Verminte Heimat - Ruben Gantis - E-Book

Verminte Heimat E-Book

Ruben Gantis

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Beschreibung

Jeder Südafrikaner hat einen großen Traum: frei und reich zu sein. Wobei reich sein heißt, ein gutes Leben zu führen. Wir haben für die Abschaffung der Sklaverei und gegen die Apartheid gekämpft, und für die Demokratie.
Diese Worte gehen Jaron immer wieder durch den Kopf, nachdem er in Südafrika den Versuch gestartet hat, mit drei vermeintlichen Freunden eine Goldmine erfolgreich aufzubauen.
Warum kehrte er nach so vielen Jahren in den Niederlanden nur wieder nach Südafrika zurück? Nach dem Tod seiner Frau Margaretha ist Jaron auf der Suche – nach einer neuen Aufgabe und nach seinen Wurzeln. Er möchte nach dem Auseinanderbrechen seiner Familie vor Jahrzehnten unbedingt seine Geschwister wiederfinden. Doch das gestaltet sich schwieriger als gedacht. 
Er erlebt die schönen Seiten Südafrikas: die Tierwelt, die herrlichen Landschaften, trifft aber auch auf Rassismus, die Spätfolgen der Apartheid, die Schwierigkeiten des Landes während der Covid-Pandemie und den Einfluss Chinas im Minengeschäft.
Seine Odyssee als Minendirektor stellt Jaron immer wieder vor neue Herausforderungen. Er ist zwar ein erfahrener Bergbauingenieur, aber vieles läuft in Südafrika eben ganz anders. 
Wird es Jaron gelingen, sich eine neue Heimat in Südafrika zu schaffen und findet er seine Geschwister wieder? Lassen Sie sich zusammen mit Jaron ein auf ein Abenteuer im wunderschönen, wilden Südafrika!

Als früherer Top-Management-Berater und heutiger Investor schreibt der Autor unter dem Pseudonym „Ruben Gantis“ Romane über Themen mit Bezug zu Wirtschaft und Gesellschaft. 1963 geboren, studierte er in Deutschland und Großbritannien Wirtschaftsinformatik. Nach der Promotion bekleidete er im Laufe seiner internationalen Karriere Senior-Management-Positionen in der IT- und Consulting-Industrie. Heute lebt er in Berlin.
Für Ruben Gantis bedeutet Storytelling und Schreiben völlige Entspannung, Konzentration auf die Protagonisten, ja fast Meditation. Sitzt er in seinem „Denkersessel“ in seiner Berliner Wohnung, bringt er Realität und Fiktion zusammen: persönliche Erfahrungen, authentische Einbindung geschichtlicher Rahmenthemen, komplett erfundene Handlungsstränge. Gantis liebt das Geschichtenerzählen.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Ruben Gantis

 

 

 

Verminte Heimat

 

Roman

 

 

 

 

 

 

© 2024 Europa Buch | Berlin

www.europabuch.com | [email protected]

ISBN 9791220150262

Erstausgabe: Mai 2024

 

Gedruckt in Italien von Rotomail Italia

Finito di stampare presso Rotomail Italia S.p.A. - Vignate (MI)

 

 

 

 

 

 

Verminte Heimat

 

 

 

 

 

 

 

 

Wer feststellen will, ob er sich verändert hat,

der sollte zu einem Ort zurückkehren,

der unverändert geblieben ist.

 

Nelson Mandela

 

 

 

 

 

 

Kapitel 1 – Rückkehr – März 2017

Der Grund, warum Jaron ausgewandert war aus Südafrika, hatte sich aufgelöst wie Wolken. Damals hatte er es nicht mehr ausgehalten im Apartheidregime. Diese Ungerechtigkeit, diese Unterdrückung der Schwarzen Menschen. Ihm blieb nur die Flucht – weg aus seiner Heimat.

Nun war er zurück und die Apartheid war Geschichte. Und wieder hatte ihm das Schicksal eine Falle gestellt: Er musste seine Heimat finden, sein Land, seine alte Familie, seinen Bruder und seine Schwester, sich selbst.

Vier Wochen war er bereits zurück. Er stand auf der Veranda des Hauses, das er in dieser trostlosen Stadt Springs gemietet hatte. In der Nähe von Johannesburg. Er knabberte auf der getrockneten Dry Wors. An den geräucherten Geschmack konnte er sich noch nicht wieder gewöhnen.

Die Veranda erstreckte sich über die gesamte Vorderseite des Hauses. Das Holzdach war gut in Schuss, nur die Sitzmöbel waren allesamt in die Jahre gekommen. Auch hätten die Pflanzen mehr Wasser verdient. Jaron setzte sich auf den alten Bast-Schaukelstuhl, der beträchtlich quietschte. Mit seiner Hand strich er sich übers Gesicht und bemerkte die Pausbäckchen, nicht mehr das straffe Gesicht von vor einem Jahr, mit 51. Als ob er prüfen wollte, ob seine grauen Haare auch zugenommen hätten, fuhr er sich über den Kopf. Sein Blick folgte derweil gedankenverloren der Straße zum Eingangstor der Wohnanlage. Eine Einfahrt, gesichert wie Fort Knox, dachte Jaron. Niemand käme am Sicherheitsdienst vorbei. Das hätte es in Holland nicht gegeben. Dort gab es nicht mal Gardinen an den Fenstern, die die Wertgegenstände im Inneren verbargen. Hier hingegen war alles abgesichert.

Eine dunkelhäutige Nachbarin, ungefähr in seinem Alter, winkte ihm von der gegenüberliegenden Straßenseite zu, wo ein Haus dem anderen glich. Kleiner Garten, mindestens ein Stellplatz, überwiegend einstöckige, weiß getünchte Häuser. Er kannte die Frau kaum, ab und an mal ein freundliches Hallo. Er grüßte zurück und als sein T-Shirt aus den schlabbrigen Khaki-Shorts rutschte, spürte er einen kühlen Luftzug. Für einen Herbsttag war es zu kalt. Auch daran musste er sich wieder gewöhnen. Die Jahreszeiten auf der Südhalbkugel waren anders als in Europa.

„Guten Morgen, Netta.“

„Hallo Jaron, kann ich dir was mitbringen vonPick n Pay?“

Er winkte freundlich ab, drehte sich um und wollte schon ins Haus laufen, da hörte er sie ihm hinterherrufen: „Bist du sicher, dass du nichts brauchst, Jaron? Du schaffst das heute nicht, so wie du aussiehst“, witzelte seine dunkelhäutige Nachbarin. Er schüttelte nur den Kopf und winkte ihr hinterher, als sie in ihrem schweren Pick-up losfuhr, die man hier Bakkie nannte.

Dann kurvte er durch das vollgestopfte Wohnzimmer an der Waschmaschine vorbei zur Kaffeemaschine, seine Schultern noch tiefer hängend als sonst. Er gähnte ungeniert. Der Kaffee war abgestanden, würde ihn dennoch wach machen. Für einen Moment lehnte er sich an den billigen Küchenschrank, dessen Tür nicht mehr richtig in das Schloss fiel und schüttelte den Kopf. Die Vermieter haben keinen Geschmack, dachte Jaron und ließ die Mundwinkel in seinem Henriquatre-Bart hängen wie vertrocknete Blätter. Seine Margaretha wäre nie in eine so lieblose Wohnung gezogen. Oder sie hätte die Bude in kürzester Zeit mit Leben und Geschmack gefüllt. Ihm war es egal. Er erinnerte sich an zuhause, wo er glücklich gewesen war mit seiner Frau. Warum musste sie so früh von ihm gehen? Mit einem Schlag war sein Leben auf den Kopf gestellt worden. Es war einfach nicht gerecht.

