Vergiftete Kindheit - Susan Forward - E-Book

Vergiftete Kindheit E-Book

Susan Forward

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Beschreibung

Millionen von Menschen erleben ihre Kindheit als Alptraum. Aber weil sie wehrlose, abhängige Opfer waren, können sie die Schuldigen nicht benennen, richten negative Gefühle ohnmächtig gegen sich selbst. Im Erwachsenenalter wirkt die Vergiftete Kindheit immer noch nach - mangelndes Selbstwertgefühl und latente Aggressionen sind die Folgen.

Susan Forward will helfen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Anhand zahlreicher Beispiele aus ihrer Praxis erklärt sie im vorliegenden Buch zunächst detailliert und einfühlsam die subtilen Mechanismen, die zwischen Eltern und mißhandelten Kindern wirken. Anschließend erläutert sie Schritt für Schritt, wie Erwachsene endlich den düsteren Schatten ihrer Vergangenheit entkommen können.

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Buch

»Du sollst Vater und Mutter ehren« verlangt die Bibel – egal, ob die Eltern dich beschimpft und geschlagen, verhöhnt und gequält haben? Millionen von Menschen erlebten ihre Kindheit als Alptraum. Aber weil sie wehrlose, abhängige Opfer waren, können sie die Schuldigen nicht benennen, richten negative Gefühle ohnmächtig gegen sich selbst. Im Erwachsenenalter wirkt die vergiftete Kindheit immer noch nach – mangelndes Selbstwertgefühl und latente Aggressionen sind die Folgen.

Susan Forward, Autorin des Bestsellers Liebe als Leid, will helfen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Anhand zahlreicher Beispiele aus ihrer psychotherapeutischen Praxis erklärt sie im vorliegenden Buch zunächst detailliert und einfühlsam die subtilen Mechanismen, die zwischen Eltern und Kindern wirken. Anschließend erläutert sie Schritt für Schritt, wie Erwachsene endlich den düsteren Schatten ihrer Vergangenheit entkommen können.

Autorin

Susan Forward wurde schlagartig berühmt mit einer Untersuchung über Kinder im Erziehungsgefüge der Familie, dem ersten Buch zu diesem Thema in den USA überhaupt. Die Psychotherapeutin mit eigener Praxis arbeitet seit Jahren auch für Hörfunk, Fernsehen und Verlage.

Inhaltsverzeichnis

Über die AutorinEinführung
Warum in die Vergangenheit blicken?Was ist eine »vergiftete Kindheit«?Was giftige Eltern einem Kind antunFühlen Sie Ihren seelischen PulsWie befreit man sich vom Erbe einer vergifteten Kindheit?Bin ich nicht selbst dafür verantwortlich, wie ich bin?Was kann dieses Buch für Sie tun?
Erster Teil: Vergiftete Kindheit
1. Allmächtige Eltern - Der Mythos elterlicher Perfektion
Der Preis für das Wohlwollen der Götter»Sie lassen mich nie vergessen, daß ich ihnen Schande gemacht habe«Die Macht der VerleugnungDie hoffnungslose Hoffnung»Er hat es nur getan, weil…Wut, wo Wut am Platz istMan spricht nicht schlecht über Tote»Du wirst immer meine kleine Versagerin bleiben«Denkmalsturz
2. »Auch wenn du es nicht so gemeint hast, tut es weh.« - Rabeneltern
Wie wir lernen, in der Welt zu seinGeraubte KindheitWann hört es jemals auf?»Wenn ich mich nicht um sie kümmere, tut es keiner.«Das unsichtbare KindDie verschwundenen Eltern»Dieses Mal wird alles anders«Was sie nicht taten, tut auch weh
3. »Warum laßt ihr mich nicht mein eigenes Leben führen?« - Die Kontrolleure
»Es ist doch nur zu deinem Besten«Direkte Kontrolle»Warum verkaufe ich mich immer wieder an meine Eltern?«Die Tyrannei des Manipulators»Warum muß sie immer helfen?«Feiertage – Zeit der Melancholie»Warum kannst du nicht so sein wie deine Schwester?«Rebell aus gutem GrundKontrolle aus dem Grab heraus»Ich habe das Gefühl, ich kann nicht mehr atmen«Identitätsverlust
4. »In dieser Familie gibt es keinen Alkoholiker!« - Die Alkoholiker
Der Dinosaurier im WohnzimmerDer kleine Junge, den es nicht gab»Ich war nie ein Kind«Der Mythos, die Vergangenheit in Ordnung bringen zu können»Dieses Mal mache ich es richtig«»Warum mache ich immer weiter?«Das KumpelsystemMan kann niemandem trauen»Aber gestern fandest du es noch in Ordnung!«»Alles ist deine Schuld!«Das goldene Kind»Ich muß immer alles unter Kontrolle haben«»Wie kannst du es wagen, deine Mutter eine Trinkerin zu nennen?«Es gibt kein Happy-End
5. Innerliche Verletzungen - Verbale Mißhandlung
Die Macht grausamer Worte»Ich sage das nur zu deinem Besten«»Sei erfolgreich – aber ich weiß ja doch schon, daß du es nicht schaffst!«Rivalisierende ElternBeleidigungenPerfektionistische Eltern»Ich kann nicht perfekt sein, also lasse ich es ganz«Die drei Elemente des PerfektionismusVerbotener ErfolgDie grausamsten Worte: »Ich wünschte, du wärst nie geboren«Wenn aus »du« »ich« wird
6. Äußerliche Verletzungen - Körperliche Mißhandlungen
Das allgegenwärtige VerbrechenWarum schlagen Eltern ihre Kinder?Es gibt kein EntrinnenMan weiß nie, wann es geschieht»Ich habe so viele Probleme – kein Wunder, daß du was abkriegst«»Ich tue das nur zu deinem Besten«Der passive MißhandlerWie man Selbsthaß lernt – »Alles ist meine Schuld«Mißhandlung und LiebeDie Hüter des FamiliengeheimnissesWie man den Mythos am Leben erhältAm emotionalen ScheidewegWie der Vater, so der Sohn
7. Der schlimmste Verrat - Sexueller Mißbrauch
Was ist Inzest?Der InzestmythosSo eine nette FamilieWie konnte das geschehen?Die vielerlei Gestalten von ZwangWarum Kinder schweigenDie Glaubwürdigkeitslücke»Ich fühle mich so schmutzig!«Wahnsinnige Eifersucht: »Du gehörst nur mir!«»Du bist mein Leben!«Die Verschüttung des VulkansEin DoppellebenDer stumme PartnerWas Inzest hinterläßt»Ich weiß nicht, was eine Liebesbeziehung ist«Der Raub der Sexualität»Warum geht es mir bei diesen guten Gefühlen so schlecht?«»Ich kann mich nie genug strafen«»Dieses Mal wird es besser«Das stärkste Familienmitglied
8. Warum verhalten Eltern sich so? - Das Familiensystem
Überzeugungen: Es gibt nur eine Wahrheit»Frauen können ohne Männer nicht leben«Ausgesprochene und unausgesprochene RegelnGehorsam um jeden PreisDie Gehorsamsfalle»Ich weiß nicht, wo ich ende und wo du beginnst«Anders sein, heißt schlecht seinDas Gleichgewicht der FamilieWie bewältigen giftige Eltern das Leben?
Zweiter Teil: Neuer Anspruch an das Leben
Anleitung für den zweiten Teil9. Sie müssen nicht vergeben
Die Vergebungsfalle
10. »Ich bin doch erwachsen. Warum fühle ich mich dann nicht so?«
Was glauben Sie?Falsche Überzeugungen, schmerzliche Gefühle»Aber ich fühle nichts«Die VerbindungWas tun Sie?
11. Der Anfang der Selbstdefinition
Egoismus ist manchmal richtigRückkoppelung und VerantwortungNichtdefensives VerhaltenPositionsbestimmung»Ich kann nicht« wird umgeschriebenGeneralprobe bei den Eltern
12. Wer ist wirklich verantwortlich?
Finden Sie Ihr eigenes TempoDie Verantwortung liegt bei Ihren Eltern»Ich glaube nicht, daß sie es böse meinten«»Er war völlig außer sich«Angst vor der WutDer Umgang mit WutKummer und TrauerDie Intensität von TrauerSie können Ihr Leben nicht anhaltenTrauer hat ein EndePersönliche Verantwortung
13. Konfrontation: Der Weg zur Unabhängigkeit
»Es wird nichts nutzen«»Warum soll ich meine Eltern konfrontieren?«Wann sollte ich meine Eltern konfrontieren?Wie konfrontiere ich meine Eltern?Briefe schreibenPersönliche KonfrontationVorbereitung für die PremiereWas können Sie erwarten?Manchmal ist es wirklich unmöglichDie ruhige KonfrontationDie explosive KonfrontationWas können Sie nach einer Konfrontation erwarten?Die Reaktion Ihrer ElternDie Beziehung der Eltern zueinanderDie Reaktionen der GeschwisterAndere Reaktionen der FamilieDie gefährlichste PhaseWelche Beziehung wollen Sie zu Ihren Eltern?Joes EntscheidungDie Konfrontation mit kranken oder greisen ElternKonfrontation mit toten ElternEs gibt keine erfolglose Konfrontation
14. Die Heilung der Inzestwunden
Warum brauche ich Therapie?Die Wahl eines TherapeutenEinzel- oder Gruppentherapie?Die erste GruppensitzungBehandlungsstadienDie Empörung des OpfersDie Trauer des OpfersBefreiung und BestärkungBehandlungstechnikenBriefeBrief an den AggressorBrief an den stummen PartnerBrief an das verletzte KindDas MärchenBrief an Ihren PartnerBriefe an die KinderDie Kraft des RollenspielsÜbungen zur Heilung des inneren KindesDas Neuschreiben der Geschichte – die »Nein«-ÜbungSeien Sie ein Kind, seien Sie erwachsenDie Konfrontation Ihrer Eltern»Es ist Zeit, mit den Täuschungen aufzuhören«Man rennt gegen eine WandDie Konfrontation des stummen Partners»Wir müssen weiterleben«ReifeprüfungEin neuer Mensch
15. Den Teufelskreis durchbrechen
»Ich kann für meine Kinder da sein«»Ich habe geschworen, nicht so zu werden wie mein Vater«»Meine Kinder sollen nicht mit einem Alkoholiker aufwachsen«»Ich will meinem Kind nicht weh tun«»Ich lasse meine Kinder nie allein bei meinem Vater«»Es tut mir leid, dir weh getan zu haben«
Epilog: Wie man den Kampf beendet
LoslassenLiebe – neu definiertSelbstvertrauen
Nachbemerkung des deutschen VerlagsWeiterführende LiteraturDanksagungCopyright

