Westöstliche Geschichten - Irene Dannenberg - E-Book

Westöstliche Geschichten E-Book

Irene Dannenberg

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Beschreibung

Die Ulmer Autorin Irene Dannenberg präsentiert mit dem vorliegenden Band ihr fünftes Buch. Bisher im gleichen Verlag erschienen sind: Meine Mutter - Kriegskindheit und Flucht aus Schlesien, Verlorene Liebe - ein historischer Roman vom Bodensee, Mein Vater - ein Leben in Schlesien und Schwaben und Gedichte - Das Leben - ein Werden und Vergehen, Geborenwerden und Sterben. Die vorliegende Geschichtensammlung ist im Laufe von einigen Jahrzehnten entstanden und die Geschichten spielen in verschiedenen Ländern im Westen und im Osten.

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Seitenzahl: 205

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

Einleitung

Ein modernes Märchen

Zauber eines Sees

Wiedersehen am Lagerfeuer

Eine Kindheit in Galiläa

Ein Frauenleben in Byzanz

Eine Kindheit in Gandria am Luganer See

Eine Liebe am Neusiedlersee

Die ausgetauschte Geige

Ein Sommer in Kärnten

Abschied

Ein Abschied

Spurensuche — eine Reise in die Vergangenheit

Der letzte Fischer vom See Genezareth

Der Fischer von den Calanques (bei Marseille)

Die Theaterkatze

Der Hirtenjunge

Im Schatten des Mainzer Dom

Einleitung

Es war ein schöner Sommerabend und ich erwartete Besuch. Ich begann, den Tisch auf der Terrasse zu decken und mein Blick wurde immer wieder magisch von dem wunderschönen Abendrot hinter der Kette der Berge am See angezogen. Es war eine faszinierende Abendstimmung. Frösche quakten im Gartenteich. Von irgendwoher drang der Ton einer einsamen Flöte herüber. Vögel sangen ihr Abendlied. Ich sah mit Vorfreude dem kommenden Abend entgegen. Es würde sicher wieder interessante Gespräche geben. Meine Freundin war gerade wieder von einer Reise mit ihrem Mann zurückgekehrt. Sie reisten sehr viel in Europa und auch im Orient. Sie wusste sicher wieder spannende Geschichten zu erzählen. Langsam verblasste das Abendrot. Es klingelte. Ich eilte, ihr zu öffnen. Wir umarmten uns. Dann führte ich sie in den Garten hinaus und schließlich ließen wir uns auf der Terrasse nieder. Bald schimmerte der Wein rot in unseren Gläsern und löste uns die Zungen. Nachdem es dunkel und kühl geworden war entzündete ich das Feuer im Kamin. Wir saßen lange schweigend da und blickten in das Glosen der roten Flämmchen. Schließlich begann sie zu erzählen. Sie hatte so viel gesehen, gehört und erlebt. Ich konnte einfach nur staunen, auch darüber, wie facettenreich und treffend sie ihre Geschichten zu formulieren vermochte. Sie waren alle mitten aus dem Leben gegriffen. So vieles wusste sie. Es war nur erstaunlich. Sie wusste es auch so lebendig zu erzählen, dass ich das Gefühl hatte, selbst dabei zu sein. Da wurde Geschichte lebendig, gelebte Geschichte. Es passte alles bis ins kleinste Teilchen in den historischen Zeitrahmen und ihre Helden erweckte sie vor meinen geistigen Augen zum Leben. Es war, als wenn ich selbst auf ihren Reisen dabei gewesen wäre und wie ein Film lief das Geschehen vor mir ab. Schicksale aus nah und fern entrollten sich vor mir, wie sie im Buch des Lebens festgeschrieben waren. So träumte ich mich in nahe und ferne Länder hinein, blickte in vergangene Zeiten und besuchte mit ihr die unterschiedlichsten Schauplätze. Ich fühlte mich als Teil ihrer Geschichten, als unsichtbare Zeitzeugin.

Die Nacht war schon fortgeschritten, die Zikaden lärmten in den Büschen, das Feuer brannte herunter. Fröstelnd zog ich meine Strickjacke enger um meine Schultern. Einsame Sterne blinkten am Himmelszelt auf und zogen ihre festgelegte Bahn. Der Mond tauchte über der Bergkette auf und warf sein silbriges Licht auf die nachtdunklen Wogen des Sees.

