Vendetta dolce - Alyssa McNamara - E-Book

Vendetta dolce E-Book

Alyssa McNamara

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Beschreibung


Die Rache wird kommen, anders als ihr denkt!


Jahre vergehen und das Glück hält Einzug.

Bis eine Bedrohung die heile Welt von Antonio und Emilia gefährdet.

Freunde richten sich gegen sie und ein neuer Feind betritt das Parkett.

Wer ist er?

Ein Name fällt …

Eine Bedrohung schleicht sich in unmittelbare Nähe …

Ein gefährliches Spiel beginnt …

… und die Frage, die sich stellt:

Wer ist Il Toro?


Der 2. Band der Calderone-Reihe.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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ISBN: 978-375-92899-6-4

© sconfinato, 2. Auflage © Alyssa McNamara

© Leone Books Edition, Ebenfurth 2022

Covermaterial: Bilder unter Lizenzierung von Freepik.com genutzt

Alle Rechte vorbehalten

Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form ohne schriftliche

Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung

elektonischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Medieninhaber, Verleger und Herausgeber:

Sconfinato

Neubaugasse 4

2490 Ebenfurth

 

 

 

 

 

 

 

 

Prolog

Il Matrimonio

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Epilog

Italienische Ausdrücke

Danksagung

 

Prolog

 

 

 

Im Dunkel der Schatten beobachtete ich, von meinem abgeschotteten Standpunkt aus, eine Frau und ihren Bodyguard. Oder was der Schrank auch immer darstellte.

Meine Miene verhärtete sich und Abscheu loderte in meinem Inneren. Tief verborgen, dort wo sich der Hass befand. Es war ein starkes Gefühl, das mich umgab. Und es würde mich auf meinen weiteren Schritten begleiten. Solange bis ich meine Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit erfüllte.

Es war nicht so, dass ich meinem Erzeuger irgendetwas schuldete. Ich schnaubte. Nein, wirklich nicht. Er sollte genau dort verrotten, in die seine schwarze Seele geschickt wurde. In die Hölle.

Vermutlich hätte ich meinen Vater eigenhändig umgebracht, wenn Calderone und seine Handlanger mir nicht zuvor gekommen wären. Jetzt war es geschehen. Einer weniger.

Allerdings stand ich vor einem weiteren Problem. Wie könnte ich den inneren Kreis zerstören? Wie sie schwächen? Sie wie meine Marionetten tanzen lassen?

Ich wollte mein Erbe. Das, welches mir von Geburtsrecht zustand. Meine Mutter, die Junkie-Hure war lange tot, obwohl sie gut für mich gesorgt hatte, mein Vater … Ich spuckte auf den Boden. Diese Bezeichnung verdiente er keine Sekunde lang. Es widerte mich an.

Er war ein Arsch und ich hoffte, dass seine Seele gefoltert wurde. Einmal durch den Fleischwolf und wieder zurück.

Jetzt musste ich wieder von vorne beginnen und eine Schwachstelle finden.

Als auf die Piazza ein Auto vorfuhr und Calderone ausstieg, um seine Frau abzuholen, erkannte ich … An Emilia würde ich nicht herankommen, genauso wenig wie an den Capo dei Capi. Das war unmöglich. Aber das bedeutete nicht, dass ich mich nicht anders rächen konnte.

Ich musste zuwarten und hieß es nicht: Rache wird kalt serviert?

Mein Blick haftete sich auf ein kleines Mädchen, das noch nicht das Erwachsenenalter erreicht hatte. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, aber bald. Bald würde sie in meine Falle tappen, die ich auslegte.

Ich drehte mich um, stellte den Kragen meines Hemds hoch, setzte die Sonnenbrille sowie das Baseballcap auf und kramte das Handy raus. Als ich von der glücklichen Familie wegging, die mich ankotzte, tippte ich eine Nummer ein und rief an. Als dieser abhob, meldete ich mich:

 

»Ciao Andrea, ich bin’s. Bereit für ein wenig Spaß?«

 

Ein diabolisches Lächeln zierte meine Lippen, als ich ihm den Plan erörterte. Ich würde meine Rache bekommen. Meine süße Rache.

Il Matrimonio

 

 

Emilia

 

 

 

Heute war der Tag der Tage!

Mit einem Lächeln auf den Lippen streckte ich mich, stand auf und ging zur Terrassentür, die einen Spalt offenstand. Die Vögel zwitscherten und die warme Luft Italiens umwehte meine Nasenspitze. Es gab für mich nichts Vergleichbares, wie den Geruch von Pinienzapfen. Ich atmete tief ein und erfreute mich an dem süßlich-herben Duft, den der Süden Italiens preisgab. Der See glitzerte in einiger Entfernung und als ich einen Blick in den Garten warf, sah ich, wie die letzten Vorbereitungen für die Zeremonie getroffen wurden.

»O mein Gott. Heute ist es soweit.« Charlie kreischte, als die Tür des Hotelzimmers fast aus den Angeln flog und sie sich auf das Bett schmiss.

Wie zum Henker war sie in mein Zimmer, geschweige denn zu einer Schlüsselkarte gekommen? Obwohl, sollte ich mich das wirklich fragen? Sie hatte vermutlich mit ihrem Charme irgendeinen armen Wicht umgarnt. Anders war es mit Sicherheit kaum möglich. Ich riss mich vom fantastischen Ausblick und der Vorfreude, die mich erfüllte, los. Die Ruhe war nun vorbei. Nahm ich eine Sekunde lang an, dass ich mich entspannt auf die Hochzeit vorbereiten könnte, wenn meine beste Freundin anwesend war? Mit Charlie war das definitiv unmöglich.

»Buondi Charlie«, gab ich etwas verschlafen von mir.

