren Job! Da sind Sie diesen Herren gegenüber im Vorteil. Denn ihnen verweigert man, dass sie ihrer Arbeit nachgehen können.«
»Zu unserem Job gehört es«, mischte sich Mia Zerna ein, »dass wir Ihre Personalien weitergeben. Sie kennen das ja schon, da Sie die Verordnungen der Behörden immerzu ignorieren und wieder keinen Mund-Nasen-Schutz tragen. Sie halten keine Abstände untereinander. Und Sie fallen erneut durch Missachtung der Ruhezeiten nach 22 Uhr auf. Herr Heine hat doch schon eine Unterlassungsklage am Hals. Und auch Sie, Doktor Fleischmann, sind bei der Staatsanwaltschaft kein unbeschriebenes Blatt. Wollen Sie, dass es erneut zu einer Anzeige kommt?«
»Was mich betrifft, sind Sie wohl kaum zuständig«, erwiderte er mit einem süffisanten Grinsen.
»Da irren Sie sich, Herr Doktor. Ihr Geschwurbel in Ihrer Praxis und ob Sie da einen Aluhut tragen, hat mich in der Tat wenig zu interessieren. Wenn Sie sich jedoch im hiesigen Landkreis den hier gültigen Regeln widersetzen, bin ich sehr wohl zuständig.«
»Ach Sie«, mischte sich Heine lallend ein. »Tun Sie doch nicht so, als … Ach, tun Sie doch, was Sie nicht lassen können.« Nach einem beruhigenden Wink des Arztes zog Heine maulend ab.
»Nun denn, kommen Sie Ihrer Pflicht nach!« Für Dr. Fleischmann war es nur eine Lappalie, wenn er nun ein zusätzliches Bußgeld aufgebrummt bekam.
»Tja, meine Herren, dem könnten und müssten wir in der Tat nachkommen«, fügte Zerna hinzu.
»Sie sprechen im Konjunktiv?«
»Doktor Fleischmann, Sie sollten wissen: Aufgabe der Polizei ist es, Fehlverhalten nicht nur repressiv zu ahnden, sondern auch aufklärend und präventiv tätig zu werden. Damit wollen wir es diesmal gut sein lassen, wenn Sie die Nachbarschaft mit Ihrem Lärm nicht mehr zusätzlich schikanieren.«
»Oh, wie kommen wir zu der Ehre für so viel Nachsicht?«
»Haben Sie möglicherweise einen Bekannten, Freund oder gar Angehörigen, dem es nach einer Virusinfektion so richtig dreckig geht?«, antwortete Mia mit einer Gegenfrage.
»Sie etwa?«, erwiderte der Arzt knapp. »Dann sind Sie wohl befangen, was?«
»Betroffen, Herr Doktor. Betroffenheit ist wohl das angemessenere Wort für jemanden, dessen Mutter diese Erkrankung möglicherweise nicht überlebt. Aber was wissen Sie schon davon. Obwohl – Sie sind Arzt, Doktor Fleischmann. Sie haben sich der Ethik und Menschlichkeit verpflichtet; haben sich mit Ihrem Arzt-Eid dazu bekannt, sich der Gesundheit und dem Leben der Menschen zu widmen. Wenn Ihnen schon die Empathie abgeht, so unterstelle ich Ihnen, dass Sie zumindest intellektuell in der Lage sind, die Sinnhaftigkeit der Verordnungen durch die Behörden anzuerkennen und zu respektieren.«
»Hört, hört!«
»Mein Kollege und auch ich …« Die Polizistin spürte ein sehr unangenehmes Engegefühl im Hals, als sie ergänzte: »Wir sind der Überzeugung, dass auch Sie Einsicht werden walten lassen und dann entsprechend auf diese Herrschaften hier einwirken. Wir geben die Hoffnung nicht auf und wünschen Ihnen einen geruhsamen Abend.«
Mendes Erinnerungen rissen ab. Im Nachgang musste er darüber lächeln, wie sie die Unruhestifter sprachlos zurückgelassen hatten. Ja, das war Mias Geschick im Umgang mit solchen Leuten. Das liebte er an ihr. Sie verstand es, bei der Interpretation der Buchstaben des Gesetzes und ihrer Anwendung Verhältnismäßigkeit zu wahren und einen gewissen Spielraum auszunutzen. Dass sie nun wegen des Gebarens dieser Querulanten einerseits und der lebensbedrohlichen Situation ihrer Mutter andererseits verstimmt war und noch immer innerlich etwas bebte, war wohl nur menschlich. – Sie näherten sich der Weserbrücke, als eine Meldung über Funk eintraf:
»Einsatzleitung ruft Weser 2022.«
Mia nahm die Meldung entgegen: »Weser 2022. Zerna hört.«
»Hier Patrick Zunder. Ich sehe, euer letzter Einsatz ist beendet. Habe aber erneut Arbeit für euch. Seid ihr wieder einsatzbereit?«
Die Polizistin versuchte den Gedanken an das Schicksal ihrer Mutter vorübergehend zu verdrängen. Nur schwerlich gelang es ihr, sich auf ihre gegenwärtige berufliche Tätigkeit zu konzentrieren. »Oh, der Herr Einsatzleiter persönlich. Patrick, was ist los? Kein Personal mehr in Hameln?«
»Ach, Mia, hier ist die Hölle los. Du glaubst gar nicht, wie viele unvernünftige Menschen es gibt. Das wird jetzt, bei dieser Coronakrise, so richtig spürbar. Koordinator Bernd Müller ist jetzt selbst draußen. – Aber was red’ ich … Vor wenigen Minuten, exakt um 23 Uhr fünfunddreißig, ist ein anonymer Anruf eingegangen. Schwer zu sagen, wie bedeutsam und glaubwürdig die Nachricht einzuschätzen ist. – In der Nähe dieser ehemaligen Zuckerfabrik in Aldenthorp muss es zu merkwürdigen Vorgängen gekommen sein. Schaut euch mal beim Lokentor um. Aber seid vorsichtig. Wer weiß schon, ob nicht doch eine Gewalttat dahintersteckt. Da soll angeblich etwas mit einem großen im Fahrbetrieb sehr lauten Auto in einer Plane gehüllt angeliefert und einfach zurückgelassen worden sein. Ziemlich schnaufend muss jemand seine Last hinter sich hergezogen haben. Aber das ist jetzt etwas Deutung von mir. Denn das Kauderwelsch von dem Anrufer war kaum zu verstehen. Ziemliches Gestottere. Er schien nicht mehr ganz nüchtern zu sein. Hat aber versucht, die Stimme zu verstellen. Und das Geblubbere wurde übertönt von extremer Metal Music mit unerträglich aggressiv gespielten Riffs.«
»Wie gemütlich, um kurz vor Mitternacht.«
»Verrückt nicht? War vielleicht ein Klingelton. Ich gebe euch die Sprachnachricht aufs Handy. Und das Fünfte Fachkommissariat kann sich darum kümmern, die kryptische Meldung zu entschlüsseln und zu orten. Aber ist ja vielleicht auch nur eine Angelegenheit fürs Ordnungsamt. Der Vorfall soll sich gut fünfunddreißig Minuten vorher ereignet haben.«
»Also gegen 23 Uhr?«
»So ist es. Nun denn, schaut mal nach. Aber fordert bitte nur Verstärkung an, wenn zwingend notwendig.«
»Alles klar, Patrick. Weser 2022, Ende.«
»Uff, ich hatte gehofft, meinen Bericht über den Einsatz in Wilhelmshagen in Ruhe verfassen zu können«, lamentierte Mende. Auch er bemühte sich, die Gedanken an den Zustand von Mias Mutter und an die Befindlichkeit seiner Partnerin vorerst abzuschütteln.
