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Renommierte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen machen sich in diesem Buch auf die Suche nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält. Sie zeigen die Konturen eines neuen Paradigmas der Verbundenheit auf, das die Welt nicht länger als eine Ansammlung voneinander isolierter Teile wahrnimmt, sondern als ein lebendiges Netz, in dem alles miteinander verbunden und voneinander abhängig ist.
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Seitenzahl: 195
Veröffentlichungsjahr: 2018
Verbundenheit
Gerald Hüther, Christa Spannbauer (Hrsg.)
Gerald HütherChrista Spannbauer(Herausgeber)
Verbundenheit
Warum wir ein neues Weltbild brauchen
2., aktualisierte Auflage
unter Mitarbeit von
Karl-Heinz BrodbeckKatharina CemingHans-Peter DürrBarbara von MeibomHarald Welzer
Gerald Hüther (Hrsg.)
Christa Spannbauer (Hrsg.)
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Abdruck der drei Abbildungen auf Seite 70 mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin.
© Copyright by Siegrun Appelt
Die Abbildungen sind Teil des Projektes Moderato cantabile – zum gleichnamigen Roman von Marguerite Duras von Siegrun Appelt, Wien, 2004
Teilnehmer: Beat Furrer, Amélie Haas, Bernhard Kellner, Christiane Meyer-Stoll, Andreas Patton, Manfred Schu, Andrea Sodomka, Gerold Tagwerker, Anna Wickenhauser
Anregungen und Zuschriften bitte an:
Hogrefe AG
Lektorat Psychologie
Länggass-Strasse 76
3012 Bern
Schweiz
Tel: +41 31 300 45 00
E-Mail: [email protected]
Internet: http://www.hogrefe.ch
Lektorat: Dr. Susanne Lauri
Bearbeitung: Dr. Maria Schorpp, Konstanz
Herstellung: René Tschirren
Umschlag: Claude Borer, Riehen
Satz: Claudia Wild, Konstanz
Druck und buchbinderische Verarbeitung: Finidr s.r.o., Český Těšín
Printed in Czech Republic
2., aktualisierte Auflage 2018
© 2018 Hogrefe Verlag, Bern
© 2012 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern
(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-95919-1)
(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-75919-7)
ISBN 978-3-456-85919-4
http://doi.org/10.1024/85919-000
Dieses Buch ist Hans-Peter Dürr gewidmet, dem großen Humanisten, Wissenschaftler und inspirierenden Visionär der Verbundenheit.
Sechs Jahre sind seit dem Erscheinen dieses Buches in der Hardcover-Version mit dem Titel «Connectedness» vergangen. Viel Zeit in Anbetracht des rasanten Tempos, mit dem die Entwicklung neuer Technologien, die Digitalisierung, Globalisierung und Vernetzung in alle Bereiche unseres Zusammenlebens vorgedrungen ist. Viel Zeit auch, so sollte man meinen, um das Gefühl der Verbundenheit der Menschen über Ländergrenzen, kulturelle Unterschiede, wissenschaftliche Einzeldisziplinen, religiöse und ideologische Abgrenzung hinweg deutlicher spüren zu können. Das aber ist nicht der Fall. Ganz im Gegenteil: Gerade in den letzten Jahren ist die Kluft zwischen den Menschen größer und fühlbarer geworden.
Weshalb nur fällt es uns Menschen so schwer, unsere Verbundenheit untereinander zu erkennen? Weshalb entwickelt sich immer wieder so viel Trennendes und Abgrenzendes zwischen uns? Es ist die Angst, die uns auf uns selbst zurückwirft. Da jedes Lebewesen, sogar jede einzelne Zelle unseres Körpers so fragil ist, muss es ständig nach Lösungen suchen, die geeignet sind, sich vor dem zu schützen, was sein Überleben bedrohen könnte. Die individuellen Reaktionen darauf bestehen in Abgrenzung, Rückzug, Schutz, Abwehr, Angriff oder Flucht. Und genau diese Reaktionen verhindern die Erfahrung von Verbundenheit.