Sie strahlte wie ein Honigkuchenpferd. Mir schwante Böses. »Bist du bereit? Wir haben Großes mit dir vor. Alessia wartet schon und dein Zukünftiger wird Augen machen.«

Verdammt.

Ich wollte noch ein paar Minuten für mich haben, um die Aussicht zu genießen und mich langsam auf das Bevorstehende vorzubereiten, und nicht, um von einer Marschtruppe namens Charlie herumkommandiert zu werden. »Charlie, dir ist schon bewusst, dass das heute mein Tag ist?«

Wie nicht anders zu erwarten, verdrehte sie zum gefühlt millionsten Mal die Augen. Ehrlich, ich zählte schon gar nicht mehr mit, wie oft sie das tat.

»Bitte«, gab sie abfällig von sich und setzte sich im Bett auf, »wir wissen beide, dass es vieles ist, aber dein Tag ist es sicher nicht. Es werden so viele Leute eintreffen und weiß Gott, wen Antonio alles eingeladen hat. Mich würde es nicht wundern, wenn er sogar den Präsidenten überredet hat, zu eurer Hochzeit zu kommen.«

Wenn sie nur wüsste. Es stimmte schon, dass Antonio viele kannte und vermutlich hatte er auch seine Hände in der Politik. So genau wollte ich es gar nicht wissen.

Gemütlich bewegte ich mich durch das Zimmer. Allem Anschein nach ging es Charlie viel zu langsam, denn sie drückte ihre Hände in meinen Rücken und bugsierte mich zur Tür. Vorher jedoch nahm ich den weichen Bademantel, der am Sessel lag und vom Hotel zur Verfügung gestellt wurde, mit. Ohne den würde ich den Raum nicht verlassen. Fehlte glatt noch, dass mich das Personal, oder wer auch immer am Flur umherlief, beinahe nackt sah. Niemals würde das passieren. Bei dem Gedanken schmunzelte ich, falls es doch passieren würde und Antonio Wind davon bekam, dann brach gewiss die Hölle aus.

»Calma Cara. Wir haben noch genügend Zeit. Es geht erst in ein paar Stunden los.« Charlie wollte davon nichts hören und ging ihrer Arbeit – in dem Fall ich – nach. Fast wäre ich gegen die Tür gelaufen, hätte ich diese nicht sofort aufgemacht.

Als ich einen Fuß auf den Gang setzte, bemerkte ich, dass alles auf Hochtouren lief. Blumen wurden hin und her getragen, die verschiedensten Leute gingen geschäftig ihrer Arbeit nach. Es herrschte der reinste Ausnahmezustand.

Ein paar Meter entfernt öffnete Charlie eine Tür und ließ mich eintreten. »Da sind wir.«

Ach nein, was sie nicht sagte. Auf das wäre ich in meinen kühnsten Träumen nicht gekommen. Alessia kam mit einem Lächeln auf mich zu und reichte mir einen großen Pappbecher Kaffee. »Danke. Du bist meine Lebensretterin.«

Tadelnd schnalzte sie mit der Zunge und bedachte Charlie mit einem strengen Blick. »Charlie, lass Emilia in Ruhe. Sie steht heute im Mittelpunkt und deshalb solltest du sie nicht noch mehr stressen. Schau dir nur einmal die dunklen Augenringe an. Ob wir das wegbekommen?«

»Grazie.« Ich formte stumm das Wort mit meinen Lippen, sodass Charlie es nicht sah. Alessia schmunzelte, aber im Stillen hatte sie recht. Der fehlende Schlaf in letzter Zeit forderte seinen Tribut, wenn ein bestimmter Löwe … Ich verkniff mir das Grinsen.

Ich öffnete den Deckel vom Kaffee, den Alessia mir mit Sicherheit in der kleinen Pasticceria ums Eck geholt hatte, und trank einen Schluck von dem schwarzen Lebenselixier. Es war ein Segen, sie hier zu wissen. Schließlich wusste sie, dass ich ohne Kaffee kein richtiger Mensch war. Im Gegensatz zu Charlie. Sie war immer aufgedreht. Wie sie wohl wäre, wenn sie einen Koffeinschub bekam? Gar nicht auszumalen. Mich schauderte es.

Alessia führte mich indes zu einem provisorischen Schminktisch, auf dem bereits einiges aufbereitet war. Ich blieb stehen, exte den Kaffee, eilte ins Badezimmer und schloss mich ein. Ein paar Minuten benötigte ich für mich.

Der erste Weg führte mich unter die Dusche und ich ließ das kühle Nass auf meinen Körper prasseln. Eine Welle der Erleichterung durchflutete mich, denn ich verspürte so etwas Ähnliches wie eine Anwandlung von Panik. War es jenes Gefühl, dass einen kurz vor der Hochzeit befiel? Wie nannte man es noch gleich? Ach ja. Kalte Füße. Nur daran zu denken, fühlte sich an, als ob ich einer Ohnmacht nahe war.

Ich glitt an den Fliesen hinab und hockte in der Duschwanne, verschränkte die Arme vor der Brust, während die Wasserperlen zu Boden fielen. Bekam ich plötzlich eine Panikattacke? Ich betete, dass es nicht so war.

Es klopfte an der Tür. »Emilia, ist alles in Ordnung?«

Alessia. Anscheinend war ich schon zu lange im Bad. So sehr ich wollte, ich war unfähig etwas zu erwidern. Kein Ton kam aus meinem Mund.

Die Tür öffnete sich und schnelle Schritte erklangen auf dem Fliesenboden, als der Duschvorhang auf die Seite gerissen wurde. Alessia fand mich hockend vor. Mit all der Verzweiflung, die mich gerade durchfloss, sah ich sie von unten hinauf an.

