Verlorenen Liebe - Irene Dannenberg - E-Book

Verlorenen Liebe E-Book

Irene Dannenberg

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Beschreibung

Das Buch erzählt die Lebensgeschichte von Kala, die zur Zeit der Pfahlbauten am Bodensee spielt. Sie lernt ihre große Liebe kennen, die sie durch den Tod verliert. Der historische Roman entführt seine Leser in die Steinzeit

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Seitenzahl: 217

Veröffentlichungsjahr: 2015

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INHALTSVERZEICHNIS

VORSPANN

KALAS GESCHICHTE

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ALAS

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INDHEIT

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ETZTE

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EISE

D

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ATASTROPHE

NACHSPANN

VORSPANN

Brigitte ging eines Abends am See spazieren. Es war eine wunderschöne Abendstimmung. Die Sonne war im Westen untergegangen und tauchte den Himmel in ein flammendes Rot– Vögel sangen in den Büschen, Grillen zirpten im Feld. Da entdeckte Brigitte eine malerische Bucht. Sie ging durchs Gebüsch hinunter und ließ sich auf dem Kiesstrand nieder. Ach, war das schön, am Seeufer zu sitzen und in den Sommerabend hineinzuträumen. Da kam auf einmal eine junge Frau zu ihr herüber. Es sah aus, als wenn sie dem seidig schimmernden Wasser, das im Abendsonnenlicht glitzerte, entstiegen wäre. Zwei lange dunkelblonde Zöpfe wippten rechts und links bei jedem Schritt auf und nieder. Sie hob grüßend die Hand und lächelte ihr zu. Sie trug ein grob gewebtes Kleid, das mit Mustern aus Pflanzenfarben verziert war. An den Handgelenken klimperten Bronzearmbänder. Langsam näherte sie sich Brigitte, die sich nicht zu rühren wagte. Sie setzte sich ihr gegenüber auf den Kiesstrand. „Ich bin Kala“, sagte sie mit einer tiefen, wohltönenden Stimme. „Ich habe hier vor vielen vielen Jahren in einem Dorf aus schilfgedeckten Holzhütten, die mit Knüppelwegen verbunden waren und auf Pfählen standen, gelebt. Ich will dir meine Geschichte erzählen, um sie dem Vergessen zu entreißen. Schreib sie auf und veröffentliche sie, damit deine Zeitgenossen etwas über unser Leben erfahren! Hier“, sie hatte einen Gegenstand aus dem Gürtel gezogen, „das hat mir mein Freund einmal mitgebracht. Den lasse ich dir da, wenn ich dich verlassen werde. Hebe ihn als Andenken an mich auf. Er soll dir helfen, dich später an alles zu erinnern, was ich dir jetzt erzählen werde…“

Ein Plätschern im Wasser weckte Brigitte. Sie sah sich benommen um. Wo war sie? Langsam kam die Erinnerung an ihren Abendspaziergang zurück. Der Mond war inzwischen aufgegangen und warf sein silbriges Licht als Bahn übers Wasser in die Bucht. Sie blickte sich suchend um. Das Mädchen war verschwunden. Der Klang ihrer Stimme klang noch in ihr nach. Der Gegenstand, den sie ihr dalassen wollte, wo war er? Sie blickte sich suchend um. Da – da lag etwas am Rand des Wassers. Die Wellen leckten darüber hin. Sie stand vorsichtig auf und ging hinüber. Am Seeufer angelangt bückte sie sich und ihre Finger tasteten behutsam nach dem Gegenstand. Er war feucht vom Wasser und entglitt ihr mehrmals. Schließlich hatte sie ihn erwischt und hob ihn hoch, um ihn genauer zu betrachten. Sie tastete mit ihren Fingerspitzen darüber hin. Es war etwas Glattes mit Zinken. Da erinnerte sie sich wieder an die Worte ihrer Besucherin. „Diesen Kamm hat mir mein Freund einmal mitgebracht. Er ist aus Horn gearbeitet, schön glatt poliert. Ich habe ihn seitdem immer in meinem Gürtel bei mir getragen. Er hat mich immer beschützt bis zu jenem Tag…“ Kala hat ihren Satz nicht beendet, stattdessen ihr Gesicht mit den Händen bedeckt. Als sie sie wieder fortgenommen hatte, sah sie Brigitte gefasst an und fuhr fort: „Davon später. Ich will von Anfang an erzählen.“