»Später, Michael, später. Auf zum Lokentor. Du kennst doch die Ruine? Richtung Bahnhof!«
»Mhm. – Hattest du dort nicht vor Monaten schon mal zu tun?«
»Stimmt. Hatte ich beinahe vergessen. Ich war damals mit Willi da.«
»Willi Arend?«
»Jep. Als du zur Fortbildung weg warst.«
»Fortbildung ist gut. Gehirnwäsche nenn ich das. Damit ich lerne, meine Emotionen besser unter Kontrolle zu halten. Mit beinahe fünfzig Jahren.« Mende sprach mit Ironie, musste dann aber über die seiner Meinung nach schwachsinnige Auflage schmunzeln.
»Ich kann mit deinen Emotionen gut leben, Micha.« Die drei Jahre jüngere Mia Zerna zeigte ein verhaltenes Lächeln und legte eine Hand auf Mendes rechtes Bein. »Hauptsache, sie verraten unsere Beziehung nicht. – Ach, wie doof ist das denn? Jetzt müssen wir warten«, entfuhr es ihr plötzlich. Sie klang kurz ein wenig verärgert, denn in der Nähe des Aldenthorper Bahnhofs senkten sich die Schranken. Ein Güterzug rollte heran.
Mia Zerna beugte sich zu Mende hinüber. Schnell drückte sie einen Kuss auf seinen Mund. Mende spürte das Verlangen, sie an sich zu ziehen. Doch er widerstand dem Impuls. Gottlob machte sie es ihm auch leicht, als sie sich wieder in ihre aufrechte Sitzposition begab. Mende nahm den Gesprächsfaden wieder auf: »Aber sag, was war da los, als du bei unserem Zielobjekt im Einsatz warst?«
»Ach, bloß ein paar Jugendliche, die da eine Party gefeiert haben.« Mia erhob ihre Stimme, denn das Rattern des vorbeifahrenden Zuges war ohrenbetäubend laut. »Wir hatten einen Hinweis von einem Senior bekommen, der ganz in der Nähe seinen Hund ausgeführt hatte und meinte, wiederholt Lärm und offenes Feuer bemerkt zu haben. Naja, die jungen Leute hatten ein paar Kerzen angezündet. War halb so wild. Wir haben sie verwarnt, auf die Baufälligkeit des Hauses hingewiesen und ihnen was von Hausfriedensbruch erzählt.«
»Das zu verstehen war ihnen aber sicher nicht leicht gefallen bei diesem verfallenen Bau, stimmt’s?«
»Och, sie waren ganz einsichtig. Anfänglich etwas trotzig, aber das gab sich rasch. Sie haben sich dann ohne Murren verdünnisiert. Sicher waren sie froh, dass sie nur verwarnt wurden. Wir hatten lediglich damit gedroht, der Besitzer der alten Fabrik könnte auf die Idee kommen sie anzuzeigen.«
»Das heißt?«
»Na, die Personalien haben wir nicht aufgenommen, wenn du das meinst.«
»Echt jetzt?«
»Oder höchstens von dem einen Mädchen, wenn ich mich recht erinnere. Sie war die einzige, die einen Ausweis dabeihatte. War schon achtzehn. Ich meine, dass sie aus der Nähe vom Wiedener Eck stammte. Ja, genau. Die Tochter von Rosella Brinkmann, der Inhaberin von Rosellas Hair Fashion, wenn ich mich nicht irre.«
Michael Mende kannte den Friseursalon nicht. »Okaaay.« Er dehnte das Wort, um seine Bedenken anzudeuten. Dabei runzelte er die Stirn. »Da hattet ihr wahrscheinlich keine Lust, die ganze Bande zum Revier zu schleppen, was?«
Der Zug war vorbeigedonnert. Mende startete den Motor des Streifenwagens wieder, als sich die Schranken hoben.
»Wäre nicht verhältnismäßig gewesen, Micha. Scheint auch in der Folge nicht mehr vorgekommen zu sein.«
Nach knapp dreihundert Metern bogen die Beamten in eine Sackgasse ein, und Mia Zerna öffnete das Seitenfenster des Polizeiwagens. Während die Ordnungshüter in ihrem Fahrzeug den Straßenabschnitt vor dem Lokentor im Schritttempo passierten, ließ Zerna den Lichtstrahl einer leistungsstarken Stablampe über das Gelände vor der Fabrikruine gleiten. Kreuz und quer suchte sie es ab. Es war niemand zu sehen. Mende steuerte das Auto bis zum Wendehammer der Stichstraße, brachte es in die entgegengesetzte Fahrtrichtung und parkte den Wagen an einer strategisch günstigen Stelle in der Nähe des Zielobjekts.
Die Polizisten verließen ihr Einsatzfahrzeug und zogen sich ihre neuen praktischen Überziehschutzwesten, die sie zu Beginn ihrer Fahrt nach ihrem letzten Einsatz abgelegt hatten, über ihre knopflosen Poloshirts. Nahezu geräuschlos schlossen sie die Autotüren ihres Dienstwagens. Bei den wenigen Schritten zum Lokentor leuchtete Mia den Weg aus; unterdessen ertastete Mende sein Holster und spürte die Dienstpistole. Griffbereit, um im Bedarfsfall für die Sicherung seiner Partnerin gewappnet zu sein. Aber die Vorsicht schien unnötig zu sein. Am Lokentor war es weiterhin ruhig. Fast. Einige nur notdürftig befestigte Holzplatten klapperten gegen das Mauerwerk, anstatt die leeren Fensterhöhlungen zu verbarrikadieren. Mit Bedacht, um keine eventuell vorhandenen Spuren zu zerstören, näherten sich die Beiden durch eine gut fünf Meter breite Zaunöffnung der Ruine. Ein gewaltiges Rolltor stand einen Spalt breit offen. Weit genug, um ohne Schwierigkeiten das Innere betreten zu können.
Einige Sekunden später fanden sie sich in einer großen zugigen Halle wieder. Nun leuchtete auch Mende die Räumlichkeiten aus und sah, dass die Decke zwischen dem Erdgeschoss und der nächsthöheren Etage durch Eisengestänge, hölzerne Stützpfeiler und von mehreren Betonpfeilern getragen wurde. Wie lange wohl noch?, ging es ihm durch den Kopf. Umsichtig und weiterhin wachsam setzte er die nächsten Schritte.
»Oh nein! Mia, hier!« Hinter einem Mauervorsprung verharrte der Polizist für wenige Momente konsterniert, als er einen am Boden liegenden leblosen Körper entdeckte. Unmittelbar danach wurde auch Mia auf den Toten aufmerksam, der auf dem Rücken lag. Ein Seil war mehrfach um die entkleidete Männerleiche geschlungen, die etliche Schürfwunden aufwies. Mia verscheuchte die Fliegen, die darum herumschwirrten. Entsetzt besahen sich die Polizisten die zusätzliche Verschnürung der unteren Extremitäten, an der ein steinerner Ballast angebracht war. Michael Mende und Mia Zerna wirkten jetzt im hohen Grade angespannt und blass. Schockiert stellten sich bei Beiden die Nackenhaare auf, denn sie hatten den Toten sofort erkannt. Vor ihnen lag der Unternehmer und Ratsherr Wim van Veen; ein eingebürgerter Niederländer, wie Mende wohl wusste. Er war einer der beliebtesten Bürger Aldenthorps.