Die rasanten technologischen Entwicklungen der letzten Jahre, die zunehmende Ökonomisierung aller Lebensbereiche, die Globalisierung und Digitalisierung und die weltweite politische Instabilität erzeugen in vielen Menschen gegenwärtig ein wachsendes Gefühl von Verunsicherung, Bedrohung, Hilflosigkeit und Angst. Sie reagieren darauf entweder mit noch stärkerer Vereinzelung, dem Rückzug ins Private oder durch die Formierung von Gruppen Gleichgesinnter, die ihre eigenen Absichten und Ziele auf Kosten anderer durchzusetzen versuchen.
Wie Sie in diesem Buch erfahren werden, verfügen wir Menschen aber noch über eine andere, weitaus wirksamere Möglichkeit zur Bewältigung von Angst. Sie besteht in dem Vertrauen, Schwierigkeiten und Probleme gemeinsam lösen zu können. Dieses Vertrauen ist der Nährboden für Verbundenheit. Aus ihm erwächst uns eine Kraft, die stärker ist als alle Angst.
Die in diesem Buch versammelten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus ganz unterschiedlichen Disziplinen machen mit überzeugenden Argumenten deutlich, dass es an der Zeit ist, unsere alten und archaischen Verhaltensweisen zu überwinden, um gemeinsam auf dieser Erde überleben zu können. Genau darin liegt die zentrale Botschaft dieses Buches: Das Trennende und voneinander Abgrenzende zu überwinden und zu erkennen, dass wir eine globale Menschheitsfamilie sind. Diese Botschaft findet sich übrigens ebenso bereits in den Ursprungstexten aller Religionen wieder.
Deshalb freuen wir uns über das Erscheinen der Taschenbuchausgabe mit dem neuen Titel. Bringt dieser doch noch deutlicher zum Ausdruck, worum es in diesem Buch geht: um die Stärkung des Bewusstseins und des Gefühls von Verbundenheit in einer schwierigen Zeit allgemeiner Verunsicherung.
Göttingen und Berlin, im Frühling 2018
Gerald Hüther & Christa Spannbauer
Gerald Hüther und Christa Spannbauer
Die Vorstellung, jeder sei seines eigenen Glückes Schmied und alles sei machbar, ist fester Bestandteil des Weltbildes, des Menschenbildes und des Selbstbildes der meisten Menschen des abendländischen Kulturkreises. Diese weit verbreitete innere Einstellung und Überzeugung, dass man als Einzelner kurzfristig am besten vorankommt, wenn man sich aus jeglicher Verbundenheit, allen Verantwortlichkeiten und Verpflichtungen herauslöst und möglichst entschlossen seine eigenen Ziele verfolgt, ist so fest in unseren Gehirnen verankert, dass wir sie weitgehend unbewusst und unreflektiert in unserem gesamten Denken, Fühlen und Handeln weitergeben – nicht nur an Erwachsene, mit denen wir in Beziehung treten, sondern auch an unsere Kinder. Diese Überzeugung ist unschwer als das Resultat der mit der Renaissance eingeleiteten Emanzipation der Menschen aus den sozialen, geistigen und nicht zuletzt religiösen Zwangsjacken zu erkennen, in denen sich diese im Mittelalter in Europa Jahrhunderte lang gefangen fühlten. Aus Erduldern einer höheren, alles individuelle menschliche Streben ordnenden und lenkenden Macht wurden mit der Aufklärung Individuen, die sich auf den Weg machten, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und ihre Lebenswelt nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten. Entscheidenden Anteil an dieser Entwicklung übernahmen diejenigen, die damals besonders unter dem von der Kirche diktierten und von religiösen Überzeugungen bestimmten Zwangsstrukturen zu leiden hatten. Als Astronomen, Mediziner, Physiker, Mathematiker und Alchimisten begannen sie damit, die alten verkrusteten Denkmuster zu durchbrechen und nicht mehr irgendwelchen Doktrinen, sondern ihren eigenen Beobachtungen zu trauen.
