Verdammt wütend - Linn Strømsborg - E-Book
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Verdammt wütend E-Book

Linn Strømsborg

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Beschreibung

Britt ist dreiundvierzig Jahre alt, verheiratet und hat eine kleine Tochter. Ihr ganzes Leben lang hat sie das Richtige getan, sie hat Verantwortung übernommen, hinter sich und anderen aufgeräumt. Aber an diesem einen Tag, im Urlaub im Sommerhaus in Norwegen rastet sie aus, staucht ihre gesamte Familie und ihre Freunde zusammen. Und das Einzige, was sie bedauert, ist, dass sie das nicht schon vor langer, langer Zeit getan hat. Gemeinsam mit ihrer Bekannten Niko fährt sie los: einfach nur weg, eine Nacht an den Strand, die Freiheit spüren, die sie sich nie zugestanden hat. Doch irgendwann ist die Nacht vorbei, und Britt muss sich fragen, wer sie sein will: als Frau, als Partnerin, als Mutter. Ein Roman über Wut und Trotz, über den Wunsch nach einem anderen Leben – und einer anderen Welt. Aber auch ein Roman darüber, wie man sich selbst überraschen kann, darüber, wie man auseinanderfällt und sich wieder aufrappelt.

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EPUB
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Seitenzahl: 198

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Britt ist dreiundvierzig Jahre alt, verheiratet und hat eine kleine Tochter. Ihr ganzes Leben lang hat sie das Richtige getan, sich an sämtliche Regeln gehalten und es immer allen recht gemacht. Sie hat Verantwortung übernommen, hinter sich und anderen aufgeräumt. Aber an diesem einen Tag, im Urlaub im Sommerhaus in Norwegen, rastet sie aus, staucht ihre gesamte Familie und ihre Freunde zusammen. Und das Einzige, was sie bedauert, ist, dass sie das nicht schon vor langer, langer Zeit getan hat. Gemeinsam mit Nico, einer Bekannten, die so viel unabhängiger ist als sie selbst, fährt sie los: einfach nur weg, eine Nacht an den Strand, die Freiheit spüren, die sie sich nie zugestanden hat. Doch irgendwann ist die Nacht vorbei, und Britt muss sich fragen, wer sie sein will: als Frau, als Partnerin, als Mutter.

Ein Roman über Wut und Trotz, über den Wunsch nach einem anderen Leben – und einer anderen Welt. Aber auch ein Roman darüber, wie man sich selbst überraschen kann, darüber, wie man auseinanderfällt und sich wieder aufrappelt, und über alles, was passieren kann, wenn man sich traut, auf sich selbst zu hören.

»Ein lustiger, schmerzhafter, schlauer und wichtiger Roman darüber, was es bedeutet, eine Frau zu sein. Witzig. Wiedererkennbar. Am Puls der Zeit. Ja, Linn Strømsborg hat abgeliefert.«

ADRESSEAVISEN

 

 

© Heidi Furre

Linn Strømsborg, geboren 1986, debütierte 2009 mit dem Roman ›Roskilde‹. Seitdem hat die Autorin vier weitere Romane geschrieben. Bei DuMont erschien 2021 ›Nie, nie, nie‹.

 

 

Karoline Hippe übersetzt aus dem Norwegischen, Dänischen, Schwedischen und Englischen, zuletzt Heidi Furre, Heidi Sævareid, Lotta Elstad und Ida Lødemel Tvedt.

Linn Strømsborg

VERDAMMT WÜTEND

Roman

Aus dem Norwegischenvon Karoline Hippe

Von Linn Strømsborg ist bei DuMont außerdem erschienen:

Nie, nie, nie

Die Übersetzung wurde gefördert durch NORLA.

 

Die norwegische Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel

›Faen, faen, faen‹ bei Flamme Forlag, Oslo.

