Vengeful - Die Rache ist mein - V. E. Schwab - E-Book

Vengeful - Die Rache ist mein E-Book

V. E. Schwab

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14,99 €

Beschreibung

Ein ExtraOrdinärer Rachethriller: „Vengeful. Die Rache ist mein“ ist der zweite Band von V. E. Schwabs „New York Times“-Bestseller-Serie um Victor Vale und Eli Ever.
Was ist besser, als die Frau des mächtigsten Mannes der Stadt zu sein? Die mächtigste Frau der Stadt zu sein – ohne Mann.
Als Marcella von ihrem eigenen Ehemann, dem Unterweltboss Marcus Riggins, umgebracht wird, schwört sie Rache. Und weil sie mit einer zerstörerischen Superkraft wiedererweckt wird, fällt es ihr nicht schwer, sie auch zu bekommen. Gegen alle Widerstände setzt sich Marcella an die Spitze des Imperiums ihres Mannes und merzt ihre Feinde gnadenlos aus. Auch mit der Hilfe anderer EOs, die sie um sich schart.
Alles läuft wie am Schnürchen – bis sie ihren größten Fehler begeht: Sie spielt Victor Vale und Eli Ever gegeneinander aus – ohne zu ahnen, welche Dämonen sie damit entfesselt …
Für Leser von Neil Gaiman, Wildcards, Leigh Bardugo, Ben Aaronovitch, Joe Hill, Stephen King und Fans von M. Night Shyamalan und der Fernsehserie »Heroes«.

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EPUB

Seitenzahl: 593

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V.E. Schwab

Vengeful- Die Rache ist mein

Roman

Aus dem Amerikanischen von Petra Huber und Sara Riffel

FISCHER E-Books

Für Mom, Holly und Miriam,

die stärksten Frauen, die ich kenne.

Wenn du nach Rache strebst, dann heb gleich zwei Gräber aus – eins für dich selbst.

DOUGLAS HORTON

Genesis

Sechs Wochen vorher

Merit, Stadtrand

An dem Abend, an dem Marcella starb, bereitete sie ihrem Mann sein Lieblingsessen zu.

Aus keinem besonderen Anlass, sondern einfach weil, wie es so schön hieß, Spontanität das Geheimnis der Liebe ist. So richtig glaubte Marcella nicht daran, aber einen Versuch war es wert. Zumal es mit einem simplen Essen getan war. Nichts allzu Aufwendiges – ein gutes Steak, an den Rändern in schwarzem Pfeffer gewälzt, gebackene Süßkartoffeln und eine Flasche Merlot.

Doch es wurde sechs Uhr und später, und Marcus ließ sich nicht blicken.

Marcella stellte das Essen in den Backofen, um es warm zu halten, und überprüfte ihren Lippenstift im Flurspiegel. Sie löste ihr langes schwarzes Haar aus dem lockeren Knoten, steckte es dann erneut hoch und strich ihr Kleid glatt. Sie galt als natürliche Schönheit, auf die Natur war jedoch nur bedingt Verlass. In Wahrheit trainierte Marcella sechs Tage die Woche zwei Stunden im Fitnessstudio und dehnte jeden einzelnen der schlanken Muskeln an ihrem biegsamen, eins siebzig großen Körper. Und sie verließ niemals ihr Schlafzimmer, ohne sich vorher perfekt geschminkt zu haben. Es war nicht einfach, aber ihre Ehe mit Marcus Andover Riggins – besser bekannt als Marc the Shark, Tony Hutchs rechte Hand – verlangte das von ihr.

Es war nicht einfach, aber es lohnte sich.

Ihre Mutter sagte immer, sie hätte zufällig einen guten Fang gemacht. Sie ahnte nicht, mit wie viel Sorgfalt Marcella den Köder ausgewählt hatte, um am Ende genau den Richtigen zu erwischen.

Ihre kirschroten High Heels klackten über den Holzfußboden, bis das Geräusch von dem seidenweichen Perserteppich verschluckt wurde. Sie deckte den Tisch fertig und zündete alle vierundzwanzig Kerzen in den beiden schmiedeeisernen Kandelabern links und rechts der Tür an.

Marcus konnte die zwar nicht ausstehen, aber das war Marcella egal. Sie liebte die hohen und schweren Kandelaber mit der sich verzweigenden Krone, weil sie sie an die Einrichtung eines französischen Schlosses erinnerten. Sie verliehen dem Haus etwas Luxuriöses, gaben ihrem neureichen Zuhause einen altehrwürdigen Touch.

Sie schaute auf die Uhr – es war schon sieben –, widerstand jedoch dem Drang anzurufen. Eine Flamme löschte man am schnellsten, indem man sie erstickte. Außerdem stand Geschäftliches bei Marcus stets an erster Stelle.

Marcella goss sich ein Glas Wein ein und lehnte sich gegen die Küchentheke. Sie stellte sich vor, wie sich seine starken Hände um jemandes Kehle schlossen. Einen Kopf, der unter Wasser getaucht wurde, eine Faust, die ein Kinn traf. Einmal war er mit blutverschmierten Händen nach Hause gekommen, und sie hatte es mit ihm direkt auf der marmornen Küchentheke getrieben. Seine Waffe hatte noch im Holster gesteckt, und das Metall hatte hart gegen ihre Rippen gedrückt.

Die meisten Leute glaubten, Marcella würde ihren Mann trotz seines Jobs lieben. In Wahrheit liebte sie ihn gerade deswegen.

Als aus sieben Uhr acht wurde und aus acht kurz vor neun, verwandelte sich Marcellas Ungeduld jedoch langsam in Verärgerung. Und als die Haustür endlich aufging, hatte sich ihre Verärgerung zu Wut verhärtet.

»Tut mir leid, Liebling.«

Seine Stimme veränderte sich immer, wenn er betrunken war, sie wurde träge und gedehnt. Aber das war es auch schon. Weder stolperte noch wankte er, und seine Hände zitterten nicht. Nein, Marcus Riggins war aus härterem Holz geschnitzt – auch wenn er alles andere als perfekt war.

»Schon gut«, sagte Marcella und ärgerte sich über ihren genervten Tonfall. Sie wandte sich der Küche zu, aber Marcus packte sie am Handgelenk und drehte sie so schnell zu sich um, dass sie das Gleichgewicht verlor. Er legte die Arme um sie, und sie schaute hoch in sein Gesicht.

Zwar waren seine Hüften ein bisschen breiter geworden, während ihre Taille noch schlanker war als früher, und sein durchtrainierter Schwimmerkörper hatte sich mit jedem Jahr ein bisschen mehr aufgebläht. Sein sommerbraunes Haar jedoch war nicht dünner geworden, und seine Augen besaßen noch denselben verwegenen Blauton, der an Schiefer oder dunkles Wasser erinnerte. Marcus war immer schon attraktiv gewesen, was vermutlich mit seinen maßgeschneiderten Anzügen zusammenhing und seiner Art, sich zu bewegen, so als erwarte er, dass die ganze Welt ihm Platz machte. Und meistens tat sie das auch.

»Du siehst toll aus«, flüsterte er, und Marcella spürte, wie er sich gegen ihre Hüfte presste. Aber sie war nicht in Stimmung.

Mit den Fingernägeln fuhr sie über seine stoppelige Wange. »Bist du hungrig, Schatz?«

»Immer«, knurrte er an ihrem Hals.

»Gut«, sagte Marcella, trat einen Schritt zurück und strich über ihr Kleid. »Essen ist fertig.«

 

Ein Tropfen Rotwein lief am Kelch des erhobenen Glases hinab und landete auf dem weißen Tischtuch. Marcella hatte das Glas zu voll gegossen, ihre Hand hatte vor Ärger gezittert. Marcus schien den Fleck nicht zu bemerken. Er schien gar nichts zu bemerken.

»Auf meine schöne Frau.«

Marcus betete nicht vor dem Essen, aber er brachte stets einen Trinkspruch aus. Das tat er schon so lange, wie sie sich kannten. Egal, ob sie zwanzig Leute zu Besuch hatten oder alleine aßen. Bei ihrem ersten Date hatte die Geste Marcella noch entzückt, inzwischen kam sie ihr hohl und einstudiert vor. Sie sollte bezaubern, ohne wirklich charmant zu sein.

Marcella hob ihr eigenes Glas.

»Auf meinen eleganten Mann«, antwortete sie automatisch.

Sie hatte das Glas halb zu den Lippen geführt, als ihr der Fleck an Marcus’ Hemdmanschette auffiel. Anfangs hielt sie es nur für Blut, aber die Farbe war zu hell, zu rosa.

Es war Lippenstift.

Die Gespräche mit den anderen Frauen fielen ihr wieder ein.

Geht sein Blick schon auf Wanderschaft?

Hält er seinen Stängel feucht?

Männer sind Schweine.

Marcus säbelte an seinem Steak herum und redete irgendwas über Versicherungen, aber Marcella hörte nicht zu. Im Geiste stellte sie sich vor, wie ihr Mann mit dem Daumen über geschminkte Lippen fuhr, die sein Handgelenk küssten.

Ihre Finger packten das Weinglas fester. Hitze durchströmte ihre Haut, während sich in ihrem Magen eine kalte Schwere breitmachte. »Was für ein beschissenes Klischee«, sagte sie.

Er hörte nicht auf zu kauen. »Wie bitte?«

»Dein Hemdsärmel.«

Sein Blick glitt träge zu dem rosafarbenen Fleck. Er besaß nicht einmal den Anstand, überrascht auszusehen. »Muss wohl deiner sein«, sagte er, als hätte sie jemals diesen Farbton getragen, jemals etwas so Geschmackloses überhaupt nur besessen …

»Wer ist sie?«

»Ehrlich, Marce…«

»Wer ist sie?«, drängte Marcella und biss die perfekten Zähne zusammen.

