Verirrt in den Wahn - Werner Pütz - E-Book

Verirrt in den Wahn E-Book

Werner Pütz

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Beschreibung

Kriegszeit, Armut, Schulden, eine kleine Landwirtschaft - Frau Lebich und ihre Kinder sehen auf weitere Sicht einen Ausweg aus der Misere. Der älteste Sohn Helmi ist hochbegabt, will zunächst Priester werden, ist dann Doktorand der Philosophie und Mathematik und verspricht, einmal Haupternährer der Familie zu sein. Der Zweite Weltkrieg macht jedoch alle Hoffnungen zunichte, denn Helmi stirbt in russischer Gefangenschaft. Mutter und Töchter hadern mit dem Schicksal, machen die Nachbarn mitverantwortlich und ziehen sich mehr und mehr zurück. Nach dem Tod der Mutter werden die Töchter immer schrulliger und fordern den Spott der Nachbarn und ihre Lust an kleinen Böswilligkeiten heraus. Als auch noch ihr Bruder Alois stirbt, vermutlich durch Suizid, und die beiden Frauen in eine Medikamentenabhängigkeit schlittern, nimmt der Niedergang seinen Lauf. Von Amts wegen leitet man ein Vormundschaftsverfahren ein und es sieht ganz danach aus, dass die alten Schwestern gegen die Übermacht ihrer empathielosen Umwelt keine Chance haben. Doch dann nehmen sie den Kampf um ihre Würde und Selbstbestimmung auf ...

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Seitenzahl: 226

Veröffentlichungsjahr: 2017

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ZUM AUTOR

WERNER PÜTZ wurde 1930 in Overath geboren, wo er heute noch lebt. Er ist freier Journalist, Fotograf und Maler.

Vom Autor sind bereits erschienen:

›Nationalsozialismus und Krieg im Bergischen Land‹,

›Marialinden in Bildern I und II‹,

›Der Pfarrer ist tot‹,

›Kirche im Dorf lassen‹,

›Spielbärs schauriges Lied‹,

›Der Linderhof‹,

›2014 - Jubiläumsjahr, 950 Jahre Stadt Overath‹, zahlreiche Beiträge in Wort und Bild in Sachbüchern sowie Publikationen zur Heimatgeschichte (›500 Jahre Kath. Kirche Marialinden‹).

Werner Pütz ist verheiratet und hat vier Kinder und sieben Enkelkinder.

Sie war es, Thea Lebich, die letztlich den Weg ins Abseits befeuerte. Ihr beherrschender Charakter schien sich schon in ihrem Gang auszudrücken. Etwas nach vorne geneigt, als würden die Beine nicht schnell genug nachkommen, machte sie große Schritte. Für eine Frau war sie schon groß zu nennen, eher schlank, aber kräftig; nicht auffällig schön, aber mit rundem, gefälligem Gesicht und dunklem Haar. Ihr Lächeln zeigte innere Freude und blieb doch reserviert gegenüber anderen. Kein Zweifel, sie war intelligent und wollte ihre Überlegenheit ausspielen.

Nachbarn oder Bekannte waren nicht sicher, ob Thea sich je einem Mann anvertrauen würde. Indes waren sie überzeugt, dass ihre fast abweisende Haltung bewusste Abschottung war. Schließlich wusste man, dass sie sich in ihrem Beruf bewährte und anscheinend auch mit Arbeitskollegen gut zurechtkam.

Es war ein trüber Morgen. Die Sonne würde an diesem Tag wohl nicht scheinen. Dazu kam leichter Wind auf, der an diesem 15. April 1929 eher frösteln ließ. Vor dem Hause der Lebichs tat sich einiges. Ein Pferdegespann hatte sich aufgebaut, im Grunde noch nichts Ungewöhnliches vor der bekannten Schmiede. Das schwarze, mit einem Kreuz versehene Gefährt machte allerdings klar, dass es sich um einen Leichenwagen handelte. Und schließlich waren da auch jede Menge Leute in dunkler, meist schwarzer Kleidung. Was war geschehen?

Der Dorfschmied Peter Lebich war gestorben. Sein Herz hatte nicht mehr mitgemacht. Im Schlaf hatte ihn der Tod überrascht.

