Verlorene Zeiten? -  - E-Book

Verlorene Zeiten? E-Book

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Beschreibung

Die DDR wird nach wie vor kontrovers diskutiert, auch wenn sie als abgeschlossenes Kapitel deutscher Geschichte gilt. Für viele Menschen jedoch war sie gelebte Realität und damit Bestandteil ihrer Biografie. Historikerinnen und Historiker befragen in diesem Band Menschen aus der ehemaligen DDR zu ihren persönlichen Geschichten: Wie war das Leben in der DDR? Was motivierte sie, sich für oder gegen diesen Staat zu engagieren oder sich mit ihm zu arrangieren? Wie wurde der Zusammenbruch der DDR erlebt? Und wie beurteilen sie Leben und Handeln in der DDR im Rückblick? Zu Wort kommen dabei nicht nur bekannte Persönlichkeiten wie der Politiker Hans Modrow, der Theologe Hans Misselwitz, die Künstler Klaus Kordon, Bert Papenfuß oder André Herzberg (Sänger der DDR-Kultband "Pankow"), sondern auch ein Bergsteiger, eine Kulturbundsekretärin oder eine Altenpflegerin. Insgesamt entsteht eine außergewöhnlich eindringliche, aber auch widerspruchsvolle Momentaufnahme subjektiver Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit 20 Jahre nach dem Mauerfall. In einem sind sich die Interviewten dabei einig: Verlorene Zeiten waren das nicht. Die Interviews werden ergänzt durch die Portraitaufnahmen der Berliner Dokumentarfotografin Monique Ulrich. Unter Mitarbeit von Vera Dost, Jens-Uwe Fischer, Bettina Kaiser, Maja Kersting, Steffi Kühnel, Jennifer Schevardo und Eva Völpel. Interviews mit Heike Zech, Klaus Wenzel, Bernd Gehrke, André Herzberg, Karl J. Beuchel, Salomea Genin, Harald Wilk, Herbert Mißlitz, Peter Kaiser, Hans Coppi, Michael Winkler, Birgit Turski, Hans Modrow, Erika Richter, Kurt Pätzold, Klaus Kordon, Bert Papenfuß und Hans Misselwitz.

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Seitenzahl: 581

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Verlorene Zeiten?

Cornelia Siebeck/Alexander Schug/Alexander Thomas (Hg.)

Verlorene Zeiten?

DDR-Lebensgeschichten im Rückblick – eine Interviewsammlung

Portraitfotografien von Monique Ulrich

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN (eBook, epub) 978-3-940621-58-0

© Copyright: Vergangenheitsverlag, Berlin/2010

www.vergangenheitsverlag.de

Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Inhalt

Verlorene Zeiten?

Vorwort

„… obwohl ich mir im Klaren war, dass man so nicht bauen darf.“

Karl J. Beuchel, geboren 1928

INTERVIEWTVON STEFFI KÜHNEL

„Geschichte, an der ich teilhabe.“

Hans Modrow, geboren 1928

INTERVIEWTVON ALEXANDER THOMAS

„Mir kamen stets die Historiker lächerlich vor, die sich über Geschichte beschweren.“

Kurt Pätzold, geboren 1930

INTERVIEWTVON ALEXANDER THOMAS

„… ich wollte eine deutsche Kommunistin werden.“

Salomea Genin, geboren 1932

INTERVIEWTVON VERA DOST

„Geben und Nehmen ist immer ein gutes Prinzip.“

Klaus Wenzel, geboren 1937

INTERVIEWTVON JENNIFER SCHEVARDO

„Das sind zwei verschiedene Filmkulturen …“

Erika Richter, geboren 1938

INTERVIEWTVON BETTINA KAISER

„Irgendwie konnte ich meiner Herkunft nicht ausweichen.“

Hans Coppi, geboren 1942

INTERVIEWTVON CORNELIA SIEBECK

„Ich hab’ gemerkt, ich kann in diesem Staat nicht leben.“

Klaus Kordon, geboren 1943

INTERVIEWTVON STEFFI KÜHNEL

„… die Schwierigkeiten, die sich der Berg ausdenkt.“

Michael Winkler, geboren 1943

INTERVIEWTVON ALEXANDER THOMAS

„… man wollte was verbessern, aber es ließ sich einfach nichts bewegen!“

Peter Kaiser, geboren 1944

INTERVIEWTVON ALEXANDER THOMAS

„Du hattest Geld und deine Freiheit.“

Harald Wilk, geboren 1945

INTERVIEWTVON JENS-UWE FISCHER

„… die linke Opposition innerhalb und außerhalb der SED zu vereinigen.“

Bernd Gehrke, geboren 1950

INTERVIEWTVON EVA VOLPEL

„Meine Freiheit musste mir niemand geben!“

Hans Misselwitz, geboren 1950

INTERVIEWTVON ALEXANDER THOMAS

„… ein gewisses Gefühl von Schutz, als die Mauer gebaut wurde.“

Birgit Turski, geboren 1950

INTERVIEWTVON JENS-UWE FISCHER

„Nicht einfach sich so wie ein Schaf verhalten …“

André Herzberg, geboren 1955

INTERVIEWTVON CORNELIA SIEBECK

„Als Anarchist ist man sowieso auf dem längeren Weg.“

Bert Papenfuß, geboren 1956

INTERVIEWTVON MAJA KERSTING

„Die Altenpflege hatte ich eigentlich nicht im Sinn …“

Heike Zech, geboren 1958

INTERVIEWTVON MAJA KERSTING

„Der Westen ist nicht reformierbar, da sind wir uns alle einig …“

Herbert Mißlitz, geboren 1960

INTERVIEWTVON CORNELIA SIEBECK

Glossar

Bibliographie

Interviewer_innen / Herausgeber_innen

Verlorene Zeiten? - Vorwort

DDR-Lebensgeschichten im Rückblick

Kaum jemand weinte dem SED-Regime eine Träne nach, als es 1989/90 sang- und klanglos unterging. Mit der DDR verschwand jedoch auch die Alltagsund Lebenswelt von über 16 Millionen Menschen – der soziale und normative Bezugsrahmen also, in dem ihre bisherige Biografie ,Sinn gehabt‘ hatte.

Erscheint das vergangene Leben in der DDR rückblickend manchmal als verlorene Zeit? Diese Frage haben wir einstigen DDR-Bürger_innen am Ende der biografischen Interviews gestellt, die in diesem Buch versammelt sind. Unabhängig von ihrer jeweiligen Einstellung zum SED-Regime haben fast alle diese Frage entschieden, manchmal sogar empört verneint: Die DDR habe sie geprägt und sei elementarer Bestandteil ihres Lebens gewesen. Bemerkenswerterweise erschien dennoch niemand überrascht von unserer Frage – spielte sie doch selbstverständlich‘ auf eine Erfahrung an, die viele Ostdeutsche im Zuge des Systemwechsels gemacht haben: sich völlig neu orientieren zu müssen und im Zuge dessen festzustellen, dass die eigene Sozialisation in der bundesrepublikanischen Lebenswelt defizitär erscheint.

Bereits in der alten Bundesrepublik hatte man trotz aller Sonntagsreden offenbar kein besonderes Interesse daran, etwas über den Alltag ,drüben‘ zu erfahren. Darauf jedenfalls deuten zahlreiche Reiseführer hin, in denen Westdeutsche ausdrücklich zu Offenheit und Unvoreingenommenheit gegenüber DDR-Bürger_innen angehalten wurden. So gab etwa ein „Leitfaden für Studienreisen in die DDR“ zu bedenken: „Der Alltag in der DDR sieht anders aus als bei uns. […] Es gibt zahllose Unterschiede, die von uns Reisenden am Standard der Bundesrepublik gemessen werden. Dabei läuft der Bundesbürger Gefahr, eine überhebliche Position einzunehmen und damit die Menschen, denen er begegnet, zu verletzen, sie zu kränken mit oberflächlichen Bemerkungen.“1 Andernorts wurden bereits „Zehn Gebote zum Umgang mit den anderen Deutschen“ aufgestellt, wobei nachdrücklich dazu aufgefordert wurde, zwischen unterschiedlichen Kontakten in der DDR zu differenzieren und im Zweifelsfall lieber einmal bei Einheimischen nachzufragen, anstatt immer schon alles zu ,wissen‘.2 Wer sich allerdings entsprechend bescheiden und interessiert verhalte, versprach ,Anders Reisen DDR‘, werde mit ,überraschenden‘ Einsichten belohnt: „Auch hier versetzt die Vielfalt der Ansichten, der Charaktere, der Lebensstile, der Träume jeden Westler in Erstaunen.“3

Diese eigentlich wenig erstaunliche Vielfalt von möglichen Lebenswegen und subjektiven Positionierungen innerhalb der DDR-Gesellschaft hat im öffentlichen Diskurs der Bundesrepublik auch heute noch zu wenig Platz – in dieser Hinsicht kann vielleicht tatsächlich von ,verlorenen‘ Zeiten gesprochen werden: Zwischen generalisierenden Reizworten wie ,Unrechtsstaat‘ oder ,Ostalgie‘ geht Widersprüchliches und Uneindeutiges immer wieder verloren. So bleibt wenig Raum für Erklären und Verstehen (was nicht mit Gutheißen oder Rechtfertigen zu verwechseln ist). Das viel beschworene ,Lernen aus der Geschichte‘ hieße allerdings, sich ein komplexeres Bild davon machen zu wollen, wie sich SED-Regime und DDR-Gesellschaft über einen Zeitraum von 40 Jahren Tag für Tag reproduzierten. Dazu wiederum müsste man neben Ideologie und (Macht-)Strukturen auch die in der DDR-Gesellschaft lebenden und handelnden Menschen und ihre jeweiligen Erfahrungen in den Blick nehmen.