Kapitel 2
Es war inzwischen weit nach Mitternacht. – Während Mia Zerna mit der Kripo und der Rechtsmedizinerin sprach, saß Michael Mende hinter dem modern eingerichteten Transporter der Spurensicherung in seinem Funkstreifenwagen und hielt die Umgebung des Lokentors im Blick. Eine weiträumige Absperrung um den Fundort des Toten hatte die SpuSi bislang nicht vorgenommen. Eine solche Abgrenzung durch Flatterband war im Moment nicht nötig. Das würde er selbst später anbringen, hatte er den Kollegen von der Kriminaltechnik angeboten. In diese Gegend um das alte Industriegebiet verirrte sich nach einem Feiertag an diesem allzu frühen Morgen niemand. Keine Gaffer. Keine Presse. Im Tagesverlauf natürlich, da würde sich das Ungeheuerliche schnell herumsprechen. Dann würde das Lokentor zur Pilgerstätte. Und dann gäbe es auch für die Weser-Nachrichten kein Halten mehr. Aber das war nicht Mendes Problem. Damit müsste sich dann wohl Kriminaloberkommissarin Christina Engel, von seiner Partnerin kurz Tina genannt, auseinandersetzen. Die Beamtin, mit der Mia befreundet war, war die Pressesprecherin des Ersten Fachkommissariats. – Ganz patent, urteilte Mende über Christina Engel, die sich augenblicklich mit Mia im Gespräch befand, um erste Erkenntnisse zu gewinnen.
Mendes Gedanken rotierten. Zum einen war er zutiefst betroffen, dass van Veen ums Leben gekommen war. Erfolgreicher Unternehmer und gleichzeitig großartiger Mensch. Zudem ein uneigennützig handelnder Politiker, wie man ihn sich nur wünschen konnte und gleichermaßen ein freundlicher Privatmann. Mendes Sangesbruder im Aldenthorper Gesangsverein. Ohne Allüren. Ein Kumpel eben. – Und was mochte Frauke Beck ausstehen, wenn sie die Todesnachricht von ihrem Wim erhalten würde? Frauke, Mendes Nachbarin. Sollte er ihr die Nachricht ... Nein, sicher nicht. Das stand ihm schon alleine dienstlich nicht zu. Und in dieser Nacht schon gar nicht. Man würde auch Wims Bruder informieren müssen; Luuk van Veen, Teilhaber an Wims Importfirma für Blumen, Moose, Schnittgrün und dergleichen. Wie würden sie ihn ausfindig machen können? Er war irgendwo in der Gegend des niederländischen Groningen zuhause und kam nur selten nach Aldenthorp.
Mende ertappte sich dabei, dass die Augen feucht geworden waren. Er spürte einen Kloß im Hals, als er wieder mal zum Lokentor spähte. Was war da passiert? Keine Frage, es sah nach einem Tötungsdelikt mit Fremdeinwirkung aus, wenn man bedachte, wie und wo sie van Veen aufgefunden hatten. Sollte der Fundort auch Tatort sein? Nie und nimmer, war sich Mende sicher. Schon gar nicht, wenn man die Beobachtungen des Anrufers ohne Namen in Betracht zog. Der anonyme Anrufer. Wer war dieser Zeuge? Würde er – oder sie? – zur Aufdeckung dieses Verbrechens beitragen können? Ja, ein Verbrechen. Mende war davon überzeugt; die Umstände sprachen eindeutig dafür. Auch wenn es dem ersten Anschein nach keine äußere Gewalteinwirkung gab. – Was würde Dr. Paula Specht, die Rechtsmedizinerin, im Rahmen ihrer sicher bald gerichtlich angeordneten Obduktion herausfinden können? Die Specht verließ in diesem Moment die Ruine. – Und was würden die Kriminaltechniker entdecken? Die Spurensicherung? Fragen über Fragen.
Mende raffte sich auf, wie versprochen das Flatterband der Polizei anzubringen, als er den Einsatzleiter des THW sah. Dessen Leute hatten ebenfalls gut zu tun, im Rahmen ihrer Amtshilfe die Arbeit der Kripobeamten bei ihrer nicht ungefährlichen Arbeit in den Trümmern dieses schaurigen Gemäuers zu unterstützen. Die Helfer hatten einen Großteil des Gebäudes umfassend ausgeleuchtet. Insbesondere der unmittelbare Fundort der Leiche war in gleißendes Licht leistungsstarker Scheinwerfer getaucht, damit der für die Dokumentation des Tatorts zuständige Fotograf die Auffindesituation bildlich festhalten konnte. Jetzt, da das Lokentor nicht mehr vom Dunkel der Nacht verschluckt wurde, sah Mende ein wenig mehr von den riesigen Lücken im Mauerwerk. Von dem großflächig eingestürzten Dach. Von der maroden Bausubstanz. Von dem instabilen Komplex. Unfassbar, dass eine derartige Bruchbude nicht längst abgetragen worden war.
Mendes Überlegungen wechselten in eine andere Richtung. Wer würde wohl mit der Leitung der Mordkommission betraut werden? Hoffentlich nicht Damme, ging es ihm nunmehr durch den Kopf. Damme, der sich ebenfalls aus Hannover hatte versetzen lassen. Aber im Gegensatz zu Mende war das freiwillig geschehen. Nach Hameln. Um dort Karriere zu machen. Hartmut Damme war ein langjähriger Widersacher, der wesentlich dafür mitverantwortlich war, dass der ehemalige Kriminaloberkommissar Michael Mende seine Stelle in der Hannoverschen Kriminalfachinspektion für Umwelt- und Korruptionskriminalität verloren hatte. Egal, dachte Mende. Was kommt, das kommt. Doch tatsächlich war es Mende nicht egal. Mit Typen wie Damme war er noch nie klargekommen.
Kurz nachdem ein Bestatter mit seinem Leichenwagen vorgefahren war, um den toten van Veen zur eingehenden Untersuchung in die Rechtsmedizin zu bringen, verließ Mia das Lokentor. Mende ging ihr entgegen. Er hob das Absperrband in die Höhe. Mia duckte sich hindurch. Ihr Erscheinen war ihm ein Trost in diesen zutiefst verstörenden Stunden.
Kapitel 3
Sonntag, 4. Oktober. Vormittag. – In Gedanken strich er sich mit der rechten Hand über seinen rötlichen Schnauzbart. Der Leiter des Ersten Fachkommissariats der Polizeiinspektion Hameln, Kriminalhauptkommissar Hartmut Damme, hatte schlechte Laune. Er fühlte sich nicht gut. Das ging schon seit den frühen Morgenstunden so. Und dabei schien es doch dafür keinen Grund zu geben. Schließlich hatten seine Roten gestern das Fußballspiel gegen Braunschweig souverän mit vier zu eins gewonnen. Natürlich war der Derbysieg der Hannoveraner tüchtig gefeiert worden. Immerhin hatte man es trotz dieser fürchterlichen Pandemie über siebentausend Zuschauern erlaubt, live dabei zu sein. Und Damme hatte sich diesen Spaß nicht nehmen lassen.
Jetzt hatte er für dieses Vergnügen zu leiden. Er war unausgeschlafen, verkatert, und es kratzte ihm im Hals. Und weil er bei der kürzlich durchgeführten Personaleinsatzplanung zu großzügig gewesen war, musste er nun persönlich raus, um dieses Liebchen von dem toten Ex-Holländer zu befragen. Aber im Grunde konnte er es sich als Chef auch nicht nehmen lassen, als einer der Ersten in dem Fall zu ermitteln.
Glücklicherweise hatte er sein Engelchen an seiner Seite. Oberkommissarin Christina Engel war nach dem Auffinden des Toten durch die Kollegen von der Streife in der Nacht an Ort und Stelle gewesen und bestens im Bilde. Sie hatte sich nicht nur am Fundort des Toten kundig gemacht, sondern war anschließend mit dem diensthabenden Leiter der Spurensicherung bis zur Firma von Wim van Veen gefahren. Da sie dort keine Spuren eines Einbruchs vorgefunden hatten, waren Betrieb und Wohnung des zwar liierten aber unverheirateten Todesopfers lediglich mit einem polizeilichen Verschlusssiegel versehen worden. Eine penible Überprüfung der Örtlichkeiten stand aus.
