Vergessene Kulturen der Weltgeschichte - Harald Haarmann - E-Book

Vergessene Kulturen der Weltgeschichte E-Book

Harald Haarmann

0,0
14,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung


Die alten Griechen und Ägypter stehen in jedem Geschichtsbuch, aber was ist mit dem sagenhaften Goldland Punt oder dem paradiesischen Dilmun? Viele Kulturen sind heute nur noch in Sagen von exotischen Ländern oder archäologischen Zeugnissen greifbar. Harald Haarmann nimmt in seinem kurzweiligen Buch 25 dieser Stiefkinder unter die Lupe und zeigt, was uns bisher entgangen ist.
Manche Kulturen werden für immer vergessen bleiben, andere haben zumindest Spuren hinterlassen, denen wir folgen können. Harald Haarmann entdeckt steinzeitliche Siedlungen am Baikalsee, geht dem Rätsel der Pelasger nach, der vorindoeuropäischen Bevölkerung Griechenlands, findet einen historischen Kern in den Geschichten von den Amazonen-Kriegerinnen vom Schwarzen Meer, erklärt die seltsame Kultur der Osterinsel, die durch hausgemachte Umweltprobleme unterging, und beschreibt die jüngst entdeckten Reste von Großsiedlungen in der südlichen Amazonas-Region, wo man bisher nur Jäger und Sammler im unberührten Urwald vermutet hat. Insgesamt zeigen die 25 Stiefkinder, dass die Menschheit mehr Optionen hatte, als wir denken. In einer Zeit, in der uns die Schattenseiten unserer eigenen Kultur bewusst werden, sollten wir uns an die verlorenen Pfade erinnern. Mit 52 Abbildungen und Karten.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 304

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Harald Haarmann

Vergessene Kulturen der Weltgeschichte

25 verlorene Pfade der Menschheit

C.H.Beck

Über das Buch

Manche Kulturen werden für immer vergessen bleiben, andere haben zumindest Spuren hinterlassen, denen wir folgen können. Harald Haarmann entdeckt steinzeitliche Siedlungen am Baikalsee, geht dem Rätsel der Pelasger nach, der vor-indoeuropäischen Bevölkerung Griechenlands, findet einen historischen Kern in den Geschichten von den Amazonen-Kriegerinnen vom Schwarzen Meer, erklärt die seltsame Kultur der Osterinsel, die durch hausgemachte Umweltprobleme unterging, und beschreibt die jüngst entdeckten Reste von Großsiedlungen in der südlichen Amazonas-Region, wo man bisher nur Jäger und Sammler im unberührten Urwald vermutet hat. Insgesamt zeigen die 25 Sonderfälle, dass die Menschheit mehr Optionen hatte, als wir denken. In einer Zeit, in der uns die Schattenseiten unserer eigenen Kultur bewusst werden, sollten wir uns an die verlorenen Pfade erinnern.

Über den Autor

Harald Haarmann gehört zu den weltweit bekanntesten Sprachwissenschaftlern. Er wurde u.a. mit dem «Prix Logos» der Association européenne des linguistes, Paris, sowie dem «Premio Jean Monnet» ausgezeichnet. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt. Bei C.H.Beck erschienen u.a. «Weltgeschichte der Sprachen» (3. Aufl. 2016), «Das Rätsel der Donauzivilisation» (3. Aufl. 2017) sowie «Auf den Spuren der Indoeuropäer» (2016).

Inhalt

Einleitung: Rätselhafte Stiefkinder der Weltgeschichte

1. Das Geheimnis der Schöninger Speere

Die Jägerkultur des Homo heidelbergensis

Vor 320.000 Jahren

2. Bären, wilde Schwäne und weibliche Schutzgeister

Altsteinzeitliche Kunst am Baikalsee

Vor 30.000 Jahren

3. Robbenjäger auf dem Eisschelf

Gab es eiszeitliche Migrationen nach Amerika?

Vor 23.000–​19.000 Jahren

4. Die ersten Tempelbauten der Menschheit

Die mesolithische Jägerkultur von Göbekli Tepe

10. Jahrtausend v. Chr.

5. Die Große Göttin und die Mücken

Çatalhöyük, die älteste Großstadt der Welt

8.–6. Jahrtausend v. Chr.

6. Die Strahlkraft Alteuropas

Die Donauzivilisation als frühes Modell eines Commonwealth

6.–3. Jahrtausend v. Chr.

7. Das mythische Dilmun

Eine Handelsmetropole im Persischen Golf

3. Jahrtausend v. Chr.

8. Zwischen Harappa und Mohenjo-Daro

Die tausendundeins Siedlungen der Induskultur

2800–​1800 v. Chr.

9. Götterprozession vor den Mauern von Hattuscha

Aufstieg und Niedergang des Hethiterreichs

2. Jahrtausend v. Chr.

10. Die blonden Mumien von Loulan

Indoeuropäer in der chinesischen Provinz Xinjiang

2.–1. Jahrtausend v. Chr.

11. Das sagenhafte Goldland Punt

Die Gesandtschaft der Pharaonin Hatschepsut

15. Jahrhundert v. Chr.

12. Das Rätsel der Pelasger

Die von den Griechen verschwiegene vor-indoeuropäische Kultur

3.–1. Jahrtausend v. Chr.

13. Stierspiele und Spiraltexte

Die Geheimnisse der minoischen Kultur Altkretas

2. Jahrtausend v. Chr.

14. Von Anker bis Zisterne

Die Etrusker als Mittler zwischen griechischer und römischer Welt

9.–3. Jahrhundert v. Chr.

