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Erinnerungen einer Zeitungszustellerin Aus früher und später Kind und ihrer Jugend
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Seitenzahl: 154
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Vorspann
I.
Frühe Kindheit
II.
Späte Kindheit
III.
Jugendzeit
Nachspann
Es war ein Tag wie jeder andere. Ingeborg träumte, sie sei am Meer. Endlos dehnte sich der Sandstrand. Plötzlich riss sie ein Rasseln aus ihren Urlaubsträumen. Sie griff nach dem Wecker auf ihrem Nachttisch und drückte ihn herunter. Enttäuscht dachte sie an ihren so jäh unterbrochenen Traum von Ruhe und Erholung. Dann raffte sie sich entschlossen auf und kroch aus dem warmen Bett. Tja, die Arbeit rief, da war nichts zu machen. Sie erhob sich, zog sich rasch an, kämmte sich, trank schnell etwas Wasser, um die ausgetrocknete Kehle anzufeuchten, zog sich die Schuhe und die Jacke an und verließ die Wohnung mit ihrem Zeitungswagen. Als sie aus dem Haus heraus war und um die Ecke bog blies ihr der kühle Herbstwind ins Gesicht. Schnell zog sie das Tuch fester um ihren Hals und schritt zügig aus, um bald an der Ladestelle zu sein. Als sie dort eintraf, waren ihre beiden Kollegen schon da und unterhielten sich angeregt beim Postsortieren. Ingeborg grüßte, packte ihre Zeitungen ein, sortierte ihre Post und plauderte noch ein bisschen mit den beiden. Dann brachen alle drei zu ihrer morgendlichen Tour auf. Als sie nach einer langen Straße zum Wagen zurückkam, schoss ein etwa katzengroßes Tier mit buschigem Schwanz angriffslustig auf sie zu. Immer wieder versuchte es, sie beim Weiterfahren von hinten anzugreifen. Sie konnte das Tier nur abwehren, indem sie den Wagen herumriss und auf das Tier zufuhr. Endlich wich es erschrocken weiter zurück. Sie zog weiter, den Wagen hinter sich herziehend. Das Tier blieb geduckt am Boden hocken und wagte keinen weiteren Angriff mehr. Als Ingeborg fast fertig war mit ihrer Tour und die Straße zum nächsten Klienten überqueren musste schoss plötzlich ein Laster ungebremst auf sie zu. Sie sprang mit dem Wagen in die Reihe der parkenden Autos. Im letzten Moment bog der Laster ein Stückchen nach links ab, um dem parkenden Auto neben Ingeborg auszuweichen. Eine Weile später stand der Laster weiter oben unbeleuchtet mitten auf der Straße. Nichts rührte sich. Sie hetzte nach dem Stecken der letzten Zeitung den Hang hinauf, um schleunigst nach Hause zu eilen. Ihr war irgendwie unheimlich zumute. Auf dem Heimweg erinnerte sie sich an eine andere Begegnung mit einem Marder, nicht weit von der Stelle entfernt, wo es gerade eben passiert war. Damals war er von vorn gekommen und es hatte genügt, den Wagen zwischen sich und das Tier zu schieben. Daraufhin war er abgehauen. Zu Hause angekommen studierte sie sicherheitshalber noch ihr Buch mit den Tier- und Pflanzenabbildungen. Nein, nein, sie war sich ganz sicher, dass es sich um einen Marder gehandelt hatte.
Eines Morgens traf sie an der Ladestelle auf ihre Kollegin, die sie mit den Worten empfing: „Vorhin waren Schüsse da unten aus deinem Bezirk zu hören. Ich würde heute nicht da hinunter gehen wollen!“ Ingeborg packte ihre Zeitungen ein und blickte immer wieder in Richtung ihres Bezirkes und weiter hinunter zur erleuchteten Silhouette der Stadt. Ihr war etwas beklommen zumute. Doch alles blieb ruhig. Noch schnell die Post sortiert, dann ging es los mit der morgendlichen Tour. Unterwegs erinnerte sie sich an eine Sonntagszeitungstour in einem anderen Vorort der Stadt. Da hatte sie selbst Schüsse gehört, in der Richtung, in der sie gehen musste. Als sie jedoch dorthin gelangte, von wo sie sie gehört hatte, war alles ruhig. Da beruhigte sie sich wieder und zog ihres Weges.