»Cara, was ist denn los?« Alessia redete ruhig auf mich ein, kniete sich zu mir, drehte das Wasser ab und sah mich besorgt an.

Ich sagte nichts. Blickte stur geradeaus auf einen Punkt, den keiner sah, und verkroch mich in den hintersten Winkel meiner Gedanken.

Im Augenwinkel sah ich, dass Alessia ein Badetuch in die Hand nahm, sie mir in eine aufrechte Position half und mich damit einwickelte. Ich stieg hinaus und sie umarmte mich.

»Du brauchst keine Panik zu haben. Antonio ist sicher genauso nervös wie du. Außerdem liebt ihr euch abgöttisch. Es wird alles planmäßig verlaufen. Es war doch gestern alles noch in bester Ordnung, nicht?«

Ich nickte. Natürlich. Gestern schien alles perfekt zu sein. Als wir zusammensaßen, in einem kleinen Restaurant am Lago Maggiore, ich in einem grünen Kleid, das die Braut traditionell vor der Hochzeit trug, unsere Kinder, mein baldiger Ehemann … Wieso bekam ich dann Panik?

Vielleicht weil jeder der einen Namen hatte, hier war. Von der Familie einmal abgesehen, waren die Capos – Unterbosse –, Soldaten und die restlichen Mitglieder eingeladen. Bei einer Hochzeit, die mich an den Mann band, der eine der größten Organisationen in unserem Land befehligte.

O Dio.

Ich liebte Antonio, nur wollte ich das wirklich? Eigentlich war ich mein Leben lang auf das hin erzogen worden. Jetzt wo es soweit war … Verdammt! Unwillkürlich biss ich mir auf die Lippe.

Ich zog mir die bereitgelegte Unterwäsche an, ehe Alessia mich aus dem Badezimmer führte, ging mit ihr zu dem Schminktisch und ließ mich auf den Sessel nieder. Sie setzte sich auf den Tisch und sah mich besorgt an. Charlie stand daneben und runzelte die Stirn.

»Was ist wirklich los?«

Ich seufzte tief und blickte aus dem Fenster. Die Sonne schien hell und keine Wolke trübte den Himmel. Es würde ein schöner Tag werden. »Wolltest du schon einmal von all dem abhauen?«, flüsterte ich. Ich sprach endlich das aus, was mich seit Wochen belastete. Am Anfang war alles wunderbar. Vor zwei Jahren als wir auf die Malediven flogen, zu dritt, während ich mit unserem Sohn schwanger war, fiel Antonio irgendwann in seinem schwarzen Anzug, der ihm etwas Düsteres verlieh, - Verdammt, der ganze Kerl war die Düsternis, die mich wie eine Motte gefangen hielt - vor mir auf die Knie. Am Strand, der einem Lichtermeer glich, bei einem wunderschönen Candle-Light Dinner, das jede Frau zu Tränen rührte, die Wellen rauschten; nur wir beide und die Unendlichkeit. Damals war alles so leicht, als ich den Mann, den ich liebte, eine Antwort gab, die uns beide glücklich machte. Aber jetzt? Ich betrachtete meinen Verlobungsring, der mir auf dem linken Ringfinger wie ein Mahnmal entgegenschrie: Gefesselt und für immer gebunden. Weiter führte ich aus: »Dass man der Organisation den Rücken kehrt. Hast du schon einmal darüber nachgedacht?« Schließlich hatte ich den Geschmack der Freiheit kennengelernt. Der Preis der Freiheit würde bedeuten, Antonio zu verlassen. Das war unmöglich. Ich wischte mir eine Träne von der Wange, die sich ihren Weg bahnte.

Sie ließ sofort meine Hand los, drehte sich um und schloss die Tür hinter sich. Ich runzelte die Stirn. Erwartete sie etwa jemanden, der ins Hotelzimmer hineinstürmte?

»Das kannst du nicht bringen. Nicht jetzt. Du hast Verantwortung, Emilia. Antonio wartet, deine Kinder warten, die ganze Organisation ist hier. Das hättest du dir vorher überlegen müssen. Außerdem hast du viel mehr Glück als wir anderen. Das weißt du.« Sie beendete ihren Vortrag und lief in dem nicht gerade sehr weitläufigen Zimmer auf und ab.

Ich sah erneut auf meine Hände, die sich trocken anfühlten und an der mein Verlobungsring prangte. Damals zögerte ich keine Sekunde lang, da Antonio es schon immer war. Und jetzt? Wieso zweifelte ich? Was stimmte mit mir nicht? Ich vergrub mein Gesicht in Händen, während ich langsam ein- und ausatmete.

Außerdem hatte Alessia recht. Ich besaß mehr Glück als all die anderen. In unserer Welt kam es öfters vor, wenn ein Ehrenmann seine Tochter unter die Haube bringen wollte, dass die Väter nach der lukrativsten Verbindung suchten. Nicht etwa, dass die Frauen sich in einen Mann verliebten oder ihn gar aussuchten. Nein, das geschah nicht. Die Verbindung kam den Ehrenmännern zugute. Somit stiegen sie in der Hierarchie. Manche hatten vielleicht Glück, aber andere waren nur für die Familie da, während die sogenannten Ehrenmänner sich anderweitig vergnügten. Affären waren an der Tagesordnung und die Ehefrau musste sich mit den Geliebten des Ehemanns arrangieren.

Antonio würde so etwas nie machen. Ich schüttelte den Kopf. Nein. Er und ich, das war etwas vollkommen anderes. Wie vom Schicksal besiegelt.