15. Die skythischen Reiternomaden

Eine Großmacht in der eurasischen Steppe

10.–2. Jahrhundert v. Chr.

16. Geheimnisvolle Amazonen

Die Gemeinschaft der Kriegerinnen am Schwarzen Meer

1. Jahrtausend v. Chr.

17. Die Wolkenkrieger von Peru

Was die Chachapoya in den Anden mit Europäern verbindet

8.–15. Jahrhundert

18. Die Pyramiden von Teotihuacán

Die älteste Metropole Mittelamerikas

1.–8. Jahrhundert

19. Vogelmenschen und steinerne Zeugen am Meer

Die verschwundenen Kulturen der Osterinsel

800–​1500

20. Aksum und die Königin von Saba

Christen und Juden südlich der Sahara

100–​940

21. Feenkamine und unterirdische Städte

Die frühen Christengemeinden Kappadokiens

1.–11. Jahrhundert

22. Zenobia, Königin der Wüste

Das Reich von Palmyra gegen das Imperium Romanum

3. Jahrhundert

23. Die verlassenen Tempeltürme von Angkor Wat

Vishnu und Buddha im Alten Reich der Khmer

802–​1431

24. Die Zyklopenmauern von Groß-Simbabwe

Ein Handelszentrum im südlichen Afrika

11.–15. Jahrhundert

25. Geometrische Erdwerke im Regenwald Amazoniens

Präkolumbische Großsiedlungen kommen ans Licht

1250–​1500

Literatur

1. Das Geheimnis der Schöninger Speere

2. Bären, wilde Schwäne und weibliche Schutzgeister

3. Robbenjäger auf dem Eisschelf

4. Die ersten Tempelbauten der Menschheit

5. Die Große Göttin und die Mücken

6. Die Strahlkraft Alteuropas

7. Das mythische Dilmun

8. Zwischen Harappa und Mohenjo-Daro

9. Götterprozession vor den Mauern von Hattuscha

10. Die blonden Mumien von Loulan

11. Das sagenhafte Goldland Punt

12. Das Rätsel der Pelasger

13. Stierspiele und Spiraltexte

14. Von Anker bis Zisterne

15. Die skythischen Reiternomaden

16. Geheimnisvolle Amazonen

17. Die Wolkenkrieger von Peru

18. Die Pyramiden von Teotihuacán

19. Vogelmenschen und steinerne Zeugen am Meer

20. Aksum und die Königin von Saba

21. Feenkamine und unterirdische Städte

22. Zenobia, Königin der Wüste

23. Die verlassenen Tempeltürme von Angkor Wat

24. Die Zyklopenmauern von Groß-Simbabwe

25. Geometrische Erdwerke im Regenwald Amazoniens

Nachweis der Abbildungen und Karten

«Da wir nicht wissen, was die Zukunft bringt, sind die Erfahrungen der Vergangenheit die einzige Basis für den Aufbau unseres Wissens.»

Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft

Einleitung: Rätselhafte Stiefkinder der Weltgeschichte

Unsere Geschichtsbücher behandeln untergegangene Völker und Kulturen meist nur, wenn sie für die politische und kulturelle Entwicklung bis zum neuzeitlichen Europa interessant sind. So beginnen Geschichten Europas oder der Welt gern in Ägypten und Mesopotamien, weil hier nützliche Dinge wie der Staat oder die Schrift erfunden wurden. Das winzige Israel wird nirgends ausgelassen, weil hier die Wurzeln des europäischen Christentums liegen sollen. Das ebenso kleine Griechenland nimmt wegen Demokratie, Philosophie und Theater breiten Raum ein. Das Römische Reich hat mit der lateinischen Sprache, mit Literatur, Recht und Religion dem europäischen Mittelalter ein reiches Erbe hinterlassen. Zwischendurch werden noch «dunkle Jahrhunderte» überbrückt und am Rande außereuropäische Kulturen behandelt, in denen aber nichts für Europa Relevantes entstand.

Diese Beschreibung ist sicher übertrieben, haben wir inzwischen doch alle gelernt, dass Geschichtsschreibung nicht eurozentrisch sein darf und wie viel wir außereuropäischen Kulturen verdanken. Trotzdem ist das eingangs geschilderte Muster noch fest in den Köpfen und Schulbüchern verankert. Ein Beispiel dafür ist die Kolonialgeschichte: Auch wenn der Kolonialismus nicht mehr als Segen für die kolonisierten Völker beschrieben wird, sondern als Unterdrückung und Ausbeutung, steht hierbei Europa meist noch im Mittelpunkt des Interesses, nur eben nicht mehr als Heilsbringer. Was vermeintlich oder auch tatsächlich keine längerfristig prägenden Spuren in der auf Europa zusteuernden Geschichte hinterlassen hat, wird in einer solchen Sichtweise ausgeblendet und darf allenfalls als rätselhaftes Stiefkind im Kuriositätenkabinett der Kulturgeschichte eine Rolle spielen.