Zwei schöne Pferde, dahinter der offensichtlich frisch geputzte schwarze Wagen, auf den vier Männer den Eichen-Sarg schoben. Dann ein Ruck und Anstampfen der Pferde, so setzte sich der Trauerzug in Bewegung. Hinter dem Pferdegespann dunkel gekleidet viele Leute, voran Christine Lebich, am Arm die Tochter Hanne, die Brüder Helmi und Alois – so blieb der dreijährigen Thea jener Tag in Erinnerung, aus eigenem Erleben oder auch gefestigt durch späteres Nacherzählen, wie sie es einmal niedergeschrieben hatte.

Zu Grabe gefahren wurde der Vater und mit ihm die Hoffnung auf ein auskömmliches Leben, zudem Schulden und ein marodes Haus. Das war die bleibende Erkenntnis der Zurückgebliebenen. Die Hauptlast hatte die Mutter Christine zu tragen. Aber insgeheim baute sie damals auf Helmi, 13-jähriger Gymnasiast, „und wir Geschwister stimmten uns darauf ein“, hielt Thea später einmal der Schwester Hanne vor.

Für Thea sollte Bruder Helmi das große Vorbild werden. Seine Neigungen zum Lernen, Malen und Zeichnen hatten die Mutter überzeugt, dass er auf jeden Fall zur höheren Schule gehen sollte. Was dann auch geschah. „Wir, meine Mutter, Alois, Hanne und ich, haben später mit Helmi unser Schicksal verbunden, ohne zu ahnen, was daraus werden würde“, so Thea.

Einblick in das Leben, was Helmi betraf, erhielt Thea erst, als sie zu Beginn des Zweiten Weltkrieges sein Gesuch um Zulassung zur Reifeprüfung las. Sie fand die Schrift in seinem Schreibtisch daheim. Als Fach besonderer Leistung wähle er Griechisch, hatte er geschrieben. Er wolle zudem in das Zeugnis der Reife einen Vermerk über sein Religionsbekenntnis aufgenommen haben. Inzwischen war er Soldat.

Thea flüsterte der Hanne zu, sie möchte mit in die Kammer nebenan kommen, sie wolle ihr etwas Wichtiges zeigen. In ihrer Schürze hatte sie jenes Schreiben versteckt, das der Helmi entworfen hatte.

So schrieb er am 1.12.1936:

„Mein Bildungsgang. Mitten in dem großen vierjährigen Ringen – am 14. Januar 1916 – wurde ich als Sohn des Schmiedemeisters Josef und dessen Ehefrau Ann Christine geboren.

Die ältesten Jugenderinnerungen reichen bis in die Zeit des Rückzuges der deutschen Truppen aus dem 1. Weltkriege und des Einzugs der englischen Besatzung zurück. Ich konnte wegen meines Alters noch nicht die Schmach eines verlorenen Krieges und die demütigende Last einer Fremdherrschaft empfinden, bewunderte vielmehr die schmucken Soldaten mit den bunten Uniformen, die fein gestriegelten Pferde und die blitzenden Waffen und wünschte, auch ein Soldat zu werden. Ein selbst geschnitzter Holzsäbel und eine von meinem Vater angefertigte Armbrust waren jahrelang mein Stolz.

Mit dem Abzug der Besatzung begann für mich ein neuer Lebensabschnitt. Das Kinderherz suchte bei seinen Spielen draußen am sprudelnden Bächlein auf blumigen Wiesen, in rauschenden Wäldern seine Ergötzung. Naturliebe und Naturverbundenheit sind die Früchte jener Kindheitstage, die noch mehr Widerhall in meiner Seele fanden als die der erwähnten Soldatenzeit.

1922 tat ich den ersten Gang in die Volksschule. Wenn sie mich auch nicht aus meinen Kindheitsträumen riss, wenn auch immer noch eine ungestillte Sehnsucht nach den Häuschen und Lauben im dunklen Waldsiefen, am trauten Bronn, morgens mit in die Schule ging, so rief sie doch eine Veranlagung in mir wach, die mich bald in allen meinen Mußestunden beschäftigte. Ich zeichnete und malte.

Schon damals fiel in die sorglose Kinderseele ein Tropfen Bitternis. Der Frust des Lebens warf zum ersten Mal beängstigend seine Schatten in die jugendfrohen Tage. Im Herbste 1923 nahmen die Plünderungen der Großstadtbevölkerung überhand. Neben armen, von Hunger gequälten Menschen, die die Not trieb, kam zum größten Teil verbrecherisches Gesindel, das in der Revolution aus den Gefängnissen entlassen worden war, in meine Heimat und raubte die Landbevölkerung aus. Da sah und fühlte ich brutales Untermenschentum auf der einen und Armut und Hunger auf der anderen Seite.