Mutig sah ich in die Zukunft und meine Willenskraft erwachte von Neuem. Entschlossen stand ich auf. »Du hast recht. Ich hab etwas Einzigartiges mit Antonio. Wir werden alles schaffen, was wir uns vornehmen. Er wird mich nicht außen vorlassen.«

Ich war mir sicher, dass Antonio mich unterstützen würde, bei allem, was ich ändern wollte. Als Frau des Capo dei Capi besaß meine Stimme Gewicht. Jeder würde mir Respekt zollen und ich wusste, wie ich diese nutzen könnte, um einiges zu verändern.

Ich änderte meine Sitzposition und schaute in den Schminkspiegel, während Charlie neben mich trat und stillschweigend mein Gesicht reinigte. »Ist etwas?« Sie wirkte nicht glücklich, da sie weder lächelte noch ihre quirlige Art zum Vorschein kam. Ob ich sie mit meinem Geständnis verschreckt hatte?

Einen kurzen Moment sah sie mich an, hielt inne und hantierte dann weiter. »Alles bestens. Wir wollen dich doch fertig machen.«

Okay. Das war seltsam. Ich warf einen Blick in den Spiegel zu Alessia, die sich um meine Haare kümmerte und dabei nur die Schultern zuckte. Für den Augenblick würde ich es belassen, aber die Antwort holte ich mir von Charlie auf alle Fälle.

Nach gut zwei Stunden waren wir endlich fertig. Das Make-up wirkte dezent, die Haare waren leicht gewellt und hochgesteckt. Ich erkannte mich kaum wieder. Wenn mich meine Eltern sehen könnten, was würden sie dann sagen? Wären sie stolz? Würden sie in Tränen ausbrechen, wenn ihr Mädchen den Mann heiratete, den sie begehrte? Ich hoffte, dass es so wäre.

»Oh nein, du wirst jetzt nicht anfangen zu weinen. Denk nicht einmal daran«, rief Charlie.

Ich fächelte mir Luft zu, damit meine Augen trocken blieben. Dabei lächelte ich. »Charlie, es ist wunderschön geworden. Danke.«

Vorsichtig umarmte sie mich. »Für dich immer.«

Ich schätzte mich glücklich, dass ich sie als Freundin hatte, auch wenn sie mich ab und an in den Wahnsinn trieb. Besonders, da ich sie in alles eingeweiht hatte. Mir blieb keine andere Wahl übrig, wenn ich sie nicht als Freundin verlieren wollte.

Was mir jedoch leidtat, war, dass ich indirekt ihre Beziehung zu Raffaello gefährdete. Wie es schien, war er nicht aufrichtig zu ihr gewesen und dadurch, dass ich ihr von unserer Welt erzählte … Ein schlechtes Gewissen schlich sich in mein Unterbewusstsein. Auf die ein oder andere Weise erfuhr Charlie, dass er ein Ehrenmann war. Genau davor wollte ich sie vor zwei Jahren beschützen, als die Scheiße am Dampfen war. Jetzt sprachen beide kein einziges Wort mehr miteinander und die Stimmung zwischen ihnen war frostig. Da könnte Jack Frost noch etwas lernen. Ich seufzte.

Alessia kam soeben mit dem Schleier und grinste. »Bist du bereit?«

Ich nickte, atmete flach und stieß den Atem aus. Meine Nerven waren angespannt.

Vorsichtig fixierte sie ihn im Haar und als sie fertig war, entwich selbst ihr ein Schluchzer. Ich betrachtete mich im Spiegel – nur in Unterwäsche und dem Schleier. Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen, als ich daran dachte, dass es Antonio gefallen würde, wenn ich so leicht bekleidet zum Altar schritt. Natürlich ohne Publikum. Wie das wohl ausgehen würde, … Dafür sorgte mein Kopfkino von allein. Sachte biss ich mir auf die Lippen.

Jetzt fehlte nur noch das Kleid. Bei der Anprobe sah ich es zuletzt. Ob es noch immer so toll aussah?

Ich erinnerte mich zurück, dass ein kleines Vermögen über den Verkaufstresen gewandert war. Schließlich wollte ich ein ganz bestimmtes Brautkleid von dem angesagtesten Brautmoden-Designer: Eddy K. Vor einigen Jahren sah ich ein Kleid von eben diesem Designer und ich war verliebt. Es wurde natürlich ein anderes, und jetzt, in diesem Augenblick war ich nervös, denn ich würde ein enganliegendes Kleid aus seiner Kollektion tragen. Das Brautkleid besaß eine kleine Schleppe, wurde in Tüll und Organza designt und kleine Verzierungen rundeten das Gesamtbild ab. Dass es noch rückenfrei war, gefiel mir ganz besonders.

Was Antonio davon hielt? Oh, ich war hibbelig. Meine Fingerspitzen kribbelten vor Nervosität. Alessia holte den Kleidersack, in dem sich das Kleid befand und hängte es an die Schranktür, ehe sie den Reißverschluss öffnete. »Bereit?«

Ich nickte und hielt die Hände vor den Mund, als sie den Kleidersack aufmachte. Beinahe brach ich in Tränen aus. Ich war noch nie so nah am Wasser gebaut wie jetzt und trotzdem … Dieser rührselige Moment machte mich kribbelig.

Charlie und Alessia halfen mir vorsichtig hinein. Ich wollte nicht, dass etwas schief ging. Sagte man nicht, dass Missgeschicke bei Hochzeiten passierten? Ich betete, dass mir jegliches Unglück verwehrt blieb.

Ich bekam nicht mit, dass ich die Luft angehalten hatte, erst als eine von den beiden, die Knöpfe am unteren Rücken schloss. Das Kleid passte wie angegossen. Ehrfürchtig trat ich zum Spiegel und sah mich darin an. Ein aufs andere Mal war ich verblüfft, wie toll mir dieses Kleid stand. So, als ob es der Maestro nur für mich designt hätte. Ein Traum.

