Verdad y amor - Bianka Stapelfeldt - E-Book

Verdad y amor E-Book

Bianka Stapelfeldt

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Beschreibung

Was, wenn das größte Abenteuer deines Lebens nur einen Kurztrip entfernt liegt? Ein einschneidendes Erlebnis zwingt Jan zur Flucht aus der Großstadt - doch was als kurzer Tapetenwechsel gedacht war, wird zu einem Wendepunkt seines Lebens. Mitten im spanischen Wald trifft er auf Kalli, eine eigenwillige Einsiedlerin mit tierischer Gesellschaft... und dunklen Geheimnissen. Zwei Menschen, beide gezeichnet von ihrer eigenen Vergangenheit, begegnen sich zwischen Rückzug und Nähe, Misstrauen und Vertrauen. Obwohl Kallis verschlossene Art Jan zunächst irritiert, wächst zwischen ihnen bald eine stille Verbindung - bis unausgesprochene Wahrheiten alles infrage stellen. Was, wenn Liebe dort wartet, wo du am wenigsten damit rechnest? Ein Roman über Rückzug, Neuanfang und die zarte Kraft echter Begegnung. Für alle, die Romantik abseits ausgetretener Pfade suchen.

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Seitenzahl: 661

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Bianka Stapelfeldt

Bianka Stapelfeldt lebt mit Ihrem Mann, ihren beiden Töchtern, Border Collie Benji und Islandpferd Brimir südlich von Hamburg.

Die gelernte Arzthelferin begann bereits in der Schulzeit zu schreiben, doch erst mit diesem Buch begann sie ihre Leidenschaft dafür auszuleben.

So entstand binnen eines Jahres ein mehrere Bände umfassender Roman.

Dieses Buch widme ich Brimir und Thor, den beiden besten Seelentröstern.

Inhaltsverzeichnis

Ein dämlicher Plan

Gestrandet am Ende der Welt

Überraschung aus dem Wald

Ritt ins Unbekannte

Kapitän Nemo taucht auf

Später Besuch

Zielübungen

Nächtliche Geschenke

Erinnerungen

Halbe Lügen und volle Wahrheiten

Verbotene Neugier

Ungebetener Besuch

Jagdfieber

Nala

Abschied

Alte Lieben

Eine überraschende Einladung

Ein neues Lager

Kleine und große Geschenke

Familiengeheimnisse

Aufbruch

Die Welt abseits des Waldes

Damoklesschwert

Logische Überlegungen

Vorbereitungen

Abschiedsgeschenk

Rassismus in kleinen Dosen

Kleine Abenteuergeschichte

Ein Interview mit Knalleffekt

Neue Herausforderungen

Geschwisterliebe

Mühlenverführung

Vorwort

Alle Personen, Tiere, Orte und Ereignisse in diesem Buch sind frei erfunden, auch wenn der eine oder andere Parallelen entdecken mag.

Freut Euch, wenn sie Euch gefallen, lacht, wenn sie übertrieben bis unmöglich sind und verzeiht, wenn sie nicht der Realität entsprechen.

Dieses Buch ist mit den besten Hintergedanken geschrieben worden. Den Gedanken an meine Freunde und meine Familie.

Einleitung

Jan kehrt seinem Leben in der quirligen Großstadt nach einem einschneidenden Erlebnis für einen Kurztrip den Rücken. Doch die Heimkehr verzögert sich ungeplant und sein Plan entwickelt sich ganz anders als gedacht.

Er findet Unterschlupf bei Kalli, einem Menschen, der einsam und allein mit einigen eher ungewöhnlichen Haustieren mitten in einem Waldgebiet lebt und sein Leben im Blitzlichtgewitter gehörig auf den Kopf stellt.

Doch Kalli hat einige Geheimnisse und auch Jan war nicht ganz ehrlich in Bezug auf seine Vergangenheit.

Ein dämlicher Plan

Er stotterte. Schon das vierte Mal. Als Nächstes erstarb das Stottern und er wurde ganz still. Verdammt! So sollte das eigentlich nicht laufen mit dem Kurztrip ins Grüne.

Jan stieg leise vor sich hin fluchend aus dem Audi Cabriolet, das er sich von Jerry geliehen hatte und öffnete die Motorhaube. Stumm starrte er das Gewirr aus Kabeln, Metallteilen und Plastikverschalungen an, seufzte und schloss mit Nachdruck die Klappe.

Was hatte er eigentlich erwartet? Eine Leuchtschrift, die ihm sagte, was kaputt war? Einen Reparaturleitfaden, der sich mittels einer helfenden Hand aus dem Motorblock emporhob? Er hatte keine Ahnung von Autos. Schon gar nicht von Motoren. Und noch viel weniger hatte er das passende Werkzeug, um seine nicht vorhandenen Kenntnisse zu nutzen. So kam er nicht weiter.

Wo war er eigentlich? Das letzte Hinweisschild lag einige Kilometer hinter ihm. Er kannte die nächste Ortschaft ohnehin nicht. Aber das war ja auch der Sinn der Tour gewesen: Irgendwohin zu fahren, wo er nichts und niemanden kannte. Abschalten. Ohne Handy. Ohne Laptop. Ohne Nachsendeadresse. Ruhe. Ohne Stress. Okay, ruhig war es definitiv. Für seinen Geschmack etwas zu ruhig. Die Straße war immer schmaler geworden. Einem Auto war er lange nicht begegnet. Da blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als per pedes ins nächste Dorf zu wandern, um dort sein Glück zu versuchen. Warum zum Teufel hatte er sich nur darauf eingelassen und tatsächlich alle elektronischen Geräte bei Jerry gelassen? Das hatte er nun davon. Mutterseelenallein irgendwo in der Pampa mit einem geliehenen, kaputten Auto! Schöner Urlaub!

Seufzend nahm er seinen Rucksack aus dem Kofferraum. Überragend viel Platz bot er nicht, aber eigentlich hatte er ja auch nur Tagestouren machen wollen und nicht vorgehabt, seinen Kofferinhalt darin unterzubringen. Nun gut, es half ja nichts. Er kippte den Inhalt des Rucksacks kurzerhand auf dem Rücksitz aus. Dann öffnete er den kleinen Reisekoffer und durchstöberte dessen Inhalt. Er begann, das Nötigste einzupacken: Portemonnaie, Zahnbürste und Zahncreme, Deo, seine knallrote Unterhose, die Cecilia ihm geschenkt hatte, ein frisches Shirt, die Wasserflasche und zwei Müsliriegel. Ballaststoffreich, Zucker-reduziert und mit extra Protein. Nur Geschmack hatten die staubigen Dinger nicht. Er packte sie wieder aus. Unschlüssig betrachtete er das Durcheinander auf dem Rücksitz. Das Foto von Cecilia? Nein, es würde nur Platz wegnehmen. Die brandaktuellen CDs? Machten ohne den CD-Player im Auto wenig Sinn. Aber das Taschenmesser würde er mitnehmen. Er steckte es kurzerhand in den Rucksack. Vielleicht könnte es ihm hier draußen noch von Nutzen sein. Energisch zog er die Kordel am Rucksack zu und verschloss den Wagen. Dann schwang er den Rucksack auf seinen Rücken und marschierte los. Immer der Nase nach, pflegte sein Großvater stets zu sagen, wenn er nach dem Weg fragte. Folge immer deiner Nase! Oder deinem Herzen! Dann kommst du immer ans Ziel, hatte er geschmunzelt.

Eine Zeitlang stampfte er missmutig vor sich hin. Dann blieb er plötzlich stehen, grinste breit und fing an zu lachen. Warum denn so mies gelaunt? Er hatte doch vorgehabt, ein paar Tage zu entspannen und in der Natur umherzustreifen. Nun machte er genau das und ärgerte sich? Nein! Er beschloss, die Sache als Herausforderung zu sehen. Dann begann sein Wanderurlaub eben schon jetzt. Ein festes Ziel hatte er ohnehin nicht gehabt, dann konnte er auch ebenso gut hier beginnen. Er fing an, eine fröhliche kleine Melodie zu pfeifen und wanderte am Rand der Straße weiter.

An einem Busch, an dem er nach einer ganzen Weile vorbeikam, pflückte er sich ein paar Brombeeren. Sie waren süß und saftig und er genoss das herrliche Aroma der wilden Früchte. Er pflückte sich noch eine Handvoll für unterwegs und lief weiter. Mittlerweile war der Asphalt Schotter gewichen. Es gab schon lange keinen Randstreifen mehr und die weiten Felder, die er stundenlang durchfahren hatte, waren erst in einen lichten, dann immer dichter werdenden Wald übergegangen. Er hielt inne und lauschte. Vögel zwitscherten und schimpften lautstark in den Bäumen. Irgendetwas raschelte im Busch neben ihm. Eine Maus? Nein, ein Eichhörnchen flüchtete aus dem Dickicht und sprang behände den nächsten Baum hinauf. In sicherer Höhe drehte es sich zu Jan um und begann laut zu keckern.

„Ja, ja, ist ja schon gut!“, amüsierte sich Jan über den lautstarken Protest. „Ich gehe ja schon weiter!“

Einige Zeit später wich der Wald zurück und in der Ferne tauchten einzelne Häuser auf. Jan beschleunigte seine Schritte und hatte bald das kleine Dorf erreicht.

Was nun? Einfach irgendwo zu klingeln, erschien ihm unhöflich. Er wanderte eine Zeitlang unschlüssig zwischen den Häusern umher, bis er in einem Vorgarten eine ältere Frau bei der Arbeit in einem Gemüsebeet entdeckte.