Brigitte streichelte den Kamm, lauschte ihren Erinnerungen an diese Begegnung, steckte ihn in ihre Tasche und suchte sich ihren Heimweg durchs Gebüsch. Der Mond leuchtete ihr mit seinem silbrigen Licht und verzauberte eigenartig die Szenerie. Heimgekehrt schlich sie sich so geräuschlos wie möglich in ihr Zimmer, knipste ihre Schreibtischlampe an und begann, die Lebenserinnerungen von Kala aufzuschreiben. Wenn ihre Hand stockte und sie doch zweifelte, ob sich das alles so zugetragen hatte, vermeinte sie Kala hinter sich stehen zu sehen und ihr zuzuraunen: „Schreib weiter! Es darf nichts in Vergessenheit geraten!“ So saß Brigitte und schrieb Seite um Seite bis zum Morgengrauen. Als die Sonne durch die zugezogenen Vorhänge hereinblinzelte, schob sie müde den großen Papierstapel beiseite, knipste die Lampe aus, ließ den Kopf schwer auf ihre Arme sinken und fiel sofort in einen tiefen, traumlosen Schlaf der Erschöpfung.

KALAS GESCHICHTE

KALAS KINDHEIT

Als sie noch ganz klein war, sah Kala gern ihrer Mutter bei der Arbeit zu. Frühmorgens, als schwaches Dämmerlicht durch die Ritzen im Wandgeflecht fiel, erhob sich ihr Vater von seinem Lager und streifte sich seinen Kittel über, fuhr sich mit der Hand durchs zerzauste Haar, beugte sich noch einmal zu Kalas Mutter hinunter, die schon wach war, küsste sie zärtlich und strich ihr übers blonde lange Haar. „Pass auf dich auf!“, flüsterte sie. „Ja, mein Schatz.“ Er ging zum Fell, das ihre Schlafstätte von denen der anderen Familien abtrennte, schob es einen Spalt auf und schlüpfte geschmeidig hinaus. Hinter ihm schloss sich der Fellvorhang wieder. Kala drehte sich auf die Seite und lauschte dem Klatschen der Wellen an die Pfähle, als ihres Vaters Nachen ablegte. Auch in den anderen Hütten regte es sich bereits. Die Fischer eilten zu ihren Kähnen. Vom monotonen Schlagen der Wellen wurde sie noch einmal ins Traumreich hinübergeschaukelt, bevölkert von Elfen, Trollen und Wassernixen, von denen ihr ihre Mutter erzählt hatte. Neben ihr regte sich ihr jüngerer Bruder im Schlaf. Sie hörte ihre Mutter aufstehen. Die ersten Sonnenstrahlen spitzten durchs Wandgeflecht und malten Kringel auf den Hüttenboden. Leise vernahm sie das Singen der Vögel. Enten quakten im Schilf und Blesshühner riefen. Ihre Mutter begann, Körner zu Mehl zu zerreiben. Dann schob sie den Fellvorhang beiseite und ging hinaus in den Hauptraum, um das Feuer anzufachen. Blinzelnd beobachtete sie Kala dabei und wie sie dann den Kessel darüber hing. Sie gab Mehl und Wasser hinein und begann, den Morgenbrei zu kochen. Sie würzte ihn mit ein paar getrockneten Kräutern. Ihre Mutter war immer die erste am Kochfeuer. Schließlich regte es sich in der Hütte und die anderen Mütter kamen verschlafen zum Feuer und lösten Kalas Mutter beim Rühren ab. Kalas Mutter kam zu ihr, beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie auf die Stirn. „Aufstehen, mein Schatz.“ Dann ging sie zu ihrem Bruder hinüber. „Waldur, aufwachen, mein Kleiner.“ Sie strich ihm liebevoll eine feuchte Locke aus der Stirn, hob ihn hoch und zog ihm sein Kittelchen über, nahm ihn an der Hand und führte ihn zur Feuerstelle, wo schon die anderen Kinder im Kreis saßen und spielten. Kala folgte ihnen. Sie ging zum Hütteneingang hinüber, durch den sie schon den See im Sonnenglast glitzern sah. Sie streckte und reckte sich, ging hinaus vor die Tür und lehnte sich ans Geländer des Knüppeldamms. Da sah sie auch schon in der Ferne die Boote der Fischer zurückkehren. Eine frische Brise wehte vom See herauf, aber die Sonne wärmte ihr schon das Gesicht. Als die Fischer näher kamen, winkte sie hinüber. Ihr älterer Bruder Kitur winkte zurück. Er saß im Boot des Vaters, der kräftig ruderte. Bald legte sein Boot bei ihr an und ihr Bruder kletterte behände zu ihr hinauf. „Wir haben heute viel gefangen!“, rief er fröhlich. „Komm, hilf uns beim Ausladen.“ Auch die Mutter kam heraus und sie hievten die schweren Netze hoch auf die Planken. Alle machten sich an die Arbeit. Ein Teil des Fangs wurde über dem Feuer an Stecken gebraten, die anderen Fische wurden an ein Gestell gehängt, das am Feuer zum Räuchern aufgestellt worden war. Alle Kinder saßen im Kreis herum und hielten ihre Stecken mit den Fischen ins Feuer. Als sie gar waren, bekam jeder eine Schale mit Brei dazu und sie begannen schweigend zu essen. Schließlich räumten die Frauen und die älteren Mädchen die Schalen zusammen und trugen sie zum Seeufer, wo sie sie im seichten Wasser spülten und sie mit einem Stofffetzen abtrockneten. Dann trugen sie sie zurück in die Hütte und verstauten sie wieder auf dem Bord an der Wand im Hauptraum.