Marcus hörte schließlich doch auf zu essen und lehnte sich zurück. Seine blauen Augen richteten sich auf sie. »Niemand.«

»Ach, du vögelst also einen Geist?«

Er verdrehte die Augen, offensichtlich wollte er das Thema nicht weiter vertiefen. Was ziemlich ironisch war, wo es ihm doch sonst immer so gefiel, wenn über ihn geredet wurde. »Marcella, Eifersucht steht dir nicht.«

»Zwölf Jahre, Marcus. Zwölf. Und jetzt kannst du ihn nicht mehr in der Hose behalten?«

Überraschung flackerte über sein Gesicht, und die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag – natürlich war es nicht das erste Mal, dass er fremdging. Es war nur das erste Mal, dass er erwischt wurde.

»Wie lange schon?«, fragte sie eisig.

»Lassen wir das, Marce.«

Lassen wir das – als wäre ihr Vorwurf wie das Weinglas in ihrer Hand, das sie jederzeit beiseitestellen konnte.

Es war nicht der Betrug an sich – sie konnte eine Menge verzeihen, im Interesse ihres gemeinsamen Lebens –, es waren die Blicke der anderen Frauen, die Marcella immer für Neid gehalten hatte, die Warnungen, das verhaltene Lächeln. Es war die Erkenntnis, dass alle es gewusst hatten, wer weiß wie lange schon, und sie als Einzige … nicht.

Lassen wir das.

Marcella stellte das Weinglas ab. Und nahm sich das Steakmesser. Ihr Mann besaß die Frechheit, sie spöttisch anzusehen. Als wüsste sie nicht, mit einem Messer umzugehen. Als hätte sie sich nicht all seine Geschichten angehört und um Details gebettelt. Als würde er nicht ewig über seinen Job reden, wenn er betrunken war. Als hätte sie nicht mit einem Kissen geübt. Einer Mehltüte. Einem Steak.

Marcus hob eine Augenbraue. »Was soll das?«, fragte er herablassend.

Wie albern sie in seinen Augen wirken musste, ihre perfekt manikürten Nägel, die den Griff des Messers umklammert hielten.

»Püppchen«, schnurrte er, und das Wort brachte sie zur Weißglut.

Püppchen. Liebling. Schatz. War das, was er nach all der Zeit über sie dachte? Hielt er sie für hilflos, schwach und zerbrechlich? Ein Schmuckstück, eine schimmernde Glasfigur, die man sich ins Regal stellte, weil sie hübsch anzusehen war?

Als sie nicht reagierte, verfinsterte sich sein Blick.

»Richte dieses Messer nur auf mich, wenn du es auch wirklich benutzen willst …«

Vielleicht war sie ja tatsächlich aus Glas.

Aber wenn Glas zerbrach, dann war es scharf.

»Marcella …«

Sie stürzte sich auf ihn, und zu ihrer Befriedigung weiteten sich seine Augen vor Überraschung. Er wich zurück und verschüttete dabei seinen Bourbon. Aber Marcellas Messer hatte kaum seine Seidenkrawatte berührt, da landete seine Hand schon krachend in ihrem Gesicht. Blut strömte ihr auf die Zunge, und ihre Augen füllten sich mit Tränen, während sie rückwärts gegen den Eichentisch stolperte. Porzellan klirrte.

Noch hielt sie das Messer umklammert, aber Marcus hatte ihr Handgelenk gepackt und drückte es so fest auf den Tisch, dass ihre Knochen knirschten.

Er hatte sie auch früher schon mal härter angefasst. Das war jedoch in der Hitze des Augenblicks gewesen, und sie hatte ihm stets signalisiert, dass sie es wollte.

Das hier war anders.

Marcus war einhundert Kilo brutale Kraft, ein Mann, dessen Job es war, Dinge zu zerstören. Oder Menschen. Er schnalzte mit der Zunge, als würde sie sich lächerlich machen. Sich aufspielen. Als hätte sie ihn durch ihr Verhalten dazu gebracht, eine andere zu vögeln. Und alles zu ruinieren, was sie sich so mühevoll aufgebaut hatte.

»Ah, Marce, du hast es schon immer geschafft, mich auf die Palme zu bringen.«

»Lass mich los«, zischte sie.

Marcus beugte sich tief über sie, fuhr ihr mit der Hand durchs Haar und umfasste ihr Kinn. »Nur, wenn du brav bist.«

Er lächelte. Lächelte. Als sei das Ganze bloß ein Spiel.

Marcella spuckte ihm Blut ins Gesicht.

Marcus stieß ein genervtes Seufzen aus. Dann schlug er ihren Kopf gegen die Tischplatte.

Um Marcella wurde es weiß. Sie erinnerte sich nicht, vom Tisch gefallen zu sein, aber als sie wieder zu sich kam, lag sie mit schmerzendem Kopf auf dem weichen Teppich neben ihrem Stuhl. Sie wollte sich aufrichten, doch das Zimmer schwankte gefährlich. Galle stieg in ihrer Kehle auf, und sie rollte sich herum und übergab sich.

»Du hättest es lassen sollen«, sagte Marcus.

Blut lief ihr in ein Auge und färbte das Esszimmer rot, während ihr Mann nach einem der Kandelaber griff. »Die habe ich schon immer gehasst«, sagte er und kippte den Kerzenständer um.

Die Flammen setzten die Seidenvorhänge in Brand, bevor der Kandelaber auf dem Boden aufkam.

Mühsam stemmte sich Marcella auf alle viere hoch. Sie hatte das Gefühl, unter Wasser zu sein. Sie war langsam, viel zu langsam.

Marcus stand im Flur und beobachtete sie.

Auf dem Holzfußboden glänzte ein Steakmesser. Marcella zwang sich, durch die dicke Luft darauf zuzukrabbeln. Sie hatte das Messer fast erreicht, als sie von hinten ein Schlag traf. Marcus hatte den zweiten Kandelaber umgestoßen, der auf sie fiel und sie unter seinen Eisenarmen begrub.

Das Feuer breitete sich beunruhigend schnell aus. Es sprang vom Vorhang zu der Bourbonpfütze, zum Tischtuch und zum Teppich. Es war überall.

Marcus’ Stimme drang durch den Rauch. »Wir hatten eine schöne Zeit, Marce.«

Dieser Dreckskerl. Als sei das sein Verdienst. Als hätte er ohne sie auch nur irgendetwas von Bedeutung zustande gebracht. »Ohne mich bist du nichts«, krächzte sie. »Ich habe dich zu dem gemacht, was du bist, Marcus.« Sie stemmte sich gegen den Kandelaber, doch der rührte sich nicht. »Und ich werde dich auch wieder vernichten.«

»Die Leute reden viel, bevor sie sterben, Liebling. Ich hab schon alles gehört.«

Hitze erfüllte den Raum, ihre Lungen und ihren Kopf. Marcella hustete, bekam aber keine Luft mehr. »Ich werde dich zerstören.«

Keine Antwort.

»Hörst du mich, Marcus?«

Nichts, nur Stille.

»Ich werde dich zerstören!«

Sie schrie, bis ihre Kehle brannte, bis ihr der Rauch die Sicht und die Stimme raubte, und selbst dann hallten die Worte weiter in ihrem Kopf nach. Ihr letzter Gedanke, der ihr tief, tief, tief hinab in die Dunkelheit folgte.

Ich werde dich zerstören.

Ich werde dich.

Ich werde.

Ich …

 

Officer Perry Carson steckte schon fast eine Stunde im siebenundzwanzigsten Level von Radical Raid fest, als endlich ein Motor zum Leben erwachte. Er schaute rechtzeitig hoch, um Marcus Riggins’ schwarze Limousine über den Kies-Halbkreis fahren zu sehen, der die Einfahrt zur Villa bildete. Der Wagen raste davon, gute dreißig Meilen über dem Tempolimit in der Vorstadt. Aber Perry saß nicht in einem Einsatzwagen, und selbst wenn, dann hatte er die letzten drei Wochen nicht fettiges Fastfood aus einem miserablen Diner in sich hineingestopft, um Riggins wegen einer läppischen Ordnungswidrigkeit dranzukriegen.

Nein, sie brauchten was Wasserdichtes, womit sie nicht nur Marc the Shark, sondern auch die ganzen anderen dicken Fische in seinem Umkreis hochnehmen konnten.

Perry lehnte sich wieder gegen das abgewetzte Leder und kehrte zu seinem Handyspiel zurück. Er hatte gerade das siebenundzwanzigste Level geschafft, als er Rauch roch.

Wahrscheinlich nur irgendein Arschloch, das ein unerlaubtes Feuer am Pool anzündete. Er spähte aus dem Fenster – es war schon spät, halb elf, und so weit vom Stadtzentrum entfernt war der Himmel tintenschwarz. Der Rauch war in der Dunkelheit nicht zu sehen.

Das Feuer dagegen schon.

Als die Flammen die Fenster der Riggins-Villa erhellten, war Perry bereits aus dem Auto gesprungen und über die Straße gelaufen. Und als er die Eingangstür erreichte, war auch die Meldung an die Zentrale schon gemacht. Zum Glück war die Tür nicht abgeschlossen. Er riss sie auf und formulierte dabei im Geiste seinen Bericht. Er würde schreiben, dass die Tür nur angelehnt war, dass er einen Hilferuf gehört hatte, obwohl er in Wahrheit lediglich das Krachen brennenden Holzes vernahm und das Zischen der Flammen im Flur.

»Polizei!«, rief er in den Rauch. »Ist jemand hier?«

Er hatte Marcella Riggins nach Hause kommen sehen. Aber sie hatte die Villa nicht verlassen. Die Limousine war schnell an ihm vorbeigebraust, jedoch nicht so schnell, dass es einen Zweifel hätte geben können – der Beifahrersitz war leer gewesen.