Einmal bellten Hunde die ganze Nacht, auch gegen Morgen noch, als Ingeborg losgehen musste, war das schaurige Konzert noch nicht beendet. Als sie an die Ladestelle kam, traf sie auf die eifrig debattierenden Kollegen. Sie konnten sich keinen Reim darauf machen, was los war. Nicht weit entfernt stand ein Lastwagen abgestellt. Von dort her schien das Bellen zu kommen. Ingeborg erinnerte sich an eine unheimliche Nacht in ihrer Kindheit. Da hatte sie vom Küchenfenster aus einen ebensolchen Lastwagen erspäht. Eine Meute Hunde kam hinter einem Leithund die Straße entlang gejagt wie die Reiter der Apokalypse. Der Leithund sprang über die offene Klappenwand in den Lastwagen hinein und die Meute folgte ihm blindlings. Da schloss sich die Klappe wie von Geisterhand und nach einer Weile fuhr der Lastwagen davon mit seiner wild kläffenden Last im Bauch. Später las sie in der Zeitung über die Praktiken der Hundefänger. So ein nächtliches Spektakel war das wohl gewesen. Sie erzählte ihren Kollegen von diesem Kindheitserlebnis. Als sie noch beim Briefesortieren war, zogen die Kollegen zu ihrer morgendlichen Tour los. Da tauchte aus einem Gebäudeschatten plötzlich ein Mann mit einem Schäferhund auf, der die Ohren schief angelegt hatte und sich mucksmäuschenstill verhielt. Der Mann starrte sie derart an, dass es ihr eiskalt den Rücken hinunterlief. Schließlich ging er weiter und die Schrecksekunde war vorbei. Ingeborg zitterte wie Espenlaub ob der ausgestandenen Angst.
Einmal kam ein Obdachloser aus einem der Wege, die aus einer Gartenanlage heraufführten. Sein Hund ging in Angriffsposition und bleckte die Zähne. Der Mann forderte eine Zeitung von ihr. Als sie zögerte, kam ihr der Hund gefährlich nahe. Da – endlich zerrte der Obdachlose seinen widerstrebenden Hund zurück und trollte sich Richtung Gartenanlage.
Was sie am meisten an ihrem Beruf liebte, waren die schönen Morgenstimmungen und besonders die Sonnenaufgänge im Frühling. Wenn die Vögel begannen, den Morgen mit ihrem überirdisch schönen Gesang zu begrüßen, dachte sie an ein Lied, dass sie in ihrer Schulzeit gelernt hatte. Sie konnte sich nur noch an eine Textzeile mit Melodie erinnern: „… der Pirol und dann die Vöglein alle stimmen an die schöne Melodei.“ Wie mochte wohl der Liedanfang gelautet haben? Sie konnte sich im Moment nicht mehr daran erinnern. Vielleicht sollte sie einmal in der „Mundorgel“ oder in einem anderen Liederbüchlein nachschauen, ob es sich dort wohl finden ließe. Ach, sie war ja so müde und wollte noch etwas ins Bett gehen, bevor es weiterging. Später hatte sie ihr Vorhaben bereits wieder vergessen, als sie zu ihren anderen Tätigkeiten eilte und zwischendurch noch schnell in einem Laden vorbeischaute, um ein paar notwendige Lebensmittel einzukaufen.
Besonders fürchtete sie immer den Winter, da es in ihrem Bezirk viele glatte Stellen gab und sie schon öfters gestürzt war. Glücklicherweise war es nicht so schlimm gewesen bis dahin.