Irgendwie bewunderte Damme die Engel. Sie hatte anschließend sicher nur wenig Schlaf mitbekommen und wirkte jetzt trotz allem taufrisch. Sie saß an der Verbindungsstelle zu den anderen Fachkommissariaten. Und sie war Sprecherin für die Nachrichtendienste. Eine perfekte Assistentin, dachte Damme – wohlwissend, dass Christina Engel keineswegs seine Assistentin, sondern eine kompetente Kollegin war, die auch das Zeug dazu gehabt hätte, vor einem halben Jahr die vakante Stelle anzutreten, für die letztlich Hartmut Damme den Zuschlag erhalten hatte. Aber seines Wissens hatte die Engel sich nie beworben, und so musste er keine Gewissensbisse haben. Und vor allem: Es bestand keine Konkurrenzsituation zwischen ihnen, die die Zusammenarbeit möglicherweise erschwert oder gar behindert hätte.
Im Moment empfand Damme die Vorstellung als angenehm, dass sich das Engelchen später mit den Medien rumschlagen würde. Und die Todesnachricht zu überbringen war auch kein Vergnügen. Das würde die Kollegin in wenigen Minuten ebenfalls erledigen. Als Engelchen ist sie dafür auch viel besser prädestiniert, waren seine unangemessenen Gedanken.
Ein letztes Mal ließ er für einige Momente die müden Augen zuklappen, bis er die Meldung des Navis registrierte, dass die Kollegin mit dem Fahrzeug in die Drosselstiege einbog. Ihr Ziel liegt auf der rechten Seite, war die letzte Auskunft des Navigationsgerätes, bevor Damme es ausschaltete.
»So? Wo denn?«, sprach er irritiert zu sich selbst, als er aus dem Wagen ausstieg. Der schlanke, hochgewachsene Ermittler mit seinen silbergrauen Schläfen und den kantigen Gesichtszügen schaute etwas ratlos drein, und beinahe hätte er die Fahrzeugtüre gegen den Stahlrohrpfosten eines Schildermastes geschlagen. Raser sind blöd, stand auf dem Schild geschrieben, das spielende Kinder abbildete und für eine rücksichtsvolle Fahrweise innerhalb des Wohngebietes warb. Damme runzelte die Stirn, während er sich umsah.
Sein Engelchen hatte den Dienstwagen am Straßenrand neben einem Bolzplatz geparkt. Sie begleitete Damme knapp fünfzig Meter weiter, bis sie an das Tor einer Hofeinfahrt gelangten, vor dem ein bordeauxfarbener Corsa parkte. Jetzt hatten sie tatsächlich ihr Ziel erreicht. Einige letzte Wortwechsel. Dann öffnete der Kommissar das Törchen. Mit seiner Kollegin im Schlepptau durchquerte er einen gepflegten Vorgarten. Er hatte bereits einen Finger an der Klingel neben der Haustüre, als jemand um die Hausecke bog.
Überraschung zeigte sich auf dem Gesicht von Frauke Beck, die soeben einige der letzten spätreifenden Himbeeren geerntet hatte, als sich die Beamten auswiesen und vorstellten. Sie bat die Besucher ins Haus, und nachdem Frauke Beck ihr Gesicht mit einem Mund-Nasen-Schutz bedeckt hatte, führte sie die Kriminalisten ins Wohnzimmer, wo Christina Engel mit einfühlsamen Worten den Anlass ihres Erscheinens darlegte. In diesem Moment wünschte sie sich eine Psychologin an ihrer Seite.
Als die Todesnachricht überbracht war, erstarrte Frauke Beck. Wegen der Maske war nur wenig von ihrem Gesicht zu sehen – genug jedoch, um zu erkennen, dass die Gesichtshaut ihre Farbe verlor. Sie wurde aschfahl. Sie spürte, wie ihre Knie weich wurden und dass ihr schwindelig zu werden drohte. Der Boden schien ihr im wahrsten Sinne des Wortes unter den Füßen weggezogen worden zu sein. Sie ließ sich auf einen Schemel fallen. Erschüttert sackte sie zusammen und schlug sich dabei die Hände vors Gesicht.
Auch die Kriminalbeamten hatten Platz genommen. Christina Engel nur kurz, denn als Frauke mit feuchten Augen aufblickte, sich um Luft ringend an den Hals griff und den oberen Blusenknopf öffnete, holte die Engel ihr ein Glas Wasser.
»Trinken Sie nur, das wird Ihnen guttun«, wurde sie von der Beamtin ermuntert.
Die Engel öffnete ein Fenster, während Frauke Beck die Gesichtsbedeckung kurz lupfte, um ein wenig Wasser zu sich zu nehmen. Dabei zeigte sich jetzt die ganze Fassungslosigkeit in ihrem Blick. Ihre Finger krallten sich nun um das Wasserglas. »Oh nein. Bitte nein. Das kann doch nicht … Das darf doch nicht wahr sein«, stöhnte sie. Trotz der kleinen Erfrischung bildete sich ein Schweißfilm auf ihrer Stirn.
»Ich fürchte, Sie brauchen … Wenn Sie wollen … Wir können Ihnen jemanden …« Die Kommissarin suchte nach den passenden Worten, während sie der Beck beruhigend eine Hand auf die Schulter legte, die für einen kurzen Moment dankbar ergriffen wurde. »Ich denke, Sie können Unterstützung gebrauchen. Unser psychologischer Dienst oder ein Seelsorger kann Ihnen …«
Frauke Beck lehnte das Angebot mit einem Kopfschütteln ab. Dann flossen die Tränen. Es folgten einige Augenblicke aufwühlenden Schweigens. Christina Engel nahm Augenkontakt mit dem Kollegen Damme auf und wirkte so auf ihn ein, gemeinsam mit der Beck diese unangenehme erste Phase der Verlusterfahrung zu ertragen.
Weiterhin angestrengt atmend stellte Frauke Beck schließlich das Trinkgefäß auf ein Beistelltischchen. Nach dem intensiven emotionalen Ausbruch lag jetzt nur noch ein Tränenschleier vor ihren Augen. Wie in Trance griff sie hinter sich. Von einem Regalbord nahm sie einen Bilderrahmen. Dreiteilig. Wenn auch nur verschwommen betrachtend, so klammerte sie sich an das Bild mit den drei Fotografien. Das linke Bildelement zeigte Wim van Veen und Frauke Beck, wie sie von zwei Seiten in ein Fischbrötchen bissen. Der Mittelteil: Wim und Frauke, wie sie sich kauend amüsierten. Der dritte Teil der Bilderserie: Wim und Frauke. Ein Kuss.
Frauke legte den Bilderrahmen in ihren Schoß. Wieder flossen ein paar Tränen, die vom Gewebe der Schutzmaske aufgesogen wurden. Wieder griff sie sich an den Hals. »Warum?« Ein heiseres Krächzen. Sie atmete kräftig ein und aus. »Wie ist er denn …« Ein Blick in die Augen des Kriminalbeamten löste zusätzliches Herzklopfen bei Frauke aus. Denn Damme blickte sie jetzt durchdringend an.
»Was ist denn passiert? Ist sein Tod … Hat er mit der Erkrankung zu tun?« Die Todesnachricht hatte Frauke derart verwirrt und überwältigt, dass ihr im Moment nicht einmal bewusst war, dass die Kriminalpolizei kaum vorstellig werden würde, wenn es sich um einen natürlichen Tod handelte.
»Erkrankung? Welche Erkrankung?« Eine kurze Frage von Damme. Nur drei Wörter. Und dennoch waren sie in einem schneidenden aggressiven Tonfall gesagt. Damme hatte offensichtlich erhebliche Mühe, mit der Situation angemessen verantwortungsbewusst und empathisch umzugehen. Auf seiner Stirn zeigten sich zwei streng wirkende Falten.