Perry hustete in seinen Ärmel. In der Ferne waren Sirenen zu hören. Eigentlich hätte er draußen warten sollen, wo es kühl und sicher war. Wo man atmen konnte.

Aber dann ging er um die Ecke und sah eine menschliche Gestalt unter einem Eisending von der Größe eines Kleiderständers liegen. Nein, kein Kleiderständer, ein Kandelaber, erkannte Perry, obwohl die Kerzen alle geschmolzen waren. Wer um alles in der Welt besaß denn so was?

Perry griff nach der Eisenstange und zuckte zurück – sie war glühend heiß. Er fluchte. Die Metallarme hatten sich durch Marcellas Kleid gebrannt, und ihre Haut war an den Stellen gerötet, aber sie weinte oder schrie nicht.

Sie rührte sich überhaupt nicht. Ihre Augen waren geschlossen, und an ihrer Schläfe lief Blut hinab. Ihr dunkles Haar klebte feucht an der Kopfhaut.

Er suchte nach ihrem Puls und spürte ein leises Pochen, das unter seiner Berührung schwächer wurde. Die Hitze im Zimmer nahm dagegen immer mehr zu und der Rauch auch.

»Mist, Mist, Mist«, murmelte Perry, während draußen Sirenen jaulten. Eine Wasserkaraffe war umgefallen und hatte eine Serviette getränkt, die deshalb nicht Feuer gefangen hatte. Er wickelte sie sich um die Hand und packte den Kandelaber. Der feuchte Stoff zischte, und Hitze drang auf seine Haut durch, während er die Eisenstange hochhievte und Marcella befreite. Im Flur ertönten Stimmen, Feuerwehrleute stürmten ins Haus.

»Hier drinnen!«, krächzte er, halb erstickt vom Rauch.

Zwei Feuerwehrmänner kamen angelaufen, kurz bevor ein Ächzen durch die Decke ging und der Kronleuchter herabstürzte. Der Leuchter fiel auf den Esszimmertisch und zersprang. Flammen loderten auf, und Perry nahm bloß noch wahr, wie er rückwärts aus dem Zimmer und der brennenden Villa in die kühle Nacht hinausgezogen wurde.

Hinter ihm folgte der zweite Feuerwehrmann, der sich Marcella über die Schulter geworfen hatte.

Draußen stand auf dem gepflegten Rasen ein Haufen Einsatzfahrzeuge, und in der Einfahrt blinkte das Blaulicht eines Krankenwagens.

Das Haus brannte lichterloh, Perrys Hand pochte, und seine Lungen schmerzten, aber das war ihm egal. Hauptsache, Marcella Riggins überlebte. Marcella, die den Polizisten, die sie verfolgten, immer zugelächelt und gewinkt hatte. Marcella, die ihren kriminellen Ehemann niemals verraten hätte.

Aber vielleicht würde sie ihre Meinung ja jetzt ändern? Die Platzwunde an ihrem Kopf, das brennende Haus und der schnelle Aufbruch ihres Mannes ließen das zumindest vermuten. Eine solche Chance konnte Perry nicht ungenutzt lassen.

Schläuche spritzten Wasser in die Flammen, und Perry hustete und spuckte. Als zwei Sanitäter Marcella auf eine Trage verfrachteten, legte er die Sauerstoffmaske jedoch beiseite.

»Sie atmet nicht«, sagte einer der Sanitäter und schnitt Marcellas Kleid auf.

Perry rannte hinter den Männern her.

»Kein Herzschlag«, sagte der andere und begann mit einer Druckmassage.

»Dann bringt es wieder zum Schlagen!«, schrie Perry und hievte sich in den Krankenwagen. Eine Leiche konnte er nicht in den Zeugenstand bringen.

»Sauerstoffwerte sinken«, sagte der erste Sanitäter und legte Marcella eine Sauerstoffmaske an. Ihre Körpertemperatur war zu hoch. Der Sanitäter holte ein paar Kühlpads, riss die Versiegelung auf und legte sie an Marcellas Schläfen, auf ihren Hals und ihre Handgelenke. Das letzte reichte er Perry, der es widerwillig annahm.

Marcellas Herzschlag tauchte auf einem kleinen Bildschirm auf, eine gerade Linie, die nicht ausschlug.

Der Krankenwagen setzte sich in Bewegung, die brennende Villa wurde im Fenster rasch kleiner. Drei Wochen hatte Perry vor dem Haus ausgeharrt. Seit drei Jahren schon versuchte er, Tony Hutchs Bande zu überführen. Nun hatte ihm das Schicksal die perfekte Zeugin geliefert, und er würde einen Teufel tun, sie sterben zu lassen.

Ein dritter Sanitäter wollte Perrys verbrannte Hand behandeln, aber er zog sie weg. »Kümmern Sie sich um die Frau«, befahl er.

Die Sirenen durchschnitten die Nacht, während sich die Sanitäter abmühten, Marcellas Lungen wieder zum Atmen und ihr Herz zum Schlagen zu bringen. Ihren Lebensfunken aus der Asche aufsteigen zu lassen.

Aber es klappte nicht.

Schlaff und leblos lag Marcella da, und Perrys Hoffnung schwand.

Und dann, zwischen einer Druckmassage und der nächsten, machte die schrecklich gerade Linie ihres Herzschlags plötzlich einen Hüpfer nach oben. Ein Stottern folgte und gleich darauf ein regelmäßiges Piepen.

Teil IWiederauferstehung

IVier Wochen vorher

Halloway

»Ich werde Sie nicht noch einmal fragen«, sagte Victor und sah zu, wie der Mechaniker rückwärts über den Garagenboden krabbelte. Als würden ein paar Meter Abstand einen Unterschied machen. Victor folgte ihm ohne Eile.

Jack Linden war vierunddreißig, hatte einen Dreitagebart, Schmiere unter seinen Fingernägeln und ein Talent dafür, Dinge zu reparieren.

»Ich hab es Ihnen doch schon erklärt«, sagte Linden und zuckte nervös zusammen, als er mit dem Rücken gegen einen halbfertigen Motor stieß. »Ich kann das nicht …«

»Lügen Sie mich nicht an«, sagte Victor warnend.

Er packte die Waffe fester, und die Luft um ihn herum knisterte vor Energie.

Linden erschauderte und unterdrückte einen Aufschrei.

»Wirklich nicht!«, japste er. »Ich repariere Autos. Ich setze Motoren wieder zusammen. Keine Menschen. Autos sind einfach. Die bestehen aus Schrauben, Muttern und Leitungen. Menschen sind viel komplizierter.«

Daran hatte Victor noch nie geglaubt. Menschen waren vielleicht etwas komplizierter, aber im Grunde waren auch sie Maschinen. Entweder funktionierten sie oder nicht, und wenn sie kaputtgingen, dann konnte man sie reparieren.

Er schloss die Augen und maß die Spannung in seinem Inneren. Sie summte bereits in Muskeln und Knochen. Ein unangenehmes Gefühl, aber nicht annähernd so unangenehm wie das, was passieren würde, wenn sie den Höhepunkt erreichte.

»Ich schwöre Ihnen«, sagte Linden, »ich würde Ihnen helfen, wenn ich könnte.« Dabei hörte Victor, wie er das Gewicht verlagerte und mit einer Hand nach den Werkzeugen auf dem Boden tastete. »Das können Sie mir glauben …« Lindens Finger schlossen sich um etwas Metallisches.

»Natürlich«, sagte Victor und öffnete die Augen im selben Moment, als Linden sich mit einem Schraubenschlüssel auf ihn stürzte. Auf halbem Wege wurde der Mechaniker langsamer, als sei er plötzlich auf einen Luftwiderstand gestoßen. Victor riss die Waffe hoch und schoss Linden in den Kopf.

Der Knall hallte durch die Werkstatt, wurde von Beton und Stahl zurückgeworfen. Der Mechaniker stürzte zu Boden.

Wie enttäuschend, dachte Victor beim Anblick der Blutlache, die sich auf dem Beton ausbreitete.

Er steckte die Waffe ein und wandte sich zum Gehen, kam jedoch nur drei Schritte weit, ehe ihn die erste Schmerzwelle traf. Er geriet ins Stolpern und hielt sich an der Karosserie eines Wagens fest, während der Schmerz mit tödlicher Heftigkeit seine Brust durchfuhr.

Vor fünf Jahren hätte er dank seiner Gabe einfach den inneren Schalter umgelegt und seine Nerven ausgeschaltet, um der Empfindung zu entkommen.

Aber jetzt … gab es kein Entrinnen.

Seine Nerven knisterten, der Schmerz wurde immer schlimmer, als würde ein Regler hochgedreht. Die Luft summte vor Energie, und die Deckenlampen flackerten. Victor zwang sich, auf das offene Werkstatttor zuzugehen, weg von der Leiche. Er versuchte, sich auf die Symptome zu konzentrieren und sie auf Fakten, Statistiken, messbare Größen zu reduzieren.

Die Spannung raste durch seinen Körper. Er nahm einen schwarzen Gummikeil aus seinem Mantel und steckte ihn sich noch gerade rechtzeitig zwischen die Zähne, bevor ein Knie nachgab und sein Körper unter der Belastung zusammenbrach.

Victor kämpfte dagegen an – wie immer –, aber Sekunden später lag er auf dem Rücken, und seine Muskeln verkrampften sich, als die Spannung ihren Höhepunkt erreichte. Sein Herzschlag ging stolpernd, geriet aus dem Takt …

Und er starb.

IIFünf Jahre vorher

Merit, Friedhof

Bei seinem Erwachen empfingen Victor kalte Luft, Friedhofserde und Sydneys blondes Haar, das vom Mondlicht wie mit einem Heiligenschein umgeben war.