Am leichtesten ließ sich damals, wie auch heute noch, etwas immer dann beobachten und analysieren, wenn man es aus dem Kontext herauslöste, in den es naturgemäß eingebettet war – ein einzelner physikalischer Vorgang, eine einzelne chemische Reaktion, ein einzelnes Organ, eine einzelne Zelle. Schnell entstanden so getrennte Wissenschaftsdisziplinen, die sich mit der Analyse und der Beschreibung einzelner Aspekte der belebten oder der unbelebten Welt befassten. Besonderes Ansehen und großen Einfluss gewannen dabei diejenigen Disziplinen, deren Erkenntnisse in irgendeiner Weise praktisch nutzbar gemacht werden konnten. Das war zunächst die Mathematik, dann die Physik, die Chemie und schließlich, bis heute, die Medizin und Biologie. Um sich als eigenständige Wissenschaftsdisziplin behaupten zu können, wurden eine eigene Terminologie und ein eigenes Selbstverständnis entwickelt, Fachgesellschaften gegründet, Fachzeitschriften herausgegeben und Fachkongresse abgehalten. Ziel war es, sich von anderen Wissenschaftsdisziplinen abzugrenzen und sich ein Feld eigener Expertisen und Zuständigkeiten, also einen eigenen Einfluss- und Machtbereich zu schaffen.
Wissenschaftliche Erkenntnisse haben zwar das zu eng gewordene mittelalterliche Weltbild erfolgreich gesprengt. Doch die Hoffnung, der Mensch sei durch den Einsatz von Wissenschaft und Technik in der Lage, Hunger, Not und Elend endgültig zu überwinden, Krankheiten dauerhaft zu besiegen und eine friedliche Welt mit blühenden Landschaften zu gestalten, hat sich nicht erfüllt. Vielmehr hat uns der Versuch, unsere Lebenswelt nach eigenen Vorstellungen zu verbessern, eine Vielzahl neuer, inzwischen sogar globaler Probleme beschert, die wir mit den herkömmlichen Denkmustern offensichtlich nicht zu lösen imstande sind. Wir haben den genetischen Code entschlüsselt und manipulierbar gemacht, den Kosmos bis in die entferntesten Galaxien durchsucht und Atome in ihre Bestandteile zerlegt, doch wir stehen zunehmend ratlos vor den vielfältigen Problemen, die wir mit dieser Strategie der Trennung und des Zerlegens sowie den daraus entstandenen Gestaltungsmöglichkeiten erzeugt haben. Über unsere modernen weltumspannenden Kommunikationsmedien bekommen wir diese Probleme nun auch noch tagtäglich vorgeführt. Kein Wunder also, dass der Ruf nach einem «Umdenken» seit der Jahrtausendwende immer lauter wird. Doch dieses Umdenken ist gar nicht so einfach. Dazu müssten wir nämlich in der Lage sein, die Art und Weise, wie wir bisher gedacht haben, in Frage zu stellen. Insbesondere die Wissenschaften sind dazu aufgerufen.