„Komm, Kala, wir gehen ans Ufer und schauen, ob die Erdbeeren schon reif sind. Du kannst auch mitkommen, Waldur.“ Die Männer und größeren Jungen saßen vor den Hütten und untersuchten die Netze auf Löcher und begannen sie zu flicken. Die Jungen sahen den Männern aufmerksam bei der Arbeit zu. „Komm, Kitur, wir müssen nach geeignetem Holz für ein neues Ruder suchen.“ So eilten alle geschäftig umher. Kala folgte leichtfüßig ihrer Mutter. Waldur jammerte wegen der Steine am Ufer, aber Kala machten sie nichts mehr aus. Ihre Mutter nahm Waldur auf den Arm und trug ihn zum Waldrand. Da leuchteten auch schon die leckeren Walderdbeeren im Gesträuch. Bald war Waldurs Mäulchen rot verschmiert und er leckte sich genüsslich die Lippen. Die Mutter und Kala sammelten die Beeren in einem Weidenkorb. Kala naschte auch ab und zu davon. Als die Sonne im Osten über dem See verschwand und den Himmel in glut-rotes Licht tauchte, kehrten sie ins Dorf zurück. „Morgen können wir Erdbeeren in den Brei hineingeben, dann schmeckt er viel besser!“ Sie stellten ihren Korb in einer Ecke im Hauptraum ab. Einige Männer saßen noch draußen vor der Hütte und unterhielten sich. Beim Stall erklang eine helle Flöte. Mit dem Rücken zur Wand saß der Hirtenjunge Alef und spielte versonnen, nachdem er die Tiere von der Weide zurückgebracht hatte. Kala lauschte dem süßen Spiel. Ein Stern blinkte am Himmel auf und hinter den Bäumen am Wald kam die silberne Mondsichel hervor. Kala fröstelte. Eine kühle Brise wehte vom Wasser herauf. „Kala, komm herein.“, rief sie ihre Mutter. Ihr kleiner Bruder schlief schon, als sie sich neben ihn legte und lächelte im Traum. Die Nacht kroch durch die Ritzen im Wandgeflecht. Ein Teichrohrsänger rief. Schließlich wiegte sie das monotone Schwappen der Wellen in den Schlaf.