Einführung

»Klar, mein Vater hat mich immer verprügelt, aber nur, damit ich gehorchte. Ich kapiere nicht, was das mit meiner kaputten Ehe zu tun haben soll.«

Gordon

Gordon, 38, ist ein erfolgreicher Orthopäde, der zu mir kam, als seine Frau ihn nach sechsjähriger Ehe zu verlassen drohte. Er versuchte verzweifelt, sie zurückzugewinnen, aber sie wollte es nicht einmal in Erwägung ziehen, wenn er nicht professionelle Hilfe suchte, um sein unkontrollierbares Temperament zu zügeln. Sie hatte Angst vor seinen unvermittelten Ausbrüchen und fühlte sich durch seine unausgesetzte Kritik ausgelaugt. Gordon wußte zwar, daß er oft aufbrauste und unaufhörlich meckerte, aber dennoch war er schockiert, als seine Frau ihn verließ.

Ich bat Gordon, mir von sich zu erzählen, und stellte ein paar gezielte Fragen. Als wir auf seine Eltern kamen, lächelte er und schilderte sie mir in den glühendsten Farben, besonders seinen Vater, einen bekannten Herzspezialisten:

»Ohne ihn wäre ich wohl nicht Arzt geworden. Er ist der Größte. Seine Patienten halten ihn für einen Heiligen.«

Als ich ihn aber nach seiner heutigen Beziehung zum Vater fragte, lachte er nervös und antwortete:

»Alles war großartig… bis ich ihm sagte, daß ich überlege, mich mit ganzheitlicher Medizin zu befassen. Man hätte meinen können, ich hätte gesagt, ich wolle Massenmörder werden. Das war vor drei Monaten, und jedesmal, wenn wir nun miteinander reden, wütet er, daß er mich nicht habe Medizin studieren lassen, damit ich zum Wunderheiler würde. Gestern war es wirklich schlimm. Er regte sich auf und meinte, ich sei die längste Zeit sein Sohn gewesen. Das hat wirklich weh getan. Ich weiß nicht – vielleicht ist ganzheitliche Medizin doch keine so gute Idee.«

Während Gordon seinen Vater beschrieb, der offensichtlich doch nicht so wunderbar war, wie er mir einreden wollte, bemerkte ich, daß er seine Hände sehr aufgeregt umeinanderschlang. Als ihm auffiel, was er tat, nahm er sich zusammen, indem er die Fingerspitzen aneinanderlegte wie ein Professor hinter dem Schreibtisch. Das schien eine Geste zu sein, die er seinem Vater abgeguckt hatte.

Ich fragte Gordon, ob sein Vater immer so tyrannisch gewesen sei.

»Nein, eigentlich nicht. Er brüllte uns zwar ziemlich oft an, und ab und zu bekam ich einen Klaps wie jedes andere Kind. Aber einen Tyrannen würde ich ihn nicht nennen.«

Mir fiel auf, wie er das Wort Klaps aussprach. Irgend etwas veränderte sich in seiner Stimme. Ich fragte ihn danach. Es stellte sich heraus, daß sein Vater ihn zwei – bis dreimal in der Woche mit einem Gürtel geschlagen hatte! Gordon brauchte nicht viel zu tun, um diese Prügel heraufzubeschwören: eine trotzige Antwort, eine nicht besonders gute Note oder ein Vergessen galt als ausgemachtes »Vergehen«. Den Vater scherte nicht, wohin er den Jungen schlug. Gordon erinnerte sich an Schläge auf Rücken, Beine, Arme, Hände und Hinterteil. Ich fragte ihn, wie stark die Schmerzen gewesen seien, die sein Vater ihm zugefügt hatte.

»Es hat nicht geblutet oder so, und hinterher war alles rasch wieder gut. Er mußte mich nur einfach zur Räson bringen.««Aber Sie hatten Angst vor ihm, oder?«

»Ich hatte Todesangst, aber hat man die nicht immer vor seinen Eltern?«

Gordon sah mich nicht an und fühlte sich offensichtlich äußerst unbehaglich. Ich rückte meinen Stuhl näher zu ihm und fuhr sanft fort:

»Ihre Frau ist Kinderärztin. Wenn sie in ihrer Praxis ein Kind mit den gleichen Flecken am Körper sähe, die Sie von den ›Klapsen‹ Ihres Vaters zurückbehalten haben, wäre sie da nicht dem Gesetz nach verpflichtet, dies den zuständigen Behörden zu melden?«

Gordon brauchte mir darauf keine Antwort zu geben. Seine Augen füllten sich bei dieser Erkenntnis mit Tränen. Er flüsterte:

»Ich habe einen schrecklichen Knoten im Magen.«

Gordons Verteidigungsmechanismen waren zusammengebrochen. Er litt zwar stark, doch zum ersten Mal hatte er die lange verschüttete Quelle seiner Unbeherrschtheit aufgedeckt. Seit seiner Kindheit hatte in ihm ein Vulkan des Zorns gegen seinen Vater getobt, und wann immer der Druck zu stark geworden war, brach er aus und wütete gegen jeden, der ihm gerade über den Weg lief, für gewöhnlich seine Frau. Mir wurde klar, was wir tun mußten: den geschlagenen kleinen Jungen in ihm heilen.

Als ich an jenem Abend nach Hause kam, dachte ich immer noch über Gordon nach. Ich sah vor mir, wie seine Augen sich bei der Erkenntnis, daß er mißhandelt worden war, mit Tränen füllten. Ich dachte an die Hunderte von erwachsenen Männern und Frauen, mit denen ich gearbeitet hatte und deren tagtägliches Leben von Mustern beeinflußt wurde, die in der Kindheit von emotional destruktiven Eltern gesetzt worden waren. Mir wurde klar, daß es Millionen von ihnen geben mußte und daß sie keine Ahnung hatten, warum etwas in ihrem Leben nicht stimmte. Doch man konnte ihnen helfen. Daraufhin beschloß ich, dieses Buch zu schreiben.

Warum in die Vergangenheit blicken?

Gordons Geschichte ist nicht ungewöhnlich. Ich habe in achtzehn Jahren als Therapeutin Tausende von Patienten gesehen, in meiner Privatpraxis und in Krankenhausgruppen, und die Selbstachtung einer deutlichen Mehrheit war beeinträchtigt, weil ein Elternteil regelmäßig schlug, kritisierte oder darüber »scherzte«, wie dumm, häßlich oder ungewollt ihre Kinder seien. Oder sie wurden mit Schuldgefühlen überladen, sexuell mißhandelt, mit zuviel Verantwortung belastet oder zu sehr beschützt. Wie Gordon sehen nur wenige die Verbindung zwischen dem Verhalten ihrer Eltern und ihren Problemen. Es handelt sich um einen weitverbreiteten emotionalen »blinden Fleck«. Wir haben einfach Schwierigkeiten zu erkennen, daß die Beziehung zu den Eltern unser gesamtes Leben entscheidend beeinflußt.