Irgendwann verstummte meine weitgereiste Freundin und verabschiedete sich schließlich. Der Zauber des Gehörten blieb und ich begann, die Geschichten eine nach der anderen aufzuschreiben. Mir gelang es, auch die Stimmungen einzufangen. So entstand schließlich ein Buch, prall gefüllt mit Lebensgeschichten, einfache und andere voll des Zaubers des unbekannten Orients.

Als die Morgenröte den Himmel mit ihren Pastelltönen überhauchte und schließlich die Sonne im Osten aufging und ihre hellen Strahlen über den See schickte, ließ ich meine Feder sinken und hielt im Schreiben inne. Es war geschafft. Ich hatte alle Geschichten, die ich begierig angehört hatte, zu Papier gebracht. Seite um Seite las ich sie noch einmal durch und ihr Zauber wohnte ihnen noch immer inne. Verträumt blickte ich zu der fernen Bergkette hinüber und sah den Fischer vom See Genezareth so plastisch vor mir, als wenn er gerade über den See führe in seinem alten Fischerkahn. Da – war das nicht der Palast, in dem die Prinzessin gefangen saß? Oder waren es doch nur Trugbilder, Luftspiegelungen im Glanz der hochstehenden Mittagssonne? Es war, als wenn die Gestalten zum Leben erweckt worden wären, als wenn sie ihr Leben vor mir lebten, sodass ich es hautnah miterleben konnte. Es war eine fesselnde Reise durch die Schicksale so vieler unterschiedlicher Menschenleben. Nun blieb nur noch, das Buch zu veröffentlichen, um auch andere an den Lebensgeschichten dieser Menschen teilhaben zu lassen. Flugs versah ich jede Geschichte noch mit einer passenden Zeichnung und gestaltete den Einband. Dann war auch schon mein nächstes Buch fertig. Nun musste ich mich nur noch von den Geschichten für meine musikalischen Improvisationen für die Lesungen, die ich halten wollte, inspirieren lassen. Jede Geschichte hatte ihre eigene Musik. Hört nur, wie sie klingt!

Ein modernes Märchen

Es war einmal ein junges Mädchen, das lebte in einem Dorf bei Verona. In einem kleinen Häuschen war es zu Hause und die Armut sah aus allen Ecken. Ihren Vater kannte sie nicht. Ihre Mutter arbeitete als Magd bei den umliegenden Bauern. Sie war schon früh sich selbst überlassen. Ihr Name war Lucia und sie fand ihren Namen schön. In ihren Spielen träumte sie davon, schöne Kleider zu besitzen und einmal auf einen Ball in der Stadt zu gehen und zu tanzen. Sie entwarf sich in ihren Luftschlössern wunderbare Ballroben. Selbstvergessen tanzte sie auf einer Wiese im warmen Sonnenschein.

Doch bald schon hatte sie keine Zeit mehr zum Träumen. Ihre Mutter nahm sie mit auf die Höfe, wo ihr Arbeiten zugewiesen wurden. Morgens ging sie zur Schule und nachmittags musste sie arbeiten, weil das Geld, das die Mutter verdiente, hinten und vorne nicht zum Leben reichte. Nun träumte sie sich in den Schlaf.

