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»Sie halten den Laden am Laufen«: Pflegekräfte, Paketbotinnen oder auch Arbeiter in den großen Fleischfabriken des Landes. Für ihren Einsatz während der Corona-Pandemie wurden sie von den Balkonen der Republik beklatscht. Doch ihr Alltag ist oft geprägt von prekären Beschäftigungsverhältnissen, schlechten Arbeitsbedingungen, Druck, Stress und Diskriminierung.
Die Autorinnen und Autoren dieses Bandes haben mit Beschäftigten in für unser Leben so wichtigen Branchen wie Gesundheit, Ernährung oder Logistik gesprochen. Entstanden sind eindringliche Porträts, die sichtbar machen, was in der modernen Klassengesellschaft häufig im Schatten bleibt: Wie erfahren diese »Helden und Heldinnen des Alltags« ihre Situation? Welche Probleme machen ihnen am meisten zu schaffen? Und wo liegen Chancen für Veränderung? Das Ergebnis ist eine ebenso notwendige Würdigung der verkannten Leistungsträgerinnen und Leistungsträger wie ein unverzichtbarer Beitrag zum Verständnis der Arbeitswelt von heute.
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Seitenzahl: 549
Veröffentlichungsjahr: 2021
Sonderdruck edition suhrkamp
Verkannte Leistungsträger:innen
Berichte aus der Klassengesellschaft
Herausgegeben von Nicole Mayer-Ahuja und Oliver Nachtwey
Suhrkamp
Cover
Titel
Inhalt
Informationen zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook
Cover
Titel
Inhalt
I Arbeitskraft verfügbar machen: Professionelle Sorgearbeit
II Arbeitskraft wiederherstellen: Gesundheit
III Arbeitskraft aufrechterhalten: Ernährung
IV Arbeitskraft reproduzieren: Versorgung mit Waren
V Arbeitskraft sichern, pflegen und bewegen: Hygiene und Mobilität
Informationen zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook
Von Nicole Mayer-Ahuja und Oliver Nachtwey
Denn die einen sind im Dunkeln
Und die andern sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.
Bertolt Brecht, »Die Moritat von Mackie Messer«
Sie halten den Laden am Laufen – die verkannten Leistungsträger:innen. Ob im Gesundheitswesen oder im Erziehungsbereich, in der Produktion oder der Logistik. Dieses Buch handelt von Menschen, die für die Reproduktion der Gesellschaft unverzichtbar sind, deren Beitrag aber nur selten sichtbar wird. Sie stehen im Schatten – die im Dunkeln sieht man nicht. Ihre Arbeit wird oft schlecht bezahlt, beruht auf unsicheren Beschäftigungsverhältnissen, ist schwer planbar, beeinträchtigt in vielen Fällen Gesundheit und Lebenszufriedenheit und erhält wenig gesellschaftliche Anerkennung. Sie ist also zumeist, wie es die französischen Soziologen Pierre Bourdieu (2004) und Robert Castel (2008) genannt haben, prekär: In Bezug auf Einkommen, rechtliche Absicherung und betriebliche Einbindung bleibt sie deutlich hinter dem zurück, was zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem bestimmten Land als »normal« gilt (vgl. Mayer-Ahuja 2003).
Was verbindet die Leistungsträger:innen? Gibt es Gemeinsamkeiten bei dem, was sie tun? Kurz gesagt: Sie sind allesamt in erster Linie mit der Reproduktion von Arbeitskraft und gesellschaftlichen Beziehungen befasst. Dies betrifft Tätigkeiten, die der Sozialisation und Erziehung von Menschen dienen; die dazu beitragen, gesundheitliche und hygienische Standards aufrechtzuerhalten; die Mobilität, Schutz und eine Versorgung mit denjenigen Gütern gewährleisten, die direkt für die Sicherung des täglichen Lebensunterhalts benötigt werden – also für die materielle Reproduktion der Gesellschaft.
Wir wollen mit diesem Buch den Blick dafür schärfen, wer sie sind, wie sie arbeiten und leben, welchen Sinn sie mit ihrer Tätigkeit verbinden, was sie brauchen, um ihre gesellschaftlich notwendigen Arbeiten nach professionellen Ansprüchen zu verrichten, was sie gegebenenfalls daran hindert – und was man daraus über die gegenwärtige Klassengesellschaft lernen kann. Die Frauen und Männer, um die es hier geht, sollen nicht nur sichtbar werden, sondern auch Gelegenheit bekommen, mit eigener Stimme von ihrer Arbeit und ihrem Leben zu berichten.
»Leistung muss sich wieder lohnen!« Mit diesem Versprechen leitete Helmut Kohl (CDU) im Jahre 1982 das ein, was man damals die »geistig-moralische Wende« nannte. Wer könnte sich der Kraft des Arguments entziehen, dass diejenigen, die Leistung erbringen, davon auch etwas haben sollen? Sehen wir uns nicht alle als Leistungsträger:innen? Und möchten wir nicht alle, dass unser Einsatz, unsere Mühen anerkannt werden, dass wir besser dastehen als diejenigen, die nichts oder weniger leisten? So weit der »gesunde Menschenverstand«. Allerdings steckte hinter dem eingängigen Plädoyer für Leistung und deren Belohnung eine problematische Agenda: eine ideologische Neudefinition dessen, was als Leistung gelten sollte, und damit einhergehend der langfristige Rückbau von sozialen Rechten. Es war der Beginn eines langen »Reformprozesses«, der in den kapitalistischen Staaten des Globalen Nordens die Arbeitswelt grundlegend veränderte. Für diejenigen, die ihren Lebensunterhalt durch Lohnarbeit bestreiten mussten, indem sie ihre eigene Arbeitskraft verkauften und »abhängig beschäftigt« waren, war das Kohl’sche Versprechen keine gute Nachricht. Es begann eine Ära, in der die gesellschaftliche Norm der Leistung nachhaltig umgedeutet wurde. Die traditionelle Arbeiter:innenschaft hatte bislang einen nicht unwesentlichen Anteil ihrer Würde und ihres Stolzes aus der Tatsache bezogen, dass sie sich als Produzent:in des gesellschaftlichen Reichtums betrachtete. Eine ihrer frühen politischen Forderungen lautete: »Ein gerechter Lohn für ein gerechtes Tagewerk«. Darin spiegelte sich nicht nur das Leistungsprinzip, sondern auch der Wunsch nach Anerkennung. Diese Anerkennung wurde Arbeiter:innen (und auch »kleinen Angestellten«) allerdings zunehmend verwehrt. Der Produzent:innenstolz verschwand zwar nie völlig (wie viele Beiträge dieses Bandes zeigen), aber er war immer schwerer aufrechtzuerhalten. Als Leistungsträger:innen galten fortan andere: Unternehmer:innen, Manager:innen, Berater:innen und all diejenigen, die Geld, Einfluss und Erfolg hatten, egal ob diese selbst erarbeitet waren (Neckel 2008). Die Leistung »normaler« Beschäftigter hingegen wurde weniger anerkannt und »lohnte sich« weniger als zuvor. Dies gilt speziell für die Gruppen, die seit Beginn der Corona-Pandemie gerne als »Held:innen des Alltags« bezeichnet werden. Wie konnte das passieren? Fünf Zusammenhänge verdienen besondere Beachtung.
Erstens wurde der Appell, dass Leistung sich wieder lohnen müsse, schnell in Forderungen nach einer Senkung von Steuern übersetzt. Ausgehend von der gewagten Annahme, dass Vermögen schon irgendetwas mit besonderen Leistungen zu tun haben müsse, verzichtete der Staat auf erhebliche Steuereinnahmen. Dieses Geld fehlte in den folgenden Jahren für die Finanzierung öffentlicher Dienstleistungen.
Dies hatte (zweitens) direkte Auswirkungen auf die Arbeit in öffentlichen Diensten und deren Bedingungen. In staatlichen Krankenhäusern, Kindertagesstätten oder Einrichtungen der Jugendhilfe wurden die Budgets gekürzt, insbesondere die Personalkosten sollten sinken. Erreicht wurde dies oft durch die Auslagerung von Tätigkeiten an Subunternehmen, ein Trend, der auch in der Privatwirtschaft vielerorts stark ausgeprägt war (wir kommen später noch einmal darauf zurück). Wenn etwa Gebäude nicht mehr durch eigene Angestellte gereinigt werden, die Wäsche nicht mehr durch »eigene Leute« gewaschen und das Essen nicht mehr durch sie gekocht wird, sondern durch das Personal einer Fremdfirma, werden häufig deutlich geringere Löhne gezahlt oder (speziell in Deutschland, wo es diese Möglichkeit seit Langem gibt) »Minijobs« eingerichtet, für die keine Sozialversicherungsabgaben anfallen. Selbst dort, wo staatliche Einrichtungen weiterhin eigene Beschäftigte einsetzen, wird in Zeiten leerer öffentlicher Kassen oft am Personal gespart, weshalb die vorhandene Belegschaft immer mehr Arbeit in immer kürzerer Zeit zu leisten hat. Und private bzw. privatisierte Einrichtungen, die weniger Arbeitskraft einsetzen und entsprechend billigere Angebote unterbreiten können, legen damit Standards fest, an denen auch öffentliche Einrichtungen gemessen werden. Wie diese Abwärtsspirale im Einzelnen funktioniert, lässt sich etwa am Fall des Reinigungsgewerbes (vgl. Mayer-Ahuja 2003) oder auch an Veränderungen im Bereich der Kranken- und Altenpflege ablesen, die in den heute viel beklagten »Pflegenotstand« mündeten. Kurz: Die steuerliche Entlastung von Vermögenden trug zur massiven Reduzierung öffentlicher Dienstleistungen bei. Zugleich schlug sie sich in deutlich schlechteren Arbeits- und Lebensbedingungen für viele derjenigen nieder, die weiterhin für den Staat tätig sind oder in Unternehmen arbeiten, die privatisiert wurden und eine Senkung von Personalkosten durch die Einrichtung prekärer Jobs und die Steigerung von Arbeitsdruck erreichten.