Jede Wissenschaftsdisziplin durchläuft im Verlauf ihrer Entwicklung bestimmte Phasen. In jeder dieser Phasen gelangt sie zu gewissen Erkenntnissen der Phänomene, die sie untersucht. Auf der Grundlage des bis dahin erlangten Verständnisses und des bis dahin akkumulierten Wissens wird ein bestimmtes Gedanken-(Theorie-)Gebäude aufgebaut. Dieses Gebäude wird durch gezielte Suche nach festen Bausteinen stabilisiert, durch verschiedene organisatorische Maßnahmen gefestigt und so gut wie möglich vor destabilisierenden Einflüssen durch störende Ideen und Vorstellungen geschützt. Was sich so allerdings nie ganz verhindern lässt, ist weiteres Wissen, das zwangsläufig dazukommt, wenn weiter an bestimmten Fragen gearbeitet, über Zusammenhänge nachgedacht und nach Lösungen gesucht wird. Dieses neue Wissen muss irgendwie in das alte Denkgebäude integriert werden, und solange das gelingt, ist alles gut und das Gebäude bleibt noch eine Zeitlang stehen. Wenngleich es allmählich immer eklektischere Gestalt in Form von Anbauten, Giebeln, Türmchen, Nebengelassen und Abstellräumen annimmt. Irgendwann jedoch wird das ganze Gebäude so schwer begehbar und passt nur noch so schlecht in die Landschaft, dass ein drastischer Umbau oder sogar eine Neukonstruktion des ganzen bisher aufgetürmten Theoriegebäudes unvermeidbar wird. Das sind Umbruchphasen, und in diesen Phasen wird ein altes, bisher für allein seligmachend gehaltenes Paradigma durch ein neues ersetzt, das die Möglichkeit bietet, das bisherige Wissen noch immer als gültiges Wissen zu nutzen, es aber in ein neues Gedankengebäude einzuordnen, das auch dem neuen Wissen Raum bietet, weil es übergreifender, umfassender, einfach weiter als das alte ist. Diese Umbruchphasen sind die spannendsten Phasen in der Entwicklung jeder Wissenschaftsdisziplin, weniger für diejenigen, die es sich im alten Haus gerade so recht bequem gemacht haben, sondern eher für all jene, denen das alte Haus zu eng, zu muffig und zu unübersichtlich geworden ist.
Es handelt sich dabei offenbar um ein grundsätzliches Entwicklungsprinzip, das sich in der Herausformung und Abgrenzung einzelner Wissenschaftsdisziplinen, ihrer nachfolgenden Ausweitung, Grenzüberschreitung und Wiedervereinigung vollzieht: Aus einem pluripotenten Zustand von Verbundenheit kommt es zunächst zu einer fortschreitenden Differenzierung und Spezialisierung, also zu einer zunehmenden Individuation einzelner Subsysteme eines Gesamtsystems, die dann aber auch zunehmend die Stabilität dieses Gesamtsystems bedroht. Durch einen nachfolgenden Prozess des Wiederverbindens bisher getrennter Entwicklungen wird eine Stabilisierung des Gesamtsystems ermöglicht. Die auf diese Weise restabilisierte Struktur des übergeordneten Systems zeichnet sich dann aber durch eine neue Qualität aus: Das System hat sich – durch die individuelle Differenzierung und die nachfolgende Neuverbindung seiner Subsysteme – selbst transformiert.
Die klassischen Naturwissenschaften (Astronomie, Mathematik, Physik und Chemie) haben derartige Paradigmenwechsel durchlaufen, indem sie durch eine Phase gingen, in der sie zunächst die beobachtbaren Phänomene gesammelt, beschrieben und sortiert haben. Dann wurden die Dinge in alle Einzelteile zerlegt und die Eigenschaften dieser Teile so genau wie möglich untersucht. Nachdem man lange genug vergeblich versucht hatte, das Ganze aus der immer genaueren Kenntnis seiner Teile zu verstehen, war irgendwann eine Stufe erreicht, auf der einzelne Forscher begannen, nun auch gezielt nach den unsichtbaren Kräften und Dimensionen zu suchen, die hinter den objektiv beobachtbaren und messbaren Phänomenen verborgen waren. Namen wie Kopernikus, Kepler, Schrödinger, Einstein, Bohr, Heisenberg und Planck markieren diese Wendepunkte unseres Weltverständnisses auf der Ebene der klassischen Naturwissenschaften.
Zwar ist die Aufspaltung wissenschaftlicher Erkenntnisse durch Schaffung neuer Wissenschaftsdisziplinen bis heute nicht abgeschlossen, doch es ist zu beobachten, dass sie durch die jeder wissenschaftlichen Erkenntnissuche immanenten Tendenz zur Grenzüberschreitung zunehmend unterminiert wird. Die vielen einzelnen Wissenschaftsdisziplinen haben derzeit einen kritischen Punkt erreicht, an dem sie sich gezwungen sehen, die gesammelten und immer unübersichtlicher, oft sogar immer widersprüchlicher gewordenen Einzelbefunde neu zu ordnen. Damit werden traditionelle Konzepte und Denkweisen grundlegend in Frage gestellt. Eine Metamorphose der Wissenschaften setzt ein. Der Philosoph Karl Jaspers bezeichnete solche Epochen als «Achsenzeiten», die dadurch gekennzeichnet sind, dass die bisher vorherrschende analytische und spaltende Sichtweise durch eine synthetische, das bisher Getrennte nun wieder zusammenfügende Sichtweise, abgelöst wird.