© Flamme forlag 2023

E-Book 2024

© 2024 für die deutsche Ausgabe: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG, Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln, [email protected]

Alle Rechte vorbehalten Die Nutzung dieses Werks für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

Übersetzung: Karoline Hippe

Umschlaggestaltung: Marion Blomeyer, Lowlypaper München

Satz: Fagott, Ffm

E-Book Konvertierung: CPI books GmbH, Leck

ISBN E-Book 978-3-7558-1060-5

www.dumont-buchverlag.de

VERDAMMT WÜTEND

Ich stehe im Garten, das Sommerhaus im Rücken. Ich hab gerade alle angeschrien. Meinen Mann Espen. Meine Tochter Elise. Trond und Anita, ein befreundetes Paar, und deren Kinder, Runa und Gard. Und die Eigentümerin des Sommerhauses, Nico, eine Freundin von Espen, Trond und Anita. Ich habe geschrien, geschimpft, bin total ausgerastet an diesem frühen Vormittag im Juli. Es ist schwül, über mir donnert es, dann entlädt sich ein schwerer, schaler Regen aus dem Himmel, der sich wie ein Film auf meine Haut legt, und ich gehe los, hinunter zum Strand, ohne mich noch einmal umzusehen. Ich trage dieselben Klamotten, in denen ich auch geschlafen habe, in denen ich vor gerade mal einer halben Stunde aufgestanden bin. Ein übergroßes T-Shirt, das an meinem Körper klebt. Jeansshorts. Eine Strickjacke, die ich mir übergeworfen habe, bevor ich mit dem Verlangen nach einer Tasse Kaffee das Schlafzimmer verließ. Ich bin barfuß. Habs nicht geschafft, mir einen Kaffee zu nehmen.

Ich renne durch das Gartentor, den Pfad hinab zum Strand, lasse das Tor hinter mir zuknallen, drehe mich nicht um, will gar nicht wissen, ob mir jemand folgt.

Ich gehe schnell und entschlossen, laufe einfach weiter, über den nassen Sand, hinein ins warme Meer, bis mir das Wasser bis zur Taille reicht, dann lasse ich mich rücklings sinken, strecke die Arme zu den Seiten aus.

So treibe ich im Wasser, mit geschlossenen Augen, während die schwüle Hitze auf mich und das Meer hinabregnet, mein Körper dümpelt im Wasser, der Regen spült über mich hinweg, bildet kleine Bächlein am Strand, versucht, den ganzen Sommer mitzureißen, weg von diesem Ort voller Sommergäste, die hier durch die Gegend latschen, am helllichten Tage Wein trinken, Eis essen und ihren Abfall in die viel zu vollen Mülleimer stopfen, sodass Papierfetzen vom Wind davongeweht werden.

Während ich hier so im Wasser liege und mich treiben lasse, denke ich nur eins: Ich bereue nichts.

Ich habe sie alle angeschrien, niemand ist verschont geblieben.

Das hätte ich schon vor zehn Jahren tun sollen.

ANFANG

Am Anfang sind wir Kinder. Wir sind Zellen, wir wachsen, wir werden zu Föten, wir werden geboren, wir werden größer, wir werden älter. Wir passen auf, übernehmen Verantwortung, sind brav und sitzen still und kloppen uns nicht. Wir sind Kinder mit Schleifen im Haar, in Kleidern, wir verkleiden uns zu Karneval als Prinzessinnen und Prinzen und spielen mit Mamas Schminke und Papas Schuhen. Wir sind Kinder, und wir lernen; wir lernen, Menschen zu sein, wir lernen, allein zu sein und mit anderen zusammen zu sein. Ich habe gelernt, ein Mädchen zu sein. Mädchen zu sein bedeutet, vorsichtig zu sein. Weinen, aber nicht schreien, schön sein, dünn sein, mit heller Stimme singen und lieb sein. Mädchen zu sein bedeutet, älter zu werden, in die Schule zu kommen, mit Schönschrift zu schreiben, in allen Klassenarbeiten alles richtig zu machen, ein tüchtiges Fräulein zu sein, auch wenn niemand mehr das Wort Fräulein benutzt. Mädchen zu sein bedeutet, zu menstruieren und bei der Schulkrankenschwester zu sitzen und alles über Binden und Tampons zu erfahren, über Eileiter und Gebärmütter, zu lernen, woher wir kommen und was aus uns werden soll. Mädchen zu sein bedeutet, als Hure bezeichnet zu werden, Mädchen zu sein bedeutet großer Arsch und große Titten und eine so schmale Taille, dass man mit zwei Händen rumfassen kann, die Schenkel sollten nicht aneinanderreiben, du solltest einen gesunden Appetit haben, aber bloß nicht zunehmen. Mädchen zu sein bedeutet, viel Schminke zu benutzen, aber trotzdem natürlich auszusehen, Mädchen sollen sich so schminken, dass sie ungeschminkt aussehen, als wären sie so aufgewacht. Mädchen zu sein bedeutet, dass dir hinterhergepfiffen wird und nicht hinterhergepfiffen wird, es bedeutet, all die anderen hübschen Mädchen zu beneiden, die alles können, was du nicht kannst. Mädchen zu sein bedeutet, eifersüchtig zu sein.