Das Religiöse war früh in mir stark, damals reifte in mir der Entschluss, Priester zu werden, um den an Leib und Seele kranken Menschen zu helfen.

In den letzten Volksschuljahren kam zur Lieblingsbeschäftigung Zeichnen ein zweites Steckenpferd. Ich formte Verse.

Wider mein Erwarten, aber meinem sehnlichsten Wunsch entsprechend, ergab sich im Frühjahr 1929 die Möglichkeit, die höhere Schule zu besuchen. Jetzt tat sich mir eine neue Welt auf. Das Eindringen in die alte Kultur der Griechen und Römer lenkte immer wieder zum Vergleich mit der deutschen Kultur und zur Seele des deutschen Menschen.

Damals fiel ich der ersten Lesewut zum Opfer. Jedoch bestand sie fast ausschließlich im Lesen von klassischen und realistischen Dramen. Die Lektüre von Texten mit fast nur poetischem Inhalt übte freilich eine unheilvolle Wirkung auf meinen Prosastil aus.

Im Herbste 1929 entriss mir der Tod meinen Vater. Ich wurde mehr auf mich selbst gestellt, und das Schicksal nahm mich früh in eine harte Schule.

Eine dankbare Erinnerung an diese Schulzeit ist in mir wach geblieben. Ostern 1933 wechselte ich in die Untersekunda des in der Stadt Münstereifel gelegenen Konviktes. Die seltene romantische Schönheit des Städtchens war bestimmend für die Wahl dieses Ortes.

Der Tag, an dem ich zum ersten Mal dorthin fuhr, um dort das Gymnasium zu besuchen, wird für mein ganzes Leben unvergesslich bleiben.

Es war der erste Mai 1933, der erste Feiertag der nationalen Arbeit. Zum ersten Mal strahlte der Glanz der siegreichen Revolution auf. Beim Abschied zu Hause, bei der Fahrt durch die Städte, bei der Ankunft in "meiner" Stadt, überall jubelte das Volk in der Freude des Volksfestes.

Und mein Herz jubelte im Innern mit, und erstmalig ging es mir auf: Ein Volk steht auf! Eine neue Zeit beginnt! In den Jahren der politischen Verwirrung träumte ich, wie es wohl einem Knaben entspricht, von einem großen Kaiser, der aufersteh’n und Deutschland wieder stark machen müsse. Doch jetzt sah ich diese Einigung und Erstarkung unter der Hand des Führers und Volkskanzlers im Werden begriffen.

Seit der Untersekunda beschäftigte ich mich mehr als früher mit eigenen literarischen Versuchen. Oft verstrickte ich mich in eigenen Gedankengängen und Ideen, durch die ich allzu sehr von Schule und Studium abgelenkt wurde. Doch fühle ich auch von der Schule her immer wieder alle geistigen Kräfte angeregt.

In den Unterklassen war mir aus den nüchternen Berichten über den Gallischen Krieg der geniale Geist des Altertums entgegengetreten, hatte der zielbewusste, felsenfeste Wille des römischen Imperators zu mir gesprochen. Nunmehr zeigten sich mir in der Geschichtsschreibung des Livius die einzigartige Gesetzmäßigkeit der lateinischen Sprache und ihre Bedeutung für die Schulung des logischen Denkens.

Tacitus erschien mir einerseits als die warnende Stimme, die ein letztes Mal, aber schon in hoffnungslosem, pessimistischem Ton ein untergehendes Volk vor dem Chaos zu bewahren sucht, andererseits trat er mir als ein Auferstandener entgegen, der mir aus der dunklen Vergangenheit unserer Vorväter erzählt.

Wenn das Lateinische mir auch innerlich eine tote Sprache blieb, so wurde das Griechische mir lebendiger. Sah ich doch nicht nur das tote Wort vor mir, sondern hörte die griechischen Menschen sprechen, glaubte die Leichenrede des Perikles mit eigenen Ohren zu vernehmen, und der klagende Schmerzensschrei der sterbenden Helden der Ilias hallte in meinen Ohren nach, als ob sie ihn wirklich aufgenommen.

In Thukidiens "Geschichte des P." erlebte ich die erschütternde Tragödie der Selbstzerfleischung eines Volkes, sah das Tragische vor allem in der Verblendung, mit der das Volk sich der besten Führer beraubte.