Sein erster Tod war grausam gewesen, seine Welt auf einen kalten Metalltisch reduziert, sein Leben nur noch elektrische Spannung und ein Regler, der immer höher ging. Elektrizität hatte sich durch jeden einzelnen Nerv gebrannt, bis er schließlich zusammengebrochen und in schwerem, flüssigem Nichts versunken war. Das Sterben hatte eine Ewigkeit gedauert, aber der Tod selbst war flüchtig gewesen, nur die Zeitspanne eines Atemanhaltens lang. Luft und Energie wurden aus seiner Lunge gepresst, bevor er wieder aufstieg durch das dunkle Wasser, während alles in ihm schrie.

Sein zweiter Tod war viel merkwürdiger gewesen. Er hatte weder elektrische Spannung noch unerträgliche Schmerzen verspürt, weil er längst den Schalter umgelegt hatte. Aber um seine Knie hatte sich eine Blutpfütze gebildet, und er hatte den Druck zwischen den Rippen wahrgenommen, als Eli mit dem Messer zustach. Die Welt versank in Dunkelheit, und er glitt in den Tod hinüber, so sanft, als würde er einschlafen.

Danach folgte … nichts. Die Zeit dehnte sich zu einer lang anhaltenden Sekunde. Einem Akkord vollkommener Stille. Endlos. Der plötzlich unterbrochen wurde. Wie von einem Kieselstein, der auf eine glatte Teichoberfläche traf.

Und hier war er. Atmete. Lebte.

Victor richtete sich auf, und Sydney schlang die schmalen Arme um ihn. Eine Weile saßen sie schweigend da, ein wiederbelebter Toter und ein Mädchen, das auf seinem Sarg kniete.

»Hat es funktioniert?«, flüsterte sie, und er wusste, sie meinte nicht die Wiederbelebung selbst. Bisher hatte es mit der Erweckung von EOs stets Probleme gegeben. Sie kehrten zwar ins Leben zurück, aber ihre Kräfte nahmen dabei Schaden, waren nicht mehr wie früher. Victor horchte in sich hinein, suchte nach zerrissenen Fäden, Störungen im Spannungsfluss. Aber er fühlte sich … unverändert. Unversehrt. Ganz.

Es war ein überwältigendes Gefühl.

»Ja«, sagte er. »Hat es.«

Mitch tauchte neben dem Grab auf. Sein rasierter Schädel glänzte von Schweiß, und seine tätowierten Unterarme waren vom Graben schmutzig. »Hi.« Er trieb die Schaufel ins Gras und half Sydney und Victor aus dem Loch.

Dol begrüßte Victor, indem er sich schwer an ihn lehnte und seinen riesigen schwarzen Kopf gegen seine Handfläche drückte.

Das letzte Mitglied ihrer Gang stand in der Nähe, auf einen Grabstein gestützt. Dominic hatte das mitgenommene Aussehen eines Drogensüchtigen. Seine Pupillen waren von den Medikamenten geweitet, mit denen er seine chronischen Schmerzen betäubte. Victor spürte seine zerfransten Nervenenden, die wie bei einem Kurzschluss Funken sprühten.

Sie hatten einen Deal geschlossen: Victor befreite den Exsoldaten von seinen Schmerzen, und dafür half dieser ihnen. In Victors Abwesenheit hatte Dominic seinen Teil der Abmachung offensichtlich nicht einhalten können. Jetzt knipste Victor seinen Schmerz aus wie eine Lampe. Augenblicklich sank Dominics Kopf nach hinten, und die Anspannung verschwand aus seinem Gesicht.

Victor nahm sich die Schaufel und reichte sie dem Exsoldaten. »Steh auf.«

Dominic gehorchte. Er rollte den Kopf hin und her und kam auf die Beine. Zu viert schaufelten sie Victors Grab wieder zu.

 

Zwei Tage.

So lange war Victor tot gewesen.

Beunruhigend lange. Die ersten Phasen der Verwesung hatten zu diesem Zeitpunkt schon eingesetzt. Die anderen waren unterdessen bei Dominic untergekommen – zwei Männer, ein Mädchen und ein Hund, die darauf warteten, dass eine Leiche begraben wurde.

»Ist nichts Großartiges«, sagte Dom jetzt, während er die Eingangstür öffnete. Und er hatte recht – ein kleines, unaufgeräumtes Wohnzimmer mit einem abgewetzten Sofa, ein Betonbalkon und eine Küche, in der sich schmutziges Geschirr stapelte –, aber es war eine vorübergehende Lösung für ein längerfristiges Problem, und Victor war nicht in der Verfassung, sich der Zukunft zu stellen. Nicht, solange Friedhofserde an seiner Hose klebte und er noch den Geschmack des Todes im Mund hatte.

Er brauchte eine Dusche.

Dom führte ihn durchs Wohnzimmer. Es war eng und dunkel, an einer Wand stand ein Regal mit Büchern und Medaillen und umgedrehten Fotos. Auf dem Fensterbrett reihten sich zu viele leere Flaschen.

Irgendwoher kramte der Exsoldat ein Langarmshirt mit einem Bandlogo hervor. Victor hob eine Augenbraue. »Was anderes hab ich nicht in Schwarz«, erklärte Dom.

Er schaltete das Badezimmerlicht an und ließ Victor allein.

Victor zog sich die Kleider aus, in denen er begraben worden war – Kleider, die ihm völlig unbekannt waren und die er nicht gekauft hatte –, und trat vor den Badezimmerspiegel, um seine nackte Brust und seine Arme zu betrachten.

Sein Körper war bei weitem nicht frei von Narben, aber keine davon stammte aus der Nacht im Falcon Price. In seinem Kopf hallten Schüsse wider, die von unfertigen Wänden abprallten. Der Betonboden war glitschig von Blut. Seinem eigenen. Aber hauptsächlich Elis. Er erinnerte sich an jede einzelne Verletzung, die er in jener Nacht davongetragen hatte – an die flachen Schnittwunden am Bauch, den rasiermesserscharfen Draht, der sich in seine Handgelenke gegraben hatte, Elis Messer, das zwischen seine Rippen geglitten war –, doch davon war jetzt nichts mehr zu sehen.

Sydneys Gabe war wirklich bemerkenswert.

Victor drehte die Dusche an und stellte sich unter das heiße Wasser, um sich den Tod abzuwaschen. Er spürte seiner Fähigkeit nach, richtete den Blick nach innen, wie damals, vor vielen Jahren, als er ins Gefängnis gekommen war. Während der Isolationshaft hatte er seine neugewonnenen Kräfte nicht an anderen ausprobieren können und deshalb seinen eigenen Körper als Versuchsobjekt benutzt. Er hatte die Grenzen des Schmerzes ausgetestet, das komplizierte Netz der Nervenverbindungen erforscht. Jetzt drehte er den Regler im Geiste ganz runter, bis er nichts mehr spürte, und dann hoch, bis sich jeder Wassertropfen auf seiner nackten Haut wie ein Messerstich anfühlte. Er biss die Zähne zusammen und fuhr den Regler wieder in die Normalposition zurück.

Dann schloss er die Augen und lehnte den Kopf gegen die Fliesen. Er musste lächeln, als ihm Elis Worte einfielen.

Du kannst nicht gewinnen.

Und doch hatte er gewonnen.

 

Im Apartment war es ruhig. Dominic stand auf dem schmalen Balkon und rauchte eine Zigarette. Sydney lag zusammengerollt auf dem Sofa. Auf dem Boden daneben kauerte Dol, hatte die Schnauze in der Nähe ihrer Hand abgelegt. Mitch saß am Tisch und mischte einen Satz Spielkarten durch.

Victor betrachtete sie alle.

Ich habe wohl immer noch eine Schwäche für Streuner.

»Was jetzt?«, fragte Mitch.

Zwei kurze Wörter.

Nie zuvor hatten ein paar Silben derart viel Gewicht besessen. In den letzten zehn Jahren hatte der Wunsch nach Rache alles beherrscht. Weiter hatte Victor nicht gedacht. Aber nun war sein Ziel erreicht – Eli schmorte in einer Gefängniszelle – und er selbst mit dem Leben davongekommen. Ohne den Rachedurst fühlte Victor sich unruhig und unzufrieden.

Was jetzt?

Er könnte die anderen verlassen. Einfach verschwinden. Es wäre das Klügste. Eine Gruppe, noch dazu eine, die aus so merkwürdigen Gestalten bestand wie ihre, würde mehr Aufmerksamkeit erregen als ein Einzelner. Doch Victor konnte mit seiner Fähigkeit andere Leute beeinflussen, auf subtile, aber effiziente Weise Abneigung in ihnen erzeugen, so dass sie sich abwandten, nicht genauer hinschauten. Und Stell hielt Victor Vale für tot und begraben.

Sechs Jahre kannte er Mitch.

Sydney sechs Tage.

Und Dominic sechs Stunden.

Jeder von ihnen war ihm ein Klotz am Bein. Er sollte sich davon frei machen, sie verlassen.

Also geh, dachte er. Aber seine Füße rührten sich nicht.

Dominic war kein Problem. Sie kannten sich noch nicht so lange, und ihre Verbindung war lediglich den Umständen geschuldet und der Tatsache, dass sie einander nützlich waren.

Bei Sydney lag die Sache anders. Victor war für sie verantwortlich. Und zwar seit er Serena getötet hatte. Das war keine Gefühlsduselei, sondern eine einfache Rechnung.

Und Mitch? Mitch war verflucht, das hatte er selbst gesagt. Ohne Victor war es nur eine Frage der Zeit, bis der Hüne erneut im Gefängnis landete. Wahrscheinlich in demselben, aus dem er mit Victor – für Victor – ausgebrochen war. Und obwohl Mitch Sydney kaum eine Woche kannte, wusste Victor, dass er sie niemals verlassen würde. Das Mädchen schien ihn umgekehrt ebenfalls ins Herz geschlossen zu haben.

Und dann war da natürlich noch die Sache mit Eli.