Und so wurde ich zur Frau. Mädchen zu sein bedeutet, Frau zu werden, und Frau zu werden bedeutet, jemandes Freundin zu werden, jemandes Lebenspartnerin, Schwiegertochter, sich für Interieur und Trends zu interessieren, aber keine Ahnung von Technik haben, die Pille zu nehmen oder sich die Drei-Monats-Spritze verpassen zu lassen oder eine Spirale, und später dann Eisprungtests zu machen und zum richtigen Zeitpunkt bei perfekter Körpertemperatur Sex zu haben, schwanger zu sein, Leben entstehen zu lassen. Frau zu sein bedeutet, Mutter zu werden, noch mehr Verantwortung zu übernehmen, zu backen und zu stillen und zu wiegen und zu trösten, groß und warm und weich zu sein – aber auch so schnell wie möglich wieder dünn zu werden. Frau zu sein bedeutet, schnell in den Job zurückzukehren, und das sollte ein guter Job sein, ein Job, der dir viel abverlangt, aber für den du Familie und Freunde nicht vernachlässigst, Frau zu sein bedeutet, Freundin zu sein, einen Freundeskreis zu haben, zu tratschen und zu lästern, Geheimnisse auszutauschen, Wein zu trinken statt Bier, manchmal auch Härteres, aber nicht zu viel. Frau zu sein bedeutet, verachtet zu werden, wenn du betrunken bist. Frau zu sein bedeutet, mit älteren Männern zu schlafen, mit jüngeren Männern zu schlafen, Frau zu sein bedeutet, mit anderen Frauen zu schlafen. Frau zu sein bedeutet, auf hohen Absätzen über Kopfsteinpflaster zu wanken, Frau zu sein bedeutet Parfüm, Glätteisen und Lockenstab, Frau zu sein bedeutet, mit geschlossenen Augen zu tanzen, allein zu tanzen, während die Person, die du einst geliebt hast, mit jemand anderem tanzt, Frau zu sein bedeutet, so lange wie möglich jung zu bleiben und dann zu verschwinden. Frau zu sein bedeutet, unsichtbar zu werden, krank zu sein, gesundheitliche Probleme zu haben, die niemand kennt. Frau zu sein bedeutet, zu bluten, Schmerzen zu haben, bettlägerig zu sein, krankgeschrieben zu sein, psychisch krank zu sein, gesagt zu bekommen, du sollst dich ein bisschen entspannen, du sollst abnehmen. Frau zu sein bedeutet, nichts über Autos zu wissen, außer wie du mit einem kurzen Rock aus ihnen aussteigst, ohne dass jemand deinen Schlüpfer sieht. Frau zu sein bedeutet, als Hure bezeichnet zu werden, wenn du mit zu vielen Leuten schläfst, Frau zu sein bedeutet, sexy genug zu sein, dass alle mit dir schlafen wollen, Frau zu sein bedeutet, getötet zu werden, wenn du nicht still hältst und die Klappe hältst, Frau zu sein bedeutet, die Klappe zu halten, wenn du eigentlich schreien möchtest, Frau zu sein bedeutet, dass dir nicht geglaubt wird, Frau zu sein bedeutet, Schuld zu haben, Frau zu sein bedeutet, mit den Schlüsseln zwischen den Fingern nach Hause zu gehen, keinen zu kurzen Rock zu tragen, nicht zu lange Haare zu haben, Frau zu sein bedeutet, nicht unverantwortlich oder dumm zu sein, Frau