Der Schwerpunkt vieler Therapeuten, der ursprünglich stark zur Analyse der frühen Lebensjahre neigte, hat sich vom »Damals« zum »Hier und Jetzt« bewegt. Die Betonung liegt heute auf der Überprüfung und Veränderung gegenwärtigen Verhaltens, jetziger Beziehungen und Schwierigkeiten. Das hängt wohl auch mit der Weigerung der Klienten zusammen, viel Zeit und Geld in traditionelle Therapien zu investieren, die oftmals nur einen geringen Erfolg haben.

Ich bin eine entschiedene Vertreterin der Kurzzeittherapie, die darauf abzielt, zerstörerische Verhaltensweisen zu ändern. Meine Erfahrung hat mich jedoch gelehrt, daß es nicht ausreicht, nur Symptome zu behandeln. Man muß sich auch um deren Ursachen kümmern. Eine Therapie ist höchst wirksam, wenn sie ein doppeltes Ziel verfolgt: das gegenwärtige selbstzerstörerische Verhalten zu ändern und sich von den Traumata der Vergangenheit abzulösen.

Gordon mußte bestimmte Techniken erlernen, um seine Wut zu zügeln, aber um sich dauerhaft zu ändern und auch unter Belastung keinen Rückfall zu erleben, mußte er zurückgehen und mit dem Leid seiner Kindheit fertig werden.

Unsere Eltern pflanzen sozusagen seelische und emotionale Samenkörner in uns, die mit uns wachsen. In manchen Familien sind es die Samen von Liebe, Respekt und Unabhängigkeit. In anderen sind es jedoch die Samen von Angst, Verpflichtung und Schuld.

Wenn Sie zu dieser zweiten Gruppe gehören, ist dieses Buch für Sie bestimmt. Beim Erwachsenwerden wachsen diese Samenkörner zu unsichtbarem Unkraut, das Ihr Leben so stark durchdringt, wie Sie es sich nie hätten träumen lassen. Seine Ausläufer haben vielleicht Ihre Beziehungen, Ihr Berufsleben oder Ihre Familie beeinträchtigt, gewiß aber haben sie Ihre Selbstachtung und Ihr Selbstvertrauen untergraben.

Dieses Buch möchte Ihnen helfen, das Unkraut zu erkennen und auszujäten.

Was ist eine »vergiftete Kindheit«?

Alle Eltern sind mitunter unzulänglich. Ich habe bei der Erziehung meiner eigenen Kinder schreckliche Fehler begangen, die ihnen (und mir) viel Leid zufügten. Kein Elternteil kann immerzu emotional zur Verfügung stehen. Es ist völlig normal, daß Eltern ihre Kinder ab und zu anschreien. Und die meisten Eltern geben ihren Kindern auch einmal einen Klaps, wenngleich selten. Machen diese Fehler sie schon zu grausamen oder ungeeigneten Eltern?

Natürlich nicht. Eltern sind auch nur Menschen und haben ihre eigenen Probleme. Und die meisten Kinder können einen gelegentlichen Wutausbruch bewältigen, solange sie genug ausgleichende Liebe und Verständnis bekommen.

Aber es gibt viele Eltern, deren negative Verhaltensweisen das Leben ihrer Kinder beherrschen, so daß Schäden entstehen.

Als ich nach einem Begriff suchte, der beschreibt, was diese Eltern auszeichnet, fiel mir wieder »giftig« ein. Sie vergiften die Kindheit, und wie eine giftige Chemikalie verbreitet sich der emotionale Schaden, den diese Eltern zufügen, im Kind und wird mit der Zeit zum Schmerz. Welches Wort wäre besser geeignet als »giftig«, um Eltern zu beschreiben, die ihren Kindern ständig Traumata, Mißhandlungen und Demütigungen zufügen und dies oft über die Kindheit hinaus?

In manchen Fällen braucht es gar keine Beständigkeit elterlicher Gewalt. Sexueller oder körperlicher Mißbrauch etwa können so traumatisch sein, daß ein einziger Vorfall ausreicht, um großen emotionalen Schaden anzurichten.

Leider halten viele elterliche Fürsorge immer noch für etwas, das man aus dem Hut hervorzaubern kann. Unsere Eltern haben sie vorwiegend von ihren Eltern gelernt, und viele der von der Zeit geheiligten Methoden wurden so von einer Generation an die nächste weitergereicht; dabei handelt es sich allzuoft um schlechte Ratschläge, die sich als Weisheit ausgeben (wie: »Wer sein Kind liebt, spart mit der Rute nicht«).

Was giftige Eltern einem Kind antun

Ob die Schläge der Eltern ihre Kinder vergiftet haben, ob sie zu oft allein gelassen wurden, sexuell mißbraucht oder wie ein Dummkopf behandelt worden sind, ständig beschützt oder mit Schuldgefühlen überfrachtet – fast alle Opfer leiden am gleichen Symptom: an beeinträchtigter Selbstachtung, die zu selbstzerstörerischem Verhalten führt. Auf die eine oder andere Weise fühlen sich alle wertlos und halten sich nicht für liebenswert.

Das hängt damit zusammen, daß die Kinder giftiger Eltern sich selbst die Schuld für die Mißhandlungen geben, die sie erdulden mußten. Es ist für ein wehrloses, abhängiges Kind leichter, sich an der Wut des Vaters schuldig zu fühlen, statt die schreckliche Tatsache zu akzeptieren, daß man ihm nicht vertrauen konnte.

Wenn diese Kinder heranwachsen, tragen sie weiterhin an der Bürde aus Schuld – und Minderwertigkeitsgefühlen, so daß es extrem schwierig wird, ein positives Selbstbild herauszubilden.

Der daraus folgende Mangel an Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl kann jeden Aspekt ihres Lebens beeinträchtigen.

Fühlen Sie Ihren seelischen Puls

Es ist nicht immer leicht, festzustellen, ob Ihre Eltern giftig waren oder nicht. Eine große Zahl von Menschen hat eine komplizierte Beziehung zu ihren Eltern. Das allein bedeutet noch nicht, daß die Eltern emotional destruktiv sind. Viele sind sich auch nicht klar darüber, ob sie nun mißhandelt wurden oder einfach »übersensibel« waren.

Ich habe einen Fragebogen entwickelt, um Ihnen zu helfen, diese Frage zu beantworten. Bei einigen Fragen fühlen Sie sich vielleicht unbehaglich oder ängstlich. Das ist normal. Es ist immer schwer, sich zuzugestehen, daß unsere Eltern uns weh getan haben. Vielleicht ist es schmerzlich, aber eine emotionale Reaktion ist etwas sehr Gesundes.

Der Einfachheit halber beziehen sich die Fragen auf beide Eltern, auch wenn die Antwort vielleicht nur mit einem Elternteil zu tun hat.

I. Ihre Beziehung zu den Eltern in der Kindheit

Haben Ihre Eltern Sie als schlecht oder wertlos bezeichnet? Haben sie Ihnen beleidigende Schimpfnamen gegeben? Haben sie Sie beständig kritisiert?Haben Ihre Eltern körperliche Gewalt angewendet, um Sie zu disziplinieren? Wurden Sie mit einem Gürtel, Haarbürsten oder anderen Objekten geschlagen?Haben Ihre Eltern getrunken oder Drogen genommen? Fühlten Sie sich dadurch verwirrt, unbehaglich, ängstlich, verletzt oder beschämt?Waren Ihre Eltern ernsthaft depressiv oder unzugänglich aufgrund emotionaler Probleme, einer seelischen oder körperlichen Krankheit?Mußten Sie sich aufgrund dieser Probleme um Ihre Eltern kümmern?Taten Ihre Eltern irgend etwas, das geheimgehalten werden mußte? Wurden Sie auf irgendeine Weise sexuell belästigt?Hatten Sie meistens Angst vor Ihren Eltern?Hatten Sie Angst, Ihre Wut auf die Eltern auszudrücken?

II. Ihr Leben als Erwachsener

Leben Sie in einer destruktiv geprägten Beziehung?Glauben Sie, daß Sie, wenn Sie jemandem zu nahe kommen, verletzt oder verlassen werden?Erwarten Sie immer das Schlimmste von den Menschen und vom Leben im allgemeinen? Finden Sie es schwierig, zu erkennen, wer Sie sind, was Sie fühlen und was Sie wollen?Haben Sie Angst, daß niemand Sie leiden könnte, wenn man erkennen würde, wie Sie wirklich sind?Haben Sie, wenn Sie Erfolg haben, Angst, jemand könnte herausfinden, daß Sie ein Schwindler sind?Werden Sie oft ohne einen ersichtlichen Grund traurig oder wütend?Sind Sie ein Perfektionist?Finden Sie es schwierig, sich zu entspannen und zu freuen?Finden Sie, daß Sie sich trotz aller gegenteiliger Absichten »wie Ihre Eltern verhalten«?