»Na, er litt doch seit Wochen an einem Infekt.«
»Doch nicht etwa Covid-19?«
»Nein, nein. Ein Harnwegsinfekt hatte ihm zu schaffen gemacht. Auch die Prostata …« Frauke Beck vermochte sich nur in kurzen Sätzen zu äußern. »Auch die Prostata war betroffen. Seine Entzündungswerte waren von heute auf morgen in die Höhe geschnellt. Deswegen war ich doch gestern für Wim unterwegs.«
»Das heißt also, Sie haben ihn gestern gesehen?«
Ein verhaltenes Kopfnicken. Frauke Beck versuchte sich zu sammeln.
»Zuerst hatten wir am Morgen miteinander telefoniert, dann … Es war um die Mittagszeit. Kurz, bevor die Apotheke schloss, hatte ich für Wim eine Packung Antibiotika gekauft. Es war … Es war schon die dritte, die sein Urologe bei der Untersuchung am Vortag verschrieben hatte. Weil doch eine Mitleidenschaft der Blase und eine Schädigung der Nieren befürchtet wurde.«
»Welche Apotheke hatte denn gestern, am Feiertag, geöffnet?«
»Welche Apotheke? – Na die Markt-Apotheke hatte Notdienst. Es war glücklicherweise dieselbe, bei der ich am Freitagnachmittag die Arznei bestellt hatte. Das Mittel war nicht vorrätig und erst zum gestrigen Mittag abholbereit. Und damit Wim die Therapie nahtlos fortsetzen konnte, habe ich ihm das Medikament kurzfristig vorbeigebracht.«
»Das lässt sich nachprüfen?«
Fraukes Augenbrauen zogen sich zusammen. »Wie meinen Sie?«
»Können Sie Ihre Aussage belegen?«
»Wie bitte?« Frauke war irritiert. Dann wurde sie etwas ungehalten. Sie richtete sich auf. »Zweifeln Sie an meiner Aussage?«, fuhr Frauke den Kommissar etwas unwirsch an. Ein ungutes Gefühl überkam sie. Dabei schwang auch Abneigung mit. Wann immer dieser Kommissar seinen Mund auftat, fühlte sie sich provoziert, was von der Kollegin Engel nicht unbemerkt blieb.
»Frau Beck«, eher beruhigend übernahm Christina Engel die Gesprächsführung, »nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand müssen wir in Erwägung ziehen, dass Herr van Veen durch die Hand eines Gewalttäters ...«
»Was? – Wie bitte? Das ist ja furchtbar!«, wurde die Kommissarin durch Frauke unterbrochen. Erschrocken riss die Beck ihre Augen weit auf. »Wissen Sie … » Sie zögerte, »wie kann das sein? Das … Das ist … Ist denn schon … Ich meine, wissen Sie denn schon Genaueres?«, stammelte sie.
»Wir stehen erst am Anfang unserer Ermittlungen. Und deshalb auch unsere Fragen an Sie. Auch wenn wir natürlich sehr gut nachvollziehen können, wie schwer es Ihnen im Moment fallen mag … Bitte entschuldigen Sie unsere direkte Art.« Die Kommissarin war zwar auch eine imposante Erscheinung mit ihren langen blonden Haaren, die heute zu einem Zopf zusammengebunden waren, der bis über ihre Schulter hinausreichte. Sie zeigte aber deutlich mehr Einfühlungsvermögen als ihr Chef.
»Ja, ja. Natürlich.« Frauke nickte. »Also, den Kassenzettel kann ich Ihnen zeigen. Ebenso den vom Supermarkt, der … der wegen dieser Corona-Seuche ausnahmsweise auch öffnen durfte und … Da war ich so um … Ja, es war kurz vor Schließung des Geschäfts um 16 Uhr.«
Frauke erhob sich und holte ihre Handtasche. Sie kramte darin und reichte der Kommissarin die Kassenzettel.
Um 11 Uhr fünfundfünfzig war das Medikament bezahlt worden. Und 15 Uhr zweiundfünfzig wies der Kassenzettel des Einkaufsmarkts den Zeitpunkt des Bon-Endes aus.
»Ich sehe, Sie haben bei dem Discounter auch ein Fotobuch erstanden?«, fragte die Engel.
»Ein Fotobuch?« Damme merkte überrascht auf.
»Es sollte ein Geschenk für Wim werden. Er hat doch ...« Ein kurzes Zögern, dann eine Aussage voller Kummer: »Er hätte doch am ersten November Geburtstag gehabt.«
»Wie alt ...«
»Er wäre einundfünfzig Jahre alt geworden«, kam Frauke mit einem Seufzer einer weiteren Frage Dammes zuvor.
»Und wie alt sind Sie?«
»Neununddreißig.«
»Also etwa zwölf Jahre Unterschied«, stellte Damme brummelnd fest.
»Dürfen wir das Buch einsehen?«, fragte die Kommissarin interessiert.
Frauke stand wieder auf. Sie bemerkte, dass ihre Beine jetzt zitterten. »Wir waren Ende August für eine Woche zusammen verreist. Bad Muskau. In der Oberlausitz, an der Grenze zu Polen.«
»Die Stadt mit diesem … diesem riesigen Park?«, fragte die Engel nach. »Wurde der nicht einst entworfen von diesem … von diesem Fürsten … – Wie heißt der noch?«
»Pückler«, antwortete Frauke Beck. »Fürst Pückler.«
Damme nahm das Fotobuch entgegen. »Ist das der, nachdem diese Eissorte benannt ist?«, knurrte er und erhaschte im Augenwinkel Fraukes bestätigendes Kopfnicken.
»Es waren herrliche Sommertage … Mein Gott, das ist jetzt alles vorbei«, schluchzte sie.
Während Damme durch das Fotobuch blätterte, tat Frauke Beck erneut einen tiefen Seufzer. Es schien, als ob sie nun Redebedarf entwickelte: »Welch ein besch ... Welch ein verlorenes Jahr. Erst fiel unsere Rom-Reise im März ins Wasser. Dann die Sorgen und Ängste durch das Coronavirus. Es folgten die weiteren Beeinträchtigungen durch die derzeitige Seuche. Wenig später ist ... Ist meine Katze Opfer von einem dieser Straßenrowdies geworden. Ein Rüpel, der in einem Affenzahn durch unsere Drosselstiege gerast ist. Die ist doch verkehrsberuhigt. Aber kaum einer hält sich an die Regeln. – Dann kam Wims Infektion. Erst kürzlich ein Rückfall. Dabei war es ihm doch so schwergefallen, kürzerzutreten. Seine Sorge: Das Importgeschäft steht doch unmittelbar vor dem Saisonstart. Und jetzt … Jetzt ist ... alles vorbei.«
Wieder schossen Frauke Tränen in die Augen. Sie ließ ihnen freien Lauf, während sie stöhnend nachfragte: »Wann wurde Wim … Ich meine, wann ist er gestorben? Als ich das Buch gekauft habe, lebte … Lebte er da womöglich schon gar nicht mehr? Mein Gott, eine fürchterliche Vorstellung.«
»Frau Beck, wir können Ihnen derzeit keine Details zum Tod Ihres ... » Christina Engel blickte auf die Fotos: »Sie standen offensichtlich zu Herrn van Veen in einer persönlich engeren Beziehung. Sind … Waren Sie verheiratet?«
Frauke Beck schüttelte den Kopf. Ein unterdrücktes Räuspern. »Aber uns verbindet schon seit über einem Jahr … Ja, wir sind ein Paar. Aber wir wohnen getrennt«, fügte sie schnell hinzu.
»Hatten Sie vor, zusammenzuziehen?«
»Es war gut so, wie es war«, erwiderte sie. Doch wenn man den Beiklang vernahm, der in dieser Aussage mitschwang, dann hörte man Zweifel. Zweifel daran, ob Frauke tatsächlich das Leben mit Wim auf Dauer in zwei getrennten Haushalten hatte verbringen wollen. Das Thema wurde nicht weiter vertieft. Stattdessen war – trotz der Schutzmaske, die den unappetitlichen Klang dämpfte – ein geräuschvolles Nasehochziehen zu vernehmen.