„Entschuldigen Sie bitte?“, sprach er sie zögernd an.

Die Frau drehte sich zu ihm um, wischte sich die erdverkrusteten Hände an ihrer Gartenschürze ab und betrachtete ihn misstrauisch.

„Sie sind nicht von hier.“ Das war eine Feststellung.

„Das ist richtig“, beeilte sich Jan zu erwidern. „Ich bin auf der Suche nach einer Werkstatt oder einem Abschleppdienst. Ich bin mit dem Wagen ein paar Kilometer vor dem Dorf liegengeblieben. Können Sie mir sagen, an wen ich mich hier wenden kann?“

Sie hob eine Augenbraue und betrachtete ihn nachdenklich. „Klar!“, sagte sie trocken. „Die Autowerkstatt befindet sich da hinten.“ Sie deutete die Straße hinunter. „Gleich hinter dem Grandhotel, der Formel-eins-Rennstrecke und dem Golfplatz. Ach, und an der Wasserskianlage müssen Sie auch noch vorbei!“

Jan folgte irritiert ihrem Arm und blickte dann in ihr schmunzelndes Gesicht.

„Unser Dorf besteht aus acht Häusern, einem Krämerladen, vier Bauernhöfen und einer Kneipe. Und das war es dann auch schon wieder. Hier finden Sie weder einen Abschleppwagen noch eine Werkstatt. Aber vielleicht kann Ihnen Willy ja helfen? Einfach die Straße runter, das zweite Bauernhaus auf der rechten Seite.“ Sie zeigte erneut die Straße hinunter. „Er hat zumindest am meisten Ahnung von Autos und Traktoren.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Aber ob das heute noch was wird?“

„Danke vielmals. Dann werde ich mal dort mein Glück versuchen. Einen schönen Tag noch!“

Er hob die Hand zum Gruß und lief die Straße weiter hinab. Hier und da hörte er Stimmen aus den Häusern kommen, ein paar ältere Leute saßen zwischen den alten knorrigen Apfelbäumen auf der Wiese vor dem ersten Bauernhof, an dem er vorbeikam. Es dämmerte bereits. Er würde sich beeilen müssen, wenn er heute noch weiterkommen wollte. Nach einem kurzen Fußmarsch erreichte er den Bauernhof. Es war ein alter Dreiseitenhof mit einem reetgedeckten Dach, kleinen Butzen Fenstern mit rot leuchtenden Blumenkaskaden, die aus den Blumenkästen quollen und einem kleinen Brunnen im Garten. Jan ging langsam über den fest gestampften Boden zur Haustür. Ein großer Jagdhund kam kläffend hinter dem Brunnen hervor und lief ihm entgegen. Jan ging in die Knie und ließ den betagten Hofhund an seiner Hand schnuppern. Freudig stupste er ihn an und wedelte erfreut mit der Rute. Lächelnd kraulte Jan den Hund hinter den Ohren und tätschelte ihm den Kopf.

„Du bist ja ein großartiger Wachhund“, sagte er mit leisem Lachen. „Eher Typ Kampfkuschler, wenn ich mich nicht irre, oder?“ Als Antwort legte der braun-weiß gefleckte Setter sich hin und drehte Jan seinen Bauch zum Kraulen entgegen. Nach einigen Streicheleinheiten kam ein älterer Mann aus einer Tür der Scheune auf der rechten Seite. In seiner Hand hielt er einen fleckigen Lappen, an dem er versuchte, sich seine nicht weniger verschmierten Hände zu säubern. Jan stand auf.

„Er mag kein aggressiver Wachhund sein, aber er passt auf und hat einen guten Instinkt. Wenn er Ihnen freundlich gesonnen ist, spricht das nur für Sie.“ brummelte er freundlich, während er näherkam.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte er seinen überraschenden Besucher. „Ich hoffe, meinem Wagen wieder neues Leben einhauchen.“ begann Jan erneut und berichtete dem Bauern von seiner Panne.

Willy schob sich die Mütze in den Nacken und kratze sich nachdenklich am grauen Haarkranz. „Ich kann sicherlich mit dem Trecker den Wagen hierhin abschleppen. Aber ob wir ihn wieder flott kriegen, kann ich nicht versprechen. Ich bin Landwirt und kein Autoschlosser. Aber ich will es gerne versuchen“, willigte er dann ein.

„Vielen, vielen Dank!“, erwiderte Jan erleichtert.

Willy drehte sich um, winkte Jan, ihm zu folgen und ging zurück in die Scheune. Der Setter legte sich wieder in die Sonne und schloss die Augen.

Jans Augen brauchten einen Augenblick, bis sie sich an die diffusen Lichtverhältnisse in der Scheune gewöhnt hatten. Staunend blickte er sich in dem großen Ständerbau um. Links von ihm türmten sich bis unter die Decke Quaderballen mit Heu und Stroh. Auf der rechten Seite sah er große Laufställe, in denen ein paar gigantische Schweine lagen und schliefen. Ein paar Ferkel liefen durch das Stroh und jagten einander um ihre Mütter. Lange Tröge standen an den Gitterstäben an der Vorderseite des Laufstalles. Einige ausgeschaltete Rotlichtlampen baumelten in einer Ecke. Jan wunderte sich zunächst über die wenigen Tiere im riesigen Stall, bis er einige Klappen entdeckte, durch die es augenscheinlich ins Freie ging.

Willy ging zielstrebig durch die Scheune und steuerte eine Tür auf der anderen Seite an. Jan eilte ihm hinterher. Als er aus der Tür trat, sah er eine große Weide, auf der sich unzählige Schweine in allen Größen tummelten. In einer Ecke befand sich eine matschige Suhle, in der sich gerade zwei Säue wälzten. Ihre Ferkel standen unschlüssig am Rand des Matschbeckens und trauten sich nicht so recht hinein. Die Schweine quiekten vor Vergnügen, während sie sich mit dem zähen Schlamm beschmierten, um sich vor den lästigen Insekten und der Sonne zu schützen.

Willy bemerkte Jans Blick und lächelte. „Stadtkind, was?“, fragte er amüsiert.

„In der Tat“, lachte Jan. „Ich habe noch nie so viele Schweine auf einmal gesehen. Und mit den Medienberichten von eingepferchten Tieren in der Massentierhaltung hat das hier auch nichts zu tun. Die Schweine sehen richtig … “. Er versuchte, das richtige Wort zu finden.

„…glücklich aus?“, ergänzte Willy leise.

„Ja! Genau!“ rief Jan aus.

„Das war der Plan“, schmunzelte Willy. „Mein Vater hat hier noch Mastschweine gehalten. 500 Schweine in der Scheune, in wenigen Wochen vom Ferkel bis zum Schlachttier, ohne jemals die Sonne gesehen oder Gras unter den Klauen gespürt zu haben. Ich bin damit groß geworden. Habe es nie infrage gestellt. Dann sah ich im Urlaub in Frankreich die Schweine, die zum Mästen in die Eichenwälder getrieben wurden. Sie konnten den ganzen Tag tun und lassen, was sie wollten: fressen, schlafen, spielen, suhlen. Niemand beaufsichtigte sie, keiner kam auf den Gedanken, ihnen die Schwänze zu kürzen oder Antibiotika über das Futter zu streuen. Trotzdem habe ich nie so gesunde stattliche Schweine gesehen. Der Hirte lag abends mitten in der Schweineherde, kuschelte mit ihnen und verteilte Streicheleinheiten. Ein paar der Jungschweine spielten sogar mit ihm, konnten Stöckchen apportieren, Leckerli unter Bechern erschnüffeln und machten Sitz und Platz auf Kommando!“ Willys Blick schweifte über seine Rotte. „Da begann ich darüber nachzudenken, ob es wirklich alles so richtig war, was mein Vater und unzählige andere Landwirte in der Massentierhaltung den Tieren zumuteten. Der Spaltboden, die Stallhaltung, das Futter, die ganzen Medikamente, ob prophylaktisch oder notwendig und das Einzige, das zählte, war der Gewinn pro Kilo Fleisch am Ende. Ich begann mich intensiver mit den Tieren zu beschäftigen und je mehr ich herausfand, desto mehr wurde mir klar, dass ich das nicht mehr so weiterführen konnte, wie es mein Vater und meine Vorfahren vor ihm getan haben. Bei meinem Vater stieß ich auf wenig Gegenliebe. Ich übte mich jahrelang in Geduld, bis mein Vater starb. Am Tag nach der Beerdigung habe ich die alten Mastboxen eingerissen und begonnen, die Wiese einzuzäunen. Nach und nach habe ich meinen Traum von einer artgerechten Haltung verwirklicht. Es wirft nicht viel ab, aber ich kann mir abends im Spiegel in die Augen sehen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Und manchmal“, er lächelte liebevoll, „werfe ich Stöckchen ins Gehege und warte ab, was passiert.“

Er drehte sich um und schaute Jan ins Gesicht. „Mein Traktor steht dort hinten.“ Er deutete auf einen überdachten Anbau am Wohnhaus. „Wir sollten uns beeilen, sonst wird es dunkel, bevor wir dort sind.“

Jan nickte und eilte ihm hinterher. Unter dem Anbau stand ein alter, aber liebevoll gepflegter roter Traktor neben ein paar Anhängern und einem wilden Sammelsurium an Hacken, Besen, Spaten und anderen Gerätschaften. Mit einem Satz sprang Willy in seinen Traktor und startete den Motor, der sich blubbernd in Gang setzte.

Gestrandet am Ende der Welt

Trotz des sofortigen Aufbruchs war es schon recht dunkel, als Willys Traktor Jans Auto erreichte.