III. Ihre Beziehung zu den Eltern heute

Behandeln Ihre Eltern Sie immer noch wie ein Kind?Beruhen viele wichtige Entscheidungen in Ihrem Leben darauf, ob sie das Wohlwollen Ihrer Eltern fanden?Erleben Sie intensive emotionale oder körperliche Reaktionen in Erwartung eines Besuchs bei den Eltern oder anschließend?Haben Sie Angst, mit den Eltern nicht einer Meinung zu sein?Manipulieren Ihre Eltern Sie mit Drohungen oder Schuldgefühlen?Manipulieren Ihre Eltern Sie mit Geld?Fühlen Sie sich verantwortlich dafür, wie sich Ihre Eltern fühlen? Halten Sie es für Ihre Schuld, wenn sie unglücklich sind? Ist es Ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, daß es ihnen wieder bessergeht?Glauben Sie, daß nichts gut genug für Ihre Eltern ist, gleichgültig, was Sie auch tun?Glauben Sie, daß sich Ihre Eltern eines Tages zum Besseren verändern werden?

Wenn Sie nur auf ein Drittel dieser Fragen mit Ja geantwortet haben, wird Ihnen dieses Buch helfen können. Auch wenn einige Kapitel scheinbar nichts mit Ihrer Situation zu tun haben, ist es wichtig, zu wissen, daß alle giftigen Eltern, egal, welcher Mißhandlung sie sich bedienen, grundsätzlich die gleichen Narben hinterlassen. Ihre Eltern waren zum Beispiel keine Alkoholiker, aber das Chaos, die Instabilität und der Verlust der Kindheit, die ein alkoholsüchtiges Zuhause charakterisieren, gelten für Kinder aus anderen Familien mit giftigen Eltern ebenso. Die Prinzipien und Techniken der Heilung sind für alle erwachsenen Kinder ähnlich, daher bitte ich Sie, keines der Kapitel zu überschlagen.

Wie befreit man sich vom Erbe einer vergifteten Kindheit?

Wenn Sie eine vergiftete Kindheit hinter sich haben, gibt es viele Wege, Ihr Erbe aus Verzerrungen, Schuldgefühlen und Selbstzweifeln abzuschütteln. Ich werde die verschiedenen Strategien in diesem Buch beschreiben. Und ich möchte Sie bitten, es mit großer Hoffnung zu beginnen, aber nicht mit der Illusion, daß Ihre Eltern sich auf wunderbare Weise ändern, sondern mit der realistischen Hoffnung, daß Sie sich psychologisch von deren mächtigem und destruktivem Einfluß befreien können. Sie müssen nur den Mut dazu aufbringen. Sie können es.

Eine Reihe von Schritten wird diesen Einfluß erkennbar machen und lehren, mit ihm umzugehen, gleich, ob Sie mit Ihren Eltern im Zwist leben, eine höfliche, aber oberflächliche Beziehung unterhalten, sie seit Jahren nicht mehr gesehen haben, oder ob sie bereits gestorben sind!

So seltsam es auch scheint – viele Menschen werden immer noch von ihren Eltern kontrolliert, auch wenn diese längst tot sind. Die Geister, die sie heimsuchen, sind nicht im übernatürlichen Sinne wirklich, aber im psychologischen. Forderungen, Erwartungen und Schuldgefühle können den Tod eines Elternteils überdauern.

Sie haben die Notwendigkeit, sich vom Einfluß Ihrer Eltern zu befreien, vielleicht schon erkannt. Vielleicht haben Sie sie auch schon damit konfrontiert. Eine meiner Klientinnen sagte gern: »Meine Eltern haben keine Kontrolle über mein Leben… ich hasse sie, und das wissen sie.« Aber sie kam zu der Erkenntnis, daß ihre Eltern sie immer noch manipulierten, indem sie ihre Wut anfachten, und die Energie, die sie in diese Wut steckte, fehlte ihr in anderen Bereichen des Lebens. Konfrontation ist ein wichtiger Schritt, aber sie erfordert einen klaren Kopf.

Bin ich nicht selbst dafür verantwortlich, wie ich bin?

Inzwischen denken Sie vielleicht: »Halt mal, fast alle anderen Bücher und Experten sagen, daß ich niemand anderen für meine Probleme verantwortlich machen soll.«

Unsinn. Ihre Eltern sind dafür verantwortlich, was sie Ihnen antaten. Verantwortung für Ihr Erwachsenenleben tragen natürlich Sie, aber dieses Leben wurde überwiegend durch Erfahrungen geprägt, über die Sie keine Kontrolle hatten. Tatsache ist:

Sie sind nicht dafür verantwortlich, was man Ihnen als wehrloses Kind antat!

Sie sind dafür verantwortlich, etwas dagegen zu tun!

Was kann dieses Buch für Sie tun?

Mit diesem Buch stehen Sie am Anfang einer wichtigen Reise. Es handelt sich um eine Entdeckungsreise zur Wahrheit. Danach werden Sie über Ihr Leben besser verfügen als je zuvor. Ich möchte Ihnen keine großartigen Versprechungen machen, daß Ihre Probleme über Nacht verschwinden, aber wenn Sie den Mut und die Kraft aufbringen, die Arbeit mit diesem Buch zu leisten, werden Sie fähig sein, viel von der Macht von ihren Eltern zurückzufordern, auf die Sie als menschliches Wesen Anspruch haben.

Doch diese Arbeit ist mit starken Emotionen verbunden. Wenn Ihre Verteidigungsmechanismen fortfallen, entdecken Sie Gefühle von Wut, Angst, Verletztsein, Verwirrung und von Kummer. Die Zerstörung Ihres lebenslangen Elternbildes kann starke Gefühle von Verlust und Verlassenwerden auslösen. Ich möchte, daß Sie das Material in diesem Buch in Ihrem eigenen Tempo angehen. Wenn einiges davon Ihnen Unbehagen bereitet, nehmen Sie sich Zeit. Wichtig ist der Fortschritt, nicht das Tempo.

Zur Verdeutlichung meiner Vorstellungen habe ich ausführliche Fallbeispiele aus meiner Praxis zitiert. Einige wurden direkt von Tonbandaufzeichnungen übertragen, andere aus schriftlichen Notizen rekonstruiert. Alle Briefe in diesem Buch entstammen meinen Akten und werden in ihrer Originalfassung wiedergegeben. Die nicht aufgezeichneten Therapiestunden, die ich rekonstruierte, stehen mir noch lebhaft vor Augen, und ich habe mir große Mühe gegeben, sie möglichst genau wiederzugeben. Aus rechtlichen Gründen wurden die Namen und näheren Umstände verändert, aber nie wurde »dramatisiert«.

Manche Fälle scheinen sehr dramatisch, sind aber in Wirklichkeit typisch. Ich habe nicht nach den provokativsten oder theatralischsten Beispielen gesucht, sondern eher solche ausgewählt, die den therapeutischen Alltag repräsentieren. Die in diesem Buch angesprochenen Themen stellen keine Abweichungen von der Normalität dar, sondern deren Bestandteil.

Das Buch besteht aus zwei Teilen. Im ersten untersuchen wir, wie die verschiedenen Typen giftiger Eltern sich verhalten. Wir erforschen die verschiedenen Methoden, mit denen die Eltern Ihnen weh taten und immer noch Leid zufügen. Dieses Verständnis bereitet auf den zweiten Teil vor, in dem ich bestimmte Verhaltenstechniken schildere, um Ihnen zu ermöglichen, das Machtgleichgewicht in der Beziehung zu Ihren giftigen Eltern wiederherzustellen.

Der Prozeß, die negative Macht der Eltern zu verringern, ist ein allmählicher. Doch dabei wird schließlich Ihre innere Kraft freigesetzt, das Selbst, das in all den Jahren verborgen blieb, die einzigartige, liebende Person, die Sie eigentlich werden sollten. Wir versuchen gemeinsam, diese Person zu befreien, damit Sie endlich selbst über Ihr Leben verfügen.

Erster Teil

Vergiftete Kindheit

1. Allmächtige Eltern

Der Mythos elterlicher Perfektion

Die alten Griechen hatten ein Problem. Die Götter blickten von ihrem ätherischen Spielplatz auf dem Olymp auf sie herab und beurteilten alles, was die Griechen so gerade taten. Und wenn es den Göttern mißfiel, geizten sie nicht mit Strafen. Sie brauchten nicht freundlich zu sein, sie brauchten nicht gerecht zu sein, sie brauchten nicht einmal recht zu haben. Sie konnten sogar absolut unvernünftig sein. Aus einer Laune heraus konnten sie die Menschen in ein Echo verwandeln oder bis in alle Ewigkeit einen Felsbrocken bergan rollen lassen. Man braucht kaum zu erwähnen, daß die Unberechenbarkeit dieser Götter ziemlich viel Angst und Verwirrung unter ihrem sterblichen Gefolge hervorrief.