zu sein bedeutet, ein bisschen dumm und unverantwortlich zu sein oder zumindest so zu wirken, Frau zu sein bedeutet, nicht zu wissen, wovon du redest, Frau zu sein bedeutet, »Mädchen« genannt zu werden, gegen eine Wand gedrückt zu werden, an den Haaren gezogen zu werden, Frau zu sein bedeutet, die perfekte Mischung aus sexy und süß zu sein, Frau zu sein bedeutet, hysterisch zu sein, Frau zu sein bedeutet, sich zusammenzureißen, Frau zu sein bedeutet, zu bluten, bis du nicht mehr blutest, und dann auszutrocknen und zu verschwinden. Frau zu sein bedeutet, heiß und feucht zu sein und auf dem kalten, nassen Fleck zu schlafen, Frau zu sein bedeutet, überall kahl zu sein außer auf dem Kopf, Frau zu sein bedeutet, Feministin zu sein, aber nur so, dass es für Männer noch in Ordnung ist, Frau zu sein bedeutet, in einer Welt voller Männer zu leben, die Frauen hassen, Frau zu sein bedeutet, in der Öffentlichkeit zu schweigen und im Bett zu stöhnen, Frau zu sein bedeutet, den Apfel zu essen, der Schlange zu glauben, Frau zu sein bedeutet, Liebeskummer zu haben, für eine jüngere Frau, die mit älteren Männern schläft, verlassen zu werden, Frau zu sein bedeutet, wegen dümmerer, jüngerer Frauen, die absolut nichts kapiert haben, die Augen zu verdrehen, Frau zu sein bedeutet, die eigenen Töchter anzurufen und sie zu bitten, sich warm anzuziehen, weil es draußen kalt ist, sie zu bitten, vorsichtig zu sein, sie zu bitten, sich nicht zu betrinken, sie zu bitten, auf sich aufzupassen, Frau zu sein bedeutet, Anti-Aging-Produkte mit Vitamin B3 für Glanz und straffe Haut zu benutzen, Frau zu sein bedeutet, Muffins zu backen, die du selbst nicht essen darfst, Frau zu sein bedeutet Stairmaster und Thighmaster für einen straffen Hintern, Frau zu sein bedeutet, jemanden zu lieben, der dich nicht zurückliebt, Frau zu sein bedeutet, um 03:14 eine Nachricht zu bekommen: Noch wach? Frau zu sein bedeutet, mit den Kindern zu Hause zu bleiben, die Care-Arbeit zu übernehmen, Mindestrente zu bekommen, wegen des Gender-Pay-Gap die letzten vierzig Tage des Jahres umsonst zu arbeiten, Frau zu sein bedeutet, wütend zu sein, Frau zu sein bedeutet, eine Furie zu sein, Frau zu sein bedeutet, zur Therapie zu gehen, weil man nicht gelernt hat, sich zu spüren, Frau zu sein bedeutet, mansplaining über sich ergehen zu lassen, Frau zu sein bedeutet, immer und immer wieder Fehler zu machen. Frau zu sein bedeutet, neues Leben in die Welt zu setzen und es nicht zu schaffen, das eigene Leben zu leben. Frau zu sein bedeutet, der ganzen Familie zu sagen, haltet die Klappe, ich kann mich selbst nicht denken hören. Frau zu sein bedeutet, in der Nähe eines Sommerhauses im Meer zu treiben, nachdem du alle, die du liebst, angeschrien hast, sie sollen die Klappe halten und sich zusammenreißen. Frau zu sein bedeutet, reiß dich zusammen.