Von den deutschen Denkern gewann Schiller meine größte Bewunderung. Sein heldenmütiges Ringen durch alle scheinbaren Widersprüche von Freiheit und Notwendigkeit, von Ideen und Wirklichkeit, seine Erkenntnis, die aus dem Satze spricht: "Nehmt die Gottheit auf in euren Willen und sie steigt von ihrem Weltenthron" ließen mich die wahrhaft große deutsche Seele erkennen. Schiller führte in der Tat einen Kampf mit dem Schicksal, wie ihn die Helden unserer Nibelungen kämpfen.

Die Zeit vom 16ten Lebensjahre ab darf ich als Sturm- und-Drang-Zeit bezeichnen, in der sich teils eine Festigung, teils eine Umwandlung der Werte vollzog, die ich als Kind bedingungslos hingenommen hatte. Zugleich suchte ich mir auch mein Berufsideal neu zu erkämpfen. Es ist ein rastloses Streben und Suchen, ein Kämpfen und, wie ich hoffe, ein Erobern, ein Eindringen in den Sinn des Lebens, dessen Erkenntnis mir eine wahre Werteschätzung und darum eine klare Zielsetzung geben möge.“

Thea und Hanne waren teils hingerissen, teils belustigt. „Der musste so schreiben, das ist so, wenn man ein Gymnasium besucht, zudem in kirchlicher Trägerschaft, und dann für die Abschluss-Prüfung die eigene Lebensgeschichte aufzuschreiben hat“, verteidigte Hanne diesen Schreibstil und die schwülstigen Anspielungen auf das sogenannte Dritte Reich der Nationalsozialisten.

Aber war das eine Freude 1937 gewesen, als Helmi mit glänzendem Abitur nach Hause kam! Mutter Christine umarmte alle, denn sie war es ja auch gewesen, die den Helmi nicht nur finanziell gefördert hatte, trotz der Notlage, in der sich die Familie befand. Sie legte weiter Wert darauf, dass alle ihre Kinder eine möglichst gute schulische Ausbildung haben sollten. Jetzt erlebte sie die Früchte ihrer Beharrlichkeit, ihrer Sparsamkeit, ungeachtet, was Nachbarn, Bekannte oder Verwandte auch sagen würden. Helmi hatte es dank seiner Begabung verdient, die höhere Schule besucht und erfolgreich abgeschlossen zu haben, da war sich die Familie einig.

„Ich weiß, ihr habt alle das Zeug, euch weiterzubilden. Ihr seid alle intelligent genug. Wir werden sehen, wie wir weiterkommen. Hanne möchte ja gerne Lehrerin werden. Dann muss sie auch noch die höhere Schule besuchen, aber das muss nicht sofort sein. Alois will zur Realschule, ebenfalls Lehrer werden, und Thea hat noch Zeit“, bekräftigte die Mutter mit Tränen in den Augen ihren festen Willen.

Thea schrieb später zu dem Vorgang in ihr Tagebuch: „Wir waren glücklich und stolz. Unser bis dahin noch ärmliches Zuhause spielte keine Rolle mehr, da würden wir auch noch was machen können, hat Helmi versichert. Für ihn ist klar, er geht zur Universität und der Studiendirektor hat ihm volle Unterstützung zugesagt.“

Was war nach so einem Abitur noch zu sagen: Religion sehr gut; Deutsch gut; Latein gut; Griechisch gut; Französisch gut; Geschichte gut; Erdkunde gut; Mathematik gut; Physik sehr gut; Kunst sehr gut; Musik gut; Sport gut; Hebräisch gut.

Der örtliche Pfarrer kam zu Besuch und lobte den Helmi über den grünen Klee und zeigte sich überzeugt, dass dies nur ein Weg zum Priester sein könne. Und Helmi bekräftigte den Pfarrer auch noch mit dem Hinweis, für ihn sei Religion innerstes Anliegen. Er wolle ehrlich katholischer Geistlicher werden.

So entschied er sich mit Hilfe des Pfarrers zunächst für ein Theologiestudium in Bonn. Die guten Ergebnisse stellten sich auch hier ein.