Inter- und Transdisziplinarität, also die Zusammenführung von bisher in getrennten Bereichen erzielten Erkenntnissen, gewinnt in der Wissenschaft des 21. Jahrhunderts zunehmend an Bedeutung. Wissenschaftliche Erkenntnissuche löst gegenwärtig die historisch entstandenen Trennungen und Abgrenzungen wieder auf. Die interessantesten und kreativsten wissenschaftlichen Erkenntnisse werden dabei nicht von Vertretern der nach wie vor klar voneinander abgegrenzten klassischen Wissenschaftsdisziplinen erbracht, sondern von Wissenschaftlern, die interdisziplinär kooperieren, die als Grenzüberschreiter und Musterbrecher in der Lage sind, Erkenntnisse aus verschiedenen Spezialdisziplinen zusammenführen. Dieses Buch mit Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Wissenschaftsdisziplinen versteht sich als Beitrag zu dieser Entwicklung, mit dem sich alle Beteiligten bewusst der Aufgabe stellen, das eigene Expertenwissen nicht nur zu überschreiten, sondern zugleich für die Gesamtgesellschaft transparent zu machen. Es vom Elfenbeinturm der Wissenschaften dorthin zu bringen, wo es hingehört, um seine Wirkung entfalten zu können: auf den Marktplatz des menschlichen Miteinanders.
Wonach wir in diesem Buch also gemeinsam suchen wollen, ist nicht das, was die Phänomene der mit wissenschaftlichen Verfahren erfassbaren Welt trennt, sondern was unsere Welt und uns als menschliche Gemeinschaft zusammenhält. Es ist der Versuch, eine Plattform für pluralistische Wissenschaftserkenntnisse aufzubauen, die in eine holistische Weltsicht münden. Von dieser inneren Verbundenheit, von diesem Zustand der Connectedness handelt dieses Buch. In ihm beschreiben Repräsentanten aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen, wie sich das Phänomen von Connectedness innerhalb ihrer jeweiligen Spezialdisziplin erfassen und darstellen lässt. Die deutsche Sprache hat keinen treffenden Namen für dieses transformierte, bewusstgewordene Gefühl von Verbundenheit. Im englischen Sprachgebrauch wird dafür der Begriff connectedness benutzt. Darunter versteht man etwas anderes, etwas Bewussteres als das, was dort mit attachment oder bonding bezeichnet wird. Connectedness bedeutet, die Welt nicht als eine Ansammlung voneinander isolierter Teile zu sehen, sondern als ein lebendiges Netz, in dem alles miteinander verbunden und wechselseitig voneinander abhängig ist. Dies beinhaltet die Erkenntnis, dass das Ganze immer schon mehr ist als seine Teile, da ständig Neues entsteht durch die Beziehungen zwischen den Teilen, deren Wechselwirkung und Vernetzung untereinander. Durch das Zusammenwirken, durch die Förderung aller Teile innerhalb des Systems und seiner Interaktion kann neues Potenzial freigesetzt und entfaltet werden. Hierfür braucht es jedoch ein offenes und tolerantes System, das ein größtmögliches Maß an Verschiedenheit und Vielfalt wertschätzt und fördert. Dann können alle Beteiligten in diesem Beziehungsgeflecht ihre einzigartigen Talente einbringen und ihr jeweiliges besonderes Potenzial entfalten. Je komplexer ein Netzwerk ist – dies zeigt uns die Natur – desto flexibler und stabiler ist es. Denn die Vielfalt ermöglicht viele verschiedene Perspektiven und stellt dadurch im Umgang mit Problemen ein ganzes Set an Lösungsmöglichkeiten zur Verfügung.
