Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Das Buch nimmt auf der Basis von Gesprächen mit Vermögensinhabern zentrale, vor allem ethische Begriffe in Augenschein, die im Zusammenhang mit dem verantwortungsbewussten Umgang mit Vermögen bedeutsam sind. Die erkenntnisleitende Frage lautet: Was denken Vermögensinhaber über die wesentlichen philosophisch-ethischen Fragen zum Umgang mit Vermögen, und wie gehen sie persönlich mit der daraus erwachsenden Verantwortung um?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 364
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Christian von Bechtolsheim/Andreas Rhein (Hg.)
zusammen mit Nicolai Hammersen
Vermögen bedeutet Verantwortung
Erfahrungen und Perspektiven
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2021
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Umschlagkonzeption: Verlag Herder
E-Book-Konvertierung: Carsten Klein, Torgau
ISBN E-Book 978-3-451-82006-9
ISBN Print 978-3-451-39135-4
Vorwort
Teil 1: Ursprung von Vermögen
Herkunft von Vermögen: erarbeitet oder geerbt
Vorhandenes bewahren oder Neues aufbauen
Vermögen und Glück
Glück haben
Glücklich sein, glücklich leben
Teil 2: Bedeutungsdimensionen von Vermögen
Freiheit
Unfreiheit
Sicherheit
Macht
Verantwortung
Aufgaben- und Handlungsverantwortung
Rechenschaftsverantwortung und Haftung
Pflicht
Pflichten gegen sich selbst und gegen andere
Rechtspflichten
Neid
Spaltung unserer Gesellschaft, Klischees über Reiche
Teil 3: Ethische Probleme von Vermögen
Gerechtigkeit
Wann sind Vermögen gerecht?
Soziale Gerechtigkeit: Ausgleich naturgegebener Unterschiede
Kommen Reiche in den Himmel? Vermögen und Moral
Selbstinteresse vs. Altruismus
Gleichheit und Ungleichheit (Arm und Reich)
Sinn und Nutzen
Teil 4: Vermögen und Gesellschaft
Vermögensverteilung, Vermögensteuer
Nachhaltigkeit
Herausforderungen bei der Übertragung
Eigentum
Engagement für Gemeinschaft und Gesellschaft
Antrieb: Pflicht oder Bedürfnis?
Interesse: Anerkennung und Prestige?
Nachwort
Die Interviewpartner
Über die Autoren
Im November 2020 gab die Mainzer Firma Biontech die erfolgreiche Entwicklung eines Impfstoffes gegen den Coronavirus SARS-CoV-2 bekannt. Gemeinsam mit dem US-Unternehmen Pfizer hatte man in Rekordzeit den mRNA-Impfstoff BNT162b2 zur Marktreife gebracht. Die Welt begann aufzuatmen. Der Kurs der Biontech-Aktie stieg von 30 Euro Ende Januar 2020 auf 90 Euro im Januar 2021. Die Gründer um die Wissenschaftler Uğur Şahin, Özlem Türeci und Christoph Huber wurden schlagartig berühmt und sehr wohlhabend. Dieser große pharmazeutisch-medizinische Coup war jedoch nicht ohne finanzstarke Geldgeber möglich. Hauptinvestoren waren und sind die Brüder Andreas und Thomas Strüngmann. Die Zwillinge hatten von ihrem Vater einen kleinen Generika-Hersteller übernommen, den sie 1986 für 100 Millionen DM verkaufen konnten. Mit diesem Vermögen starteten sie die Firma Hexal und machten daraus einen der größten Generika-Produzenten in Europa. Dieses Engagement konnte 2006 für 7,5 Milliarden Euro an Novartis verkauft werden. Die Brüder Strüngmann sind ein Beispiel für das kongeniale Wirken von privatem »smart capital« und wissenschaftlichem Genius.
Keine staatliche Einrichtung weltweit konnte es mit dieser Mischung aus Flexibilität, Effizienz, Power und Wagemut aufnehmen. Dieses Muster an unternehmerischer Symbiose lässt sich öfter antreffen, als gemeinhin vermutet wird. Wenn wir über 120 Jahre zurückblicken, haben wir eine ganz ähnlich gelagerte komplementäre Beziehung zwischen dem Erfinder Carl Miele und dem Geldgeber Reinhard Zinkann. Die Nachfahren der Gründer besitzen die Firma Miele noch heute. Drei Generationen von Erben haben Miele sehr erfolgreich geführt und erweitert. Heute gehört der Marktführer mit einem Umsatz von 4,5 Milliarden Euro (2020) zu den wichtigen Faktoren für Wachstum, Stabilität und Prosperität in seiner Region und darüber hinaus.