Am nächsten Morgen wurde Kala durch das Rütteln des Windes an der Flechtwand geweckt und die Wellen schlugen heftig an die Pfähle unter der Hütte. Ihr Vater ging nach draußen und Kala folgte ihm. Sie blieb im Türrahmen stehen. Ein heftiger Wind fegte in Böen übers Wasser und trieb pechschwarze Wolken vor sich her, die am Rand schwefelgelb ge-zackt waren. Der See tobte. Dunkle, bedrohliche Wellen brandeten heran mit weißen Schaumkronen darauf. Die Boote knallten an die Pfähle. Der Wind fuhr in Kalas Haare, die noch nicht geflochten waren. Einige Strähnen fielen ihr in die Augen und Gischt spritzte zu ihr hoch, als sie ans Geländer des Knüppeldamms trat. Sie blinzelte, hielt sich mit der einen Hand am Geländer fest, weil der Sturm an ihr riss und strich sich mit der anderen die Haare aus den Augen. Der Wind bauschte ihr Kleid und das Wasser schwappte aus dem kochenden See auf den Damm herauf und spülte über ihre nackten Füße. Brr, war das eiskalt! Da sah sie ihren Vater und die anderen Männer, wie sie mit aller Kraft versuchten, die Boote aus dem Wasser zu holen und auf dem Damm abzulegen. Alle Männer und größeren Jungen arbeiteten mit vereinten Kräften. Die Fischernetze trieben im tobenden See. Wenigstens einen Teil der Boote konnten sie retten und banden sie mit dicken Seilen am Geländer fest. „Kala, komm herein! Es ist zu gefährlich draußen!“ Sie wandte sich um und schlitterte zurück in die schützende Hütte. Bald darauf kamen die anderen Männer und Jungen pitschnass herein. Der Regen fiel durch die geöffnete Tür. Das Feuer ging langsam aus, weil die Regentropfen durch den Rauchabzug hereinprasselten. Die Kleinen drängten sich in einer Ecke um die Frauen und zitterten vor Furcht. Waldur klammerte sich an die Mutter und weinte vor Angst. Ein Windstoß riss die Tür auf. Draußen war pechschwarze Nacht und grelle Blitze tauchten alles in ein gespenstisches Licht. Donner krachte Schlag auf Schlag. Der Blitz schlug in den Wachturm ein und helle Flammen zuckten an ihm hoch. Gespenstisch brannte der Turm lichterloh. Keiner wagte sich zu rühren. Schließlich fielen die Reste des Turms krachend in sich zusammen. Große Hagelkörner purzelten auf die Planken und die Dächer. Durch das Rauchabzugsloch prasselten sie herein und um die Feuerstelle und auf dem Steg sah es so aus, als ob es geschneit hätte. Auf einmal war es unheimlich still und der ganze Spuk war zu Ende. Als erstes gingen die Männer hinaus, kamen auf den Hagelresten ins Schlittern und begannen, den Schaden zu inspizieren. „Mein Boot ist weg!“, rief Kalas Vater. „Meins auch!“, stellte Kalas Onkel fest. Die Frauen räumten den Feuerplatz auf und entfachten das Feuer neu. Sie begannen, Körner zu mahlen und im Kessel einen Brei zu kochen. Als er fertig war, riefen sie die Männer herein und teilten das Essen aus. Alle begannen schweigend zu essen, die Männer mit sorgenvollen Mienen. „Da wartet viel Arbeit auf uns.“, ließ sich Kalas Vater vernehmen. In dem Moment wurde die Tür geöffnet. Kalas Großmutter stürmte herein und lief auf ihren Sohn zu. „Komm schnell, dein Vater war noch draußen und hat versucht, sein Boot hereinzuholen, als es richtig losging. Seitdem haben wir ihn nicht mehr gesehen. Die Männer aus den anderen Hütten suchen den See nach ihm ab. Sie sind draußen mit dem einen uns noch verbliebenen Boot!“ Kalas Vater eilte hinaus. Stunden später kehrte er mit hängenden Schultern zurück.! „Nichts!“ Der Tag verging. Alle schwiegen und liefen bedrückt umher. Die Kinder hockten auf dem Boden beieinander. Kein fröhliches Kinderlachen drang aus den Hütten, obwohl die Sonne wieder am Himmel lachte und der See friedlich dalag. Eine Menge Fische schwammen in die Bucht herein und die Jungen sprangen ins seichte Wasser und versuchten, sie mit den Händen zu fangen. Einige hatten Erfolg und brachten den Fang stolz zu ihren Müttern. Bald roch es nach über den Feuern gegrilltem Fisch. Die Männer hatten sich darangemacht, die Reste des Wachturms zu beseitigen. Die Frauen riefen sie zum Fischessen. Später hörte Kala Axtschläge im Wald am Ufer. Bald tauchten die Männer mit den gefällten Baumstämmen am Kiesstrand auf und legten die noch vor Feuchtigkeit dampfenden Stämme zum Trocknen aus. Der Abend brach herein. Die Vögel sangen, als wenn nichts geschehen wäre. Ein wunderschönes Abendrot erschien am Himmel. Die Mondsichel tauchte am Himmel auf und Sterne begannen zu blinken. Die Männer versammelten sich im Haus von Kalas Vater. Die Frauen gesellten sich zu ihnen und auch die Kinder drängten herein. Kalas Großmutter begann heftig zu schluchzen. Die Männer standen um das Lager ihres Großvaters, auf dem sein bestes Fell lag und sein schön gefärbtes Feiertagsgewand und stimmten einen feierlichen Gesang an. Sie hoben Arme und Gesicht nach oben. Kalas Vater begann, feierlich ein Gebet zu sprechen. Am Ende der Zeremonie gingen alle hinaus. Die Männer versammelten sich um die Feuerstelle und Kala hörte sie sprechen, aber sie konnte kein Wort verstehen. „Kala, komm herein, es ist Zeit, schlafen zu gehen.“ „Was machen die Männer da?“ „Du weißt doch, dass Großvater unser Anführer war. Nun müssen sie einen neuen wählen.“ Kala ging hinein und legte sich schlafen.