So ähnlich geht es in vielen Beziehungen zwischen Kindern und ihren giftigen Eltern zu. Ein unberechenbarer Elternteil ist in den Augen eines Kindes ein furchterregender Gott.

Wenn wir klein sind, bedeuten die gottähnlichen Eltern alles für uns. Ohne sie wären wir ohne Liebe, ungeschützt, ohne Zuhause und Nahrung und müßten in beständigem Schrecken leben, weil wir allein nicht überleben könnten. Sie sind unsere allmächtigen Versorger. Was immer wir brauchen, sie stellen es zur Verfügung.

Da nichts und niemand sich gegen sie stellen kann, glauben wir, sie seien perfekt. Wenn sich unsere Welt über das Bettchen hinaus ausweitet, müssen wir dieses Bild von Perfektion als Schutzmechanismus gegen die großen Unbekannten, denen wir immer häufiger begegnen, aufrechterhalten. Solange wir unsere Eltern für perfekt halten, fühlen wir uns beschützt. Im zweiten und dritten Lebensjahr jedoch beginnen wir, unsere Unabhängigkeit zu behaupten. Wir widersetzen uns der Sauberkeitserziehung und ergehen uns in der »Trotzphase«. Wir genießen das Wort »nein«, weil es uns ermöglicht, etwas Kontrolle über unser Leben zu gewinnen, während »ja« einfach Nachgeben bedeutet. Wir kämpfen um unsere Identität und etablieren einen eigenen Willen.

Der Prozeß der Loslösung von den Eltern erreicht während der Pubertät und Adoleszenz den Höhepunkt, wenn wir aktiv elterliche Werte, Neigungen und Autorität herausfordern. In einer einigermaßen stabilen Familie können die Eltern die Ängste aushalten, die diese Veränderungen hervorrufen. Sie werden überwiegend versuchen, die sich herausschälende Unabhängigkeit des Kindes zu tolerieren, wenn nicht sogar zu ermutigen. Der Satz: »Das geht vorüber« wird zur Standardphrase verständnisvoller Eltern. Sie erinnern sich an ihre eigenen Teenagerjahre und akzeptieren Rebellion als normales Stadium emotionaler Entwicklung.

Doch giftige Eltern sind nicht so verständnisvoll. Von der Sauberkeitserziehung bis zur Adoleszenz neigen sie dazu, Rebellion oder selbst individuelle Unterschiede als persönlichen Angriff zu betrachten. Sie verteidigen sich, indem sie die Abhängigkeit und Hilflosigkeit ihres Kindes bestätigen. Statt eine gesunde Entwicklung zu fördern, untergraben sie diese oft unbewußt, häufig in dem Glauben, im Interesse des Kindes zu handeln. Sie bedienen sich vielleicht Phrasen wie: »Das formt den Charakter«, oder: »Sie muß lernen, gut und böse zu unterscheiden«, doch damit schaden sie in Wirklichkeit der Selbstachtung des Kindes und beeinträchtigen die aufkeimende Unabhängigkeit. Gleich, wie sehr die Eltern sich im Recht glauben, diese Haltung verwirrt ein Kind, erstaunt es mit ihrer Feindseligkeit, ihrer Heftigkeit und Unvermitteltheit.

Gesellschaften und Religionen sind sich einig darin, daß die Allmacht elterlicher Autorität aufrechterhalten werden sollte. Man darf Mann, Frau, Liebhaber, Geschwistern, Arbeitgebern und Freunden gegenüber Wut zeigen, aber es gilt fast als Tabu, selbstsicher mit unseren Eltern umzugehen. Wie oft haben wir den Satz gehört: »Gib deiner Mutter keine Widerworte«, oder: »Wage es nicht, deinen Vater anzubrüllen.« Die jüdäisch-christliche Tradition inthronisierte dieses Tabu in unserem kollektiven Unbewußten, indem sie einen »Gottvater« aufstellte und uns anleitete »Vater und Mutter zu ehren«. Dieser Gedanke findet seinen Ausdruck in Schulen, Kirchen, der Regierung (»Rückkehr zu alten Familienwerten«) und selbst in großen Firmen. Konventioneller Weisheit zufolge haben unsere Eltern die Macht, uns zu kontrollieren, einfach, weil sie uns das Leben schenkten.

Das Kind ist der Gnade seiner gottähnlichen Eltern ausgeliefert und weiß wie die alten Griechen nie, wann der nächste Blitz einschlägt. Doch ein Kind giftiger Eltern weiß, daß der Blitz früher oder später kommen wird. Diese Angst gräbt sich tief ein und wächst mit dem Kind. Im Herzen eines jeden früh mißhandelten Menschen – selbst bei sehr erfolgreichen Erwachsenen – sitzt ein kleines Kind, das sich machtlos und ängstlich fühlt.

Der Preis für das Wohlwollen der Götter

Wenn die Selbstachtung eines Kindes untergraben wird, nimmt seine Abhängigkeit zu und damit die Notwendigkeit, zu glauben, die Eltern seien zu seinem Schutz und seiner Versorgung da. Emotionale Angriffe oder körperliche Mißhandlungen ergeben für ein Kind nur einen Sinn, wenn es die Verantwortung für das giftige Verhalten der Eltern übernimmt.

Wie giftig sich die Eltern auch verhalten, man hat immer noch das Bedürfnis, sie zu vergöttern. Auch wenn man auf einer bestimmten Ebene verstanden hat, daß es falsch vom Vater war, einen zu schlagen, glaubt man vielleicht immer noch, daß er im Recht war. Intellektuelles Begreifen reicht nicht aus, um unsere Emotionen zu überzeugen, daß man nicht verantwortlich war.

Einer meiner Klienten formulierte es so: »Ich hielt sie für perfekt, und wenn sie mich schlecht behandelten, dachte ich, ich sei schlecht.«

Dieser Glaube an gottähnliche Eltern kennt zwei zentrale Doktrinen:

»Ich bin schlecht, und meine Eltern sind gut.«»Ich bin schwach, und meine Eltern sind stark.«

Diese tief verwurzelten Überzeugungen können unsere körperliche Abhängigkeit von den Eltern lange überleben. Diese Überzeugungen erhalten den Glauben an sie aufrecht, sie ermöglichen es, die schmerzliche Wahrheit zu meiden, daß die allmächtigen Eltern tatsächlich einen Verrat begingen, als man am verletzlichsten war. Der erste Schritt, Ihr Leben zu kontrollieren, besteht also darin, diese Wahrheit zu akzeptieren. Dazu braucht man Mut, aber mit dem Lesen dieses Buches haben Sie sich bereits zur Änderung entschlossen, und auch das hat Mut gekostet.

»Sie lassen mich nie vergessen, daß ich ihnen Schande gemacht habe«

Sandy, eine auffallend gutaussehende Brünette, die scheinbar alles im Leben erreicht hatte, war ernsthaft depressiv, als sie zum ersten Mal zu mir kam. Sie sagte, sie sei über alles in ihrem Leben unglücklich. Sie war seit mehreren Jahren Floristin in einem vornehmen Geschäft. Sie hatte immer davon geträumt, einmal einen eigenen Laden aufzumachen, war jedoch überzeugt, dazu nicht clever genug zu sein. Sie hatte schreckliche Angst davor, zu versagen.

Sandy versuchte auch seit mehr als zwei Jahren schwanger zu werden, aber ohne Erfolg. Bei unserem Gespräch fiel mir auf, daß sie deswegen ihren Mann vehement ablehnte und sich in der Beziehung zu ihm unterlegen fühlte, obwohl ihr Mann aufrichtig verständnisvoll und liebevoll schien. Eine vor kurzem stattgefundene Unterhaltung mit ihrer Mutter hatte ihren Zustand verschärft:

»Kinderkriegen ist bei mir zur richtigen Obsession geworden. Als ich mit meiner Mutter neulich zum Essen war, erzählte ich ihr, wie enttäuscht ich sei. Da sagte sie: ›Ich wette, das liegt an der Abtreibung. Der Herr geht manchmal seltsame Wege.‹ Ich kann seitdem nicht mehr aufhören zu weinen. Sie läßt mich das niemals vergessen.«

Ich fragte sie nach der Abtreibung. Nach anfänglichem Zögern erzählte sie mir die Geschichte:

»Es passierte, als ich noch auf die Oberschule ging. Meine Eltern waren sehr strenge Katholiken, daher ging ich in die kirchliche Schule. Ich war frühreif und mit zwölf schon 1,70 groß, wog hundertzwanzig Pfund und trug einen Büstenhalter. Die Jungen wurden auf mich aufmerksam, und das gefiel mir sehr. Meinen Vater machte es fast verrückt. Als er mich das erste Mal erwischte, wie ich einen Jungen zum Abschied küßte, nannte er mich so laut eine Hure, daß die ganze Nachbarschaft es hörte. Wir wohnten auf einem Hügel. Jedesmal, wenn ich mich verabredet hatte, verkündete Papa, ich käme in die Hölle. Er hörte nie damit auf. Ich dachte, ich sei sowieso verdammt, daher habe ich mit fünfzehn mit diesem Jungen geschlafen. Mein Pech, daß ich schwanger wurde. Als meine Eltern das herausfanden, war die Hölle los. Als ich ihnen dann noch sagte, ich wolle eine Abtreibung, haben sie völlig den Verstand verloren. Sie haben wohl tausendmal ›Todsünde‹ geschrien. Wenn ich nicht sowieso schon in die Hölle käme, würde es nun sicher passieren. Erst als ich mit Selbstmord drohte, haben sie ihre Zustimmung gegeben.«

Ich fragte Sandy, wie es ihr nach der Abtreibung gegangen sei. Sie sackte in ihrem Sessel zusammen und sah so niedergeschlagen aus, daß mir das Herz weh tat.