Drittens wurde das soziale Sicherungssystem, das Beschäftigte gegen die Risiken der Lohnarbeit absichern soll, zurückgeschnitten. Damit Leistung sich wieder lohnt, so die Argumentation der Verantwortlichen, sollten Unternehmen und Beschäftigte, die sich etwa im deutschen System die Beiträge zur Sozialversicherung teilen, gleichermaßen entlastet werden. Für Unternehmen war die Senkung der als »Lohnnebenkosten« verunglimpften Sozialabgaben eine ungetrübte finanzielle Erleichterung – in dem Maße, wie die Personalkosten sanken, stiegen die Gewinne. Für Beschäftigte hingegen bedeutete die Durchsetzung von »mehr Netto vom Brutto«, dass sie im Falle von Arbeitslosigkeit, von Krankheit oder im Alter immer weniger Unterstützung bekamen. Die Koppelung der Lohnarbeit an soziale Sicherung, die nach dem Zweiten Weltkrieg in fast allen kapitalistischen Staaten ausgebaut worden war, wurde dadurch deutlich geschwächt. Die Leistung, die abhängig Beschäftigte im Laufe ihres Erwerbslebens erbringen, lohnt sich seit der Umstellung auf eine »Sozialpolitik der mageren Jahren« (Schmidt 1998) immer weniger.
Viertens begannen staatliche Stellen ab den achtziger Jahren, den Druck auf Arbeitslose zu erhöhen, damit sie möglichst schnell auf den Arbeitsmarkt zurückkehrten und weniger Leistungen der Arbeitslosenversicherung in Anspruch nahmen. Die Beitragszahler:innen sollten, wie es hieß, sicher sein können, dass sich ihre Leistung insofern lohnte, als mit ihren Geldern kein Missbrauch getrieben wurde. Oder, wie es der damalige deutsche Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) im Jahr 2006 formulierte: »Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.« Mit der sogenannten »aktivierenden« Arbeitsmarktpolitik wurde dafür gesorgt, dass Arbeitslose sich so intensiv wie möglich um einen neuen Job bemühen – wer das nicht will oder kann (also keine ausreichende Leistung bringt), muss eine Kürzung der Unterstützungszahlungen oder andere Sanktionen hinnehmen. In der Schweiz wurde dieses System bereits in den neunziger Jahren eingeführt, in Deutschland im Zuge der Hartz-Reformen zwischen 2003 und 2005. Auf Bezieher:innen von Arbeitslosengeld oder Grundsicherung wird seither in beiden Ländern deutlich mehr Druck ausgeübt. Wer arbeitslos wird, muss sich permanent auf Stellen bewerben, auch auf solche, die unterhalb der eigenen Qualifikation und des bisherigen Einkommens liegen.
Auch dank dieser staatlichen Arbeitsmarktpolitik fanden, fünftens, Unternehmen selbst für unattraktive Jobs genügend Interessent:innen. In der Privatwirtschaft wurde es üblich, prekäre Randbelegschaften aufzubauen und/oder Teile des Produktions- oder Dienstleistungsprozesses an Subunternehmen auszulagern. Gerade dort, wo ganze Subunternehmer-Pyramiden aufgebaut wurden, gewannen Leiharbeit und Scheinselbstständigkeit an Bedeutung. Unter diesen Bedingungen wuchs der Niedriglohnsektor in Deutschland rasant – er umfasste 2017 (unter Berücksichtigung von Nebentätigkeiten) etwa jede:n vierte:n abhängig Beschäftigte:n (Grabka/Schröder 2019, S. 252). Und selbst in der Schweiz, einem Hochlohnland, verdienen etwa zehn Prozent der Beschäftigten nur sogenannte »Tiefstlöhne«. In dem Maße, wie die Prekarisierung von Arbeit voranschritt, machte eine immer größere Zahl von Menschen die Erfahrung, dass ihnen im Job immer mehr Leistung abverlangt wurde, die sich (in Sachen Einkommen, Beschäftigungssicherheit oder Lebensplanung) immer weniger lohnte.
Es gibt offenkundig ein dreifaches Problem mit der Rede von Leistungsträger:innen. Zum einen wird selten klar definiert, worin »Leistung« eigentlich besteht. Ist es Ausdruck von Leistungsfähigkeit, ein großes Vermögen geerbt zu haben – oder zeigt sie sich darin, dass man selbst unter schwierigsten Bedingungen gesellschaftlich nützliche Arbeit erbringt? Und was ist eigentlich gesellschaftlich nützliche Arbeit?
Zweitens wurde die Frage, woran man Leistung messen kann, im Laufe der Zeit sehr unterschiedlich beantwortet. Seit den achtziger Jahren wurde Leistung immer weniger an der Dauer einer Tätigkeit und dem dafür notwendigen Aufwand festgemacht, sondern an deren Marktergebnis. Damit wurden Formen von Arbeit materiell und symbolisch entwertet, die vermeintlich einfach waren, aus Routinetätigkeiten bestanden, die anstrengend und ermüdend, aber nicht immer sichtbar waren. Dies ist deshalb von so großer Bedeutung, weil das Leistungsprinzip in kapitalistischen Gesellschaften eine der wichtigsten Normen für die Verteilung von Lebenschancen, Reichtum und Macht darstellt – und umgekehrt das zentrale Argument für die Rechtfertigung sozialer Ungleichheiten ist (vgl. Neckel 2008, S. 81).
Drittens wird »Leistung« im Zuge der »Reformen« von Arbeitsmarkt und sozialem Sicherungssystem, die wir seit Jahrzehnten erleben, im Wesentlichen als individuelle Eigenschaft verhandelt. Und wer Leistung bringt, soll belohnt werden. Leistung hat aber gesellschaftliche Voraussetzungen: Wer welche Leistungen erbringen kann, hängt (abgesehen von Arbeitsmarktdynamiken, sozialer Sicherung und öffentlicher Infrastruktur) nicht zuletzt auch vom familiären und weiteren sozialen Umfeld ab, aus dem man stammt, also von der Unterstützung durch Familie und soziale Netzwerke. Diese ist (in den Begrifflichkeiten von Pierre Bourdieu) wiederum dadurch geprägt, welches ökonomische, soziale und kulturelle Kapital man jeweils hat. Deshalb müssen wir über Dynamiken der Klassengesellschaft sprechen, also über die Scheidelinie zwischen Kapital und Arbeit, aber auch über die vielfältigen Gräben, welche die immer weiter wachsende Gruppe der abhängig Beschäftigten und Alleinselbstständigen durchziehen, die eben kein Kapital besitzen und deshalb vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben (müssen). »Verkannte Leistungsträger:innen« sind letztlich diejenigen, die in ihrer Arbeit große Leistungen erbringen, deren Position in der Klassengesellschaft dies jedoch nicht angemessen widerspiegelt.
Die Corona-Krise traf die Gesellschaft wie ein Blitz, und in seinem grellen Licht stellen sich die Verhältnisse in der Arbeitswelt auf ungewohnte Weise dar. Das Bild verhält sich wie ein Negativ zur normalen Fotografie. Plötzlich war die sonst unsichtbare Arbeit der Leistungsträger:innen sichtbar geworden. Jene Berufe und Tätigkeiten, die für gewöhnlich kaum wahrgenommen werden, wurden als unmittelbar »systemrelevant« anerkannt. Kein Weg ging mehr an der Erkenntnis vorbei, dass insbesondere in den Sektoren Gesundheit, Logistik, Sicherheit und Ernährung Menschen tagtäglich buchstäblich unverzichtbare Arbeit leisten. Krankenpfleger:innen und Reinigungskräfte, Post- und Transportarbeiter:innen, Verkäufer:innen und Regalauffüller:innen in Lebensmittelgeschäften, Erzieher:innen, Arbeiter:innen in der Ernährungsindustrie und auch Landarbeiter:innen, ohne die der geliebte Spargel oder die Erdbeeren nicht auf den heimischen Tisch gelangen, halten den Alltag in der pandemiebedingten Krise am Laufen. Ohne sie geht (fast) nichts mehr.
Wer von »Systemrelevanz« spricht, will damit meist nur betonen, dass es hier um gesellschaftlich sehr nützliche Arbeit geht. Wenn man sich den Begriff jedoch ein wenig genauer anschaut, dann stellt sich die Frage, was »das System« ausmacht, für das die genannten Beschäftigtengruppen von so hoher Relevanz sind. Offenkundig handelt es sich bei diesem System um den Kapitalismus, also um eine besondere Form, das Zusammenwirken von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu organisieren. Sie ist geprägt durch die Logik einer bestimmten Art zu wirtschaften. Im Mittelpunkt steht dabei die Produktion von Waren, durch deren Herstellung und Verkauf das eingesetzte Kapital immer weiter vergrößert wird, indem man durch den Einsatz fremder Arbeitskraft Mehrwert schafft, sich einen möglichst großen Teil davon aneignet und dadurch Gewinne erzielt. Insofern ist es nicht erstaunlich, dass bislang vor allem Berufe und Tätigkeiten als systemrelevant galten, die entweder für die Produktion oder für die Vermarktung von Waren besonders wichtig sind. Wenn etwa in den Jahren der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise ab 2008 von Systemrelevanz gesprochen wurde, ging es etwa in Deutschland meist um die exportorientierte Industrie (etwa die Automobilbranche) oder um die Finanzwirtschaft. Manager:innen, Banker:innen oder Berater:innen galten als die zentralen Leistungsträger:innen. Aber kapitalistisches Wirtschaften hat gesellschaftliche Voraussetzungen, die tagtäglich wiederhergestellt werden müssen.