Zwanzig Jahre nach dem Untergang der DDR will der vorliegende Text- und Bildband solchen subjektiven Erfahrungsgeschichten4 beispielhaft nachspüren. Er versammelt Biographien, die schon in sich selber, vor allem aber in der Kombination miteinander, sehr viel weniger eindeutig ausfallen als die verabsolutierenden Schlagwörter in der öffentlichen Debatte. Zu Wort kommen dabei Männer und Frauen aus unterschiedlichen Generationen, neben ganz normalen Bürger_innen wie der Altenpflegerin Heike Zech oder dem Modellbauer Peter Kaiser auch prominentere Stimmen wie der SED-Funktionär Hans Modrow und André Herzberg, Sänger der Rockband Pankow. Ähnlich heterogen ist das politisch-ideologische Spektrum, in dem sich unsere Protagonist_innen zu DDR-Zeiten verortet haben: Es reicht von Aktivisten und Parteifunktionären der ersten Stunde über die ,unauffällige Mehrheit‘ bis hin zu (damals) jugendlichen ,Rebellen‘, Oppositionellen und einem Republikflüchtling. Dabei greifen derartige Kategorisierungen insofern zu kurz, als sich auch innerhalb einzelner Biografien immer wieder politische Brüche oder Lernprozesse auffinden lassen. Die Interviewpartner_innen wurden von den Autor_innen gemeinsam ausgewählt. Wichtigstes Kriterium war dabei zunächst einmal unsere persönliche Neugier auf bestimmte Menschen, deren Sicht auf die DDR uns besonders interessierte: weil sie einen außergewöhnlichen Aspekt der DDR-Geschichte zu ,verkörpern schienen‘, weil uns ihre Biografie besonders ,ungewöhnlich‘ oder besonders ,typisch‘ erschien.

In den daraufhin geführten Interviews ging es nicht darum, irgendeine ,objektive‘ Wahrheit über die betreffenden Personen und ihre Rolle in der DDR herauszufinden. Ebenso wenig stellten wir uns vor, ein längst vergangenes Alltagsleben authentisch rekonstruieren zu können. Vielmehr haben wir ganz bewusst Lebensgeschichten erfragt: Wir wollten wissen, wie unsere Interviewpartner_innen ihre DDR-Erfahrung aus heutiger Sicht darstellen und reflektieren, welche Bedeutung sie der DDR innerhalb der eigenen Biografie zuweisen. Dabei waren wir an kontroversen Sichtweisen interessiert, nicht aber an Repräsentativität. Denn die Frage nach dem jeweiligen „Eigensinn nimmt die Fährte in die Unübersichtlichkeiten der Verhaltensweisen der Einzelnen auf – jenseits aller Fixierung auf eine umfassende Logik ,der‘ Geschichte […]“5 . In diesem Sinne ging es uns um subjektive Perspektiven auf die DDR und auch darum, welchen Sinn unsere Gesprächspartner_innen ,ihrer‘ DDR-Geschichte über den Systemwechsel hinaus verleihen. Nicht zuletzt wollten wir von ihnen erfahren, wie sie ,Wende‘ und ,Wiedervereinigung‘ erlebt haben, wie ihr Leben im neuen Land weitergegangen ist.

„Die Menschen machen ihre Geschichte selbst, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbst gewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen“6 – mit diesem viel zitierten Satz verwies Karl Marx auf die Wechselwirkung zwischen den jeweils bestehenden historischen Strukturen und subjektiven bzw. kollektiven Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten. Letztlich war es dieses Spannungsfeld, das wir gemeinsam mit unseren Gesprächspartner_innen ausgelotet haben: Welches war die Situation, die unsere Interviewpartner_innen zunächst vorgefunden haben – nicht nur historisch, sondern auch familiär? Welche frühen Erfahrungen und Prägungen wurden für sie bedeutsam? Wie wurden sie sozialisiert und welche privaten, beruflichen und dezidiert politischen Entscheidungen haben sie getroffen? Welche Handlungsspielräume gab es, welche konnten sie sich (nicht) eröffnen? Haben sie sich den jeweils vorgefundenen historischen und gesellschaftlichen Konstellationen mehr oder weniger passiv ausgesetzt gefühlt, oder sind sie auch ihrerseits politisch und/ oder gesellschaftlich aktiv geworden? Wie haben sie den Systemwechsel 1989/90 erfahren und bewältigt?

Die Interviews wurden anhand eines einheitlichen Leitfadens zu Kindheit und familiärem Hintergrund, früher Sozialisation und Erwachsenenleben in der DDR und zu ,Wende‘- und ,Nachwende‘-Erfahrung geführt. Dabei blieb den Interviewer_innen jedoch Raum für thematische Schwerpunktsetzungen. Die Gespräche dauerten in der Regel zwei bis vier Stunden und wurden anschließend gekürzt und redaktionell bearbeitet. Am Ende wurden sie von den jeweiligen Gesprächspartner_innen gegengelesen und autorisiert. Als eigene Form der ,Befragung‘ sind die Porträtfotografien von Monique Ullrich zu verstehen: Die Fotografin traf sich mit den Protagonist_innen und machte vor Ort ihre künstlerischen Beobachtungen. Im vorliegenden Buch stehen 18 lebensgeschichtliche Porträts, Momentaufnahmen in Wort und Bild, unvermittelt nebeneinander – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Zusammen gelesen treten sie in einen spannungsreichen Austausch, sie scheinen sich zu ergänzen und zu widersprechen, zu konterkarieren und zu relativieren. Das Urteilen überlassen wir bewusst den Leser_innen – unsere Aufgabe sehen wir nicht darin, Lebensgeschichten zu bewerten, sondern Lebensgeschichten zunächst einmal zu generieren und nachvollziehbar zu machen.

Wir möchten allen danken, die zum Gelingen dieses Buches beigetragen haben: Zunächst natürlich unseren Interviewpartner_innen für ihre Zeit und das Vertrauen, das sie uns entgegen gebracht haben; außerdem unseren Mitautor_innen für ihr Engagement und ihre Geduld im Redaktionspro- zess. Besonderen Dank schulden wir Claudia Beier, Stefanie Borgmann, Steffi Kühnel, Martha Krüger und James McSpadden für die Transkription der Interviews. Uwe Sonnenberg half mit Rat, Tat und weiterführenden Kontakten. Schließlich gilt unser Dank der Hans-Böckler-Stiftung, die eine der Her- ausgeber_innen mit einem dreimonatigen Stipendium unterstützte.

Cornelia Siebeck, Alexander Thomas,

Alexander Schug

1 Hans Rau: Vorbereitung von Studienreisen in die DDR, in: Materialien zur Politischen Bildung. Analysen, Berichte, Dokumente 1 (1985), S. 85.

2 Zehn Gebote zum Umgang mit den anderen Deutschen, in: Werner Filmer/Heribert Schwan: Alltag im anderen Deutschland, Düsseldorf 1985, S. 325-330.

3 Per Ketmann/Andreas Wissmach: Anders Reisen DDR. Ein Reisebuch in den Alltag, Reinbek bei Hamburg 1986, S. 15 ff.

4 Zur ,Erfahrungsgeschichte‘ und deren Verhältnis zur Sozial- und Ereignisgeschichte vgl. klassischerweise Lutz Niethammer: Fragen – Antworten – Fragen, in: „Wir kriegen jetzt andere Zeiten“. Auf der Suche nach der Erfahrung des Volkes in nachfaschistischen Ländern. Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1930-1960, Bd. 3, Berlin/Bonn 1985, S. 392-445.

5 Alf Lüdtke: Geschichte und Eigensinn, in: Berliner Geschichtswerkstatt (Hg.): Alltagskultur, Subjektivität und Geschichte. Zur Theorie und Praxis von Alltagsgeschichte, Münster 1994, S. 139-153, hier S. 146.

6 Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte (1852), in: Ders./Friedrich Engels: Gesammelte Werke, Bd. 8, Berlin (Ost) 1960), S-111-207, hier S. 115.

Karl J. Beuchel

„… obwohl ich mir im Klaren war, dass man so nicht bauen darf.“ - Karl J. Beuchel, geboren 1928

Karl Joachim Beuchel wurde 1928 in Chemnitz geboren, und dieser Stadt hat er sich später als Architekt ein ganzes Berufsleben lang gewidmet. Mitten in der Ausbildung zum technischen Zeichner musste der 16jährige 1944 zunächst an die Front. Als er von dort zurückkehrte, lag das Sächsische Manchester‘ nach Flächenbombardements auf Wohn- und Industriegebiete in Trümmern. Beuchel entschied sich, Architektur zu studieren. Zwischen 1964 und 1984 war er maßgeblich am Wiederaufbau seiner Geburtsstadt beteiligt, davon zehn Jahre lang als Stadtarchitekt – eine durch und durch politische Position. Architektur und Städtebau waren in der DDR zutiefst ideologisierte Themen: Sinnbildlich stand Architektur für die ästhetische Übersetzung gesellschaftlicher Visionen. Die Städte sollten von Zukunft und Sozialismus künden, die Arbeiter vom viel geschmähten ,Mietskasernenelend‘ der Vorkriegszeit befreit werden.

In einem Karl-Marx-Städter Reiseführer von 1974 werden die immense Aufbauleistung und die ökonomische Bauweise in den Vordergrund gerückt. Pathetisch ist die Rede von einem „Suchen der Architekten nach neuen Ausdrucksformen“, von der Aufgabe, „das Zukunftsbild einer sozialistischen Großstadt zu entwerfen“.1 Heute nennt sich Chemnitz zwar stolz ,Stadt der Moderne‘ – die das moderne Stadtbild prägende Fülle an sozialistischer Repräsentationsarchitektur wird im Stadtmarketing jedoch ebenso wenig hervorgehoben wie die umfangreichen DDR-Neubaugebiete. Stattdessen wirbt man mit Bauhaus und Jugendstil, mit Gründerzeitarchitektur und dem Schloss.2 Die kulturelle Wahrnehmung des Stadtbildes hat sich offenbar radikal geändert. Wie aber blickt der ehemalige Stadtarchitekt auf diese neuen Realitäten und seine früheren Ambitionen zurück?