Alessia trat hinter mich. »Siehst du, es wird alles gut. Antonio kann sich glücklich schätzen, dich als Ehefrau zu bekommen.«

Charlie trat ebenso neben mich. »Du siehst umwerfend aus.«

Ich drehte mich zu beiden um und zog sie in eine Gruppenumarmung. »Danke euch beiden. Ohne euch wäre es nicht möglich. Ich bin froh, dass ihr mich nicht allein gelassen habt.«

Nach ein paar Minuten löste ich mich von ihnen und ich sah, wie einige Tränen von ihren Wangen hinunter kullerten. Fast tat ich es ihnen gleich, als Charlie mahnend einen Finger in die Luft streckte. »Untersteh dich, mein Kunstwerk zu zerstören.«

Ich lachte. »Würde mir nicht im Traum einfallen.« Die Tränen, die sich anbahnten, verdrängte ich.

Der rührende Moment war vorbei, als es an der Tür klopfte. Ich runzelte die Stirn. Wer würde sich hierher verirren? Hoffentlich war es nicht Antonio, der es kaum noch erwartete.

Alessia öffnete einen Spalt und spähte aus dem Raum, ehe Don Michele und Raffaello eintraten.

Augenblicklich sah ich zu Charlie, die sich sofort abwandte. Zwischen Raffaello und meiner besten Freundin herrschte nicht nur Eiszeit, nein, die Anspannung, die den Raum dominierte, war überdeutlich zu spüren.

Don Michele kam auf mich zu und streckte mir die Arme entgegen. »Du siehst bezaubernd aus, Emilia. Wenn dich deine Eltern sehen könnten, sie wären stolz auf dich. Darauf hatten sie sich immer gefreut und dein Vater hätte dich sicher gerne zum Altar begleitet.«

Ich nahm seine Hände in die meinen und drückte sie. Erneut bahnten sich Tränen an, wenn ich an meine Eltern dachte, aber ebenso war ich auch wütend. Wütend auf meinen Bruder, der, so hoffte ich, Höllenquallen litt. Jetzt war jedoch nicht die Zeit an die Vergangenheit zu denken. Ich verscheuchte die trüben Gedanken und straffte mich. Es war ein glücklicher Tag und genau das wollten wir zelebrieren.

»Ich danke dir.«

Er räusperte sich. »Weißt du, Emilia. Ich kann deinen Vater niemals ersetzen, aber ich kann dich zum Altar führen, wenn du es wünscht.«

Eine einzelne Träne lief mir nun doch hinunter und ich wischte sie weg. »Ja, das wäre schön. Grazie zio.« Ich küsste meinen Patenonkel auf die Wange.

Ein schriller Schrei durchbrach die rührselige Stimmung, die eben noch herrschte. »Das hast du nicht gemacht. Das ganze Werk ist vernichtet.« Charlie fluchte wie ein Rohrspatz.

Ich sah sie irritiert an, bis ich verstand was sie meinte. Meine Träne, die heruntergekullert war. Merda! Ich wollte in den Spiegel schauen, ob das Make-up verwischt war, als …

»Lass mich sofort los.«

Ich drehte mich um, als ich sah, wie Raffaello seine Hand von Charlie nahm und sie beschwichtigte, aber davon wollte sie augenscheinlich nichts wissen. Mir brach es das Herz, wenn ich daran dachte, dass ich Mitschuld hatte. Obwohl es besser wäre, wenn ich mich nicht einmischte. Oder?

Raffaello ließ die Hände sinken und stand wütend vor ihr. Sein Kiefer spannte sich an, seine ganze Körperhaltung wirkte bedrohlich, die Atmosphäre war schneidend, als er sich umdrehte, die Tür aufriss und hinter sich zuknallte.

Don Michele sah entschuldigend in die Runde. »Ich lass die Damen alleine.« Zu mir wandte er sich und flüsterte: »Ich warte unten auf dich. Genauso wie Alessia, sehe ich dich als meine Tochter. Wenn ich darf.«

Ich drückte ihm ein Küsschen auf die Wange. »Du weißt gar nicht, wie viel mir das bedeutet.«

Er ließ uns alleine, ich setzte mich ungelenk auf den Stuhl und Charlie verbesserte die eine Stelle, an der ich es gewagt hatte, eine Träne zu verdrücken.

Hoffentlich gab es keinen weiteren Zwischenfall, dass ich erneut einen rührseligen Moment erlebte. Aber galt es nicht als üblich, dass auf Hochzeiten geweint wurde? Charlie konnte das gewiss nicht verhindern und sie wäre mit Sicherheit nicht ständig in unmittelbarer Nähe. Gar nicht auszumalen, wenn sie am Rand stand und mit einem Make-up Kistchen in Form einer Erste Hilfe Box zur Stelle wäre.

Ich schmunzelte bei dem Gedanken, aber als ich in Charlies Gesicht sah, war ihre Freude für die Hochzeit verschwunden. Vor drei Monaten weihte ich sie ein, dass sie alle zur famiglia gehörten. Ich wusste nicht, warum ich so lange gewartet hatte. Vielleicht, weil ich annahm, dass ich dadurch meine beste Freundin verlor. Das Gegenteil passierte. Sie machte Raffaello die Hölle heiß, dass er es ihr nicht gesagt hatte. Aber er durfte nicht. Das erste Gesetz der Omertà, der Schweigepflicht, war, dass kein Außenstehender jemals davon erfuhr. Charlie hätte es niemals erfahren, hätte ich Antonio nicht darum gebeten und da sie sowieso mit Raffaello zusammen war … Ich zuckte gedanklich mit den Schultern.