Irgendwann in der Nacht wurde das Fell beiseitegeschoben und ihr Vater kam herein. Sie sah ihn nur als Schatten gegen die Glut der Feuerstelle. Er ging zu seinem Lager und schlüpfte unter sein Schlaffell. Da hörte sie ihre Mutter flüstern: „Wie ist es ausgegangen?“ „Sie haben mich gewählt. Wir werden morgen in die Hütte meiner Eltern umziehen.“ „Und die neuen Boote?“ „Die müssen warten. Bald kommt der Händler und er muss mich dort antreffen!“ „Du hast Recht. Der Händler ist wichtiger.“ „Schlaf gut, mein Schatz.“ „Du auch.“

BEGINN EINES NEUEN LEBENS

Am nächsten Morgen wachte Kala zeitig auf. Durch die Ritzen des Wandgeflechts drang fahles Licht herein. Die Wellen schwappten an die Pfähle und sangen ihr ewiges, eintöniges Lied. Die anderen rührten sich noch nicht. Nur Waldur lächelte im Traum und seine kleinen Finger strichen über das Fell, mit dem er zugedeckt war. Kala kroch näher zur Wand und spähte durch eine Ritze hinaus. Der Himmel war grau und Regentropfen prasselten auf das Hüttendach. Sie fröstelte und drehte sich von dem kalten Luftzug weg, der durch die Ritzen im Geflecht hereindrang und kuschelte sich enger in ihr Fell. Ihre Eltern wurden wach. Ihr Vater spähte hinaus und drehte sich wieder zu ihrer Mutter um, um noch eine Weile weiterzuschlafen. Irgendwann war auch Kala wieder eingeschlummert. Im Traum spielte der Hirtenjunge eine alte Weise und sie glitt in einem Einbaum über die Wellen des Sees. Enten quakten und Fische sprangen. Sie fuhr mit ihrer Hand durchs kühle Nass und genoss den Wind, der durch ihre langen Haare strich. Nur allmählich drang die Stimme ihrer Mutter in ihren Traum, die sie zum Aufstehen mahnte. Nur widerwillig blinzelte sie in einen neuen Tag. Doch als sie die Sonnenstrahlen sah, die das Muster der Flechtwand auf den Boden malten und den Staub tanzen ließen, sprang sie schnell auf und zog sich ihr Kleid über. Kitur schnürte schon seine Sachen zu einem Bündel zusammen und folgte dem Vater, den sie gerade noch hinter dem Vorhang, der ihren Teil vom Hauptraum trennte, verschwinden sah. „Mach schon, Kala. Wir dürfen keine Zeit verlieren, wenn wir bis zur Ankunft des Händlers mit allem fertig sein wollen!“, rief ihre Mutter, die gerade dabei war, Waldur sein Kittelchen überzustreifen, der sein kleines Boot an sich drückte, das der Vater ihm geschnitzt hatte. Die Mutter packte seine wenigen Sachen, schnürte sie zu einem Bündel und drückte es ihm in die Hand. Kala schickte sich gerade an, mit ihrem Bündel den Raum zu verlassen. „Bring ihn zur Oma und komm dann zurück. Wir beide müssen noch das Geschirr und die Töpfe zusammenpacken.“, wies die Mutter Kala an. Kala streckte Waldur die Hand hin und führte ihn hinaus in den Hauptraum. Waldur wollte sich losreißen um zu seinen Spielgefährten am Feuer zu laufen. Aber Kala hielt seine kleine Hand fest in der ihren und zog ihn zur Tür. „Ich will spielen!