Wer sind diese Erben oder Unternehmensgründer, wer sind die Reichen in unserem Land? Es ist eine kleine Gruppe, die häufig bewundert, aber noch häufiger geschmäht wird. Es vergeht kaum ein Tag, an dem die Themen Gerechtigkeit, die »Schere zwischen Arm und Reich«, die Forderung nach (mehr) Umverteilung usf. nicht auf der öffentlichen Agenda stehen. Ein sehr großer Teil der Öffentlichkeit hat kaum Bezugspunkte zu den sogenannten Reichen, sich aber dennoch längst ein Bild gemacht, und wenn man den Statistiken glauben will, so ist dieses Bild kein gutes. Gerade weil die Darstellung der Wohlhabenden – auch in den Medien – häufig sehr tendenziös ist, wagt sich kaum ein Vertreter dieser Spezies nach vorne, um das Image im öffentlichen Diskurs zu korrigieren.
Umso dankenswerter ist es, dass in diesem Buch mehr als 20 Interviewpartner Rede und Antwort stehen, um für mehr Transparenz zu sorgen. Darunter sind Vertreter alter Vermögen, wie Röchling, deren Erben sich in fünfter Generation zu Wort melden. Es finden sich Vertreter großer Namen unter den Protagonisten dieses Buches. Ihre Familiennamen sind heute Synonym für die Produkte, die sie erzeugen. Hipp, Jacobs und Underberg seien hier genannt. Selfmade-Milliardäre, wie Dirk Roßmann, und Manager, die mit Geschick und Networking ein großes Vermögen erarbeiten konnten, runden das Bild ab. Alles in allem entsteht ein Panorama, das vertiefte Einblicke in die Gedankenwelt von Vermögenden erlaubt und deutlich macht, wie sehr der im Titel dieses Buches formulierte Anspruch Richtschnur für ihr Denken und Handeln ist.
In den Gesprächen ist viel von Bürde, Verantwortung, Leistung und Arbeits-Ethos die Rede. Es wird aber auch deutlich, dass sich die hier zu Wort meldenden Persönlichkeiten ihrer privilegierten Stellung sehr bewusst sind, diese auch durchaus genießen und tiefe Dankbarkeit empfinden. Die Möglichkeit, ein unabhängiges, kreatives oder karitatives Leben aus einer Situation der Stärke und des Wohlstandes heraus führen zu können, ist ein Segen. Freilich wird dieser Vorzug immer demütig mit dem Wissen verknüpft, dass morgen alles vorbei sein kann.
Die Zufälle der Geburt – ob im Slum in Kibera, Nigeria, oder in einem Münchner Krankenhaus – sind zwangsläufig Basis für unterschiedliche Lebenschancen. Dies gilt im kleinen Maßstab für jeden, denn unabhängig davon, ob in Reichtum oder unter prekären Umständen geboren: Allein das Privileg, in einem Rechtsstaat ohne Angst, Hunger, Gewalt oder Naturkatastrophen leben zu dürfen, sollte uns täglich daran erinnern, dass solche Lebensvorzüge nicht selbstverständlich sind, sondern eine große Gnade darstellen. Gleichzeitig ist es eine beständige Herausforderung, unser Gewissen gegenüber denjenigen zu schärfen, deren äußere Lebensumstände weniger vom Glück begünstigt sind.
Das vorliegende Buch basiert wesentlich auf den Interview-Transkripten mit einem Gesamtumfang von 300 DIN-A4-Seiten. Um die Gesprächsinhalte in einer gut lesbaren Form darbieten zu können, haben wir bewusst auf die Darstellung als geformte Interviews mit dem dafür typischen dialogischen Wechsel von Fragen und Antworten verzichtet. Stattdessen haben wir die berichtende oder erzählende Form gewählt.
Allen Gesprächspartnern, die mit uns das Thema »Vermögen und Verantwortung« umkreist haben, danken wir sehr herzlich für ihre Bereitschaft, dieses Buchprojekt zu unterstützen.
Im ersten Teil geht es um die am Ende nur zwei möglichen Arten, zu einem Vermögen zu kommen: (a) durch Arbeit respektive eine unternehmerische Leistung und (b) durch ein Erbe oder eine Schenkung. Dieser Teil beleuchtet die individuelle Historie von Vermögen im Kontext von Begriffen wie Arbeit, Leistung, Erfolg, Glück etc.