Eines Nachmittags ging ihre Mutter mit ihr ins Nachbardorf. Es war ein wunderschöner Sommertag. Die Sonne brannte heiß vom wolkenlosen blauen Himmel herab. Im Nachbardorf gab es eine Schneiderin. Auf das Klingeln von Lucias Mutter öffnete die Schneiderin. Sie bat sie herein und führte Lucias Mutter ins Hinterzimmer des kleinen Ladens. Die Mutter hieß sie draußen warten und verschwand mit der Schneiderin im Hinterzimmer, dessen Tür von innen geschlossen wurde. Lucia betrachtete die alte mechanische Nähmaschine und all die anderen Nähutensilien. Das helle Licht der Nachmittagssonne fiel durch die kleinen Fenster mit den hübschen Spitzengardinen ins Zimmer herein und malte Muster auf den Steinboden. So verging eine Weile. Sie vernahm die Stimmen der beiden Frauen, konnte aber kein Wort von ihrer Unterhaltung verstehen. Schließlich wurde sie ins Hinterzimmer gerufen. Die Schneiderin wandte sich ans sie und fragte sie: „Möchtest du gerne nähen lernen?“ Sofort antwortete Lucia: „Ja, sehr gern.“ Gespannt wartete Lucia darauf, was nun kommen würde. Da wurde ihr eine wunderbare Perspektive für ihre Zukunft eröffnet, denn die Schneiderin sagte: „Gut. Dann kannst du morgen bei mir mit der Lehre anfangen.“ Anschließend wurde alles weitere vereinbart. Fortan ging Lucia nicht mehr zur Schule, sondern Tag für Tag zur Schneiderin. Eifrig war sie bei der Sache. Sie durfte bei der freundlichen Frau mitessen und bekam am Monatsende ein kleines Taschengeld ausbezahlt. Dafür musste sie abends nach Ladenschluss noch aufräumen und putzen und die fertigen Kleidungsstücke mit dem Fahrrad in der Umgebung ausfahren. Da hatte sie als erstes Fahrrad fahren lernen müssen. Die Schneiderin lieh ihr ihr eigenes Fahrrad. Auch zur Berufsschule musste sie mit dem Fahrrad fahren. Sie war begeistert bei der Sache. Sie träumte davon, sich bald eine traumhafte Ballrobe schneidern zu können. Für den Stoff sparte sie jeden Cent von ihrem Salär, den ihr ihre Mutter ließ.

Nach dem ersten Lehrjahr bekam sie mehr Lohn. So begann sie, auch auf ein eigenes Fahrrad zu sparen. Nach dem zweiten Lehrjahr wurde ihr Lohn noch einmal erhöht und sie sparte auf eine eigene Nähmaschine. Bald schon hatte sie das Geld für eine eigene Nähmaschine beisammen. Auf ihr begann sie sich an den Wochenenden schicke Kleider zu nähen. Sie arbeitete noch einige Zeit bei der Frau in dem kleinen Schneiderladen. Dann suchte sie sich eine Stelle in einer Damenschneiderei in der nahegelegenen Stadt. Dort lernte sie, elegante Damengarderobe herzustellen.

Eines Tages kaufte sie sich von ihrem ersparten Geld einen feinen Stoff und begann heimlich zu Hause daraus ein traumhaftes Ballkleid zu schneidern. Als sie es fertig hatte, versteckte sie es ganz hinten in ihrem Kleiderschrank. Lange musste sie sparen, bis sie sich die dazu passenden Schuhe leisten konnte. Endlich war es so weit! Nach Arbeitsschluss ging sie ins Schuhgeschäft und erwarb „ihre“ Schuhe. Auch sie wanderten zunächst ins Versteck im Schrank.

Eines Tages entdeckte sie in der Zeitung die Ankündigung eines Balles. Sie packte Kleid und Schuhe in eine Tasche und fuhr in die Stadt. In einem Café trank sie nach Arbeitsschluss eine Tasse Kaffee und zog sich in der Toilette um. Dann eilte sie durch die Straßen zum hell erleuchteten Ballsaal. Sie stahl sich hinein und mischte sich unter die anderen Gäste. Da wurde sie auch schon von einem feschen jungen Mann entdeckt. Er kämpfte sich durch die Menge zu ihr durch und forderte sie zum Tanz auf. „Wollen Sie mit mir tanzen?“ „Aber…ich kann doch gar nicht tanzen!“ „Kommen Sie, ich bringe es Ihnen bei.“ Und schon zog er sie auf die Tanzfläche. Er führte sie so gut, dass sie mühelos mit ihm über die Tanzfläche schwebte. So brachte er ihr einen Tanz nach dem anderen bei. Einige junge Damen wurden schon unwillig, dass er fast den ganzen Abend mit ihr tanzte und tuschelten hinter ihrem Rücken. „Wer ist denn das?“, raunten sie sich zu. „Ich habe sie hier noch nie gesehen.“, flüsterte es zurück. Die Männer urteilten hinter vorgehaltener Hand: „Was für eine bezaubernde Schönheit. Kein Wunder, dass er keine Augen mehr für die anderen jungen Damen im Saal hat.“