Eli war zwar im Gefängnis, aber noch am Leben. Dank Elis Fähigkeit zur Selbstheilung konnte Victor daran auch nichts ändern. Und wenn Eli jemals wieder rauskam …

»Victor?«, hakte Mitch nach.

»Wir verschwinden.«

Mitch nickte. Es gelang ihm nur schlecht, seine Erleichterung zu verbergen. Für Victor war er stets ein offenes Buch gewesen, selbst damals im Gefängnis. Sydney richtete sich auf dem Sofa auf, und ihre eisblauen Augen suchten im Halbdunkel Victors Blick. Offenbar hatte sie doch nicht geschlafen.

»Wo wollen wir hin?«, fragte sie.

»Ich weiß nicht«, antwortete Victor. »Aber hier können wir nicht bleiben.«

Dominic war wieder ins Wohnzimmer zurückgekehrt, brachte einen kalten Luftzug und Zigarettenrauch mit sich. »Ihr wollt weg?«, fragte er. Panik huschte über seine Züge. »Was ist mit unserem Deal?«

»Entfernung ist kein Problem«, sagte Victor. Das stimmte nicht ganz – sobald Dominic außer Reichweite wäre, könnte Victor das Schmerzempfinden des Exsoldaten nicht mehr direkt beeinflussen. Seine jetzige Manipulation sollte aber bestehen bleiben. »An unserer Abmachung ändert sich nichts«, sagte er. »Solange du weiter für mich arbeitest.«

Dom nickte schnell. »Was immer du brauchst.«

Victor wandte sich an Mitch. »Besorg uns einen neuen Wagen«, sagte er. »Ich will im Morgengrauen aus Merit raus sein.«

Und so geschah es.

Zwei Stunden später, als das erste Tageslicht den Himmel aufbrach, kam Mitch in einer schwarzen Limousine vorgefahren. Dom stand mit verschränkten Armen in der Tür zu seinem Apartment und sah Sydney und Dol beim Einsteigen zu. Victor nahm auf dem Beifahrersitz Platz.

»Geht es dir wirklich gut?«, fragte Mitch.

Victor blickte auf seine Hände. Er spürte das Prickeln der Energie unter seiner Haut, als er sie zu Fäusten ballte. Sofern sich überhaupt etwas verändert hatte, fühlte er sich stärker als zuvor. Seine Kraft war klar und konzentriert.

»Besser denn je.«

IIIVier Wochen vorher

Halloway

Zitternd erwachte Victor auf dem kalten Betonboden.

Ein paar quälende Sekunden lang war sein Geist völlig leer, seine Gedanken weit verstreut. Er hatte das Gefühl, aus einem Rausch aufzuwachen. Auf der Suche nach Logik und Ordnung durchforstete er seine bruchstückhafte Wahrnehmung – ein metallischer Geschmack, Benzingeruch, das trübe Leuchten von Straßenlaternen hinter gesprungenen Fenstern –, bis alles um ihn wieder Gestalt annahm.

Die Garage des Mechanikers.

Jack Lindens Leiche, umgeben von heruntergefallenem Werkzeug.

Victor zog sich das Gummistück aus dem Mund und richtete sich auf. Schwerfällig holte er sein Handy aus der Jackentasche. Mitch hatte es mit einem improvisierten Überspannungsschutz ausgestattet. Das kleine Bauteil war kaputt, dem Gerät selbst aber nichts passiert. Er schaltete es ein.

Von Dominic war eine kurze Nachricht eingetroffen.

3 Minuten, 49 Sekunden.

So lange war er tot gewesen.

Victor fluchte leise.

Zu lange. Viel zu lange.

Der Tod war gefährlich. Jede Sekunde ohne Sauerstoff und Durchblutung setzte dem Körper zu. Die Organe blieben zwar mehrere Stunden lang stabil, das Gehirn war jedoch anfällig. Je nach allgemeiner Verfassung und der Art des Traumas gingen die meisten Ärzte davon aus, dass nach vier, fünf oder maximal sechs Minuten das Gehirn Schaden nahm. Victor war nicht erpicht darauf, die Obergrenze auszutesten.

Allerdings nützte es auch nichts, die düstere Entwicklung zu ignorieren.

Victor starb immer häufiger und blieb immer länger tot. Und was die Schäden betraf … Er schaute nach unten, sah Brandflecken auf dem Beton und Glassplitter von den zerbrochenen Werkstattlampen.

Er kam auf die Beine und lehnte sich gegen ein Auto, bis sich der Raum nicht mehr um ihn drehte. Immerhin hatte das Summen jetzt aufgehört und war einer angenehmen Ruhe gewichen – die jedoch beinahe sofort von einem kurzen, abgehackten Klingelton zunichtegemacht wurde.

Mitch.

Victor schluckte und schmeckte Blut. »Ich bin unterwegs.«

»Hast du Linden gefunden?«

»Ja.« Victor sah zu der Leiche hin. »Aber es hat nicht funktioniert. Such schon mal nach einem neuen Kandidaten.«

IVFünf Jahre vorher

Pershing

Das Summen begann zwei Wochen nach Victors Wiederbelebung.

Anfangs war es kaum wahrnehmbar – ein leises Sirren in seinen Ohren, ein leichter Tinnitus, den er zunächst für die Geräusche einer Glühlampe, eines Automotors oder das Murmeln eines Fernsehers im Nachbarzimmer hielt. Doch das Summen verschwand nicht.

Etwa einen Monat später stand Victor in einer Hotellobby und sah sich nach einer möglichen Quelle des Geräusches um.

»Was ist?«, fragte Sydney.

»Du hörst es also auch?«

Sydney runzelte verwirrt die Stirn. »Was denn?«

Er schüttelte den Kopf. »Ach, nichts.« Er wandte sich wieder dem Empfangstresen zu.

»Mr. Stockbridge«, sagte die Frau hinter dem Tresen zu ihm. »Wie ich sehe, bleiben Sie drei Nächte bei uns. Willkommen im Plaza Hotel.«

Sie hielten sich nie lange an einem Ort auf, fuhren von einer Stadt zur nächsten, übernachteten mal in Hotels, mal in Mietapartments. Sie reisten nie auf direktem Wege, kehrten nirgendwo zweimal ein, besuchten die Städte in keiner bestimmten Reihenfolge.

»Wie möchten Sie bezahlen?«

Victor nahm ein paar Geldscheine aus der Tasche. »In bar.«

Geld war kein Problem – aus Mitchs Sicht ging es lediglich um eine Abfolge von Nullen und Einsen, eine digitale Währung in einer fiktiven Bank. Sein neuestes Hobby war es, geringste Mengen davon zu stehlen, nur hier und da ein paar Cent, und auf Hunderte von Bankkonten zu überweisen. Anstatt keine Spuren zu hinterlassen, erzeugte er so viele, dass sie unmöglich zu verfolgen waren. Das Ergebnis waren große Zimmer, luxuriöse Betten und jede Menge Platz, wie ihn sich Victor im Gefängnis immer gewünscht hatte.

Das Summen wurde höher.

»Geht es dir gut?«, fragte Sydney und musterte ihn. Seit dem Friedhof hatte sie ihn sehr genau beobachtet, jede seiner Gesten und jeden Schritt, als könnte er plötzlich zusammenbrechen und zu Asche zerfallen.

»Alles bestens«, log Victor.

Aber das Geräusch folgte ihm zum Aufzug und hoch zu ihren Räumlichkeiten, einer eleganten Suite mit zwei Schlafzimmern und einem Sofa. Es folgte ihm ins Bett und am nächsten Morgen beim Aufstehen, wobei es sich kaum merklich steigerte. Nun kam außerdem noch eine Empfindung hinzu. Ein leichtes Prickeln in den Gliedmaßen, nicht schmerzhaft, aber unangenehm. Hartnäckig. Es ließ sich nicht abschütteln, wurde stattdessen immer stärker. Bis Victor in einem Anfall von Verärgerung seine Schaltkreise ausknipste und den Regler runterdrehte, bis er nur noch Taubheit spürte. Daraufhin verschwand das Prickeln. Das Summen jedoch wurde lediglich leiser, wie fernes Rauschen, das er fast ignorieren konnte.

Fast.

Er saß auf der Bettkante und fühlte sich fiebrig, krank. Wann war er zum letzten Mal krank gewesen? Er konnte sich nicht erinnern. Aber das Gefühl wurde mit jeder Minute schlimmer, bis Victor schließlich aufstand, durch die Suite ging und sich seinen Mantel holte.

»Wo willst du hin?«, fragte Sydney, die mit einem Buch zusammengerollt auf dem Sofa lag.

»Ein bisschen frische Luft schnappen«, sagte er und trat durch die Tür auf den Gang.

Er war bereits auf halbem Weg zum Aufzug, als ihn der Schmerz übermannte.

Scharf wie ein Messer fuhr er ihm in die Brust. Keuchend hielt Victor sich an einer Wand fest und versuchte, aufrecht zu bleiben, während eine weitere Welle über ihn hinwegrollte – heftig und eigentlich unmöglich. Er hatte den Regler runtergedreht, seine Nerven betäubt. Das schien jedoch nichts bewirkt zu haben. Etwas setzte seine Schaltkreise, seine Gabe, seinen Willen außer Kraft.

Die Lichter um ihn her verblassten, wurden trübe, während seine Sicht verschwamm. Der Flur schwankte. Victor zwang sich, am Aufzug vorbei zur Treppe zu gehen. Er schaffte es kaum durch die Tür, ehe erneut Schmerz in ihm aufflammte. Seine Knie gaben nach und kamen hart auf dem Beton auf. Er wollte wieder aufstehen, aber seine Muskeln verkrampften sich. Sein Herzschlag geriet ins Stocken, und er brach auf dem Treppenabsatz zusammen.