Ich ging zu ihr und legte eine Hand auf ihren Unterarm. »Charlie, ich will dir nicht sagen was du zu tun hast und du solltest dir das auch sehr gut überlegen, aber … Ich denke, du solltest mit ihm reden. Selbst wenn du dich gegen ihn entscheidest. Bevor du es bereust, wäre es gut, wenn du es machst. Ich werde immer für dich da sein, aber ziehe es nicht in die Länge.«

Charlie schenkte mir ein schwaches Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte. »Mach dir keine Sorgen. Du solltest dich auf den Weg machen, solange Antonio auf dich wartet.« Ein schelmisches Blitzen schlich sich in ihre Iriden. »Geh. Ich ziehe mich schnell um und komme dann nach.«

Ich sah ihr nach, wie sie aus dem Zimmer ging und hoffte, dass sie es auch tat. Alessia wartete bereits auf mich in ihrem pastellfliederfarbenen Kleid, welches einen eigenen Stil aufwies. Schließlich wollte ich, dass sich meine Freundinnen in ihrem Brautjungfer-Kleid wohlfühlten.

»Lass Charlie ihre eigene Entscheidung treffen. Du weißt, was das für ein Leben ist, und dass Raffaello es ihr nicht gesagt hat …« Sie ließ den Rest unausgesprochen.

»Du hast recht. Aber ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich sie nicht früher eingeweiht habe.« Ich schüttelte den Kopf. »Du hättest sehen müssen, wie glücklich sie war.« Und das war sie. Raffaello tat ihr gut, ob es mir gefiel oder nicht. War es dann fair, dass ich mich anfangs so gegen ihre Beziehung gewehrt hatte?

»Darauf hast du keinen Einfluss.« Sie bedachte mich mit einem eindringlichen Blick. »Und das ist auch gut so. Jetzt komm. Dein Zukünftiger erwartet dich.«

Wir gingen und sie half mir mit dem Kleid die Treppen hinunter, während ich mich am Geländer festhielt. Beim Treppenaufgang wartete Don Michele und lächelte.

Als mich Alessia unfallfrei in seine Hände übergab, wandte ich mich an sie: »Danke, dass ich mir deinen Dad ausleihen darf.«

Sie strahlte mich an. »Du gehörst zur Familie. Das war schon immer so.«

Don Michele nahm meine Hand. »Bereit?«

Ich seufzte einmal tief. »Sì.«

Alessia trat zu Luca, der sie den Gang hinaufführte. Ich wusste nicht, was es mit den beiden auf sich hatte, da Alessia Luca mit Nichtachtung strafte. Seit Wochen schlichen sie wie Hund und Katz‘ umeinander. Ob sich etwas entwickelte? Aber wie Alessia sagte, ich sollte sie eigene Entscheidungen treffen lassen. Das würde ich bei beiden so handhaben. Wer wusste, wen sie alles in den Untergang mitnahmen, wenn man zwischen die Fronten geriet.

In dem Augenblick kam Charlie die Stufen hinunter. Sie sah traumhaft aus. Raffaello trat zum Treppenaufgang und wartete auf sie. Wenn man es nicht besser wusste, könnte man annehmen, dass die beiden heirateten. Vielleicht war es irgendwann soweit, bis dahin würde es die Zeit zeigen, was aus ihnen wurde.

Widerstrebend legte Charlie ihre Hand in Raffaellos Beuge und sie positionierten sich vor uns. Leise hörte ich Raffaello sagen: »Ti prego, Babe. Lass uns reden.«

»Nicht jetzt«, zischte sie.

Sofort erhellte sich sein Gesicht und ich blickte fragend zu Don Michele. Dieser schmunzelte wissend. Hatte ich etwas nicht bekommen? Oder war Raffaello nur froh, dass er endlich eine Emotion von Charlie erhielt?

Ehe ich zu einer Frage ansetzte, erklang die Musik und mein Herz schlug heftig in der Brust. Ich atmete flach und fühlte mich … Keine Ahnung, was ich fühlte. Es war eine Mischung zwischen Freude und Angst. Aber ich straffte meine Schultern und war bereit für mein zukünftiges Leben.

Alessia und Luca gingen als erste los, gefolgt von Charlie und Raffaello und dann wir. Ein weiteres Mal seufzte ich, als wir den Garten betraten.

Mir verschlug es augenblicklich die Sprache. Der Garten war ein reinstes Blumenmeer. Im mittleren Gang lag ein weißer, langer Teppich, auf dem ich nach vorne zu Antonio schritt.

Es hatten sich zahlreiche Leute eingefunden, die zur Organisation gehörten. Einige kannte ich, doch die Mehrheit war mir bis zum jetzigen Zeitpunkt unbekannt.

Ich krallte mich am Arm von Don Michele fest, als ich Antonio sah und er mir dieses Lächeln schenkte, das ganz gewiss zu keiner Hochzeit gehörte. Verdammt, er schaffte es noch, dass ein bestimmtes Kleidungsstück vollkommen nass wurde.

Antonio trug einen dunklen Smoking sowie ein helles Hemd und er wirkte genauso nervös, wie ich mich fühlte.

Mit einem Lächeln ging ich den Weg entlang und sehnte herbei, sofort bei ihm zu sein.

All die Zweifel waren wie weggeblasen und ich konnte es kaum erwarten seine Frau zu werden. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis mich Don Michele an Antonio übergab.

Als er meine Hand nahm und einen Kuss auf meine Wange hauchte, raunte er: »Gleich bist du mein, Cara.«

Ich spürte, wie meine Wangen glühten und mein Höschen nass wurde. Zweideutigkeit lag ihm, aber dass er es gerade jetzt auf die Spitze trieb?

Er zog einen Mundwinkel hoch und bedachte mich mit diesem Lächeln, bei dem ich schwach wurde und mir signalisierte, dass ich mich auf einen bestimmten Teil freuen durfte. Oh, dieser Mann würde noch meinen Tod bedeuten.

