Vater, Mutter, Kind und Hund - Eva-Maria Horn - E-Book

Vater, Mutter, Kind und Hund E-Book

Eva Maria Horn

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Beschreibung

Die Familie ist ein Hort der Liebe, Geborgenheit und Zärtlichkeit. Wir alle sehnen uns nach diesem Flucht- und Orientierungspunkt, der unsere persönliche Welt zusammenhält und schön macht. Das wichtigste Bindeglied der Familie ist Mami. In diesen herzenswarmen Romanen wird davon mit meisterhafter Einfühlung erzählt. Die Romanreihe Mami setzt einen unerschütterlichen Wert der Liebe, begeistert die Menschen und lässt sie in unruhigen Zeiten Mut und Hoffnung schöpfen. Kinderglück und Elternfreuden sind durch nichts auf der Welt zu ersetzen. Genau davon kündet Mami. Christian Neuer war Freier Mitarbeiter des größten Verlages der Stadt. Es sollte ein besonderer Artikel werden, an dem er arbeitete, jedes Wort musste genau überlegt werden. Er wollte den Bürgern die Augen öffnen, viel zu wenig waren diese Unregelmäßigkeiten bekannt. Aber er konnte sich einfach nicht konzentrieren. Immer wieder sah er zu Christine hinüber. Sie war das Küken im Verlag, eigentlich das Mädchen für alles. Er wusste leider viel zu wenig von ihr. Sie war sehr zurückhaltend, immer freundlich, aber verschwiegen wie eine Auster. Ihm war nur bekannt, dass sie Jura studierte, aber das Studium abgebrochen hatte. Karriere würde sie in diesem Haus nicht machen, sie war viel zu sanft, besaß keine Ellbogen. Jedenfalls förderte das Mädchen seine Beschützerinstinkte ans Licht. Mochte er sie darum? Wenn man ihr ein Kompliment machte, wurde sie rot. Und ihre blauen Augen bekamen einen Ausdruck, dass man sich wie ein Schuljunge fühlte. Ob er zu ihr ging und sie fragte, ob sie Hilfe brauchte? Vielleicht kam sie mit dem Computer nicht zurecht. Auf ihrem Haar lag ein Sonnenstrahl und ließ es leuchten wie reife Kastanien. Jetzt nahm sie einen Brief in die Hand, legte ihn zurück. »Morgen zusammen«, schmetterte Hanna in den Raum und ließ die Tür einfach zufallen.

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Seitenzahl: 118

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Mami – 2149 –Vater, Mutter, Kind und Hund

Ob Florians innigster Wunsch sich je erfüllt?

Eva-Maria Horn

Christian Neuer war Freier Mitarbeiter des größten Verlages der Stadt. Es sollte ein besonderer Artikel werden, an dem er arbeitete, jedes Wort musste genau überlegt werden. Er wollte den Bürgern die Augen öffnen, viel zu wenig waren diese Unregelmäßigkeiten bekannt.

Aber er konnte sich einfach nicht konzentrieren. Immer wieder sah er zu Christine hinüber. Sie war das Küken im Verlag, eigentlich das Mädchen für alles. Er wusste leider viel zu wenig von ihr. Sie war sehr zurückhaltend, immer freundlich, aber verschwiegen wie eine Auster. Ihm war nur bekannt, dass sie Jura studierte, aber das Studium abgebrochen hatte.

Karriere würde sie in diesem Haus nicht machen, sie war viel zu sanft, besaß keine Ellbogen. Jedenfalls förderte das Mädchen seine Beschützerinstinkte ans Licht. Mochte er sie darum? Wenn man ihr ein Kompliment machte, wurde sie rot. Und ihre blauen Augen bekamen einen Ausdruck, dass man sich wie ein Schuljunge fühlte.

Ob er zu ihr ging und sie fragte, ob sie Hilfe brauchte? Vielleicht kam sie mit dem Computer nicht zurecht. Auf ihrem Haar lag ein Sonnenstrahl und ließ es leuchten wie reife Kastanien.

Jetzt nahm sie einen Brief in die Hand, legte ihn zurück.