Wer sich mit Vermögen beschäftigt, steht am Anfang vor der Frage, wo es herkommt, welchen Ursprung es hat und wie dieser Ursprung moralisch zu bewerten ist. Vermögen kann einerseits durch eigene Arbeit, eine unternehmerische Leistung beispielsweise, selbst geschaffen werden. Andererseits kann man Vermögen erben oder geschenkt bekommen. Wie ist dieser Unterschied zu bewerten? Ist das selbst erarbeitete Vermögen moralisch oder sittlich »besser« als das geerbte Vermögen? Müssen denjenigen, der sein Vermögen geerbt oder der es geschenkt bekommen hat, Gewissensbisse plagen, weil ihn das Schicksal derart begünstigt?
Um die Antwort vorwegzunehmen: Nein, Gewissensbisse müssen denjenigen, der sein Vermögen geerbt oder geschenkt bekommen hat, nicht plagen. Zum einen sind Erbschaften und Schenkungen in unserer Rechtsordnung erlaubt, zum anderen sucht sich niemand aus, in welche Vermögenssituation ihn das Schicksal stellt. Entscheidend ist – und das zieht sich wie ein roter Faden durch die Antworten praktisch aller Gesprächspartner –, was man aus seinem Vermögen macht. Das selbst erarbeitete Vermögen erlaubt hier mehr Freiheit, es nach eigenem Ermessen einzusetzen. Ererbtes Vermögen bringt eine besondere zusätzliche Verantwortung mit sich: Sie besteht darin, sich als Teil einer Kette zu verstehen, deren Aufgabe darin besteht, das Vermögen für die kommende Generation zu bewahren und weiterzugeben. »Wenn man ein Vermögen erbt oder es geschenkt bekommt, dann hat man dieses Vermögen nur treuhänderisch bekommen, um es der nächsten Generation weiterzugeben. Wenn man davon lebt und eine Konsumhaltung einnimmt, dann wird es schwierig«, sagt etwa Christa Ratjen, Gesellschafterin der Pfeifer & Langen GmbH & Co. KG. Eine charakteristische Aussage für Vermögensinhaber, deren Hintergrund ein Familienunternehmen ist. Der Bankier Friedrich von Metzler betont, »dass ererbter Reichtum nicht nur ein reines Glück, sondern eine schwere Verpflichtung sein kann und immer eine Handlungsaufforderung an den Erben ist«.
Die Aufgabe zu übernehmen – manchmal übernehmen zu müssen –, das Familienvermögen zu bewahren und an die nächste Generation weiterzugeben, darf man sich nicht als andauernden Spaß vorstellen. Der Unternehmer Martin Schoeller berichtet, bei den Großgrundbesitzern freuten sich alle, wenn sie in der x-ten Generation den Wald, die Landwirtschaft und das Schloss erhielten. Die »Schlotbarone« aber frage man, ob sie nicht ein schlechtes Gewissen hätten, weil sie eine große Firma geerbt haben. »Das müssen wir überhaupt nicht haben. Wenn Produktlebenszyklen sechs Jahre lang sind, muss ich mich alle sechs Jahre zur Wahl stellen. Das ist kein Geschenk für immer. Das Erbe – das ist auch Ethos in unserer Familie – ist eine Aufgabe«, so Schoeller. Derjenige, der sich zum Fortführen bereit erkläre, sei nicht der, der von allen beneidet werde. Das werde auch als eine Bürde angesehen. Wenn man sich als ein Glied in der Kette und nur als Sachwalter der nächsten Generation verstehe, dann agiere man schon sehr sorgfältig. Die Angst, zu versagen, sei ein Gefühl, das es zu beachten gelte. Der schwäbische Textilunternehmer Wolfgang Grupp sieht es ähnlich. Ein Vermögen zu bekommen sei ein Vorteil, aber er verpflichte auch. »Auch meine Kinder bekommen das Erbe, sie können es ›genießen‹, aber sie haben die Verpflichtung, es in die nächste Generation weiterzugeben. Ich weiß nicht, ob das Kind, das das Unternehmen bekommt, nicht benachteiligt ist gegenüber dem anderen, das optisch vielleicht etwas weniger erhält, aber im Prinzip freier ist. Ein Vermögen, eine Firma vor allem ist natürlich auch eine Hypothek.«