Sie hatten sich 1986 kennengelernt, als sie ein Auslandssemester in Südafrika absolvierte. Die angehende Afrikanistin hatte ihm von dem Moment an gefallen, als sie auf den Stufen des Voortrekkerdenkmals in Pretoria stolperte und geradewegs in seine Arme fiel. Verblüfft hatte die Frau mit ihren wehenden, kühl-blonden Haaren ihn angeschaut – und es war um ihn geschehen. Er schmunzelte bei dem Gedanken und nahm einen weiteren Schluck der starken Brühe.

Aus der Brotdose, die neben der Mikrowelle auf der Anrichte stand, fischte er einen Muffin vom Vortag. Er tunkte ihn in die Tasse und schob das eingeweichte Stück in den Mund, während er sich seinen Weg hinaus zur Veranda bahnte. Mit seinem rechten Bein schob er die dunkelbraune Chaiselongue zur Seite. Er liebte die Muffins, aber er aß zu viele davon. Und er sah es deutlich, wenn er in den Spiegel schaute. Sein Bauch war wirklich größer geworden und seine Muskeln darunter verschwunden. Überhaupt, er hatte sich hängen lassen. Seine Oberarme schienen zu Boden zu fallen, wie verfaulte Äpfel. Früher hatte er regelmäßig trainiert. Von Körperspannung war heute nicht mehr zu reden, eher von einem leblosen Stofftier auf einem alten Stuhl.

So schnell, wie sie damals zusammenkamen, während Margaretha in Südafrika war, so schnell gingen sie voneinander. Die ersten vier Wochen ihrer Liebe waren das Glück auf Erden, die letzten vier die Hölle. Aus dem Nichts heraus hatten sich die Metastasen in ihrem Kopf gebildet und immer stärker an ihre Schädeldecke geschlagen, bis sie es nicht mehr ausgehalten hatte und mit Morphium für immer einschlief.

Er hatte Tränen in den Augen. Eine tropfte auf sein Shirt. Genau auf das kleine Logo seiner Firma, eine goldene Mühle. Der Stoff verdunkelte sich wie sein Herz, das so viel Schmerz erlebt hatte.

Er setzte sich wieder auf den Schaukelstuhl und drehte den Muffin, und kleine Stückchen lösten sich und trieben an der Oberfläche wie Fettaugen auf der Suppe. Jaron fischte die triefenden Stückchen aus der dunklen Brühe und blickte wieder zum Tor, als hoffte er, Margaretha würde wie ein Engel zu ihm hindurch schweben. So wie er damals schwebte, als sie ihn am Flughafen Schiphol in Amsterdam abgeholt hatte. Zwei Jahre nachdem sie sich kennengelernt hatten.

Weg aus der Kap-Republik und hin zu ihr. Sie zogen zusammen in eine winzige Wohnung in Den Haag. Die Sprachbarrieren waren gering, Afrikaans, seine Sprache in Südafrika, war eben eine Kreuzung aus Holländisch, Deutsch und Französisch. Auch der lockere Umgangston der Holländer war der Lässigkeit in Südafrika ähnlich. Er lebte sich schnell ein, fand bald einen Job in seinem Beruf, den er über alles liebte: Bergbautechniker. Mechanische Kräfte faszinierten ihn. Und im Abendstudium quälte er sich bis zum Diplom als Bergbauingenieur. Margaretha war so stolz auf ihn, als er das Zeugnis in den Händen hielt.

Er schaute auf sein Tagebuch, das vor ihm auf dem Tischchen lag. Er hütete es wie einen Goldschatz. All seine Erinnerungen.

Ein paar Jahre später heirateten sie, ohne seine Angehörigen oder Freunde aus Südafrika. Keiner war gekommen, weder Familie noch Freunde. Reisebeschränkungen waren nicht der Grund. Es gab keine mehr. Mandela war lange frei. Der damalige Präsident de Klerk, erinnerte sich Jaron, war dabei, das neue Südafrika Schritt für Schritt zu gestalten: gleiche Rechte für alle Menschen und endlich die Überwindung der Rassentrennung, die er hautnah miterlebt hatte. Nur wenige Monate vor ihrer Hochzeit las er erstaunt in der Zeitung, dass Südafrika eine neue Verfassung bekam. Das System, das auch seine Familie gespalten und so viel Leid über sein Land gebracht hatte, war Geschichte.

Er schaute in den blauen Himmel und ließ seine Gedanken wieder laufen. Wenige Wochen nach der Hochzeit wurde Margaretha schwanger. Sie verlor das Kind, einen Tag vor ihrem Geburtstag. Er konnte sie nicht trösten, und er konnte es noch viel weniger, als auch ihr zweites Baby, drei Jahre später abgegangen war. Margaretha konnte nicht mehr schwanger werden, sie konnte nicht mehr lachen. Erst als sie viele Jahre später die Professur für Afrikanistik in Leiden angenommen hatte, überwand sie ihre Traurigkeit.

Sie sahen sich von nun an berufsbedingt weniger, als Paar wuchsen sie zusammen. Er arbeitete damals bei MGH Mining, einem auf Exploration und Mining spezialisierten Bergbaudienstleister, im Hafen von Rotterdam. Nur die Wochenenden verbrachten sie zusammen in ihrem neuen Haus am Meer in Scheveningen. Sie waren beide Mitte 30, erinnerte er sich.

Wenn sie Gäste zu Besuch hatten, drehte Margaretha richtig auf und bereitete stundenlang Hollandse Nieuwe vor, das holländische Nationalgericht. Sie zeigte ihren Freunden, wie man den Hering richtig aß: Kopf in den Nacken, den mit Zwiebeln garnierten Fisch am Schwanz gepackt und langsam in den Mund gesteckt. Jaron lächelte bei der Erinnerung. Er hatte nicht einen der Freunde erlebt, dem die Zwiebeln nicht anschließend im Gesicht hingen. Wehe, wer keinen Zwiebelgeschmack vertrug. Margaretha konnte herrlich kindisch sein. Er hatte sie so sehr geliebt.

Fast 30 Jahre hatten sie zusammen in Holland gelebt. Seine Erinnerungen an Südafrika, an seine Familie, an seine Jugend wurden Jahr für Jahr weniger. Er wollte nie wieder zurück in das Land der Apartheid. Margarethas Familie und Freunde hatten ihm ein zweites Zuhause gegeben, es ihm leicht gemacht, die Vergangenheit zu vergessen. Sie schafften es bei jedem Treffen von Neuem, die Qualen aus seinen Jugendtagen hinter sich zu lassen. Sein Blick war nach vorne gerichtet und auf Margaretha. Sie war sein Ein und Alles. Und dennoch wusste er tief in seinem Herzen, dass er niemals wirklich mit der Vergangenheit abgeschlossen hatte.

Sie wollten zusammen alt werden. Warum nur musste dieser verdammte Krebs sie angreifen? Warum? Seine Hand fuhr sich ins Gesicht und wischte Tränen weg. Sekundenschnell kamen sie und trübten seine grünen Augen, die früher so strahlten. Er konnte sich nicht dagegen wehren, wenn er Margaretha vor sich sah, wie es mit ihr zu Ende ging: ihre Haut eingefallen wie bei einer Hundertjährigen, weiß-gelb, tiefhängende Mundwinkel. Es war so schnell gegangen. Nur drei Wochen nach der Einlieferung ins Krankenhaus musste sie den Kampf aufgeben. Ein letztes Mal hatte sie seine Hand gehalten, alle Kraft zusammengenommen und versucht, ihn aufzuheitern.