“, erklärte der kleine Steppke entschieden und versuchte, sich von ihrer Hand loszureißen. „Du hast gehört, was die Mutter gesagt hat! Komm jetzt!“ Sie zog ihn zur Tür. In der anderen Hand trug sie ihr Bündel. Wenn sie Waldur nicht loslassen wollte, musste sie das Bündel absetzen, um die Tür zu öffnen. Aber da wurde sie schon von außen geöffnet und ihre Großmutter stand im Türrahmen. „Komm, Waldur.“ Sie nahm Kalas kleinen Bruder an der Hand. „Gib mir deine Sachen!“ Sie streckte die andere Hand danach aus. Kala übergab sie ihr und kehrte zu ihrer Mutter zurück, die gerade dabei war, die Teller und Schüsseln zusammenzupacken. Ihr Vater und ihr großer Bruder kamen herein, um die Fischernetze von der Wand und die Werkzeuge von den Haken zu nehmen. Kala half ihrer Mutter, die Küchenutensilien hinüberzutragen. Draußen auf dem Knüppeldamm begegnete sie ihrer Freundin Mila mit ihren Geschwistern mit Bündeln bewaffnet. Als Kala sie fragend ansah, erklärte sie: „Wir ziehen jetzt hier ein.“ Kala erwiderte: „Ich muss noch meine Federnsammlung holen!“ Sie lief leichtfüßig zurück und holte den Sack vom Haken an der Wand. Als sie sich umdrehte stand Mila schon im zurückgeschobenen Fell der Abtrennung. „Sehen wir uns nachher?“ Kala meinte: „Ich weiß nicht, wie lange wir brauchen werden. Vielleicht erst heute Abend. Mal sehen, ob Alef wieder spielt. Dann können wir uns hinten auf den Knüppeldamm setzen und auf den See hinausschauen. Vielleicht kommt der Reiher von neulich wieder!“ “Bis dann, Kala!“ Kala war schon am Feuer vorbei zur Tür geeilt und nickte den anderen Frauen und Kindern dort nur kurz zu. Ihre Mutter wartete sicher schon auf sie. Heute hatte sie gar keinen Blick für den See und die Sonne, die eine funkelnde Bahn über das Wasser schickte und eilte zur Hütte ihrer Großmutter. Ihr Vater war gerade dabei, im hinteren Teil eine Schlafecke für sie abzuteilen, während ihre Mutter die Schlafstätten richtete. Ihr Bruder begann, das Geschirrbord und Haken für die Gerätschaften und Werkzeuge an der Wand anzubringen. Kala fing an, das Geschirr auf das Bord zu schlichten. Dann ging sie nach hinten zu ihrem Vater und bat ihn, ihr Haken für ihre Sachen in die Flechtwand zu schlagen. Als er fertig war, verstaute sie ihre Sachen. Danach forderte sie ihre Mutter auf, der Großmutter bei der Zubereitung des Essens zu helfen. Kala eilte in den Hauptraum, wo die Großmutter gerade beim Getreidemahlen war. Das gemahlene Getreide schüttete sie in den großen Kessel, der über dem Feuer hing. Sie hielt ihrer Enkelin den Kochlöffel zum Rühren hin. „Ich muss mich erst einmal setzen. Das war ein anstrengender Tag“, seufzte sie bald darauf, als sie auf der Bank Platz genommen und die Beine ausgestreckt hatte. Sie strich zärtlich über die Glieder ihrer Bernsteinkette, die sie um den Hals trug. „Ja, die hat dein Großvater mir zur Hochzeit geschenkt!