»Aufgabe«, »Verpflichtung«, »Bürde«, »Hypothek«: Wer sich die Erbschaft oder Schenkung eines Vermögens vorrangig als eine das Leben versüßende Zugabe vorstellt, übersieht, dass Vermögen häufig unternehmerisch gebunden sind. Vor allem in Deutschland mit seinen sehr vielen mittelständischen Familienunternehmen ist das oft der Fall. Natürlich werden auch Geld- oder Wertpapiervermögen, Bilder- oder Autosammlungen übertragen. In diesen Fällen kann der Empfänger in seinen Entscheidungen, was er mit diesem Vermögen macht, freier agieren. Sobald ein Unternehmen ins Spiel kommt, sieht die Sache anders aus. Hier geht es um Mitarbeiter, den Erhalt von Arbeitsplätzen, die Beziehungen zu Kunden und Lieferanten und zur Gesellschaft als Ganzes. Heinz Dürr, ehemaliger Vorstandsvorsitzender von AEG und Deutsche Bahn und mit seiner Familie Mehrheitsaktionär der Dürr AG, beklagt, es gebe einige Erben, »die mit ihrem Vermögen etwas ›schlampig‹ umgehen, die nur etwas für sich selber machen, denen völlig egal ist, was mit der Gesellschaft passiert. Meine Lebensweisheit war immer: Ein Unternehmen ist eine gesellschaftliche Veranstaltung.« Es versorge die Gesellschaft mit Gütern und Dienstleistungen, bemühe sich darum, Arbeitsplätze möglichst sicher und langfristig anzulegen, und achte auf eine angemessene Verzinsung des eingesetzten Kapitals. Damit diese gesellschaftliche Veranstaltung funktioniere, müsse ein Unternehmen Gewinn machen – und zwar auf Dauer. Gewinn ist laut Dürr somit das Mittel zur Erfüllung der eigentlichen Ziele des Unternehmens und nicht umgekehrt. Gewinn sei also nicht Zweck des Unternehmens, sondern Messgröße, ob die gesellschaftliche Veranstaltung Unternehmen funktioniert. Das Weiterführen eines solchen Unternehmens im Sinne des Erblassers sei durchaus eine Leistung, die beachtenswert ist, meint Claus Hipp. »Wenn ein Erbe nicht alles für sich selbst konsumiert, sondern Arbeitsplätze erhält, Produkte entwickelt, die gut sind, die Verbrauchern und der Allgemeinheit helfen, dann ist das sehr positiv.«
Aus dem Erbe »nichts zu machen« (Patrick Adenauer), mit dem Geschenkten »nicht adäquat umzugehen« (Hubertine Underberg-Ruder), umgekehrt mit Vermögen »gut und sinnvoll umzugehen« (Annunziata Gräfin Hoensbroech), es »für etwas Gutes zu nutzen« (Natalie Mekelburger), »etwas Vernünftiges mit dem Geerbten« (Gregor von Opel) anzufangen, überhaupt »etwas daraus zu machen« – das ist der Tenor, geht es um die Frage nach der moralischen Bewertung der unterschiedlichen Herkunft von Vermögen. Die Herkunft allein ist weder moralisch verwerflich noch moralisch zweifelsfrei, sondern es geht darum, was man macht. So sieht denn auch Klaus Mangold, früherer Vorstandsvorsitzender von Quelle und Vorstandsmitglied von Daimler Benz, in der unterschiedlichen Herkunft von Vermögen keinen moralischen Unterschied. »Aber ich sehe schon einen Unterschied in der Qualität der Einstellung. Ich glaube, man hat eine andere Einstellung zu seinem Vermögen, wenn man sich das selbst erarbeitet, praktisch ›green field‹ begonnen und sich ein Vermögen erschaffen hat.« Die Münchner Unternehmerin Maria-Theresia von Seidlein meint, »dass ein selbst erarbeitetes, wirklich von null erschaffenes Vermögen einem eine größere Genugtuung und eine größere moralische Rechtfertigung gibt«. Ähnlich sieht es Andreas Jacobs, Sproß der bekannten deutschen Unternehmerfamilie und selbstständiger Unternehmer, der sein Vermögen teilweise geschenkt bekommen und teilweise selbst erarbeitet hat: »Das selbst erarbeitete Vermögen hat ein anderes Gewicht, wenn es um Verantwortung geht, wenn es um Selbstbestimmung, um sein eigenes Recht geht, damit umzugehen. Die Freiheit, es einzusetzen, ist größer, weil es mehr das eigene ist und nicht das vom Vater übernommene oder geerbte.« Wer nur ein großes Vermögen erbe, ohne selbst unternehmerisch tätig zu sein, im Familienunternehmen mitgewirkt zu haben oder anderweitig aktiv gewesen zu sein, um das Vermögen zu erhalten oder zu vermehren, der habe vielleicht weniger Selbstvertrauen, was sein Vermögen anbelangt, meint Seidlein ergänzend. Patrick Adenauer, der in eine Familie geboren wurde, »in der es kein Vermögen zu vererben gab«, betont, für ihn sei es wertvoll, dass er alles, was er habe, »mehr oder weniger selbst erarbeitet habe«. »Ich weiß nicht, ob ich es moralisch ›schlechter‹ nennen würde, wenn einer sein Vermögen geerbt hat. Ich finde nicht gut, wenn Leute, die etwas erben, nichts daraus machen«, so sein Fazit.