Das hier vorliegende Buch wendet sich exemplarisch 25 dieser Außenseiterkulturen zu, die älteste stammt aus der Altsteinzeit. An vielen von ihnen wird sich zeigen, dass sie sehr wohl ihre Spuren hinterlassen und den Lauf der Geschichte verändert haben, doch sie wurden vergessen, weil Sieger oder nachfolgende Zivilisationen sie verdrängten, verschwiegen, die Erinnerung an sie auslöschten und verboten oder weil ihre Errungenschaften anderen Kulturen zugeschrieben wurden. Wer die chronologisch angeordneten Kapitel dieses Buches hintereinander liest, sollte – das ist das Ziel – zumindest eine Ahnung davon bekommen, dass die Geschichte in Wirklichkeit anders verlaufen ist, als wir es gelernt haben – und dass sie anders hätte verlaufen können, wenn Fortuna anderen Völkern oder Kulturen Siege beschert hätte.

Manche Kulturen geben bis heute Rätsel auf, denen in diesem Buch nachgegangen werden soll. Etwa die monumentalen Basaltstatuen auf der Osterinsel – wie sind sie von den Steinbrüchen an die Meeresküste gelangt? Oder die Mumien mit rotblonden Haaren in der chinesischen Taklamakan-Wüste, die viertausend Jahre alt sind und europide Genmerkmale haben – wie passt das zusammen? Die monumentale Hauptstadt des Khmer-Reiches mit ihren zahlreichen Tempelkomplexen (Angkor Wat, Angkor Thom, Bayon) wurde nicht erobert, sondern irgendwann sang- und klanglos verlassen – aber warum? Manches in den untergegangenen Kulturen, Reichen und Sprachen bleibt fremdartig, weil hier Wege eingeschlagen wurden, die später nicht weitergeführt wurden. Aber waren es wirklich Sackgassen? Manche scheinbar untergegangenen kulturellen Muster tauchen in anderen Kontexten wieder auf, werden erneut institutionalisiert, ohne dass sich eine direkte Verbindung nachweisen lässt, aber es lohnt sich, über mögliche Verbindungen nachzudenken.

Einige der Stiefkinder seien hier exemplarisch genannt:

Bereits frühe Hominidenspezies haben technische Hochleistungen vollbracht; der Speer als Jagdwaffe war schon beim Homo heidelbergensis technisch fast so ausgereift wie das Olympia-taugliche Sportgerät heutiger Speerwerfer.

Die ältesten Tempel der Welt wurden nicht von sesshaften Ackerbauern in Mesopotamien oder Ägypten gebaut, sondern Jahrtausende früher von Jägern und Sammlern in der weiten Landschaft Ostanatoliens.

Soziale Hierarchien und patriarchalische Gesellschaftsformen waren nicht in allen frühen Hochkulturen Standard; es gab schon früh das Modell einer egalitären Gesellschaft auf hohem zivilisatorischen Niveau: die Donauzivilisation, die erste europäische Hochkultur vor rund 6000 Jahren.

Viele der Ausdrücke unseres «griechischen» Kulturwortschatzes stammen aus vorgriechischer Zeit und weisen auf unser alteuropäisches Kulturerbe, etwa die Begriffe Keramik, Metall, Theater, Anker und Psyche.

Der rasante Aufschwung der römischen Zivilisation ist ohne den Einfluss der Etrusker nicht vorstellbar; zahlreiche angeblich lateinische Lehnwörter in den europäischen Kultursprachen sind etruskischen Ursprungs, und das Mäzenatentum geht auf einen kulturbeflissenen etruskischen Patrizier zurück.

Die griechischen Sagen von Amazonen-Kriegerinnen haben einen historischen Kern; Archäologen haben die Gräber von Kriegerinnen in der Pontischen Steppe entdeckt.

Der Stierkampf der Moderne hat alte Wurzeln; die blutrünstige Version wie in Spanien und Lateinamerika ist aber nicht so alt wie die friedliche Version, und die findet man in den rituellen Stierspielen des minoischen Kreta.

Die Anfänge der Seidenstraße gehen ins 3. Jahrtausend v. Chr. zurück; die Handelsroute, die Zentralasien mit China verbindet, ist also viel älter als allgemein bekannt und sie wurde auch nicht von Chinesen eingerichtet.

Schon das vorkoloniale Afrika kannte verschiedene Hochkulturen mit weitgespannten Handelsnetzen; bei näherer Betrachtung offenbaren sich typisch afrikanische Entwicklungsgänge alter Zivilisationen, bei denen sich aus einheimischen und fremden Elementen eine symbiotische Ganzheit ausgeformt hat.

Das Amazonasbecken war vor der Conquista keineswegs ein kaum besiedelter Urwald, wie jüngste Satellitenaufnahmen gezeigt haben.

Was untergegangene Kulturen vom Standpunkt des modernen Betrachters rätselhaft erscheinen lässt, ist der Umstand, dass unser kulturelles Gedächtnis keine Richtungspfeile oder Bezugspunkte bereitstellt, mit deren Hilfe eine vergessene Kultur in ihrem Umfeld positioniert werden kann. Ein solches historisches Bezugsnetz von Orientierungspunkten zumindest ansatzweise auszuarbeiten, ist eine der Aufgaben dieses Buchs.

Die hier ausgewählten Kulturen und Reiche werden nach dem neuesten Forschungsstand beschrieben. Manchmal sind noch während der Arbeit an diesem Buch neue Entdeckungen gemacht worden wie in Göbekli Tepe oder in Amazonien. Immer sind neben der Sprach- und Kulturwissenschaft auch andere Disziplinen wie die Archäologie, Religionsgeschichte oder Humangenetik zu berücksichtigen. Je nach Thema und Erkenntnisstand finden unterschiedliche Aspekte Beachtung, aber immer geht es darum, ein möglichst umfassendes Bild zu zeichnen. Am Ende bleibt jeweils zu fragen, warum eine Kultur vergessen wurde, welche Elemente vielleicht doch noch weiterleben und welche Rätsel es noch zu erforschen gilt.