»Frau Beck«, fragte die Engel, »gab es in letzter Zeit besondere Vorkommnisse? Ich meine, war Ihr … War Herr van Veen – abgesehen von seiner Erkrankung oder der Unrast in Anbetracht des Saisonbeginns – irgendwie anders drauf? Hat es ungewöhnliche Anrufe, Post oder Besuche gegeben?«
»Mir ist nichts aufgefallen. Abgesehen von etwas mehr Anspannung und Gereiztheit.«
»Wie äußerte sich das?«
»Naja, indem sich Wim über Vorfälle aufregen konnte, die er früher großzügig weggelächelt hätte. Wenn zum Beispiel die Fensterputzer der Zeitarbeitsfirma unzuverlässig waren. Oder, wenn Kunden die AHA-Regeln ignorierten: Abstand halten, Hygiene beachten, Alltagsmaske tragen.« Frauke bedachte in diesem Moment den Kommissar, der es bisher scheinbar nicht für notwendig erachtet hatte, einen Mund-Nasen-Schutz anzulegen, mit einem vorwurfsvollen Blick. »Oder auch einfach nur, wenn etwas kaputtging. Wenn sich Küchenschränke nicht richtig schließen ließen, wenn mal eine Lampe defekt war oder wenn auch nur ein Wasserhahn tropfte.«
»Können Sie dieses veränderte Verhalten zeitlich fassen?«
»Ich weiß nicht, das ging schon einige Monate so. Nur während unseres Urlaubs – da war er einigermaßen entspannt.«
»Nun gut. Wir hätten dann noch … Frau Beck, Sie könnten uns möglicherweise anderweitig entscheidend weiterhelfen. Denn wir wissen nicht, wie wir seine Angehörigen ausfindig machen können. Und natürlich steht die Frage im Raum, wer sich nun um die geschäftlichen Belange kümmert.«
Wieder schniefte Frauke Beck. »Wim … Wim hat einen Bruder, der Teilhaber am Unternehmen ist. Den sieht man hier aber nur selten. Der wohnt in Holland. Die alten Eltern leben irgendwo im Münsterland.«
»Sie haben vermutlich keine Adressen?«
Frauke Beck verneinte und ergänzte: »Und dann ist da Frau Kunze. Karin Kunze, die die Büroarbeiten und die Buchhaltung erledigt. Die geht bald auf die Rente zu. Sie ist schon ewig in der Firma angestellt. Schon seit der Zeit, als Wims Großeltern noch die Gärtnerei führten. Bevor Wim dann das Geschäft übernahm und expandierte.«
»Das ist also ursprünglich ein Familienbetrieb?«
»Dazu kann Frau Kunze Ihnen sicher umfassend und präziser antworten als ich.«
»Wo, oder ab wann werden wir diese Frau Kunze erreichen können?«
»Üblicherweise … Karin wird morgen gegen 7 Uhr ihre Arbeit aufnehmen. Sie fängt immer um diese Uhrzeit an. Morgen sicher auch. Ich meine mich zu erinnern, dass sie übers Wochenende zu einer Freundin nach Dresden reisen wollte. Aber fragen Sie mich jetzt nicht nach Adressen.«
»Das heißt: Frau Kunze kann an ihren Arbeitsplatz, auch wenn ihr Chef nicht da ist. Habe ich das richtig verstanden?«
»Zum Haupttor und zu den Geschäftsräumen hat sie einen Schlüssel. Da sie häufig als Erste die Firma betritt und meistens auch als Letzte Feierabend macht, ist sie in der Lage und auch befugt, die Alarmanlage ein- und auszuschalten.«
»Haben weitere Angestellte außerhalb der Arbeitszeit Zutritt zum Firmengelände?«
»Seit einigen Monaten ist da außerhalb der Hochsaison lediglich der Herr Stroetmann, der meistens Fahrdienste verrichtet und mit Wim zusammen das Blumensortiment platziert und versorgt … versorgt hat. Und halbtags ist die Liesel van Rennings angestellt, die im Verkaufsladen die Laufkundschaft bedient und zusätzlich als Reinigungskraft beschäftigt ist. Aber die Beiden haben keine Schlüssel für das Firmengelände.«
»Und während der Hochsaison?« Damme wurde zunehmend ungeduldig.
»Wim hat sonst nur Aushilfsfahrer und einige Polinnen beschäftigt, die als Saisonkräfte beim Binden von Gestecken mithelfen. Aber der überwiegende Teil des Importgeschäfts wird ja direkt bei Geschäftspartnern in Polen abgewickelt, wenn die Ware, Schnittgrün aus Dänemark und Zweige und Moose und all diese Dinge, dort verarbeitet werden.«
»Und die dort hergestellten Produkte … Werden die wieder nach Deutschland transportiert?«
»Das sind überwiegend Kränze und Gestecke, die dann bis zu ihrem Verkauf hier in großen Kühlhäusern gelagert werden.«
»Und damit kann man Geld verdienen?«, wunderte sich Kriminalhauptkommissar Damme.
»Dazu kann ich Ihnen nichts sagen, da sprechen Sie besser mit Frau Kunze.« Frauke Beck fixierte nun ihre Hände, die sie sich rieb. Sie hatte kein Verlangen danach, mit dem Kommissar über Wims Firmenangelegenheiten zu sprechen.
»Frau Beck« – die Kommissarin hatte eine weitere Frage: »Haben Sie selbst ebenfalls Schlüssel zum Betrieb von Herrn van Veen?«
»Ich habe nur einen Schlüssel zu seiner Wohnung.«
»Ah. – Ich meine, das ist gut. Denn … Frau Beck, wir hätten da eine Bitte an Sie: Würden Sie uns zu der Wohnung begleiten? Vielleicht finden wir dort einige Hinweise. Zum Beispiel benötigen wir Adressen. Ich meine, jemand muss sich ja um die Firma kümmern. Außerdem benötigen wir dringend einen Angehörigen zur offiziellen Identifizierung des Toten. Und dann brauchen wir Zutritt zur Firma, um weitere Spuren zu sichern. Wir wollen ja nicht auf das Gelände eindringen und dabei Schaden verursachen, wenn es nicht nötig ist.«
»Tja, ich weiß nicht.« Frauke Beck war unsicher.
»Es würde gewiss deutlich schneller gehen, als wenn wir die zeitraubenden Recherchen ... Sehen Sie, die Frau Kunze wird doch sicherlich ein Problem haben, wenn sie morgen zum Dienst erscheint und vor verschlossenen Türen steht. Denn wir mussten den Zugang zum Betrieb erst einmal versiegeln. Da helfen dann auch ihre Schlüssel nicht weiter. Letztendlich muss der Bruder entscheiden, wie es mit der Firma weitergehen soll, wenn er der Teilhaber ist.« Es sei denn, Wim van Veen würde testamentarisch etwas Anderes verfügt haben, dachte die Kommissarin nebenbei, ohne es zur Sprache zu bringen. Aber das sollte ja eigentlich geklärt sein. »Der Bruder ist doch Holländer, sagten Sie. Wo könnten wir den denn wohl antreffen?«
»Der ist aus der Nähe von Groningen – soweit ich informiert bin. Ich weiß allerdings nicht, ob der nur die niederländische Staatsangehörigkeit besitzt oder ob der sich wie Wim hat einbürgern lassen. Meines Wissens ist der auch in Deutschland geboren.«
»Hm. Aus Groningen«, hakte Engel nach. Sie blickte zum Kollegen Damme hinüber. »Nun, die Staatsangehörigkeit ließe sich ja wohl recht schnell feststellen, wenn er denn eingebürgert worden ist. Bleibt zu hoffen, dass er seinen regelmäßigen Aufenthaltsort ordnungsgemäß gemeldet hat. Wenn nicht, haben wir ein Problem. Denn wenn wir erst über den Dienstweg mit den niederländischen Behörden in Kontakt treten müssen, um dann über das Meldeamt die genaue Adresse ermitteln zu können. Bei den dort strengen Datenschutzbestimmungen … Das kann dauern.«
An Frauke gewandt: »Uns läuft die Zeit etwas davon …«
»Ach, na denn. Ich kann Sie ja begleiten, wenn das weiterhilft«, sagte Frauke Beck nun zu.