Nach einer kurzen Inspektion des Motors und einem erneuten Anlassversuch klappte Willy die Motorhaube wieder herunter und brummelte nachdenklich vor sich hin.

„Und? Was sagt der Fachmann?“ witzelte Jan hoffnungsvoll. „Besteht noch Hoffnung für den Patienten?“

„Hoffnung ja“, schmunzelte Willy. „Aber das Wiederbeleben wird Zeit in Anspruch nehmen. Wir werden auf das Ersatzteil warten müssen. Heute wird das sicher nichts mehr.“

„Okay“, murmelte Jan. „Ich denke, eine Pension oder ein Hotel wird es wohl nicht geben im Dorf?“

Willy lachte laut auf. „Das würde wohl dank fehlender Gäste sofort wieder schließen! Nein, da werden wir uns was anderes überlegen müssen. Aber irgendwo werden wir schon ein Bett für Dich auftreiben. Jetzt schleppen wir erst mal Dein Schätzchen ab, damit es hier nicht von den Füchsen in Beschlag genommen wird. Immer ein Problem nach dem nächsten lösen.“

Er sprang auf seinen Traktor, holte ein Tau hinter dem Sitz hervor und begann geschickt, das eine Ende an der Abschleppöse des Cabrios und das andere am Traktor zu befestigen. Dann stieg Jan ins Cabrio und Willy gab vorsichtig Gas, bis das Seil sich straffte und die Rückfahrt beginnen konnte.

Nach einer guten halben Stunde erreichten sie Willys Hof. Der Wagen wurde vom Seil gelöst und gemeinsam schoben sie ihn unter das Dach des Anbaus, damit er vor der Witterung geschützt stand.

„So, Problem Nummer eins wäre damit für heute erledigt. Ich werde morgen früh das Ersatzteil bestellen und dann kriegen wir Deinen Wagen schon wieder zum Laufen.“ Nachdenklich nahm er die Mütze ab und kratzte sich am Kopf. „Problem Nummer zwei macht mir mehr Kopfzerbrechen. Wir sind hier zwar ein hilfsbereiter Haufen. Aber mir fällt partout keiner im Dorf ein, bei dem Du heute Nacht schlafen könntest. Am besten, wir gehen zu Jenny. Vielleicht hat sie eine Idee.“

„Ist Jenny Deine Frau?“, fragte Jan.

„Ach nein!“, lachte Willy. „Jenny ist unsere Krämerin! Wenn irgendwer irgendwas weiß, dann sie!“

Er winkte Jan, ihm zu folgen und stiefelte los.

Weiter ging es die Straße hinab, bis sie nahezu das Ende des kleinen Dorfes erreicht hatten. Es war wirklich winzig, dachte Jan. Wie es wohl war, mit so wenigen Menschen so eng zusammen zu leben. Wie eine Großfamilie in mehreren Häusern ging es ihm durch den Kopf.

Willy blieb vor einem Haus stehen, dass hier nicht so recht her zu passen schien. Waren die anderen Häuser allesamt alte Fachwerkhäuser und Katen, so hatte dieses eher etwas von einem Wildwest Saloon.

Eine breite Veranda aus Holz führte einmal um das Holzhaus herum. Ein Zaun begrenzte die Veranda und bot Platz für zahlreiche Blumenkästen, aus denen eine wahre Fülle an Blüten quoll. Jan dachte neidisch an seine kümmerliche Yucca Palme, die zu Hause in seinem Wohnzimmer stand. Gärtner des Jahres würde er mit seinem grünen Daumen nicht mehr werden.

An den Sprossenfenstern hingen Fensterläden und oben überspannte ein Balkon die gesamte Breite des Hauses.

Eine knallblau gestrichene Tür zog die Aufmerksamkeit auf sich. Willy stiefelte über die leise knarrende Veranda und trat, ohne zu zögern, ein. Jan folgte ihm.

Es roch nach Brot und Lavendel, Seife und Äpfeln und tausend anderen Gerüchen, die Jans Nase so schnell nicht zuzuordnen vermochte, das war sein erster Eindruck von Jennys Krämerladen. Als seine Augen sich an das warme Licht gewöhnt hatten, verstärkte sich sein Eindruck eines Westernsaloons umso mehr.

Auf der linken Seite befand sich eine Theke, hinter der eine etwa 60-jährige Frau stand. Sie trug eine blaue Schürze über ihren verwaschenen Jeans und einem alten, grauen Pullover. Hinter ihr türmten sich hohe Regale bis unter die Decke. Darauf stapelten sich Konserven und Flaschen, Krüge, auf denen Mehl, Zucker und Salz stand, Seifenstücke und Creme Tiegel, ein Weidenkorb mit Eiern, Nudeln und unzähliges mehr. In großen Körben vor der Theke wartete Obst und Gemüse auf die hungrigen Kunden und an der Wand zu ihrer Linken standen Rechen, Schaufeln, Besen und andere Utensilien des täglichen Gebrauchs in Haus und Garten. In der Auslage der Theke sah Jan verschiedene Wurstwaren und Käse und zwei offensichtlich selbst gebackene Kuchen, die ihn wehmütig an die Apfelkuchen seiner Großmutter erinnerten.

Die Frau lächelte Willy und Jan freundlich an, als sie an die Theke traten. „Moin Willy!“

„Moin Jenny!“

Jan zuckte kurz zusammen. Dann fiel ihm ein, was Jeremy ihm mal grinsend über ihre norddeutsche Heimat gesagt hatte: Heimat ist da, wo man auch abends moin sagte. Und nur moin. Moin, Moin sei schon Gesabbel, woran man zweifelsfrei den bemühten Touristen erkennen könne.

„Moin!“, begrüßte Jenny nun auch ihren unbekannten Gast.

„Moin!“, lächelte Jan zurück.

„Was kann ich für Euch tun?“, fragte Jenny und schaute Willy an. Der nahm die Mütze ab und kratzte sich wieder mal nachdenklich am Kopf.

„Der Junge ist mit seinem Wagen liegengeblieben. Abgeschleppt haben wir ihn schon, aber heute wird das nichts mehr mit der Reparatur. Er braucht für die nächsten zwei, drei Tage einen Platz zum Schlafen. Ich habe keinen Platz und mir fällt auch einfach niemand ein, bei dem er unterkommen könnte. Hast Du eine Idee?“

Jennys Blick wanderte zu Jan. „Hmm, normalerweise hätte ich gesagt, er kann bei Elsa schlafen. Aber nach dem Sturz dauert es noch ein paar Wochen, bis sie wieder aus dem Krankenhaus zurück ist. So schnell heilen alte Beine nicht. Ich bin tatsächlich etwas ratlos.“ Sie zuckte bedauernd mit den Schultern. „Hey Jungs, fällt Euch ein Platz ein, an dem der Junge schlafen kann?“, rief sie plötzlich.

Als Jan ein Geräusch hinter sich hörte, drehte er sich um und bemerkte erst jetzt, dass der Vorhang aus schwerem Wollstoff auf der rechten Seite des Krämerladens eine Art Raumteiler darstellte. Durch einen schmalen Durchlass sah er einige Tische und Stühle, auf denen ein halbes Dutzend Männer und zwei junge Frauen saßen. Ein allgemeines Gemurmel setzte ein.

„Bei mir geht’s nur, wenn er sich mit Keks das Bett teilt!“ grinste ein grobschlächtiger Mann.

„Als ob Dein Köter Platz machen würde!“, warf ein anderer ein.

„Eher vernascht er ihn zum Nachtmahl!“ Alles lachte.

„Das Kinderbett dürfte zu lütt sein!“, meinte eine der beiden Frauen. Jan sah, dass sie hochschwanger war. Liebevoll streichelte der Mann neben ihr über die Kugel, die sich unter ihrem Kleid abzeichnete.

„Wenn alle Stricke reißen, musst Du sonst mit der Scheune vorliebnehmen. Eine Decke und ein Kissen treiben wir schon auf“, bot Willy ihm an.

„Das ist doch viel zu kalt!“, rief Jenny entrüstet aus. „Tagsüber mag es ja noch sommerlich warm sein. Aber nachts haben wir schon einstellige Temperaturen. Soll der Junge sich den Tod holen? Zumal Deine Scheune so winddicht ist wie die Socken von Paul!“

„Was?“, rief der Grobschlächtige gespielt entrüstet ins Gelächter der anderen. „Soll das heißen, ich hätte Löcher in den Socken?“

„Eher Krater!“, erwiderte die zweite junge Frau trocken, was das Gelächter von Neuem anheizte.

„Wenn es Dich nicht stört, kannst Du hier schlafen. Bequem wird das nicht“, sagte Jenny und deutete auf den Gastraum. „Aber wärmer ist es hier auf jeden Fall. Und Du bekommst nachts keinen Mäusebesuch.“

„Danke für das Angebot“, erwiderte Jan erleichtert. Die Aussicht auf die Übernachtung in der Scheune hatte ihm nicht behagt. Natürlich wäre es immer noch besser gewesen, im Stroh zu schlafen als unter dem freien Himmel. Aber Jenny hatte recht. Es war mittlerweile recht frisch nachts und mit Mäusen hatte er bislang auch keinen Kontakt gehabt. Das dürfte auch gerne noch ein Weilchen so bleiben, wenn es nach ihm ginge.

„Natürlich bezahle ich für die Unterkunft“, beeilte er sich zu sagen.