Das Buch will neugierig machen, will Spuren vergessener oder an den Rand gedrängter Kulturen auf eine Weise ans Licht bringen, dass der interessierte Leser immer wieder mal hineinschauen möchte. Sollte diese Sammlung von Skizzen zu einem anregenden Begleiter werden, wäre dies das größte Kompliment für den Autor, der viele dieser fast verlorenen Pfade auf zahlreichen Reisen gesucht und selbst beschritten hat.

1. Das Geheimnis der Schöninger Speere

Die Jägerkultur des Homo heidelbergensis

Vor 320.000 Jahren

Wir schreiben das Jahr 1994: Im östlichen Teil Niedersachsens, in der Region von Schöningen in der Nähe von Helmstedt, wo Braunkohle im Tagebau gewonnen wird, wird der Erdboden vom Schaufelradbagger viele Meter tief ausgehoben. Archäologen begleiten den Arbeitsprozess und erkunden das Terrain, bevor der Bagger die Bodenschichten aufreißt. In einer Tiefe von zehn Metern finden sie im Oktober einen gut erhaltenen Holzstab. Offensichtlich ist er von Menschenhand bearbeitet und geglättet worden, die Astansätze sind sorgfältig abgetrennt. Seit Anfang der 1990er-Jahre waren Archäologen und Paläobotaniker verstärkt auf der Suche nach Spuren für Jagdtätigkeit des Frühmenschen im einst wildreichen Flusstal der Mißaue.

Die Grabungen wurden intensiv fortgesetzt, und es kamen immer mehr Artefakte ans Licht: Steinwerkzeuge (kleine Faustkeile, Schaber, Spitzen), aber auch weitere Geräte aus Holz. Die Sedimentschicht, in der die Gerätschaften gefunden wurden, barg auch Reste von Pflanzen (Pollen, Samen) und Tierknochen (Wildpferd, Auerochse, Waldnashorn, Hirsch, Wolf). Die Holzgeräte waren nur deshalb erhalten, weil sie am Rande eines prähistorischen Sees (am Fuße des Elm) gelegen hatten, dessen Wasser die Artefakte mit Schlamm überspült hatte, und diese Sedimentschicht war anschließend luftdicht verschlossen geblieben, so dass kein Faulprozess einsetzen konnte, der das Holz zerstört hätte.

Allmählich zeichnete sich für die Archäologen ein sensationelles Szenario ab. Sie waren bei ihrer Grabung auf ein Jägerlager gestoßen. Unter den Artefakten waren acht gut erhaltene Speere – die ältesten Jagdwaffen der Welt. Die Datierung der Holzgeräte und die Pollenanalyse brachten dann eine weitere Sensation: Das Jägerlager datiert in eine interglaziale Periode, in die Reinsdorf-Warmzeit, ein Klimagroßzyklus zwischen der Elstereiszeit (Ende: ca. 350.000 Jahre vor der Jetztzeit) und der Saale-Riß-Kaltzeit (Beginn: ca. 300.000 Jahre vor der Jetztzeit), also lange vor der letzten Eiszeit (Weichsel-Würm-Kaltzeit), die vor etwa 115.000 Jahren begann und vor rund 11.500 Jahren endete.

Es war somit schnell klar, dass dieses Lager in so großer Tiefe nicht vom anatomisch modernen Menschen, dem Homo sapiens stammen konnte. Von der Frühzeit unserer Hominidenspezies wissen wir relativ viel: deren Vertreter gelangten vor rund 42.000 Jahren nach Europa. Ihre Vorfahren kamen aus Afrika, wo ihre Migration vor rund 150.000 Jahren begonnen hatte. Die Route führte durch die Landschaften des Nahen Ostens und durch Anatolien in westlicher Richtung. Der Weg nach Westen war damals noch nicht vom Meer unterbrochen, denn Europa war noch über eine schmale Landbrücke am Bosporus mit Kleinasien verbunden. Die Periode der Landnahme war die letzte Eiszeit. Südosteuropa war eisfrei, und so konnten die Migranten die Waldzone der Balkanregion erkunden und weiter nach Mitteleuropa vordringen, bis zur arktischen Tundra, der Kältesteppe, die sich am Rande des ewigen Eises erstreckte.

Die Jäger machten sich auf ihren Streifzügen schnell mit der vielfältigen einheimischen Fauna Europas vertraut. Da waren der mit dem asiatischen Elefanten verwandte europäische Waldelefant und sein nächster Verwandter, das robuste Mammut, der Steppenelefant. Mammuts ernährten sich von den Gräsern, Flechten und dem Moos der Tundra, die einer verschneiten Savanne ähnelte, mit großflächigem und reichlichem Futterangebot. Die Gräser und Flechten wuchsen während des kurzen arktischen Sommers, wenn die Temperaturen für einige Zeit im Plusbereich lagen und die obere Erdschicht aufgetaut war. Über die Tundra bewegten sich auch Rentiere in großen Herden.

Der Steppengürtel und die gemäßigte Zone, die sich südlich der Tundra ausdehnten, waren von Wildpferden, Höhlenbären, Höhlenhyänen und Höhlenlöwen, Braunbären, Wollnashörnern, Steppenbisons, Auerochsen, Steinböcken und Riesenhirschen bevölkert (Ziegler 2009). Die beliebtesten Jagdtiere forderten das besondere Geschick der Jäger heraus und machten auch das Zusammenwirken im Team erforderlich.