»Das wird es. Ganz sicher.« Christina Engel wirkte für den Moment erleichtert, zuckte jedoch zusammen, als Damme wieder das Wort ergriff:
»Ach, Frau Beck, wo waren Sie eigentlich am Samstagabend?«
Wieder erntete Damme einen übellaunigen Blick von Frauke, als sie feststellte: »Bis ungefähr 21 Uhr dreißig habe ich mich mit der wenig erbaulichen Ermittlung von Corona-Kontaktpersonen für das Gesundheitsamt herumgeschlagen.«
»So? Wir hörten schon, dass Sie da irgendwie beschäftigt sind. Amtshilfe, nicht wahr? – Gibt es dafür Zeugen?«
»Sie können doch sicher die Telefonate rückverfolgen, die ich geführt habe.« Frauke rollte mit den Augen. Sie war zunehmend gereizt. Und das ließ sie jetzt auch durchblicken. Irgendwie war ihr das alles zu … Irgendwie fühlte sie sich überfordert und genervt. »Danach habe ich noch zwei Stunden gelesen.«
»Gelesen? – Aha. Da ist vermutlich niemand dabei gewesen, oder?«
»Nein, da war niemand dabei.« Frauke Beck wurde patzig.
Als sie sah, wie Damme begleitet von einem süffisanten Lächeln die Stirn runzelte, konnte sie nicht mehr an sich halten. Eine Spitze musste sie diesem unsympathischen Mann mitgeben:
»Ach, Herr Kriminalhauptkommissar. Brauchen Sie im Dienst eigentlich keinen Mund-Nasen-Schutz zu tragen? Das würde mich überraschen. Oder haben Sie ein – möglichst nichtgefälschtes – ärztliches Attest, das Sie von dieser Vorgabe befreit?«
»Was?« Verblüfft schaute Damme ihr nach, als sie sich erhob, zu einem Schrank lief, eine Schublade öffnete und ihr eine bläulich eingefärbte Maske entnahm.
»Die sind in den letzten Monaten eigentlich überall zu kaufen«, sprach Frauke Beck, während sie die Mund-Nasen-Bedeckung dem Beamten reichte. In diesem Moment füllten sich ihre Augen wieder mit Wasser. Sie kämpfte nicht dagegen an und wischte sie lediglich mit dem Handrücken achtlos weg.
»Sind Polizisten eigentlich immer so feinfühlig, wenn sie die Todesnachricht von einem geliebten Menschen zu überbringen haben?«, blaffte sie Damme an. Ernst schaute sie ihn mit ihren arg geröteten Augen an. Dann drehte sie sich um, legte kurz ihre Schutzmaske ab und putzte sich etwas verlegen die Nase. War sie zu forsch geworden? Egal. Es war ihr im Moment alles egal. Sie setzte die Maske wieder auf, während sie sich um Beherrschung bemühte, was ihr kaum gelang. Sie wandte sich dem Beamten erneut zu: »Ich begleite Sie übrigens nur, wenn Sie endlich auch Ihren Beitrag dazu leisten, sich selbst und unsereins zu schützen«, sagte sie an Damme gerichtet. Wieder vergoss sie Tränen. Wieder drohte ihre Stimme zu versagen. »Es gibt doch schon viel zu viele Tote, oder?«, bemerkte sie mehrdeutig.
Kapitel 4
Verstimmt und mit grimmiger Miene ertrug Kriminalhauptkommissar Hartmut Damme die kurze Fahrt zum Betrieb des toten van Veen auf der Welseder Heide. Die Häme von diesem Weibsbild Frauke Beck war immerzu spürbar. Er wusste eigentlich gar nicht genau zu beschreiben, was ihn gegen diese Frau von Anfang an so eingenommen hatte. Da schien einfach die Chemie nicht zu stimmen. Aber besonders übel hatte er ihr den letzten Auftritt genommen. Diese Peinlichkeit. Dass aber auch ausgerechnet sein Engelchen eine solche Szene mitbekommen hatte. Es wäre schon ein Wunder, wenn dieser Vorgang unter den Kollegen nicht bald die Runde machen würde.
Während Christina Engel wieder den Dienstwagen fuhr, blickte Damme aus seiner Position als Beifahrer kurz in seinen Innenspiegel. Da saß die Beck. Ziemlich in sich gekehrt hantierten ihre Finger mit einem Schlüssel. Immerhin hatte sich diese Frau letztlich dazu durchgerungen, den Kommissaren einen Blick in van Veens Wohnung zu gewähren. Vielleicht konnten da schon einige Erkenntnisse gesammelt werden, bevor Damme die Spurensicherung anrücken lassen musste und bevor der Bruder des Toten irgendwann aufkreuzte.
Damme wandte seinen Blick von der Partnerin des Opfers ab, als nach wenigen Minuten das Betriebsgelände erreicht wurde. Der Betrieb lag etwas abseits, außerhalb des Stadtrands, jenseits einer Biogasanlage in direkter Nachbarschaft. Hier tummelten sich allenfalls Besucher, Kunden oder Spaziergänger, die der Weg an einem ehemaligen und heute noch so genannten Mühlbach vorbei in ein nahegelegenes Wäldchen führen würde. Van Veens Firma war von einem Zaun umgeben. In einer Höhe von gut zweieinhalb Metern, war die aus stabilen Gittermatten bestehende Umzäunung zusätzlich mit Stacheldraht versehen. Diese Barriere war gewiss nicht einfach zu überwinden. Als Damme das Auto verließ, sah er ein großes, mit Kameras versehenes geschlossenes Tor, das die Zufahrt auf das Gelände verhinderte. Ebenso war der Einlass für Personen verschlossen. Auch er wurde von einer Überwachungskamera erfasst. Neben der Pforte registrierte Damme einen zweigeschossigen Flachdachbau mit mehreren Eingängen.
Im Gegensatz zu Hartmut Damme war Christina Engel von der bisherigen Begegnung mit Frauke Beck angetan. Sie konnte das Verhalten der Frau gut nachempfinden. Zufrieden und neugierig folgte sie ihr, als die Beck eine der Eingangstüren und schließlich die Wohnungstür von Wim van Veen aufschloss, nachdem das Polizeisiegel entfernt worden war. Die Engel streckte van Veens Lebensgefährtin eine geöffnete Hand entgegen. Einen Moment schauten sich die beiden Frauen in die Augen, dann händigte die Beck der Kriminalistin wortlos den Schlüssel aus.
Die Kommissare zogen Latexhandschuhe über, um eine mögliche Kontamination später zu sichernder Spuren zu vermeiden. Auch weiße Überziehschuhe aus Kunststoff legten sie an.
»Sicher wird man Ihre Fingerabdrücke hier zuhauf finden, denke ich. Dennoch möchte ich Sie bitten, ab jetzt nichts mehr anzufassen. Zunächst muss unsere Spurensicherung ihre Ermittlungsarbeit abgeschlossen haben«, wurde die Beck, die zunächst auf der Türschwelle stehengeblieben war, von Damme angewiesen. Engel reichte auch ihr ein Paar Plastiküberzieher für die Schuhe. Verständnisvoll nickend wagte van Veens Partnerin einige Schritte in den Flur und beobachtete die beiden Beamten, wie sie die gepflegte und vor allem praktisch eingerichtete Wohnung in Augenschein nahmen.