Selbst in einem Neubaugebiet der DDR aufgewachsen, frage ich mich, ob man die ewig gleiche Architektur der Platte jemals als schön empfinden konnte. Beuchel hat 2006 einen kritischen Rückblick auf die Karl-Marx-Städter Baugeschichte veröffentlicht.3 Mich interessierten nach der Lektüre seine persönlichen Erinnerungen und Reflexionen über seine Tätigkeit als Architekt in der DDR. Ich treffe Karl J. Beuchel in einem Café in der Chemnitzer Innenstadt. Ich merke schnell: Privates werde ich von ihm kaum erfahren. Dafür spüre ich umso mehr von der Leidenschaft, mit der er über seinen Beruf spricht. Auch wenn er diesen nicht immer in vollen Zügen genießen konnte …

„Steht unser Haus noch?“

Als Erstes möchte ich Sie fragen, aus welchem Elternhaus Sie kommen?

Mein Vater war von Beruf Tischler. Meine Mutter hatte keinen gelernten Beruf, hat aber als Näherin gearbeitet. Beide waren lange Zeit arbeitslos, in der Zeit von 1933 bis 1940. Sie haben mir aber trotz der finanziellen Lage jede Gelegenheit geboten, mich weiterzubilden, umzuschauen und interessante Menschen kennen zu lernen. Ich selbst konnte nur acht Jahre die Volksschule besuchen. Für das Gymnasium hatten meine Eltern kein Geld.

Welche Ausbildung haben Sie anschließend gemacht?

Ich begann 1942 eine Lehre als Schlosser. Das war mir eigentlich gar nicht so sympathisch. Schon von klein an hatte ich mich lieber mit Zeichnen und Malen beschäftigt; ich hätte gerne eine Ausbildung zum Zeichner oder eine andere künstlerische Ausbildung gemacht. Aber dafür wurde der Abschluss eines Gymnasiums verlangt. So blieb nur eine Ausbildung übrig. Ich hab’ zwar als Lehrling wenig verdient, aber immerhin hat das meiner Familie geholfen, über die Strecke der Arbeitslosigkeit hinwegzukommen. Das war schon wichtig. Außerdem hatte ich bald Glück: Im Betrieb gab es einen Konstrukteur, der feststellte, dass ich gerne zeichnete. Und da hat er zu dem Chef des Betriebes gesagt: „Können wir nicht den kleinen Beuchel mit in mein Büro hochnehmen, der zeichnet gern. Vielleicht könnte er mich unterstützen als technischer Zeichner.“ Das hat mich natürlich mächtig begeistert!

Sie sind Jahrgang 1928. Mussten Sie noch in den Krieg?

Ja, natürlich. 1944 wurde ich nach Ostpommern verfrachtet, um dort meinen Reichsarbeitsdienst4 abzuleisten. Anschließend kam ich nach Torgau zu einer militärischen Spezialisierung als Funker. Ich war 16 Jahre alt, ein junger Mensch. Ich hatte keine Ahnung, was mich nach dieser Ausbildung erwartet … Im Januar 1945 wurde ich schließlich als Grenadier an die Oder-Neiße-Front verfrachtet. Als Funker kam ich in die vordersten Stellungen, musste dort die Geschosse der Artillerie leiten. Da war ich natürlich auch allen Problemen ausgesetzt, die damals so im Krieg üblich waren. Mit 16 Jahren! Das waren schlimme Erfahrungen, die ich dort gemacht habe. Mehr oder weniger neben mir starben meine Soldatenkollegen. Dazu kam, dass unsere Kompanie in eine SS-Kompanie integriert wurde, eine Panzerdivision namens ,Großdeutschland‘. Das war eine ganz schlimme Zeit. Wir wurden dort mehr oder weniger verheizt. Und das war auch der Grund, weshalb ein Soldat und ich uns überlegten, diesem Schlamassel zu entrinnen. Wir sind dann desertiert.

Wie gelang es Ihnen zu desertieren?

Wir haben im April 1945 mehr oder weniger über Nacht die Front verlassen und sind mit vielen Umwegen durch die Tschechei gegangen. Dort verschafften wir uns Zivilkleidung. Die Menschen, die da wohnten und bei denen wir auch übernachteten, haben uns sehr freundschaftlich aufgenommen und verpflegt. Und eines Tages, als wir gerade auf dem Weg zur Elbe waren, überholte uns die Rote Armee. Als festgestellt wurde, dass wir Deutsche sind, sperrten sie uns in einem nahe liegenden Gehöft in den Keller. Wir wurden beide verhört von einem Offizier, der eigenartigerweise sehr gut Deutsch sprach. Der hat uns informiert, was doch Hitler für ein schlechter Mensch sei und hat versucht, uns für die friedliche Sache zu gewinnen. Schließlich schickte er uns nach Hause. Wir hatten mit dem Schlimmsten gerechnet, dachten: Jetzt kommen wir in Gefangenschaft, nach Sibirien, was weiß ich. Aber dem war nicht so. Man ließ uns ziehen.

Das war ja wirklich Glück! Mit welcher Begründung ließ man Sie gehen?

Wir wären zu jung. Das war offensichtlich dem Offizier geschuldet, der hatte irgendwie Mitleid mit uns. Wir sahen ja auch erbärmlich aus! So kam ich eines Tages Anfang Mai nach zwei Wochen Marsch zu Hause an, voller Befürchtungen: Steht unser Haus noch? Ich wusste, dass Chemnitz bombardiert worden war, aber nicht, was mit meinen Eltern und unserem Wohnhaus passiert war. Glücklicherweise stand das Haus. Zwar beschädigt durch Bombensplitter, aber noch so weit heil, dass man drin wohnen konnte. Und meine Eltern waren natürlich heilfroh, dass ich gesund wieder zu Hause ankam. Allerdings musste ich mich sofort verstecken, denn zu dieser Zeit war die Stadt noch von den Nazis besetzt, ich durfte mich als Deserteur dort nicht blicken lassen. So wurde ich im Keller und teilweise auch in unserer Wohnung versteckt. Am 8. Mai kamen die Russen, da war die Sache dann erledigt. Damals habe ich mir geschworen, es dürfe nie wieder einen Krieg geben.

Konnten Sie Ihre Ausbildung nach dem Krieg fortsetzen?

Ja, ich bin wieder zu dieser Firma gegangen, die stand auch noch. Dort konnte ich die Ausbildung dann abschließen. Aber ich fragte mich: Was kommt danach? Ich hatte zwar meine Ausbildung als technischer Zeichner, aber keine Arbeitsstelle. Außerdem war die Arbeit nicht so künstlerisch, wie ich mir das gedacht hatte. Nebenbei hab’ ich ja noch Zeichnungen gemacht. Ich bin in die Chemnitzer Altstadt gegangen, vor allem in das Gebiet am Brühl, und hab’ die alten Häuser gemalt, auch mit Aquarell und Ölfarben. Das war schon interessanter als nur diese Konstruktionen. Im Sommer 1946 wurde dann die Technische Hochschule in Dresden wiedereröffnet. Und da habe ich mir gedacht: „Das ist die Gelegenheit, da schreibst du dich in das Fachgebiet Architektur ein!“

„Architektur muss für den Menschen gemacht werden.“

Wie konnten Sie sich an der Hochschule einschreiben? Sie hatten doch gar kein Abitur?

Ja, ich hatte auch so meine Bedenken, ob man mich nimmt. Aber im Fachbereich Architektur gab es damals wenige Einschreibungen, insgesamt waren das nur 25 Studenten, und deswegen hat man mich dann auch genommen. Da war ich natürlich riesig froh. Das war auch eine schwere Zeit. Das Studium war mit Mathematik und Statik verbunden, und in Mathematik hatte ich natürlich sehr wenig Kenntnisse und Voraussetzungen. Ich musste alles nachholen, was man eigentlich fürs Abitur gelernt hätte, um überhaupt ein Verständnis für Mathematik und Statik zu bekommen. Vieles habe ich mir autodidaktisch beibringen müssen, um den Vorlesungen überhaupt folgen zu können. Ich bin nach wie vor kein Statiker, ich bin mehr auf dem künstlerischen Gebiet als Architekt tätig.

Was haben Sie auf künstlerischem Gebiet im Studium gelernt?

Ich hatte sehr erfahrene Professoren, zum Beispiel Karl W. Ochs und Walter Henn5 , die später beide in den Westen gegangen sind und somit für uns verloren waren. Deren Ausbildung zielte daraufhin, Architektur für die Menschen zu machen. Es ging also nicht so sehr darum, ökonomische Bauten zu entwerfen, sondern Architektur muss für die Menschen gemacht werden. Das war das Credo dieser Ausbilder, die mich auch dahingehend geformt haben. Und dadurch, dass Ochs und Henn Ende der 1940er Jahre den Wettbewerb für den Wiederaufbau des Chemnitzer Opernhauses gewonnen hatten, bekam ich schon als Student die Möglichkeit, an konkreten Planungen mitzuarbeiten.

Wie ging es nach Ihrem Abschluss an der Hochschule für Sie weiter?

Das Studium habe ich 1950 abgeschlossen, nach acht Semestern. Inzwischen hatte ich auch meine Frau kennen gelernt, die in Dresden an der TU studierte und dort zum Bauingenieur ausgebildet wurde. Ich blieb daher in Dresden und arbeitete im VEB Industrie-Entwurf Dresden. Dann kam der damalige Stadtbaudirektor von Chemnitz, Georg Funk,6 an die TU Dresden und übernahm dort den Bereich des Städtebaus, den es zu meiner Studienzeit noch nicht gegeben hatte. Das war für mich die Sache! Also hab’ ich bei ihm zwei Jahre lang ein Zusatzstudium für Stadtplanung gemacht. 1954 bin ich dann mit meiner Frau zurück nach Chemnitz gegangen – in der Zwischenzeit war es schon Karl-Marx-Stadt geworden. Ich bekam dort eine Stelle in der Stadtplanung, als Leiter des Entwurfsbüros für Gebiets-, Stadt- und Dorfplanung. Da ging es um den ganzen Bezirk Karl-Marx-Stadt, und so habe ich in vielen Gemeinden und Städten im Bezirk städtebauliche Planungen machen können.

Welche städtebaulichen Planungen standen Mitte der 1950er Jahre an?