So lernten die Menschen der Eiszeit auch, das Mammut erfolgreich zu jagen, denn ein einziges erlegtes Tier bot eine große Menge an Fleisch, Fell und Knochen, die zum Bau von Behausungen verwendet werden konnten. Die Stoßzähne waren von besonderem Interesse, sie wurden nicht selten mit Ornamenten verziert, oder die Eiszeitjäger schnitzten aus dem Elfenbein Statuetten. Die älteste vom Frühmenschen geschnitzte Figurine ist die Miniaturgestalt einer Frau, die von Archäologen die «schwäbische Eva» genannt wird. Sie wurde mit anderen eiszeitlichen Artefakten im Jahre 2008 an einem Ort auf der Schwäbischen Alb, im Hohlen Fels (Baden-Württemberg), ausgegraben. Es stellte sich heraus, dass diese Funde zwischen 35.000 und 40.000 Jahren alt sind (Conard 2009: 268).

Die damaligen Menschen waren aber nicht die ersten Eiszeitjäger. Denn lange vor ihnen waren schon Vertreter anderer Hominiden-Spezies in Mittel- und Westeuropa auf die Jagd gegangen. In Europa hatten vor der Ankunft des modernen Menschen drei Spezies des Frühmenschen gelebt: der ältere Homo erectus, der Homo heidelbergensis und der späte Neandertaler. Der moderne Mensch ist in Europa nur noch mit dem Neandertaler zusammengetroffen, sie haben teilweise in enger Nachbarschaft und an etlichen Orten, etwa in Südfrankreich und Nordspanien, auch in Kohabitaten gelebt (Otte 2014). Die Annahme sozialer Beziehungen zwischen beiden Spezies findet auch Rückhalt in humangenetischen Erkenntnissen. Neuerdings ist nachgewiesen, dass bis zu 3 Prozent unseres Genbestands vom Neandertaler ererbt sind (Sankararaman et al. 2014).

Die beiden anderen Spezies waren damals bereits ausgestorben. Während der Neandertaler ein zeitlicher und damit entwicklungsmäßiger Vorläufer des anatomisch modernen Menschen ist, rangiert der Heidelberger Mensch entwicklungsmäßig vor diesen beiden Spezies (Grimaud-Hervé et al. 2015: 84ff.). Die Periode, während derer der Homo heidelbergensis in Europa und Afrika verbreitet war, beginnt um 800.000 vor der Jetztzeit und endet vor etwa 100.000 Jahren.

Bis vor wenigen Jahren war der Heidelberger Mensch allein durch Knochenfunde bekannt. Der erste dieser Spezies zugeordnete Knochenrest war ein Kieferknochen, der 1907 nahe der Stadt Mauer (südöstlich von Heidelberg, daher der Name der Spezies) entdeckt wurde. Mit Hilfe weiterer Knochenfunde aus den folgenden Jahren wurde allmählich die Rekonstruktion des Körperbaus möglich. Der Schädel des Heidelberger Menschen zeigt eine Verdickung der Knochen über den Augenbrauen, die Stirn war flach und nach hinten gezogen. Überhaupt war der Schädel länger als der des modernen Menschen mit seiner hohen Stirn. Das Gehirn des Homo heidelbergensis wird auf ein um etwa 10 Prozent kleineres Volumen geschätzt als das des modernen Menschen. Das deutet auf eine entwicklungsmäßige Vorstufe. Was der Heidelberger Mensch mit seinem Gehirn zu leisten im Stande war, darüber konnte man lange Zeit nur spekulieren. Aber die sensationellen Funde vom Rande der norddeutschen Tiefebene brachten in den 1990er-Jahren den Durchbruch für Erkenntnisse über Tätigkeiten und Verhaltensweisen dieser Hominiden-Spezies.

Und damit sind wir wieder im Raum Schöningen und bei den außergewöhnlichen Speeren. An diesem Fundort gab es nur Knochen von Tieren, im nahe gelegenen Bilzingsleben kamen aber auch menschliche Schädelreste ans Licht, ein Unterkiefer sowie einige Zähne. Beide Fundorte datieren in dieselbe Warmzeit, und auch die Artefakte sind sehr ähnlich. Anhand der Schädelreste ließen sich einige Hauptmerkmale rekonstruieren: lang gestreckte Schädelform, stark betonter Überaugenwulst, abgewinkeltes Hinterhaupt.

Durch weitere Untersuchungen ist inzwischen geklärt, dass die Jäger vom Schöninger See tatsächlich Vertreter des Homo heidelbergensis waren. 2015 konnte mit einer Thermolumineszenz-Analyse auch das Alter der Speere präziser eingegrenzt werden: auf 337.000 bis 300.000 Jahre. Das ist die Spätzeit des Heidelberger Menschen.

Die Speere sind verschieden lang, einige 1,80 Meter, andere 2,50 Meter. Einer ist aus Kiefernholz, die übrigen wurden aus geraden, jungen Fichtenstämmen hergestellt. Nadelholz war offensichtlich reichlich verfügbar gegen Ende der interglazialen Warmzeit. Die Fertigung lässt technisches Geschick erkennen. Der Schwerpunkt dieser Jagdwaffen liegt im vorderen Teil des Schaftes, der dicker ist als der hintere Teil. Bei Experimenten mit nachgebauten Speeren in der Ausführung der Schöninger Originale stellte sich heraus, dass geübte Speerwerfer, also moderne Sportler, diese Speere bis zu 70 Meter weit werfen können.