„Wir sehen uns in Walhalla“, hauchte sie ihm noch zu, und er konnte nicht anders als selbst am Sterbebett noch einmal über ihren Lieblingsspruch aus der Netflix-Serie Vikings zu schmunzeln. Dann war es vorbei. Margaretha war tot.

Schluchzend trottete er ins Haus, warf sich auf die durchgesessene Chaiselongue und weinte hemmungslos. Was sollte er nur ohne sie machen? Sie hätte es nicht gewollt, ihn so leiden zu sehen.

In seinem schwarzen Anzug war er verloren an ihrem Grab gestanden. Die Trauergäste hatten sich längst verabschiedet, aber er wollte noch bleiben und Abschied nehmen. Die Reden der Freunde, die Margaretha als tolle Freundin, verständnisvolle Frau mit großem Tiefgang, vielfältigen Interessen und mit detaillierter Perspektive für die Zukunft beschrieben hatten, hatten ihn berührt. Er hatte sich zusammengerissen, bis er das Blatt aus der Tasche seines Jacketts fischte, auf das sie in krakeliger Schrift geschrieben hatte: „Geh zurück in deine Heimat. Finde deine Geschwister.“

Er hatte das Blatt zerrissen. Und noch einmal und wieder und wieder bis nur noch Schnipsel übrig waren. Dann warf er sie ins Grab, jedoch schnappte sie der Wind und trug sie davon. Lange hatte er den Papierfetzen hinterher geschaut.

Das werde ich, hatte er ihr geschworen. Er hatte sich hinab zu ihrem Grab gekniet, ihr einen letzten Handkuss zugeworfen. Jaron hatte von dem Moment an gewusst, dass er zurückkehren würde nach Südafrika.

Während ihn diese Gedanken quälten, wälzte er sich auf der Chaiselongue und drückte die Mulden immer tiefer. Wieder gähnte er laut.

Irgendwann stand er auf, lief zur Spüle, drehte den Hahn auf und wusch sich das Gesicht. Er würde etwas unternehmen an diesem Wochenende. Die Trauer war schon schlimm genug, noch länger in seinen vier Wänden zu hocken, war ihm zu viel. Auf Duschen verzichtete er. Mal wieder. Er war kein Freund von Wasser. Er schloss die Verandatür zu, schnappte sich eine Jacke, zog die Baseballmütze auf, die auch das Logo seiner Firma zierte und seinem kantigen Kopf einen Rahmen gab. Er lief zu seinem Leasing-Wagen. Einem einfachen Nissan, der in der geteerten Einfahrt parkte. Die vertrockneten Sträucher, die den Parkplatz säumten, sahen trostlos aus, dachte Jaron, als er losfuhr. Er rief Stuart Fuller an, seinen ersten geschäftlichen Bekannten in Springs.

„Stuart, hallo, hier ist Jaron.“

„Jaron, was verschafft mir die Ehre am Samstagmittag? Hast du nichts Besseres zu tun, als Zeit mit mir am Telefon zu verbringen?“, meldete er sich.

„Du hattest doch angeboten, mich mal bei einer Fahrt durch die Gegend zu begleiten und mir ein paar Dumps zu zeigen. Hast du Lust und Zeit?“

„Wann? Jetzt, spontan?“

„Die Holländer planen zwar länger, aber du siehst, ich bin eben noch Südafrikaner. Also ja, jetzt, jedoch nur wenn es dir passt.“

„Okay, schon so schnell. Ich schick dir meinen Standort per Google-Maps, dann findest du mein Haus leichter. Hol mich ab, und wir machen einen Ausflug.“

Stuarts Farm lag 30 Minuten vor Springs. Jaron hatte ihn bald eingesammelt. Der Verkehr auf den Straßen in Springs war anstrengend. Autos, LKWs, Fahrradfahrer und Fußgänger wirbelten durcheinander, dass einem allein vom Zusehen schwindlig werden konnte. Vorbei am Busbahnhof, durch einen Kreisverkehr. Das Fahren um den Arc de Triomphe in Paris war ein Kinderspiel dagegen. Schließlich erreichten sie die Nationalstraße nach Pretoria.

Städtchen mit farbig bemalten Häusern lagen auf ihrem Weg. Auch verarmte Dörfer in grauer Tristesse. Sie fuhren Richtung Norden und schon von weitem sahen sie, wie der Himmel sich verdunkelte. Und mit einem Mal ergoss sich ein Wolkenbruch über sie, der im Nu wieder vorbei war. Die schwüle Luft ließ Jarons Hemd an ihm kleben wie eine zweite Haut.

„Ist das hier immer so? Kann mich gar nicht dran erinnern. Nur an unendliche Hitze“, sprach er Stuart an, der stoisch in die Ferne spähte, wie ein Indianer auf der Pirsch.

„Nur der Regen ist in dieser Jahreszeit ungewöhnlich. Die Hitze und Luftfeuchtigkeit haben wir immer. Du wirst dich noch dran gewöhnen, hier dreimal am Tag das Hemd zu wechseln, wenn du nicht muffeln willst wie ein altes Rhinozeros“, nuschelte Stuart trocken in seinen weißgrauen Vollbart, der ihn wie einen Nikolaus aussehen ließ.

Jaron fragte sich, wie gut er eigentlich die Heimat seiner Kindheit kannte. Er hatte so viel verdrängt und die Erinnerungen kamen nur langsam zurück. Ein klares Bild hatte er nicht. Alles war diffus, sein Bild von Südafrika, seine Erinnerungen, sein Blick nach vorne.

„Siehst du die Hügel da vorne?“, unterbrach Stuart jäh seine Tagträumerei. „Majestätisch, wie sie im Gewitter glänzen. Und rechts, die Bohrtürme, lang wie dünne Bohnenstangen. Dort gehen die Schächte in den Boden. Dort geht das Leiden los. Unserer schwarzen Kameraden, die Gold unter Tage abbauen.“

„Ich seh’s“, ignorierte Jaron die Anspielung. „Sind die braunen Hügel da vorne die Dumps?“

„Genau, der Abraum aus der Goldverarbeitung.“

„Da müssen ja tausende von Tonnen Gestein liegen. Der Dump da vorne ist doch bestimmt einen Kilometer lang und locker 60 Meter hoch?“

„Das ist ein Run-of-Mine-Dump, unverarbeitetes Material aus dem Untergrund. Siehst du auch den bräunlich-orangenen Dump auf der linken Seite? Das ist hingegen ein Slime-Dump, aufgeschichteter schleimiger Abfall des verarbeiteten Gesteins. Beides nennen wir goldhaltiges Material oder einfach Material“,erklärte Stuart weiter.

„Du meinst das Gebirge?“

„Es sieht nur so aus wie ein kleines Gebirge. Den Touristen gefällt es, denn die sehen in der Abendsonne schön aus und machen sich gut als romantische Fotomotive. Am besten mit zwei Schwarzen im Lendenschurz davor.“ Stuart lachte zynisch.

Jaron ignorierte Stuarts Kommentar. „Vielleicht sollten wir uns beide eine Mine kaufen und gleich dazu ein paar Dumps“, witzelte er.

Jaron bemerkte das zustimmende Nicken Stuarts nicht. Und schon gar nicht dessen plötzlich funkelnde Augen.