Mittwochs war immer besonders viel Arbeit, da musste sie noch eine kostenlose Zeitung austragen, oft auch mit Reklame oder sie musste die Prospekte gar auf der Straße einlegen. Das war anstrengend, zumal mehr Arbeit auf sie wartete, je später geliefert wurde und es dann finster wurde, bevor sie fertig war. Auch da gab es ein paar heimtückische, unfallträchtige Stellen! Einmal hatte sie Vertretung, nicht nur die Tageszeitung, sondern auch diese kostenlose Zeitung. So war sie spät dran. Da passierte es an einer schummrigen Stelle, dass sie die durch Büsche verdeckten Treppenstufen nicht bemerkte. Sie konnte sich nicht mehr halten, stürzte zu Boden und machte mit der Wange schmerzhafte Bekanntschaft mit einem scharfkantigen Blumentopf. Sofort schoss das Blut aus der Wunde und strömte auf den Boden. Es war alles stockdunkel. Da tastete sie sich zum Wagen zurück und zur beleuchteten Straße vor, wo ein hilfsbereiter Herr einen Krankenwagen rief. Im Krankenhaus wurde ihr eröffnet, es könne auch das Auge betroffen sein, was zur Erblindung führen könne. Der Schreck saß tief! Sie hatte Glück im Unglück gehabt – nur die Wunde musste genäht werden und sie konnte gegen Morgen die Unfallambulanz wieder verlassen.
Schlimmer erging es ihr beim nächsten Arbeitsunfall, diesmal im ausgehenden Frühjahr. Am Tag zuvor hatte es gewittert und heftig geschüttet. Da riss es ihr auf einer langen Treppe plötzlich die Füße weg, sie konnte sich nicht mehr halten und stürzte in die Tiefe. Unten schlug sie mit dem Gesicht zuerst auf. Nur mühsam konnte sie sich wieder aufrappeln, weil auch das Becken total verdreht und das linke Bein verletzt war. Als sie endlich wieder auf den zitternden Beinen stand, schoss ihr das Blut in Strömen aus der Nase und sie bekam keine Luft mehr. Im Krankenhaus stellten sie dann fest, dass die Nase mehrfach gebrochen war, schienten sie und behielten sie nach einer Operation eine Nacht dort. Nach der Rückkehr zur Arbeit dachte sie ab und zu bei einer schönen Morgenstimmung und dem überirdisch-schönen Gesang der Vögel an das Lied und die vergessenen Zeilen. Doch zuviel war aufzuarbeiten, ihr blieb keine Zeit, nach den vergessenen Zeilen zu suchen.
Eines Tages hatte sie wieder einmal Vertretung. Ausgerechnet samstags ging es los, wo immer besonders viel Arbeit war. Sie musste die Straßenbahnschienen mit dem vollgepackten Wagen überqueren. Da verkeilte sich der Wagen darin. Sie konnte ihn gerade noch rechtzeitig herausreißen und vor der anratternden Straßenbahn flüchten. Nach diesem Schockerlebnis begann sie schließlich, nach ihren vergessenen Kindheitserinnerungen zu fahnden und ihr Leben aufzuschreiben. Es war so viel, was sie erlebt hatte, in ihr schlummerte und zu neuem Leben erweckt werden wollte.
1. Erste Zeit
Ingeborg wurde 1963 in einer kleinen Stadt an der Donau geboren. An ihre früheste Kindheit hatte sie nur wenige bewusste Erinnerungen, alles stammte mehr oder minderaus den Erzählungen ihrer Mutter. Mutter und Tochter besuchten auch ab und zu den Stadtteil, in dem sie gewohnt haben bis Ingeborg zweieinhalb Jahre alt war. Aus Anlass dieser Spaziergänge hat ihre Mutter ihr Episoden aus ihrer frühesten Kindheit erzählt. Damals hatte noch ein echtes Klavier zum Haushalt gezählt, später war es dann ein elektrisches, weil das Klavier ungünstig stand in der kleinen Wohnung. Ihr Vater hat ab und zu gespielt, wenn es seine Zeit erlaubte. Besonders zu Weihnachten gab es Hausmusik. Vielleicht liebte sie deshalb Musik von Anfang an. Ihre Mutter hat ihr oft abends etwas vorgesungen. Da war Ingeborg selig. Sie hatte ihre Stimme heute noch im Ohr. Zu Anfang wusste sie noch alle Strophen und Ingeborg bettelte nach der ersten und zweiten um mehr. Es war so schön, von Mutters Stimme in den Schlaf gesungen zu werden!