Zum Beispiel die Neustadt in Johanngeorgenstadt im Erzgebirge. Die dortige Altstadt war ja durch Bergschäden, die die Wismut7 verursacht hatte, völlig in sich zusammengebrochen. Wir mussten also ein neues Stadtgebiet planen, um die Bevölkerung wieder unterzubringen. Allerdings wurde ich bald hellhörig. Ich hatte gelernt, dass meine Arbeit den Menschen und den Bewohnern von Gebäuden zugute kommen sollte. Der Städtebau im Bezirk Karl-Marx-Stadt war aber ausschließlich ökonomisch orientiert. Es wurde wenig Wert darauf gelegt, Wohngebiete für die Menschen zu planen, es ging eher darum, auf möglichst rationelle Weise viele Wohnungen zu errichten.

Hatte dieses städtebauliche Konzept damals schon die Plattenbauarchitektur im Blick?

Plattenarchitektur gab es noch nicht, die kam erst etwas später, Anfang der 1960er Jahre. Aber man hatte schon die Richtung eingeschlagen. Die Forderungen waren damals: Man muss schnell und ökonomisch möglichst viele Wohnungen bauen – und zwar mit Großblöcken aus Abbruchziegeln. Das war die erste Stufe des industriellen Bauwesens … (Holt tief Luft) Und das störte mich schon damals sehr, diese Tendenz: industrielles Bauen, Rationalisieren, weniger Achtgeben auf die Wünsche der Bewohner. Deshalb kam ich auf die Idee, mich auf dem Gebiet der Städtebausoziologie weiterzubilden. Man riet mir, nach Leningrad zu gehen, dort gäbe es ein Institut, an dem man das lernen könne. Das habe ich dann gemacht. Zuerst wurde natürlich geprüft, ob ich überhaupt der Richtige wäre, in die Sowjetunion zu gehen. Ich wurde gefragt, ob ich denn die russische Sprache beherrsche. Ich konnte kein Wort Russisch sprechen (lacht). Aber schließlich gab man mir doch grünes Licht.

„… dass ich in vielen Gegenden der Sowjetunion herumkam.“

Was waren Ihre ersten Eindrücke von der Sowjetunion?

Ich bin mit einem Physiker aus der DDR dorthin gereist. Wir kamen erstmal nach Moskau und konnten uns dort mehrere Tage umsehen. Das war schon interessant, wir hatten ja schon viel von Moskau gehört. Manches war für uns völlig neu: Es wurde ja damals die Untergrundbahn gebaut. Oder auch die Hochhäuser, die da entstanden waren. Jedoch neben grandiosen Neubauten war auch viel Elend zu sehen … Es waren ganz unterschiedliche Eindrücke, die ich da gewonnen habe. Dann ging es weiter nach Leningrad. Wir kamen frühmorgens dort an und keiner war da, der uns abholte. Ich hab’ mich dann in ein Taxi gesetzt, und als ich am Institut ankam, sagten die: „Wer sind Sie denn, wo kommen Sie denn her?“ Das war mein erster Eindruck von Leningrad. Eigentlich war alles gut geplant gewesen, und die wussten dennoch von nichts. Man reagierte aber sehr freundlich und höflich. Ich wurde in einem Wohnheim für Aspiranten untergebracht. Und dann hieß es erstmal Tag und Nacht Russisch lernen. Nach drei Monaten konnte ich schon ganz gut Russisch sprechen, nach sechs Monaten hatte ich die erste Dolmetscherprüfung hinter mir.

Wie sind Sie damals in Russland als Deutscher aufgenommen worden?

Ich würde sagen, recht freundschaftlich. Zuerst hatte ich Bedenken, wie man mich als Deutschen in dieser leidgeprüften Stadt aufnehmen würde. Ich knüpfte Kontakte zu einigen Bewohnern von Leningrad, die die Blockade miterlebt und dort natürlich Fürchterliches durchlebt hatten. Sie haben zwar oft davon erzählt, aber sie sind nicht nachtragend gewesen, das muss ich ehrenhalber sagen. Davor habe ich großen Respekt.

Wie verlief Ihr Studium in Leningrad?

Die Ausbildung auf dem Gebiet der Städtebausoziologie erfolgte in vielen Gegenden der damaligen Sowjetunion. Soziologische Probleme wurden nicht nur im eigentlichen Russland behandelt, sondern auch in ehemaligen Teilrepubliken wie Kasachstan, Usbekistan oder Kirgistan. Ich bekam eine Kommandirovka: Man wurde also in bestimmte Gebiete der Sowjetunion ,kommandiert‘. Dort konnte ich soziologische Studien anstellen und mit unterschiedlichsten Menschen umgehen. Hab’ auch den Islam kennen gelernt im vorderen Orient. Ich habe in der Sowjetunion an Lebenserfahrung enorm dazu gewonnen. Leider war es so, dass ich diese Ausbildung nicht abschließen konnte. 1958 starb meine Frau, die in Karl-Marx-Stadt geblieben war. Also musste ich sofort zurück, um meine drei Söhne zu betreuen. Ich hatte keinen Arbeitsplatz, das war ja alles so plötzlich verlaufen. Da alles so schnell über mich kam, habe ich auf der Großbaustelle des Heizkraftwerkes Karl-Marx-Stadt-Nord angefangen. 1960 kam ich schließlich zum Bezirksbauamt als stellvertretender Bezirksarchitekt. Dort war ich unter anderem verantwortlich für die Gebietsplanung im Bezirk Karl-Marx-Stadt.

„… ein Wohngebiet so bauen, dass die Menschen sich dort wohl fühlen.“

Wie sah es Anfang der 1960er Jahre baulich in Karl-Marx-Stadt aus?

Seit dem Krieg waren einige Häuser am Rande des Zentrums wieder aufgebaut worden, aber im eigentlichen Stadtzentrum war noch nichts passiert. Erst 1959 war ein Politbürobeschluss des ZK der SED für den Wiederaufbau des Stadtzentrums gefasst worden. Bis 1960 hatte sich da wenig getan. Es gab kaum finanzielle und materielle Baukapazitäten, und außerdem fehlte es an den Planungsvoraussetzungen. 1964 kam eines Tages der Bezirksbaudirektor und meinte, es werde einer gesucht, der die Planung und Baudurchführung für den Wiederaufbau des Stadtzentrums macht. Das interessierte mich, und so kam ich in die Stadtverwaltung von Karl-Marx-Stadt – als Stellvertreter des Oberbürgermeisters, Stadtbaudirektor und Stadtarchitekt. Damals hatte ich bald 120 Mitarbeiter, was schon eine ziemliche Verantwortung war.

Haben Sie jemals überlegt, in den Westen zu gehen, so wie Ihre beiden Professoren?

Nein, überhaupt nicht. Ich hatte hier meine Heimat, war mit der Stadt verbunden. Ich hatte meine Familie hier. Das war von vornherein kein Thema. Aber ich war einmal in West-Berlin zu einer großen Bauausstellung. (Überlegt) 1958 muss das gewesen sein. Da war ich nicht delegiert, sondern aus eigenem Interesse. Das war mehr oder weniger illegal, und das hat man mir dementsprechend sehr übel genommen. Aber ich wollte die Ausstellung sehen, ich wollte wissen, wie man dort baut! Mir war klar, dass das Konsequenzen haben würde. Das Ministerium für Staatssicherheit hat mich danach auf seine Liste gesetzt. Ich wurde als ,nicht mehr zuverlässig‘ registriert, und von da an ständig unter Beobachtung gehalten.

Wussten Sie, dass Sie auf dieser Liste der Stasi standen?

Das wusste ich. Das waren einfach Erfahrungen, die man sammelte. Später, 1965, kamen zum Beispiel Leute zu mir in die Wohnung – unangemeldet. Haben mir erklärt, ich sei in West-Berlin gewesen, und das wäre illegal, ich hätte gegen gesetzliche Regelungen verstoßen und dergleichen. Ob ich das nicht wieder gut machen möchte? – „Sie könnten bei uns tätig sein.“ Ich habe abgelehnt, habe gesagt: „Ich bin Fachmann, kein Politiker. Ich bin nicht geeignet für solche Dinge.“ Auch das hat man mir übel genommen. Ich habe ja damals auch sehr gegen die industrielle Bauweise protestiert, die einheitlichen Typen der Plattenbauweise. Das war aber nach Meinung der Stasi gegen die Ökonomie, gegen den Fortschritt. Da wurde ich immer wieder gemaßregelt

Wie muss man sich diese Maßregelung vorstellen?

Das neue Wohngebiet ,Fritz Heckert‘8 in Karl-Marx-Stadt entstand damals unter meiner Federführung. Wir hatten einen DDR-offenen Wettbewerb veranstaltet. Da kamen sehr interessante Ergebnisse zustande, die ich mir zu Eigen machte. Ich war der Meinung, man kann zwar industrielle Plattenbauweise machen, aber nicht in der Form, dass man die Häuser alle hintereinander reiht, sondern die Bauwerke so anordnet, dass bestimmte wohnliche Einheiten entstehen. Ich wollte zum Beispiel auch mal die Fassadengestaltung und Geschossigkeit variieren. Aber selbst die Gebäudetypen waren einheitlich von Berlin vorgegeben: Nur 6- und 11-Geschosser! Dagegen habe ich mich aufgelehnt. Ich war der Meinung, man muss ein Wohngebiet in einer Weise bauen, dass die Menschen sich dort wohl fühlen. Deshalb wurde ich zur Bezirksleitung der SED bestellt, wo mir deutlich gemacht wurde, dass es darauf ankäme, möglichst rationell und schnell viele neue Wohnungen zu bauen und das Wohnungsproblem9 zu lösen.

Wodurch konnte das ,Fritz Heckert’-Gebiet schließlich realisiert werden?

Nachdem die Ergebnisse des Wettbewerbes abgelehnt und die Durchführung verboten worden war, wandte ich mich an das Ministerium für Bauwesen und an die Bauakademie der DDR. Dort fand ich offene Ohren. Hermann Henselmann,10 der an der Bauakademie tätig war, wurde beauftragt, mit uns in Karl-Marx-Stadt eine Studie für das Wohngebiet ,Fritz Heckert’ zu erarbeiten. Wolfgang Junker,11 damals Minister für Bauwesen, kam nach Karl-Marx-Stadt, hat sich die Studie angeguckt und schließlich eine Beratung im Sekretariat der SED Bezirksleitung veranlasst. Professor Henselmann und ich wurden hinbestellt, wo man uns klarmachte, dass mit dieser Studie auch Änderungen der Wohnbautypen verbunden wären. Und das werde nicht genehmigt: Das sei unökonomisch und die Anwendung der vorgegebenen Typen verbindlich.