Der Verkehr auf der vierspurigen Straße kam zum Stehen und Jaron blickte aus dem Fenster, um die Ursache zu finden. In einer endlosen Schlange reihten sich die Autos aneinander wie die Waggons eines Güterzuges. Toyota, VW, Mercedes, hin und wieder ein großer Bakkie. Der Wohlstandsanstieg der letzten 30 Jahre war deutlich zu erkennen. Und es waren bei weitem nicht nur weiße Fahrer, fiel Jaron beim Betrachten der entgegenkommenden Fahrzeuge auf. Im Cabrio vor ihm ging das Verdeck herunter, und zwei kleine Kinder mit Afrolook tollten sich auf den Rücksitzen, als die Mutter so laut dazwischen ging, dass selbst Jaron und Stuart das Gekreische hörten.

„Warum haben wir einen Stau? Ich kann nichts erkennen.“

„Da vorne ist eine Ampel.“

„Mitten auf der Schnellstraße?“

„This is Africa. Genauer gesagt, Südafrika. Das Land der Planer, der schwarzen Planer. Und was kommt raus? Nichts als Dreck. Die haben hier zur Fußball-Weltmeisterschaft 2010 ein modernes Straßensystem gebaut. Je näher an Johannesburg und an den Fußballstadien, desto besser. Milliarden wurden investiert, um der Welt den Fortschritt Südafrikas seit den Neunzigerjahren zu zeigen. Und wie der Wohlstand gewachsen war: für alle Schichten unserer Regenbogennation spürbar.“

Jaron wunderte sich, dass Stuart auf einmal so engagiert erzählte.

„Die neue schwarze Regierung wollte sich mit den Straßen ein wenig profilieren. Dann bauten sie diese idiotischen Ampeln, um Kosten für Überführungen zu sparen. Also, die Wirklichkeit ist, seit der ANC(African National Congress) an der Regierung ist, läuft es alles andere als rund. Die werden das Land noch in Grund und Boden richten. Mandela würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, was seine Nachfolger im Amt für korrupte politische Hasardeure sind.“

„Wirklich so schlimm?“, fasste Jaron nach.

„Ja. Die Einzigen, die uns im Moment helfen, sind die Chinesen. Die investieren wie wild in Südafrika: Straßen, Häfen, Schienen, Infrastruktur. Jedoch kapiert unser ANC nicht, dass er sich damit von der neuen Weltmacht abhängig macht. Wie sollen denn die Schulden an China zurückgezahlt werden? Wir kommen von einer Misere in die andere.“

„Jetzt mal langsam: Willst du etwa sagen, zu Apartheidtagen lief es besser?“, fauchte Jaron ihn an.

„Genau das! Du wirst schon noch merken, wie abgewirtschaftet das Land inzwischen ist und wie abhängig von reichen Geldgebern aus dem Ausland. Europa hat früher diese Rolle gespielt, inzwischen hat China mächtig aufgeholt“, erwiderte Stuart, während er mit der Hand durch seine grauen Haare fuhr.

„Jetzt machst du aber ein großes Fass auf, Stuart. Früher war alles besser, zukünftig wird alles schlechter. Kein gutes Thema.“

Der schaute Jaron verdutzt an.

„Du bist erst kurz hier. Lass mich dir einen Rat geben: Trau keinem Schwarzen. Wir müssen sie freundlich behandeln, weil sie das Land regieren, dennoch trau keinem. Du wirst bald verstehen warum. Und trau keinem Chinesen. Bei nächster Gelegenheit zeig ich dir mal, was die hier alles anstellen.“

Jaron kramte noch in seinem Hirn nach der passenden Antwort, als er aus dem Augenwinkel zwei dunkelhäutige Jungen sah, die von rechts und links die Windschutzscheibe mit Spülmittel einsprühten. Er winkte ab, doch die Buben kratzten bereits emsig die Fliegen von der Scheibe. Jaron schüttelte den Kopf. Sie hörten nicht auf. Gerade als sich die Kolonne wieder in Fahrt setzte, klopften beide an seine Scheibe und hielten die Hand auf. Unsicher ließ Jaron sie herunter und drückte jedem ein paar Münzen in die Hand, bevor er langsam anfuhr. Stuart fing an zu lachen.

„Wenn du das bei jedem machst, bist du bis zur Kreuzung dein Geld los.“

„Ich wollte ja gar nicht.“

„Dann musst du die Scheibe oben lassen und zufahren. Ganz einfach. Du kriegst diese Bastarde sonst nicht mehr los.“

„Ich kann doch nicht bettelnde Jungs überfahren.“

„Doch.“

So lange kannten sie sich noch nicht. Jaron hatte Stuart vor ein paar Wochen bei Golden Mills kennengelernt. An seinem ersten Arbeitstag, als er zum Lohnbüro ging. Stuart kam gerade aus dem Büro des Finanzchefs und begrüßte ihn. Er war Finanzmakler. Immer schlecht gekleidet in seinen viel zu großen, weißen Hemden, kombiniert mit einer zu weiten braunen Cordhose. Sein Markenzeichen war seine ärmellose Weste, die er auch im Winter trug. Jaron schätzte ihn auf Mitte bis Ende 50. Also ein paar Jahre älter als er selbst. Die offenherzige Art Stuarts und seine tiefe Baritonstimme strahlten Vertrauen aus. So kamen sie ins Gespräch.

Stuart hatte vor ein paar Jahr seine erste Frau an einem Herzversagen verloren, und damit hatten die beiden ein gemeinsames Thema, wenngleich ein trauriges. Mit seinem schrägen Grinsen und seinen noch schräger stehenden Zähnen schaffte er es, Jaron bereits in den ersten Minuten aufzuheitern, so dass dieser für eine kurze Zeit seine Trauer vergaß.

Viel wusste er nicht von Stuart, außer, dass er Termine beim Finanzchef von Golden Mills hatte. Er schien sein Handwerk zu verstehen. Für das Auftreiben von Finanzierungen strich er fette Provisionen ein. Konnte er sich mit einem Finanzhai wirklich anfreunden, der sich auch noch so abschätzig über das neue Südafrika äußerte?

Ein paar hundert Meter weiter kam der anrollende Verkehr wieder zum Halten. Am Straßenrand stand ein Mann mittleren Alters. Sein verkrüppelter Fuß hing wie an einem Seil aus der verdreckten Hose. Am anderen Fuß trug er einen löchrigen Schuh. Sein kariertes Hemd war zerrissen und verdeckte teilweise das Pappschild, das er vor sich gestellt hatte: „Please help, 2 kids, no job, no food!“ Stuart verzog angewidert das Gesicht. Gerade als er etwas sagen wollte, winkte Jaron ab.

„Mein Gott“, bemerkte er ergriffen, „es trifft nicht nur die dunkelhäutige Bevölkerung.“

„Was hast du denn gedacht? Denen geht es doch gut im Vergleich zu früher. Für die Weißen wird es immer schlimmer. Schau dir die Wirtschaft an. Südafrika hat sich seit der Weltmeisterschaft nicht weiterentwickelt. Der Wohlstand geht auf die ersten 20 Jahre nach Mandela zurück. Viele Wirtschaftsindikatoren zeigen inzwischen nach unten und insbesondere der Verfall der Währung ist beängstigend. Die Armut betrifft nun auch die Weißen, besser gesagt alle Schichten der Bevölkerung. Nur hatten die schwarzen Bimbos nichts zu verlieren. Der arme Kerl da vorn hingegen schon. Gib lieber ihm ein paar Rand.“

Jaron drückte wieder den Fensterheber und holte 20 Rand aus seiner Hosentasche. Er beugte sich zu dem Bettler und hielt ihm dem Schein hin. In dem Moment schnappte ein Junge, der aus dem Nichts auftauchte, nach dem Geld und rannte davon.