Mehr denn je zeichnet sich die Notwendigkeit einer neuen Ethik der Verbundenheit ab, die dem herrschenden Paradigma von Konkurrenz und Wettbewerb und der damit einhergehenden Vereinzelung und Trennung des Menschen in der modernen Gesellschaft entgegenwirkt; eine Ethik, die mittels wissenschaftsfundierter und erfahrungsbezogener Grundlagen dem Egoismus der gegenwärtigen, vom Neoliberalismus dominierten Gesellschaft den (Nähr-)Boden entzieht. Hierfür liefern die einzelnen Beiträge dieses Buches erkenntnistheoretische und angewandte Begründungen aus den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen, die in ihrem Kern mit dem kompatibel sind, was in der Geistesgeschichte des christlichen Abendlandes als Nächstenliebe und in der östlichen Geistesschulung als Mitgefühl benannt wird.
Wir beginnen unsere Suche nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, mit einem Beitrag des Kernphysikers und Nobelpreisträgers Hans-Peter Dürr. Indem er die Weltsicht der Quantenphysik darlegt, gelangt er zu der Frage, weshalb diese wissenschaftliche Revolution, die das materialistische Weltbild der alten Physik bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts in ihren Grundfesten erschütterte, bis zum heutigen Tag so wenig in das Bewusstsein des modernen Menschen vorgedrungen ist. Weshalb erlebt sich der Mensch in einer Welt der Verbundenheit immer noch so radikal getrennt von dieser?
Dass die Lehre von der universellen Verbundenheit in der westlichen und östlichen Geistesgeschichte von alters her eine bekannte Überzeugung ist, zeigt die Theologin und Philosophin Katharina Ceming im darauf folgenden Artikel auf und geht der Frage nach, weshalb sich dieses Wissen gesellschaftspolitisch bislang so wenig auswirken konnte. Ist nun die Zeit gekommen, in der diese Einsicht zur lebensweltlichen Umsetzung drängt? Sind wir an einem Punkt der Entwicklungsgeschichte angekommen, an dem es uns gelingen wird, Individualität und Gemeinsamkeit, Verschiedenheit und Verbundenheit zu leben?
Blicken wir auf das derzeitige Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, das den Eigennutz des ökonomischen Menschen betont, dann scheinen wir noch weit davon entfernt. Doch der weltweit aufflammende Protest gegen die Macht der Finanzmärkte und mit ihm der Ruf nach einer neuen Wirtschaftsethik sind unüberhörbar geworden. In seinem Beitrag unterzieht der Ökonom Karl-Heinz Brodbeck die kapitalistisch-neoliberale Wirtschaftsform einer kritischen Analyse und arbeitet die Grundzüge einer neuen Wirtschaftsethik der Verbundenheit heraus, die nicht auf Expansion, Beherrschung und Konkurrenz basiert, sondern Kooperation, Partnerschaft und Empathie in den Mittelpunkt rückt.
Weshalb die Epoche des «Hyper-Individualismus» zu Ende gehen muss und humane Lebensformen gar nicht anders als sozial und kooperativ sein können, um zu überleben, zeigt der Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer in seinem Beitrag konsequent auf und stellt dabei die Frage, ob die Revolution des «Wir» bereits begonnen hat.
Welchen Beitrag zur Entstehung eines globalen Wir-Gefühls, zu Kooperation und weltweiter Verbundenheit können die neuen Kommunikationsnetzwerke liefern? Weshalb ist es für den Menschen wichtig, sich zu vernetzen, trotz der unleugbaren Gefahren des Missbrauchs, die die neuen Technologien in sich bergen? Diesen Fragen geht die Politik- und Kommunikationswissenschaftlerin Barbara von Meibom auf den Grund.