Auch bei denen, die Vermögen geerbt oder geschenkt bekommen haben, ist das, was folgt, mit Arbeit verbunden. Nicht immer kann man den Eindruck gewinnen, dass das überall gesehen und verstanden wird. Nur eine recht naive Betrachtung der Verhältnisse kann zu der Sichtweise führen, nach dem Erbe eines Vermögens ließe sich doch umstandslos zum Savoir vivre übergehen. Manche mögen das tun, viele tun es nicht und können es auch gar nicht. Natürlich erleichtert ein Vermögen in materieller Hinsicht vieles, darüber hinaus bedeutet es Arbeit, wenn man es erhalten, weiterentwickeln und an die nachfolgende Generation übergeben möchte. Heinz Dürr berichtet, er habe von seinem Vater die Firma Dürr geerbt. »Das war eine Blechfertigung, eine einfache Firma. Die habe ich ausgebaut zu einem Weltmarktführer für Lackieranlagen und jetzt auch Holzbearbeitungsmaschinen, also Maschinen- und Anlagenbau. Insofern ist das Vermögen durch Arbeit entstanden. Es war für mich nie eine Frage, ob das ein großes Vermögen ist oder nicht. Für mich war entscheidend, dass ich meine Anlagen in der ganzen Welt verkaufen konnte und dass der Name Dürr bekannt wurde.« Jeder, der Vermögen geerbt habe, wisse sehr wohl, dass das »mit vielen Herausforderungen verbunden ist«, meint Annunziata Gräfin Hoensbroech, Vorsitzende des Kuratoriums der Röchling Stiftung. Von Arbeit weiß auch Andreas Jacobs zu berichten: Auf der einen Seite habe es eine Schenkung gegeben, auf der anderen Seite schon zuvor sehr viel harte Arbeit. »Das lag bei mir daran, dass ich nie damit gerechnet habe, etwas geschenkt, etwas vererbt zu bekommen. Ich bin von vornherein so erzogen worden, dass Erfolg immer durch Arbeit und Leistung zustande kommt und dass ich alles, was ich im Leben bekomme, mir selbst erarbeiten muss. Das war eine sehr frühe Konditionierung, und dadurch gehöre ich innerlich zu der Gruppe jener, die Vermögen durch Leistung erarbeitet haben.« Bei einer weiteren Familie, die ungenannt bleiben möchte, hat es zwar dem Grunde nach eine unternehmerische Beteiligung gegeben, für deren Höhe oder Bewertung vor der Umwandlung in ein Finanzvermögen aber »brutal harte Arbeit« erforderlich gewesen ist. Um das Finanzvermögen zu verwalten entstand ein Family Office. Auch das ist kein Selbstgänger. »Das ist schon belastend, das ist wirklich harte Arbeit, wenn man das Vermögen erhalten und nicht einfach aufbrauchen will«, heißt es vielmehr.
Das Erbe als Aufgabe, als Handlungsaufforderung, Vermögen als Arbeit – im Großen und Ganzen ist das die Sicht betroffener Personen und Familien. Nun gibt es manche, die im Erben ein Relikt aus feudalen Zeiten sehen, die meinen, die Fortschreibung materieller Privilegien von Generation zu Generation sei mit dem Leistungsethos liberaler Gesellschaften von heute nicht vereinbar. Man darf das so sehen, allerdings verkennt diese Sichtweise die enorme Bedeutung, die die in unserer Rechtsordnung angelegte Möglichkeit des transgenerationalen Vermögenstransfers für die Motivation zur wirtschaftlichen Betätigung hat. Warum sollte jemand ein Vermögen aufbauen und bewahren, wenn er es nicht an seine Kinder weitergeben kann? Nur für sich selbst? Das mag dem einen oder anderen genügen, den meisten aber eben nicht. Es ist Teil der menschlichen Natur, das weitergeben zu wollen, was man aufgebaut hat. »Was ist verwerflich daran, wenn man seinen Liebsten und Nächsten weitergibt, was man erschaffen und aufgebaut hat«, fragt Gregor von Opel, Urenkel von Adam Opel und selbstständiger Unternehmer. »Wer das in Frage stellt, stellt sich selbst in Frage und rüttelt an den Grundfesten unserer Kultur. Es entspricht unserer menschlichen Natur und sollte uns stets Ansporn sein, Sicherheit und Wohlstand schaffen zu dürfen und weiterzugeben.« Ein Mitglied einer der bekanntesten deutschen Unternehmerfamilien, die ungenannt bleiben möchte, sagt: »Für mich ist die Möglichkeit, etwas an die nächste Generation weiterzugeben, eine große Motivation, überhaupt wirtschaftlich tätig zu sein. Wenn man etwas langfristig aufbaut, weiß man, dass man den Erfolg des Ganzen nicht nur selbst erben oder wieder einsetzen können wird, sondern auch die Generation danach. Wenn ich 65 wäre und wüsste, ich kann nichts weitergeben, weil alles weggenommen wird, dann würde ich natürlich mein wirtschaftliches Handeln auch dementsprechend anpassen.