Verliebt in einen See - Katrin Richter - E-Book

Verliebt in einen See E-Book

Katrin Richter

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Beschreibung

Es sollte eigentlich nur die Vorarbeit für einen noch zu schreibenden Roman sein, eine Art Sichtung des vorhandenen Materials. Aber dann beanspruchte es ein eigenes Leben: Dieses Tagebuch zweier Wanderreisen zum Tollensesee in Mecklenburg-Vorpommern. „Man kann nicht lieben, ohne zu lieben“, schreibt die Autorin. Und richtig: Wer einmal damit angefangen hat, merkt, wie sich diese Liebe ausdehnt. Auf Menschen, Wesen, alle Erscheinungsformen der Natur. Sogar auf ein Gewässer, wie man sieht. Den See.

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Seitenzahl: 93

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Vorbemerkung der Autorin

Lieber Leser, geschätzte Leserin,

auch, wenn dieses Tagebuch meine Gedanken und Gefühle während der beschriebenen Tage widerspiegelt, so habe ich doch die eine oder andere Veränderung vorgenommen, die dazu dienen soll, andere Menschen oder Umstände zu schützen.

Gehen Sie also bitte getrost davon aus, dass ich Personen und ihre Namen erfunden oder geändert habe und sowieso nie ganz unterscheiden kann, was ich tatsächlich erlebt habe und was nur in meiner Phantasie stattfindet. Ähnlichkeiten mit existierenden Leuten (oder auch mit bereits verstorbenen) sind also rein zufällig und von mir in keiner Weise beabsichtigt.

Irgend jemanden bloßzustellen, ist und war niemals der Grund, warum ich Bücher schreibe.

Katrin Richter, im Frühjahr 2014 in Berlin

Die Autorin

  Katrin Richter hat – auch unter ihren Namen Katrin Panier, Katrin Panier-Richter und Clara Felder – bisher insgesamt sechzehn lieferbare Bücher veröffentlicht. Als leidenschaftliche Tagebuchschreiberin und Spaziergängerin lebt sie mit ihrer Familie in Berlin.

„Hätte ich dich finden müssen,ich hätte nicht gewusst, wo ich suchen soll.“

Danke, Simone…Für Dich und Volkmar.

Der Zauber mancher Reisen läßt sich nicht allein durch Landschaften erklären, durch fremde Menschen und Gebräuche, die einem dann nahe werden. Der Zauber vieler Reisen entsteht dadurch, mit wem man unterwegs war. Dieser eine, einzige Gefährte wandelt jede Gegend zu einer besonderen. Und ich bin bis heute nicht müde geworden, mit ihm neue zu entdecken.

Andererseits: Ich kann nicht lieben, ohne zu lieben. Und wenn man einmal damit angefangen hat, dehnt sich diese Liebe aus. Auf andere Leute, auf Umstände und eben auch – was ich bis dahin nicht gewusst hatte – auf Orte in der freien Natur. In meinem Fall auf einen See. Den herrlichen Tollensesee bei Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern.

Wollen Sie wissen, wie das anfing?

Ich schlage mein Tagebuch auf, suche – und finde.

Inhaltsverzeichnis

Donnerstag, 4. Juli 2013 in Berlin

Freitag, 5. Juli 2013 in Berlin

Dienstag, 1. Oktober 2013, noch in Berlin

Mittwoch, 2. Oktober 1013 in Neubrandenburg

Donnerstag, 3. Oktober 2013, Tag der deutschen Einheit in Neubrandenburg

Freitag, 4. Oktober 2013 in Neubrandenburg

Sonnabend, 5. Oktober 2013 in Neubrandenburg

Sonntag, 6. Oktober 2013 in Neubrandenburg

Montag, 7. Oktober 2013 – in Berlin, Hurra!!!

Sonnabend, 26. Oktober 2013 in Berlin

ca. 15:00Uhr, in der Villa Marie, Neubrandenburg again

Sonntag, 27. Oktober 2013 in Neubrandenburg, Villa Marie, O3, Literatennest

Montag, 28. Oktober 2013 in Neubrandenburg

Dienstag, 29. Oktober 2013 in Neubrandenburg

Mittwoch, 30. Oktober 2013 in Neubrandenburg

Donnerstag, 31. Oktober 2013 in Neubrandenburg

Freitag, 1. November 2013 in Neubrandenburg

Sonnabend, 2. November 2013 in Berlin

Nachtrag

Donnerstag, 4. Juli 2013 in Berlin

Morgens um 6.45 Uhr in Deutschland.

Auf nach Neubrandenburg!!

Von draußen durch das offene Fenster kommt ein herrlicher Blütenduft herein. Ich zünde trotzdem ein Räucherkerzchen an, für einen guten Tag mit Marina. Ich bin ja echt mal gespannt, wie das wird. Was habe ich mir nur dabei gedacht, mich mit einer Frau zu treffen, die ich vor dreißig Jahren zum letzten Mal gesehen habe? Freiwillige Intensität, kommt sogleich aus meinem eigenen Kopf die Antwort. Ich tue freiwillig Dinge, zu denen mich keiner zwingen muß. Und ich stehe freiwillig früh auf – jedenfalls heute – und werde sogar vor dem Wecker wach. Der hätte mich noch bis um sieben Uhr schlafen lassen, meine innere Uhr nicht.