Ich liege im Meer mit all meinen Klamotten. Es regnet, aber das Wasser ist warm. Ich lasse mich treiben, den Kopf im Nacken, mein Körper wippt auf den kleinen Wellen, sie schaukeln ihn sanft auf und ab, hin und her. Der Strand ist leer, ich bin die Einzige hier. Der Himmel über mir ist grau, dunkel, das Wasser ist auch grau, der Himmel spiegelt sich im Meer. Unter mir sind Sand und Muscheln und Algen, über mir das ganze Universum. Hier liege ich und lasse mich treiben, meine Klamotten werden schwer, aber ich bleibe über Wasser. Hier ist es flach, ich habe keine Angst. Ich weiß nicht, wie lange ich hier vor mich hindümpeln werde, und ich weiß schon gar nicht, was ich danach tun soll.

Wie bin ich hier nur gestrandet?

Gute Frage.

Ich war vielleicht noch nie eine Person, die alles im Griff hat, aber ich habe immer mein Bestes gegeben. Ich bin morgens aufgestanden, hab für meine Familie gekocht, meine Rechnungen bezahlt, die Wohnung gesaugt, bin zu einer vernünftigen Zeit ins Bett gegangen, hab mich bei Elternversammlungen blicken und mir Lebensmittelkisten liefern lassen, darauf geachtet, dass wir alle genug Gemüse essen, Jahr für Jahr einen selbst gemachten Adventskalender für meine Tochter befüllt und mich bemüht, in regelmäßigen Abständen mit meinem Mann Sex zu haben. Ich habe ein normales, wenig ereignisreiches Leben gelebt, und mir geht es besser als den meisten Menschen auf dieser frei durch den Weltraum schwebenden Kugel. Ich habe Geld auf der Bank, falls die Waschmaschine mal den Geist aufgeben sollte, ich habe einen Job, mit dem ich leben kann, und ich werde aller Wahrscheinlichkeit nach mit Mitte sechzig in Rente gehen. Bis dahin sind es noch zwanzig Jahre. Dann, so der Plan, will ich nur noch Bücher lesen und Wein trinken. Und meine Ruhe haben.

Als ich jünger war, habe ich mich sehr für das Universum interessiert. Seine Unendlichkeit war mir ein Trost. Ich stellte mir eine unendliche Anzahl von Versionen meiner selbst vor, auf fernen Planeten, in fernen Galaxien. In diesen Galaxien klopften die Mütter und fragten, ob sie Kakao bringen sollten. Britt hatte plötzlich Freunde, die sie mochten. Britt bekam gute Noten. Oder Britt bekam schlechte Noten, ohne dass es ihr etwas ausmachte. Britt war nicht mehr traurig.

Einmal, als ich zehn war, ging Mama nach Schlafenszeit mit mir nach draußen und zeigte mir einen Kometen am Nachthimmel. Er umkreiste die Erde schon seit Hunderten von Jahren, erzählte sie mir, und als er das letzte Mal hier zu sehen war, war sie selbst noch ein kleines Mädchen gewesen. Ich weiß noch, dass wir uns richtig warm angezogen haben, es war kalt und dunkel, noch nicht ganz Winter, aber wir hatten Frost. Richtig warm zogen wir uns an, Jacken und Mützen und Fäustlinge, und ich fand es aufregend, nachts rauszugehen, obwohl ich eigentlich längst im Bett hätte liegen sollen. Sie fragte mich, ob ich müde sei, und ich schüttelte den Kopf. Papa blieb drinnen, Mama und ich schlossen die Tür auf, gingen auf das Feld hinter unserem Block und schauten hinauf in den Himmel. Außer uns war niemand draußen unterwegs, nur wir zwei, auf dem riesigen Feld, umgeben von Hunderten von leuchtenden Fenstern und einem großen leuchtenden Ball hoch über uns, der weder ein Stern war noch der Mond oder die Sonne. Ein brennender Stein, der unseren Planeten umkreiste.

»Der sieht klein aus«, sagte ich und hielt meinen Finger davor, wie um ihn zu messen.

»Ja, das stimmt. Aber in Wirklichkeit ist er ziemlich groß. Sonst könnten wir ihn von hier aus gar nicht sehen, so weit weg, wie er ist.«

»Weiter weg als die Sonne?«

»Ich glaube, die Sonne ist noch weiter weg und noch viel größer«, sagte Mama.

»Die Sonne sieht auch nicht so groß aus«, sagte ich.

»Es gibt viele Dinge, die nicht besonders groß aussehen, aber eigentlich gigantisch sind.«

»Gigantisch«, wiederholte ich und schaute weiter zu der leuchtenden Kugel hinauf, die eine Art Schweif hinter sich herzog. Die wahre Größe des Kometen lag jenseits meiner Vorstellungskraft. Alles, was ich sehen konnte, war diese kleine Kugel, nicht größer als mein Daumennagel.

Wir blieben lange so stehen, Mama und ich. Ich lehnte mich an sie, und erst als ich gähnte, fragte sie, ob wir wieder reingehen wollen.

»Noch ein bisschen«, sagte ich, und so blieben wir noch ein bisschen.

Irgendwann ging ich schlafen, und es sollte dreiunddreißig Jahre und acht Monate dauern, bis der Komet wieder am Himmel auftauchte, und zwei Jahre und drei Monate, bis Mama zum allerletzten Mal aus der Tür ging und nie wieder zurückkam.