„Hey, komm zurück“, rief Jaron ihm hinterher. Er stieg aus dem Wagen aus, aber der Kerl war schon weg. Nochmals griff er in die Tasche und steckte dem Krüppel 50 Rand in die Brusttasche. Als der Mann den Kopf hob und sich bedanken wollte, blies Jaron dessen Alkoholfahne entgegen. Er musste würgen bei dem Geruch. Ein Hupkonzert begann. Die Ampel hatte auf grün geschaltet.

„Fahr mal da vorne rechts ab nach Daveyton, ich will dir mal was ganz besonders Tolles zeigen“, kommandierte Stuart.

Die Strecke war trostlos. Der Regen war längst abgetrocknet und braune Erde bestimmte das Bild. Je näher sie an die Stadt kamen, desto farbenkräftiger wurde es. Rote Coca-Cola Schilder dominierten schließlich, als sie auf die Mall der Stadt zufuhren. Rechts sah Jaron einen jungen Farbigen an einer Wand aus Wellblech stehen. Davor hatte er grüne, rote und blaue Adidas-Laufschuhe fein säuberlich aufgereiht. An der Wäscheleine, die oberhalb der Wand gespannt war, hingen weitere Schuhe. Jaron öffnete die Fensterscheibe. Hupen, Motorenbrummen, Schreie der Verkäufer, die Geräusche gingen wild durcheinander.

„Willkommen im Township. Das ist immer noch die Realität. Die Schwarzen haben zwar die Macht übernommen, für richtigen Wohlstand bei ihren Anhängern können sie nicht sorgen. Dafür sind die einfach zu blöd“, kommentierte Stuart die Szenerie trocken. „Sieh mal links, der schwarz angesengte Teer auf der Straße. Hast du eine Ahnung, was das ist?“

Jaron schaute ihn fragend an.

„Tja, so handeln diese Kameraden: Wenn ihnen was nicht passt, plündern sie. Das sind die Abdrücke der abgefackelten Autos, die auf dem Parkplatz standen. Mindestens drei Tote gab es damals. Nur Schwarze. Pech gehabt. Soweit zum neuen Südafrika.“

„Mann Stuart, mir war nicht bewusst, dass du solch ein zynischer Rassist bist. Ist dir eigentlich klar, dass ich damals gegangen bin, weil ich mit solchen Typen, wie du einer zu sein scheinst, nichts mehr zu tun haben wollte?“ Seine Stimme bebte, und Jaron merkte, wie auch seine Hand zitterte.

„Wow, wow, wow, ich sag nur die Wahrheit. Du sollst einfach nur ein realistisches Bild kriegen, damit du weißt, in welch ein Land du zurückgekommen bist.“

Jaron hielt den Wagen unmittelbar neben dem verbrannten Teer und schüttelte entgeistert den Kopf. Er stellte sich den Geruch der verkohlten Karosserien vor, deren Lack geschmolzen war. Vereinzelt sah er die Reste zerbrochener Fensterscheiben am Boden. Verbrannter Gummi hatte sich in den Asphalt gefressen und hinterließ eine düstere Atmosphäre.

Er kannte solche kleinen Aufstände aus den Nachrichten und aus Limpopo, wo er aufgewachsen war. Jedoch lag das viele Jahre zurück. Was war aus seiner Heimat geworden? Jedenfalls nicht alles zum Besseren, dachte er. Schweigend fuhren sie durch das Städtchen und machten sich schließlich auf den Weg zurück nach Springs.

Als die ersten Dumps wieder vor ihnen auftauchten, wechselte Stuart abrupt das Thema.

„Du hast vorhin erwähnt, dass dich der Kauf einer Mine interessieren könnte?“

Jaron lachte.

„Das war eher im Spaß daher gesagt.“

„Es gibt immer wieder Goldminen zu kaufen und vor allem Dumps. Kein Scherz. Und wenn man das richtige Team zusammenbringt, kann man gutes Geld damit verdienen. Kann dir bei Gelegenheit mal ein paar Leute aus dem Geschäft vorstellen. Vielleicht entwickelst du Interesse. Und im Minengeschäft können einige Schwarze sogar ausgesprochen nützlich sein. Als BEE – Black Economic Empowerment Partner oder umgangssprachlich Black Empowered Entrepreneur.“

Jaron schaute ihn wieder fragend an.

„Ja, da haben sich unsere schwarzen Freunde was Feines ausgedacht. Um die Benachteiligung der Schwarzen in der Wirtschaft aufzuheben, entwickelte die Regierung ein Punktesystem: je mehr Eigentum in schwarzer Hand oder je mehr Schwarze im Management, desto mehr Punkte für diese Firmen. Kein Zwang, unsere Bimbos waren ja schlau. Und natürlich keine Benachteiligung für die Unternehmen, die weniger Punkte haben. Doof nur, dass diese auf einmal ewig auf Minenrechte warten mussten.“

„Das kann nicht sein, Stuart.“

„Und als das immer noch nicht genug war“, setzte der gnadenlos fort, „hat man die Weißen eben enteignet. Ganz platt gesagt, gingen 26 Prozent der Aktien einer Mine an Schwarze. Zack. Bumm. Fertig. Leistung dafür: keine. Bezahlung: entfällt. Aber die Kontakte zu den schwarzen Brüdern in den Behörden machen’s. Denn ohne Kontakte keine Minenrechte, Wasserlizenzen und Ähnliches. Ja, so sieht’s aus mein Lieber. Ohne die Schwarzen geht nichts in diesem Land. Mit ihnen noch weniger.“

Stuart klopfte sich auf die Schenkel über seinen eigenen Sarkasmus.

„Danke, Stuart. Ich denke, ich bin bei Golden Mills gut aufgehoben. Ich will ein paar Jahre arbeiten und dann meinen Ruhestand genießen. Deshalb bin ich ja zurückgekommen. Und nur darauf will ich mich konzentrieren.“

Stuart drehte seinen Nikolausbart in Jarons Richtung, zog die Sonnenbrille ab und schaute ihn durchdringend an.

„Du bist doch nicht hierhergekommen, um als Angestellter alt zu werden. Im Mining bieten sich ganz andere Möglichkeiten.“

„Na ja, wenn ich ehrlich bin, als Unternehmer zu arbeiten und mit vertrauensvollen Partnern ein Gold-Geschäft aufzubauen, hätte schon seine Reize. Würdest du das nur vermitteln oder selbst einsteigen?“, fragte er Stuart, obwohl ihm der Gedanke nicht geheuer war, mit diesem gemeinsam ein Minengeschäft zu betreiben. „Ganz wichtig wäre für mich, eine Firma zu führen, in der es eben gerecht und fair zuginge. Keine Diskriminierung, keine krummen Geschäfte, solides Business.“

Stuart setzte die Brille wieder auf, schaute zur Straße und rollte die Augen – unerkennbar für Jaron – und witterte seine Chance.

„Komm, wir gehen noch ins Kensington, ich spendier ein Bier und erzähl dir meine Geschäftsidee.“

Jaron merkte nicht, dass er bereits am Haken hing.