Doch Jenny winkte ab. „Ich werde doch niemanden zur Kasse bitten, der in Not geraten ist.“

„Hey Jenny“, rief Paul aus dem Gastraum. „Ich bin auch in Not! Mein Bier ist alle!“ Er wedelte mit dem leeren Glas.

„Dann steh auf und nutze Deine Beine zum vorgesehenen Zweck!“, gab Jenny schonungslos zurück.

„Was ist mit Euch? Hunger? Durst?“ fragte sie dann und sah Jan und Willy fragend an, während sie Pauls Glas erneut füllte.

In diesem Moment wurde Jan bewusst, dass er seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte. Sein Magen knurrte laut, sodass Jenny auflachte. Erschrocken presste er die Hände auf seinen Magen.

„Die Antwort war eindeutig! Was ist mit Dir, Willy? Magst Du ein Bier?“

Willy nickte und sie zapfte ihm ein Bier in ein Glas, das sie unter der Theke hervorholte. Auch Jan bekam ein Bierglas in die Hand gedrückt und folgte dann Willy, der sich auf einen der freien Stühle plumpsen ließ. Einige Minuten stand Jan im Durchgang und sah sich hilflos um. Die anderen hatten sich wieder ihrem Kartenspiel zugewandt, mit dem sie sich vorher vergnügt hatten. Die Frauen unterhielten sich leise.

„Willst Du da stehen bleiben?“, fragte Jenny ihn belustigt, als sie sich mit einem Teller in jeder Hand an ihm vorbei in den Raum schob. Sie stellte Willy einen Teller vor die Nase und platzierte den zweiten an dem freien Platz daneben. Aufmunternd sah sie ihn an. „Na komm. Die anderen beißen nicht!“

Er nickte und setzte sich dankbar auf den freien Platz. Auf dem Holzteller lagen drei dicke Scheiben Brot, einige Scheiben Schinken und Käse, eine kalte Frikadelle, zwei eingemachte Gurken von beträchtlichem Umfang und ein paar Radieschen. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Aus einem kleinen Steinguttopf schmierte sich Willy bereits Butter auf seine Scheiben und belegte sie dick mit den Schinkenscheiben. Jan folgte seinem Beispiel und biss herzhaft hinein. Das Brot war frisch und knusprig. Einige Gewürze, die Jan nicht identifizieren konnte, verliehen ihm ein ganz besonderes Aroma. Der Schinken war kräftig und gut gesalzen. Jan war sich sicher, noch nie zuvor ein solch leckeres Abendessen genossen zu haben. Er trank ein paar Schlucke Bier und bemerkte dann die amüsierten Blicke der anderen.

„Rettung in letzter Not!“, schmunzelte Willy. „Sag mal, wie heißt Du eigentlich?“

„Jan.“ Er zögerte. Sollte er ihnen auch den Nachnamen nennen? Ihm schien es unnütz zu sein und auch der Rest der Gäste schien nicht daran interessiert.

Paul hob das Glas und prostete ihm zu. „Na, dann willkommen in unserem Dorf, Jan! Der erste Tourist bei uns. Ich sage es Euch. Nächstes Jahr werden hier 1000 Hotels stehen!“ alberte er herum.

„Oh, bitte nicht!“, rief Jenny entsetzt aus. „Lass die Kirche im Dorf und die Touris auf Mallorca!“

„Welche Kirche?“, prustete einer der anderen. „Wir haben doch nicht mal eine!“

„Würde bei Euch Rabauken ja auch eh nichts mehr bringen!“, lästerte die Schwangere.

Langsam entspannte sich Jan. Irgendwie würde er die nächsten Tage schon überstehen. Die Dorfgemeinschaft kam ihm immer mehr vor, wie eine einzige große Familie. Es gab keine Unterschiede, jeder scherzte mit jedem und die Stimmung war gelöst und heiter. Jenny war zweifelsohne eine Institution im Dorf. Sie wurde respektvoll behandelt und hatte bei den Diskussionen im Schankraum stets eine klare, intelligente Meinung parat. Willy schien der Älteste in der Gemeinschaft zu sein. Jan fand heraus, dass er schon weit über 70 war. Er war Schweinezüchter und zugleich der Schlachter im Ort. Auch alle anderen schienen mehrere Ämter zugleich innezuhaben. Paul war Schmied. Er kümmerte sich um die Pferde, die hier noch ihr Gnadenbrot bekamen, denn ihre eigentliche Arbeit hatten längst Traktoren übernommen. Gleichzeitig war er der Mann für alle schweren Arbeiten, sei es nun einen neuen Dachbalken in eine Kate einzuziehen oder die Mehllieferung für Jenny ins Haus zu tragen. Jan erfuhr, dass der kleine Weiler, in dem er Unterschlupf gefunden hatte, ganz bewusst auf viele technische Spielereien verzichtete.

Es sei schlicht nicht nötig, sagte ein Mann in Jans Alter. „Hier hilft jeder jedem. Wer ein Problem hat, bespricht sich mit den anderen und dann packen alle mit an. So haben wir das schon seit Jahren hier gehandhabt und sind immer gut gefahren damit.“

Hubi, wie er von seiner schwangeren Frau liebevoll genannt wurde, nickte bekräftigend mit dem Kopf.

„Natürlich gibt es hier auch Autos und die meisten von uns fahren morgens in die Stadt, um zu arbeiten. Aber hier genießen wir die Ruhe und das Landleben. Da wird am Samstag im Waschhaus gewaschen, Brot im Dorf Backes gebacken, zu Feiern bringt jeder das mit, was er entbehren kann. Und abends sitzen wir hier zusammen und klönen über Gott und die Welt.“

„Und das ohne Kirche“, stellte Jan fest.

„Und das ohne Kirche!“, grinste Hubi und hob sein Glas.

„Und was ist, wenn es los geht?“, fragte Jan und nickte zum Bauch von Franziska.

„Dann geht es los“, zuckte Franzi unbekümmert mit den Schultern. „Raus kommen sie alle und wenn alle Stricke reißen, fahren wir doch in die Klinik. Und Kalli ist ja auch noch da. Das wird schon klappen.“ Jan wandte sich der anderen jungen Frau zu.

„Und was machst Du beruflich?“, fragte er neugierig.

„Ich? Ich bin von Beruf Schneiderin und habe hier nebenbei einen kleinen Webstuhl. Für die Schafwolle unseres Nachbarn.“ Sie deutete auf einen hageren Mann Ende fünfzig, der gerade mit Paul und zwei anderen in einer lebhaften Debatte steckte.

Jan erfuhr auch von den anderen Bewohnern des Dorfes.

Da war zum einen Elsa, die Dorfälteste. Sie hatte schon 84 Jahre auf dem Buckel und lag zurzeit mit einem gebrochenen Bein im Krankenhaus eine gute Stunde entfernt in der nächsten Stadt. Sie war beim Gardinen aufhängen von der Leiter gestürzt und unglücklich gefallen. Elsa hatte schon immer hier gelebt und kümmerte sich nach dem Tod ihres Mannes vor vielen Jahren allein um ihren kleinen Hof. Die Dorfgemeinschaft hatte ein Auge auf die rüstige alte Dame und packte an, wann immer es notwendig war. Merle war die Schneiderin und Elsas Enkelin. Sie lebte im Haus neben ihr und half der Oma bei der Hausarbeit. Neben ihr im Bauernhaus lebte Henry. Zumindest einen Teil des Jahres, denn ansonsten zog er mit seiner Schafherde durch die weiten Heidelandschaften. Zu Henrys Füßen lagen zwei Schäferhunde und schliefen. Sie schienen sich am Lärm der Gäste nicht zu stören. Franzi verriet Jan, dass sie Henry in all den Jahren nicht ein einziges Mal ohne seine Hunde gesehen hatte. Mario und Andreas bewirtschafteten den dritten Hof im Dorf. Sie bauten hauptsächlich Getreide an, das, frisch gemahlen, zum Teil wieder zurück ins Dorf kam, um von Jenny verkauft zu werden.

Die ältere Frau, die Jan zuerst im Dorf begegnet war, hieß Agnes. Sie arbeitete in der Stadt als Friseurin. Aus ihrem Garten stammten unter anderem die Äpfel aus Jennys Laden. Sie hatte hinter ihrem Haus eine große Streuobstwiese, die ihre Eltern schon angelegt und gepflegt hatten.

„Vielleicht kommst Du einfach übermorgen Abend wieder her. Dann sind noch einige mehr aus dem Dorf da. Es ist Dorfmusik“, meinte Merle nach einer Weile.

„Dorfmusik?“, fragte Jan ungläubig? „Was meinst Du damit?“

„Na, halt Dorfmusik”, antwortete sie leicht gereizt. „Alle kommen zusammen, wer hat, bringt sein Instrument mit. Wir singen alle zusammen, trinken vielleicht noch was und unterhalten uns und gehen wieder nach Hause. Was denn sonst?”, fragte sie und rollte mit den Augen. „Wo kommst Du denn her?”

„Augenscheinlich nicht aus einem Dorf!”, grinste Jenny, die unbemerkt herangetreten war. „Sperrstunde, Merle. Ich schmeiße Euch jetzt raus, damit der Junge schlafen kann. Sonst knallt er gleich mit dem Kopf auf die Tischplatte, so wie er aussieht.”

In der Tat fühlte sich Jan erschöpft. Der Tag war lang gewesen und die ganzen neuen Eindrücke hatten ihn ziemlich ermüdet. Er sah Jenny dankbar an.

Aber wo sollte er denn nun schlafen? Stirnrunzelnd sah er sich um. Er könnte ein paar Tische zusammenschieben oder einfach zwei Stühle gegenüberstellen. Jenny hatte recht: bequem würde es kaum werden, aber wenigstens warm und trocken.