Damit die Wirtschaft läuft, müssen Menschen arbeiten. Sie müssen ihre Arbeitskraft und ihre Leistungsfähigkeit immer wieder neu herstellen, indem sie essen und schlafen, sich vom Arbeitsalltag oder auch von Krankheiten erholen, neue Kenntnisse erwerben, Anregungen sammeln usw. Wenn man den Blick über den oder die Einzelne:n hinaus richtet, gehört selbstverständlich auch die Geburt, Betreuung und Erziehung von Kindern sowie die Pflege von Kranken oder Alten zu den notwendigen Prozessen der (Wieder-)Herstellung bzw. der Reproduktion von Arbeitskraft. Jene Tätigkeiten aber, die (oft im Dienstleistungsbereich) dazu beitragen, nicht nur Arbeitskraft, sondern auch die gesellschaftlichen Verhältnisse und Beziehungen zu reproduzieren, auf denen kapitalistisches Wirtschaften beruht, genossen bislang meist wenig gesellschaftliche Anerkennung.
Wer durch seine oder ihre Arbeit den Erhalt oder die Wiederherstellung von Gesundheit, die Erziehung von Kindern, die Pflege von Alten oder die Versorgung mit den Notwendigkeiten des täglichen Lebens gewährleistet und so das System am Laufen hält, ist gesellschaftlich nur wenig sichtbar und arbeitet zudem besonders oft unter prekären Bedingungen. Viele Beschäftigte können von ihrer Vergütung kaum die eigene Existenz sichern und haben (manchmal mehrere) Jobs, die auf kurzfristigen Verträgen beruhen, durch Vorgesetzte und Kund:innen streng kontrolliert werden und wenig Raum für Stolz auf die eigene Leistung lassen. Diese Arbeiten sind oft besonders hart, sie werden besonders wenig honoriert und sie sind besonders »systemrelevant«. Anders als die »Bullshit Jobs«, die David Graeber (2018) aufs Korn genommen hat, sind diese Tätigkeiten gesellschaftlich hochgradig nützlich. Es handelt sich in der Regel um Dienstleistungen, die den reibungslosen Ablauf des gesellschaftlichen Alltags gewährleisten: Um im Supermarkt einkaufen zu können, muss nicht nur jemand an der Kasse sitzen, sondern der Supermarkt muss auch regelmäßig gereinigt werden, und die Konservendosen finden trotz Digitalisierung noch immer nicht von allein den Weg ins Regal. Weil es bei solchen Tätigkeiten vor allem darum geht, »normale« Abläufe zu vermitteln und Routinen zu gewährleisten, bleiben sie häufig unsichtbar – sie werden erst als notwendig erkannt, wenn sie ausbleiben (vgl. Berger/Offe 1984, S. 296; Voswinkel 2005). Spätestens im Zeichen der Corona-Pandemie ist jedoch klar geworden: Wenn Kranke nicht gepflegt, Lebensmittel nicht produziert, transportiert und verkauft oder Kinder nicht betreut werden, bricht das System zusammen. Auf die Krankenschwester können wir nicht verzichten, auf den Berater oder die Produktion von Autos zeitweise schon.1
Der Umstand, dass besonders im Frühjahr 2020, während des ersten Lockdowns, den damals sogenannten »Held:innen des Alltags«, die sich stärkeren Infektionsrisiken ausgesetzt sahen als andere Berufsgruppen (Holst et al. 2021), regelmäßig von den Balkonen applaudiert wurde, hat allerdings bislang nicht dazu geführt, dass sich ihre Löhne, ihre Arbeitsbedingungen oder ihre gesellschaftliche Position wesentlich verbessert hätten. Die neue Einsicht in die Systemrelevanz der Tätigkeiten, um die es in diesem Band gehen soll, diente hingegen vor allem als Argument dafür, den Zugriff auf die nun als unverzichtbar geltende Arbeitskraft auszuweiten. Sie führte allenfalls zu einer kurzfristigen moralischen Aufwertung, nicht aber zu substanziellen Verbesserungen für die Beschäftigten (vgl. Mayer-Ahuja/Detje 2020). Im zweiten Lockdown (ab November 2020) war dann selbst von der öffentlichen Sympathie nicht mehr viel zu spüren. Wer an der Supermarktkasse saß, konnte kaum noch mit kleinen Geschenken oder warmen Worten rechnen, sondern sah sich der zunehmend gereizten Stimmung vieler Kund:innen ausgesetzt, die unter »Social Distancing« litten und zum Beispiel den Einkauf nutzten, um Dampf abzulassen. Die »Held:innen des Alltags« mögen nun als systemrelevant gelten, unterbezahlt, schlecht abgesichert und sozial zu wenig geachtet bleiben sie jedoch weiterhin.
Was haben der oben beschriebene arbeitsmarkt- und sozialpolitische Umgang mit abhängig Beschäftigten und ihren Leistungen sowie die aktuelle Neudefinition von »Systemrelevanz« nun mit Fragen von Klasse und Klassengesellschaft zu tun? Grundsätzlich hängt die Position, die ein Mensch in der Gesellschaft einnimmt, und seine bzw. ihre Möglichkeiten, diese Position (zum Besseren) zu verändern, nicht zuletzt von der jeweiligen Funktion im Rahmen gesellschaftlicher Arbeitsteilung ab. Im Kapitalismus stehen diejenigen, die Kapital besitzen und es nutzen können, um fremde Arbeitskraft zu kaufen und dadurch ihr Kapital zu vermehren, denjenigen gegenüber, die eben kein Kapital besitzen und letztlich nur ihre eigene Arbeitskraft zu Markte tragen können. Diese Klasse der Lohnabhängigen ist – entgegen vielen populären Deutungen – fast beständig gewachsen. In Deutschland (76,7 Prozent) und in der Schweiz (84,3 Prozent) lagen die Erwerbstätigenquoten vor Beginn der Corona-Pandemie auf historischen Höchstständen. Gerade weil im Laufe des 20. und frühen 21. Jahrhunderts immer mehr Erwerbstätige nicht mehr selbstständig waren, nachdem sie ihren Hof, Handwerksbetrieb oder Laden aufgegeben hatten, sondern abhängige Beschäftigung aufnahmen, ist die arbeitende Klasse immer größer geworden. In diesem Band geht es um sie: um Menschen, die von dem Lohn oder Gehalt, das sie für den Verkauf ihrer Arbeitskraft bekommen, ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen.
Der Kapitalismus hat von Anfang an eine Klassengesellschaft hervorgebracht, und in ihr leben wir bis heute. Lange Zeit galten Klassen jedoch als etwas, das der Vergangenheit angehörte. Das hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass sich die Arbeits- und Lebensbedingungen von abhängig Beschäftigten nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich verbesserten. Viele profitierten während des Wirtschaftswachstums der Nachkriegsjahrzehnte von Vollbeschäftigung und steigenden Löhnen sowie von einer staatlichen Politik, die auf eine immer bessere Absicherung von Lohnarbeit abzielte. Vieles davon war das Ergebnis erfolgreicher Arbeitskämpfe, welche die Durchsetzung neuer Standards auf tarifvertraglicher und gesetzlicher Ebene vorantrieben.
Der Soziologe Ulrich Beck hat (1986) vom »Fahrstuhleffekt« gesprochen, der Reiche und Arme gleichermaßen nach oben fahren lasse. Die soziale Ungleichheit verschwand keineswegs – das gab auch Beck zu. Doch relativ vielen Beschäftigten gelang es, durch harte Arbeit, Bildungsanstrengungen und die Unterstützung eines stärker fördernden als fordernden Sozialstaates immer mehr Geld zu verdienen, immer besser abgesicherte Arbeitsplätze zu finden, mehr zu konsumieren und speziell den Kindern ihren Start in ein besseres Leben zu erleichtern. Der Historiker Eric Hobsbawm (1995) merkte an, dass diese Generation mit einiger Wahrscheinlichkeit davon ausgehen konnte, dass es die Kinder einmal besser haben würden als man selbst, und nannte dies einen historischen Ausnahmefall. »Die Lohnarbeitsgesellschaft schien einer aufsteigenden Bahn zu folgen, die zugleich ein Anwachsen des kollektiven Reichtums gewährleistete und eine gerechtere Verteilung der Chancen und Garantien bewirkte. […] Diese Bahn ist nun entzweigebrochen«, hat Robert Castel schon vor einiger Zeit betont (2000, S. 334f.). Mit dem Ende des wirtschaftlichen Booms der Nachkriegsjahrzehnte um 1975 wurden die Weichen in vieler Hinsicht neu gestellt. Dazu trug die grundlegende Neuorientierung von staatlicher Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik ebenso bei wie personalpolitische Strategien von Unternehmen, die zunehmend ihre stabilen Stammbelegschaften durch prekäre Ränder (aus befristet Beschäftigten, Leiharbeiter:innen, Werkvertragsnehmer:innen usw.) ergänzten, um Personalkosten zu senken und flexibler auf Auftragsschwankungen zu reagieren. Die Aufwärtsmobilität ist seither ins Stocken geraten. Es gibt mehr Abstiege, die Aufstiegskonkurrenz ist stärker geworden, vor allem hat der Anteil prekärer Beschäftigung zugenommen. Insbesondere das untere Drittel der Klassengesellschaft, das Andreas Reckwitz (2019) als »neue Unterklasse« bzw. »prekäre Klasse« bezeichnet, stagniert bezüglich seines materiellen Wohlstands und seiner Lebenschancen (Nachtwey 2016).