Die ganze Zeit über sah ich in seine Augen und hörte den Pfarrer irgendetwas reden, bis auf … »… wollen Sie, Signorina Emilia Angelina Cattaneo, den hier anwesenden, Signore Antonio Calderone zu Ihrem rechtmäßigen Mann nehmen …«

»Si, io voglio.« Ich platzte mit der Antwort heraus und unterbrach den Geistlichen.

Die Gäste kicherten, aber all das war nebensächlich, da Antonio mich an der Taille packte, zu sich zog und mich küsste. Es gab in dem Moment niemanden außer uns. Nur wir beide und die wunderschöne Kulisse des Lago Maggiore.

Er wollte mich. Genau hier, jetzt, als der Priester sich räusperte. Jemand anderes tippte Antonio auf die Schulter, da er knurrte und im Hintergrund hörte ich jemanden kichern. Vermutlich Charlie.

Nach einer kleinen Ewigkeit, zumindest fühlte es sich für mich so an, löste er sich von mir und grinste spitzbübisch. Oh, ich ahnte bereits, was mich heute noch erwartete.

Als der Geistliche sich zu Antonio wandte und fragte, sagte dieser: »Sì, auf alle Fälle.« Zu mir gebeugt, raunte er: »Ich kann es kaum erwarten, bis ich dich zum Schreien bringe, Signora Calderone. Jetzt bist du mein.«

Sanft legte er seine Lippen auf die meinen und ich versank in den Kuss, der mir all das versprach, wonach ich mich sehnte. Und in dem Fall war es: Antonio, wenn ich in seinen starken Armen lag.

 

Kapitel 1

 

 

Antonio

 

 

 

3 Jahre später …

 

Der Wind peitschte durch das Hafengebiet, die Möwen kreischten, unfähig gegen den Sturm anzukommen. Und er würde herannahen. Graue Wolken waren die Vorboten, die das Unwetter mit sich brachten.

Ich stellte den Kragen auf, um mich vor der Kälte zu schützen, die in jede einzelne Zelle meines Körpers kroch. Die Hände steckte ich in die Manteltaschen.

Meine Gedanken schweiften zu Mia. Wie so oft in letzter Zeit. Sie war in Sicherheit sowie unsere Kinder. Wenn einer sie schützen konnte, dann meine Frau.

Ich seufzte. Schon viel zu lange war ich von meiner Familie getrennt, aber diese unsägliche Aufgabe, die vor mir lag, musste erledigt werden. Erst dann würde ich zurückkehren.

Und ich wusste, dass diese Rückkehr alles andere als erfreulich sein würde. Ich gab einen Befehl, dem Mia mit Sicherheit nicht nachkam. Meine kleine Wildkatze. Aber seit sie mit mir verheiratet war, erlaubte ich keine Alleingänge mehr. Oh, wie sauer sie des Öfteren war und wie sehr ich ihre Leidenschaft liebte … Ich grinste süffisant.

»Boss, kommst du? Es wird Zeit.«

Ich drehte mich zu Luca und nickte. Wenn es soweit war … Einen letzten Blick warf ich auf das offene Meer hinaus, ehe ich Luca in die Lagerhalle folgte, in der Raffaello und Giorgio auf uns warteten.

Die weitläufige Halle war leergefegt. Irgendeinmal wurde sie genutzt, aber jetzt … Für unsere Zwecke war es dienlich. In der Mitte saß ein Mann auf dem Stuhl, der vor sich hin blutete und ein selbstgefälliges Lächeln zur Schau trug. Es ekelte mich an. Seitlich standen Raffaello und Giorgio. Beide wischten sich das Blut von den Händen, nachdem, wie es augenscheinlich aussah, ihn malträtiert hatten.

Wehmut überkam mich, wenn ich daran dachte, dass Don Alvise ein Freund der Familie war. Tief im Inneren fragte ich mich, warum er es getan hatte.

»Sagst du mir nun, warum du mich verraten hast?« Ich gab ihm noch diese eine Chance. Ob er sie nutzte, lag allein an ihm.

Er lächelte hämisch. Als er seine Zähne zeigte, waren diese von seinem Blut bedeckt. »Dir werde ich gar nichts sagen.« Er spukte vor meine Füße und starrte mich wütend an. An Respekt fehlte es ihm gänzlich.

Giorgio versetzte ihm einen Schlag, sodass sein Kopf nach hinten flog. Erneut lachte dieses pezzo di merda.

Ich spannte mein Kiefer an, da ich mir Antworten wünschte und keine Vollstreckung. Fuck. Don Alvise hielt mir stets die Treue. Was hatte sich geändert? War ich zu weich geworden? Agierte ich nicht mit voller Härte? Ich ballte die Hände zu Fäusten. Was war der verdammte Grund, dass man mich hinterging?

Ich näherte mich ihm, legte eine Hand auf Alvise‘s Schulter und drückte diese zu. Ich verstand es nicht. Er war mir seit dem Tod meines Vaters treu ergeben. Warnte mich damals mein Vater nicht genau vor so etwas? Als er ein ernstes Gespräch mit mir führte, da er meinte, dass ich schwierige Entscheidungen zu treffen hätte? Verzweifelt fuhr ich mir mit der Hand durchs Haar.

Einen weiteren Vorstoß wagte ich, dass ich an seine Vernunft appellierte. »Alvise, ti prego. Wieso? Was hat es dir gebracht? Habe ich dich schlecht behandelt?«

Er lachte; das Gelächter sprang in Hohn über.