»Morgen zusammen«, schmetterte Hanna in den Raum und ließ die Tür einfach zufallen. Hanna arbeitete im Personalbüro, um diesen Posten beneidete sie niemand. Sie setzte sich auf Christines Schreibtischkante.

»Ich kann unmöglich bis zur Pause warten, Christine. Ich platze vor Neugier. Du hast also einen Brief bekommen. Sag’ sofort, ob es sich um eine Schreckensnachricht handelt, dann kannst du bis zum Abend mit der Eröffnung warten.«

Alle starrten zu den beiden Mädchen hinüber. Christian war aufgestanden, er musste unbedingt in ihrer Nähe sein.

Christine sah sich verlegen um. »Sei doch nicht so laut. So interessant ist es nun auch nicht. Lies selbst.«

Sie reichte ihr den Umschlag, Hanna nahm einen gelben, bunt bemalten Bogen heraus. Der Mund blieb ihr offen stehen.

»Himmel. Das darf doch nicht wahr sein. Und da sagst du, es ist nichts Besonderes? Leute, hört euch das an!

Christine hat bei einem Preisausschreiben den ersten Platz gewonnen. Und der erste Preis ist ein Aufenthalt in St. Moritz. 14 Tage im Hotel Graubünden!« Sie hielt den Brief in der Hand und starrte ihre Freundin an.

»Und bei solch einem Geschenk sitzt du hier?«

»Wo soll ich denn sonst sein??«

»Wo? Na oben beim Alten. Urlaub musst du einreichen.«

Die Stimmen schwirrten durcheinander, selbst aus den anliegenden Büroräumen kamen die Kollegen heraus.

»Das nenn ich Glück«, strahlte Christian sie an. »Fahren Sie Ski, Christine?«

»Fahren kann man das nicht nennen.« Christine hasste es, im Mittelpunkt zu stehen.

»Bescheiden wie immer«, ärgerte Hanna sie. »Sie fährt so gar ausgezeichnet, trotz der schon alten Bretter …«

»Sie sind wirklich ein Glückspilz«, erklärte der alte Huber. »Als der liebe Gott die Schönheit verteilte, war er bei Ihnen sehr großzügig. Sie werden in St. Moritz ganz bestimmt nicht einsam sein.«

»Wie heißt das Hotel?«, wollte Christian wissen.

»Hotel Graubünden.«

»Kenn ich«, trompetete der lange Theo. »Da war ich mal zu einer Tagung. Toller Kasten, könnte ich mir privat nie leisten.«

Christine holte tief Luft, vermutlich hatte sie ein knallrotes Gesicht, so verlegen war sie.

»Das ist es eben. Und darum fahre ich nicht. Ich verkaufe den Preis.«

»Das kannst du nicht«, erklärte Hanna erleichtert. »Hier steht, der Gewinn ist nicht übertragbar. Du wirst doch nicht so dämlich sein und lässt ihn verfallen, das wäre dir glatt zuzutrauen.«

»Warum willst du nicht fahren, du Küken?«

Hilflos sah Christine von einem zum anderen. Verstand das denn niemand?

»Weil das ein vornehmes Hotel ist und ich dafür nicht die passende Garderobe habe.«

»Quatsch«, winkte Theo ab. »Wenn man so aussieht wie Sie, braucht man das nicht. Sie sehen immer toll aus, selbst wenn Sie in einem Sack hereinhüpfen.«

»Du redest Blödsinn«, wies Hanna ihn zurecht. »Die richtigen Klamotten gehören für eine Frau dazu. Ein Mann hat es leider leichter. Aber das ist überhaupt kein Problem. Ich bin leider dicker als du, Christine, von mir passen dir höchstens Pullover. Aber meine Schwester hat deine Figur. Und natürlich Luise. Zu der gehe ich sofort. Ich schlage vor, wir treffen uns heute Abend bei dir und machen eine Lagebesprechung.«

»Ohne uns«, maulte Theo resig-niert.