Jenny folgte seinem Blick. Dann legte sie ihm beruhigend ihre Hand auf die Schulter. „Ganz so unbequem wird es nicht werden.”, sagte sie leise und deutete auf eine kleine Nische, in die Paul und Hubi gerade eine Couch wuchteten. Es war nur ein Zweisitzer, aber immer noch bequemer, als die Nacht auf dem Tisch zu verbringen.

Erleichterung machte sich auf Jans Gesicht breit. Er lächelte Jenny an und half ihr, das restliche Geschirr zur Theke zurückzubringen. Jenny verschwand durch eine kleine Tür über eine schmale Stiege in ihre eigene Wohnung, die sich offenbar direkt über dem Schankraum befand. Nach kurzer Zeit kam sie zurück und drückte Jan zwei Wolldecken und ein Kissen in die Hand. „Betten machen wirst Du wohl können, oder?”, grinste sie ihn an.

„Aye! Aye!”, salutierte Jan zackig und begann, die Sachen auf der Couch zu drapieren. Jenny zog noch einen Tisch heran und stellte eine kleine Nachttischlampe darauf. Jan vermutete, dass es ihre eigene war.

Mittlerweile waren fast alle Gäste gegangen. Nur Willy stand noch etwas verloren im Türrahmen. „Gute Nacht! Wenn Du morgen fertig mit dem Frühstück bist, komm rüber zu mir. Dann bestellen wir gemeinsam das Ersatzteil, damit wir Deinen Wagen wieder flottbekommen.”, brummelte er dann, setzte seine Mütze auf den grauen Haarkranz, tippte sich noch einmal grüßend gegen die Mütze, als Jenny ihm zunickte und zog die Tür hinter sich zu.

Jenny runzelte die Stirn. „Brauchst Du noch etwas?”, fragte sie ihren Gast.

„Waschzeug habe ich”, meinte Jan achselzuckend.

„Wenn Du Hunger oder Durst hast: bediene Dich!”, forderte ihn Jenny freundlich auf. „Toilette ist ausgeschildert”, ihr Mundwinkel zuckte schelmisch, „und wenn sonst was ist: einfach rufen, dann komme ich runter.”

„Danke, Jenny!” Jan nahm ihre schwieligen Hände in seine und drückte sie kräftig. „Vielen Dank!”

Jenny lächelte ihn gutmütig an. „Da nicht für! Schlaf gut!”. Dann zog sie die Tür hinter sich zu und stieg langsam die knarrende Stiege hinauf.

Jan kuschelte sich in die beiden Decken, schob sich das Kissen in den Nacken und war trotz der recht beengten Lage im nächsten Augenblick eingeschlafen.

Als er die Augen öffnete, blickte er als Erstes auf eine dunkle Holzdecke. Wo bin ich, fragte sich Jan und streckte sich vorsichtig. Seine Füße stießen gegen ein stoffbezogenes Hindernis. Auch seine Arme hatten schnellen Kontakt mit der Wand hinter seiner Schlafstatt.

Die Couch! Natürlich! Er lag auf der Couch in Jennys Kneipe in diesem Dorf irgendwo am Ende der Welt. Gestrandet dank des kaputten Cabrios seines besten Freundes Jeremy.

Er setzte sich stöhnend auf. Er war Jenny unendlich dankbar für den trockenen Platz zum Schlafen, aber die Couch hatte definitiv ihre besten Tage hinter sich. Jan merkte jeden einzelnen Knochen in seinem Körper.

Er zog sich sein zerknittertes Hemd und seine Hose an und ging leise in die Toilette des Schankraumes, um sich einer Katzenwäsche zu unterziehen.

Nachdem er sich notdürftig gesäubert hatte, erwachten seine Lebensgeister langsam wieder. Er beschloss, seiner Gastgeberin und sich ein leckeres Frühstück zuzubereiten, um sich zu bedanken.

Er umrundete die Theke und öffnete die oberen Schränke. Rasch fand er Kaffee und Filtertüten und befüllte die Kaffeemaschine auf der Arbeitsfläche damit.

Dann nahm er Eier und Milch aus dem Kühlschrank, schnitt einige Scheiben Speck von einem großen Block ab und würfelte Paprika und Tomaten klein. Nach kurzem Suchen hatte er auch eine Pfanne entdeckt, in der er den Speck kross briet und danach die Eier, mit dem Gemüse vermengt, in leckeres Rührei verwandelte.

Er stellte zwei Teller auf den Tisch auf der Veranda, legte Besteck und Servietten dazu und als er die Becher aus dem Schrank unter der Theke zog, öffnete sich ganz leise und langsam die Tür zur Wohnung.

„Du bist ja schon wach!“, rief Jenny überrascht aus. Dann schnupperte sie und lächelte verzückt. „Hmm! Das riecht hier aber lecker!“

Jan bot ihr galant seinen Arm und sie hakte sich breit grinsend ein. Sie gingen nach draußen und Jan zog ihr, ganz Gentleman, den Stuhl zurück, damit sie sich setzen konnte.

„Frühstück wird sogleich serviert, gnädige Frau“, näselte er vornehm mit einer Verbeugung. „Wünschen gnädige Frau Milch oder Zucker in Ihren Morgenkaffee?“

„Milch wäre vorzüglich“, alberte Jenny mit.

Sogleich verschwand Jan im Schankraum, schnitt noch vier Scheiben des leckeren Brotes ab, legte Käse und Schinken dazu und stellte alles auf das Tablett zum Rührei und dem krossen Speck. Die Becher und die Kaffeekanne baumelten an seinen Fingern, als er schwerbeladen die Tür wieder aufstieß und seine Fracht vorsichtig auf dem kleinen Tisch abstellte.

Dann goss er für sich und Jenny Kaffee ein und eilte zurück in die Küche, um die vergessene Milch zu holen.

Lächelnd hob Jenny ihre Tasse in seine Richtung. „Hoffentlich braucht das Ersatzteil ein paar Tage bis zur Ankunft. An einen Service wie diesen könnte ich mich gewöhnen!“ Sie schob sich genussvoll eine Gabel Rührei in den Mund. „Lecker! Du suchst nicht zufällig einen Job als Koch?“, fragte sie hoffnungsvoll.

„Sicher nicht!“, lachte Jan. „Du siehst hier nahezu mein komplettes Repertoire an lukullischen Genüssen, die ich imstande bin, zu kochen.“

„Schade“, grinste Jenny und futterte gut gelaunt weiter. „Was machst Du denn eigentlich beruflich?“, fragte sie dann.

Jan zögerte. „Ich bin bei einer Firma angestellt, die Filme produziert“, meinte er achselzuckend, als sei das nichts Besonderes.

Jenny sah ihn forschend an, sagte aber nichts dazu. Im Laufe ihres Lebens hatte sie gelernt, auf feine Nuancen zu achten. Jan war das Thema offensichtlich unangenehm, warum auch immer. Doch sie beschloss, ihn nicht länger damit zu quälen.

„Meinst Du, Willy ist schon wach?“, fragte Jan sie.

„Wach? Der ist vermutlich schon beim zweiten Frühstück“, grinste Jenny und nahm einen Schluck Kaffee. „Willy steht mit dem ersten Sonnenlicht auf. Seine Tiere lässt er nicht aufs Frühstück warten.“

Jan hörte die liebevolle Anerkennung aus Jennys Stimme heraus. „Wie hast Du denn geschlafen?“

Jan verzog das Gesicht. „Warm, trocken und ohne Mäuse!“, antwortete er diplomatisch.

„Hart und unbequem hast Du vergessen“, erwiderte Jenny trocken. „Ich habe auch schon auf der Couch schlafen müssen. Das ist kein Zuckerlecken. Mal sehen, ob wir Dir für heute Nacht ein besseres Quartier besorgen können. Obwohl“, sie nickte in Richtung Frühstück, „ich mir ins eigene Fleisch schneide, wenn ich Dir eine andere Schlafmöglichkeit organisiere.“

„Ich gehe jetzt gleich erstmal zu Willy und bestelle das Ersatzteil mit ihm. Und dann werden wir ja sehen, wie lange ich die dörfliche Gastfreundschaft noch in Anspruch nehmen muss. Wie weit wäre es denn in die nächste Stadt? Sonst nehme ich mir ein Taxi“, bot Jan an.

Jenny winkte ab. „Das Geld kannst Du Dir sparen. Das nächste Hotel ist eine halbe Stunde weg. Und gut ist es nicht. Hinfahren würde Dich sicherlich jemand. Aber wie willst Du dann zurückkommen? Mit einem Mietwagen? Wer fährt den dann wieder zurück? Und mit einem Taxi bist Du ein ganzes Monatsgehalt los. Bleib man hier.“, brummelte Jenny.

Jan musste unwillkürlich grinsen. So, so. Ein Monatsgehalt wäre er also los. Na schön. Er zweifelte daran, dass Jenny seinen finanziellen Background korrekt einschätzte. Aber sein derzeitiges Outfit entsprach auch nicht dem, was er sonst anzog, wenn er in der Öffentlichkeit stand. Dafür gefiel es ihm auch um Welten besser. Die Sachen waren bequem und luftig und erfüllten völlig ihren Zweck.