Die acht vollständig erhaltenen Speere sind nicht die einzige Sensation der Ausgrabungsstätte. Auf dem Gelände des altpaläolithischen Jägerlagers wurden etwa 12.000 Tierknochen gefunden. Rund 90 Prozent stammten von Wildpferden (Equus mosbachensis). Anzahl und Vielfalt der Knochen weisen auf Skelettreste von zwanzig bis fünfundzwanzig Pferden. Auffällig ist, dass die Schädel nicht gespalten oder sonstwie zerlegt sind – die ältesten vollständig erhaltenen Schädel von Jagdtieren des Frühmenschen, die bisher gefunden worden sind. Andere durch die Knochenreste vertretene Tierarten waren Hirsch, Nashorn und Steppenelefant. Außer den Speeren fanden die Forscher rund tausendfünfhundert Artefakte aus Stein im Lager, darunter einen Stab mit angekohlter Spitze, den der Grabungsleiter, Hartmut Thieme, als Bratspieß deutete.

Unter den Pferdeknochen waren auch solche von Jungtieren, was die Vermutung nahelegt, dass die Jagd im Herbst stattgefunden hat. Der Ort für das Jagdgeschehen war offensichtlich sorgfältig gewählt. Die Jäger hatten ihr Lager in der Nähe eines prähistorischen Sees aufgeschlagen, so dass sie sich ins dichte Schilfgras auf die Lauer legen konnten. Die Herde der Wildpferde, die sich am Seeufer entlang bewegte, geriet in einen Engpass zwischen den wartenden Jägern und dem Strand und wurde stark dezimiert. Das Gesamtgewicht der erbeuteten Fleischmenge wird auf 4 Tonnen geschätzt und die Anzahl der Bewohner des Lagers auf etwa dreißig Personen. Schon dieser einzige Jagdzug auf die Wildpferde brachte Nahrung für mindestens zwei Monate. Die Jagdbeute brachte den Jägern außerdem viele Felle, woraus Kleidung gefertigt werden konnte oder auch Bespannung von Zelten. Die Sehnen konnten als Stricke zum Binden von Lasten genommen werden. Alle diese Möglichkeiten wurden von den Jägern sehr wahrscheinlich genutzt.

Es wird vermutet, dass das Lager während der Wintermonate bewohnt war und dass die Jagdgemeinschaft im Frühjahr weiter zog. Die Vielzahl der Artefakte und Knochenreste deutet auf die Fähigkeit des Homo heidelbergensis, sich in sozialen Verbänden zu organisieren. Die Funde von Schöningen und Bilzingsleben eröffnen einen viel tieferen Blick in die Evolutionsgeschichte als bislang möglich. Die Spezies des Heidelberger Menschen besaß offensichtlich die Fähigkeit zum organisierten Handeln und Planen, denn die Großjagd auf die Wildpferdherde war eine vorbereitete konzertierte Aktion. Die technische Ausgereiftheit der dafür verwendeten Speere vermittelt einen Eindruck vom Know-how der Jäger und deutet auf eine längere Erfahrung der Spezies in der Herstellung und im Umgang mit dieser Jagdwaffe.

Mit einiger Berechtigung kann man davon ausgehen, dass die verschiedenen Hominiden insgesamt seit rund einer halben Million Jahren die Fähigkeit haben, Speere als Jagdwaffe herzustellen und zu verwenden (Thieme 1997). Diese langlebige Tradition technischen Know-hows erstreckt sich über die Evolutionsgeschichte von vier Menschenarten, die sämtlich in Europa präsent waren: Der Homo erectus und der Homo heidelbergensis verwendeten einfache geschnittene Speere aus Holz mit angekohlter gehärteter Spitze. Der archaische Mensch (Homo neanderthalensis) benutzte dieselbe Art Speere, außerdem Speere mit Steinklingeneinsatz (aus Obsidian oder Feuerstein) in der Spitze. Diese Technik war vermutlich adaptiert im Kontakt mit der verbliebenen Hominidenart, dem anatomisch modernen Menschen. Dieser Homo sapiens wiederum verwendet(e) Speere bzw. Speerspitzen aus beliebigem Material, angefangen mit Holz über Stein und Metall bis zum heutigen Karbon. Die Geschichte von frühen Jagdwaffen ist in Europa am vollständigsten dokumentiert. Das intentionale Ankohlen der Speerspitze diente dem Zweck, diesen Teil der Waffe zu härten. Dies wiederum setzt die Kontrolle über das Feuer voraus, eine Fähigkeit, die sich für den Homo erectus vor rund 450.000 Jahren nachweisen lässt (Grimaud-Hervé et al. 2015: 94ff.).

Die acht Jagdspeere von Schöningen umgibt weiterhin ein Hauch von Mysterium. Warum haben die Jäger sie zurückgelassen? Mit Sicherheit haben sie sie nicht einfach vergessen, denn für die Jäger waren die Speere ihr wertvollstes Gut. Außerdem wurden die Speere von ihren Besitzern an einem bestimmten Ort platziert, und zwar zusammen mit Pferdeschädeln.