Die soziale Ungleichheit hat seit den achtziger Jahren deutlich zugenommen. Nach und nach setzte sich zaghaft die Erkenntnis durch, dass wir keineswegs in einer »nivellierten Mittelstandsgesellschaft« (Schelsky 1953) leben, sondern weiterhin in einer Klassengesellschaft (vgl. Nachtwey 2016, 179-189, Mayer-Ahuja 2018). Mittlerweile erscheint diese immer deutlicher als das, was sie ist: als ein ökonomisch begründetes und politisch wie kulturell verstärktes Korsett, das Lebenschancen beschneidet und persönliche Hoffnungen und Wünsche in Bezug auf Arbeit und Privatleben allzu oft an »Realitäten« scheitern lässt, auf die man als Einzelne:r kaum Einfluss nehmen kann. So sind etwa die Kinder von Arbeiter:innen heute zwar häufiger als in der Vergangenheit an Universitäten anzutreffen, aber nach wie vor ist Hochschulbildung vor allem ein Privileg von Kindern aus den höheren Klassensegmenten (Becker/Lauterbach 2016). Und selbst wenn Arbeiter:innenkinder studieren, wenn also Eltern viel Geld in lange Ausbildungszeiten investieren und es Sohn oder Tochter ermöglichen, ein Hochschulstudium zu absolvieren, während man selbst »nur« Volksschule und Berufsausbildung durchlaufen hat, heißt das nicht unbedingt, dass diese einen ebenso sicheren Arbeitsplatz finden werden, tatsächlich mehr verdienen und eine interessantere Tätigkeit haben werden als ihre Eltern. Vielleicht bleiben sie in unbezahlten Praktika oder auf befristeten Stellen stecken, wo sie wenig verdienen und kaum Aufstiegsmöglichkeiten haben. In Großbritannien ist deshalb bereits von einer neuen arbeitenden Klasse die Rede. Gemeint ist damit, dass es auch dort immer weniger möglich ist, die working class durch sozialen Aufstieg hinter sich zu lassen (Ainsley 2019, Savage 2015).
Der US-amerikanische Klassentheoretiker Erik Olin Wright (2015) unterscheidet drei Mechanismen, welche die Position eines Menschen in der Klassengesellschaft prägen: Der erste umfasst individuelle Eigenschaften wie Qualifikation, Beruf, Geschlecht, Alter oder Ethnie und den Einfluss von Herkunft und eigenen Anstrengungen auf Einkommen, Vermögen und Lebensqualität, kurz: auf die individuelle Position in der Klassenhierarchie. Der zweite Mechanismus betrifft die Chancenstruktur einer Gesellschaft: Hier geht es um die Frage, warum überhaupt einige Jobs besser als andere sind. Ob Aufstiege institutionell erleichtert oder erschwert werden, ist von Bedeutung dafür, wer Prestige und Privilegien erhalten kann. Immer gilt jedoch: Wer in der gesellschaftlichen Hierarchie weiter oben steht, tut dies, weil andere unten stehen. Sie werden von diesen Jobs ausgeschlossen. Der dritte Mechanismus ist die Stellung im System der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und insbesondere in der Arbeitswelt, in der Macht und Ausbeutung eine große Rolle spielen.
Die Beschäftigten, die in diesem Buch porträtiert werden, sind in Bezug auf alle drei Mechanismen benachteiligt. Ihre Einkommen sind in der Regel gering, genauso wie ihr Sozialprestige. Sie haben nur wenig Chancen, ihre gesellschaftliche Position zu verbessern, egal wie sehr sie sich anstrengen. Und sie erfahren in ihrem Arbeitsalltag ein hohes Maß an Disziplinierung, Arbeitsverdichtung und Kontrolle. Für sie geht das Versprechen der Autonomie und Humanisierung der Arbeit zumeist nicht auf. Flexibilität bedeutet für sie noch öfter als bei vielen höherqualifizierten Jobs keinen Freiheitsgewinn, sondern eine Anforderung, der sie nachkommen müssen. Gerade die Unternehmen im Dienstleistungssektor regieren ihre Beschäftigten in erheblichem Ausmaß.2 Nicht nur Abläufe und Arbeitszeiten werden rigide kontrolliert, sondern auch, wie man sich auf der Arbeit kleidet, wie man sich verhält, mit wem man sich austauscht. Durch digitale Technologien können immer mehr Handlungen überwacht werden, bei Amazon oder DHL geschieht das mittlerweile für jede Bewegung der Beschäftigten in den Lagerhallen.
Viele der Porträtierten hätten möglicherweise selbst in den Nachkriegsjahrzehnten eher keinen großen sozialen Aufstieg erlebt. Unter den aktuellen Bedingungen jedoch sitzen sie am unteren Rand der Arbeitsgesellschaft fest. Sie verfügen nicht über besonders viel Geld, und weil sie oft in schlecht bezahlten Jobs tätig sind, in denen allenfalls der Mindestlohn gezahlt wird, können sie selbst durch härteste Erwerbsarbeit kaum etwas daran ändern. Auch ihre Partner:innen, ihre Eltern, Geschwister oder Freund:innen sind meist keine reichen Leute. Sie erben in der Regel wenig, kennen niemanden, der oder die im Notfall einen Kredit gewähren könnte – kurz: Sie haben (in Bourdieus Begriffen) wenig ökonomisches Kapital. Das geht oft einher mit einem relativ geringen sozialen Kapital. Man kennt nicht die richtigen Leute, gehört nicht zu den richtigen Netzwerken, um leicht an Jobs, an Geld, an gesellschaftlichen Einfluss zu kommen. Und man verfügt oft nicht über das notwendige kulturelle Kapital für den sozialen Aufstieg. Wer etwa als Kind einer nichtakademischen Familie studiert, muss nicht Bourdieu lesen, um zu wissen, was mit »feinen Unterschieden« gemeint ist. Didier Eribon (2016) hat das Gefühl sozialer Fremdheit in seinem Buch Rückkehr nach Reims beschrieben: Man bewegt sich in Kreisen, in denen alle anderen dieselben Bücher gelesen haben, dieselbe Musik hören und genießen können, über dieselben Andeutungen lachen, ihren Mitmenschen mit demselben Selbstbewusstsein und Überlegenheitsgefühl begegnen usw., während man selbst sich den Zugang zu alldem hart erarbeiten muss, und immer, wenn man einen kleinen Sieg errungen hat, mit der nächsten Unzulänglichkeit konfrontiert wird.
Die arbeitende Klasse ist alles andere als einheitlich. Sie war es auch nie. Entgegen der romantischen Engführung auf ein Industrieproletariat, das man sich vor allem als Männer im Blaumann mit ölverschmierten Händen vorstellt, umfasst die arbeitende Klasse seit den Anfängen des Kapitalismus sehr unterschiedliche Personen. Gerade weil sie auf den Verkauf der eigenen Arbeitskraft existenziell angewiesen sind, konkurrieren sie auf dem Arbeitsmarkt miteinander um Jobs und damit um Lebenschancen. Wer Friedrich Engels’ Studie Die Lage der arbeitenden Klasse in England (1972 [1845]) liest, die Mitte des 19. Jahrhunderts veröffentlicht wurde, trifft auf Männer und Frauen, jüngere und ältere Erwachsene und sogar auf Kinder, die von Unternehmen systematisch gegeneinander ausgespielt werden. Kann man Männer durch Frauen oder Kinder ersetzen, die weniger Lohn verlangen und schlechtere Arbeitsbedingungen akzeptieren müssen? Sind Leute, die erst kürzlich vom Land in die Stadt oder aus dem Ausland zugezogen sind, bereit, zu noch ungünstigeren Bedingungen zu arbeiten? Die Chance zur Standardsenkung wird von vielen Unternehmen unmittelbar genutzt. Die objektiv bestehenden Unterschiede zwischen Gruppen von Beschäftigten werden zur Grundlage einer Personalpolitik, die diese Gräben noch weiter vertieft. Eine in sich einheitliche und politisch einige »Arbeiterklasse« gab es auch in der Vergangenheit nie. Zwar ist es immer wieder gelungen, Solidarität zwischen unterschiedlichen Gruppen von abhängig Beschäftigten herzustellen, obwohl sie objektiv miteinander in Konkurrenz stehen, doch solche Erfolge waren stets Ergebnis harter politischer Arbeit (etwa von Gewerkschaften) und oft nicht von Dauer. Darum schreibt E.P. Thompson zu Recht: »Die Arbeiterklasse trat nicht wie die Sonne zu einem vorhersehbaren Zeitpunkt in Erscheinung; sie war an ihrer eigenen Entstehung beteiligt.« (Thompson 1987 [1963], S. 7)
Die tiefen Spaltungslinien zwischen Arbeitenden, die uns in diesem Band begegnen, sind daher unter kapitalistischen Bedingungen die Regel und nicht die Ausnahme. Besonders groß sind dabei bis heute die Unterschiede zwischen Männern und Frauen sowie zwischen Beschäftigten mit und ohne »Migrationshintergrund«. Viele Soziolog:innen mögen die Klassengesellschaft abgeschrieben haben. Ein Bewusstsein von ihrer Existenz kehrt eher zaghaft zurück.3 Aus der Perspektive derer, die – wie die Männer und Frauen in diesem Band – Klassendiskriminierung alltäglich erleben, ist dies allerdings eine sehr reale, prägende Erfahrung. Klasse erkennt man am besten von unten.
Die Klassengesellschaft hat in dem Maße ihr Gesicht verändert, wie sich die Art und Weise des Wirtschaftens gewandelt hat. Die industrielle Beschäftigung brach im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts in Westeuropa ein. Die großen Industriebetriebe der Stahl- und Kohleindustrie verschwanden nicht, verloren jedoch ihre ökonomische und gesellschaftliche Prägekraft (Raphael 2019). Nur noch etwa ein Viertel aller Beschäftigten arbeiten in der Industrie; in der Schweiz und in Deutschland sind mehr als drei Viertel von ihnen im Dienstleistungssektor angestellt. Dies hat viel mit dem Wandel der gesellschaftlichen Produktion und Reproduktion zu tun. Die Landwirtschaft kann immer mehr mit immer weniger Menschen herstellen, in der Bundesrepublik hat die letzte Kohlenzeche ihre Pforten geschlossen, während viele Unternehmen ihr Geld mit dem Verkauf von Informationen verdienen. Zudem hat die Auslagerung von Tätigkeiten an Subunternehmen dazu geführt, dass zum Beispiel Reinigungskräfte oder Sicherheitspersonal oft nicht mehr bei einem Industrieunternehmen beschäftigt sind, sondern im Gebäudereinigerhandwerk oder im Sicherheitsgewerbe. Ohne dass sich die Arbeit selbst geändert hätte, sind damit aus Industriearbeitsplätzen statistisch betrachtet Dienstleistungsjobs geworden.