Ich war ein normales Kind. Als Elise klein war, erkannte ich mich in den Dingen, die sie tat oder sagte, wieder. Als sie das erste Mal Eis aß, musste ich an das erste Eis denken, an das ich mich erinnern konnte. Es war süß und kleckerte auf meine Hand, aber das war mir egal, ich erinnere mich nur an den süßen Geschmack, der noch lange an meinen Fingern kleben blieb und den ich ablutschen konnte. Als Elise Fahrradfahren lernte, fiel mir wieder ein, wie ich vor dem Block, in dem ich aufgewachsen bin, auf Stützrädern vorwärtseierte. Als Elise eingeschult wurde, erinnerte ich mich an meinen ersten Schulranzen und meine erste Federtasche, an das Namensschild vor mir auf dem Pult; neben das B und über das I hatte jemand eine Blume gemalt. Auf dem Heimweg zerknitterte es im Schulranzen, ich fand es trotzdem schön; erst als meine Mutter entsetzt fragte, warum ich das Namensschild so achtlos in den Ranzen gestopft hatte, wurde mir klar, dass ich etwas falsch gemacht hatte, nur wusste ich nicht, was ich hätte anders machen sollen. Ich hätte es vielleicht in der Hand nach Hause tragen können, statt es einzustecken, aber alle anderen hatten es auch eingesteckt. Und ich hatte gelernt, mir von anderen abzugucken, wie ich ich sein sollte. Genau das tun wir. Wir ahmen die Menschen um uns herum nach, wir beobachten, was sie tun, und wiederholen es. Als ich zwölf Jahre alt wurde, hat meine Mutter uns verlassen. Da war ich schon groß genug, um zu wissen, dass man manchmal nicht tun sollte, was man sich bei anderen abguckt, sondern das genaue Gegenteil.

Allerdings sagt dir niemand, wann das der Fall ist, das musst du selbst herausfinden.

Es gibt Regeln im Leben, einige von ihnen sind absolut. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht stehlen. Du sollst anderen nicht auf den Geist gehen, du sollst nett und freundlich sein.

Als Kind waren mir Regeln sehr wichtig, und als Teenager noch mehr. Ich mochte Regeln, ich mag sie immer noch, ich kann mich gut an ihnen orientieren. Ausnahmen von Regeln hingegen hasse ich. Dann fällt alles in sich zusammen. Man sollte sich für etwas entscheiden und daran halten. Sonst muss man ständig Regeln neu definieren. Regeln werden aufgestellt, um sich daran zu halten.

Es gibt keine klaren Regeln dafür, wie man man selbst sein kann. Aber es gibt eine Menge ungeschriebener Regeln. Sind die überhaupt ungeschrieben, wenn jeder sie kennt? Mädchen sollen Röcke tragen, nett sein, mit Barbies spielen, lange Haare haben, sich die Nägel lackieren und schminken, sich für Küssen und Romantik interessieren.

Ich hab früher Röcke getragen, auch wenn ich mir dumm dabei vorkam. Hab versucht, nett zu sein, aber ich wurde oft wütend und laut. Nicht so wie die Jungs, die gern mal anderen direkt ins Gesicht brüllten, ich habe nur mich selbst angebrüllt und ins Kissen hinein. Ich hab nicht gern geweint, und doch kamen mir die Tränen, wenn ich wütend war. Ich hab mit Barbies gespielt, meine Lieblingspuppe war Fitness-Barbie, sie trug einen bunten Turnanzug und ein rosa Haargummi. Du konntest ihre Beine an den Kniegelenken in alle Richtungen biegen. Ich stibitzte den Nagellack und das Make-up meiner Mutter. Als sie fortging, ließ sie alles zurück, also gehörten die Sachen wohl mir. Ich hatte kein Interesse an Küssen und Romantik, aber auch nicht an Fußball oder Prügeleien. Ich war fasziniert von den Leuten aus meiner Klasse, war überrascht, dass sie einfach zu akzeptieren schienen, dass die Welt so war, wie sie war. Ich war jeden Tag wütend. Ich war wütend auf die Schulkantine, in der die Schokomilch zwanzig Kronen kostete, und dass jeden Tag dieselben Leute in der Schlange standen und immer dieselben Leute nie in der Schlange standen, weil sie kein Geld hatten. Ich war wütend, weil alle Daniel so cool fanden, als er anfing, mit Leuten aus der Mittelstufe zu schlafen, während sie Emilie, als sie mit jemandem von einer anderen Schule schlief, als Hure bezeichneten. Es heißt immer, Mädchen untereinander seien am gemeinsten, aber ich hab gehört, wie auch Daniel Emilie eine Hure nannte, und ich war wütend, dass es keine männliche Entsprechung für Hure gab. Ich war wütend, dass meine Mutter fortgegangen und mein Vater zurückgeblieben war und er nur noch vor dem Fernseher hockte. Ich war wütend, dass die Zeit so unendlich langsam verstrich und dass ich jedes Mal Pickel am Kinn bekam, wenn ich meine Tage hatte. Ich war wütend, dass es Krieg gab und dass die Politiker im Fernsehen logen, ich war wütend, dass alles Geld kostete, ich war wütend, dass die Welt unterging und dass ich ein Mädchen war und eigentlich gar nicht wütend sein durfte. Von mir wurde erwartet, zu lächeln und freundlich zu sein, ein bisschen dümmlich und nett, selbstlos und mich um die Menschen um mich herum zu kümmern. Aber wer kümmerte sich eigentlich um mich? Das musste ich selbst tun, und das machte mich am allerwütendsten. Das und die Tatsache, dass Emilie kicherte, als Daniel sie fragte, ob sie am Wochenende etwas vorhabe, und ihm eine Kusshand zuwarf, anstatt ihm die Augen auszukratzen.