1  Schauplatz eines Pferderituals des Heidelberger Menschen? Detail des Ensembles von Jagdwaffe und Pferdeschädel

Das Ensemble von Artefakten und Tierknochen erinnert an die bis heute gebräuchlichen Pferderituale bei den Mongolen. Im Zusammenhang mit rituellen Handlungen werden die Schädel von Pferden an heiligen Orten aufgestellt. Kannten die Jäger von Schöningen so etwas wie rituelle Handlungen im Dienst der Jagdmagie? Hatte der Homo heidelbergensis bereits animistische Vorstellungen von der Zusammengehörigkeit aller Lebensformen und eventuell von der metaphysischen Existenz des Lebensprinzips, das wir Seele nennen? Die Platzierung der Speere, des Pferdeschädels und anderer Pferdeknochen in einem geschlossenen Ensemble legt dies zumindest sehr nahe.

In diesem Zusammenhang bietet sich auch ein Vergleich mit dem Bärenkult an, der in historischer Zeit weite Verbreitung bei den Völkern Eurasiens (bis nach Ostsibirien und Nordjapan) fand und sich bis heute bei den obugrischen Völkern, den Mansen (Wogulen) und Chanten (Ostjaken) in Westsibirien erhalten hat (Haarmann/Marler 2008: 98ff.). Die Jäger leben in der Vorstellung, dass die Seele des Bären, die durch die Tötung des Tieres gewaltsam von diesem getrennt wurde, besänftigt werden muss, damit sie den Jägern kein Unglück bringt, so dass diese weiterhin erfolgreich jagen können. Dafür gibt es eine eigene Zeremonie, und der Bär (vertreten durch sein aufgebocktes Fell) nimmt als «Ehrengast» Teil am Bärenfest, bei dem sein Fleisch verzehrt wird.

Wie immer auch das Ritual im Anschluss an die Jagd der Wildpferde im Jägerlager am Schöninger See abgelaufen sein mag, es festigt sich der Eindruck, dass die Spezies des Heidelberger Menschen bereits Vorstellungen von übersinnlichen Phänomenen entwickelt hat. Die Anfänge der Religiosität verschieben sich also weit in die Evolutionsgeschichte zurück, weit über unsere eigene Spezies hinaus. «Unsere Vorstellungen von der geistigen Welt prähistorischer Menschen sind nach wie vor karg», meint der Evolutionsforscher J. Reichstein (2005: 66). «Sie sind aber eine wichtige Voraussetzung, um die kulturellen Ausdrucksformen, die Religiosität, das damit offenbar im Wechselverhältnis stehende soziale und wirtschaftliche Verhalten prähistorischer Menschen und ihre Auseinandersetzung mit der jeweiligen Umwelt halbwegs zutreffend beurteilen zu können.»

Religiöse Vorstellungen setzen begriffliches Denken voraus, und dies war ebenfalls unerlässlich für Design und Herstellung der Jagdwaffen. Diejenigen, die die Speere herstellten, waren sich der Wirksamkeit des Geräts bewusst, das dem Jagen diente, und sie richteten ihr handwerkliches Geschick darauf, die Jagdwaffe möglichst effektiv zu gestalten. Die Ausführung von Jagdritualen setzt weiterhin voraus, dass die daran beteiligten Individuen begrifflich zwischen der Sphäre des physisch durch Anschauung Erkennbaren (das Wildpferd als reale Jagdbeute) und einer übersinnlichen Sphäre (die angenommene «Seele» des Tieres) zu unterscheiden wussten. Mit dem begrifflichen Denken korreliert der Gebrauch von Sprache, denn über die Kommunikation mit Lauten, die symbolischen Zeichencharakter haben, ist es dem Menschen möglich, die Dinge in seiner Umwelt «beim Namen zu nennen» und diese Umwelt kulturell zu organisieren. Mit anderen Worten: Sprache ist ein unverzichtbares Instrumentarium für die Sinngebung der eigenen Existenz und für das Gruppenverhalten im sozialen Verband.

Es stellt sich also die spannende Frage: War der Heidelberger Mensch auch im Besitz von Sprache? Diese Hominidenspezies hat zwar heute einige Geheimnisse ihrer Existenz preisgegeben, aber auf die Frage nach der Sprachfähigkeit kann man derzeit noch keine Antwort geben. Die Schädelfunde des Homo heidelbergensis sind bislang fragmentarisch, und es fehlen Kieferknochen, die die Position des Larynx, also des Kehlkopfs, und die Mundhöhlung im Schädel erkennen ließen. Somit fehlt auch eine wesentliche Komponente, der sogenannte «Sprachknochen» (Lewin/Foley 2004: 467). Dies ist ein für den modernen wie für den archaischen Menschen charakteristischer, durchbrochener Knocheneinsatz im Kehlkopf. Durch dessen kreisrunde Öffnung laufen die Muskelstränge, die für die Bewegung der Zunge verantwortlich sind.

Beim Neandertaler ist diese Öffnung schmal, beim anatomisch modernen Menschen wesentlich breiter. Dies bedeutet, dass die Möglichkeiten für den Neandertaler, mit seiner Zunge verschiedene Positionen zur Artikulation von Sprachlauten in der Mundhöhle zu produzieren, relativ begrenzt waren. Der moderne Mensch kann aufgrund der zahlreichen Zungenmuskeln eine Vielzahl von Positionen erreichen und damit auch Dutzende von Sprachlauten produzieren – eine Voraussetzung für die Verwendung komplexer Sprache (Haarmann 2006: 31ff.). Im Fall des Heidelberger Menschen bleibt also bislang die Frage offen, ob diese Spezies anatomisch in der Lage war, Sprachlaute zu produzieren, und wenn ja, wie differenziert seine Artikulationsmöglichkeiten waren. Der Fund eines zum Homo heidelbergensis-Menschen gehörenden «Sprachknochens» wäre eine wahre Sensation.