Helmi war nach Hause gekommen. Wie gewohnt setzte er sich am Abend des 28. August 1939 in den kleinen Salon und begann ins Tagebuch zu schreiben: „Montag, heute ist dritter Mobilmachungstag. Vorgestern Nacht bin ich eiligst nach Hause gekommen. Arbeitskameraden wurden von der Arbeit (im so genannten Arbeitsdienst) weggeholt. Da ich sah, dass im Falle meiner Einberufung mir nicht einmal Zeit verblieben wäre, noch vorher nach Hause zu gehen, zog ich es vor, den Schopshof zu verlassen und die "letzten" Tage zu Hause zu verbringen. Der Holländer, der als Volontär arbeitete, fuhr am Freitag schon ab, der Engländer Richard Gresler aus Dover verließ uns Samstagmorgen mit seiner Schwester Susanne, die auf Schloß Falkenlust bei Brühl weilte. Richard und ich waren uns in kurzer Zeit sehr nahe gekommen. Als ich die letzten Stunden mit ihm zusammensaß, erschien es mir als heller Wahnsinn, dass er, nach England zurückgekehrt, nun Feind sein musste und wir uns gegenseitig auf Leben und Tod bekämpfen sollten. Die Verstrickung der gegenwärtigen Lage erscheint mir fast tragisch.

(Aus dem vorigen Jahre sei noch nachgetragen: "Schloss Kalbeck", Niederrhein, am Abend des 2. Sept. 38. Ich befinde mich auf einer Fahrt durch die niederrheinische Landschaft. Auf verschiedenen Gütern legen wir Saatversuche an. Unsere Fahrt ging über Krefeld, Geldern, Kevelaer, Weeze zum Herrn Spies auf Gut Gauschen. Von hier ging’s zum Schloss Kalbeck, einer Besitzung des Freiherrn von Wittinghoff-Schell. Ich lernte diesen persönlich flüchtig kennen. Auf diesem Gut arbeitet auch ein junger Prinz Fürst zu Salm-Salm. Er ist verarmt und trägt sein Los schwer; scheint mir jedoch charakterlich wertvoll. Herr Buschforth, der Inspektor des Gutes, ist der Typ eines fröhlichen Junggesellen. Die letzte Nacht verbrachten wir in Kevelaer im Hotel Zum Weißen Schwan. Heute morgen fuhren wir von Kevelaer nach Sonsbeck, wo wir mit dem Auto liegen blieben. Ich ließ mich von Autoschlossern aus Goch abschleppen, während mein Chef mit einer Taxe nach Marienbaum fuhr. Den ganzen Tag half ich in Goch in der Werkstatt bei der Reparatur.)

31. August 1939. Donnerstag. Die Mobilmachung ist abgeschlossen, d. h. fürs Erste. Die Spannung dauert an. Der Notenwechsel zwischen Führer und Chamberlain ist noch nicht abgebrochen. Sein Inhalt ist noch unbekannt. Auf eine friedliche Lösung besteht wenig Aussicht. Hier bei uns und in der Umgebung sind für 1000 Mann Quartiere angesagt. Direkt bei uns werden vier Feldküchen in Keller bzw. Schuppen eingebaut. Die Zivilisten sollen gleich hier eintreffen. 1. Sept. 39: Freitag. Soeben um 10 Uhr sprach Hitler im Reichstag. Seit heute Morgen um 5. 45 Uhr wird an der deutsch-polnischen Grenze geschossen. Wann es im Westen losgeht – ich weiß es nicht.

Hier werden die Feldküchen eingebaut. Ich selbst warte stündlich auf Einberufung. Entschlossen bin ich, das zu tun, was die Pflicht mir gebietet. Erst dann habe ich die Berechtigung, später vom Volke führend zu fordern, wenn ich bereit gewesen bin, jedes Opfer für dasselbe zu bringen. Fordert dieser Krieg von mir das Leben, so liegt auch das in der Vorsehung eines Höheren!

Bisher war mein Leben freilich nur Aufbruch. Wie bin ich beseelt vom großen Lebensplan, den zu verwirklichen ich mich entschloss! Und doch, wenn Gott will, dass ich dieses Leben opfere, so hat er nicht mehr von mir gewollt.

3. Sept. 39: Sonntag. Heute richtete England an Deutschland die ultimative Forderung, bis 11 Uhr zu entscheiden, ob es die Truppen zurückziehen wolle oder nicht. Im letzten Falle bestehe zwischen England und Deutschland Kriegszustand. Hitler hat negativ geantwortet.