Einmal in der Zehnten, kurz vor den Sommerferien, wollten alle aus meiner Klasse in der großen Pause baden gehen. Wir hatten nach der Pause noch zwei Stunden, und Schwänzen war nicht erlaubt, also sagte ich Nein, um keine unentschuldigte Fehlstunde auf dem Abschlusszeugnis stehen zu haben. Ich hatte noch keine einzige und sah nicht ein, warum ich mir jetzt noch zwei einhandeln sollte, so kurz vor den Sommerferien.

In Naturkunde, der letzten Stunde vor der großen Pause, fragte Marianne, ob wir zusammen loswollten.

»Zusammen?«, fragte ich.

Sie hob die Augenbrauen, lächelte. Ihre Zahnspange prangte mitten in ihrem Gesicht.

»Du kommst doch mit, oder nicht?«, fragte sie, als ich ihr Lächeln nicht erwiderte.

»Ich schwänze nicht, nein«, sagte ich und schaute wieder in mein Schreibheft. Ich hatte schon mit der Zusatzaufgabe begonnen.

»Aber Britt, alle gehen schwimmen, niemand bleibt hier.«

»Wir haben nicht freibekommen«, erwiderte ich, und Marianne rutschte mit ihrem Stuhl von mir weg, sodass es nur so auf dem Linoleum scharrte. Sie flüsterte Emilie etwas zu, und Emilie sagte es weiter an Asif und Asif an Daniel und Daniel an Suleiman, und ich machte einen Fehler in meinem Schreibheft und musste alles wieder wegradieren.

In der großen Pause ging ich mit den anderen raus, aber als sie den Schulhof verließen und sich auf ihre Räder schwangen, blieb ich zurück. Ich schaute ihnen nach und ging als Einzige zurück ins Klassenzimmer. Dort saß ich und hörte, wie es zur Stunde klingelte. Und als die Mathelehrerin kam, saß da nur ich vor ihr. Sie lehnte sich über ihr Pult und fragte, ob ich wisse, wo alle waren.

Das wusste ich zwar, aber ich zuckte nur mit den Schultern, petzen wollte ich schließlich auch nicht.

»Britt, du kannst gehen, wir machen heute kein Mathe.«

»Bekomm ich dann eine Fehlstunde?«, fragte ich. Sie sah mich an, schüttelte dann den Kopf, nahm ihre Bücher und ging.

»Gut«, sagte ich.

Auch ich packte meine Bücher zusammen und lief hinaus auf den komplett leeren Schulhof. Ich wusste, wo meine Klasse war, ich kannte den Weg, ich hätte ihnen einfach nachlaufen können, aber stattdessen ging ich nach Hause und machte meine Hausaufgaben, allein an meinem Schreibtisch, und mehrere Stunden später sah ich die Ersten, die bei mir im Viertel wohnten, nach Hause kommen, ihr Lachen drang von draußen herein.

Ich fühlte mich ausgeschlossen, aber sie hatten mich gefragt, mehrmals, ob ich mitkommen wollte. Ich hatte die Regeln befolgt. Regeln sind mir immer noch wichtig. Leider gibt es keine klaren Regeln für das Erwachsensein. Man muss improvisieren, und darin bin ich unglaublich schlecht.