Kapitel 2 – Job – März 2017

Jaron reihte sich in die lange Schlange ein. Es machte ihm nichts aus, im Gegenteil. Er mochte seinen neuen Job und war stolz, dass seine Firma so viel Wert auf Sicherheit legte und entsprechende Prozesse hatte. Obwohl er zu den leitenden Ingenieuren gehörte, gab es keine Ausnahme. Jeder Mitarbeiter musste sich am Eingang zur Mine dem gleichen Sicherheitsprozedere unterwerfen. Golden Mills war streng bewacht. Nach der elektronischen Schleuse filzten die Sicherheitskräfte ihn noch einmal von Hand und nur, wenn der Zuständige schließlich den Freigabeknopf drückte, durfte er weiter zwischen mannshohen Gittern hindurch, über dem Kopf zusätzlich mit Stacheldraht gesichert; einem Löwentunnel in die Zirkusmanege gleich. Niemand sollte auch nur den Hauch einer Chance haben, Gold zu stehlen. Jaron nickte anerkennend.

Seit Anfang der 2000er-Jahre, als jährlich tausende Tonnen des Edelmetalls im Land illegal entwendet wurden, hatte man die Sicherheitsmaßnahmen bei fast allen Minen drastisch erhöht. Allein dem Staat entgingen durch den Diebstahl damals Millionen an Unternehmenssteuern. Die Sicherheitsleistungen lagerten viele Minen weitgehend an externe Firmen aus, deren Mitarbeiter unregelmäßig die Schicht wechselten, um Kumpanei zu verhindern.

Jaron kannte kein einziges Gesicht. Als er schließlich das lehmrote Verwaltungsgebäude betrat, schüttelte er sich und klopfte sich den Dreck von seinen altmodischen Jeans, die er zu einem roten karierten Flanellhemd trug. Wie ein Cowboy schlappte er in seinen ausgelatschten Stiefeln zu seinem Büro und öffnete die Tür.

„Morgen Jaron“, begrüßte ihn Monika, die junge Assistentin des Ingenieursbereichs, ihre blonden Haare hochgesteckt, dezent geschminkt, in Jeans und einem dünnen Rollkragenpulli. „Hattest du ein schönes Wochenende bei dem kühler werdenden Wetter?“

„Kühler. Es war irre warm, finde ich. Ja, hab’ die Gegend erkundet und viel über das Land gelernt.“

„Für Südafrikaner war es eher kühl. Du sollst dich bei Mike melden, er hat Probleme mit den neuen Tanks und meinte, du wüsstest ihm zu helfen. Er wartet draußen bei der Anlage.“ Sie lächelte ihm kurz aufmunternd zu.

„Okay, dann beginnen wir die Woche wohl etwas anders als geplant“, entgegnete Jaron. Seine kehlige Stimme klang säuerlich, denn er hasste es, schon morgens von seinem Tagesplan abweichen zu müssen.

„Einen Kaffee darf ich mir noch holen“, sagte er und schnippte.

„Na so toll scheint dein Wochenende nicht gewesen zu sein.“

Jaron lief rot an. Sie hatte Recht, er war viel zu dünnhäutig im Moment.

„Sorry, das war nicht gegen dich, Monika.“

„Schon okay. Bring Mike auch eine Tasse mit, dann freut er sich und euer Meeting beginnt besser gelaunt.“

Nun musste Jaron grinsen. Recht hatte sie und er befüllte eine zweite Tasse.

Mike stand neben einem großen dunkelhäutigen Bären von einem Mann. Er stellte sich als Heinz vor. Ein seltsamer Name, der nicht so richtig zu ihm passte, überlegte Jaron.

„Heinz, ist das ein üblicher Name in der dunkelhäutigen Bevölkerung?“, fragte Jaron etwas gestelzt, woraufhin Mike lachend den Ball aufnahm: „Heinz, er traut sich nicht zu sagen: bei euch schwarzen Männern.“

„Nein Sir, Vater kannte deutschen Schauspieler von früher: Heinz Rühmann, und deshalb ich so heißen.“

Die Männer lachten.

Mike holte eine Zeichnung aus der Tasche und erklärte Jaron sein Problem mit den Tanks.

„Warum wackeln die Tanks so stark?“

„Vielleicht jemand Verstärkungsträger geklaut“, kommentierte Heinz trocken.

„Ich schau es mir an“, erklärte Jaron, nahm die Zeichnung und ging in Richtung der Tanks. „Du musst nicht mit da hochkommen Mike, sondern kannst im Büro warten, wenn du willst. Ich melde mich nachher bei dir.“

Und schon war Mike verschwunden.

„Dein Kaffee“, rief Jaron ihm noch hinterher. „Dann nimm du den.“

Heinz wischte sich mit einem Lappen Maschinenfett von den Händen und bedankte sich. Auch sein Gesicht und der Hals waren mit Öl verschmiert. Nur seine dunkelblauen Augen und die weißen Zähne leuchteten. Sie liefen vorbei an den Förderbändern zu der Kugelmühle in Richtung der Tanks. Heinz hatte gerade die Kugellager an der Mühle neu gefettet. Acht Meter Länge und zwei Meter im Durchmesser maß die stählerne Trommel. Er zeigte Jaron, wie man sie anwarf. Mit einem langsamen Knirschen kam der Motor in Fahrt. Als ob Eisen auf Metall rutschen würde. Dann ein Klacken, das immer lauter wurde und ruckartig in einen scharrenden Dauerton überging, der sich deutlich vom Motorengeräusch absetzte. Jaron blickte verwundert.

„Kugeln, die bewegen und das Gestein zermalmen. Mühle heute früh gewartet, jetzt starten neu, Tagschicht produzieren.“

Anerkennend nickte Jaron und beide kletterten zur Plattform auf den Tanks hoch. Sie schwankte wie ein Schiff auf hoher See. Beängstigend. Unsicher mit kurzen Schritten, trippelte Jaron zum Rand der Tanks und schaute über die Brüstung neun Meter hinunter. Sein geschulter Blick verriet ihm die Ursache sofort: „Verdammt, da hat tatsächlich jemand die Verstärkungsträger abgeschraubt. Heinz, das ist extrem gefährlich. Bitte schalte sofort die Anlage wieder ab und besorg neue Trägerstützen. Die Tanks sind nicht stabil. Du musst die Träger diesmal jedoch mit Doppelnähten verschweißen.“

Heinz nickte untertänig.

Jaron ließ den Blick für einen Moment über die schier endlose Landschaft gleiten. Eine Straße schlängelte sich durch das weite Tal zum Horizont. Dort sah er wieder die goldbraunen Hügel: Slime-Dumps. Die Farbe verlieh ihnen etwas Magisches, etwas Faszinierendes. Von dort blies Jaron feuchtwarm ein leichter Wind ins Gesicht. Das Brummen des drehenden Kolosses hinter ihnen beschallte die trockene Umgebung. Knarrend hob ein kleiner Schaufellader zwei Schaufeln erzhaltigen Materials in einen stählernen Füllbehälter. Das Gestein rieselte gleichmäßig auf ein Förderband, an dem Arbeiter standen, um von Hand einzugreifen, wenn das Material das Band verstopfte. Plötzlich zerriss ein greller Pfiff, schneidig wie ein Blitz, die beschauliche Stimmung. Die Arbeiter schauten erschrocken auf.

„Aufhören, Mühle abschalten. Sofort“, brüllte Heinz hinunter und seine kräftige Stimme kämpfte gegen das laute Knarren und Ächzen der Anlage.

„Bin sicher, Arbeiter die Träger abmontiert. Stahlschrott bringt gutes Geld. Sold fehlt, guter Ausgleich.“

Jaron sah ihn verwundert an.