Im Dienstleistungssektor arbeiten viele Hochqualifizierte, höhere Angestellte, die teilweise ein sehr gutes Einkommen erzielen und die in ihrer Biografie durchaus Aufstiege erfahren. Aber hier findet zugleich die größte Polarisierung statt, denn der Sektor umfasst auch die meisten Jobs mit Niedrig- bzw. Tieflöhnen, wie es in der Schweiz heißt (Bahl/Staab 2010). Die Gewerkschaften sind deutlich schwächer als in der Industrie, es gibt mehr befristete und schlecht bezahlte, das heißt prekäre Jobs. Diese werden überdurchschnittlich häufig von Frauen und Personen mit Migrationshintergrund ausgeübt.
Es ist kein Zufall, dass viele Beiträge dieses Bandes sich mit der Erwerbsarbeit von Frauen im Dienstleistungssektor beschäftigen. Im Laufe des 20. und frühen 21. Jahrhunderts wurden immer mehr Tätigkeiten, die zuvor (meist von Frauen) unentgeltlich in der Familie erledigt worden waren, in Lohnarbeit umgewandelt. Speziell der Bereich der personenbezogenen Dienstleistungen wuchs dadurch stark an. Die Frauenerwerbstätigkeit hat immer neue Höchststände erreicht. In der Schweiz sind mittlerweile mehr als 80 Prozent der Frauen zwischen 15 und 64 Jahren erwerbstätig, in Deutschland sind es knapp 73 Prozent. Allerdings ist Frauenerwerbstätigkeit im Dienstleistungssektor oft prekär. Tätigkeiten in der Pflege, im Einzelhandel, in der Gastronomie, in der Gebäudereinigung usw., die traditionell vor allem von weiblichen Beschäftigten verrichtet werden, gehen häufig mit geringen Vergütungen einher, sind oft rechtlich besonders schlecht abgesichert, durch notorisch ungute Arbeitsbedingungen geprägt und genießen wenig gesellschaftliches Ansehen. Ein Grund dafür ist, dass etwa bei der Alten- und Krankenpflege oder der Kindererziehung traditionell davon ausgegangen wird, dass man dafür eigentlich keine berufliche Qualifikation benötigt, sondern etwas »weibliches« Einfühlungsvermögen und Organisationstalent ausreiche. Zudem führt die traditionelle Rollenverteilung im privaten Haushalt häufig dazu, dass Frauen eher Minijobs oder Teilzeitbeschäftigungen annehmen. Das Ehegattensplitting macht die Kombination aus hohem (meist männlichem) und geringem (meist weiblichem) Einkommen in Deutschland – in der Schweiz ist der Effekt weniger stark – auch steuerlich besonders attraktiv. Dies trifft sich mit Unternehmensstrategien, die verstärkt auf prekäre Beschäftigte setzen, die weniger soziale Rechte haben, in niedrigere Gehaltsgruppen eingruppiert und flexibler eingesetzt werden können (Brinkmann/Nachtwey 2017). Viele prekäre Stellen wurden ausdrücklich unter Verweis auf Ehefrauen und vor allem Mütter eingerichtet, die angeblich kein Interesse an dauerhafter Vollzeitbeschäftigung und der damit verbundenen sozialen Absicherung hatten. Man kann daher durchaus sagen, dass Frauen in den vergangenen Jahrzehnten als Wegbereiterinnen von prekärer Arbeit eingesetzt wurden (vgl. Mayer-Ahuja 2003, S. 89-92). Einmal etabliert, wurden diese Stellen zunehmend mit Menschen besetzt, für die es auf dem Arbeitsmarkt schlicht keine besseren Alternativen gab. In vielen Bereichen waren das zunächst weiterhin Frauen, mit und ohne Familienpflichten, aber zunehmend auch Männer. Ulrich Beck hat das als »prekäre Feminisierung der Arbeitswelt« (1999) bezeichnet. Gerade unter den Männern, die als Erste gezwungen waren, sich auf prekäre »Frauenarbeitsplätze« einzulassen, indem sie etwa in Putzkolonnen oder an den Kassen des Einzelhandels tätig wurden, sind viele Migrant:innen. Genau wie die Wanderarbeiter:innen aus Irland, die Engels (1972 [1845]) beschreibt, werden auch Kinder türkischer Gastarbeiter:innen, Migrant:innen aus Ost- und Südosteuropa oder diejenigen, die vor Krieg und Elend nach Westeuropa geflohen sind, überdurchschnittlich häufig auf schlecht bezahlten, rechtlich ungesicherten Jobs mit wenig Perspektive eingesetzt. In diesem Band treffen wir sie etwa in der landwirtschaftlichen Saisonarbeit, als Rider:innen bei Lieferdiensten, in den ausgelagerten Bereichen von Krankenhäusern (Kantine, Bettenschieben usw.), in Schlachthöfen oder in der Gebäudereinigung. Und weil sich soziale Diskriminierung aufgrund von Geschlecht und Migrationsstatus gegenseitig verstärkt, spielen migrantische Frauen in vielen Beiträgen eine besonders große Rolle.
Defizite in der sozialen Anerkennung drücken sich auch ökonomisch aus: im Lohn. Gerade weil viele der in diesem Band behandelten Tätigkeiten weitgehend unsichtbar sind und wenig gesellschaftliche Aufmerksamkeit erregen, haben diejenigen, die sie ausüben, eine schlechte Verhandlungsposition und werden auch deshalb häufig gering vergütet. Aber es geht eben nicht nur um die Entlohnung, sondern auch um die verborgenen Verletzungen in der Klassengesellschaft (»hidden injuries of class«), wie Richard Sennett sie genannt hat (1972). Die Realität der Ungleichheit führt zu einer Vielzahl von Erschütterungen: in Bezug darauf, wie man sich selbst sieht, was man in seinem Leben erreichen und wie man tagtäglich die eigene Würde bewahren kann, wenn man beständig Leistung auf hohem Niveau erbringt, ohne die entsprechende Wertschätzung zu erfahren. Für die verkannten Leistungsträger:innen hat sich eine große normative Spannung aufgebaut. Zwar werden sie seit Neuestem öfter als »Held:innen des Alltags« adressiert, ihnen wird auch symbolische Anerkennung zuteil, doch dies übersetzt sich nicht in bessere Gehälter oder mehr soziale Rechte. Die »Tyrannei der Leistung« (Sandel 2020, S. 42) bedeutet (nach der oben skizzierten Umdeutung des Leistungsbegriffs) für sie eine Missachtung ihrer eigenen Anstrengungen.
Welche Folgen hat dies für die Wahrnehmung der eigenen Position in der Gesellschaft? Gibt es unter den hier porträtierten Beschäftigten so etwas wie ein Klassenbewusstsein? In einer berühmten Studie zeigten Heinrich Popitz und Hans Paul Bahrdt in den fünfziger Jahren (Popitz et al. 1957), dass Arbeiter in einem bundesdeutschen Hüttenwerk ausgesprochen stolz auf die eigene Leistung (etwa auf ihren Beitrag zum Wiederaufbau des Landes nach dem Zweiten Weltkrieg durch körperlich schwere Arbeit) waren. Sie waren sich bewusst, in einer dichotomen Gesellschaft zu leben, in der »die da oben« sehr klar von »uns hier unten« zu unterscheiden waren, aber sie leiteten daraus (wenige Jahre nachdem die Nationalsozialisten die Arbeiter:innenbewegung zerschlagen hatten) keinen politischen Gestaltungsanspruch mehr ab. Sie hatten, wenn man es so formulieren möchte, keine Zweifel bezüglich ihrer Position in der Klassengesellschaft, doch daraus folgte keine selbstbewusste Klassenpolitik. Daran hatte sich bis in die siebziger Jahre hinein wenig geändert: Auch Horst Kern und Michael Schumann (1985 [1977]) betonten in ihrer Studie zu »Industriearbeit und Arbeiterbewusstsein« das Fehlen revolutionären Schwungs unter ihren Befragten. Neuere Studien belegen nun, dass zum Beispiel Arbeiter:innen in der Industrie die Gesellschaft durchaus als gespalten wahrnehmen (vgl. hierzu Dörre et al. 2013). In den Beiträgen zu diesem Band finden wir zudem zahlreiche Hinweise auf das Leiden an der Arbeit, auf die Wahrnehmung von Ausbeutung, Ungerechtigkeit und Diskriminierung, auf die Missachtung der eigenen Leistung – einer Leistung, auf die viele der hier versammelten Beschäftigten allerdings ähnlich stolz sind, wie die von Popitz und Bahrdt befragten Arbeiter es waren. Ob die Gesellschaft gespalten ist, wird heutzutage hingegen selten direkt thematisiert: Vielleicht, weil Soziolog:innen diese Frage eher an die traditionellen »Träger der Arbeiterbewegung« in der Industrie stellen als an die »Held:innen des Alltags«. Vielleicht aber auch, weil eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Position in der Gesellschaft eher im Konflikt gelingt, wenn man gezwungen ist, sich darüber Gedanken zu machen, und die Kämpfe um Anerkennung stehen in den hier porträtierten Branchen noch ziemlich am Anfang.