Eine grundlegend neue Ausrichtung der zeitgenössischen Biologie fordert der Neurobiologe Gerald Hüther in seinem Beitrag – weg von der alten Biologie des Zerlegens und Voneinander-Abgrenzens hin zu einer neuen Biologie der Miteinander-Wachsens. Was muss geschehen, damit die Biologie wieder ihrem ursprünglichen Ansatz einer Wissenschaft von der Natur des Lebendigen gerecht wird? Der Beitrag macht die Konturen eines Menschenbilds sichtbar, das von Anfang an auf Kooperation und Vernetzung angelegt und in ein Gesamtgefüge von Beziehungen eingebunden ist, das alle Lebensformen miteinander verbindet.
Hans-Peter Dürr
Wir können diese Weltkrise der Gegenwart als eine Zukunftschance begreifen. Unsere zentrale Aufgabe und die gesellschaftliche Herausforderung in dieser entscheidenden Zeit ist die Frage der Zukunftsfähigkeit, die sich mittlerweile als eine Frage des Überlebens der Menschheit herauskristallisiert. Zukunftsfähigkeit erwächst uns jedoch nur, wenn wir zu einer neuen und erweiterten Betrachtungsweise der Welt finden und die Fesseln eines mechanistischen Weltbildes abstreifen, in dem wir uns als willenlose Rädchen einer großen Maschine verstanden haben. Wir haben uns eine falsche Vorstellung von der Welt gemacht und uns in ein enges Weltbild hineinmanövriert, aus dem uns keine Lösungen erwachsen. Wir haben uns gleichsam selbst gefesselt. Nun ist es an uns, diese Fesseln abzustreifen. Hierfür brauchen wir die Bereitschaft, neue Impulse und Inspirationen in dieses verknöcherte und veraltete Denken hineinzubringen. Es ist an der Zeit, unserem Leben wieder die Lebendigkeit zurückzugeben, die diesem zueigen ist. Das heißt auch, dass wir die geistige Dimension unserer Existenz wieder erkennen müssen, die wir verdrängt haben, denn deren Verlust in der modernen Welt wiegt schwer.
Der moderne Mensch erfährt sich als etwas von der Natur Getrenntes, als gleichsam außerhalb der Natur lebend. Wir können diesen Zustand «Naturvergessenheit» nennen. Der Mensch hat sich zum Herrscher über die Natur aufgeschwungen und dabei die Natur erniedrigt. Um zu überleben, so dachte er, müsse er seine eigene Natürlichkeit aufgeben und leugnen, dass er selbst Teil der ihn umgebenden Natur ist. Das ist der folgenschwere Denkfehler der Neuzeit. In deren anthropozentrischem Weltbild dient die Natur dem Menschen nur mehr als Baustein und Werkzeug zur Erfüllung seiner Bedürfnisse. Darüber hat der Mensch vergessen, dass er selbst zutiefst in diese Natur eingebettet und gänzlich abhängig von ihr ist. Die Illusion der Trennung führte dazu, dass wir einerseits das Machbare heillos überschätzen und andererseits unterschätzen, was für Möglichkeiten der Teilhabe wir tatsächlich haben.
Das neue Weltbild der Quantenphysik trägt hingegen das Eingeständnis in sich, dass dem menschlichen Wissen und Allmachtstreben Grenzen gesetzt sind. Freiheit ist nicht etwas, das wir beliebig ausdehnen könnten. Wir leben auf einem Planeten, dessen Reichtum wir nicht verschleudern und dessen Rohstoffe wir nicht ungestraft ausbeuten können. Dieser Planet ist nicht beliebig, und deshalb können wir uns auch nicht beliebig verhalten. Wir haben uns weit von einer friedlichen und gerechten Welt entfernt, so weit, dass viele Menschen mittlerweile Gerechtigkeit und Frieden für eine Utopie halten. Sie glauben, dass die Wirklichkeit so ist, wie sie sich derzeit darstellt, und dass es in dieser Welt immer unfriedlich und ungerecht zugehen wird. Das aber sind Annahmen, denen ein falsches Menschen- und Weltbild zugrunde liegt.