Ihr Vater ist mit ihr abends nach Büroschluss oft spazieren gefahren, aber das war ihr oft zu lang. Es war auch schon empfindlich kühl geworden.
Zu der kleinen Wohnung gehörte auch ein kleiner Balkon.
1966 bekamen sie endlich eine größere Wohnung. Ihre Großmutter mütterlicherseits half noch viel beim Umzug. Die Dielen mussten gebohnert werden. Nachts knarrten sie dann beim Darüberlaufen. Daran konnte sich Ingeborg noch gut erinnern. In der Nacht, wenn alles schlief und einer auf die Toilette musste, fiel es ihr besonders auf.
Manchmal, wenn sie abends nicht einschlafen konnte, schlich Ingeborg zur Tür und lauschte. nach draußen auf die Gespräche der Eltern. Doch manchmal war sie eine Sekunde unaufmerksam und die knarrenden Dielen verrieten sie.
Im Bad gab es kein Waschbecken. Es wurde ein Brett über die Wanne gehängt, auf der Waschschüssel und Zahnputzbecher platziert wurden. Jeden Abend wurde mit dem Tauchsieder heißes Wasser zubereitet und in die Waschschüssel gefüllt. Ihr Vater besorgte früh dieses Geschäft bevor er zur Arbeit ging. Er stand um halb sechs auf, um sich fertigzumachen. Zu der Zeit durfte Ingeborg sich nicht außerhalb ihres Zimmers blicken lassen. Um kurz vor halb sieben verschwand er dann in der Küche zum Frühstücken. Er sah es nicht gern, wenn Ingeborg ihm früh in die Quere kam. Erst wenn er um dreiviertel sieben die Wohnung verließ, weckte er seine Frau, die sich dann im Bad fertigmachen ging. Wenn sie das Bad verließ, weckte sie Ingeborg, ging in die Küche und bereitete das Frühstück zu. Dann wurde hopplahopp gefrühstückt und dann ging es los zur Schule. Aber das ist noch ein Vorgriff – so weit sind wir noch gar nicht.
2. Erster Urlaub am Bodensee
Heidi, wir fahren in Urlaub! Ingeborg hatte ihren Purzel fest gepackt. Er musste unbedingt mit! Es ging an den Bodensee. Ingeborg war ganz aufgeregt. Es war die erste Bahnfahrt ihres Lebens. Bad Schachen war ihr Ziel. Sie fuhren mit dem Schiff nach Lindau. Dort gab es einen tollen Spielplatz und Ingeborg fuhr begeistert Karussell. Einmal ging es mit dem Schiff ins Österreichische hinüber. Der Purzel musste zum Fenster hinausschauen. Hei, wie war doch eine Schifffahrt schön! An Mutters Hand spazierte sie die Strandpromenade entlang. Ab und zu machte sie ihr Vater auf vorbeischwimmende Enten, Schwäne und Wasserhühner aufmerksam. Es gab so viel zu sehen und zu bestaunen. Das war eine schöne Zeit am Bodensee. Doch bald schon waren die Ferien zu Ende und sie mussten wieder nach Hause zurückkehren, war die schöne gemeinsame Zeit schon wieder vorbei!