War der Einwand der Unwirtschaftlichkeit denn berechtigt?

Ganz im Gegenteil: Wir konnten nachweisen, dass mit unserer Studie 25 Millionen Mark gegenüber ursprünglichen Planungen eingespart werden können! Aber das spielte keine Rolle: Die normierten Typen waren entscheidend. Das veranlasste in dieser Sekretariatssitzung den doch recht bekannten und anerkannten Architekten Hermann Henselmann zu sagen, die Berliner Typen müssten abgelöst werden. Das hat man ihm sehr übel genommen. Mir blieb lediglich übrig, doch so zu bauen, wie vorgegeben. Ich hatte keine Wahl. Aber da ich mich hinter diese Studie gestellt hatte, spürte ich immer wieder, dass Leute hinter meinem Rücken tätig waren, mich beobachteten. Schließlich kam ich dahinter, dass mein Stellvertreter, der mit mir ständig zusammengearbeitet hatte, als IM des Ministeriums für Staatssicherheit tätig war.

„Diese Zeit war fürchterlich!“

Hat Ihr Stellvertreter Ihnen von sich aus von seiner Spitzeltätigkeit erzählt?

Es hatten sich Leute aus Berlin angemeldet. Und mir war klar, das waren nicht Leute vom Bauwesen, sondern vom Ministerium für Staatssicherheit. Ich hatte die Möglichkeit, diesem Gespräch auszuweichen, indem ich in der Stadt plötzlich eine Sache in Ordnung bringen musste, etwas, was schief gelaufen war in einer Baudurchführung. Deswegen beauftragte ich meinen Stellvertreter, das Gespräch wahrzunehmen. Als ich mich dann hinterher erkundigte, was die Leute wollten, da stellte sich heraus, das die etwas miteinander zu tun hatten. Er hat mir damals gestanden, dass er mit denen schon mal Kontakt gehabt hatte. Nach der Wende habe ich dann in meinen Stasiunterlagen nachlesen dürfen, wie das im Detail vor sich gegangen ist: dass er beinahe jede Woche einen Bericht nach Berlin geschickt hat. Insofern spitzte sich das alles immer mehr zu. Diese Zeit war fürchterlich!

Hat man Ihnen damals auch in irgendeiner Form gedroht?

Ich hatte eines Tages im Winter 1982/83 ein Schreiben bekommen vom Ersten Sekretär der SED-Bezirksleitung, in dem mir mitgeteilt wurde, dass ich mich im Ministerium für Staatssicherheit melden sollte. Ich bin dann zum Ersten Sekretär der Bezirksleitung gegangen und wollte wissen, worum es da geht. Da wurde mir mehr oder weniger deutlich gesagt, dass es für mich um eine Änderung meiner Tätigkeit gehe. Daraufhin informierte ich den Oberbürgermeister darüber. Dieser teilte der SED-Bezirksleitung mit, ich hätte so viele Verdienste um die Stadt, dass es einfach nicht gängig sei, mich auf diese Art und Weise von meiner Funktion zu entbinden. Er hatte der Bezirksleitung erklärt, dass er nicht zulassen wird, dass ich abgelöst werde. Das war mein Glück, ich bin dann auch nicht nach Berlin gefahren, und von meiner Ablösung wurde dann auch erstmal abgesehen

Haben Sie den Druck der Stasi auch privat zu spüren bekommen?

Anfang 1990, nach der Wende, stellte ich fest, dass das private Telefon in unserer Wohnung immer mal wieder aussetzte. Da hab’ ich einen Techniker bestellt und gesagt: „Das muss mal repariert werden.“ Das hat er auch gemacht: Mit der Pinzette hat er so eine kleine Sache rausgeholt, mir hingelegt: „Das können sie behalten.“ Ich war die ganze Zeit abgehört worden, auch privat. Das hat natürlich dazu beigetragen, dass die Stasi hellhörig war, denn privat haben wir12 uns oft über Dinge unterhalten, die nun nicht so regimefreundlich waren.

Wie standen Sie während Ihrer Laufbahn allgemein zur DDR oder zum Sozialismus?

Also, ich war ja Mitglied der SED. Bin im Jahre 1948 Mitglied geworden, noch während meiner Studienzeit, weil ich einfach der Meinung war, man darf nie wieder zulassen, dass ein solches Massenmorden begonnen wird wie im Zweiten Weltkrieg. Ich hatte das ja persönlich hautnah erleben müssen an der Oder-Neiße. Ich war ursprünglich überzeugt: Man kann im Sozialismus streben und tätig sein, den Menschen helfen, dass sie in Frieden, Glück und Wohlstand leben können. Ich war der Auffassung, man kann in diesem Staat nicht nur für den Frieden arbeiten, sondern auch in meinem Beruf als Stadtarchitekt so bauen, dass die Menschen sich wohl fühlen. Das war mein Ziel. Aber das wurde mir immer mehr verwehrt. Stattdessen dirigierte man mich immer mehr in Richtung Industrie- und Massenbauweise.

„… diese öden, trostlosen Plattenbauten …“

Wie sah Ihr Arbeitsalltag als Stadtarchitekt konkret aus?

Wir bekamen praktisch die Auflage vom Ministerium für Bauwesen, im Planjahr soundsoviele Neubauwohnungen in Plattenbauweise zu errichten. Der Plan musste erfüllt werden, ob man wollte oder nicht. Die Altbausubstanz wurde vernachlässigt. Man hatte unter meiner Führung dann zwar doch die Altbaugebiete Brühl und Sonnenberg in Karl-Marx-Stadt zu sanieren begonnen, aber das war mit hohem ökonomischen Aufwand verbunden. Das nahm man mir übel und sagte, hier werden Baukapazitäten vergeudet, die woanders gebraucht werden, die im Wohnungsbau fehlten. Die wollten die Altbaugebiete abreißen und durch Plattenbauten ersetzen. Das war überall so in der DDR, nicht nur in unserer Stadt. Und dagegen hat man sich gemeinsam mit den Bewohnern aufgelehnt und gesagt: Es kann doch nicht sein, dass man die historische Altbausubstanz einfach wegreißt und durch diese öden, trostlosen Plattenbauten ersetzt.

Zum einen gab es die Auflehnung gegen den Abriss historischer Altbauten. Andererseits wollten viele in einer Neubauwohnung wohnen.

Die Neubauwohnungen waren sehr gefragt, natürlich. Da kam warmes Wasser aus der Wand, es gab Bäder, da war Fernwärmeversorgung, es gab einen Müllschlucker. Das war gegenüber den Altbauten mit Trockenabort auf halber Etage oder im Hof ein enormer Fortschritt. Viele kamen aus den maroden Altbaugebieten und suchten sich eine Wohnung in den Plattenbauten. Die logische Folge war, dass der Leerstand in den Altbaugebieten immer größer wurde. Und da hat man gesagt, das reißt man alles weg, da kommen auch Neubauwohnungen hin. Aber das Umfeld der Neubauten blieb oft eine Wüstenei. Beim Bau des ,Fritz Heckert‘-Gebietes zum Beispiel fehlte es an Tiefbaukapazität. Die Außenanlagen wurden nicht fertig, weil die Mittel einfach nicht da waren. Und die Bewohner der Plattenbauten mussten früh zur Arbeit durch Schlamm und Wüstenei waten. Jeder, der in der Stadt jemanden mit schmutzigen Schuhen sah, sagte sich: „Ach, der kommt wohl aus dem ,Fritz Heckert‘-Gebiet.“

Hatten Sie als Architekt innerhalb der ganzen Vorgaben überhaupt die Möglichkeit, in irgendeiner Art und Weise kreativ zu sein?

Nun ja, es gab Mangel an Geld und Mangel an Material. Kreativ konnte ich nur in der Zeit sein, als das Stadtzentrum wiederaufgebaut wurde. Dort konnte man zum Teil mit individuell gefertigten Typen arbeiten. Die Karl-Marx-Städter Stadthalle zum Beispiel, das war ein individuelles Projekt, wo man kreativ sein konnte. Es wurde in solchen Fällen eine bestimmte Summe bereitgestellt, etwa für die Gestaltung einer Stadthalle oder für den Aufbau eines Hotels. Damit konnte man versuchen, etwas zu bauen, was nicht aus vorgefertigten Elementen zusammengesetzt war, was man individuell gestalten konnte, und womit man auch der Stadt ein unverwechselbares Gesicht geben konnte.

Wenn Sie mit den ,von oben‘ verordneten Vorgaben so häufig nicht einverstanden waren, warum haben Sie Ihren Beruf so lange ausgeübt?

Ja, eigentlich habe ich ihn zu lange gemacht. Das könnte ich mir selber noch zum Vorwurf machen. Erst 1984 hab’ ich dann den Schlussstrich gezogen und gekündigt. Man hat mich nicht herausgeworfen, sondern ich bin gegangen. Einmal aufgrund des Drucks seitens der Staatssicherheit, da ich immer mehr bespitzelt wurde und mir mehr und mehr Schwierigkeiten bereitet wurden. Zum anderen wegen der unbefriedigenden Arbeitsweise, also auf diese Weise bauen zu müssen, obwohl ich mir selbst darüber im Klaren war, dass man so nicht bauen darf. Als mein Nachfolger wurde als Stadtarchitekt ein Tiefbau-Ingenieur bestimmt, der nach kurzer Zeit wieder entlassen werden musste.

Und umgekehrt gefragt: Warum hat man Sie trotz Ihrer kritischen Haltung so lange in dieser Position belassen?