3. Okt. 39: Am Freitag, den 29. Sept. erhielt ich meinen Gestellungsbefehl zur Luftwaffe. Zeit, Ort und Truppenteil werden mir noch mitgeteilt. Am Wohnmeldeamt in Bonn erfuhr ich, dass ich mich Donnerstag, den 5. Okt. stellen muss. Meine Kameraden studieren in Paderborn weiter.

Paderborn, 10.10.39. Es ist ganz anders gekommen, als sich vermuten ließ. Ich hatte die letzte Einberufung in Bonn für Fliegerhorst Detmold erhalten. Nach zwei Tagen konnten wir zu ungefähr 20 Mann wieder nach Hause, weil wir überzählig waren. Ich habe das Studium in Paderborn begonnen und wohne Gasthausen Hof 6 bei Jos. Schöningh. Es ist wundersam ruhig hier. Es gewährt den Blick über Dächer hinweg zu hohen Baumreihen (wahrscheinlich eine Allee). Ich wohne in dem Hause der von Gasthausen. Gasthausenhof 12.10.: Gestern besuchte mich hier mein Klassenkamerad Walter Kutsch. Er ist Unteroffizier und kommt von der Westfront, nimmt hier für ein paar Tage Aufenthalt, um dann zur Offiziersschule nach Berlin abkommandiert zu werden.

Heute traf ich in der Stadt den Arbeitskameraden Schupp. Wir waren zusammen in Bergheim im Arbeitsdienst. Er ist nun schon Diakon. Von ihm erhielt ich die traurige Nachricht, dass Heinrich Krauss, ebenfalls ein Arbeitsdienstkamerad von mir, in Polen gefallen sei. Er war einer der Besten, sowohl körperlich wie geistig und moralisch. Er war ebenfalls Abiturient, diente in Königsberg bei den Panzern.“

Inzwischen war im Lande alles anders geworden. Der Krieg gegen Polen wurde am 1. September 1939 von der NS-Regierung vom Zaun gebrochen, es war ein völkerrechtswidriger Überfall. Deutlich wurde zudem, dass die Nazis von Menschenwürde und auch von religiöser Einstellung nicht viel hielten.

Helmi entschied sich ungeachtet dessen zunächst für ein Weiterstudium in Paderborn, mietete dafür ein Zimmer. Es stimmte nicht, wenn die Leute sagten, der Helmi sei hochnäsig, nein, er war einfach stolz auf seine Leistungen und so ging er auch daher, zackig wie es die Zeit erforderte. Es stimmte auch, dass, wer damals mit einem Abitur und Hochschulzeugnis nach Hause kam, hierzulande schon etwas galt.

Von Paderborn schrieb Helmi an Thea am 14. Oktober 1939:

„Liebes Schwesterchen, zu deinem morgigen Namenstage wünsche ich Dir Freude und Gottes Segen. Dir etwas zu essen oder zum Anziehen zu schenken, ist jetzt zu umständlich. Dafür will ich Dir einige Zeilen schenken. Diese meine Worte sollen Dir ebenso wertvoll sein wie sonst etwas Schönes, das Geld kostet.

Wenn ich mich nicht irre, hast Du auch Geburtstag. Ich kann mich des Tages noch gut erinnern. Es ist schon 13 Jahre her. Der Herbsttag war düster und regnerisch und der Sturm fegte die Blätter von den Bäumen wie auch jetzt da draußen im Park.

Zu Hause war ein toller Betrieb. Das ganze Dach der Schmiede war abgedeckt. Ein neuer Dachstuhl wurde gebaut. Am anderen Morgen gingen wir Äpfel auflesen, die die stürmische Nacht reichlich verstreut hatte, und wie freuten wir uns, dass wir ein kleines "Ditti" erhalten hatten! Bei unserer Arbeit waren wir daher umso behänder. Das Kleine hatte brandschwarze Haare. Einen kleinen Zigeuner nannten wir es.

Jetzt bist Du schon 13 Jahre alt. Das ist die Zeit, wo man auch von Dir Vernunft und Einsicht fordert. Vor allem zu einem möchte ich Dich heut ermahnen: zur Dankbarkeit Deiner Mutter gegenüber. Erweise ihr dadurch Dank, dass Du einerseits schon einmal zu Hause mit anpackst, andererseits aber an Deiner Vervollkommnung arbeitest, an der Ausbildung alles dessen, was Dir Gott gegeben.