Sein Kiefer rastete ein, während ihn Schmerzen durchzuckten, wie er sie seit Jahren nicht mehr gespürt hatte. Seit zehn Jahren, um genau zu sein. Das Labor, das Gummistück zwischen seinen Zähnen, der kalte Metalltisch, die unerträglichen Qualen – die Spannung, die seine Nerven verschmorte, ihm die Muskeln zerriss und sein Herz zum Stillstand brachte.

Er musste aufstehen.

Aber er konnte sich nicht bewegen. Konnte weder sprechen noch atmen. Eine unsichtbare Hand drehte den Regler immer weiter hoch, bis schließlich alles schwarz wurde.

 

Victor kam auf dem Treppenabsatz wieder zu sich.

Als Erstes fühlte er sich befreit – endlich herrschte Stille, das teuflische Summen war verstummt. Dann nahm er Mitchs Hand wahr, die ihn an der Schulter rüttelte. Victor rollte sich herum und erbrach Galle, Blut und schlechte Erinnerungen auf den Treppenabsatz.

Um ihn herum war es dunkel, die Deckenlampen brannten nicht mehr, und er konnte nur vage die Erleichterung in Mitchs Gesicht ausmachen.

»O Mann«, sagte Mitch und ließ sich auf die Hacken sinken. »Du hast nicht geatmet und hattest keinen Puls mehr. Ich dachte schon, du bist tot.«

»War ich auch, glaub ich«, sagte Victor und wischte sich den Mund ab.

»Wie meinst du das?«, fragte Mitch. »Was ist passiert?«

Victor schüttelte langsam den Kopf. »Ich weiß es nicht.« Es war ein unangenehmes Gefühl für ihn, nicht zu wissen, was geschehen war, und ganz sicher gab er es nicht gern zu. Er kam auf die Beine und stützte sich an der Treppenhauswand ab. Seine Empfindungen auszuschalten war ein Fehler gewesen. Er hätte die Zunahme der Symptome beobachten und abschätzen sollen. Hätte wissen müssen, was auch Sydney gespürt hatte: dass etwas mit ihm nicht stimmte.

»Victor«, setzte Mitch an.

»Wie hast du mich gefunden?«

Mitch hielt sein Handy hoch. »Dom. Er hat mich angerufen und Panik geschoben. Er sagte, du hättest es rückgängig gemacht. Es wäre wieder wie damals, als du tot warst. Ich hab versucht, dich anzuklingeln, aber du bist nicht drangegangen. Gerade wollte ich zum Aufzug, da hab ich gesehen, dass im Treppenhaus das Licht aus war.« Er schüttelte den Kopf. »Ich hatte ein ungutes Gefühl …«

Das Handy klingelte wieder. Victor nahm es Mitch aus der Hand und schaltete es ein. »Dominic.«

»Das kannst du nicht einfach so machen«, fauchte der Exsoldat. »Wir hatten einen Deal.«

»War nicht absichtlich«, sagte Victor mühsam, aber Dominic schimpfte trotzdem weiter.

»Aus heiterem Himmel geh ich plötzlich in die Knie und werd beinahe ohnmächtig. Ohne jede Vorwarnung. Ich hatte ja keine Schmerzmittel genommen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie das ist …«

»Doch, kann ich«, sagte Victor und lehnte den Kopf gegen die Betonwand. »Aber jetzt geht’s dir gut?«

Dominic holte zittrig Luft. »Ja, alles wieder paletti.«

»Wie lange hat es gedauert?«

»Was? Keine Ahnung. Ich war ein bisschen abgelenkt.«

Seufzend schloss Victor die Augen. »Beim nächsten Mal achte bitte drauf.«

»Beim nächsten Mal?«

Victor legte auf und öffnete die Augen. Mitch starrte ihn an. »Ist das früher schon mal passiert?«

Früher. Victor wusste, was er meinte. Einst hatte die Nacht im Labor eine Zäsur in seinem Leben gebildet. Vor jener Nacht war er ein Mensch gewesen und danach ein EO. Jetzt gab es einen weiteren Einschnitt: seine Wiederbelebung. Davor war er ein EO gewesen und jetzt … das hier. Es war also tatsächlich Sydneys Schuld. Ihre Fähigkeit besaß einen entscheidenden Makel, hatte seine Fähigkeit in Mitleidenschaft gezogen. Victor war dem nicht entkommen, er hatte es bloß bisher ignoriert.

Fluchend fuhr sich Mitch mit der Hand über den Schädel. »Wir müssen es ihr sagen.«

»Nein.«

»Sie wird es sowieso herausfinden.«

»Nein«, sagte Victor erneut. »Noch nicht.«

»Wann dann?«

Wenn Victor in Erfahrung gebracht hatte, was mit ihm nicht stimmte und wie sich das Problem beheben ließ. Wenn er einen Plan, eine Lösung hatte. »Wenn es einen Unterschied macht«, sagte er.

Mitchs Schultern sanken herab.

»Vielleicht passiert es ja nicht noch einmal«, sagte Victor.

»Vielleicht«, sagte Mitch.

Keiner von ihnen glaubte daran.

VViereinhalb Jahre vorher

Fulton

Es passierte wieder und wieder.

Dreimal in weniger als sechs Monaten, und jedes Mal wurde die Zeitspanne dazwischen etwas kürzer und die Todesdauer etwas länger. Es war Mitch, der darauf bestand, dass Victor einen Spezialisten aufsuchte. Mitch, der einen gewissen Dr. Adam Porter ausfindig machte, einen gedrungenen Mann mit Adlernase, der in dem Ruf stand, einer der besten Neurologen des Landes zu sein.

Ärzte hatte Victor nie gemocht.

Selbst damals, als er selber einer hatte werden wollen, war es ihm nicht darum gegangen, Patienten zu retten. Das Wissen, die Macht und die Kontrolle waren es gewesen, die ihn zur Medizin hingezogen hatten. Er wollte die Hand sein, die das Skalpell hielt, nicht die Haut, in die geschnitten wurde.

Jetzt saß Victor außerhalb der Öffnungszeiten in Porters Praxis. Das Summen in seinem Kopf hatte sich bereits in seine Gliedmaßen ausgebreitet. Es war riskant zu warten, bis der Schub so weit fortgeschritten war, das wusste er. Aber für eine korrekte Diagnose mussten Symptome vorhanden sein.

Victor betrachtete den Patientenfragebogen. Symptome konnte er angeben, Details waren dagegen gefährlich. Er reichte den Bogen über den Tisch zurück, ohne zum Stift zu greifen.

Der Arzt seufzte. »Mr. Martin, Sie haben für meine Dienste einen beträchtlichen Aufpreis bezahlt. Ich würde vorschlagen, dass Sie auch davon Gebrauch machen.«

»Das Geld ist für Ihre Verschwiegenheit.«

Porter schüttelte den Kopf. »Also gut«, sagte er und verschränkte die Finger. »Was für Beschwerden haben Sie?«

»Ich bin mir nicht ganz sicher«, sagte Victor. »Ich habe diese Schübe.«

»Was für Schübe?«

»Neurologischer Art«, antwortete er und tastete sich vorsichtig an die Grenze zwischen Auslassung und Lüge heran. »Es beginnt mit einem Geräusch, einem Summen in meinem Kopf. Es wird immer stärker, bis ich es auch in den Knochen spüre. Wie eine elektrische Ladung.«

»Und dann?«

Dann sterbe ich, dachte Victor.

»Ich verliere das Bewusstsein«, sagte er.

Der Arzt runzelte die Stirn. »Wie lange geht das schon so?«

»Fünf Monate.«

»Haben Sie irgendein Trauma erlitten?«

Ja.

»Nicht, dass ich wüsste.«

»Ihre Lebensweise verändert?«

»Nein.«

»Leiden Sie unter Schwächeanfällen?«

»Nein.«

»Allergien?«

»Nein.«

»Haben Sie besondere Auslöser bemerkt? Migräne kann durch Koffein verursacht werden, epileptische Anfälle entstehen durch Licht oder Stress oder Schlafm…«

»Mich interessiert nicht, was der Auslöser ist«, unterbrach ihn Victor ungeduldig. »Ich will wissen, was da passiert und wie es sich beheben lässt.«

Der Arzt beugte sich vor. »Na gut«, sagte er. »Dann wollen wir mal ein paar Tests machen.«

 

Victor sah die Linien über den Bildschirm wandern und ausschlagen wie bei Erschütterungen vor einem Erdbeben. Porter hatte ein Dutzend Elektroden an seiner Kopfhaut befestigt und betrachtete nun mit ihm zusammen das EEG. Zwischen seinen Augenbrauen bildete sich eine steile Falte.

»Was ist?«, fragte Victor.

Der Arzt schüttelte den Kopf. »Ein solches Aktivitätslevel ist nicht normal, aber das Muster deutet nicht auf Epilepsie hin. Sehen Sie, wie eng die Linien beieinanderliegen?« Er tippte auf den Bildschirm. »Die Nerven sind ungewöhnlich stark gereizt, fast als sei ihre Leitfähigkeit zu hoch. Als gäbe es zu viele … elektrische Impulse.«

Victor betrachtete die Linien. Vielleicht bildete er es sich nur ein, aber sie schienen sich im Takt mit dem an- und abschwellenden Summen in seinem Schädel zu heben und zu senken. Die Gipfel ragten immer höher auf, je stärker es wurde.

Porter schaltete das Programm aus. »Ich muss mir ein umfassenderes Bild machen«, sagte er und nahm die Elektroden von Victors Kopfhaut ab. »Ich brauche ein MRT.«

Bis auf den Kernspintomographen war der Raum leer – ein schwebender Tisch, der in den Tunnel des Geräts hineingefahren wurde. Langsam nahm Victor auf dem Tisch Platz und legte seinen Kopf in eine flache Halterung. Ein Gestell schob sich über seine Augen, das Porter arretierte. Victor war eingesperrt. Sein Herzschlag beschleunigte sich, als sich der Tisch mit einem mechanischen Surren bewegte und der Raum verschwand. Stattdessen sah Victor nun viel zu nah über sich die Decke des Geräts.