„Seit Wochen keine Bezahlung. Arbeiter streiken bald. Streik in Südafrika schlecht. Immer gewalttätig, immer Plünderungen.“

Heinz’ Halsschlagader schwoll an. Seine Hände gestikulierten heftig. Die großen Nasenflügel weiteten sich, wie ein Einmachgummi. Er holte tief Luft. Jaron trat näher an ihn heran und sah in seine stahlharten Augen. „Was meinst du, Heinz?“

„Management interessiert nicht Arbeiter, nur Gold im Untergrund. Wir ausgenutzt. Sicherheit nicht wichtig. Sind nur Schwarze.“

„Warum erzählst du mir das, Heinz?“

„Du neuer Ingenieur. Mit Einfluss.“

Jaron griff mit beiden Händen nach dem Geländer und folgte Heinz die steile Treppe von den Tanks hinunter. Ein beißender Geruch scharfer Chemikalien stieg ihm in die Nase. Der schien aus dem Container vor ihnen zu kommen. An der Tür war ein großes Schild angebracht: Elution. Heinz bemerkte Jarons hundeähnliches Schnuppern.

„Hier Gold ausgewaschen für Verkauf. Kritischster Teil der Anlage. Goldstaub aufwischen mit Hand einfach. Wo Kameras?“, fragte Heinz aufgeregt. Jaron schaute sich suchend um.

„Vielleicht versteckt. Ich kann jedenfalls keine sehen.“

„Gibt keine. Warum nicht?“

Heinz machte eine lange Pause und starrte Jaron erwartungsvoll an.

„Keine Ahnung. Weil zu wenig Geld dafür da ist, vielleicht?“ „Nein, könnte Diebstahl aufzeichnen.“ Heinz sprach schneller, jedoch leiser. Sein Mund kam näher an Jarons Ohr.

„Wir haben doch so strenge Sicherheitsmaßnahmen. Wie soll denn Gold aus der Anlage geschmuggelt werden?“

Heinz lachte. Es lag wohl einiges im Argen, dachte Jaron.

„Immer Schwarze schuld. Aber weißes Management klaut. Verstehen?“

Jaron konnte das Öl und den Schweiß an Heinz riechen. Der Geruch wurde intensiver, je mehr Heinz sich hineinsteigerte.

„Das sind schwere Vorwürfe, Heinz.“

„Schwarze Arbeiter immer die Dummen. Müssen klauen, um zu überleben. Weißes Management korrupt. Wir haben Macht, werden Weiße aus dem Land jagen.“

Wütend drehte sich der Vorarbeiter um und stapfte davon.

Hatte sich jedoch nicht so viel geändert in Südafrika, seit damals, dachte Jaron. Waren die Weißen immer noch Rassisten, heimliche Unterdrücker der Schwarzen? Oder war die schwarze Bevölkerung inzwischen so stark, dass die Weißen wirklich in Gefahr waren. Dann wäre das Land keine Wahl für seinen Ruhestand. Nachdenklich ging er zurück zum Verwaltungsgebäude.

Monika legte ihm die Zeitung hin, bevor sie in die Mittagspause ging.

„Schau es dir besser an. Das ist heute das Tagesthema. Und es gibt übrigens Steak und Kartoffeln.“

Ihm lief das Wasser im Munde zusammen, wenn er nur das Wort Steak hörte. Jaron dachte an die Steaks, die seine Mutter auf dem Grill früher zubereitet hatte, zusammen mit Bratkartoffeln. So saftig, so herzhaft, er bekam Hunger.

Dann blickte er auf den bebilderten Artikel auf Seite eins: Fünf Jahre seit dem Massaker von Marikana. Er überflog die Zeilen gebannt:

Knapp fünf Jahre nach dem wilden Streik in der größten Platin-Mine Südafrikas gibt es immer noch keine Gerechtigkeit. Die hohen Lohnforderungen der Gewerkschaften lösten damals den Streik aus. Die Mineneigentümer gaben schließlich nach. Mehr als 30 Streikende wurden von der Polizei beim Auflösen von Protestkundgebungen erschossen. Die Streiks hatten sich daraufhin auf weitere Minen ausgedehnt. Bis heute gibt es jedoch keine finanziellen Kompensationen für die betroffenen Familien der Streikopfer. Die Arbeitsbedingungen sind so schlecht wie damals und die Verantwortlichen auf Seiten der Polizei wurden nie zur Rechenschaft gezogen.

Geschockt ließ Jaron die Arme sinken und die Zeitung auf den Tisch fallen. Er konnte nicht glauben, was er eben gelesen hatte. Zu Apartheidzeiten hätte er bei einem solchen Artikel unbesehen genickt. Damals waren solche Repressionen üblich. Doch nicht im Jahr 2012, vor nur fünf Jahren!

Wie ein geprügelter Hund trabte er in die grün gestrichene Kantine. Wer hatte diese Farben ausgewählt, überlegte er. Jaron schnappte sich ein Tablett und stellte sich in die Schlange. Von den Arbeitern vor ihm fing er immer wieder Wortfetzen auf, ohne richtig zu verstehen, was sie sagten. Aber er konnte es sich denken. „Streikbrecher … Macheten … Arbeiter erschlagen … Erschossene …“ Sie klangen so aggressiv wie die Wandfarbe.

Er lief hinüber an einen freien Tisch und wenig später setzte sich Heinz zu ihm. Jaron blickte sich um und hörte die lebhaften Diskussionen an den anderen Tischen.

„Die Stimmung scheint ziemlich aufgeheizt“, begann Jaron.

„Ja, Leute sauer, weil nicht bezahlt. Willst über Streik wissen damals?“, fragte Heinz. „Ich dabei.“

Durch ein Nicken ermunterte Jaron ihn weiterzusprechen.

Heinz wischte sich den Schweiß von der Glatze, als ob er sich für einen Auftritt vorbereiten würde.

„Streik damals gerechte Streik. Forderung war, mehr Lohn für harte Arbeit. Da keine Bezahlung nach fünf Monaten, Arbeiter wütend. Gewerkschaften hatten auch gelogen. Familien am Ende. Dann Ausschreitungen, Plünderungen und Mord wegen kein Essen. Alles wegen Platin. Kein Platin, keine Handys. Südafrika damals größter Produzent. Deshalb Gewerkschaft sicher, wir bezahlt werden. Weil Westen Platin braucht. Schufteten tausende Meter im Untergrund. Temperaturen so heiß dort wie auf Sonne. Arbeiter schuften zu Tode für Hungerlohn. Gewerkschaft nicht bezahlt Streikgelder. Dann viele wurden Streikbrecher. Dann Gewalt. Sie mit Macheten nachts überfallen und umgebracht. Ich nicht dabei. Hatte Angst.“

Beklommen schob sich Jaron einen Bissen in den Mund, während Heinz sein Besteck zur Seite legte und mit wild fuchtelnden Händen seine Erlebnisse untermalte. Schweißperlen auf der Stirn. Er griff wieder zum Taschentuch. Gebannt hörte Jaron weiter zu.

„Unsere Mine klein im Vergleich zu riesigen Anlagen damals. Von Stahlgerüsten der Tanks in Marikana Arbeiter am Boden nicht größer als Ameisen. Hinter Mine lagen Shacks, Wellblechsiedlungen. Dort gewohnt, keine WCs, kein frisches Wasser, kein Strom.“

Jaron musste an die Toilettenstadt denken, die er am Wochenende gesehen hatte, und schüttelte bedrückt den Kopf.