Du musst Dich allmählich selbst in die Schule nehmen, auf dass Du ein ganzer Mensch wirst. Es kann da viel geschehen, wenn auch die Verhältnisse zu Hause dazu nicht günstig stehen.

Es ist auch schade, dass wir Geschwister uns so wenig nahekommen. Man könnte sich gegenseitig viel mehr geben, als es bisher geschehen.

An dieser Stelle möchte ich Dir danken für all das, was Du mir gewesen. Wenn ich Dich manchmal tadeln musste, so sei Dir hiermit verziehen. Zum größten Dank bin ich ja neben der Mutter der Hanne verpflichtet. Die Vergeltung sollte ja später von mir aus geschehen.

Betet zu Gott, dass ich Euch durch den Krieg nicht entrissen werde und so alle Eure Hoffnungen zunichte werden. Jedoch müssen wir in allem sagen: "Herr, Dein Wille geschehe", was nicht ausschließt, dass wir immer wieder beten sollen.

Es besteht ja nun immer die Möglichkeit, dass ich schon früher als erwartet eingezogen werde. Ziemlich sicher ist es wohl für Anfang Januar oder Anfang April. Jedenfalls werde ich vorher noch nach Hause kommen. Wenn Ihr wollt, komme ich Allerheiligen einmal für kurze Zeit. Es wird mich die Reise hin und zurück (ermäßigt) 10 Mark kosten. Ich spare mir dann auch für die Tage mein Kostgeld (pro Tag 1,60 Mark).

Bei Mittag und Abendessen werde ich satt. Für morgens und nachmittags habe ich nur zwei Butterbrote. Morgens glaubt man etwas Butter auf den Schnitten zu erspähen, nachmittags sind sie ganz trocken. Ich esse ja nicht hier in meiner Wohnung, sondern in einem Kloster zu Mittag und zu Abend. Für nachmittags und morgens nehmen wir dann die Schnitten mit. 1,60 Mk. ist dafür ja nicht zu teuer. Die Marmelade, die wir für 4 Wochen erhalten, habe ich in anderthalb Wochen aufgebraucht.

Man kann es nun nicht Hamstern nennen, wenn ich Euch bitte, mir etwas Obst (Äpfel, Mottenbirnen und Quitten) zu schicken. Wenn möglich, auch etwas Butter. (Kaffee bekomme ich hier in meiner Wohnung zu den mitgebrachten Butterbroten freilich hochfein serviert.)

Ein ganz kleines Paketchen brauchte es nur zu sein. Die Kleider, die mir evtl. noch fehlen, kann ich ja Allerheiligen mitnehmen oder Ihr könnt sie später schicken. Legt bitte noch das Messer bei, das ich Hanne geliehen habe. Dann den Kasten für meine Uhr und das dicke Choralbuch und das weiße Buch Max Schelers, "Vom Ewigen im Menschen".

Ich wünschte, Du könntest einmal nach hier kommen und sehen, wie schön ich wohne. Schreibt bald einmal. Hoffentlich habt Ihr meinen Brief von Tante Mariechen erhalten. Mit frohen und herzlichen Grüßen an alle. Dein Helmi.“

Sein Tagebuch:

„Paderborn, den 25.10.39. Einen "Beitrag zur Untersuchung des Prinzips der Einung im Erkenntnisakt" sei die Arbeit gewidmet, die ich jetzt beginne. In einem historischen Teile soll die Behandlung dieses Problems bei den meisten Philosophen aufgezeigt werden, in einem zweiten systematischen Teile sei eine eigene Untersuchung über den so schwierigen Komplex durchgeführt.

Paderborn, den 19.11.39. Heute vor 14 Tagen war ich mit zwei Kameraden bei den Externsteinen, am Hermannsdenkmal und in Detmold. Der Teutoburger Wald hat seine Schönheit! In Detmold sah ich die Kameraden, die mit mir eingezogen waren. Sie gingen in ihren blauen Uniformen in Scharen durch die Stadt. Ein seltsames Gefühl überkam mich bei dem Gedanken, dass ich eigentlich als gleiches unter ihnen sein sollte. Und der Gedanke lässt mich nicht los: War es nicht mein Glück?

In den letzten Tagen sind wieder Kameraden eingezogen worden. Hans Berster wurde plötzlich einberufen und unerwartet aus unserer Mitte genommen.