« Christian von Boetticher, Geschäftsführer des Lebensmittelherstellers Peter Kölln, macht deutlich, unsere Grundwerteordnung erlaube es, Geld und Vermögen auf unterschiedliche Weise zu erwerben: durch Erbschaft, durch eigene Arbeit oder durch Glücksspiel. Nichts davon sei verboten oder sittlich anstößig. Darüber hinaus stelle das Grundgesetz die Familie unter besonderen Schutz, weil es dem Denken in Generationen, der Verantwortung der Eltern für ihre Kinder und später der Kinder für ihre Eltern besondere Bedeutung beimesse. »Dazu gehört selbstverständlich auch, dass Eltern etwas aufbauen, was sie ihren Kindern weitergeben«, so Boetticher. Aus einer anderen Familie heißt es, der feste Wille, das Vermögen zu erhalten, rühre daher, dass »wir uns der eigenen Familie gegenüber verpflichtet fühlen, den nächsten Generationen. Das ist motivierend und richtig. Wer irgendetwas dagegen hat, soll sagen, wie das Alternativsystem aussieht, wenn wir nicht unsere Motivation zur Fürsorge gegenüber der Familie mitbringen.« Die Unternehmerin Natalie Mekelburger weist zunächst darauf, dass derjenige, der ein Vermögen erwirtschaftet und bereits seine Einkommensteuern dafür entrichtet hat, als Erblasser oder Schenkender nicht nur rechtens, sondern auch guten Gewissens darüber befinden könne, wer das Vermögen erhalten solle. Mit Blick auf Forderungen nach einer Vermögensteuer oder einer erhöhten Erbschaftsteuer betont Mekelburger die kulturellen Unterschiede, die beispielsweise zwischen den USA und Deutschland bestehen. Dort gebe es über die Kapitalmärkte einen viel leichteren Zugang, um innerhalb kurzer Zeit Vermögen aufzubauen. »Wenn wir dagegen bei uns von Unternehmensvermögen sprechen, dann sehen wir eine Landschaft mit vielen traditionellen Familienunternehmen. Die haben eine Art Pakt mit ihren Mitarbeitern über eine lange Zeit, auch über die nächste Generation hinweg«, sagt Mekelburger. »Es ist alles auf Langfristigkeit und auf die nächste Generation ausgerichtet. In den USA gibt es diese Selbstverständlichkeit ›Ich übertrage auf die nächste Generation‹ nicht. Die Unternehmer zeigen dort nicht so eine hohe Verantwortung für die Mitarbeiter, wie wir es tun.« Die Unternehmenslandschaft in Deutschland sei maßgeblich von einem Unternehmen-Mitarbeiter-Pakt geprägt, von der Verantwortung für das Vermögen und für das Unternehmen sowie von der Aufgabe, es auch in die nächste Generation zu führen.
Es geht eben – und das kann nicht deutlich genug betont werden – in vielen Fällen nicht allein darum, einfach ein »Vermögen« (siehe S. 160ff.) zu übertragen, das manche dann als »unverdientes Vermögen« ansehen, sondern es geht darum, ein Unternehmen zu erhalten, Arbeitsplätze zu erhalten und damit einen gesamtgesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Mekelburger: »Diejenigen, die sagen ›Wir wollen eine höhere Erbschaftsteuer, weil die jetzigen Verhältnisse so ungerecht sind, weil so viele begünstigt werden, die das gar nicht verdient haben‹, müssen sich über die Alternativen im Klaren sein. Das amerikanische System? Das will keiner. Oder ein sozialistisches System? Dann wären wir nicht da, wo wir heute vom Erfolg her stehen. Deswegen sollte man sich sehr gut überlegen, ob sowohl Vermögensteuer als auch Erbschaftsteuer wirklich der richtige Weg sind.« Gregor von Opel kritisiert in diesem Zusammenhang, die Erbschaftsteuer verhindere oder erschwere häufig den Generationenübergang. »Diese Abgabe, die der Umverteilung dient, sollte unbedingt abgeschafft werden. Der Staat sollte sich schämen, am Ableben seiner Bürger verdienen zu wollen. Es handelt sich zum einen um bereits versteuertes Kapital, zum anderen schadet diese Steuer unserer Wirtschaft und ist unanständig.«
Mit Blick auf Steuern weist Jörg Mittelsten Scheid, der rund 35 Jahre Verantwortung für den Vorwerk-Konzern trug, darauf hin, dass beide Vermögensarten – ererbt oder verdient – »ihre Pflicht gegenüber der Allgemeinheit insofern erfüllt haben, als sie entweder durch die Ertragsteuern oder über Erbschaft- und Schenkungsteuer einen Teil der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt haben«. Damit sei zunächst einmal die Verpflichtung des Vermögensinhabers gegenüber der Allgemeinheit abgegolten. Psychologisch gebe es aber doch einen Unterschied, ob man das Vermögen selbst erwirtschaftet oder geschenkt bekommen oder geerbt habe.