Jenny seufzte vernehmlich, als sie sich die letzten Krümel ihres Frühstücks in den Mund schob. „Vielen Dank, Jan.“ lächelte sie. „Ich mach den Abwasch. Dann kannst Du zu Willy.“

Sie begann, die Teller übereinander zu stapeln und ging ins Haus. Jan stand auf und machte sich auf den Weg zu Willys Bauernhof. Es war kühl heute Morgen. Jenny hatte recht gehabt. Der Herbst kam zügig näher und schon bald würde es die ersten Nachtfröste geben. Die Bäume links und rechts des Weges hatten schon deutlich gelb gefärbte Blätter und überall prangten Beeren und Früchte in leuchtenden Farben aus dem Blätterwerk. Jan atmete tief ein. Vielleicht sollte er sich hier ein Haus kaufen. Oder bauen. Als Rückzugsort. Finden würde ihn hier keiner, dafür war der Ort viel zu abgelegen. Aber war er bereit, so weit ab vom prallen Großstadtleben zu wohnen? Würde er sich nicht langweilen ohne die Partys, die Empfänge, das Blitzlichtgewitter? Nein, schmunzelte er vergnügt. Eigentlich gefiel ihm sein Trip ins Nirgendwo von Minute zu Minute besser. Er pfiff vergnügt eine Melodie vor sich hin und genoss die frische Luft und das Gezwitscher der Vögel. Nach ein paar Minuten hatte er den Dreiseithof von Willy erreicht. Unschlüssig blieb er auf dem Hof stehen und sah sich um. Dann hörte er Geräusche aus dem Inneren der Scheune und so ging er zur Tür und öffnete sie.

„Hallo? Willy? Bist Du hier?“ rief er, als er die Schwelle der Tür überschritt.

„Hier hinten! Beim Futtersilo!“ kam Willys Stimme von links hinten. Jan durchquerte die Scheune und amüsierte sich erneut über die drollig spielenden Ferkel.

Hinter einem Stapel leinener Säcke sah er Willys unverkennbare Mütze hervorblitzen. Willy stand halb gebückt vor einer großen Schubkarre, die unter einem Rohr stand. Aus dem Rohr fiel goldbraunes Getreide in die Lademulde.

„Na, gut geschlafen?“, fragte Willy, die Füllmenge der Schubkarre im Auge behaltend. Nun war sie voll und er schob einen Schieber zurück ins Rohr. Der Getreidefluss versiegte abrupt. Willy richtete sich auf.

„Wie im Grand Hotel!“, grinste Jan.

„Grand Hotel? Ah, ja!“, lachte Willy schallend. Dann schob er mit geübter Hand die Schubkarre vom Rohr weg. „Ich verteile das hier noch schnell. Dann können wir reingehen.“ Er zeigte auf die Tröge.

„Darf ich Dir helfen?“, bot ihm Jan an.

Willy deutete auf eine große Kelle, die an der Seite der Schubkarre baumelte. Jan nahm sie sich und begann, die Körner in die Tröge zu schaufeln. Kaum waren die ersten Körner auf die Steine gerieselt, setzte ein Riesenradau an. Durch sämtliche Luken stürmten die Schweine in die Laufhalle. Das Gequieke und Gegrunze war lauter als jeder startende Jet, zumindest kam es Jan so vor. Er hielt kurz inne, um sich die wilde Rennerei um den besten Platz am Futtertrog anzusehen, doch dann räusperte sich Willy vernehmlich.

„Beeile Dich lieber, sonst springen sie über das Gatter und vernaschen Dich!“, witzelte er trocken.

Hastig beugte sich Jan über die Schubkarre und füllte eilig Trog um Trog. „Die Tischmanieren sind ausbaufähig“, stellte er fest.

In der Tat machten die Schweine keine Gefangenen beim Kampf ums Futter. Da wurde geschubst und gebissen, gequietscht und gegrunzt, ohne Rücksicht auf Verluste.

„Wann haben sie denn zuletzt was zu fressen gehabt?“, staunte Jan.

„Vor drei Stunden!“, meinte Willy kopfschüttelnd. „Sie tun immer so, als hätte es drei Wochen nichts gegeben. Aber eigentlich kann der Hunger so groß gar nicht sein. Zumal sie ja auch draußen auf der Wiese was finden. Aber wenn das Getreide lockt...“ Er zuckte mit den Schultern. „Na komm. Ich ziehe mich eben um und dann gehen wir in die gute Stube.“

Umziehen? Jan schaute irritiert an sich herunter. Dann bemerkte er den beißenden Geruch, der in seinen Kleidern steckte. Angewidert verzog er das Gesicht. Er stank wie ein ganzer Schweinestall! Was sollte er nur tun? Er hatte nur ein Ersatzshirt mit. Aber das würde nicht ausreichen, um seinen Ausflug in Willys Schweineparadies geruchlich zu übertünchen.

Willy bemerkte seinen Gesichtsausdruck und fing schallend an zu lachen.

„Nein, nach Rosen duften sie nicht, meine Kleinen!“. Er legte Jan freundschaftlich einen Arm um die Schultern und zog ihn mit sich.

„Na, komm. Wir werden schon was für Dich zum Anplünnen finden, damit Du nicht nackt durch die Gegend rennen musst, während wir Dein Zeug in die Waschmaschine werfen.“ Und er öffnete, immer noch lachend, die Tür zum Wohntrakt.

Jans Augen brauchten einen Augenblick, um sich vom Dunkel in der Scheune an das diffuse Licht im Haus zu gewöhnen. Langsam stieg er über die hohe Schwelle aus der Scheune und fand sich in einem niedrigen Flur mit weiß getünchten Wänden wieder. Willys stattliche Figur füllte nahezu den ganzen Gang aus. Jan zog unwillkürlich den Kopf ein, um nicht gegen die niedrige Decke zu stoßen. Er folgte Willy durch den Gang und fand sich in einer heimeligen Wohnküche wieder. Eine vom vielen Sitzen glänzende Holzbank an der linken Wand bot Platz für mindestens acht Personen an der langen Holztafel. Ein gemauerter Kamin in der Mitte der Wand gegenüber versprach mit seiner großen Feuerstelle wohlige Wärme. Willy nahm aus dem Geschirrschrank der Landhausküche zwei Becher und schenkte aus einer Thermoskanne Kaffee hinein.

„Milch? Zucker?“, fragte er Jan, als er ihm einen reichte. Jan schüttelte den Kopf und nahm dankbar den Becher entgegen.

„Setz Dich. Ich hole mal ein paar Sachen von mir, damit Du duschen gehen und wieder unter Leute gehen kannst“, meinte er zwischen zwei Schlucken.

Jan strich andächtig über den alten Tisch. Er war aus einem einzigen Stück Holz gefertigt worden. Die langen Jahre im Gebrauch hatten das Holz glatt poliert, sodass es schimmerte wie Marmor.

„Der Baum muss gewaltig gewesen sein“, sagte er zu Willy, als er aus dem Nebenraum trat und einen Stapel sauber gefaltete Kleidung vor ihm ablegte.

„Ja. Mein Großvater und meine Großmutter haben sich früher immer heimlich hier unter einer alten Eiche getroffen. Dort haben sie sich das erste Mal geküsst. Unter ihrem Blätterdach hat mein Opa ihr den Heiratsantrag gemacht. Und später hat er hier dieses Haus gebaut. Einer seiner Brüder behauptete sogar, später sei mein Vater unter diesem Baum gezeugt worden“, schmunzelte er.

„Eines Tages tobte ein heftiges Gewitter über dem Dorf. Ein Blitz spaltete die alte Eiche in zwei Hälften. Meine Großmutter hat beim Anblick des Baumes bitterlich geweint. Also beschloss mein Großvater, aus einer Hälfte den Tisch zu zimmern. Für die Bank nahm er die zweite Hälfte. So blieb der Baum in gewisser Weise für die Beiden erhalten.“ Er legte liebevoll seine Hand auf das dunkle Holz. „Maria saß oft hier und hat ihren Tee getrunken.“ Sein Blick ging ins Leere.

„Maria war Deine Frau?“, fragte Jan leise.

„Ja“, antwortete Willy ihm ruhig. „Sie starb vor ein paar Jahren. Nach 57 glücklichen, gemeinsamen Jahren ist sie friedlich in meinem Arm eingeschlafen. Das Herz wollte nicht mehr“, murmelte er dankbar. Nach einem Moment ging ein Ruck durch seine Schultern und er stellte den Becher auf den Tisch zurück.

„Komm, ich zeige Dir das Bad.“ Er stand auf und ging durch eine andere Tür in einen holzgetäfelten Flur, von dem weitere Zimmer abgingen. Am Ende des Flurs führte eine Holztreppe nach oben. Willy öffnete die zweite Tür auf der rechten Seite und winkte Jan auffordernd hinein. Jan legte den Stapel Kleidung auf den Waschtisch, zog sich rasch aus und verschwand unter der Dusche. Er genoss das heiße Wasser auf seiner Haut und schrubbte sich kräftig ab. Nach der Dusche nahm er sich ein weiches Handtuch, das ihm Willy bereitgelegt hatte. Dann zog er sich die alten, aber sauberen und heilen Sachen an, die der alte Landwirt für ihn herausgesucht hatte.

Als er zurück in die Küche kam, grinste Willy ihn breit an. „Langsam passt Du Dich ans Landleben an!“, meinte er feixend.