Die Frage habe ich mir auch oft gestellt und kam zu der Überzeugung, man hätte keinen Besseren gefunden. (lacht) Es war ja so, dass der Wiederaufbau des Stadtzentrums und auch der Wohngebiete doch recht schwierig war. Mir war es gelungen, diese Schwierigkeiten immer wieder zu meistern. Selbst wenn Kapazitäten fehlten, wie etwa bei der Sanierung der Altbauwohnungen in Brühl, einem Stadtteil von Chemnitz. Der Brühlboulevard, der da entstanden war, wurde in der DDR ja hoch gelobt! Erich Honecker kam persönlich nach Karl-Marx-Stadt und ließ sich feiern von den Bewohnern, die begeistert waren von diesem Altbaugebiet.13 Das veranlasste immer wieder Leute in der Bezirksleitung zu sagen: „Irgendwie hat der Beuchel doch die Menschen gewonnen für unsere Sache und unsere Stadt. Soll er halt weitermachen.“ Ich erhielt sogar den Architekturpreis der DDR für den Brühl. Die Bezirksleitung der SED und sicherlich auch das Ministerium für Staatssicherheit versuchten, das zu verhindern. Aber da ich gute Kontakte zur Bauakademie hatte, haben sich die Leute dort durchgesetzt beim Minister für Bauwesen, unserem ,Betonminister Junker‘. Ich merkte aber eben immer wieder, dass es Leute gab, die versuchten mir Steine in den Weg zu legen.

„… bei dem Beuchel, da müsst ihr aufpassen.“

Sie blieben aber trotz aller Einschränkungen in der SED?

Ich muss ehrlich sagen, ich habe mich nicht durchringen können, mich von der Mitgliedschaft zu lösen. Man hätte mir dann ganz schnell Dinge nachreden können – das habe ich dann lieber nicht gemacht. Man hat mir aber immer wieder deutlich zu machen versucht, ich möge mich doch an das Statut der Partei halten und nicht gegen die Partei revolutionieren. Ich wurde jedenfalls mehr und mehr enttäuscht von dem, was ich mir anfangs unter der Mitgliedschaft in dieser Partei vorgestellt hatte.

Ungeachtet aller Schwierigkeiten haben Sie immer wieder Kritik geübt und haben nicht resigniert?

Nein, ich war immer aufmüpfig (lacht). Ich bin dann nach meiner Kündigung zum Kombinat Bau und Rekonstruktion nach Karl-Marx-Stadt gegangen. Das war der Hauptauftragnehmer bei der Rekonstruktion des Altbaugebietes Sonnenberg. Mit denen hatte ich gut zusammengearbeitet, man war erfreut, dass ich dort anfangen wollte und gab mir den Auftrag, eine Planungsabteilung zu installieren und die gesamte Projektierung, Planung und Vorbereitung für die Umgestaltung des innerstädtischen Altstadtgebietes im eigenen Kombinat zu bewältigen, was erfolgreich abgeschlossen wurde.

Wusste Ihr neuer Arbeitsgeber über Ihre Probleme mit der Stasi Bescheid?

Die wussten Bescheid, also ganz in Ruhe gelassen wurde ich trotzdem nicht. Eines Tages kam der Parteisekretär zu mir: „Ich muss dir mal was sagen, da sind Leute hier gewesen, die haben sich nach dir erkundigt“. Ich fragte, was sie wollten. „Na, das waren welche von ganz oben, und die haben gesagt, bei dem Beuchel da müsst ihr aufpassen, der ist so widerspenstig.“ Diese Arbeit im Kombinat hab’ ich bis 1986 gemacht, dann kam der Oberbürgermeister und sagte: „Wir müssen für das Klinikum Küchwald in Karl-Marx-Stadt einen neuen OP-Trakt bauen, die Bettenhäuser sanieren und vieles mehr. Da wird einer gebraucht, der das kann.“ Also wurde ich weggeholt und kam wieder zurück zur Stadtverwaltung, um das Klinikum zu sanieren. Als 1989 im Sommer alles soweit fertig war, gab es eine Einweihungsfeier, wo bestimmte Leute eingeladen waren. Mir wurde die Liste gezeigt, und da stand Siegfried Gehlert – das war der Bezirkschef des MfS in Karl-Marx-Stadt. Da habe ich den Chefarzt gefragt, weshalb der Gehlert hier eingeladen ist – was hat der denn mit dem Klinikum zu tun? Er hat mir gesagt, das ist der Auftraggeber für die Sanierung und den Neubau. Das wusste ich bis dahin nicht.

Sie meinen, Sie wurden mit der Absicht, Sie unter Kontrolle zu halten, mit den Klinikumbauten beauftragt?

Offensichtlich. Zu dieser Einweihung bin ich dann nicht gegangen. Als die Wende kam, habe ich dann meine Tätigkeit in der Stadtverwaltung sofort quittiert und mich selbstständig gemacht. Ab 1990 war ich als freiberuflicher Architekt tätig.

War die Wende so etwas wie eine Erlösung für Sie?

Ja, das war wie eine Erlösung. Jetzt ist die Last weg, der Druck, die Probleme mit denen man ständig konfrontiert war. Aber die Selbstständigkeit als freier Architekt brachte natürlich viele neue Probleme mit sich. Man war ja bisher gewohnt, nach TGL14 zu bauen und zu planen. Wir kannten die DIN-Norm nicht. Auch die Städtebaugesetze waren völlig anders. Die Bauordnung, die uns übergestülpt wurde, war für uns völliges Neuland.

Konnten Sie nun Vorstellungen umsetzen, die vorher in der DDR nicht möglich waren?

Zum Teil schon, erfreulicherweise. Ich hab’ mich auch nach der politischen Wende sehr für den Umbau des Stadtzentrums eingesetzt und war erfreut, dass es doch möglich ist, mit Materialien zu arbeiten, die es zu DDR-Zeiten nicht gab. Dass auch finanziell die Nöte in dieser Form nicht vorhanden waren. Mit der Zeit wurde es aber schwieriger: Die Investoren, die aus den westlichen Bundesländern kamen und hier bauten, brachten ihre eigenen Planer mit. Für die hiesigen Planer blieb dann immer weniger übrig. 1996 habe ich mich dann aus Altersgründen zur Ruhe gesetzt. Aber ich bin heute noch tätig als Berater der Stadt: Die Chemnitzer Stadtplanung legt großen Wert darauf zu hören, was der Beuchel für eine Meinung vertritt.

„Aber ich habe mir eben gesagt, die Zeit war damals so.“

Sie sagten bereits, dass Sie Ihre Stasi-Akten eingesehen haben. Können Sie etwas mehr davon erzählen?

Ich habe schon 1990 den Antrag gestellt. Nach vier Wochen bekam ich dann einen Anruf: „Die Unterlagen sind da, Sie können kommen, aber Sie müssen viel Zeit mitbringen.“ Da wurde dann ein Riesenstapel Akten auf den Tisch gestellt. Ich hatte tagelang zu tun, darin zu lesen und war erschrocken, was da so alles zu Tage kam. Abgesehen von meinem Stellvertreter, der die Berichte geschrieben hatte, gab es noch mehrere Mitarbeiter in meinem Verantwortungsbereich, die als IM auf mich angesetzt waren. Von denen ich das nie gedacht hätte! Das war schockierend.

Haben Sie die Leute, von denen Sie bespitzelt wurden, jemals darauf angesprochen?

Nein. Es ist aber auch keiner von denen zu mir gekommen. Das war ein riesiger Schock, den ich da erlitten hatte. Aber ich habe mir dann gesagt, die Zeit war damals so. Mancher ist da reingestolpert als inoffizieller Mitarbeiter, hat Geld bekommen, ist dadurch möglicherweise korrumpiert worden – was weiß ich. Ich möchte da keinen Vorwurf machen, weil das ganz schnell gehen konnte, dass man in so eine Sache hineingerät, in die Fänge einer solchen Einrichtung, aus denen man nie wieder herauskommt.

Welches Bild haben Sie heute im Nachhinein von der DDR?

Ich sehe heute die DDR anders als früher. Der Staat DDR hat sich von einem Staat des Sozialismus, von den eigenen Idealen, immer mehr entfernt. Ist immer mehr zur Bürokratie und Diktatur gewandert. Die Parteidoktrin und die staatliche Hierarchie wurden immer straffer und ließen immer weniger Möglichkeiten zu. Meine Ideale, die ich ursprünglich hatte, sind immer mehr abgebröckelt. Heute staune ich über mich selber: „Mensch, wie du das so lange durchgestanden hast.“ Aber das war eben die Zeit damals. Man konnte nicht anders …

Wie denken Sie mittlerweile über den Sozialismus, an den Sie ja einmal geglaubt haben?

Vor ein paar Jahren wurde das Karl-Marx-Monument hier in Chemnitz eingehaust, das war eine Kunstaktion. Ich wurde gebeten, über meine Auffassung zu dem Monument und zur Gestaltung der Stadt zu sprechen. Ich hab’ dort in der Öffentlichkeit meine Meinung vertreten, nämlich dass Karl Marx doch eigentlich eine Lehre entwickelt hat, die den Kapitalismus in gewisser Weise bloßgestellt hat. Aber er hat diese Lehre nicht zu Ende gedacht. Er hat nicht gesagt, was nach dem Kapitalismus kommen soll. Das war eigentlich auch der Grund, weshalb die DDR nicht funktioniert hat. Das, was Lenin und andere aus der Lehre gemacht haben, war nicht das, was Marx eigentlich wollte. Schon das war der Grundstein für den Untergang des Sozialismus.

Empfinden Sie ihr Leben in der DDR rückblickend als verlorene Zeit‘?

Nein. Ich bin in der DDR aufgewachsen, hatte meine Familie dort, habe meine Ausbildung genossen. Ich habe nicht nur beruflich, sondern auch privat sehr viel gelernt. Ich bin meinen Idealen nachgegangen – obwohl das nicht immer gefragt war. Die DDR ist meine Heimat gewesen, und ich habe für die Menschen meiner Heimat gearbeitet. Trotzdem trauere ich der Vergangenheit nicht nach. Ich durfte nicht immer nur gute Erfahrungen machen. Aber die Zeit war damals so; und ich habe es ja auch einigermaßen gut überstanden. Ich bin trotzdem froh, dass es die DDR nicht mehr gibt. Es wäre fürchterlich, wenn es diesen Staat noch gäbe – wer weiß, was aus uns geworden wäre.

