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Die "Geschichtensammlerin" bei der AWO in Teltow hat in diesem Büchlein wieder Perlen des Lebens unterschiedlicher Menschen eingesammelt. Es sind "Perlen unserer Erinnerung", die nicht verloren gehen sollen.
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Seitenzahl: 44
Veröffentlichungsjahr: 2015
Geschichten aus unserer Geschichte
aus der Reihe
„Perlen unserer Erinnerung“
Foto: A. Ehrlich
Carmen Sabernak (Hrsg.)
Meine Erinnerungen an die jüngere deutsche Geschichte
Hunger
Grenzgeschichten und historische Daten
Die Friedhofsmauer
Der Flüchtlingstrack
Verlust und Wiederfinden
Hamstern
Verpetzt
Mauerbau
Berlin-Teltow und zurück
Das Arbeiten in Kriegstagen
Carmen Sabernak hatte die Idee, die schönen Erinnerungen unterschiedlicher Menschen zu sammeln. Erinnerungen, die wertvoll wie Perlen sind. Regelmäßig trafen sich in der AWO Teltow einige Mitstreiter, tauschten Erinnerungen aus und lasen aus ihren Geschichten. So wurde recht schnell der Entschluss gefasst, diese „Perlen unserer Erinnerung“ in kleinen Büchern aufzubewahren. Inzwischen halten Sie das dritte Buch aus dieser Reihe in den Händen. Die Geschichten sind so unterschiedlich, wie die Menschen, die sie erlebt haben und wurden zum Teil schon vor Jahren aufgeschrieben. Deshalb finden sich teilweise auch noch Texte in der alten Rechtschreibung. Diese wurden absichtlich nicht angepasst, denn sie sind Perlen aus der betreffenden Zeit.
Wir wünschen Ihnen ebenso viel Vergnügen beim Lesen, wie wir Freude hatten, das Buch zu gestalten.
Herzliche Grüße
die Autorinnen und Autoren
Wir stammen aus Ostpreußen. Als im Januar 1945 die Rote Armee schon fast vor der Haustür stand, wurde die Bevölkerung aufgefordert, Haus und Hof zu verlassen und zu flüchten. So machte sich auch meine Mutter, nachdem sie im Dezember 1944 ihren Mann begraben hatte, ihr einziger Sohn gefallen war, sie nichts über den Verbleib ihrer 3 ältesten Töchter, die schon außer Haus lebten, wußte, mit ihren 5 jüngsten Mädchen auf den Weg ´gen Westen. Anfänglich fuhren wir mit Pferd und Wagen, dann ging es zu Fuß weiter. Meine Mutter wollte nach Güterfelde, Kreis Teltow, wo Verwandte von ihr lebten. Sie erhoffte sich dort Hilfe.
Als wir im Februar bei Berlin ankamen, waren wir halb verhungert und erfroren, verlaust und hatten nur noch das, was wir am Leibe trugen. Ich war noch nicht 2 Jahre alt und mußte getragen werden. Diese Schlepperei wurde meiner Schwester Margarete übertragen, die das älteste Kind von unserer Flüchtlingsfamilie war. Es war ein Wunder, daß wir überlebten und kein Kind verloren ging. Dieses Vorwort ist teils Legende, weil 100 mal erzählt, teils vage Erinnerung. Ein Gefühl habe ich aber steinhart im Magen, da es meine ganze Kindheit überschattete: Hunger.
GELA
Eine Episode soll davon berichten: Als ich 7 oder 8 Jahre alt war und noch unter ein Bett paßte, geschah es, daß ich unter dem Bett meiner Mutter eine kleine Waschschüssel erspähte. Ich faßte hinein, leckte an meinem Zeigefinger und es war süß. Ich hatte in einen Marmeladenvorrat gefaßt, der sorgsam gehütet wurde. Ich schleckte und schleckte unter dem Bett, bis die Schüssel leer war und kam mir wie im Schlaraffenland vor. Daß ich die Ration für einen Monat, der für die ganze Familie reichen sollte, verschlungen hatte, war mir nicht bewußt. Ob mir davon hinterher schlecht wurde und ob ich deshalb Schläge bekam, weiß ich nicht mehr.
Als meine großen Schwestern aus der Internierung kamen, ging es uns etwas besser. Solche Auswüchse kann Hunger verursachen!
GELA
1947 wurden wir nach einigen Notunterkünften dauerhaft in eine Bruchbude, mehr Laube als festes Haus, eingewiesen. Dazu gehörte ein großer Garten, so daß wir etwas Gemüse anbauen und einige Tiere halten konnten. Das Anwesen lag in Kienwerder, nahe am Sanatorium, dicht an der Grenze zu Wannsee, wo auch die Wüste Mark liegt, die schon zu Zehlendorf gehört.
Einmal im Winter 1948 waren wir Kinder auf dem Vermessungsberg, einer Anhöhe, die schon im Grenzgebiet lag, Schlittenfahren und im Sommer darauf waren wir auf der Autobahnbrücke, die nach Albrechts-Teerofen führt. Dies waren die einzigen Male vor 1989 wo ich das Grenzgebiet, das in der Nähe unseres Hauses lag, betreten habe.
Seit 1949 ging ich in dem Dorf Güterfelde zu Schule. Das Dorf ist 3 km von der Siedlung Kienwerder entfernt. Wir versuchten die Strecke durch den Wald, der hinter unserem Haus begann und bis kurz vor das Dorf ging, abzukürzen.
Das war trotzdem ein weiter Weg für die kleinen Füße und die Winter waren damals hart.
Es war in den Sommerferien 1950 oder 51, als ich mit meiner Mutter vom Dorf kam. Es fing schon etwas zu dunkeln an, da wurde meine Mutter von einem jungen Paar nach einem Weg gefragt. Da es schon kurz vor unserem Zuhause war, schickte mich meine Mutter allein heim. Sie ging mit den jungen Leuten hilfsbereit mit und kam erst spät zurück. Ich glaube, sie hat den Leuten ein Schlupfloch durch die „grüne Grenze“ gezeigt.
Als ich an einem Junitag 1953 aus der Schule kam, begegneten mir kurz vor der Seeschule mehrere Panzer, die von Potsdam kamen. Sie fuhren über Großbeeren nach Berlin. Später erfuhr ich, daß die Panzer zur Einschüchterung der Menschen beim Arbeiteraufstand eingesetzt wurden. Es war der 17. Juni 1953.
Die Bewachung der Grenze wurde immer strenger, aber man konnte noch mit der S-Bahn durch die West-Sektoren fahren. 1957 sollte ich für meinen zukünftigen Schwager, der