Jan hakte die Daumen in die Hosenträger, die er an der weichen Hose befestigt hatte, da sich Willys Leibesfülle und seine schlanke Taille nicht anders zusammenbringen ließen. Das weiche Flanellhemd hatte er in den weiten Hosenbund gesteckt und seine Füße steckten in warmen, selbst gestrickten Wollsocken, die sicherlich noch von Maria stammten. Dankbar lächelte er Willy an. „Ich gelobe, gut auf die Sachen zu achten. Vielen Dank für Deine Leihgabe!“

Willy winkte ab. „Geschenkt! Du brauchst doch was zum Wechseln. Gib mal Deine dreckigen Sachen her. Ich stopfe sie in die Waschmaschine und dann kannst Du sie morgen wieder abholen, einverstanden?“

Jan nickte und gab Willy sein Bündel. Dann verschwand Willy im Bad und ließ Jan allein. Er wanderte durch die Küche und schaute aus dem Fenster. Vor dem Fenster erblickte er einen verwilderten Bauerngarten, in dem allerlei Gemüse und Stauden mit bunten Farben um die Aufmerksamkeit des Betrachters wetteiferten. Jan kannte sich nicht aus mit den einzelnen Pflanzen. Zweifelsfrei identifizieren konnte er nur den Lavendel, der duftend seine lila Pracht zeigte. Seine Mutter liebte Lavendel. Jan konnte sich noch genau an die kleinen Säckchen erinnern, die sie zwischen die sauber gewaschene Wäsche gelegt hatte. Fast war es, als könnte er ihre Stimme hören, während sie ihm erklärte, dass Lavendel die Wäsche duften ließ und die Insekten fern hielt.

Gurken und Tomatenpflanzen hingen voller Früchte und in einer Ecke trug ein Brombeerstrauch unzählige dicke Beeren.

Auf dem Kamin stand ein gold gerahmtes Foto. Es zeigte einen deutlich jüngeren und schlankeren Willy im dunklen Anzug an der Seite einer wunderschönen strahlenden Frau im weißen Brautkleid. Jan betrachtete das vergilbte Foto und lächelte. Wie verliebt die beiden sich ansahen. Jan glaubte gerne, dass die Ehe von Willy und Maria glücklich gewesen war. Er strahlte seine Braut so glücklich an, dass selbst die Sonne hinter ihm blass erschien.

Ob Cecilia und er auch mal so glücklich auf einem Foto strahlen würden? Er bezweifelte es. Cecilia war nicht der Typ Frau, der so gelöst in die Kamera lächelte. Sie hatte immer alles im Blick und fasste Abweichungen in ihre sorgfältigen Planungen als persönliches Attentat des Schicksals auf. Sie verlor nie die Kontrolle und ihre Bilder erinnerten eher an präzise Inszenierungen ihres Körpers als an einen Schnappschuss.

Marias Lächeln strahlte hingegen eine solche Wärme und Herzlichkeit aus, dass er es bedauerte, sie nicht mehr kennengelernt zu haben. Sie war bestimmt eine großartige Frau gewesen.

Sein Blick fiel auf die kunstvoll gestalteten Fliesen, die den Kaminsims zierten. Zuerst hatte er gedacht, dass es einfache, handelsübliche Fliesen seien. Doch dann stellte er beim Darüberstreichen fest, dass jede einzelne liebevoll von Hand bemalt worden war. Da rankten sich Blumen und Blätter auf der einen, andere zeugten vom Leben übers Jahr auf einem Bauernhof und zeigten Szenen, wie ein Feld voller Getreidegarben oder Handwerkszeug. Jan staunte über die vielen Details, die er auf jeder Fliese fand und bewunderte die filigrane Kunst, bis Willy wieder in die Küche zurückkehrte.

Willy lächelte stolz, als er Jans bewundernde Blicke sah. „Das war meine Mutter. Sie fand den Kamin so kahl und trostlos. Und sie hatte ein unglaubliches Talent beim Malen“, betonte er voller Erinnerungen. „Es hat sie ein paar Jahre gekostet, alle Fliesen zu bemalen. Aber sie hat es geschafft. Auf einer bin ich sogar zu sehen“, sagte er und deutete auf eine Fliese, die ein Fuhrwerk mit Heu zeigte. Ganz oben auf dem Wagen sah man die Silhouette eines kleinen Jungen mit wild verstrubbeltem Haar sitzen.

Jan grinste. Die Vorstellung des kleinen Willy auf dem Heustapel amüsierte ihn.

„Die Ähnlichkeit ist unverkennbar“, feixte er. „Aber Du hast Dich auch kaum verändert.“

Willy lachte laut auf. „Das will ich meinen! Na, komm, wir suchen mal das Teil, dass Deinem Wägelchen neues Leben einhauchen soll.“

Er öffnete die Tür und verschwand erneut im Flur, ging durch die erste Tür im Flur und Jan pfiff überrascht durch die Zähne. Hier herrschte ganz klar eine andere Stilrichtung. Jan staunte.

„Sieht man schon, dass Maria hier nicht mehr ausgesucht hat“, meinte Willy verlegen und kratzte sich am Kopf, „Aber ich brauchte neue Schränke und dann passten die alten Sessel nicht mehr dazu und dann kam eins zum anderen.“

Willys Wohnzimmer war ein krasser Gegensatz zur heimeligen Wohnküche im Landhausstil. Hier dominierten Glas und Chrom die schnörkellosen, schlichten und klaren Formen der Couch und der Anbauwand. Ein grauer Teppich mit geometrischen Mustern in leuchtendem Rot war nahezu der einzige Farbklecks im Raum. Eine Vitrine in der Ecke beherbergte einige Modellwagen älteren Baujahrs. Ein moderner Druck hing über der Couch. Ihr gegenüber stand ein moderner Großbildfernseher, deren Klang von zwei Lautsprechern neben der Couch Kinoatmosphäre versprach.

„Das hätte ich Dir gar nicht zugetraut!“, staunte Jan. „Würde ich es nicht besser wissen, hätte ich auf einen Typen Mitte dreißig getippt, der hier abends mit seinen Kumpels tiefsinnige Gespräche über Börsenkurse und Investments führt. Aber nicht zwingend einen einzelnen Herrn in Deinem Alter mitten im Nirgendwo. Aber es sieht wirklich großartig aus“, meinte er anerkennend.

„Danke“, brummelte Willy errötend. „Ich habe nicht so oft Besuch gehabt, seit Marias Tod. Deine Worte tun mir wirklich gut. Bist ja doch ein bisschen näher am Puls der Zeit, als ich alter Schweinebauer.“ Er lächelte unsicher.

Dann drehte er sich um und öffnete ein Sideboard neben der Couch. Mit einem modernen Laptop in der Hand setzte er sich auf die Couch und klopfte auffordernd auf den Platz neben sich. Jan beeilte sich, sich hinzusetzen und amüsierte sich dann einige Minuten über Willys Ein-Finger-Such-Methode beim Tippen, bis er sich lächelnd den Laptop schnappte und seinerseits die Tastatur bearbeitete. Im doppelten Tempo, wie Willy neidlos anerkannte und sich zurücklehnte.

Jan hatte schnell das nötige Ersatzteil gefunden, das Willys Meinung nach zur Reparatur des Cabrios nötig war. Doch die Lieferzeit ernüchterte ihn. Er würde mindestens zehn weitere Tage hier festsitzen! So sehr er auch suchte und immer wütender auf die Tasten einhieb, so wenig änderte sich etwas daran. Frustriert zeigte er auf den Bildschirm. „Zehn Tage Lieferzeit! Zehn! Dabei sind wir keinesfalls in Timbuktu. Oder auf irgendeiner exotischen Insel!“

Willy zuckte mit den Schultern. „Ist halt so. Wenn Du Dich darüber aufregst, wird sich die Zeit auch nicht verkürzen. Bestell es einfach. Wir werden schon eine Alternative für die Couch bei Jenny finden.“

Ein Stöhnen entwand sich Jans Kehle und er sprang von der Couch auf. Die Couch! Daran hatte er noch gar nicht gedacht! Zehn Nächte auf diesem brettharten Sitzmöbel und er bräuchte eine zehnwöchige Reha-Kur und einen fähigen Chiropraktiker im Anschluss an seinen Kurztrip. Kurztrip? Langsam artete der mehr zum Urlaub aus. Vielleicht sollte er Jeremy anrufen und ihm mitteilen, was passiert war. Vielleicht könnte er ihn ja abholen. Und sich dann selbst um die Reparatur seines Wagens kümmern.

„Willy, hast Du ein Telefon?“, fragte Jan ihn und kam sich im selben Moment unendlich albern vor, als Willy ein modernes Smartphone aus der Hosentasche angelte.

„Alt ja, aber nicht hinter dem Mond lebend!“ grinste er und warf es ihm zu.

„Sorry“, wand sich Jan verlegen.

Er überlegte kurz, tippte dann Jeremys Nummer ein und wählte. Das Freizeichen ertönte nur dreimal, dann sprang die Mailbox an. „Hier ist der automatische Sekretär von Jeremy Südhoff. Bitte sprechen Sie nach dem Piepsen. Ich melde mich so schnell es geht zurück!“ Das unverkennbare Piepsen ertönte und Jan sprach ihm schnell die wichtigsten Details aufs Band und bat um einen Rückruf. Er reichte Willy das Smartphone und sagte „Jeremy ist mein“, er zögerte, „Freund, Arbeitskollege und der Besitzer des Autos. Und derjenige, der mich erst zu diesem Trip überredet hat. Ohne Handy und mit einem schrottreifen Auto!“ brummelte er verstimmt.

„Warum eigentlich? Was verschlägt einen Stadtmenschen wie Dich in unser verschlafenes kleines Nest?“ hakte Willy nach.