Das Gespräch führte Steffi Kühnel

1 Hellmut Opitz/Hermann Wille: Karl-Marx-Stadt, Leipzig 1974.

2http://www.chemnitz.de/chemnitz/de/stadt_chemnitz/stadtportrait/ stadtportrait_index.asp, 20.8.09

3 Karl Joachim Beuchel: Die Stadt mit dem Monument, Chemnitz 2006.

4 Der Reichsarbeitsdienst (RAD) war von 1933-45 ein sechsmonatiger Arbeitsdienst, der dem Wehrdienst vorausging. Aufgrund der hohen Truppenverluste fand ab 1944 die militärische Grundausbildung direkt während des RAD statt.

5 Die Architekten Karl Wilhelm Ochs (1896–1988) und Walter Henn (1912–2006) waren ab 1946 Professoren an der TH Dresden. Ochs wurde 1953 an die TU Berlin berufen; Henn ging im selben Jahr an die TU Braunschweig.

6 Georg Funk (1901–1990) studierte Architektur in Dresden, arbeitete nach dem Zweiten Weltkrieg am Wiederaufbau von Chemnitz mit und wurde 1949 als Professor für Baurecht und Bauordnung an die TH Dresden berufen. Dort baute er das Institut für Städtebau auf.

7 Die 1946 gegründete Sowjetische Aktiengesellschaft, ab 1954 Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft Wismut, förderte an verschiedenen Standorten in der DDR Uran für die sowjetische Atomindustrie. Ganze Städte und Dörfer mussten dafür weichen, die von der Wismut verursachten Umwelt- und Gesundheitsschäden wirken bis in die Gegenwart nach.

8 Fritz Heckert gründete 1919 die Chemnitzer KPD. Das Wohngebiet ,Fritz Heckert‘ entstand seit 1974 und war das drittgrößte Plattenbaugebiet der DDR. Bis 1988 entstanden hier über 30.000 Wohnungen für 90.000 Bürger. Nach 1990 verließen viele Bewohner das Stadtviertel, so dass sich das Gebiet – ebenso wie zahlreiche andere Neubaugebiete der DDR – seit 1998 im ,Rückbau’ befindet.

9 Die Behebung der Wohnungsnot und die Bekämpfung des ,Mietskasernenelends‘ (als Inbegriff des Kapitalismus) hatte in der DDR seit den 1960er Jahren Priorität. Seit den frühen 1970er Jahren wurde das Wohnungsbauprogramm intensiviert; der Schwerpunkt lag dabei auf Neubaugebieten.

10 Hermann Henselmann (1905–1995) prägte maßgeblich den Städtebau der DDR der 1950er und 60er Jahre. Er war u.a. in Berlin am Entwurf der Stalinallee und des Hauses des Lehrers beteiligt. Bis 1972 stellvertretender Direktor des Instituts für Städtebau und Architektur der Bauakademie.

11 Wolfgang Junker (1929–1990) war von 1963 bis 1989 Minister für Bauwesen in der DDR.

12 Beuchel hat 1974 erneut geheiratet.

13 Seit dem Amtsantritt Erich Honeckers 1971 wurden in einigen Städten der DDR – vor allem in Ostberlin – einzelne Altbaubestände aufwändig restauriert.

14 ,Technische Normen, Gütevorschriften und Lieferbedingungen‘, von 1955 bis 1990 die Entsprechung westdeutscher DIN-Norm.

Hans Modrow

„Geschichte, an der ich teilhabe.“ - Hans Modrow, geboren 1928

Ein lebensgeschichtliches Interview mit Hans Modrow? Der 80-jährige hat seine politischen Memoiren ,Ich wollte ein neues Deutschland‘ bereits 1998 verfasst. Nur widerstrebend erklärte er sich zu einem Gespräch bereit. Als Vorsitzender des Ältestenrates der LINKEN hat er einen vollen Terminkalender, möchte in der Gegenwart politisch wirken, anstatt ein weiteres Mal über sein Leben in der DDR zu berichten.

An Modrow als einen Hoffnungsträger in der späten DDR kann ich mich selbst noch aus Diskussionen in meiner Familie während der ,Wende‘ erinnern. Schon vor 1989 galt er als Mann der Perestroika, als deutscher Gorbatschow. In der Revolutionszeit ersetze er die unglaubwürdige SED-Führung unter Egon Krenz und bildete eine ,Regierung der nationalen Verantwortung‘. Er suchte Kontakt zu Oppositionellen und machte Bürgerrechtler zu Ministern. Vor dem Interview bereitet mir diese Erinnerung Unbehagen, könnte sie doch eine fehlende Distanz zu meinem Gesprächspartner erzeugen – eine Distanz, die mir andererseits notwendig erscheint: Schließlich kam Modrow doch selbst aus dem tiefsten Inneren des SED-Regimes. Für seine Karriere in der DDR hatte er den Kontakt zu seiner Familie im Westen abgebrochen. Sein Weg führte über Funktionen in der FDJ, der Berliner SED-Leitung bis hin zum Zentralkomitee der SED. 1973 wurde er Erster Sekretär der Bezirksleitung der SED in Dresden. Als der einflussreichste Lokalpolitiker im Bezirk übte er dabei gelegentlich auch Kritik an den Beschlüssen des Politbüros. Erst 1989 kehrte er wieder nach Berlin und ins Machtzentrum der DDR zurück: Er wurde ihr vorletzter Ministerpräsident.

Aus dem Repräsentanten des untergegangenen Staates ist im vereinten Deutschland ein umstrittener Politiker geworden, der in der Bundesrepublik unter anderem wegen Beteiligung an Wahlfälschungen in der DDR verurteilt worden ist. Seit den ersten freien Wahlen der DDR im Frühjahr 1990 arbeitet Modrow in der linken Opposition, vertritt die Interessen der Ostdeutschen – so wie er sie versteht. Kritik an den Verhältnissen in der DDR begegnet er mit dem Hinweis, dass es auch heute noch Unrecht zu bekämpfen gelte.

Als ich morgens Hans Modrows Wohnung in einem Plattenbau in Berlin-Mitte betrete, geht gerade der erste Gast des Tages. Modrow bittet mich in ein schlicht eingerichtetes Arbeitszimmer. Auf dem Tisch das ,Neue Deutschland‘, Stapel von Papieren und Büchern liegen vor überfüllten Bücherregalen. In einem hängt ein Wimpel mit dem 1989er-Slogan ,Keine Gewalt‘. Wir haben nur knapp zwei Stunden Zeit, und Modrow beginnt zu sprechen: anhaltend und ausdauernd, mit seiner bekannten heiseren Stimme. In der Erzählung nimmt mein Gesprächspartner die eigene Rolle stark zurück: Der ,Pflichtmensch‘ bindet sein Leben an sachliche Umstände. Am Ende bin ich doch überrascht, denn auch als ,Reformer‘ möchte Modrow nicht gesehen werden …

„Zunächst einmal der Krieg.“

Sie sind 1928 in einem kleinen Dorf in Pommern aufgewachsen. Was hat Sie in Ihrer Kindheit und Jugend geprägt?

Zunächst einmal der Krieg. Nachdem man aus der unmittelbaren Kindheit heraus ist, die ganz wenige Erinnerungen hinterließ, war das Erleben bereits vom Krieg geprägt. Der greift natürlich in das Leben auch eines solchen Dorfes ein, zumal es sich in unmittelbarer Nähe eines der größten deutschen Rüstungswerke befand. Das Werk in Pölitz1 produzierte aus Braunkohle Benzin für den Krieg. Ich selbst gehörte schon mit 14 Jahren zur Jugendfeuerwehr, die natürlich in dieser Zeit eine Hitler-Jugend-Feuerwehr war. Auch meinen Beruf lernte ich in dem Betrieb, der voll auf Rüstung ausgerichtet war. Es gab Luftangriffe, auch Tote im eigenen Dorf. Das alles prägt einen natürlich und trug dazu bei, dass man eine Haltung haben muss. Das war einfach die Haltung, in diesem Krieg auch seinen Beitrag für Deutschland zu leisten. Das ging damals schon mit 14, 15 Jahren los. Das war eine Situation, in der man sich nicht drücken konnte und wollte. Und andererseits – was nicht so bewusst war – dazu beitrug, dass die Kriegsmaschinerie weiterlief und funktionierte.

Sie haben eine Ausbildung zum Maschinenschlosser gemacht.

Ja, mein berufliches Leben begann mit 14 Jahren. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. In unserem ersten Lehrjahr mussten wir den so genannten Lehrgang „Eisen erzieht“ durchlaufen. Die Gesellen sollten auf uns erzieherisch Einfluss nehmen. Sie forderten vor allem Unterordnung. Und wenn man als Jugendlicher sehr geschurigelt wird, dann ist das – völlig unabhängig von der jeweiligen Ideologie – immer damit verbunden, dass man beginnt, sich zu wehren. Eine Aufmüpfigkeit, die noch gar nichts mit Politik zu tun hatte. Denn mir war völlig klar: „Du musst so oder so in den Krieg. Dann lässt du dir das von dem Gesellen nicht mehr gefallen, dass der dir eine Ohrfeige gibt. Oder den Zollstock in den Nacken schmeißt, damit man ihn aufhebt und zu ihm bringt, um sich dann eine Ohrfeige bei ihm abzuholen.“ Das waren schon Methoden, die auch zu den Erziehungsmethoden der Nazis gehörten. Da begann dann bei mir einfach der Widerstand. Das war nicht im Geringsten gegen die Naziideologie gerichtet. Sondern das war ein Widerstand, den man als junger Mensch demjenigen entgegensetzt, der einen in dieser Weise schurigeln will.

Was hat Sie motiviert, bei der Hitlerjugend mitzumachen?