Bis vor einigen Jahren hätte man wohl argumentiert, dass ein gemeinsames Eintreten von Beschäftigten für die eigenen Interessen, etwa in Form von gewerkschaftlichem Engagement und Arbeitskämpfen, gerade in Bereichen, in denen an der Reproduktion von Arbeitskraft und gesellschaftlichen Beziehungen gearbeitet wird, nicht sehr wahrscheinlich ist. Speziell diejenigen – in der Regel handelt es sich um Frauen –, deren Job darin besteht, sich um andere Menschen zu kümmern, finden es bekanntermaßen oft schwer, aktiv für die eigenen Interessen einzutreten. Wenn Pflegekräfte oder Erzieher:innen streiken, treffen sie in erster Linie die Patient:innen, die Kinder und die Eltern – und nicht das Unternehmen, von dem sie bessere Bedingungen fordern. Dies galt traditionell als ein wichtiger Grund dafür, dass Gewerkschaften und auch betriebliche Interessenvertretungen (also Betriebs- oder Personalräte) in männerdominierten Bereichen der Wirtschaft und besonders in der Industrie sehr viel stärker sind: Der Interessengegensatz zwischen Kapital und Arbeit tritt dort besonders klar zutage, und man verhindert durch Arbeitskämpfe die Auslieferung von Autos, nicht die Behandlungen kranker Menschen. Umso bemerkenswerter ist es, dass in den vergangenen Jahren eine »Feminisierung von Arbeitskonflikten« (Artus/Pflüger 2015) festzustellen ist – und dass sie genau in den Bereichen des Arbeitsmarktes stattfindet, in denen besonders viele Frauen personenbezogene Dienste leisten, sei es im Flugverkehr, in den Sozial- und Erziehungsdiensten oder in Krankenhäusern. Wenn die Belegschaft der Berliner Charité unter dem Slogan »Mehr von uns ist besser für alle« in den Arbeitskampf zieht, ist dies ein Beleg dafür, dass diese Leistungsträger:innen die gesellschaftliche Bedeutung ihrer Tätigkeit erkannt haben und ihre eigenen Interessen an »guter Arbeit« zu Recht mit dem Interesse von (potenziellen) Patient:innen an guter Pflege verbinden. In Arbeitskämpfen geht es nie »nur« um Vergütung und Arbeitsbedingungen, sondern immer auch um Anerkennung (Honneth 2003). Die erwähnten Auseinandersetzungen der letzten Jahre zeichnen sich jedoch gerade dadurch aus, dass Würde, Status, berufliche Identität und Respekt eine ganz besonders große Rolle spielten. Die Proteste der verkannten Leistungsträger:innen entzünden sich oftmals genau an der Missachtung ihrer Arbeit. Sie wollen nicht länger unsichtbare Opfer sein. Entsprechend wird in vielen Beiträgen dieses Bandes nicht nur das alltägliche Elend dieser Arbeitenden geschildert, sondern auch ihre Kritik, ihr Handeln, ihr Widerstand; selbst wenn der Ausdruck von »Eigensinn« nicht immer fortschrittlich ist, wie etwa der Fall eines Lagerarbeiters zeigt, dessen Wut im Nationalismus ein Ventil findet.
Wer über die Klassengesellschaft spricht, sollte sich bewusst machen, dass die Strukturen gesellschaftlicher Arbeitsteilung, auf denen sie beruht, zwar relativ stabil und für den bzw. die Einzelne:n schwer zu überwinden sind. Sie sind jedoch nicht in Stein gemeißelt, sondern Ergebnis sozialer Auseinandersetzungen um gute Arbeit und ein gutes Leben – also von Klassenpolitik. Insofern besteht Hoffnung, auch für die verkannten Leistungsträger:innen.
Mit diesem Band wollen wir nicht nur die Arbeits- und Lebensrealität der Leistungsträger:innen dokumentieren, sondern auch ergründen, was dazu führt, dass diese Beschäftigten so wenig Anerkennung erfahren.4 Darum werden ihre Selbstzeugnisse jeweils mit kurzen analytischen Passagen verbunden. Offenkundig kann nicht alles in jedem Beitrag diskutiert werden, aber es ist wichtig, Fragen wie die folgenden aufzuwerfen: Welchen Stellenwert hat die betreffende Tätigkeit in der kapitalistischen Arbeitsteilung? Wie hat sich die Bedeutung der entsprechenden Branchen, Unternehmen und Arbeitsprozesse verändert? Welchen Einfluss nehmen Unternehmen und der Staat jeweils auf diese Veränderungen? Und welche Rolle spielen transnationale Einflüsse? Immerhin zeigt schon ein kurzer Blick auf Wertschöpfungs- und »Sorgeketten« (Care-Chains), wie häufig gerade die hier interessierenden, »systemrelevanten« Jobs einen transnationalen Charakter haben: Lastwagenfahrer:innen überqueren ständig Landesgrenzen, Pflegekräfte und Erntehelfer:innen kommen zur Saisonarbeit.
Die Beiträge in diesem Band widmen sich durchweg Menschen, deren berufliche Tätigkeit darin besteht, an der Reproduktion von Arbeitskraft und gesellschaftlichen Beziehungen zu arbeiten. Karl Marx fasste Arbeitskraft als »den Inbegriff der physischen und geistigen Fähigkeiten, die in der Leiblichkeit, der lebendigen Persönlichkeit eines Menschen existieren und die er in Bewegung setzt, sooft er Gebrauchswerte irgendeiner Art produziert« (Marx 1962 [1867], S. 181). Im Folgenden werden wir uns mit verschiedenen Aspekten ihrer Reproduktion befassen.
Im ersten Abschnitt geht es um Tätigkeiten, die Arbeitskraft von anderen Menschen erst verfügbar machen. Dies geschieht, indem Kinder sozialisiert und erzogen, bestimmte Gruppen von Jugendlichen oder Erwachsenen betreut und Alte gepflegt werden. Thema ist hier die professionelle Sorgearbeit von Erzieher:innen, Sozialarbeiter:innen und Altenpfleger:innen. Indem man Menschen von notwendigen Sorgetätigkeiten entlastet, können sie einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Im zweiten Abschnitt werden Beschäftigte aus dem Gesundheitssektor porträtiert. Krankenpfleger:innen, Bettenschieber:innen und Arbeiter:innen in der Krankenhauswäscherei sind in einem System tätig, dessen Aufgabe es ist, Arbeitskraft wiederherzustellen. Zudem muss Arbeitskraft (etwa durch Ernährung) aufrechterhalten werden: Wer nicht isst, kann auch nicht arbeiten. Deshalb wird dieses Feld im dritten Abschnitt beleuchtet: Hier begegnen uns Küchenhelfer:innen, Beschäftigte aus der Ernährungsindustrie und der Fleischproduktion, Saisonarbeiter:innen und Kurierfahrer:innen. Im vierten Abschnitt steht die Versorgung mit Waren, die für die alltägliche Reproduktion von Arbeitskraft gebraucht werden, im Mittelpunkt des Interesses und damit Arbeiter:innen in Logistikzentren und Lagern, Beschäftigte in Textildiscountern, Verkäufer:innen im Lebensmitteleinzelhandel, Paketbot:innen und LKW-Fahrer:innen. Schließlich werden im fünften Abschnitt Tätigkeiten in den Blick genommen, die dazu beitragen, Arbeitskraft abzusichern – durch die Gewährleistung von Hygiene (Reinigungskräfte und Friseur:innen), von Schutz für Person und Eigentum (Wachpersonal) oder von räumlicher Mobilität (Flugbegleiter:innen). Die Reproduktion von Arbeitskraft, von Gesellschaft, ist ein komplexer Prozess – entsprechend vielfältig sind die Arbeitsbedingungen, Lebensumstände, Erfahrungen und Perspektiven der im Folgenden porträtierten Beschäftigten. Ihnen ist dieser Band gewidmet.
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Anmerkungen
1Carsten Bätzold, Betriebsratsvorsitzender des zweitgrößten Werks von Volkswagen in Baunatal, bringt dies auf den Punkt: »Diese Corona-Krise macht sehr deutlich: Wenn über acht oder zwölf Wochen keine Autos gebaut werden, passiert nichts in diesem Land. Es ist also kein systemrelevantes Produkt, das wir herstellen« (Bätzold/Lacher 2020).
2Die US-amerikanische Philosophin Elizabeth Anderson spricht deshalb von Unternehmen auch als »privater Regierung« (Anderson 2019).
3Interessanterweise wird das Thema Klasse vermehrt außerhalb der Soziologie aufgegriffen, in der Literatur etwa in den Arbeiten von Anke Stelling, Christian Baron, Deniz Ohde oder Bov Bjerg. Die Journalistin Julia Friedrichs hat gerade das viel beachtete Buch Working Class (2021) veröffentlicht.
4Zu den Inspirationsquellen dieses Bandes gehören sicherlich die von Pierre Bourdieu herausgegebene Sammlung von Zeugnissen über soziale Missachtung in Das Elend der Welt (1997) sowie der Band von Franz Schultheis und Kristina Schulz Gesellschaft mit begrenzter Haftung (2005). Nicht nur für den Titel war das Buch Verkannte Arbeit: Dienstleistungsangestellte in der Schweiz (2012) von Andreas Rieger, Pascal Pfister und Vania Alleva eine wichtige Anregung.