Er hörte, wie der Arzt den Raum verließ. Klickend schloss sich eine Tür, und dann kehrte Dr. Porters Stimme zurück, dünn, über die Sprechanlage. »Jetzt bitte ganz still liegen.«

Eine Minute lang geschah nichts. Dann ging ein lautes Hämmern durch das Gerät, ein tiefer Bass, der das Summen in Victors Kopf übertönte. Der alles übertönte.

Das Gerät hämmerte und surrte, und Victor versuchte, die Sekunden zu zählen, sich an irgendetwas festzuhalten, aber es gelang ihm nicht. Minuten vergingen, und mit ihnen schwand seine Selbstbeherrschung. Er spürte das Summen in den Knochen, das erste Aufflammen eines Schmerzes, den er nicht unterdrücken konnte, knisternd auf seiner Haut.

»Brechen Sie die Untersuchung ab«, sagte er. Seine Worte wurden von dem Gerät verschluckt.

Über die Sprechanlage ertönte Porters Stimme. »Fast geschafft.«

Victor bemühte sich, ruhig zu atmen, aber es hatte keinen Zweck. Sein Herz hämmerte, und seine Sicht verschwamm. Das schreckliche elektrische Summen wurde lauter.

»Brechen Sie …«

Die Spannung entlud sich, blendend hell. Victor klammerte sich an dem Tisch fest, und seine Muskeln protestierten, während die erste Welle über ihn hinwegbrandete. Im Geiste sah er Angie, die neben einer Steuertafel stand.

»Nur um das klarzustellen«, sagte sie, während sie die Sensoren auf seiner Brust anbrachte. »Ich werde dir das niemals verzeihen.«

Ein Alarm ertönte.

Der Kernspintomograph heulte auf und hielt zitternd an.

Auf der anderen Seite des Geräts sagte Porter etwas in einem leisen, drängenden Tonfall. Der Tisch setzte sich in Bewegung. Victor riss an dem Gestell über seinem Kopf. Spürte, wie es nachgab. Er musste aufstehen. Er musste …

Wieder durchzuckte ihn eine elektrische Ladung, so heftig, dass der Raum in Bruchstücke zerfiel – Blut in seinem Mund, sein Herz geriet aus dem Takt, Porter mit einer Pupillenleuchte, die alles weiß werden ließ, ein unterdrückter Aufschrei –, dann löschte der Schmerz alles aus.

 

Victor erwachte auf dem Untersuchungstisch.

Die Lichter am Kernspintomographen waren erloschen, die Öffnung mit Brandflecken übersät. Victor richtete sich auf. In seinem Kopf drehte sich alles, während er langsam wieder zu sich kam. Porter lag ein paar Schritte entfernt auf dem Boden. Sein Körper war verdreht wie bei einem Krampfanfall. Victor musste nicht nach seinem Puls tasten oder seine impulsfreien Nervenbahnen spüren, um zu wissen, dass er tot war.

Eine Erinnerung an eine andere Zeit, ein anderes Labor, Angies Leiche, die auf dieselbe unnatürliche Art verdreht war.

Mist.

Victor kam auf die Beine und sah sich im Raum um. Die Leiche. Die Schäden.

Jetzt, da er wieder bei Sinnen war, fühlte er sich ruhig und beherrscht. Es war wie die Ruhe nach einem Sturm. Eine friedliche Phase, bevor das nächste Unwetter heraufzog. Was nur eine Frage der Zeit war – deshalb zählte jede Sekunde der Stille.

Auf dem Boden neben Porters Hand lag eine Spritze, noch mit verschlossener Kappe. Victor steckte sie ein und ging auf den Flur hinaus, wo er seinen Mantel zurückgelassen hatte. Er zog sein Handy aus der Tasche und sah Dominics Nachricht.

1 Minute, 32 Sekunden.

Victor holte tief Luft und schaute sich in den leeren Praxisräumen um.

Er ging zum Untersuchungsraum zurück und sammelte sämtliche Aufnahmen und Ausdrucke ein, die Porter gemacht hatte. Im Behandlungszimmer löschte er den Termin und alle sonstigen Daten, riss das Blatt mit den Notizen des Arztes ab und zur Sicherheit auch noch das darunter. Systematisch vernichtete er jeden Hinweis darauf, dass er sich jemals in dem Gebäude befunden hatte.

Alles, bis auf die Leiche.

Damit war nichts zu machen. Es sei denn, er steckte das Gebäude in Brand, was er nach kurzer Überlegung verwarf. Feuer waren unberechenbar. Er beließ es lieber bei dem, wonach es aussah – ein Herzanfall, ein merkwürdiger Unfall.

Victor zog seinen Mantel an und ging hinaus.

In der Hotelsuite lagen Sydney und Mitch zusammen auf dem Sofa und sahen sich einen alten Film an. Dol hatte es sich zu ihren Füßen bequem gemacht. Mitch suchte Victors Blick, als er hereinkam, und hob fragend die Augenbrauen. Victor schüttelte kaum merklich den Kopf.

Sydney rappelte sich hoch. »Wo warst du?«

»Hab mir nur mal die Beine vertreten«, sagte Victor.

Syd runzelte die Stirn. In den vergangenen Wochen war ihr besorgter Blick immer skeptischer geworden. »Du warst stundenlang weg.«

»Ich war auch jahrelang eingesperrt«, konterte Victor und goss sich einen Drink ein. »Das macht mich unruhig.«

»Ich werde auch oft unruhig«, sagte Sydney. »Deshalb hat Mitch sich das mit dem Kartenspiel ausgedacht.« Sie wandte sich Mitch zu. »Warum muss Victor eigentlich nicht mitspielen?«

Victor zog eine Augenbraue hoch und nahm einen Schluck von seinem Drink. »Wie geht denn das Spiel?«

Sydney hob die Karten vom Tisch auf. »Zieht man eine Karte mit einer Zahl drauf, dann muss man drinnen bleiben und was lernen. Aber wenn es eine Figur ist, darf man raus. Meist nur in den Park oder ins Kino, aber immer noch besser, als bloß hier rumzuhocken.«

Victor warf Mitch einen Blick zu, aber der zuckte nur mit den Achseln und ging ins Badezimmer.

»Versuch du’s mal«, sagte Syd und hielt Victor die Karten hin. Victor sah sie an. Statt eine Karte zu ziehen, fegte er den ganzen Stapel auf den Fußboden.

»He«, sagte Syd, als er sich hinkniete und sich eine Karte aussuchte. »Du schummelst!«

»Du hast nicht gesagt, dass ich fair spielen muss.« Er nahm sich den Pikkönig, der offen am Boden lag. »Hier«, sagte er und hielt ihr die Karte hin. »Steck dir den in den Ärmel.«

Sydney betrachtete die Karte kurz und schnappte sie sich dann schnell, bevor Mitch zurückkehrte. Als dieser aus dem Bad kam, schaute er sie argwöhnisch an. »Was ist los?«

»Nichts«, sagte Syd, ohne zu zögern. »Victor ärgert mich bloß.«

Das Lügen fiel ihr beunruhigend leicht.

Syd kehrte aufs Sofa zurück, und Dol legte sich wieder zu ihr. Victor ging auf den Balkon hinaus.

Ein paar Minuten später wurde die Tür hinter ihm aufgeschoben, und Mitch gesellte sich zu ihm.

»Und?«, fragte Mitch. »Was hat Porter gesagt?«

»Er hatte keine Antworten«, sagte Victor.

»Dann finden wir jemand anders«, sagte Mitch.

Victor nickte. »Sag Syd, dass wir morgen früh aufbrechen.« Mitch ging nach drinnen, und Victor stellte seinen Drink auf der Balkonbrüstung ab. Er holte die Spritze aus der Tasche und las die Beschriftung. Lorazepam. Ein Antikonvulsivum. Er hatte auf eine Diagnose, eine Heilung gehofft, aber bis dahin würde er eine Möglichkeit finden, die Symptome zu behandeln.

 

»Normalerweise empfange ich Patienten nicht außerhalb der Sprechzeiten.«

Victor saß der jungen Ärztin am Tisch gegenüber. Sie war schlank und dunkelhäutig, ihre Augen hinter der Brille leuchteten wach. Doch egal, was für ein Interesse oder einen Verdacht sie hegte, ihre Praxis befand sich in Capstone, einer Stadt, in der viele Regierungsvertreter lebten. Verschwiegenheit war hier oberste Pflicht. Ein falsches Wort konnte eine Karriere, wenn nicht gar ein Leben, beenden.

Victor schob ihr das Geld über den Tisch zu. »Danke, dass Sie für mich eine Ausnahme machen.«

Sie nahm das Geld entgegen und betrachtete die wenigen Zeilen, die er zu seiner Medikamenteneinnahme ausgefüllt hatte. »Wie kann ich Ihnen helfen, Mr. … Lassiter?«

Victor versuchte, sich trotz des anschwellenden Summens in seinem Schädel zu konzentrieren, während sie ihm die altbekannten Fragen stellte und er die bereits vertrauten Antworten gab. Er beschrieb seine Symptome – das Summen, den Schmerz, die Krämpfe, die Bewusstlosigkeit –, ließ dabei alles aus, was nicht unbedingt notwendig war, und log, wo es nicht anders ging. Die Ärztin hörte ihm zu und machte sich mit kratzendem Stift Notizen. »Es könnte Epilepsie sein, Myasthenie oder Dystonie – neurologische Erkrankungen sind manchmal schwer zu diagnostizieren, besonders wenn die Symptome überlappen. Ich werde ein paar Untersuchungen durchführen …«

»Nein«, sagte Victor.