»Wie in alle Ewigkeit verdammt. Pa hatte mir schon vorher das Gefühl gegeben, schrecklich zu sein, aber jetzt dachte ich nur noch, ich hätte überhaupt kein Recht mehr zu leben. Je beschämter ich wurde, desto mehr versuchte ich, alles wiedergutzumachen. Ich wollte einfach die Uhr zurückdrehen, um die Liebe wieder zu bekommen, die sie mir gegeben hatten, als ich noch klein war. Aber sie haben nicht eine einzige Gelegenheit versäumt, darauf herumzureiten. Wie eine kaputte Platte haben sie immer wiederholt, was ich getan, welche Schande ich ihnen bereitet hätte. Ich kann ihnen keinen Vorwurf machen. Ich hätte es nie tun sollen – ich meine, sie hatten so hohe moralische Erwartungen an mich. Und jetzt will ich es wiedergutmachen, weil ich sie mit meinen Sünden so verletzt habe. Ich tue alles, was sie von mir verlangen. Meinen Mann macht das verrückt. Wir haben Riesenkräche deswegen. Ich will aber einfach nur, daß sie mir vergeben.«

Als ich dieser hübschen jungen Frau zuhörte, war ich sehr betroffen von dem Leid, das die Eltern ihr durch ihr Verhalten zugefügt hatten, und davon, wie nötig sie es hatte, die Verantwortung für dieses Leid abzugeben. Sie schien mich fast verzweifelt davon überzeugen zu wollen, daß alles Geschehene einzig ihre Schuld gewesen sei. Sandys Selbstvorwürfe wurden durch die unnachgiebigen religiösen Überzeugungen ihrer Eltern verstärkt. Ich wußte, welche Arbeit auf mich zukam, wenn ich Sandy zeigen wollte, wie grausam und emotional mißhandelnd ihre Eltern gewesen waren. Ich gelangte zu der Überzeugung, daß es nicht angemessen wäre, mich neutral zu verhalten.

Susan: »Wissen Sie was? Ich bin richtig wütend. Ich glaube, Ihre Eltern waren schrecklich zu Ihnen. Ich glaube, sie mißbrauchten ihre Religion, um Sie zu bestrafen. Ich glaube nicht, daß Sie das verdienten.«

Sandy: »Ich habe aber zwei Todsünden begangen!«

Susan: »Aber Sie waren doch noch ein Kind. Vielleicht haben Sie Fehler begangen, aber Sie brauchen doch nicht bis in alle Ewigkeit dafür zu bezahlen. Selbst die Kirche begnügt sich mit einer Abbitte und erlaubt es, weiter zu leben. Wenn Ihre Eltern so gut wären, wie Sie sagen, hätten Sie Mitleid mit Ihnen gehabt.«

Sandy: »Sie versuchten, meine Seele zu retten. Wenn sie mich nicht so sehr liebten, wäre es ihnen egal gewesen.

Susan: »Betrachten wir es einmal aus einer anderen Perspektive. Wenn Sie nun keine Abtreibung gehabt und eine Tochter bekommen hätten. Sie wäre jetzt etwa sechzehn, nicht wahr?«

Sandy nickte und versuchte, herauszubekommen, was ich von ihr wollte.

Susan: »Und wenn sie nun schwanger würde. Würden Sie sie so behandeln, wie Ihre Eltern Sie behandelt haben?«

Sandy: »Nicht in einer Million Jahren!«

Dann merkte sie, was sie gerade gesagt hatte.

Susan: »Sie wären liebevoller. Und Ihre Eltern hätten auch liebevoller sein sollen. Ihre Eltern sind gescheitert, nicht Sie.«

Sandy hatte ihr halbes Leben damit zugebracht, eine komplizierte Mauer der Verteidigung aufzurichten. Solche Verteidigungsmauern sind bei erwachsenen Kindern giftiger Eltern nicht ungewöhnlich. Sie können aus einer Vielzahl psychologischer Bausteine bestehen, doch die häufigsten, das Grundmaterial, aus der auch Sandys Mauer bestand, war ein besonders harter Stein, genannt »Verleugnung«.

Die Macht der Verleugnung

Verleugnung ist die primitivste und mächtigste psychologische Verteidigungsbarriere. Sie benutzt eine Scheinrealität, um die Folgen einer bestimmten schmerzlichen Lebenserfahrung zu beschönigen oder zu verdrängen. Sie läßt uns sogar vergessen, was unsere Eltern uns antaten, und erlaubt uns, sie auf ihrem Podest stehenzulassen.

Die durch Verleugnung erlangte Erleichterung ist bestenfalls temporär, und der Preis für diese Erleichterung ist hoch. Verleugnung ist der Deckel auf unserem emotionalen Dampfkochtopf: Je länger wir ihn draufhalten, um so stärker wird der Druck. Früher oder später wird der Druck den Deckel absprengen, und es kommt zu einer emotionalen Krise. Dann werden wir mit den Wahrheiten konfrontiert, die wir so verzweifelt vermeiden wollten, doch jetzt müssen wir uns ihnen in einer extremen Streß-Situation stellen. Wenn wir mit der Verleugnung schon vorher offen umgingen, könnten wir die Krise vermeiden, indem wir das Druckventil öffnen und den Dampf leicht ablassen.

Leider ist unsere eigene Verleugnung nicht die einzige, mit der wir es zu tun haben. Die Eltern haben ihre eigenen Verleugnungssysteme. Wenn man sich abmüht, die Wahrheit über die Vergangenheit zu rekonstruieren, besonders, wenn sie bei dieser Wahrheit schlecht wegkommen, bestehen die Eltern vielleicht darauf, daß »alles gar nicht so schlecht« war. »Es war doch ganz anders«, oder gar: »Das ist doch gar nicht passiert!« Solche Bemerkungen können Ihre Versuche, die Vergangenheit zu rekonstruieren, nachhaltig behindern und dazu führen, die eigene Erinnerung und Eindrücke in Frage zu stellen. Sie untergraben Ihr Vertrauen in Ihre eigene Wahrnehmungsfähigkeit und machen es noch schwerer, Ihre Selbstachtung aufzubauen.

Sandys Verleugnung war so stark, daß sie nicht nur ihre eigene Realität nicht erkennen, sondern nicht einmal akzeptieren konnte, daß es eine andere Realität gab. Ich hatte Mitleid mit ihrem Schmerz, aber ich mußte sie zumindest dazu bringen, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, ein falsches Bild von den Eltern zu haben. Ich versuchte, sowenig bedrohlich wie möglich zu klingen:

»Ich respektiere die Tatsache, daß Sie Ihre Eltern lieben und für gute Menschen halten. Ich bin sicher, sie haben viel Gutes für Sie getan, als sie heranwuchsen. Aber es gibt einen Teil in Ihnen, der weiß oder zumindest spürt, daß liebevolle Eltern die Würde und die Selbstachtung ihres Kindes nicht so gnadenlos angreifen. Ich will Sie Ihren Eltern oder Ihrer Religion nicht entfremden. Sie brauchen sie nicht zu verlassen oder Ihrer Religion abzuschwören. Aber ein großer Teil der Heilung von Ihrer Depression kann davon abhängen, die Phantasie aufzugeben, daß ihre Eltern perfekt sind. Sie haben Sie grausam behandelt. Sie haben Ihnen weh getan. Was immer Sie taten, war ja bereits geschehen. Keine Schimpferei konnte noch etwas daran ändern. Können Sie nicht sehen, wie stark Ihre Eltern das empfindliche junge Mädchen in Ihnen verletzten? Und wie unnötig das war?«

Sandys »Ja« war kaum vernehmbar. Ich fragte sie, ob es ihr angst mache, darüber nachzudenken. Sie nickte bloß, unfähig, über die Stärke ihrer Furcht zu reden. Aber sie war mutig genug, durchzuhalten.