3. Ein einschneidendes Ereignis
Bald nach dem Einzug in die neue Wohnung ist Ingeborgs Großmutter mütterlicherseits nach kurzer Krankheit verstorben. Nach ihrem ersten Krankenhausaufenthalt ist sie noch einmal nach Hause entlassen worden und Ingeborgs Mutter hat ihr jeden Mittag das Essen vorbeigebracht. Nach einigen Wochen kam sie wieder ins Krankenhaus, wo sie dann schließlich gestorben ist. Ingeborgs Mutter war sehr traurig. Ingeborg hörte sie oft spätabends in der Küche weinen, wenn sie an der Zimmertür lauschte. Zur Beerdigung kamen die Verwandten angereist. So lernte Ingeborg ihren Großvater mütterlicherseits und ihre Tanten und Onkel kennen. Das war ein Trubel in der kleinen Wohnung. Nach ihrer Abreise breitete sich Stille aus im neuen Heim. Der Vater war bei der Arbeit und die Mutter ging still und bedrückt ihren Haushaltspflichten nach. Sonntags ging es nun oft auf den Friedhof. Der fröhliche, unbeschwerte Teil ihrer Kindheit war nun zu Ende. Ingeborg vermisste die Großmutter sehr und hatte Angst, ihre Mutter könne sie auch verlassen.
4. Keller- und Dachbodengeschichten
Jeden Morgen musste Ingeborgs Mutter die Kohleöfen richten: Im Wohnzimmer, wo er nur abends angeheizt wurde, wenn Ingeborgs Vater nach Hause kam, im Kinderzimmer und in der Küche. Oft stiefelte Ingeborg mit in den Keller hinunter mit einem Eimer bewaffnet. Sie trug meist den Kartoffeleimer, ihre Mutter den Kohleeimer. Auch musste der Behälter für die Briketts ab und an mit hinunter genommen werden. Ihre Mutter ging voraus, öffnete die schwere Tür zum Kellergeschoss und knipste das Licht an. Dann ging es zu ihrem Kellerraum, den ihre Mutter aufschloss. Während sie den Kohleeimer auffüllte durfte Ingeborg Kartoffeln aus der Hürde in den Eimer klauben. Anschließend wurden die Briketts in den Behälter geschlichtet und obenauf eine Handvoll Bündelholz gelegt. Dann ging es mehrmals in die Wohnung hinauf. Oft wurde auch noch ein Glas eingemachtes Kompott zum Nachtisch aus dem Regal genommen. Da musste Ingeborg oft unten im Keller warten, während ihre Mutter mit der ersten Fuhre nach oben ging. Sie fürchtete sich etwas allein im Keller, besonders abends, wenn das Hauslicht immer wieder ausging. Sie war froh, wenn sie wieder oben angelangt waren. Im Keller war auch ihr Dreirad undspäter ihr Roller untergebracht. Es gab einen Hinterausgang in den Innenhof, auf den Wohnzimmer- und Kinderzimmerfenster hinausgingen. Dort waren Gartenparzellen, die von den Mietern gepflegt wurden. Es gab auch einen Sandkasten, wo die Kinder spielen konnten. Liebend gerne kletterten sie auf den Teppichklopfstangen herum. Mit dem Roller ging es um das Haus herum. Später auch weiter bis zur großen Straße und den Gehweg vor den Häusern herum oder zum Kirchplatz der katholischen Kirche, deren Glocken- und Stundenschlag den Tag einteilte. Im Keller stand auch noch Ingeborgs Sportwagen in einer Reihe mit dem Leiterwagen und anderen Transportfahrzeugen im Durchgang zum Hinterausgang. Mit ihm fuhren sie oft in den Waschsalon. Dort mussten sie dann auf eine freie Maschine warten und dann darauf, dass die Wäsche fertig war. Dann ging es zurück nach Hause und wenn das Wetter schön war, wurden im Innenhof auf der Wiese Leinen gezogen und dort die Wäsche aufgehängt. Ingeborg reichte ihrer Mutter die Wäschestücke und Klammern zu. Wenn sie die Wäsche abends