»Aber ich könnte euch wertvolle Tipps geben«, sagte Christian. »Skiklamotten könnte ich beisteuern. Außerdem war ich schon oft in der Schweiz.«

»Da ist der Schnee wie überall, und den Kaffee kochen sie auch mit Wasser«, wies Hanna ihn un-gnädig zurecht. »Aber kommen kannst du. Männeraugen können wir bei der Kleiderfrage gebrauchen.«

»Hör mal«, versuchte Christine zu protestieren.

Hanna winkte nur ab. »Geschenkt. Wir sind heute Abend gegen sieben Uhr bei dir. Gegen einen guten Wein haben wir nichts, sonst hast du nichts zu tun.«

Im lebhaftem Gespräch gingen alle an ihre Arbeit zurück. Christian hatte ein ungutes Gefühl, wenn er an diese Reise dachte. Nicht einmal vor sich selbst wollte er es eingestehen, dass es Eifersucht war. Wie sollte er in dieser Verfassung einen anständigen Artikel schreiben?

Hanna war zurückgeblieben.

»Mach doch nicht so ein Gesicht, Christine«, tadelte sie die Freundin. »Du hast allen Grund zur Freude. Du bist richtig undankbar. Du hockst doch nur in deiner Wohnung, unternimmst kaum etwas.«

»Tu ich doch«, wehrte Christine sich. »Ich war erst Sonntag im Museum.«

»Pah. Das ist wieder mal typisch. Für deine Bildung tust du genug, das weiß ich auch. Aber jetzt ist Vergnügen dran. Ich muss los, sonst kriegt der Bauer einen Tobsuchtsanfall, der hat bestimmt schon zehn Mal zur Uhr geguckt und wird sich fragen, wo ich geblieben bin.«

*

Hanna und ihre Schwester schleppen zwei prall gefüllte Koffer heran.

»Deine Treppen bringen mich noch um«, stöhnte Hanna und ließ sich in der kleinen Diele auf den Sessel fallen.

»Vorsicht«, lachte ihre Schwes-ter, »das ist eine Antiquität, der hält dein Gewicht nicht aus.«

»So gemein können Schwestern sein, Christine. Ständig reibt sie mir mein Gewicht unter die Nase.«

»Ihr habt euch aber auch abgeschleppt!« Christine empfand nicht die geringste Freude. Dieses Theater war ihr nur unangenehm. Und als Christian mit zwei Flaschen Wein die Wohnung betrat, wusste sie vor Verlegenheit kein Wort zu sagen.

Der stand da, pfiff durch die Zähne und staunte.

»Donnerwetter, das nenn ich mal eine geschmackvoll eingerichtete Wohnung.«

»Die leider viel zu hoch liegt«, klagte Hanna, die die mitgebrachten Sachen auf Stühle und Sessel verteilte.

»Wie haben Sie die aufgetrieben, Christine?«, staunte der junge Mann noch immer. »Wohnungen sind in dieser Stadt rar, und eine solche besonders.«

»Sie hat sie gekauft« klärte Hanna ihn auf. »Darum ist sie klamm in der Brieftasche. Offensichtlich hat es Christine die Sprache verschlagen. Aber du wirst Christian sagen müssen, wo er Gläser finden kann.«

»Hanna, du bist wie eine Dampfwalze. Ich will das alles nicht. Ich habe überhaupt keine Lust zu fahren.«

»Red keinen Unsinn«, wies Hanna sie zurecht.

»Du sprichst mit ihr, als wärst du ihre Oma«, stichelte Christian, der Mitleid mit Christine hatte. »Aber natürlich müssen Sie fahren. Es wird Ihnen gefallen, das weiß ich bestimmt.«

»Ihr brecht euch mit eurer Siezerei noch die Zunge. In dem Verlag in dem ich früher arbeitete, duzten sich alle.«

»Setzt euch erst mal«, bat Chris-tine nervös. Mit dem Zeigefinger strich sie eine Haarsträhne am Ohr zurück. Selbst diese Geste fand Christian bezaubernd, er hatte schon festgestellt, dass sie das machte, wenn sie verlegen war. Christian betrachtete ehrfürchtig den flämischen Schrank, aus dem sie die Gläser nahm.

Er war aufgestanden und war schon neben ihr. Beinahe andächtig strich er mit dem Zeigefinger über das Holz.