Das war ganz normal. Das ergab sich ja über die ganze Ideologie, die in der Schule verbreitet wurde. Dazu brauchte man gar nicht extra gebracht werden. Der Lehrer erzog uns im Sinne der Ideologie der Faschisten. Gar keine Frage, dass man sich im Nachhinein davon distanziert, wie man es ja heute erlebt, wenn sich Grass oder Strittmatter an ihre Jugend erinnern.2 Da vergleicht man sich dann: Wie ist es dem Grass gegangen, wie ist es dem Strittmatter ergangen – und wie wäre es dir ergangen? Ich bin aber nicht bei der SS gewesen, brauch’ da auch keine Lücken zu schließen. Durch meine Freiwilligenmeldung als 16jähriger zur Marine war für andere Einheiten ein Riegel vorgeschoben. Die hatten dann keinen Zugriff mehr auf mich. Und da der Krieg inzwischen dem Ende entgegenging, wurde ich dann nur zum Volkssturm geholt. Für den Volkssturm konnte man binnen zwei Wochen ausgebildet werden, um an einer Handfeuerwaffe oder mit einer Panzerfaust zu schießen – mehr brauchte man nicht.

Sie sprechen viel vom Krieg, aber wenig über Eltern und Familie. Wollen Sie das nicht?

Nein, das macht keinen Sinn. Meine Familie ist ja nach dem Krieg in die Nähe von Hamburg gezogen, und ich habe mich nach meiner Kriegsgefangenschaft entschieden, in der sowjetischen Besatzungszone zu bleiben. Und dadurch, dass ich also ab meinem 17. Lebensjahr mit Eltern und Geschwistern kaum Kontakt hatte, sind die früheren Erlebnisse und Erinnerungen zu sehr überlagert. Das ist weg. Und man beginnt darüber nachzudenken, ob man in der Erinnerung dann dem gerecht wird, was eigentlich damals unmittelbar war. Ich möchte nicht Erinnerungen vermitteln, für die ich selber nicht mehr einstehen kann. Ich weiß wenig über meine Eltern: Meine Mutter kam aus Pommern aus dem Arbeitermilieu; sie hieß Krause, aber mehr weiß ich nicht. Der Vater war, das weiß ich aus dem Erzählen, Bäckermeister. Er ging im Ersten Weltkrieg mit einem Vorpostenboot in der Nordsee unter, wurde aber gerettet. Zu mir und meinem Bruder sagte er: „Ihr werdet Seeleute! Das ist ein Beruf, in dem kann man wirklich die Welt sehen, und da erlebt man was.“

Wenn über Hans Modrow geschrieben wird, dann werden häufig Tugenden erwähnt: Disziplin, Anständigkeit, Fleiß … Woher kommt das?

Ich denke, das kommt noch aus dem Elternhaus. Wir haben alle unserer Mutter viel zu verdanken. Vater konnte sozusagen mal aus dem Kleister gehen, während Mutter eine sehr ruhige Frau war. Vater war dagegen der Rücksichtslose. Er war Raucher, und abends musste man noch die Zigaretten für ihn kaufen gehen. Und dann pfiff ich los, es war stockdunkel, musste an der Kirche vorbei, wo der Uhu oben saß und heulte, um Zigaretten zu holen. Da habe ich mir geschworen: Wenn du mal Kinder hast, das forderst du von keinem. Auf jeden Fall wurde mir da bewusst, dass man so mit seinen eigenen Kindern nicht umgeht. Meine Mutter hingegen war immer bemüht um das Zusammenleben und Aufrechterhalten einer bestimmten Ordnung innerhalb der Familie. Und noch in den 1990er Jahren, als ich in Ückermünde zu einer politischen Veranstaltung war, trat dort mit einem Mal eine ältere Frau auf, die sagte: „Ich erinnere mich sehr gut an den Hans Modrow. Er war bei uns im Dorf einer von denen, die immer hilfsbereit waren. Wenn ich mal irgendein Problem hatte, Wasser von der Pumpe holen musste, und Hans Modrow war in der Nähe, dann nahm der mir den Eimer ab und trug ihn mir nach Hause.“ Das gehörte so ein bisschen zur Erziehung meiner Mutter: „Ihr habt andern Menschen gegenüber hilfreich zu sein, Ältere brauchen Unterstützung …“ Das war eine Lebenshaltung, die ich mitgenommen habe.

Nach dem Krieg hatten Sie keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie?

Mit meiner Mutter schon. Wenn sie ihre Schwester in Berlin besuchte, nahm sie Kontakt mit mir auf. Aber wie gesagt: Ich hatte mich entschieden, in der sowjetischen Zone zu bleiben, was auch eine Erwartung der Antifa- Schule3 war, die ich in der Sowjetunion besucht hatte. Die Genossen hier wollten gerne, dass ich zur Kasernierten Volkspolizei und dann später auch in die Armee gehe.4 Aber da galt für mich der ,Befehl 2‘. Der legte fest: Man kann nicht in den bewaffneten Kräften Dienst tun, wenn man Verwandte ersten Grades im Westen hat.

Den Kontakt zu Ihrem Vater haben Sie nicht mehr hergestellt?

Nein, es gab keinen Kontakt mehr. Mein Bruder war zur See, da gab es auch keine Verbindung. Meine Schwester habe ich bei einem Besuch bei der Tante in Berlin ein einziges Mal gesehen – es gab also keine Kontakte.

Hat Sie der Kontaktabbruch zu einem Großteil Ihrer Familie nicht beschäftigt?

Es hat mich einmal sogar direkt beschäftigt. 1957 starb mein Vater, und ich stellte die Frage gegenüber der SED-Bezirksleitung, ob ich zur Beerdigung fahren dürfte. Da wurde mir empfohlen, das nicht zu tun. Da bin ich dann auch der Meinung gewesen: Ich kann nicht Ausnahmen für mich fordern, wenn das anderen gegenüber verweigert wird.

„… zurück in deinen Schlosserberuf!“

Wie kam es bei Ihnen denn zu der Wendung: vom Hitlerjungen und überzeugten Volkssturm-Kämpfer zum Antifaschisten und SED-Mitglied?

Ich glaube, das sind Prozesse, die ungeheuer differenziert abgelaufen sind für jeden Einzelnen. Ich habe diesen Weg im Rahmen meiner sowjetischen Kriegsgefangenschaft genommen. Das erste halbe Jahr meiner Gefangenschaft habe ich in Hinterpommern verbracht, um dort mit einem Erntekommando die Ernte einzubringen. Das war 1944, damals wurde von den Bauern dort ein ganz normaler Erntegang vorbereitet und noch bis ins Frühjahr 1945 hinein bearbeitet – bevor sie dann vor der Roten Armee geflohen sind und nicht von den Polen vertrieben wurden, wie das ja heute aufgemacht wird. Ich war damals unterwegs mit dem Kapitän, der unser Kommando leitete. Ich war sein Fahrer geworden. Sie haben dafür unter den ganz Jungen jemanden ausgewählt, bei dem sie damit rechnen konnten, dass er sich anpasst und gut zu kommandieren ist. Der Kapitän wurde für mich eine wichtige Person. Mit einem Mal erlebte ich den ,Untermenschen‘, der mich aber ganz normal behandelte. Und dann rezitierte der auch noch Heine. Wusste ich, wer Heine war!?

Sie kamen später auch in die Sowjetunion.

Ja, aber zunächst musste ich in das so genannte Pferdekommando; musste also zusammen mit zwei Rotarmisten Pferde 30, 40 Kilometer weit wegbringen. Da war man gut drei Wochen unterwegs, und ich lebte nun alleine mit zwei Rotarmisten. Ich saß auf einem Pferd und hatte links und rechts jeweils noch ein Pferd. Wenn da die Panzer vorbeifuhren, dann gingen erstmal meine Pferde durch (lacht). Danach ging es über das Kriegsgefangenenlager Breslau in die SU. Hier wurde ich als Waldarbeiter eingesetzt, und von dort aus ging ich dann nach Moskau für den Winter 1946/47. Ich arbeitete dort in einem Heizwerk, vor allem machte ich Nachtschicht. Dort steckten uns die Frauen immer mal ein Stück Brot zu. Aber ich war dort dann körperlich doch sehr entkräftet. Eine Ärztin entschied dann, dass ich in das Kommando Brotfabrik eingeordnet werde. Da gab’s auch mal einen Kanten Brot zusätzlich. Das war eine humane Entscheidung dieser Ärztin.

Diese Erlebnisse haben bei Ihnen einen Reflexionsprozess ausgelöst?

Das alles bringt einen ja doch dann in eine Situation, wo man über sich und das Leben anders nachdenkt. In den größeren Kriegsgefangenenlagern waren auch immer Komitees der Antifaschisten. Die waren natürlich um uns bemüht. Wir hatten Bibliotheken zur Ver- fügung, Bücher von Anna Seghers und Willi Bredel, oder auch ,Wie der Stahl gehärtet wurde‘.5 Da begann man zu lesen, zunächst einfach aus Langeweile.

Was waren das für Genossen, die in diesen Komitees arbeiteten?

Das waren Ältere. Das waren Überläufer von der Wehrmacht, die nun das Vertrauen der sowjetischen Seite hatten und die dann wieder unter den Kriegsgefangenen Leute suchten, die in das Antifa-Komitee mitgingen. Die mussten nicht zum Arbeitseinsatz. Deren Aufgabe war es, dafür zu sorgen, dass sich im Lager antifaschistische Debatten aufbauten. Ich gehörte zu denen, die sich politisch zu interessieren begannen, die auch teilnahmen an Debatten. Und dann wurde mir die Frage gestellt, ob ich interessiert wäre, in so eine Antifa-Schule zu gehen. So kam ich nach Rjasan, nicht weit von Moskau. Dort gab es Seminare und Lektionen, die unsere eigentliche Einführung in eine antifaschistische Bildung wurden. Da waren Lehrer – eine ganz kleine Gruppe – die als Widerstandskämpfer gegen den Faschismus aus Deutschland in die Sowjetunion geflohen waren. Der Leiter unserer Schule war Robert Naumann,6 der ja später zurückging an die Humboldt-Universität. Wir lernten dort – sehr verknappt – den wissenschaftlichen Kommunismus, politische Ökonomie, materialistische Philosophie und, und, und …

Sie haben diskutiert und gestritten, das haben ja wahrscheinlich die meisten gefangenen Soldaten nicht gemacht. Woher kam die Motivation, sich in dieser Weise zu engagieren?