“ Tränen kullerten über ihre rauen und faltigen Wangen auf die Tischplatte. „Ich erinnere mich noch daran, als wenn es heute gewesen wäre. Ja, es war ein großes Fest damals. Er hat mich zu einer Bootsfahrt eingeladen am Vorabend. Es war eine wunderschöne Abendstimmung. Da hat er den Schmuck hervorgezogen und mir um den Hals gelegt. Den solle ich immer tragen und ihn nie vergessen.“ Sie strich versunken darüber hin. Dann fuhr sie fort: „Am nächsten Morgen hat er mich von der Hütte meiner Eltern in seine heimgeführt. Wir saßen alle um ein großes Feuer und haben lange gegessen und geredet und Lani hat auf seiner Flöte wunderschöne Weisen gespielt, zu denen wir uns im Kreis gedreht haben, wir und alle jungen Leute. Die älteren saßen ums Feuer, haben der Musik gelauscht und uns zugeschaut. „Ja“, seufzte sie „und nun ist er für immer fortgegangen.“ Sie schluchzte hemmungslos und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Da trat Kala zu ihr und strich ihr tröstend über den Rücken. „Ich vermisse ihn doch auch so sehr.“, sagte sie leise. „Er hat mich einmal zum Fischfang mitgenommen. Kitur war damals neidisch auf mich. Es war so schön, bei Morgengrauen hinauszufahren und die Netze auszulegen.“ Die Großmutter hob ihre tränennassen Hände vom Gesicht und strich Kala übers Haar. „Ach, Kind.“ Dann zog sie Kala in ihre Arme und drückte sie an sich. Als der Brei zu kochen begann, eilte Kala zurück zum Kessel, um umzurühren. Als er fertig war gab die Großmutter Walderdbeeren hinein, die in einer Schüssel auf dem Tisch gestanden hatten. „So, jetzt kannst du die anderen rufen, Kala!“, rief sie. Kala ging hinüber und zog das Vorhangfell beiseite. Sie blieb wie angewurzelt stehen, als sie ihre Eltern in inniger Umarmung im Raum stehen sah. Da stürmte Waldur an ihr vorbei, lief auf die beiden zu und rief; „Mama, ich hab‘ Hunger!“ Da trennten sie sich lachend und die Mutter hob ihn hoch und trug ihn an der zur Salzsäule erstarrten Kala vorbei und setzte ihn neben die Großmutter auf die Bank. Ihr Vater trat heran, legte einen Arm um ihre mageren Schultern und führte sie zum Tisch, wo sie sich alle niederließen und zulangten. Nachdem Kala ihrer Mutter beim Abwaschen und Wegräumen des Geschirrs geholfen hatte, schlich sie sich hinaus, um sich mit Mila zu treffen. Sie schlenderten noch zusammen zum Ende des Knüppeldamms und setzten sich dort hin. Eine Weile lauschten sie einer Rohrdommel im Schilf und träumten in die untergehende Sonne hinein. Die Mondsichel stand am noch hellen Horizont und Sterne blinkten am Firmament. Da erklang Alefs Flöte und verlieh der Abendstimmung einen ungekannten Zauber.“ Heute spielt er so schön wie noch nie“, flüsterte Kala ihrer Freundin zu. Als die Sonne im See versunken war verabschiedeten sie sich voneinander, um nach Hause zurückzukehren, jeder in seine Hütte. Kala schlief sofort tief und traumlos ein nach dem anstrengenden Tag.