I
Von Yalcin Kutlu
»Es ist ja ein sozialer Beruf, also man versucht ja dann immer trotzdem, zu gucken was geht. Das wäre in der Wirtschaft wahrscheinlich nicht so denkbar, […] wir sind ja alle so angelegt, deswegen arbeiten wir ja in dem Beruf, immer zu gucken, dass wir es trotzdem irgendwie hinkriegen. Was eben auf Dauer sehr belastend ist, ist ja dieses Hin und Her, diese Gradwanderung zwischen ich will’s hinkriegen aber auf der anderen Seite geht’s eigentlich nicht mehr und das ist dann so ein Teufelskreis, aus dem man dann nicht mehr rauskommt.«
Interviewer: »Wie fühlst du dich an solchen Tagen in dem Teufelskreis?«
Sandra: »Na ja, da bin ich abends dann schon ausgelaugt, wenn ich heimkomme. […] Da geht dann sonst nichts mehr, dann ist nur noch Couch angesagt und fertig.«1
Sandra beschreibt das Dilemma, vor dem sie, aber auch ihre Berufsgruppe steht, als »Teufelskreis«. Sie kann unter gegebenen Rahmenbedingungen weder ihren professionellen Ansprüchen und ihrem Berufsethos noch den Bedürfnissen der Kinder gerecht werden, versucht es aber trotzdem. Ergebnis ist die körperliche und emotionale Überlastung von Sandra, die sich auch auf die Lebenswelt auswirkt. Gerade an dem in der Öffentlichkeit diskutierten und an Erzieher:innen gesellschaftlich herangetragenen Bildungsauftrag von Kitas müsse sie Abstriche machen, sagt sie. Klar, den »Auftrag, den Orientierungsplan« habe sie »im Kopf«. Aber »dann kommt irgendwie der Alltag dazwischen […], und das qualitative Arbeiten bleibt dann auf der Strecke«. Mit einem erschöpften Ausdruck im Gesicht und Ton in ihrer Stimme ergänzt sie: »Irgendwann bleibt dann nur noch übrig zu gucken, […] dass nichts passiert und dass die Kinder einigermaßen gut versorgt sind.« Wie geht Sandra mit dieser ständigen beruflichen Frustrationserfahrung um? Sie resigniert nicht. Sie zieht sich nicht zurück, sucht nicht nach individuellen Lösungen. Stattdessen hat sie sich entschlossen, die Probleme auf der Arbeit sichtbar zu machen und dagegen anzugehen: Sie hat in den letzten Jahren als Gewerkschafterin an einer Reihe von Streiks teilgenommen und in der ehrenamtlichen Streikleitung mitgewirkt. Gleichzeitig ist sie aktiv in ihrer Betriebsgruppe und in der Leitung der Verdi-Vertrauensleute ihrer Stadt. »Seitdem ich Mitglied bin, war klar, das ist Solidarität, und wenn gestreikt wird, bin ich dabei, denn man fällt den Kolleg:innen nicht in Rücken.« Sandra hat also schon vor der aktuellen Debatte über Systemrelevanz dafür gekämpft, dass reproduktive Tätigkeiten mehr öffentliche Aufmerksamkeit erhalten. Sandra ist 51 Jahre alt und seit fast drei Jahrzehnten Erzieherin, wenn man die vier Jahre Ausbildung dazurechnet. Sie lebt in einer süddeutschen Großstadt, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.
In der sozialwissenschaftlichen Diskussion war es lange Zeit nicht vorstellbar, dass sich Erzieher:innen als Sorgearbeiter:innen kollektiv für ihre Rechte als Arbeitende einsetzen und streiken. Begründet wurde diese Annahme mit dem »Prisoners of Love«-Effekt (Folbre 2001). Der besagt, dass Erzieher:innen gegenüber den zu betreuenden Kindern eine besondere emotionale Bindung entwickeln, die Hand in Hand mit einem sorgenden und verantwortungsvollen Berufsethos geht, das Streiks eher im Wege steht. Reich führt für das Berufsethos, in dem moralische Grundsätze und professionelle Ansprüche zusammenfallen, den Begriff »the martyred heart« (Reich 2012, S. 8) ein. Hierbei stehen die emotionalen Aspekte und die Involviertheit der Sorgearbeiter:innen im Mittelpunkt, die dazu führen, dass Ungerechtigkeiten und Missachtungserfahrungen am Arbeitsplatz nicht zu Protest oder kollektiver Interessenartikulation führen. Die gesellschaftliche Missachtung und die geringe Entlohnung werden quasi durch die emotionalen Aspekte der Arbeit und die intrinsische Motivation der Sorgearbeiter:innen kompensiert. Die Identifikation mit der Arbeit ist – so argumentiert Reich weiter – derart weitreichend, dass die Sorgearbeiter:innen bereit sind, sich Betriebsanforderungen unterzuordnen (vgl. ebd.). Sandra hat trotzdem gestreikt – und viele Kolleg:innen mit ihr. Das kommt nicht von ungefähr.
Seit der Jahrtausendwende lässt sich im Kita-Bereich eine Reformphase beobachten. Kitas wurden zu Bildungseinrichtungen erklärt, und 2004 wurden von der Kultusministerkonferenz Bildungspläne verabschiedet. Neben Bildungsanforderungen an Erzieher:innen wurden Professionalisierungsprozesse vorangetrieben. Auch in den Ausbau der Kindertagesstätten wurde investiert. Zwischen 2006 und 2019 ist ihre Zahl um 7600 Einrichtungen auf aktuell circa 53000 gestiegen (vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2020, S. 81). Die Branche ist durch eine heterogene Trägerlandschaft geprägt, was mit teilweise erheblichen Lohnunterschieden einhergeht. Im Jahr 2019 waren rund zwei Drittel der Kitas in freier und konfessioneller Trägerschaft. Mit einem Drittel ist ein deutlich geringerer Anteil in kommunaler Trägerschaft, und drei Prozent werden von privat-gewerblichen Trägern betrieben (vgl. ebd., S. 82). Die Branche wächst und wird auch arbeitsmarkt- und beschäftigungspolitisch relevanter. Und das in doppelter Hinsicht. Durch den Kita-Ausbau soll unter anderem die Erwerbstätigkeit der Eltern bzw. Mütter gesteigert werden (vgl. Bundesregierung 2017, S. 9):2 Das brachliegende weibliche Humankapital soll mobilisiert werden. Gleichzeitig bieten Kitas für Frauen eine Beschäftigungschance. Die Zahl der Erzieher:innen in Kitas hat sich innerhalb der letzten 15 Jahre auf nahezu 610000 (vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2020) verdoppelt. Trotzdem herrscht vornehmlich in Ballungsräumen ein beträchtlicher Fachkräftemangel, so dass Eltern den 2006 gesetzlich verankerten Anspruch für die Betreuung ihres Kindes in einer Kita zum Teil nicht wahrnehmen können. Teilweise klagen Eltern vor Gericht einen Platz ein. Dies hat zur Folge, dass, obwohl mehr Kinder in einer Einrichtung betreut werden, eine entsprechende Anpassung des Personals vielfach ausbleibt. Dies führt wiederum nicht nur zu einer gestiegenen Arbeitsverdichtung in Kitas, sondern auch zu Verschlechterungen in Bezug auf die Betreuung. Zudem haben mit dem Aus- und Umbau des Kita-Bereichs auch hier Marktlogiken Einzug gehalten. Wenn es bei der Betreuung und Erziehung von Kindern im Vorschulalter vor allem um die Vermehrung von Humankapital geht, besteht die Aufgabe von Erzieher:innen letztlich darin, Grundlagen für die spätere Verwertbarkeit von Arbeitskraft zu schaffen, statt, wie Sandra sagt, von einem »ganzheitlichen Menschenbild« auszugehen und die Kinder etwa in einem humanistischen Sinne auf ein Leben als Teil der Gesellschaft vorzubereiten. Zunehmend richten sich selbst staatliche und zivilgesellschaftliche Träger, die eigentlich nicht profitorientiert arbeiten, an der Funktionslogik von Unternehmen aus und konkurrieren auf Quasimärkten in einem Unterbietungswettbewerb um staatliche Zuschüsse (vgl. Becker/Dörre/Kutlu 2018, Decieux/Becker/Kutlu 2019). Die Folge ist der von Sandra beschriebene Teufelskreis.
Gleich zu Beginn unseres Gesprächs führt Sandra lachend aus: »Eigentlich wollte ich Archäologin werden«, und berichtet, wie sie dann doch Erzieherin wurde:
»Ist ein kleiner Unterschied zwischen Archäologin und Erzieherin, resultiert aber daraus, ich war die Erste, die auf ein Gymnasium ging in unserer Familie. Zwischenzeitlich dann […] so ein bisschen Einbruch hatte, so wie es wahrscheinlich jeder hat, wo die Schule dann nicht mehr so relevant ist. Meine Familie mir aber bzw. meine Mutter, die alleinerziehend war, nicht den Rückhalt bieten konnte, die als Putzfrau gearbeitet hat […]. Ich war nicht besonders schlecht, aber ich war Mittelmaß gewesen und hatte keine Lust mehr auf Schule. Und in dem Zusammenhang hat dann meine Mutter gesagt: ›Na ja gut, dann werd Erzieherin – Kinder gibt’s immer, also such dir einen Job, dann mach das doch mal.‹ […] Ich habe dann mit der mittleren Reife auch das Gymnasium verlassen. So im Rückblick ist es natürlich schade, weil Archäologie hätte mich schon interessiert, und ich war sehr gut in Latein gewesen und Griechisch und so weiter, also es hat mir wirklich unheimlich Spaß gemacht, aber wie gesagt, an der Stelle war halt niemand, der gesagt hat: ›Jetzt mach mal, und durch das Tal führen wir dich auch noch durch, und dann schaffst du das.‹ Außerdem hat meine Mutter ein bisschen Angst davor gehabt, weil sie es selber ja nicht kannte, sie hatte ja selber nur den Hauptschulabschluss, […] ein bisschen Angst vor dem Studium, also das hatte sie ja gar nicht gekannt.«
In dieser Sequenz wird die berufliche Sehnsucht eines Arbeiterkindes deutlich, das schon sehr früh in seiner Biografie auf die oft im Dunkeln, gar im Unsichtbaren gehaltenen, aber deswegen nicht weniger wirkmächtigen Grenzen einer Klassengesellschaft gestoßen ist. Nach einem Praktikum und der Ausbildung, die sie 1986 in einer kirchlichen Kita begonnen hatte, wechselte sie schließlich in eine städtische Einrichtung. Bis heute ist sie beim städtischen Träger geblieben. »Das war Anfang der Neunziger, da gab’s gerade wieder so einen Einbruch, so wie heute auch Fachkräftemangel.« Aktuell arbeitet sie in einer »inklusiven« Kita, vier Tage die Woche. Davor war ihr beruflicher Werdegang durch bewusste Wechsel der Einrichtungen geprägt, die sie mit Neugierde erklärt.