Habe man das Vermögen selbst verdient, sei man frei in der Verwendung – allerdings mit einer Einschränkung. Sie hängt davon ab, ob das Vermögen in Anlageformen investiert ist, die Einfluss auf andere Menschen haben oder nicht. Bei Anlageformen, die keinen unmittelbaren Einfluss auf Menschen haben, wie etwa Wertpapierinvestments, müsse der Vermögensinhaber frei sein, darüber zu verfügen, wie er es möchte. Bei Anlageformen, die mit Menschen zu tun haben, wie eine unternehmerische Beteiligung, ließen sich aus der Beziehung zu diesen Menschen gewisse andere Formen der Verpflichtung ableiten.
Das ererbte Vermögen sei zwar objektiv seiner Verpflichtung gegenüber der Allgemeinheit durch die Steuern gerecht geworden, aber merkwürdigerweise stimme das im Gefühlsbereich der meisten Familienunternehmen nicht. Bei uns sei der Gleichheitsgedanke sehr stark verwurzelt. »Aber er ist lebensuntauglich, denn wenn ich keinen Anreiz zulasse für Menschen, die tüchtig sind und dann auch mehr verdienen können, weil ich das Vermögen sozusagen als Gemeinvermögen ansehe, dann ersticke ich jede private Initiative im Keim. Das kann nur zum Schaden der Gesellschaft sein, in der ich lebe«, so Mittelsten Scheid. Deshalb müssten die beiden Prinzipien – der Anreiz, durch private Initiative Vermögen bilden zu können, und der Gleichheitsgedanke – miteinander verbunden werden. »Wozu führt das? Der Gesellschafter, der ein großes Vermögen in Form von Anteilen an der Gesellschaft geerbt hat und der ein schlechtes Gewissen hat, weil er sich bevorzugt fühlt, der wird häufiger versuchen, dieses Vermögen auch stärker der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen – unter der Voraussetzung, dass er dieses Vermögen als Verpflichtung empfindet, der er gerecht werden und deshalb etwas tun muss, was ihn in den Augen der Allgemeinheit aus seiner Sicht reinwäscht.«
Auch hier wird wieder das Vermögen als Verpflichtung beschrieben, der die Verantwortung für die eigene Familie, für die nächsten Generationen – und für die Allgemeinheit – innewohnt. Der Unternehmer Dirk Roßmann sieht es so: »Es gibt Erben, die überhaupt keine Beziehung zu Vermögen haben und auch keine Beziehung zu dem Begriff ›Verantwortungsbewusstsein‹. Aber es gibt auch Erben, die mit Blick auf das, was an den Häusern steht – ›Was du ererbt von deinen Vätern hast, Erwirb es, um es zu besitzen‹ (Goethe: Faust, der Tragödie erster Teil) –, genau wissen: Ich habe hier eine Aufgabe, ich habe eine Verantwortung. Und wenn in einem Unternehmen viele Menschen arbeiten, dann habe ich eine Verantwortung für diese Menschen und gegenüber allen Geschäftspartnern und dem Staat.«
Vermögen – sei es selbst erarbeitet oder geerbt – kann Lust und Last sein, Freude oder Unbill bereiten, erleichtern oder bedrücken. Die Überlegungen zur Herkunft von Vermögen und dazu, was die unterschiedliche Herkunft jeweils bedeutet, lassen sich abrunden mit dem, wovon der Verleger Manuel Herder erzählt. Er erlebe in seinem Freundes- und Bekanntenkreis Menschen, die in Unternehmen »auf die Welt gekommen sind« und zumindest zeitweilig fürchterlich darunter litten, mal empfänden sie ihre Herkunft als Last und mal als Gnade. »Ich schließe daraus, dass der wahrscheinlich von allen Menschen ersehnte gerechte Idealzustand nicht existiert. Es zählt nur die subjektive Antwort auf die Frage, ob ich mit dem, was ich mache, im Einklang mit mir selbst stehe.«