Die hoffnungslose Hoffnung

Nach zwei Monaten machte Sandy Fortschritte, klammerte sich aber immer noch an den Mythos der perfekten Eltern. Erst nach der Zerstörung dieses Mythos würde sie aufhören, sich das Unglück in ihrem Leben zum Vorwurf zu machen. Ich bat sie, ihre Eltern mit zu einer Therapie zu bringen, weil ich hoffte, daß sie einsehen würden, wie stark ihr Verhalten Sandys Leben beeinflußt hatte. Wenn sie einen Teil ihrer Verantwortung zugäben, fiele es Sandy leichter, ihr negatives Selbstbild zu korrigieren.

Als sie dann kamen, hatten wir kaum Zeit, einander bekannt zu machen. Ihr Vater platzte sofort heraus.

»Sie haben ja keine Ahnung, was für ein schlimmes Kind sie war, Frau Doktor. Sie war nach allen Männern verrückt und führte sie an der Nase herum. Alle ihre heutigen Probleme haben mit dieser verdammten Abtreibung zu tun.«

Ich sah, daß in Sandys Augen Tränen aufstiegen, und versuchte, sie zu verteidigen:

»Das ist nicht der Grund, warum Sandy Probleme hat, und ich habe Sie nicht hergebeten, mir eine Liste all ihrer Verbrechen aufzusagen. Es führt zu nichts, wenn Sie nur dazu gekommen sind.«

Es klappte nicht. Die ganze Sitzung lang wechselten sich Sandys Eltern ab, die Tochter anzugreifen, trotz meiner wiederholten Ermahnungen. Es war eine lange Stunde. Nachdem sie gegangen waren, beeilte sich Sandy, sie zu entschuldigen:

»Ich weiß, sie haben heute wirklich nichts für mich getan, aber ich hoffe, Sie mögen sie trotzdem leiden. Sie sind wirklich gute Menschen, aber sie wirkten ein wenig nervös. Vielleicht hätte ich sie nicht herbitten sollen… das hat sie vermutlich aufgeregt. An so was sind sie nicht gewöhnt. Doch sie haben mich wirklich lieb… geben Sie ihnen einfach ein bißchen Zeit, und dann wird es schon.«

Diese Sitzung und ein paar folgende mit Sandys Eltern bewiesen eindeutig, wie engstirnig sie allem gegenüberstanden, was ihr Bild von Sandys Problemen erschüttern konnte. Zu keinem Zeitpunkt waren sie bereit, auch nur einen Teil Verantwortung für ihr Problem auf sich zu nehmen, und Sandy hob sie immer noch in den Himmel.

Für viele Kinder giftiger Eltern ist Verleugnung ein einfacher, unbewußter Prozeß, bestimmte Ereignisse und Gefühle aus dem Bewußtsein zu vertreiben und so zu tun, als seien sie nie geschehen. Doch andere, wie Sandy, versuchen es subtiler, mit Rationalisierung. Wenn wir rationalisieren, benutzen wir »gute Gründe«, um wegzuerklären, was schmerzlich und unangenehm war.

Hier ein paar typische Rationalisierungen:

– Mein Vater hat mich nur angeschrien, weil meine Mutter immer an ihm herumgenörgelt hat.– Meine Mutter trank nur, weil sie einsam war. Ich hätte öfter bei ihr zu Hause bleiben sollen.– Mein Vater hat mich geschlagen, aber er wollte mir nicht weh tun. Er wollte mir nur eine Lektion erteilen.– Meine Mutter hat mich nie beachtet, weil sie so unglücklich war.– Ich kann meinem Vater keinen Vorwurf machen, mich sexuell belästigt zu haben. Meine Mutter weigerte sich, mit ihm zu schlafen, und Männer brauchen nun einmal Sex.

All diese Rationalisierungen haben eines gemeinsam: Sie dienen dazu, das Unakzeptierbare akzeptabel zu machen. Oberflächlich gesehen, scheint es zu funktionieren, aber etwas in den Kindern kennt immer die Wahrheit.

»Er hat es nur getan, weil…

Louise, eine kleine Frau von Mitte Vierzig mit rötlichen Haaren, wurde von ihrem dritten Ehemann geschieden. Sie kam auf Drängen ihrer erwachsenen Tocher zur Therapie, die drohte, die Beziehung zur Mutter abzubrechen, wenn sie nicht etwas gegen ihre unkontrollierte Feindseligkeit unternähme.

Als ich Louise zum ersten Mal sah, sprachen ihre extrem starre Haltung und der zusammengepreßte Mund Bände. Sie war ein Vulkan unterdrückter Wut. Ich fragte sie nach ihrer Scheidung, und sie antwortete, die Männer in ihrem Leben würden sie immer verlassen, der letzte Mann sei nur ein weiteres Beispiel dafür.

»Ich gehöre zu diesen Frauen, die sich immer den Falschen aussuchen. Am Anfang einer jeden Beziehung ist alles phantastisch, aber ich weiß schon, daß das nicht andauert.«

Ich hörte genau zu, während Louise sich darüber ausließ, daß alle Männer Schweinehunde seien. Dann begann sie, die Männer in ihrem Leben mit ihrem Vater zu vergleichen:

»Gott, warum kann ich nicht einen wie meinen Vater finden? Der sah aus wie ein Filmstar… alle Leute beteten ihn an. Er hatte so ein Charisma, das ihn sehr anziehend machte. Meine Mutter war oft krank, und dann führte mich mein Vater aus – nur er und ich. Das war die schönste Zeit meines Lebens. Meinem Vater kann einfach keiner das Wasser reichen.«

Ich fragte sie, ob ihr Vater noch lebte, und Louise verspannte sich stark bei ihrer Antwort:

»Ich weiß es nicht. Er verschwand einfach eines Tages. Ich war da etwa zehn. Meine Mutter war sehr gemein zu ihm, und eines Tages machte er sich einfach aus dem Staub. Kein Brief, kein Anruf, nichts. Gott, wie habe ich ihn vermißt! Noch ein Jahr später glaubte ich jeden Abend, sein Auto auf der Straße vorm Haus zu hören. Ich kann ihm eigentlich keinen Vorwurf machen. Er war sehr lebenslustig. Wer wollte schon an eine kranke Frau und einen Balg gebunden bleiben?«

Louise wartete ihr Leben lang auf ihren idealisierten Vater. Sie konnte die Grausamkeit und Unverantwortlichkeit seines Verhaltens nicht erkennen und benutzte ausgefeilte Rationalisierungen, um ihn weiterhin als Gott betrachten zu können – trotz des unaussprechlichen Schmerzes, den sein Verhalten in ihr ausgelöst hat.

Ihre Rationalisierungen ermöglichten es ihr auch, ihre Wut auf ihn zu verleugnen. Leider fand diese Wut ein Ventil in ihren anderen Beziehungen mit Männern. Jedesmal, wenn sie sich mit einem Mann einließ, lief alles eine Weile gut. Doch wenn sie ihn näher kennenlernte, geriet ihre Angst vor dem Verlassenwerden außer Kontrolle. Diese Angst verwandelte sich unweigerlich in Feindseligkeit. Sie konnte das Muster nicht erkennen, nach dem der Mann sie verließ: Je näher man ihr kam, um so feindseliger wurde sie. Statt dessen bestand sie darauf, ihre Feindseligkeit sei durch die Tatsache gerechtfertigt, daß sie immer verlassen würde.

Wut, wo Wut am Platz ist

Eines meiner Psychologielehrbücher enthielt eine Reihe von Illustrationen, wie Menschen Gefühle verlagern – besonders aber Wut. Das erste Bild zeigte einen Mann, der von seinem Chef angeschrien wird. Offensichtlich kann der Mann es sich nicht leisten, zurückzubrüllen, daher zeigte das zweite Bild, wie er seine Wut verlagert und seine Frau anschreit, als er nach Hause kommt. Das dritte zeigt, wie die Frau die Kinder ausschimpft. Die Kinder treten den Hund, der Hund beißt die Katze. Mich hat an dieser Bilderreihe beeindruckt, daß sie trotz ihrer scheinbaren Schlichtheit ein genaues Bild davon vermittelt, wie starke Gefühle übertragen werden können.

Louises Meinung über Männer ist ein perfektes Beispiel dafür. »Das sind feige Hunde, alle. Man kann ihnen einfach nicht vertrauen. Immer geben sie es einem zurück. Ich bin es restlos leid, von Männern ausgenutzt zu werden.«

Louises Vater hatte sie verlassen. Wenn sie diese Tatsache anerkennen würde, müßte sie die geliebten Phantasien und das gottähnliche Bild von ihm aufgeben. Sie müßte ihn gehen lassen. Statt dessen verlagert sie ihre Wut und das Mißtrauen gegen den Vater auf andere Männer.