Na klar lag ich lange grübelnd im Bett. Habe im Geiste die Alphabet-Übung, die Widderchen aus ihrem Freundeskreis in Belgien mitgebracht hat, zuerst mit Frauen, dann mit Männern meines Lebens, die irgendwie wichtig für mich waren, durchexerziert. Für jeden der sechsundzwanzig Buchstaben der deutschen Sprache ein Vorname. Ich bin auf viele gekommen! Manche Lettern waren doppelt oder sogar drei-, vierfach besetzt. Sogar für das „Y“ habe ich mich an jemanden erinnert. Yvonne aus meiner Schulzeit. Yves aus dem Internat.

Marina musste sich ihr „M“ noch mit drei anderen teilen.

Mir ist so heiß. Ständig hinterfrage ich meine Anzugsordnung. Aber was habe ich auf meiner letzten Reise gelernt? Der erste Gedanke ist der beste. Also Jeans und Halbschuhe. Keine Experimente. In Neubrandenburg ist es kühler als in Berlin, zwanzig bis dreiundzwanzig Grad bloß und Regen. Na ja.

Durch einen Mann vom Radio wurde ich gestern an das Bruce-Springsteen-Konzert am 19. Juli 1988 auf der Trabrennbahn Weißensee erinnert. Er suchte Zeitzeugen, die sich an dieses gewaltige Rock-Ereignis noch erinnern. Ich war erstaunt darüber, wie viel mir noch dazu einfiel. Vielleicht liefere ich einen Originalton, mal sehen.

Auf jeden Fall werden DDR-, Wende-, Endzeitgefühle in mir angestoßen und hochgeholt zur Zeit. Das kann kein Zufall sein. Das deutet auf mein nächstes Schreiben hin.

Nun aber los. Sonst verpasse ich noch meinen Zug.

Freitag, 5. Juli 2013 in Berlin

Neubrandenburg fasziniert mich! Was für eine schöne Stadt mit der Stadtmauer, den vier Toren, den vielen in die Mauer eingelassenen Cafés und Läden voller Dinge, die man nicht an jeder Ecke sieht. Tücher! Tuniken! Schmuckstücke! Bunte Karten… Oh je.

Breite Gehwege. Keiner rennt.

Und dann der Tollensesee. Auf mich wirkte er wie der Lago Maggiore als wir oberhalb seiner Ufer auf einer Bank saßen, am Aussichtspunkt Belvedere mit seinem griechisch anmutenden weißen Säulenpavillon, wo edel gefeiert und auch geheiratet werden kann. Als wir am Badehaus ein spätes Mittagessen zu uns nahmen und von der Terrasse aus einen Einblick in die gesamte Länge dieses Sees bekamen, da wurde für mich die Täuschung übermächtig. Tatsächlich! Asconas Strandpromenade ließ grüßen.

Es war so leicht und sommerlich und innig.

Ich erkannte die Marina von früher in der Frau von heute wieder und maß mich insgeheim mit ihr. Wie waren wir? Wie sind wir nun geworden?

Ich glaube, jeder, der sich wieder meldet aus meiner Vergangenheit, bringt ein Stück von mir zurück, ob er das nun weiß oder nicht. Versuche bloß nicht, alles zu verstehen, raune ich mir zu. Und sowieso nicht gleich, sofort.

Jetzt will der Gefährte auch mal mit mir nach Neubrandenburg – wo ich doch so davon schwärme. Ich könnte mir das prima vorstellen, da gibt es doch bestimmt eine nette, bezahlbare Pension oder Ferienwohnung.

Irgendwie bin ich auf einem anderen Stern gelandet, alles um mich her fühlt sich so glücklich an! Selbst die Tatsache, dass wieder einmal ein „Nein“ kam beruflicherseits, ändert daran nichts. Ich bin ja frei, brauche nirgendwo Fördermittel zu beantragen und kann schreiben, was ich will. Das gilt als kein Reichtum in diesen Tagen. Jedoch, es ist ein solcher. Vielleicht sogar der größte aller Reichtümer, die ein Erdling zu Lebzeiten erwerben kann. Freiheit. Zeit.

Dienstag, 1. Oktober 2013, noch in Berlin

Die Koffer sind gepackt, ich fühle mich ein wenig erschöpft und trotzdem voller Vorfreude. Wird sich der Zauber wiederholen? Wie werde ich den mecklenburgischen „Lago Maggiore“ sehen beim zweiten Mal? Wie wird er mich empfangen?

Wir fahren also tatsächlich wieder hin. Er und ich. Nach Neubrandenburg. Nur wir zwei, Marina werden wir nicht sehen. Sie ist anderswohin unterwegs.