„Keine Bezahlung, kein Geld für Arzt. Seuchen in Shacks, dann Streiks ausgeweitet auf ganz Südafrika. Und dann Tag des Todes, Polizei auf Streikende schoss.“

Jaron schnitt wieder ein Stück Fleisch ab und legte eine kleine, goldgelb gebratene Kartoffel dazu auf die Gabel.

„Und das war vor fünf Jahren?“ Er konnte nicht fassen, wie viel Brutalität es in seiner Heimat noch gab. Der Bericht hätte aus seiner Jugend sein können, in Phalaborwa, in der Provinz Limpopo. Er dachte an seine Schwester und ihren dunkelhäutigen Freund, und wie sie zum ersten Mal beim sonntäglichen Mittagstisch, sehr vorsichtig von ihm erzählt hatte. Vater zog ihr den Teller weg, schimpfte aufgebracht und schickte sie aus dem Esszimmer. Mutter protestierte, Vater hob nur die Hand. Totenstille im Raum. Unerwartet sprang der ältere Bruder auf, rannte der Schwester hinterher. Und dann hörte er nur noch, wie sie schrie, als die Schläge auf sie niederprasselten. Und er saß nur feige am Tisch.

Eine starke Hand rüttelte seinen Unterarm.

„Jaron, geträumt?“, flachste Heinz.

„Ja, einen furchtbaren Traum.“

Er stand auf, griff nach seinem Tablett und nahm die aufgebracht diskutierende Menge nicht mehr wahr. Er lief zum Ausgang.

Draußen ließ er sich auf dem staubigen Boden nieder, setzte seine Sonnenbrille auf und zog die Golden Mills Baseballmütze ins Gesicht. Er blickte in die Sonne, als ob er die Vergangenheit darin erkennen könnte.

Kapitel 3 – Kirche – Mai 2017

 

 

Jarons Leben bekam wieder Routine. Er arbeitete hart, vertiefte sich in seine technischen Aufgaben und kümmerte sich als leitender Ingenieur für Golden Mills um die notwendigen technischen Verbesserungen der Anlage. Seine Aufgabe gefiel ihm, Arbeiter und seine Kollegen im Management schätzten ihn gleichermaßen. Seine Präzision und Akribie, sowie seine knappe und sachliche Sprache, brachten ihm bald den Spitznamen ‚Der Holländer‘ ein. Auch wenn er äußerlich gefestigter erschien, brodelte es innerlich in ihm. Seine Melancholie und seine Erinnerungen machten ihn zu einem Fahrer mit angezogener Handbremse. Würde er wieder der Alte werden?

 

Manchmal besuchte er unter der Woche, noch bevor er zur Mine fuhr, die Bethel evangelisch-lutherische Kirche in New Payneville, 15 Kilometer von seinem Haus in Springs entfernt.

Seine Mutter hatte ihn protestantisch erzogen. Er hatte sich viele Jahre nichts daraus gemacht. Seit dem Tod von Margaretha erlebte er Gott hingegen oft zum Greifen nahe, insbesondere in der kühlen, klaren Atmosphäre der weiß getünchten Kirche. Die Holzbänke waren leer. Es roch modrig.

Der Pfarrer, ein paar dunkelhäutige ältere Damen und er waren die einzigen Gläubigen. Die göttliche Orientierung von oben, wie Jaron es selbst nannte, diente ihm als Richtung auf seinem struppigen Weg nach vorne.

Diesen Freitag sprach der Pfarrer tröstende Worte für eine Trauernde und Jaron war ergriffen, als der schwarze Prediger mit durchdringender Stimme sprach:

„Manchmal fühlt sich das Leben wie ein Spiel an, in dem du die Art deines Schmerzes wählen musst: Den Schmerz weiterzumachen oder den Schmerz aufzugeben. Der Schmerz, weiterzumachen, beinhaltet viel mehr Unsicherheit, aber der Schmerz, aufzugeben, ist viel schlimmer.“

Diese Worte drangen in Jaron ein wie Wasser in einen Schwamm. Und sein Gehirn mahlte sie wie ein Mühlstein. Als ob sie dadurch leichter verdaubar wären. Ein leises Lächeln legte sich auf sein Gesicht. Seit Margarethas Tod war er zwar auf eine harte Probe gestellt und sein Leben in andere Bahnen katapultiert worden, doch aufgeben würde er nicht.

Mit einem leichten Kopfnicken grüßte er die alten Damen und begab sich zum Ausgang. Als er die eiserne Tür langsam öffnete, drangen Sonnenstrahlen in die Kirche. Jaron drehte sich noch einmal um. Je weiter der Türspalt wurde, desto tiefer leuchteten die Strahlen in den Raum, bis sie schließlich das Kreuz auf dem Altar in Licht tauchten. Er wusste, er war auf einem guten Weg.

 

Er gönnte sich noch einen Moment Ruhe und ließ sich auf eine steinerne Bank vor der Kirche nieder, setzte die Sonnenbrille auf und schloss die Augen. Er dachte an Phalaborwa, seiner Geburtsstadt in der nördlichen Provinz Limpopo. Von seinem Vater wusste er, dass in den 1840er-Jahren die Buren, seine Ur-Ur-Ahnen im großen Treck nach Nordosten gezogen waren. Sie erschlossen die Minengebiete in Limpopo und so kam es, dass auch seine Familie über Generationen hinweg in Minen arbeitete. Als Grubenarbeiter, als Hilfskraft am Bohrer, als Wagenschieber, später als Lastwagenfahrer, Frauen in der Küche und der ein oder andere schaffte es zum Assistenten des Minenleiters.

„Gold hat die Geschichte Südafrikas geprägt, mein Sohn“, sagte ihm sein Vater immer wieder und tatsächlich war Johannesburgs früherer Reichtum eng an den Goldabbau geknüpft. Anscheinend kamen knapp die Hälfte des jemals weltweit geförderten Golds aus Südafrika, erinnerte sich Jaron an einen Artikel, den er vor Jahren gelesen hatte. Dafür trieb man in vielen Minen die Stollen kilometertief in die Erde und machte die Arbeit dadurch gefährlicher und anstrengender.

„Werde Mineningenieur, aber gehe nie in den Berg, Jaron“, erinnerte er sich wieder an die Worte seines Vaters.

Auch seine kleine Schwester hatten die Eltern gedrängt, eine Ausbildung zu machen, die ihr im Minengeschäft hilfreich sein würde. Ihr reichte es jedoch nicht, Chemielaborantin zu sein. Sie wollte immer Mineralogie studieren. Ob sie es je durchgezogen hatte, wusste Jaron nicht.

Sein älterer Bruder hatte eine Ausbildung in der Verwaltung absolviert. Es passte nicht zu ihm, denn er war nicht geeignet fürs Büro. Er war ein kraftvoller Sportler, mit gewaltigen Oberarmen und noch mehr Bauchmuskeln. An der frischen Luft sein, das war sein Leben. Und deshalb wechselte er bald nach seinem Abschluss zum SAPS, South African Police Service.

Jaron wusste nicht viel von seinen Geschwistern, denn nach den schrecklichen Ereignissen vor fast 30 Jahren hatten sie sich aus den Augen verloren. Er hasste seinen Vater dafür, dass er sie aus dem Haus getrieben hatte. Mutter hatte alles versucht, den Vater umzustimmen. Doch es nutzte nichts, denn der sture rassistische Idiot konnte nicht akzeptieren, dass seine Tochter in einen Schwarzen verliebt war. Seine Schwester lief am Weihnachtsabend davon. Tagelang suchten die Eltern und die Brüder sie, aber sie blieb verschwunden. Es war das letzte Mal, dass die Familie zusammen war.