Wir tragen die Verantwortung für diese Welt. Wir können nicht weiterhin russisches Roulette mit dem Leben unserer Kinder und Enkelkinder spielen. Es ist an der Zeit, unsere schöpferischen und kreativen Fähigkeiten zu begreifen und verantwortlich zu gebrauchen. Wenn wir weiterhin die natürlichen Lebensgrundlagen der Erde zerstören, sind wir die Ersten, die dabei abstürzen werden.
Die Entstehung der Quantentheorie zu Beginn des 20. Jahrhunderts führte nicht nur zu einer Revolution innerhalb der Physik, sondern zugleich zu einer radikalen Veränderung des bis dahin gültigen klassischen Weltbildes. Dessen Fundament wurde durch die Aufklärung im 17. Jahrhundert gelegt, die ihrerseits das Ergebnis eines mit der Renaissance einsetzenden beispiellosen Triumphzuges des menschlichen Forscherwillens war, der den vernunftbegabten Menschen in den Mittelpunkt des Weltgeschehens hob. Diesem Weltbild lag die Vorstellung einer streng determinierten Natur zugrunde, die sich von dem mit Geist begabten und mit vielfältigen Fertigkeiten ausgestatteten Menschen manipulieren und in den Griff bekommen ließe. Je mehr Wissen der Mensch sich dabei aneignete, desto größer erschien seine Macht über das von ihm vermeintlich Beherrschbare.
Mit den Entdeckungen der neuen Physik erfuhr der Glaube der Wissenschaft, dass wir die Welt im Griff hätten, jedoch eine grundlegende Erschütterung. Bis dahin galt die Welt als von unumstößlichen Gesetzmäßigkeiten bestimmt. Es herrschte die Überzeugung, dass es der Naturwissenschaft möglich wäre, die Welt durch die Zerlegung in ihre Bestandteile zu analysieren, und dass sich der Wissenschaftler mittels einer objektiven Betrachtung gleichsam von der Welt trennen und diese von außen betrachten könnte. Lange glaubte die Wissenschaft, dass der Beobachter unabhängig vom Beobachteten existiere. Dies jedoch war ein folgenschwerer Irrtum. Denn mit der Trennung von Subjekt und Objekt verlor die Wissenschaft das Wesentliche aus dem Blickfeld – das Lebendige.
Die neue Physik hingegen macht deutlich, dass der Forscher selbst Teil dessen ist, was er erforscht, und dass die Welt weit mehr ist als die Summe ihrer Teile. Mit dem Blick auf das Ganze fördert sie eine gänzlich neue Betrachtungsweise der Welt zutage, die zugleich das Eingeständnis in sich trägt, dass es dem menschlichen Verstand nicht möglich ist, die Wirklichkeit zu begreifen. Damit markiert die Quantenphysik den Abschied von einem aristotelischen Weltbild, in dem noch alles erklärbar schien, und knüpft an eine heraklitische Weltsicht an, in der alles im Fluss ist. Die Wirklichkeit wird nicht mehr als Realität, sondern vielmehr als Potenzialität begriffen, und damit die Prozesshaftigkeit alles Bestehenden erkannt. Alles steht in Beziehung zueinander. Das Quantenfeld kreiert ein Meer aus Möglichkeiten, ein lebendiges Erwartungsfeld, aus dem heraus sich unablässig Neues gebiert.
Während unsere heutige Technik auf den Errungenschaften der neuen Physik basiert, wird die Gesellschaft immer noch vom Weltbild der klassisch-materialistischen Physik dominiert, die weiterhin an den Schulen und Universitäten gelehrt wird. Diese Sicht auf die Welt führt dazu, dass der Mensch das, was er sieht, als Realität (vom lateinischen res, das Ding) wahrnimmt. Die Welt besteht für ihn aus Dingen, aus Materie und wird als greifbar und damit begreifbar wahrgenommen. Dies ist die Grundlage unserer materialistischen Sichtweise der Welt, in der es dann letzten Endes nur noch darum geht, möglichst viel materiellen Reichtum anzuhäufen. Denn alles, was man greifen und festhalten und gegen andere verteidigen kann, erscheint dieser Weltsicht als real.