So verflossen die Stunden wie im Fluge. Erschrocken blickte Lucia zur Wanduhr über der Eingangstür. Ihre Zeiger waren unerbittlich vorgerückt und zeigten schon fast die elfte Stunde. Schließlich musste sie gehen, um den letzten Bus nicht zu verpassen. Ihr Verehrer wollte sie heimbringen, aber sie wehrte sein Anerbieten erschrocken ab. Schnell erklärte sie ihm, dass sie abgeholt werde. Er begleitete sie als Kavalier alter Schule noch bis zum Ausgang, da entschlüpfte sie ihm, eilte die Stufen des wunderschönen alten Treppenaufgangs hinunter und verschwand eilends um die nächste Straßenecke. Er wollte ihr folgen, verlor sie aber alsbald aus den Augen. Sie eilte zur Bushaltestelle. Der Bus fuhr gerade ein und sie erreichte ihn mit knapper Not. Sie suchte sich einen Platz im menschenleeren Bus, der durch die schwarze Nacht bretterte. Klappernd kam er an der Haltestelle am alten Dorfkrug zum Stehen und Lucia stieg aus. Fröstelnd zog sie ihr Schultertuch enger um die Schultern. Der kühle Nachtwind streichelte ihre erhitzten Wangen und spielte mit einer ihrer Haarsträhnen, die sich aus ihrer Hochsteckfrisur befreit hatte. Vor dem Häuschen angekommen, das schon im Dunkeln lag, schlüpfte sie schnell aus ihren eleganten Schuhen, stieg auf leisen Sohlen die alten ausgetretenen Steinstufen zur Eingangstür hinauf, öffnete sie leise und schlüpfte wie der Schatten der Nacht hinein. Vom Sofa, wo sie vage die Umrisse der liegenden Gestalt ihrer Mutter wahrnahm, drangen ihre tiefen Atemzüge herüber. Leise huschte Lucia vorbei zur Kammer, deren Tür nur angelehnt war, drückte sie ganz auf und eilte zum Bett, entkleidete sich rasch und versteckte die hübschen Sachen im hintersten Winkel ihres Kleiderschrankes. Erschöpft schlüpfte sie unter die Bettdecke und bald war auch sie entschlummert und lächelte verzückt im Traum.

Ein paar Tage später las sie wieder die Ankündigung eines Balles in der Zeitung. So packte sie wieder ihr Kleid ein, fuhr in die Stadt, trank in demselben Café einen Kaffee, zog sich in der Toilette um und eilte zum Ballsaal. Als sie den hellerleuchteten Saal betrat wurde sie dort schon von dem jungen Mann erwartet, der offensichtlich nach ihr Ausschau gehalten hatte. Er führte sie sogleich wieder zum Tanz. Während des Tanzens erzählte er ihr von seinem Leben: Von einer Villa mit schönem Garten am Stadtrand, von einem Strandhäuschen am nahegelegenen Gardasee und dass er Student sei. Nun wollte er mehr von ihr wissen. Da sah sie auf ihre Armbanduhr, die sie von ihrem letzten Lohn erworben hatte und stellte bestürzt fest, dass es schon spät war. „Tut mir leid, ich muss fort!“, stieß sie atemlos hervor. „Sehe ich dich wieder, meine hübsche Märchenprinzessin?“ „Vielleicht.“, murmelte sie und enteilte. Auf der Treppe verlor sie in der Hast einen Schuh. Er hob ihn auf und folgte ihr. Sie zog den anderen ebenfalls aus und eilte barfuß weiter. Diesmal konnte er ihr bis zum Busbahnhof folgen, wo sie eilends in den abfahrbereiten Bus stieg. Als ihr Verehrer ankam, schlossen sich die Türen vor seiner Nase und der Bus fuhr auch schon an. Er konnte gerade noch den Namen der Zielstation entziffern, dann war der alte klapprige Bus um die Ecke davongefahren. Der junge Mann begann in den folgenden Tagen in den Ortschaften, die auf der Strecke lagen, nach der Besitzerin des Schuhs zu fragen. Lucia stand hinter der Gardine des Wohnzimmers und beobachtete ihn, wie er von Haus zu Haus ging. Im letzten Haus fragte er nach der Bewohnerin des kleinen Häuschens am Hang. Dort erhielt er zur Antwort: „ Da brauchen Sie nicht zu fragen. Die sind so arm, die können sich so etwas Teures gar nicht leisten!...Und wo, sagten Sie, hat die Dame den Schuh verloren?...Auf dem Ball…? Nein, dieses Mädchen ist im Leben nie auf einem Ball gewesen.“ Hartnäckig erklärte der junge Mann: „Ich werde sie trotzdem fragen. Ich habe jetzt in allen Ortschaften auf der Strecke gefragt, nur sie noch nicht. Vielen Dank für Ihre Auskunft und auf Wiedersehen.“ Lucia sieht ihn auf das Haus zukommen und will es zur Hintertür hinaus verlassen. Ihre Mutter öffnet auf ihr Geheiß hin die Vordertür und sagte, sie sei nicht da. Da eilte der junge Mann rasch um das Häuschen herum und sah sie im Wald verschwinden. Blitzschnell eilte er ihr nach und holte sie schließlich ein. Seine Blicke sagten ihr, dass er sie wiedererkannt hatte. Er hielt sie mit seinen Armen umfangen und fragte sie: „Warum läufst du vor mir weg? Du brauchst dich doch deiner Herkunft nicht zu schämen. Komm, zeig mir den anderen Schuh.“ Er führte sie zum Haus zurück. Die Mutter sah erstaunt zu, wie der fremde junge Mann ihre Tochter hereinführte. „Das muss ein Irrtum sein“, sagte Lucia. Da sah er aus der angelehnten Schranktür einen Zipfel der Ballrobe hervor lugen. Die Mutter folgte seinem Blick und sah erstaunt zu, wie er den Schrank ganz öffnete, das wunderschöne Kleid zu Tage förderte und unten im Schrank, in der hintersten Ecke versteckt, entdeckte er den anderen Schuh. Er hielt die beiden Schuhe prüfend nebeneinander und, siehe da, sie passten haargenau zusammen! „Was sind denn das für Sachen?“, fragte Lucias Mutter streng. Lucia erklärte ihr alles. Nun hielt der junge Mann förmlich um die Hand ihrer Tochter an und bald schon läuteten die Hochzeitsglocken im Dorf. So eine glanzvolle Hochzeit hatte das ärmliche Dorf noch nie gesehen. Und dann fuhr Lucia in einer reich geschmückten Hochzeitskutsche mit ihrem frischgebackenen Ehemann fort. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute in seiner Villa am Stadtrand von Verona oder in seinem Strandhäuschen am wunderschönen Gardasee.