»Das ist ja eine Schönheit«, staunte er. Er sah sich im Zimmer um. »Sagen Sie, woher haben Sie diese wundervollen Antiquitäten?«

»Geerbt«, erklärte sie. Mit unbehaglichem Gesicht sah sie zu, wie Hanna noch mehr Kleider aus dem Koffer nahm. »Sehen Sie sich ruhig um.« Aber sie sah ihn nicht an dabei. »Hanna, jetzt werde ich aber langsam sauer. Was soll das denn? Es ist nett von euch, dass ihr euch solche Mühe macht, aber ich brauche das alles nicht. Tagsüber bin ich auf der Piste, und für abends habe ich Klamotten genug. Mach nicht so ein Gesicht, Hanna. Was ist an meinen Hosen auszusetzen und an meinem Schottenrock?«

Hanna rang in gespielter Verzweiflung die Hände.

»Hast du das gehört, Christian? Himmel, du sollst nicht die Möbel bewundern, dazu bist du nicht hier. Sie will in ihrem Schottenrock erscheinen. Christine, das ist vielleicht das erste, mindestens das zweite Haus am Platz. Du wirst über Pelze und ausgefallene Garderobe stolpern. Keine Frau fühlt sich wohl, wenn sie nicht richtig angezogen ist.«

Christian murmelte etwas, hörte aber nur mit halbem Ohr zu. Er stand vor dem Sekretär, der zwischen den beiden Fenstern stand. Er wusste nicht viel über Antiquitäten, aber dass in diesem Zimmer Kostbarkeiten standen, das sah sogar er. Dieser Sekretär hätte in jedem Museum Aufsehen erregt. Ob sie wusste, welches Holz es war? Kastanie vielleicht. Und wer war dieses Mädchen? Im Verlag gab sie sich, als könnte sie nicht bis drei zählen.

»Jetzt komm endlich, Christian. Vielleicht kannst du dieses Mädchen zur Vernunft bringen. Du bist ein Mann von Welt.«

Er hielt das Glas noch immer in der Hand, kam langsam näher und setzte sich auf die Lehne eines Sessels, der mit Kleidern bedeckt war.

»Ich meine, ein Mädchen, das sich mit so viel Geschmack eingerichtet hat, wird sich in jedem Rahmen bewegen können. Ob sie nun einen Schottenrock an hat oder nicht.«

»Du bist uns wirklich eine große Hilfe«, entrüstete Hanna sich. »Christine, du brauchst mindes-tens zwei Abendkleider. Mindes-tens. Und ein kleines Schwarzes brauchst du auch. Am liebsten würde ich mitfahren.« Sie seufzte tief.

»Ja, Mütterchen«, spottete ihre Schwester. »Christine kommt auch ohne dich zurecht, besser noch. Aber ganz unrecht hat Hanna nicht, Christine. Zu besonderen Gelegenheiten braucht man auch besondere Kleidung. Sie wollen doch bestimmt nicht aus dem Rahmen fallen.«

»Ich fühle mich bestimmt wie eine Hochstaplerin. Ein Hotel, das ich mir nicht leisten kann, und dazu geliehene Kleider.«

*

Es waren hektische Tage gewesen. Christine war kaum zu Verstand gekommen. Sie hatte kaum bemerkt, wie eifrig Christian um sie bemüht war.

Es ärgerte sie, dass sie Vorschuss nehmen musste. Diese Reise brachte ihre ganze Planung durcheinander und riss ein dickes Loch in ihre Konten.

Aber jetzt saß sie im Zug, Hanna hatte sie zum Bahnhof gebracht. Im letzten Moment war auch Christian aufgetaucht, bepackt mit Zeitungen, Pralinen und einer eingepackten Flasche.

»Es ist eine lange Fahrt, Christine, die ist auch nicht kürzer, weil Sie erster Klasse fahren können. Denken Sie daran, dass Sie in Chur umsteigen müssen, und …«

Christine hielt sich die Ohren zu. »Ich habe einen Fahrplan, seit Tagen macht Hanna nichts anderes, als mir alles zehn mal zu erzählen.«

»Entschuldigung.« Christian reichte ihr reumütig seine Mitbringsel. Er wünschte Hanna zum Teufel, es war einfach nicht möglich, Christine einmal allein anzutreffen. Und er hatte ihr so viel zu sagen.