Ohne sich dessen bewußt zu sein, suchte sich Louise ständig Männer, die sie so behandelten, daß sie sowohl enttäuscht als auch wütend wurde. Solange sie ihre Wut auf Männer im allgemeinen auslassen konnte, brauchte sie die Wut auf den Vater nicht zuzulassen.

Sandy verlagerte die Wut und die Enttäuschung, die sie gegenüber den Eltern empfand, auf ihren Mann, weil sie die Eltern während ihrer Schwangerschaft und Abtreibung so schlecht behandelt hatten. Sie konnte nicht zulassen, wütend auf die Eltern zu sein – das hätte ihre Vergötterung der Eltern zu stark bedroht.

Man spricht nicht schlecht über Tote

Der Tod beendet eine Vergötterung giftiger Eltern nicht, sondern verstärkt sie.

Es ist schwer, den Schaden zu akzeptieren, den ein lebender Elternteil einem zugefügt hat, doch es ist unendlich schwerer, die Eltern zu beschuldigen, nachdem sie gestorben sind. Es besteht ein starkes Tabu gegen die Kritiken an Toten, als würde man sie treten, wenn sie schon im Grab liegen. Deshalb verleiht der Tod selbst dem schlimmsten Mißhandler eine Art Heiligenschein. Gestorbene Eltern werden fast automatisch vergöttert.

Während die Unantastbarkeit des Grabes die giftigen Eltern schützt, sind die Überlebenden leider mit den emotionalen Resten belastet. »Sprich nicht schlecht über einen Toten«, heißt die geliebte Platitüde, doch oft verhindert sie die realistische Lösung von Konflikten mit gestorbenen Eltern.

»Du wirst immer meine kleine Versagerin bleiben«

Valerie, eine hochgewachsene Musikerin von Ende Dreißig mit feingeschnittenen Gesichtszügen, wurde von einem gemeinsamen Freund, der sich Sorgen machte, ihr Mangel an Selbstvertrauen würde einer erfolgreichen Gesangskarriere im Weg stehen, an mich verwiesen. Etwa eine Viertelstunde nach Beginn unserer ersten Sitzung gab Valerie zu, daß ihre Laufbahn in einer Sackgasse zu stecken schien:

»Ich habe seit über einem Jahr kein Engagement mehr gehabt – nicht einmal in einer Bar. Ich arbeite als Teilzeitkraft in einem Büro, um die Miete zu bezahlen. Ich weiß nicht. Vielleicht ist es ein unmöglicher Traum. Neulich habe ich mit meiner Familie zu Abend gegessen, und wir kamen auf meine Probleme zu sprechen. Mein Vater sagte: ›Mach dir keine Sorgen, du bist immer schon meine kleine Versagerin gewesen.‹ Ich bin sicher, er hat nicht gemerkt, wie weh mir das tat, aber diese Worte haben mir fast das Herz zerrissen.«

Ich antwortete, jeder würde sich dadurch verletzt fühlen. Ihr Vater sei grausam und beleidigend gewesen. Doch sie erwiderte:

»Das ist nichts Neues für mich. Daraus scheint meine ganze Lebensgeschichte zu bestehen. Immer wurde mir die Schuld für alles zugeschoben. Wenn er und Mutter Probleme hatten, war es mein Fehler. Es war wie bei einer kaputten Platte. Doch wenn ich etwas tat, um ihm zu gefallen, strahlte er vor Stolz und gab damit vor seinen Freunden an. Mein Gott, es war wunderbar, sein Wohlwollen zu spüren, aber manchmal fühlte ich mich wie ein emotionales Jo-Jo.«

Valerie und ich arbeiteten in den nächsten Wochen sehr eng zusammen. Sie wurde sich allmählich über ihre Riesenwut und Trauer gegenüber dem Vater klar.

Dann starb er an einem Schlaganfall. Es war ein unerwarteter Tod – schockierend, plötzlich, und niemand war darauf vorbereitet. Valerie war überwältigt von Schuldgefühlen wegen all der Wut, die sie während der Therapie gegen ihn geäußert hatte.

»Ich saß bei der Trauerfeier in der Kirche und hörte die Reden, wie wunderbar er sein ganzes Leben gewesen sei, und fühlte mich wie ein Idiot, daß ich ihm meine eigenen Probleme zum Vorwurf gemacht hatte. Ich wollte einfach nur den Schmerzu wiedergutmachen, den ich ihm zugefügt hatte. Ich dachte immer wieder, wie sehr ich ihn geliebt und wie schlecht ich ihn immer behandelt hatte. Ich will jetzt nicht mehr über die schlechten Dinge reden… das ist jetzt alles nicht mehr wichtig.«

Valeries Kummer warf sie eine Weile aus der Bahn, doch schließlich gelangte sie zu der Erkenntnis, daß der Tod des Vaters nichts daran ändern konnte, wie er sie in der Kindheit und als Erwachsene behandelt hatte.

Valerie befindet sich nun seit fast sechs Monaten in Therapie. Ich bin froh, daß sich ihr Schuldbewußtsein ständig verbessert. Sie bemüht sich immer noch um eine Gesangskarriere, aber sie scheitert nicht mehr daran, daß sie es gar nicht erst versucht.

Denkmalsturz

Gottähnliche Eltern setzen Regeln fest, fällen Urteile und verursachen Leid. Wenn man seine Eltern vergöttert, gleich, ob sie noch leben oder tot sind, erklärt man sich bereit, mit ihrer Version der Realität zu leben. Man akzeptiert schmerzliche Gefühle als Teil des Lebens und rationalisiert vielleicht sogar, sie seien gut für einen. Doch es ist Zeit, damit aufzuhören.

Wenn man seine giftigen Eltern wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt, wenn man den Mut aufbringt, sie realistisch zu betrachten, beginnt man, die Machtverhältnisse in der Beziehung zu ihnen auszugleichen.

2. »Auch wenn du es nicht so gemeint hast, tut es weh.«

Rabeneltern

Kinder haben unveräußerliche Grundrechte: ernährt, gekleidet, beschützt und versorgt zu werden. Doch neben diesen körperlichen Rechten haben sie ein Recht auf emotionale Zuwendung, Respekt für ihre Gefühle und eine Behandlung, die erlaubt, ein Gefühl für den eigenen Wert zu entwickeln.

Kinder haben ein Recht darauf, daß ihre Eltern ihr Verhalten durch angemessene Grenzen leiten, so daß sie Fehler machen können, ohne deswegen durch körperliche oder emotionale Mißhandlungen diszipliniert zu werden.

Und schließlich haben Kinder ein Recht darauf, Kinder zu sein. Sie haben ein Recht darauf, die frühen Jahre spielerisch, spontan und ohne die Last der Verantwortung zuzubringen. Wenn Kinder älter werden, fördern verantwortungsbewußte Eltern ihre Reife, indem sie ihnen bestimmte Verantwortungen und Haushaltspflichten auftragen, aber niemals auf Kosten der Kindheit.

Wie wir lernen, in der Welt zu sein

Kinder saugen verbale und nonverbale Botschaften ohne Unterschied in sich auf wie ein Schwamm. Sie beobachten ihre Eltern genau und imitieren ihr Verhalten. Da sie außerhalb der Familie nur wenige Bezugspunkte haben, werden die Dinge, die sie zu Hause über sich und andere lernen, zu universellen Wahrheiten, die sich ihnen tief einprägen. Das Vorbild der Eltern ist für das sich entwickelnde Identitätsgefühl eines Kindes zentral – besonders, wenn es um die Geschlechtsidentität geht. Trotz dramatischer Veränderungen der Elternrollen in den letzten zwanzig Jahren gelten für Kinder heute die gleichen Regeln wie für deren Eltern:

Sie müssen für die körperlichen Bedürfnisse des Kindes sorgen.Sie müssen das Kind vor körperlichen Schäden bewahren.Sie müssen die Bedürfnisse des Kindes nach Liebe, Beachtung und Zuwendung erfüllen.Sie müssen das Kind vor emotionalen Schäden bewahren.Sie müssen den Kindern moralische und ethische Leitlinien geben.

Gewiß könnte man die Liste noch verlängern, aber diese fünf Verantwortlichkeiten bilden die Grundlagen einer angemessenen elterlichen Fürsorge. Giftige Eltern gelangen selten über die erste Forderung auf der Liste hinaus. Sie sind häufig selbst in ihrer emotionalen Stabilität oder geistigen Gesundheit eingeschränkt und stehen oft nicht zur Verfügung, um die Bedürfnisse der Kinder zu befriedigen. Der Volksmund nennt solche Eltern Rabeneltern, und in vielen Fällen erwarten oder fordern sie sogar, daß die Kinder die Bedürfnisse der Eltern erfüllen.