abnahmen, duftete sie herrlich frisch. Im Freien getrocknete Bettwäsche roch viel besser, als die auf dem Dachboden getrocknete. Wenn es regnete und im Winter mussten sie mit der Wäsche, den Klammern und der Leine bewaffnet viele Treppen hinauf-klettern. Dort oben wurden auch Leinen gespannt und die Wäsche zum Trocknen aufgehängt. Wenn sie trocken war, wurde sie dann wieder abgenommen und alles nach unten transportiert. Sie hatten auch eine durch Latten abgetrennte Dachbodenkammer, wo sie einen Schrank, Regale und Mutters Reisetruhe stehen hatten. Sie hatte eine Geschichte. Immer wieder erzählte ihre Mutter ihr Geschichten aus ihrem Leben. So erfuhr sie, dass sie angeschafft wurde, als sie zur Gehilfinnenprüfung fuhr und ihr eigenes Bettzeug mitbringen musste. So erinnerte sich Ingeborg immer daran, wenn sie der Truhe ansichtig wurde. Ingeborg liebte es, in den alten Sachen zu stöbern. Was da alles an längst vergessenen Schätzen auftauchte! Eifrig wurden sie von der Staubschicht befreit, unter der sie seit Jahr und Tag schlummerten. Manches wanderte wieder nach unten in die Wohnung, anderes wurde aus der Wohnung nach oben verbannt – vielleicht bis zu seiner Wiederentdeckung irgendwann in der Zukunft. Dort oben wurde auch der Christbaumschmuck verwahrt und alljährlich wieder heruntergeholt, um den Christbaum mit bunten Glaskugeln, silbernen Vögelchen, einem Glöckchen und der elektrischen Lichterkette und glitzerndem Lametta zu schmücken. Auch der Adventskalender, der alljährlich zur Adventszeit aufgestellt wurde, wurde im Weihnachtskarton aufbewahrt. Gespannt öffnete Ingeborg jeden Tag ein Türchen bis schließlich der Heiligabend herangenaht war. Doch Weihnachten – das ist ein anderes Kapitel dieser Geschichte!
5. Kindergartenzeit
Nach Ostern 1967 kam Ingeborg in den evangelischen Kindergarten. Er war nicht weit von der elterlichen Wohnung entfernt. Die erste Zeit verbrachten sie meist im Freien, sobald es warm genug war. Unter mächtigen Obstbäumen waren zwei große Sandkästen, in denen kräftig mit Sand gebaut werden konnte. Es gab ein paar Roller, aber Ingeborg bekam zu Anfang ihrer Kindergartenzeit nie einen. Am Vormittag gab es eine Vesperpause. Das Vesper mussten sie selbst mitbringen in einer Kindergartentasche, die sie zu ihrem Eintritt in den Kindergarten von ihren Eltern bekam. Es gab ein langes Becken mit einem Wasserhahn an einem Ende. Darein ließen die Kindergärtnerinnen Wasser laufen, bevor mit dem Vespern begonnen wurde. Alle Kinder mussten sich anstellen und ihre Hände darin waschen. Für die letzten war es schon sandig und brackig von den Vorgängern. Die Kindergärtnerinnen reichten ihnen Handtücher zum Abtrocknen. Dann ging es zu den Bänken, die in einem nach vorne offenen, überdachten Schuppen aufgestellt waren. Die dazugehörigen Tische waren mit Tellern eingedeckt. Jedes Kind holte sein Vesperbrot heraus und wenn es hatte, einen Apfel. Eine Kindergärtnerin kam zu jedem Kind mit einem Apfel und schnitt ihn in lustige Formen – einen Pilz zum Beispiel. Da machte das Essen gleich viel mehr Spaß. Eines Tages wurden die Birnen und Äpfel auf den mächtigen alten Bäumen um die Sandkästen herum reif. Die Kinder setzten sich auf die Sandkastenumrandung und die Kindergärtnerinnen ernteten das begehrte Obst mit Keschern. Doch nur wenige bekamen etwas davon. Ingeborg ging immer leer aus.