»Die Stadt ist groß, hat viele Kitas, das ist, glaub ich, auch ein Grund, warum ich dageblieben bin, mal abgesehen davon, dass ich da Streikrecht hab, was ich bei der kirchlichen nicht hätte.3 Also mich da zu geiseln, wäre, glaub ich, nicht möglich gewesen, also ich will für meine Rechte eintreten können. […] Und ich habe am Anfang alle zwei Jahre die Einrichtung gewechselt. Wurde dann später Springerin für die ganze Stadt und hab unheimlich viele Einrichtungen kennengelernt, und das ist auch das, was mich dann mit der Archäologie verbindet. Diese Neugierde, diese Neugierde auf die Einrichtung, auf die Kinder, zu gucken, wo kommt was her, wie kann man was bewerten.«
In ihrer aktuellen Kita sind »emotional belastete« Kinder, die teilweise kurz vor der »Heimaufnahme« stehen. Auch die »Regelkinder«, so Sandra weiter, brächten einen »Rucksack« mit. Zudem wird hier deutlich, dass Sorgearbeiten auch dabei helfen, »sozialen Kitt zu produzieren« (Chorus 2012, S. 33).
»Das ist ja heute nicht mehr so, dass Familien in Großfamilien leben, wo dann die Oma sagt, so und so geht das, das war schon immer so, und das ist völlig normal. Eltern sind manchmal ein bisschen unsicher an vielen Stellen und brauchen da Begleitung, und [an die] Stelle von der Großfamilie sind dann wir dann quasi getreten.«
Hier lässt sich eine besondere Herausforderung bestimmen, die Sorgearbeiten generell kennzeichnet. Die Schaffung einer professionellen Balance von Nähe und Distanz, zwischen Erzieher:innen und Kindern sowie Eltern, die in der Sequenz durch die Formulierung auf den Punkt gebracht wird, die Kindertagesstätte sei »quasi« zum Ersatz für Großfamilien geworden. Doch zunächst weiter mit der Frage nach den Gründen der Berufswahl.
»Weil es ein Beruf war, der ein Mangelberuf war, der eine gute Chance hat, dass ich da immer beschäftigt bin, nicht arbeitslos werde. Das war damals schon so, also ein sicherer Job war der Gedankengang, aber so frauentypisch auch, null Ahnung, also ich hatte wirklich gar keine Ahnung, was ich da verdien.«
Bourdieu weist in seiner Habitustheorie (Bourdieu 1993) darauf hin, dass die Ausstattung mit ökonomischem, sozialem und kulturellem Kapital einen prägenden und strukturierenden, wenn auch nicht determinierenden Einfluss auch auf die Berufs- und Studienfachwahl hat (vgl. Bourdieu/Passeron 1971). In der Lebenswelt »bereits realisierte Zwecke, Gebrauchsanleitungen oder Wegweisungen« (Bourdieu 1993, S. 100) wirken demnach auf Subjekte ein und lassen ihnen »Regelmäßigkeiten« (ebd.) eher als »notwendig bzw. natürlich« (ebd.) erscheinen. Sandras Ziel war vor allem ein sicherer Job, dessen Erreichung sie eben nicht für natürlich hielt. Folglich wählte sie einen Beruf, in dem die Chancen, so einen Job zu bekommen, besonders groß waren. »Notwendig und natürlich« (ebd.) war für Sandra eher der Umstand, dass sie, gleichsam ohne das zu reflektieren, einen schlecht bezahlten Frauenberuf ansteuerte und auf ein Studium verzichtete. Neben der Klassenherkunft wirkte auch das Geschlecht strukturierend auf Sandras Berufswahl, da es sich um einen weiblich codierten Beruf handelt. Ihre Hoffnung auf einen sicheren Arbeitsplatz hat sich erfüllt. Nach ihrer Ausbildung hat Sandra bis heute in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis gearbeitet. Im Laufe der Jahre hat sie eine intrinsische Motivation und ein Berufsethos entwickelt.
»Wir bilden die Gesellschaft, also die läuft bei uns durch. Fast alle, die später irgendwie sich in der Gesellschaft bewegen, waren mal im Kindergarten, und von daher prägen wir das natürlich, und von daher ist es ganz wichtig, was wir da tun und dass wir es gut tun, weil man hat ja immer so ein gewisses Bild von der Gesellschaft, also das ist ja unsere Arbeit, da setzen wir ja an. Dieses ganzheitliche Menschenbild, wie soll der Mensch, den wir in den Kitas haben, in Zukunft aussehen, wie soll er die Gesellschaft prägen, in welcher Form leben wir? Also wir leben in einer Demokratie, das sind alles Sachen, die ja auch frühzeitig gelernt werden müssen und wo wir die Grundlage legen, damit die später dann auch gut durchkommen. Ich will nicht sagen, funktionieren, weil funktionieren find ich nicht so ein gut gewählter Ausdruck, aber dass sie ein guter Teil der Gesellschaft werden und auch einen guten Beitrag leisten können. Und da ist es wichtig, dann am Anfang schon die Grundsteine zu legen. […] Was halt toll ist in der Arbeit mit Kindern ist, die Entwicklung zu sehen. Zu sehen, dass man wirklich die Basis legen kann für Bildungsbiografien. Dass man unterstützen und helfen kann und Kinder weiterentwickeln kann, weil Kinder von sich aus ein absoluter Schatz sind, die ganz viel mitbringen, und wenn man da richtig ansetzt, kann man unheimlich viel erreichen.«
Und ohne Grundstein – um im Bild zu bleiben – kann kein Haus errichtet werden. Auffällig ist, dass Sandra nicht in das hohe Lied der Kinder als Humankapital mit einstimmt. Die ökonomische Funktion von Kitas scheint, wenn überhaupt, eine untergeordnete Rolle zu spielen. Im Gegenteil, sie setzt auf ein »ganzheitliches Menschenbild« und auf Erziehung zur Demokratie.
Sandra betont immer wieder, dass sie sich ihren Beruf »leisten« kann, da ihr Partner über ein ausreichendes Einkommen verfüge. »Aber wäre ich alleinerziehend oder wär ich diejenige, die hauptverantwortlich das Geld eintreiben müsste, würde es nicht reichen, und das ist dann schon ein bisschen unverschämt von der Arbeitgeberseite.« Dem hier durchscheinenden und lange Zeit prägenden, jedoch aktuell erodierenden Male-Breadwinner-Modell (vgl. Lewis 2001) liegt ein »Geschlechtervertrag« (Pateman 2009) zugrunde. Demnach wurde Männern in der öffentlichen Sphäre die Rolle des Familienernährers zugewiesen, der er durch eine Vollzeitbeschäftigung in einem Normalarbeitsverhältnis nachkam. Frauen hingegen wurden in die Sphäre des Privaten verwiesen, und die Verantwortung für Sorgearbeiten wie Kindererziehung und Pflege von Angehörigen wurde an sie delegiert. Folge dessen war die Hierarchisierung von Geschlechtern und eine geschlechtliche Segregation des Arbeitsmarktes, die Frauen in prekäre Arbeitsverhältnisse verweist und sogenannte Frauenberufe als »Zuverdienst« in Teilzeit konstruiert, systematisch unterbewertet und unterbezahlt.
In ihrer weiteren Erzählung wird schnell klar, dass Sandra es sich auch »leisten« konnte, mit zwei Kleinkindern und ihrer pflegedürftigen Mutter ihre Stelle von hundert auf fünfzig Prozent zu reduzieren. Zudem konnte Sandra ihre Kinder während der Schulferien in die Kita mitnehmen, in der sie arbeitete. Das empfand sie dann als »ungemeine Erleichterung«, weil sie »nicht noch außen rum organisieren, tun und machen muss«. Die gesellschaftliche Zuweisung von bezahlter Sorgearbeit an Frauen (vgl. Fraser 2017, Federici 2015) und die ungleiche Verteilung von unbezahlter Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern findet sich somit auch in Sandras Familienverhältnissen. Diese von Sorgeverpflichtungen für Kinder und Mutter geprägte Zeit beschreibt sie rückblickend als
»ganz, ganz schlimm, ich war sehr erschöpft. Da gab’s auch Tage, wo es mir dann auch körperlich nicht so gut ging. Ich kämpf mich da immer so durch […]. Klar, Migräneanfälle häufiger und solche Sachen, aber ich habe dann einfach geguckt, nur zu funktionieren und solche Sachen abzuhaken. Dass man da einfach durchkommt. Ging natürlich auf meine Kosten, also ich habe weniger Zeit, also eigentlich kaum Zeit für mich, überhaupt nicht. Aber es hat funktioniert.«
Der letzte Satz deutet auf eine nachträgliche Rationalisierung einer Leidenserfahrung hin. Die gesellschaftlich virulente Frage lautet, was mit den Erzieherinnen ist, die es sich nicht »leisten« können, für nicht existenzsichernde Gehälter zu arbeiten und/oder ihre Arbeitszeit zu reduzieren – sei es, weil sie nicht in einer Partnerschaft leben, alleinerziehend sind oder weil der Partner auch in prekären Arbeitsverhältnissen tätig ist.
Als Anerkennungs- und Missachtungserfahrungen in der Arbeit zur Sprache kommen, artikuliert Sandra, ohne lange darüber nachzudenken, die Diskrepanz zwischen neuen Herausforderungen und den unzureichenden Rahmenbedingungen.