Zauber eines Sees

Der Zug rauschte durch Felder und Wiesen. Schon lange sah man in der Ferne die Bergkette, zu deren Füßen der See sich ausbreitete. Wolken zogen über den Himmel. Am Horizont war ein heller Streif. Auf einmal tauchte der See auf. Der Wind kräuselte die Wellen und Boote dümpelten im leichten Wellengang. Die Sonne warf ihre Strahlen über die Wogen hin. Der Abend senkte sich hernieder, ein leichter Wind kam auf und die Ufersilhouetten zeichneten sich gegen den noch hellen Horizont ab. Leise leise erklang ein sanftes Lied in der Ferne und ich lauschte wie verzaubert. Langsam sank die Dunkelheit hernieder, der Mond kam hinter den Wolken hervor und der Abendstern leuchtete hell am Firmament. Die Wellen schaukelten und der Wind spielte mit den Wogen. Fledermäuse turnten in den Uferbäumen herum. Fischerboote waren auf dem See mit Bordlaternen ausgerüstet. Sie glitten fast lautlos über die Wellen hin. Hie und da kam ein großes, hell erleuchtetes Schiff in den Hafen herein. Irgendwo spielte Musik. In den Lokalen an der Strandpromenade war Betrieb und viele Menschen promenierten am Seeufer entlang. Doch bald leerten sich die Lokale und die Promenade lag wie ausgestorben da. Nur noch die Enten und Schwäne rührten sich im Schlaf und quakten im Traum. Sie ließen sich vor dem Uferabhang auf den leise schaukelnden Wellen des Sees treiben. Die Fledermäuse waren im Schein der Laternen, die die Strandpromenade säumten, aktiv. Die letzten Fischerboote kehrten in den schon ausgestorbenen Hafen heim. Unheimlich ragten in der Dunkelheit die alten Baumriesen im Park am See auf und schnitten ihre markante Silhouette in den klaren Nachthimmel, an dem Millionen kleine Sterne blinkten. Der letzte Spaziergänger kehrte durch die dunklen Altstadtgassen, die schon vom nächtlichen Schweigen eingehüllt waren, nach Hause. Nur noch vereinzelt war ein Fenster erleuchtet – dort wachte noch ein Mensch.