Jan schaute ihn an. Lange Zeit schwieg er. Dann sagte er leise „Ich glaube, darüber möchte ich jetzt gerade noch nicht reden.“

Er sah aus dem Fenster des Bauernhauses. Plötzlich tauchte Erinnerungsfetzen vor seinem inneren Auge auf. Cecilia, die ihn vollkommen fassungslos ansieht. Jeremy, der ihm wortlos den Schlüssel auf den Tisch legt und die Hand nach dem Handy ausstreckt. Die Einladung zur Hochzeit. Mühsam schüttelte er die Gedanken ab und kehrte zu Willy zurück.

Überraschung aus dem Wald

Jan kehrte bald darauf zu Jenny zurück, nur um dort feststellen zu müssen, dass er nicht gebraucht wurde. Unschlüssig schlenderte er zwischen den wenigen Häusern durch das Dorf und versuchte sich krampfhaft eine Lösung für das Schlafproblem einfallen zu lassen. Kurz dachte er daran, auf dem Rücksitz des Cabrios zu nächtigen. Aber zehn Nächte lang würde er das kaum durchhalten.

Hinter dem Dorf begann ein staubiger Sandweg, der sich in der Ferne in einem Wald verlor. Am Waldrand bewegte sich etwas, aber Jan war zu weit entfernt, um sagen zu können, um was für ein Tier es sich wohl handelte. Er zuckte mit den Schultern, machte kehrt und ging zurück zu Jenny.

Als er die Stufen zur Veranda hochstieg, hörte er Jenny drinnen sprechen. „Ja, er dürfte so in Deinem Alter sein … nein, das glaube ich nicht. Sonst würde ich Dich nicht fragen … na, Du kennst doch meine Couch. Mal eine Nacht, aber doch nicht mehr! Der arme Kerl muss jeden Knochen im Körper spüren … ich denke schon, dass er das schafft. Sieht sportlich aus. Notfalls muss er Dir hinterherlaufen. Frühstück kann er aber. War lecker … Danke, Kalli. Du bist mal wieder ein Engel … nein, gerade nicht. Aber er wird sich schon wieder einfinden. Weg kann er ja nicht. Mach Dich ruhig auf den Weg. Bis nachher! Jenny Ende!“

Jan blieb unschlüssig auf der Veranda stehen. Was sollte er nun tun? Ganz offensichtlich hatte Jenny mit diesem Kalli über ihn gesprochen. Scheinbar war ihr doch noch eine alternative Schlafmöglichkeit für ihren Überraschungsgast eingefallen. Aber aus einigen Wortfetzen war er nicht schlau geworden.

Warum war es wichtig, dass er sportlich aussah? Er grinste verschmitzt. Na, nicht nur aussah. Er war sportlich und derzeit „in gutem shape“, wie Cecilia das ganz „trendy“ bemerkt hatte. Er trieb gerne Sport. Joggen, Radfahren, schwimmen ging immer und nahezu überall. Er war schon zum Klettern und Wandern in die Berge gefahren, hatte einen Tauchschein und konnte segeln und surfen.

Bis vor ein paar Monaten war er sogar regelmäßig geritten. Cecilia fand, das sei eine passende Sportart für sie beide. Frische Luft, die eleganten Tiere und sie immer modisch auf dem neuesten Stand, Ton in Ton mit der Ausrüstung des Pferdes. Doch wenn Cecilia eines nicht hatte, war es Durchhaltevermögen außerhalb ihres Jobs. Schon nach kürzester Zeit war ihr der Geruch der Tiere zu aufdringlich, der Erfolg beim Reiten lernen zu gering und überhaupt waren diese Biester wirklich groß. Wenn sie da nun herunterfiel? Nicht auszudenken, was da alles passieren könnte.

Jan hingegen hatte schnell Gefallen an den sanften Geschöpfen gefunden und seine Athletik hatte dazu beigetragen, dass er sich rasch sicher im Sattel fühlte. Nur Cecilia zuliebe hatte er seine Reiterträume schließlich an den Nagel gehängt, weil sie vehement behauptete, sie reagiere seit Neuestem allergisch auf die Pferdehaare. Jan bedauerte es sehr. Vielleicht sollte er einfach mal wieder hingehen.

Das Quietschen der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Jenny kam mit einem großen Wäschekorb aus dem Haus und rannte mit voller Wucht gegen ihn. Jan verlor das Gleichgewicht und stürzte mit einem lauten Fluch rücklings von der Veranda Treppe.

„Ach Du Schreck! Ist Dir was passiert?“ Eilig stellte Jenny den Korb auf der Veranda ab und eilte kreidebleich die Stufen hinunter. „Ich war so in Gedanken und wollte nur schnell die Wäsche abhängen. Ich hab Dich glatt übersehen!“ stammelte sie und kniete sich zu ihm nieder.

„Alles gut, Jenny! Ich bin heil geblieben“, lachte Jan und stand auf. Er klopfte sich den Staub von der Latzhose und fasste die aufgelöste Jenny an die Schultern. „So schnell gehe ich nicht kaputt“, grinste er.

„Ist wirklich alles okay?“, fragte Jenny besorgt. Jan nickte beruhigend. „Nur wieder dreckig“, seufzte er.

Jenny lächelte. „Ich habe tolle Neuigkeiten. Wenn Du möchtest, darfst Du die nächsten Nächte in einem bequemen Bett, statt auf einer harten Couch verbringen.“

„Das sind fantastische Neuigkeiten!“, sagte Jan begeistert.

„Also, nichts gegen Deine Gastfreundschaft, aber“

„…die Couch ist furchtbar!“, beendete Jenny seinen Satz.

„Und damit hast Du absolut recht. Es gibt allerdings einen kleinen Haken an Deiner Unterkunft“, fuhr sie fort.

„Ich bin gespannt.“, ermunterte sie Jan.

„Deine zukünftige Schlafstatt befindet sich mitten im Wald in einer kleinen Hütte. Kalli hat sich bereit erklärt, Dich bei sich aufzunehmen. Mit Kalli wirst Du Dich verstehen, keine Sorge. Ganz umgänglicher Mensch. Ungefähr in Deinem Alter. Aber eben eher Typ Einsiedler als Partygänger. Kalli hat sich schon auf den Weg gemacht. Ihr werdet eine Weile unterwegs sein und es wird ja nun doch früher dunkel.“

Die Wirtin sah zum Himmel hinauf. Es waren dichte Wolken aufgezogen, während er bei Willy gewesen war. Bleigraue Wolkenberge schoben sich langsam voran, als würden sie nur auf ein Kommando zum Abregnen warten. Auch der Wind hatte aufgefrischt. Bei der schwülen Wärme hielt Jan auch ein spätsommerliches Gewitter für möglich.

„Kalli gehört nicht zu den geduldigsten Menschen. Besser, Du packst alles Nötige zusammen, bis es losgeht.“

„Alles klar, Chefin!“ salutierte Jan zackig und ging dann lächelnd ins Haus, um seinen Koffer zu packen.

Er hatte seine sauberen Shirts aus dem Cabrio geholt und packte nun alles zurück in den Koffer. Unschlüssig sah er an sich herab. Sollte er nun die Sachen wieder zu Willy bringen? Aber Willy hatte gesagt, er solle die Sachen behalten, bis seine gewaschen waren. Und irgendwie gefiel ihm sein neuer Stil. Er war bequem und zweckmäßig. Und er fühlte sich sauwohl darin. Bei dem Gedanken an das Wortspiel musste er grinsen. Gerade als er fertig mit packen war und den Reißverschluss des Koffers zuzog, betrat Jenny mit dem vollen Wäschekorb die Gaststube.

Als sie seinen Koffer sah, runzelte sie die Stirn. „Das wird nichts“, meinte sie und deutete auf den Koffer, während sie durch die Gaststube Richtung Treppe ging. „Nimm den Rucksack. Mehr kannst Du nicht mitnehmen.“

Jan sah sie überrascht an und blickte dann auf den kleinen Koffer. „Okay“, sagte er dann gedehnt und öffnete die Kofferklappe wieder. Die Hütte schien wirklich SEHR klein zu sein, wenn nicht mal Platz für einen Koffer dieser Größe vorhanden sein sollte. Aber er vertraute Jennys Worten und wenn sie sagte, dass das zu viel sei, würde er eben wieder den Rucksack nutzen. Er packte erneut seine Wäsche in den Rucksack, holte noch die vergessene Zahnbürste aus dem Waschraum und stopfte sie zu den Shirts und zog die Kordel zu. Den Rest der Sachen verstaute er im Koffer, schloss ihn und sah sich suchend um. Schließlich schob er den Koffer unter die Couch und trat mit dem Rucksack auf die Veranda.

„Besser?“, fragte Jan Jenny, als sie wieder aus dem Haus kam. Sie nickte. Ihr Blick schweifte Richtung Waldrand.

Kam Kalli von dort? Jan folgte ihrem Blick. Doch sehen konnte er bislang nichts. Wie weit entfernt mochte dieser Kalli wohnen? Wann würde er eintreffen? Schien ja ein eher kauziger Typ zu sein, wenn er ganz allein in einer Hütte im Wald hauste. Ein Einsiedler? Wie hießen die noch? Ach ja, Eremiten. Er würde also vermutlich die herzliche Gastfreundschaft gegen ein bequemeres Bett eintauschen. Aber er würde es schon aushalten. Jan war gespannt auf Kalli. Jenny hatte gesagt, dass Kalli und er ungefähr gleich alt waren. Was musste passiert sein, damit ein Mann in seinem Alter freiwillig in den Wald zog? Vielleicht war er ein Waldliebhaber oder Förster oder Jäger?

Gerade, als er Jenny danach fragen wollte, hielt sie die Hand an die Stirn und sagte „Da kommen sie!“