Luca, Giorgio und Raffaello sahen mich ungläubig an. Ich seufzte tief und trat einige Schritte zurück. Wenn er nicht reden wollte, so würde er für mich keinen Nutzen mehr haben. Es gab nur eine einzige Möglichkeit und das wussten wir alle, wenn ich meine Stärke beibehalten wollte. So sah es das Gesetz der Omertá vor.

Ich steckte meine Hände erneut in die Manteltasche und wartete ab. Als Alvise sich nicht beruhigte, gab ich Luca das Zeichen.

Er zog seine Waffe aus der Jacke und hielt sie an Alvise‘s Schläfe. »Noch irgendwelche letzten Worte, figlio di puttana?«

Sein Lachen erstarb und Alvise blickte mich hasserfüllt an. Er hatte sein Schicksal selbst in der Hand. Ich hatte ihm mehr als eine Chance gegeben und er dankte es mir, indem er mich verriet. Meinem Feind, den ich nicht kannte.

»Ich werde dich in der Hölle erwarten, denn du folgst mir bald. Il Toro wird dich vernichten.«

Die letzten Worte brüllte er hinaus, ich drehte mich um und entfernte mich von dem Traditore, während Luca abdrückte. Der Knall zerriss die Luft. Ich atmete tief durch und blickte zum offenen Tor der Lagerhalle. Mit einem Blick zurück, der das Blut und die Gehirnmasse auf den Boden sowie die Wände rot eingefärbt zeigte, wandte ich mich an meine Gefolgsleute: »Lasst die Leiche verschwinden.«

Meine Miene verhärtete sich, wenn ich daran dachte, dass seit Monaten ein neuer Capo in der Stadt war. Einer, der mir den Rang ablaufen wollte und in mein Gebiet eindrang. Was mich jedoch ärgerte, war, dass nach und nach meine Unterbosse Verrat an mir und meinen Lieben begannen. Genauso wie Don Alvise.

Ich fuhr mir mit beiden Händen übers Gesicht und Müdigkeit machte sich bemerkbar. Wie konnte es nur soweit kommen? Ich schnaubte.

»Boss? Wie schauen die nächsten Schritte aus?« Luca trat neben mich und ich schaute ihn an.

»Entsorgt die Schweinerei, dann fahren wir zurück nach Milano.« Seit Wochen befanden wir uns in Genua, da es zu meinem Hoheitsgebiet gehörte und es ehemals unter Don Alvise stand. Seine ganze Familie würde abgesetzt werden. Dafür würde ich sorgen, selbst wenn es das Letzte war, was ich tat. »Kontaktiere Don Michele.«

»Wird gemacht, Boss.«

Ich nickte und ging aus der Lagerhalle. Der Gestank nach Eisen hing in der Luft und es widerstrebte mir, dass ein guter, nein, ein fehlgeleiteter Mann hingerichtet wurde.

Die frische Luft atmete ich tief ein. Ich fühlte mich, als ob ich die ganze Zeit den Atem angehalten hätte. Hier draußen empfand ich Erleichterung, so, als ob eine Last von meinen Schultern fiel. Ein Trugschluss wie ich sehr wohl wusste. Es gab schließlich einen Feind, den es zu finden galt.

»Hast du eine Ahnung, wer sich hinter Il Toro verbirgt?« Ich sah zu meiner Rechten, da Raffaello sich neben mich stellte und genau wie ich aufs Meer hinausblickte.

Ich schüttelte den Kopf. »Nein.« Mein Kiefer spannte sich an. »Wir werden herausfinden, wer es ist.«

»Das hoffe ich. Unsere Reihen sind nicht mehr so gefüllt, wie sie noch vor einem Jahr waren.«

Meine Laune sank noch tiefer in den Keller, als sie bereits war. Wer wusste das besser als ich? Vor einem Jahr war das erste Mal Geflüster in unsere Reihen gedrungen. Ein neuer Pate war in der Stadt und er agierte von Genua aus. So wurde es gesagt, aber jetzt …? Etwas gefiel mir nicht. Vielleicht, wie er eine Schwachstelle in die famiglia fand? Wie war es ihm gelungen?

»Wir werden ihn finden und dann …« Ich sah Raffaello an und meine Miene verhärtete sich. »Dann wird er sich wünschen, niemals geboren worden zu sein.«

Ich ging an ihm vorbei zum Wagen, setzte mich hinein und wartete. Geduld war eine Tugend, wer wusste das besser als ich. Auch wenn ich mir wünschte, diesen Drecksack zu erwischen, der für all das verantwortlich war. Aber jetzt war nicht die Zeit. Noch nicht. Ich würde eine Falle für ihn auslegen und wenn er es nicht erwartete, würde ich zuschlagen.

Der Löwe war noch lange nicht tot und ich würde ihm beweisen, dass er sich mit dem Falschen angelegt hatte.

Wie sagte man?

Rache wird am besten kalt serviert.

 

 

Kapitel 2

 

 

Emilia

 

 

 

Links – rechts – links – rechts – Kick – links …

Ich malträtierte den Sandsack, der im Garten stand, mit meinen Fäusten. Gut, ich trug Boxhandschuhe, sodass meine Hände geschützt waren, aber meine Wut war grenzenlos. Ich benötigte nicht einmal ein Bild von meinem Mann, es prangte direkt vor meinem geistigen Auge. Und wie.

Die letzten Tage hatte ich mich kein bisschen beruhigt. Auch nicht nachdem Vincenzo mir mitgeteilt hatte, dass ich das Anwesen nicht verlassen durfte.

Ich presste die Lippen zu einem dünnen Strich. Erneut schlug ich auf den Boxsack, der einen dumpfen Ton wiedergab, ein.

Nachdem ich vorher mein Schießtraining im Keller absolviert hatte, das rein gar nichts brachte, bevorzugte ich rohe Gewalt.

---ENDE DER LESEPROBE---