Zumindest traf dieser Stil den persönlichen Geschmack der Kommissarin. Kein Protz. Nicht mit irgendwelchen teuren Antiquitäten vollgestellt. Kein altertümlicher Stil. Auch nicht zu modern oder gar steril. Eher nur zweckmäßig und … bescheiden. Akzeptabel aufgeräumt; keineswegs pingelig oder zu penibel. Die Räume wirkten … eben wie regelmäßig bewohnt.
Das Wohnzimmer war zweigeteilt: Eine Essecke mit einem runden Tisch und gepolsterten Stühlen. Schnell erfasste Christina Engel, dass die Tischfläche bei Bedarf erweitert werden konnte. Gegenüber: Eine Sitzgruppe. Tief dunkelblaues Leder; schlicht im Stil. Eine Decke, passende Kissen. Eine Leselampe. Ein Relaxsessel. Ein ovales Holztischchen mit einem eingearbeiteten geschliffenen Granit fügte sich gut ein. Über der Sitzgruppe an einer Wand: Landschaftsaquarelle mit Motiven aus der Umgebung. Es gab keine Gardinen. Typisch holländisch, bemühte die Engel in Gedanken ein Klischee. Da schien sich Wim van Veen etwas von seinen Vorfahren abgeguckt zu haben. Dennoch hatte der Raum Atmosphäre. Dazu trugen gewiss auch der scheinbar handgeknüpfte Wollteppich auf dem hellen Parkettboden bei sowie die beiden Kübel mit groß gewachsenen exotischen Grünpflanzen in Hydrokultur, einige üppig blühende Orchideen auf einer Blumenbank in einer Ecke in der Nähe der Terrassentür und ein kleines Sortiment kunstvoll beschnittener Bonsai auf der Fensterbank. Schließlich war da diese Schrankwand mit Vitrine, Regalböden, integriertem Bord für Fernseher und Musikanlage, mit alten Platten und CDs. Überwiegend Klassik mit Instrumental- und Chormusik. Aber auch Filmmusik war reichlich dabei. Auf Schlager und Partymusik schien van Veen nicht zu stehen. Und Bücher? Autobiografien von Politikern, Reiseliteratur, moderne Belletristik, aber auch Werke älterer sozialkritischer Autoren. Brecht, Böll, Grass. Daneben Zeitschriftensammlungen. Vor allem mit Beiträgen und Dokumentationen zu den weniger wohlhabenden Ländern der Erde. Christina Engel öffnete die Klappe zu einem Barfach: Wenige unbedeutende Spirituosen. Für van Veen schienen harte alkoholische Getränke nicht wichtig gewesen zu sein.
Die Kommissarin betrat die Küche: Der Geschirrspüler war zur Hälfte mit benutztem Geschirr gefüllt. Der Tisch war ordentlich abgeräumt. Ein Blick in die Vorratshaltung: Kaum Konserven. Es dominierten Vollwertprodukte. Van Veen schien sich um eine gesunde Lebensweise bemüht zu haben. Dazu passte es, dass es keine Hinweise auf Zigarettenkonsum gab. An mehreren Stellen in der Wohnung waren kleine mit Kürbiskernen gefüllte Schälchen platziert. Hier hatte sich jemand konsequent und nach Kräften bemüht, etwas gegen seine Erkrankung zu tun.
Im Bad gab es lediglich eine Dusche; keine Badewanne. Christina Engel ließ den Blick schweifen. Ein WC, ein Bidet, zwei Waschbecken mit je einer Ablagefläche. Die darauf befindlichen Utensilien waren eindeutig: Den einen Waschplatz benutzte er, der andere war für sie bestückt und war sicher im Gebrauch, wenn Frauke Beck im Reich ihres Geliebten verweilte. Im Bad fand auch eine Waschmaschine Platz. Daneben zwei Behälter mit Schmutzwäsche. Die Wäsche war bereits vorsortiert.
Im Gäste-WC hing ein Medikamentenschränkchen an der Wand. Der Inhalt gab auf dem ersten Blick keine Besonderheiten preis: Pflaster, herkömmliche Schmerztabletten, Nahrungsergänzungsmittel. Fläschchen mit homöopathischen Arzneimitteln in Form von Globuli sowie Mineralsalze. Einiges an Zubehör aus einem Erste-Hilfe-Kasten. Obenauf lagen das besagte Antibiotikum und ein unterstützendes pflanzliches Mittel gegen die akute Erkrankung. Etwas auffällig war, dass dieses kleine Sortiment in einem ziemlichen Durcheinander in dem Schränkchen verstaut war. Es wirkte wie durchwühlt.
Etwas chaotisch ging es auch in einer Besenkammer zu. Und als die Kommissarin das Schlafzimmer betrat, fand sie ein zweiteiliges Boxspringbett vor. Der auf der Fensterseite befindliche Teil des Doppelbettes war zum Lüften hochgestellt. Der Bettkasten war leer. Auf der anderen Betthälfte stapelten sich Topper, Decken und Kissen.
Christina Engel zückte ihr Smartphone und notierte sich stichwortartig ihre Beobachtungen. Just, als sie schließlich das Büro aufsuchen wollte, trat ihr Damme entgegen.
»PC, Laptop oder dergleichen gibt’s nicht«, murrte er. »Bis auf ein paar lose Kabel. Kein Router, keine Telefone, weder stationäre noch mobile Geräte. Wäre ja auch zu schön gewesen. Ob’s da für uns irgendwas zu orten und zurückzuverfolgen gibt?« Skepsis lag in seinen Worten.
Christina Engel sah, dass sich auf dem Schreibtisch ein Monitor und auch ein Drucker befanden. In der Tat, die Rechnereinheit war verschwunden. Auch ein Tablet oder irgendwelche Speichermedien waren auf die Schnelle nicht zu entdecken.
»Wer weiß. Wenn wir den Kriminaltechnikern Zeit geben«, sprach sie halblaut. »Die haben schon manches rekonstruieren können.« Christina Engel hatte großen Respekt vor den Frauen und Männern der Spurensicherung, wenn sie in Windeseile ihrer Arbeit nachkamen.
Ist dies das erste Zeichen dafür, dass es van Veen in seiner Wohnung mit jemandem zu tun gehabt hatte, der es nicht gut mit ihm gemeint hatte?, überlegte sie unmittelbar danach. Jemand, den er gekannt hatte? Dem er womöglich selbst Einlass in seine Wohnung gewährt hatte? Sie drehte sich um. Auf einem Regalbrett lag eine Kompaktkamera. Immerhin. Vielleicht würden sich auf der Speicherkarte interessante Informationen finden lassen. – Neben der Kamera war eine Galerie gerahmter Bilder aufgereiht. Nicht zu übersehen: Ein dreigeteiltes Bild. So wie es auch bei Frauke Beck vorhanden war. Ansonsten: Fotos, die möglicherweise die Eltern des Toten zeigten. Und auch Aufnahmen von deutlich älteren Herrschaften. Die Großelterngeneration?, ging es Christina Engel durch den Kopf. – Kein Bild von dem Bruder. Merkwürdig. Keine Aufnahmen aus dem Geschäftsleben oder aus van Veens Alltag als Politiker. Stattdessen dominierten Schnappschüsse. Augenblicke, die bei Karnevalsveranstaltungen festgehalten worden waren und Momentaufnahmen mit Frauke im Mittelpunkt des Geschehens. Frauke. Immer wieder Frauke. – Ein kleiner hölzerner Wunschbaum komplettierte die Dekoration. Liebe, Glück, Vertrauen, Gesundheit, Freundschaft, Frohsinn, Nähe und Wärme waren die auf den stilisierten Ästen des Bäumchens eingravierten Schlagworte. Wim van Veen war wohl ein harmoniebedürftiger Mensch, so schien es. Der seine Kräfte, seinen Lebenssinn, nur von den Menschen bekam, die hier abgebildet waren? Ist zum jetzigen Zeitpunkt vielleicht etwas sehr weit hergeholt, relativierte die Kommissarin ihre Mutmaßung.