Doch bald verlosch auch das letzte Licht.

Wiedersehen am Lagerfeuer

Die Flammen loderten in den dunklen Nachthimmel, die Scheite knisterten und knackten und Sterne blinkten am hohen Himmelsgewölbe. Gitarrenmelodien klangen in die Weite der Nacht hinaus. Lieder erklangen, Lieder der Heimat, die lange nicht erklungen waren. Erinnerungen stiegen auf aus der Tiefe des Vergessens und Wehmut bemächtigte sich der Herzen. Die Gesichter der Freunde um das Lagerfeuer herum waren gerötet von der Hitze des Feuers. Die einen erzählten von früher, die anderen hörten schweigend zu. Langsam sank der Holzstoß in sich zusammen. Wehmütige Weisen waren den fröhlichen Liedern gewichen. Die Schatten der Nacht griffen nach dem Kreis der Menschen, die um das Lagerfeuer versammelt waren. Ab und zu flackerte eine Flamme auf und loderte an einem Ast hinauf, der nach oben ragte. Hie und da drangen noch Gesprächsfetzen in die Nacht. Langsam sackte der Holzstoß in sich zusammen und das Gespräch erstarb. Einige gähnten verstohlen, andere starrten stumm in die letzte Glut, in Erinnerungen an die Jugendzeit versunken. In Gedanken hingen sie den alten Träumen für das Leben nach. Sie hatten sich nach langer Zeit wedergetroffen, nachdem sich ihre Wege nach der gemeinsam verbrachten Jugend getrennt hatten. Jeder war mit seinen Träumen in die Welt hinausgegangen, einige hatten sie verwirklicht, andere nicht. Die einen hatten das Glück ihres Lebens gefunden, die anderen wurden vom Pech verfolgt.

Die meisten hatten ihr Leben in der Mitte zwischen beiden Extremen verbracht, ein Leben mit Hochs und Tiefs, ohne viel Aufregendes, Weltbewegendes. Einige hatten viel zu erzählen, andere schwiegen, weil sie nichts Interessantes zu berichten hatten. Nun, nachdem die Gespräche verstummt waren und alle schwiegen, breitete sich die unendliche Stille der Nacht aus. Da prasselte noch einmal ein Funkenregen aus der ersterbenden Glut wie ein letztes Aufbäumen vor dem Tod. Dann sanken die letzten verkohlten Scheite in sich zusammen und es wurde kühl. Die Menschen, die im Kreis um das Feuer lagerten, fröstelten und zogen die Jacken enger um ihre Körper zusammen. Nur noch ein Stern blinkte einsam droben am nachtschwarzen Himmel. Die letzten Musikklänge waren längst verweht. Unten vom Tal herauf schlug die Glocke Mitternacht. Einsam ein Käuzchen rief und die Freunde waren alle in einen tiefen Schlaf gesunken. Der eine oder andere rührte sich im Schlaf. Vielleicht träumte er von der verlorenen Jugend, von seinem schönsten Erlebnis, von seinem größten Erfolg…Ein leiser Windhauch strich durch die Zweige der Bäume und säuselte sein nächtliches Lied. In den Tannenwipfeln wisperte der Nachtwind, fuhr durch die schwarze Asche des Lagerfeuers und ließ sie aufwirbeln.

Einige Schläfer schnarchten, andere murmelten im Traum. Im Osten erschien der erste Lichtstreifen am Horizont und als roter Feuerball tauchte die Sonne aus den Wassern des Sees auf und warf ihre Lichtbahn über die Wasseroberfläche und ließ die sanften Wellen sprühen in einer bunten Lichtkaskade. Die Vögel empfingen den neuen Morgen mit ihrem zwitschernden und tirilierenden Gesang und grüßten das Himmelsfeuer mit ihrem melodischen Wettgesang. Die Strahlenfinger der Morgensonne griffen in den tiefen Baumschatten des Waldes hinein und ließen die Tautropfen wie Farbkaleidoskope funkeln, wie kostbare Brillanten. Einer der Schläferwar erwacht und hatte zur Gitarre gegriffen. Feurige Melodiekaskaden entlockten seine flinken Finger dem Instrument. Vergessen war die Wehmut der Nacht und gewichen dem Gefühl der Freude, der Lebenslust. Der Spieler hatte ein fröhliches Lied angestimmt und alle sangen aus voller Kehle mit. Sie spürten noch einmal die große Einigkeit, die sie alle um das Feuer verband, das wieder fröhlich loderte, wie einst in alten Tagen. Noch einmal waren sie alle vereint, bevor sich ihre Wege für immer trennten. Das Wasser des Sees blinkte herüber und die Wellen funkelten wie Myriaden bunter Prismen, ein brillantes Lichtfeuer.