Am nächsten Morgen drang Stimmengewirr und Lärm an Kalas Ohr, als sie noch träumte. Unwillig blinzelte sie in die Helligkeit. Nanu, es war ja schon heller Tag und sie war doch noch so müde! Aber da draußen war doch etwas los! Schnell stand sie auf und schlüpfte in ihr Kleid, lief zum Fellvorhang, der einen Spaltbreit offen war. Ihre Großmutter saß am Herdfeuer und rührte im Topf. Es roch schon nach gekochtem Fisch. Heute würde es Fischsuppe geben. Leichtfüßig sprang sie grüßend an der Großmutter vorbei zur offenstehenden Eingangstür und wäre vor Eile beinahe über die Schwelle gestolpert. Beim abgebrannten Wachturm war fast das ganze Dorf versammelt. Sie kletterte auf das Geländer und sah in der Mitte der Ansammlung einen Mann, den sie nicht kannte. Er trug ein buntgefärbtes Hemd, seine Haare hingen ihm wirr um den Kopf und auf dem Rücken trug er ein mit allerhand Gegenständen vollgepacktes Traggestell. An den Seiten hingen Bänder und Ketten herunter. Ihr Vater bahnte sich einen Weg durch die Menschenmenge und ging dem Fremden grüßend entgegen. Bei seinem Eintreffen verstummten alle Stimmen und Geräusche und sie konnte seine Stimme klar und deutlich vernehmen. „Ich bin nach dem Tod meines Vaters vor einigen Tagen der neu gewählte Anführer und möchte dich in meine Hütte bitten. Erst einmal sei unser Gast. Du hast sicherlich eine lange und beschwerliche Reise hinter dir und möchtest dich erst einmal ausruhen und an Speis‘ und Trank laben. Komm mit Kalur, sei uns willkommen!“ Ihr Vater bahnte Kalur eine Gasse durch die Umstehenden. Als er an Kala vorbeikam, streiften die Fransen seines Hemdes ihren nackten Arm. Da wandte ihr Kalur sein Gesicht mit den dichten Bartstoppeln am Kinn und auf den Wangen zu. Seine klaren blauen Augen blitzten. Ihr Vater wandte sich um. „Das ist meine Tochter Kala.“ Sie schwang sich graziös vom Geländer und blieb vor Kalur stehen. Er überragte sie um einiges und sie musste ihren Kopf in den Nacken legen, um seinen Blick zu erwidern. „Sei gegrüßt, Kalur.“ „Eine hübsche Tochter hast du“, sagte Kalur. Kala folgte ihnen zur Hütte; trat hinter ihnen ein und schloss die Tür. Ihr Vater bat Kalur zum Feuer. Dieser legte das Traggestell ab, stellte es in eine Ecke und nahm Platz. Die Großmutter trat aus dem Hintergrund und begrüßte den Händler. Auch ihre Mutter und ihr älterer Bruder kamen herbei. Die Frauen nahmen außerhalb des Feuerscheins im Dunkel der Hütte Platz. Die Großmutter bot dem Gast etwas zu Trinken an. Er nahm dankend die Schale mit Wasser an, führte sie zum Mund und trank durstig mit großen Schlucken. „Die