Gasthausenhof, 29.11.39. Ständig werden Kameraden von mir eingezogen. Es ist wahrscheinlich, dass ich heute Abend oder morgen meine Einberufung erhalte. Die in der Notiz vom 25.10.39 angekündigte Arbeit ist fortgeschritten, zunächst soll das erwähnte Phänomen in seiner historischen Entwicklung zur Behandlung kommen.

Gasthausenhof, den 2.1.1940. Paderborn hat sehr wahrscheinlich aufgehört, mein Studienort zu sein. Sollte es mir gestattet sein, auch das nächste Trimester zu studieren, so werde ich wahrscheinlich wieder die Universität Bonn besuchen. In diesen Tagen habe ich hier zu Hause das Bild "Kreuzabnahme", mit dem ich schon vor Jahren begonnen, fertiggestellt.

Von Altersgenossen hier in der Heimat wurden immer mehr eingezogen. Wann mag mein "Briefchen" kommen? Ich gehe, wenn ich einberufen werde, mit innerer freier Bereitwilligkeit! Ein unerschütterlicher Wille soll mir auch bei dem kommenden Geschehen maßgebend sein. Das Bewusstsein, dass alles in einem Plane wohlgeordnet und sinnvoll ist, dass ich also auch diese Urtrendigkeit und Unabwendbarkeit des "Schicksals" insofern banne und bewältige, als ich es in meinen Willen mit einbeziehe, in meiner Planung mit berücksichtige.

Bonn, 14.1.40. Seit dem 9. bin ich nun wieder in Bonn! Es freut mich, dass ich hier noch einige Zeit wieder studieren kann. In Siegburg gebe ich einem Obertertianer an drei Mittagen Unterricht in Latein, Griechisch und Mathematik.

Bonn, den 15. Jan. 40. Gertrud von Le Fort schreibt in ihrer Metaphysik des Geschlechtlichen, S. 64: "Der wirkliche Dichter weiß, dass auch das Objekt mit ihm dichtet; er weiß von diesen geheimnisvollen Eingaben in ihm, um seine oft wunderbare grenzenden Mitteilungen an ihn!" Es ist derselbe Gedanke, den ich im "Tagebuch für Philosophie A" vom Nov. 38 kurz skizzierte, S. 5 ff.: "Er (der Kunstverständige) dürfte meiner Behauptung, dass die gemalten Ideen nicht allein aus dem Geiste hervorgehen, ebenso geneigt sein, wenn ich ihn daran erinnere, wie unbewusst sie vor dem Objekte selbst auftreten (der Genius sagt dann, er sei inspiriert) und wie fremd sie vor ihm stehen, wenn sie vollendet sind …" Daraus erklärt sich auch das Gefühl der Einheit mit der Natur und mit jedem noch so unscheinbarem Individuum, ein Gefühl, das dem genialen Menschen innewohnt. Deshalb glaubt er auch oft von dem Eindruck der Welt erdrückt zu werden, weil der Drang zu ihr, zum Sein überhaupt diesen Segensdrang heraufbeschwört. Man darf sagen: Es wird geliebt; das Sein, die Welt liebt ihn. Hier macht sich der Anspruch als Präger eines tätigen Dranges bewusst. Deshalb glaubt das Genie, diese Last nicht mehr ertragen zu können, und der Künstler kann dies nur in der schöpferischen Einung mit dem Außer-Ich. "Das Ewig-Weibliche zieht ihn hinan."

Bonn, den 29. Februar 1940. Heute hielt Dr. Heinrich Lützeler eine Abschiedsvorlesung. Vom Herrn Kultusminister ist ihm – ohne weitere Begründung – die venia legendi entzogen worden. Das Schicksal dieses Geistes ist vielleicht Symbol für das der ganzen deutschen Kultur. Erschütternd habe ich diese Stunde erlebt und unvergesslich wird sie mir durch mein Leben gehen. Getroffen steht man von den Hammerschlägen dieses Geistes. Wie in Erz geformte Plastik, so steht sein gesprochenes Wort vor dem Hörer, in seiner hellen Klarheit und ehernen Festigkeit und sicheren Geformtheit. Mit den Worten "Gott segne unser geliebtes Volk!" stürzte er vom Katheder, wobei ihm das letzte Wort in der Kehle stecken blieb, so schwer war es ihm, die Tränen zurückzuhalten, so massiv suchte ihn der Schmerz zuletzt doch noch zu überwältigen, den er trotz der Tragik so mannhaft überwand.

Bonn, 10. März 1940. Es ist Sonntagnachmittag. Von