Leider hat sich mein Zyklus verkürzt. Schon zwei Wochen später stellt sich das ewig Weibliche erneut ein. Typisch! Wenn ich es nicht gebrauchen kann. Frausein, so wie ich es lebe, ohne Hormone, ohne Doping, ganz natürlich, das heißt eben vor allem: Praktizierte Machtlosigkeit. Ein Erkennen und Sich-Dreinfügen in größere Prozesse, denen ich mich unterordnen muss, und die ich nicht beeinflussen kann, willentlich…

Gibt es eigentlich noch mehr solche wie mich? Und wenn ja, wo sind sie? Sitzen sie alle in ihren Ateliers an Staffeleien – oder wühlen sie in der Erde ihrer Gärten? Haben sie genug mit ihren Aufgaben zu tun, ihren Berufungen? So wie ich?

Was bedeutet es, eine Frau zu sein? Darüber möchte ich auch schreiben.

Ich hoffe, dass die vielen Inspirationen sich zu einer Geschichte zusammenfügen, wenn die Zeit reif dafür ist. Ich wünsche es mir sehr! Irgendwie glaube ich, dass die Öffnung, der Tapetenwechsel mir gut tun werden. Außerdem brauchen wir beide Erholung. Wir sind ganz schön geschafft vom Glück des erwachsenen Sandwich-Generationen-Alltags. Auch das Schöne kann anstrengend sein. Familie in alle Richtungen. Zwei Berufe und all diese Lebensfülle, der wir uns stellen, und vor der wir nicht abhauen. Auch nicht durch Doping! Keine Pille, keine Pulle.

Wir fahren wie zur Kur, wir beide.

Mittwoch, 2. Oktober 1013 in Neubrandenburg

Erholungseffekt schon nach der ersten Nacht im Literatennest (das Wort stammt leider nicht von mir, sondern von unserem Vermieter), der Villa Marie am Augustabad. Und ein magischer Moment am Abend im Wald am herrlichen Tollensesee.

Was bin ich ohne meine festgefügten disziplinierten Rituale? Verunsichert. Total!

Schon das allmähliche Aufwachen neben ihm – eine Herausforderung! Was ist zuviel, was ist aufdringlich, was ist jedoch liebevoll und dient unserer zärtlichen Nähe? Wir wissen es nicht, wie ein ganz ungeübtes Paar in der ersten Nacht. Oder schlimmer: Wir wussten es einst und jetzt ist alles neu, bei aller Liebe. Das ist es ja gerade, dass man den anderen NOCH weniger verletzen will als damals, und doch muss man sich frisch finden! So geben wir unser Bestes, jeder für sich. Und glaubt bloß nicht, das Unperfektsein, Menschlichsein, es würde jemals enden.

Es ist jetzt ein bisschen wie in Marrakesch im Four Seasons zuletzt, in unserem Zimmerchen Nummer 124: Der Gefährte sitzt im Bett vor mir in diesem seltsamerweise ganz ähnlich geschnittenen Raum. Ich schreibe, er liest Zeitung. Ab und zu blickt er wohl auf und betrachtet mich. Ich tue so, als würde ich nichts bemerken. Bemerke ja auch meistens nichts, so vertieft bin ich in meine allmorgenwichtige Arbeit, das Tagebuchverfassen. Wir haben eine Veranda vor dem Kämmerchen O1. Das „O“ steht für Obergeschoss in der Villa Marie, die zu DDR-Zeiten kaum jemand kannte. Wie diesen ganzen Stadtteil von Neubrandenburg kaum jemand kannte. Er war militärisch abgesperrt und diente geheimnisvollen Zwecken.

Gestern saßen wir auf dieser knorrigen Terrasse mit den dicken Holzbalken, die mich irgendwie an russische Blockhäuser erinnert, tranken Kaffee zur Ankunft in der Herbstsonne. Es war ganz warm, still, sonnig, und es begann etwas von mir abzufallen. Mein Alltag mit seinen Ritualen, seiner Disziplin. Siehe vorn.

Wie an Fäden gezogen – aber das kenne ich ja schon von uns an einem fremden Ort, dass wir wissen, wo es lang geht – wendeten wir uns etwas später zum See, DEM See, meinem Herzenssee, und an seinem flüsternden Ufer nach links, fort von der Stadt. Stampfende Rhythmen aus der anderen Richtung verrieten ein Oktoberfest, das mir hier bei den „Fischköppen“ noch alberner vorkommt als in Berlin! Wozu müssen die Bayern ihre krachlederne Tradition auch überallhin verbreiten?! Dort wollten wir auf gar keinen Fall hin.

Also in die Natur! Und die verzaubert mich auf Anhieb wieder genau so wie am 4. Juli, im Hohen Sommer. Ich wollte nur laufen, laufen, laufen: An seiner Hand diese Wege am Wasser entlang, die Erde mit meinen Füßen streicheln und staunen über die bizarren Wurzeln und knorrig verrunzelten Baumriesen, die diese Pfade säumen und mich wie in ihrer Form erstarrte menschliche Wesen zu grüßen scheinen. Zugleich meldete sich mein Seismograph wieder, jenes Nervlein in meinem rechten Kiefer unten. Ich kann mir sein Aufbegehren nicht herleiten, ich finde keinen Grund. Und auch nicht dafür, wieso ich plötzlich schmerzfrei war nach einem guten Essen mit gläsernem Rundumblick auf SEINE