Jetzt lag der Abschied hinter Christine. Das Abteil war mit älteren Herrschaften besetzt, mit lauter Paaren. Sie lehnte sich auf dem bequemen Sitz zurecht und ließ die Landschaft an sich vorüberfliegen. Und endlich fiel die Hektik der letzten Tage von ihr ab.

Schüttle alles, was belastet, von dir ab, mahnte sie sich, während ihre Augen die Landschaft bewunderten. Freu dich einfach. Die Reise ist ein Geschenk, vermutlich wirst du nie wieder nach St. Moritz kommen.

In Chur nahm ein freundlicher Herr ihr den Koffer ab und brachte sie bis zum Zug. Sie befürchtete schon, er würde sich an ihre Fersen heften. Aber er stieg in der zweiten Klasse ein.

Es war eine traumhaft schöne Fahrt, und plötzlich sehnte sich Christine danach, einen Menschen neben sich zu wissen, mit dem sie die Schönheit genießen konnte. Jetzt wäre ihr sogar Christian recht gewesen.

Es müsste schön sein, einen Menschen zu haben, mit dem man alles teilen konnte, die schönen wie die schlechten Stunden. Sie sah auf die tief verschneiten Bäume, Wiesen und Felder, die unter Schnee begraben waren. Angesichts der Schönheit der Landschaft schmerzte ihre Einsamkeit. Einsam und allein würde sie auch in dem Hotel sein. Die ganze Fahrt war ein Wahnsinn, in Zukunft würde sie kein Preisausschreiben mehr abschicken. Bevor sie den Bahnhof St. Moritz erreichten, hatten sich die schwarzen Gedanken verdichtet. Am liebsten wäre sie gar nicht ausgestiegen; Lachen und Rufen war um sie her. Menschen fielen sich in die Arme, ein junger Mann schwenkte ein Mädchen durch die Luft. Verloren stand Christine einen Moment neben ihrem Koffer. Was jetzt? Wie weit war der Weg zu ihrem Hotel? Auf keinen Fall würde sie ein Taxi nehmen.

»Entschuldigen Sie.« Christine fuhr zusammen. Ein Mann in einer blauen Kittelschürze über einem dicken Pullover stand vor ihr. Ein Schild trug er in der Hand:

Hotel Graubünden

»Ich soll eine junge Dame abholen. Ein Fräulein Christine Weber.«

Sie verstand ihn kaum, dabei bemühte sich der Mann, langsam und deutlich zu sprechen.

»Das bin ich.«

»Dann kommen Sie.« Er nahm ihren Koffer, wollte ihr auch die Tasche abnehmen. Er ging ihr voran. Erleichtert folgte Christine ihm. Der Bahnsteig hatte sich geleert. Die Autos waren fort, nur eine Kutsche mit einem wundervollem Pferd stand unter einer altmodischen Laterne.

Der Mann legte sorgfältig den Koffer in die Kutsche und lächelte Christine auffordernd an.

»Ich soll mit der Kutsche fahren?« Sie strahlte den Mann an, ihre Augen waren blau wie der Himmel. »Das ist eine Freude.«

Sie ging zum Pferd, klopfte es und legte ihren Kopf an Flockis Hals.

So einen Gast hat es schon lange nicht mehr gegeben, dachte Adrian bei sich. Die würde an der Schönheit seiner Bergwelt nicht vorübergehen, die sah sie.

Er half ihr behutsam in die Kutsche und legte ihr fürsorglich eine Decke über die Knie.

Adrian war ein sehr schweigsamer Mann, der höchstens mit seinen Pferden sprach. Aber jetzt lief ihm der Mund über. Mit der Peitsche zeigte er auf seine Berge, er kannte sie alle beim Namen. »Schön zu fahren ist es auf dem Piz Nair.« Er musterte sie von der Seite. »Sie wollen doch Ski fahren?«

Sie nickte, strahlte noch immer, sie drehte den Kopf und wusste nicht, wohin sie noch schauen sollte.