Sie sah von ihren Notizen auf. »Ohne zu wissen, was genau …«

»Es wurden bereits Untersuchungen durchgeführt«, sagte er. »Aber die Resultate waren … nicht eindeutig. Ich bin hier, weil ich wissen möchte, was Sie verschreiben würden.«

Dr. Clayton richtete sich auf ihrem Stuhl auf. »Ohne Diagnose verschreibe ich keine Medikamente, und eine Diagnose stelle ich erst, wenn ich hinreichende Beweise habe. Nichts für ungut, Mr. Lassiter, aber Ihre Beschreibung allein reicht mir nicht aus.«

Victor atmete aus. Er lehnte sich vor und übte dabei einen leichten Druck auf die Frau aus. Nicht mit den Händen, sondern mit den Sinnen. Einen Druck, der knapp unterhalb der Schmerzgrenze lag. Ein leichtes Unbehagen, wie er es auch bei Fremden erzeugte, damit sie sich von ihm wegdrehten, so dass er unbemerkt eine Menschenmenge durchqueren konnte. Clayton konnte dem Druck nicht so leicht entkommen und nahm ihn deshalb als bedrohlich wahr. Als Auslöser einer Fluchtreaktion – wie bei Raubtier und Beute.

»In dieser Stadt gibt es viele unseriöse Ärzte«, sagte Victor. »In den meisten Fällen ist ihre Bereitwilligkeit, Medikamente zu verschreiben, allerdings umgekehrt proportional zu ihrer Fähigkeit als Mediziner. Weshalb ich hier bei Ihnen sitze.«

Clayton schluckte. »Im Falle einer Fehldiagnose kann ein Medikament mehr schaden als nützen«, sagte sie ruhig.

»Dieses Risiko gehe ich gerne ein«, erwiderte Victor.

Die Ärztin stieß kurz und zittrig die Luft aus. Sie schüttelte den Kopf, als wollte sie ihren Geist klären. »Ich verschreibe Ihnen ein Antikonvulsivum und einen Beta-Blocker.« Ihr Stift kratzte über das Papier. »Wenn Sie etwas Stärkeres wollen«, sagte sie und riss das Blatt ab, »müssen Sie zur Beobachtung herkommen.«

Victor nahm das Blatt entgegen und stand auf. »Danke, Doktor.«

Zwei Stunden später schüttelte er sich die Tabletten auf die Handfläche und schluckte sie trocken hinunter.

Nach einer Weile spürte er, wie sich sein Herzschlag verlangsamte und das Summen leiser wurde. Er glaubte, eine Lösung gefunden zu haben. Zwei Wochen lang ging es ihm besser.

Und dann starb er erneut.

VIVier Wochen vorher

Halloway

Victor war spät dran, und er wusste es.

Der Besuch bei Linden hatte länger gedauert als gedacht. Er hatte warten müssen, bis die Garage leer und der Mechaniker allein war. Und dann hatte er natürlich noch auf seinen eigenen unvermeidlichen Tod warten müssen, damit dieser nicht erst in dem Haus eintrat, das sie seit neun Tagen bewohnten. Es war eins von denen, die man für einen Tag, eine Woche oder einen Monat mieten konnte.

Sydney hatte es ausgesucht, weil es sie an ein Zuhause erinnerte, wie sie sagte.

Als Victor das Haus betrat, empfing ihn der Geruch von geschmolzenem Käse und das Krachen einer Explosion aus dem großen Fernseher. Sydney saß auf der Armlehne des Sofas und warf Dol Popcorn zu, während Mitch an der Küchentheke stand und einen Schokoladenkuchen mit Kerzen verzierte.

Die Szene war so außergewöhnlich … normal.

Der Hund bemerkte ihn als Erster und wedelte mit dem Schwanz.

Mitch sah ihm mit besorgtem Stirnrunzeln in die Augen, aber Victor winkte nur ab.

Syd schaute über die Schulter. »Hi!«

Fünf Jahre, und Sydney Clarke hatte sich in der Zeit kaum verändert. Sie war immer noch kleingewachsen und besaß dasselbe runde Gesicht mit den großen Augen wie damals, als Victor und Mitch sie am Straßenrand aufgelesen hatten. Wenn es Unterschiede gab, dann waren sie nur oberflächlicher Natur – statt der Regenbogenleggins trug sie jetzt schwarze mit kleinen weißen Sternen drauf, und ihre kurzen blonden Haare verschwanden ständig unter irgendwelchen Perücken. Ihre Haarfarbe wechselte so oft wie ihre Stimmung. Heute trug sie Blassblau, was zu ihrer Augenfarbe passte.

Davon abgesehen hatte Sydney sich aber ebenso verändert wie sie alle. Ihre Stimmlage, der unerschrockene Blick, die Art, wie sie mit den Augen rollte – eine Affektiertheit, die sie sich eindeutig zugelegt hatte, um ihr Alter zu betonen, weil es nicht auf den ersten Blick offensichtlich war. Rein körperlich war sie noch ein Kind, aber von der Haltung her ganz Teenager.

Jetzt betrachtete sie Victors leere Hände, und in ihren Augen leuchtete eine Frage auf, der Verdacht, dass er es vergessen hatte.

»Alles Gute zum Geburtstag, Sydney«, sagte er.

Es war seltsam, dass Syds Geburtstag genau mit dem Tag zusammenfiel, als sie in Victors Leben getreten war. So jährte sich nicht nur der Tag ihrer Geburt, sondern auch der Beginn ihrer Bekanntschaft.

»Soll ich die Kerzen anzünden?«, fragte Mitch.

Victor schüttelte den Kopf. »Ich will mich erst noch umziehen«, sagte er und ging in den Flur.

Er schloss die Tür seines Zimmers hinter sich und ließ die Lampe ausgeschaltet. Die Einrichtung passte nicht zu ihm – die blauweißen Kissen, das Landschaftsgemälde an der Wand, die Bücher auf dem Bord, die wegen ihres Schmuckwerts ausgewählt worden waren und nicht wegen ihres Inhalts. Zumindest für Letztere hatte er eine Verwendung gefunden. Ein Geschichtsbuch lag aufgeschlagen da und darauf ein schwarzer Filzstift. Die linke Seite war bereits komplett, die rechte bis auf die allerletzte Zeile geschwärzt, als hätte Victor nach einem Wort gesucht und es nicht gefunden.

Er zog den Mantel aus und ging ins Badezimmer. Dort krempelte er sich die Ärmel hoch und spritzte sich Wasser ins Gesicht. Das Rauschen des Wasserhahns klang genau wie das, was er bereits wieder in seinem Schädel wahrnahm. Inzwischen dauerte die Stille keine Tage mehr, sondern bloß noch Minuten.

Victor fuhr sich mit der Hand durch das kurze blonde Haar und betrachtete sein Spiegelbild. Seine blauen Augen funkelten wölfisch in seinem schmalen Gesicht.

Er hatte an Gewicht verloren.

Schlank war er immer schon gewesen, aber als er jetzt das Kinn hob, spiegelte sich das Licht auf Stirn und Wangen und warf Schatten entlang seines Kiefers und in der Kuhle an seinem Hals.

Neben dem Waschbecken standen ein paar Tablettenfläschchen aufgereiht. Er nahm eines und schüttelte sich eine Valium in die Hand.

Drogen hatte Victor nie gemocht.

Zwar war es durchaus verlockend, der Wirklichkeit zu entfliehen, aber der Kontrollverlust gefiel ihm nicht. Als er in Lockland das erste Mal Rauschmittel gekauft hatte, war es ihm nicht darum gegangen, high zu werden. Er hatte lediglich sein Leben beenden wollen, um als verbesserte Version seiner selbst zurückzukehren.

Welch eine Ironie, dachte Victor und schluckte die Tablette trocken.

VIIVier Jahre vorher

Dresden

Victor war noch nicht oft in Stripclubs gewesen.

Er hatte ihren Reiz nie verstanden – die sich windenden halbnackten, eingeölten Körper hatten ihn nicht im mindesten erregt –, aber er war ja auch nicht wegen der Show im Glass Tower.

Er suchte nach jemandem.

Während er sich noch im Club umsah und sich dabei Mühe gab, die mit Parfüm, Rauch und Schweiß geschwängerte Luft nicht zu tief einzuatmen, spürte er eine manikürte Hand auf dem Schulterblatt.

»Hallo, Süßer«, sagte eine anzügliche Stimme. Victor schaute zur Seite und erblickte dunkle Augen und grellrote Lippen. »Wollen wir wetten, dass wir dich zum Lächeln bringen können?«

Victor bezweifelte es. Er hatte im Leben nach vielem gestrebt – Macht, Rache, Kontrolle –, aber nie nach Sex. Selbst mit Angie … Natürlich hatte er sie gewollt, ihre Aufmerksamkeit, ihre Zuneigung, möglicherweise sogar ihre Liebe. Er hatte sie gemocht und hätte sicher Wege gefunden, ihr Vergnügen zu bereiten, und vielleicht hätte er ebenfalls Spaß daran gehabt – um Sex war es ihm aber nie gegangen.

Die Tänzerin musterte Victor. Sie hielt sein Desinteresse wohl für Diskretion oder glaubte, er fühlte sich zu Männern hingezogen.

Er schob ihre Hand beiseite. »Ich suche nach Malcolm Jones.« Der Unternehmer und Selfmademan hatte sich auf alles spezialisiert, was irgendwie illegal war. Waffen. Sex. Drogen.

Seufzend deutete die Tänzerin auf eine rote Tür am anderen Ende des Clubs. »Im Keller.«

Er ging auf die Tür zu und hatte sie fast erreicht, als eine kleingewachsene Blondine gegen ihn stieß und sich mit melodischer Stimme entschuldigte. Sie sah ihm kurz in die Augen, und in ihrem Gesicht leuchtete Interesse auf oder sogar Erkennen, obwohl Victor sich sicher war, ihr noch nie begegnet zu sein. Er wandte sich ab, und sie verschwand in der Menge, während er weiter auf die rote Tür zuging.