2. Bären, wilde Schwäne und weibliche Schutzgeister

Altsteinzeitliche Kunst am Baikalsee

Vor 30.000 Jahren

Frühe Vertreter des Homo sapiens haben nicht nur in Europa am Rande der Gletscher gelebt, die die Landschaft während der Eiszeit bedeckten, sondern gelangten vor rund 40.000 Jahren auch in die Weiten Sibiriens. Die Eiszeitjäger erkundeten das Gelände, von Westen her kommend, bis Zentralsibirien, und sie zogen weit nach Osten, bis auf die Halbinsel Kamtschatka.

Erste Entdeckungen eiszeitlicher Siedlungen wurden in den 1920er-Jahren von russischen Archäologen gemacht, im Laufe wiederholter Grabungskampagnen konnten immer mehr eiszeitliche Camps lokalisiert werden, Heimstätten aus dem Paläolithikum. Frühe Siedlungen liegen in der Nähe des Baikalsees in Zentralsibirien. Der Ort, an dem die ältesten prähistorischen Artefakte gefunden worden sind, ist Tolbaga auf der östlichen Seite des Sees. Hier wird die frühe Präsenz des Menschen auf ca. 35.000 Jahre vor der Jetztzeit datiert. Etwas jünger sind die Siedlungen von Buret’ und Mal’ta auf der Westseite des Baikalsees (etwa 23.000 Jahre vor der Jetztzeit; Martynov 1991: 116f.).

Trotz der erheblichen zeitlichen Distanz in der Besiedlung von Tolbaga und Mal’ta gehen Archäologen davon aus, dass es sich um die gleiche Regionalkultur handelt. Die ökologischen Bedingungen in der arktischen Tundra blieben über viele Jahrtausende im Wesentlichen unverändert, und dementsprechend blieben auch die Existenzbedingungen der Lebewesen (Fauna, menschliche Populationen) in der Region konstant.

Die Kältesteppe der Eiszeit während der Periode der maximalen Vereisung war das Jagdrevier für die Paläoasiaten (bzw. Altsibirier), und zu den Tieren in ihrer Umgebung, von denen die meisten auch gejagt wurden, gehörten Mammuts, Wollnashörner, Bisons, Bären, Rentiere und kleinere Tiere wie Fuchs, Wolf und Biber. Die Vegetation der Kältesteppe war zwar artenmäßig auf Gräser, Moose und Flechten beschränkt, diese standen den Tieren aber in großen Mengen zur Verfügung.

An den eiszeitlichen Siedlungsplätzen sind zahlreiche Tierknochen gefunden worden, die Aufschluss über das damalige Nahrungsangebot der Jäger geben. Auch Menschenknochen gehören zu den Funden, etwa die Reste einer Kindesbestattung in Mal’ta. Die materielle Hinterlassenschaft der Menschen, die damals an diesem Ort gelebt haben, bietet besonders gute Einblicke in das Alltagsleben der Eiszeitjäger. Zusätzlich zu den Werkzeugen für praktische Tätigkeiten aus Stein (Schaber) und Knochen (Nadeln) gibt es unter den Fundstücken eine Fülle von Artefakten, die wir heute als «Schmuck» identifizieren, darunter Armreifen und Halsketten, Knochenplaketten mit Ornamenten und durchbohrte Anhänger, die wahrscheinlich eher als Talismane oder Amuletts getragen wurden (Abramova 1995, fig. 111ff.). Über die zahlreichen Artefakte, die sich als «Eiszeitkunst» verstehen lassen, erschließt sich uns auch ein wenig die geistige Welt dieser Epoche. Der Blick in die Vorstellungswelt dieser Paläolithiker offenbart uns die Anfangsphase eurasischer Traditionen in Kunst und Mythologie.

Die Funde vom Baikalsee sind aus verschiedenen Gründen einzigartig. Chronologisch betrachtet handelt es sich hierbei um die ältesten Manifestationen menschlichen Kulturschaffens in Sibirien. Eines der Artefakte bietet sogar einen Weltrekord: Eine kleine Skulptur aus Tolbaga, die einen Bären darstellt, ist die älteste bisher bekannte Tierfigur. Sie wird in den gleichen Zeithorizont datiert wie die älteste weibliche Skulptur der Welt, die in Europa gefundene «schwäbische Eva» (siehe Kap. 1). Die aus dem Knochen eines Wollnashorns geschnitzte Bärenfigur von Tolbaga ist ca. 33.000 Jahre alt. Es gibt auch skulpierte Bären aus Mal’ta, allerdings aus einer jüngeren Periode.

Bedeutend für das Panorama der darstellenden Kunst von Mal’ta sind weibliche Statuetten. Die sibirischen Figurinen sind von einer ganz eigenen Ästhetik, die in mehrerlei Hinsicht von den paläolithischen Figurinen abweicht, die von Fundstätten in Europa bekannt sind. Alle sibirischen Figurinen haben einen modellierten Kopf mit Gesichtszügen, in denen Details wie Kinn, Nase, Mundpartie zu erkennen sind. Dagegen fehlt bei den meisten europäischen Figurinen der Kopf, und wo er ausnahmsweise doch dargestellt ist, fehlen Gesichtszüge. Außerdem treten die sibirischen Figurinen in zwei Haupttypen auf: Die einen sind «korpulent», die anderen «schlank».