Noch hielt der Zauber an. Doch eine Stunde später war das Feuer in sich zusammengesunken, nur schwarze Asche war zurückgeblieben, die fröhlichen Melodien waren für immer verklungen und die Sänger auf ewig verstummt. Ein Adler kreiste hoch am Himmel, zog seine Bahn immer weiter fort, bis auch er verschwunden war in der Weite des Himmels.

Eine Kindheit in Galiläa

Nazareth

Im Hochland Galiläas, in der kleinen Stadt Nazareth, lebte Jeschua, der Sohn eines Zimmermanns, mit seinen Eltern.

Sie wohnten, wie viele Familien damals, in einer Felsenwohnung. Jeschua war, wie jeden Morgen, auf dem Weg zur Synagoge. Sein Freund Micha kam den kleinen Pfad zwischen Geröll und dürrem Gras heruntergesprungen, der von der Wohnung seiner Familie auf den Weg hinunterführte. Jeschua sagte: „Mein Vater ist gestern Abend von Kapernaum zurückgekommen.“ „Da wirst du wohl heute nicht mitkommen? Ich habe gestern mit meinem Bruder eine Höhle entdeckt.“ „Vielleicht morgen. Ich muss meinem Vater in der Werkstatt helfen.“ Je näher sie dem Ortskern kamen, desto mehr Jungen strebten der Synagoge zu. Die Jungen traten ein und nahmen in den Bänken Platz. Als alle saßen, begann der Rabbi mit seiner Tora-Unterweisung. Das Licht fiel gebündelt zu den Fenstern herein und spielte auf dem alten Holz der Pulte und auf den Seiten der altehrwürdigen Bücher. Mühsam las einer der Jungen vor. Rabbi Raphael ben Benjamin war heute gar nicht zufrieden mit seinen Schülern. „Was ist denn heute nur los mit euch? Tobias, konzentriere dich doch auf den Text!“ Wollte denn der Unterricht an diesem Tag überhaupt kein Ende mehr nehmen? Jeschuas Gedanken waren zu Hause beim Vater. Seine jüngeren Geschwister hatten es gut; sie konnten bei ihm zu Hause bleiben und seinen Geschichten von seiner letzten Reise lauschen. Endlich war es soweit – die Schüler durften gehen. Leise schlossen sie die Synagogentür hinter sich, um den Rabbi nicht zu stören, der noch meditierte. Die Sonne brannte heiß auf den Hang. Das Geröll auf den Wegen glühte unter den Sandalen der Kinder. Jeschua verabschiedete sich hastig von Micha und eilte nach Hause. Als er den Weg zur Wohnung hinaufging, hörte er die Mutter mit den Töpfen hantieren. Aus der Werkstatt drangen Hammerschläge. Angenehme Kühle drang aus der Wohnung. Jeschua strich mit der Hand über die Felswand und ließ die Kühle des Gesteins in sie eindringen. „Dein Vater wartet auf dich. Geh zu ihm“, sagte seine Mutter. Es war dämmrig in der Wohnung. Bald hatten sich seine Augen daran gewöhnt und er konnte die Umrisse der Gegenstände und Gestalten, die sich im Wohnraum befanden, erkennen. Seine Brüder und seine Schwester kauerten in der Ecke des Raumes und spielten. Ihre Gesichter wurden nur schemenhaft von der Öllampe erleuchtet, die auf dem hölzernen Tisch stand. Er wandte sich um und ging in die Werkstatt, wo er seinem Vater zur Hand ging, der schweigend arbeitete.

Abends ging Jeschua noch einmal hinaus. Sein Vater saß vor dem Eingang der Wohnung und blickte ins Tal hinunter, wo hinter den gegenüberliegenden Hügeln die Sonne unterging. „Schön ist es, einen