In Erweiterung der Thematik, wie die unterschiedliche Herkunft von Vermögen zu bewerten ist, taucht die Frage auf, was eigentlich schwieriger ist: etwas Vorhandenes zu bewahren oder etwas Neues aufzubauen. Carlo von Opel, ein Urenkel von Adam Opel, hat dazu eine klare Meinung: »Etwas Vorhandenes zu bewahren, ist oftmals schwieriger, als etwas aufzubauen.« Sein Bruder Gregor sieht das allerdings anders. Der Grund: In der heutigen Zeit sei es viel schwieriger als früher, Vermögen aufzubauen oder etwas Neues auf den Weg zu bringen, weil die Märkte und Absatzgebiete bereits besetzt seien. In jeder Nische sitze meist schon jemand, und habe man gleichwohl etwas Lukratives aufgebaut, wollten sofort andere in diesem Topf mitmischen. Der Konkurrenzkampf sei einfach härter geworden. Seine Vorfahren seien mit ihren drei Geschäftsideen – Nähmaschinen, Fahrräder und Automobile – überall Marktführer gewesen. Globalisierung, Digitalisierung und soziale Medien hätten die Wirtschaftswelt verändert. Die Margen seien weltweit zurückgegangen, vor allem die Nettomargen. Dies stehe auch im unmittelbaren Kontext zu der permanenten Transparenz, die die Märkte heute viel schwieriger machten. Wer dagegen heute etwas erbe, das auf stabilen Füßen stehe, der brauche »sehr viel Geschick, ein Quäntchen Glück, viel Fleiß, und dann glaube ich, ist es nicht schwierig, sich etwas zu bewahren«. Patrick Adenauer sieht das ähnlich: »Es ist leichter, ein Erbe positiv weiterzuentwickeln oder von einer Plattform, die man hat, etwas zu gestalten – als ohne.« Die Haltung von Carlo Opel sei vielleicht eine Anspielung darauf, dass es möglicherweise psychologisch schwieriger sei, sich im Falle der Erbschaft eines größeren Vermögens die erforderlichen Fähigkeiten für dessen Erhalt anzueignen. Dem Grunde nach sei es viel leichter, etwas weiter zu betreiben, wenn man es erbt.
Um etwas aufzubauen, braucht es Mut, Kreativität und Innovationskraft – Eigenschaften, die nicht jeder in erforderlichem Umfang hat. Daher meint auch Maria-Theresia von Seidlein, diesen Weg zu gehen sei »mit Sicherheit anstrengender«. Zwar nicht explizit auf bestimmte Eigenschaften, aber auf die Bedeutung des mit der jeweiligen Aufgabe betrauten Menschen weist Dirk Roßmann hin: »Die Bewertung von Herrn von Opel sieht mehr die Aufgabe und weniger den Menschen. Ich sehe mehr den Menschen. Es gibt Menschen, die herausragende Fähigkeiten haben, die aus wenig viel machen können; genauso gibt es Menschen, die in ihren Begabungen und Fähigkeiten begrenzt sind. Ich würde immer mehr den Menschen in den Fokus stellen und sagen: Wenn die Aufgabe das Glück hat, den richtigen Menschen zu finden, dann klappt das auch.« Für Roßmann kommt es also gar nicht so sehr darauf an, ob nun Vorhandenes zu bewahren oder Neues aufzubauen schwieriger ist; entscheidend ist vielmehr, für das eine wie das andere die passende Person mit den jeweils erforderlichen Talenten und Fähigkeiten zu finden.
Auch wenn es einige andere Meinungen gibt, stimmt doch die überwiegende Mehrheit der eingangs zitierten Aussage von Carlo von Opel zu. Geht es darum, etwas fortzusetzen, was schon bestanden hat, spielt zunächst eine Reihe psychologischer Faktoren eine Rolle. »Das, was ich bewahre, habe ich bekommen, belastet mit Gedanken, Erfahrungen und Hoffnungen vorhergehender Generationen, deren ich mich nicht einfach entledigen kann«, sagt Jörg Mittelsten Scheid. Dem, was man übernommen habe, könne man etwas Neues hinzufügen, aber das sei eben vergleichbar einer Neugründung. Gegenüber der Bewahrung des Vorhandenen spielt dabei auch die besondere Motivation, das Engagement für die »eigene Sache« und die innerlich andere Beziehung, die unmittelbare Identifikation eine wesentliche Rolle. Zudem sind natürlich – ganz im Sinne von Dirk Roßmann – die individuellen Fähigkeiten bedeutsam, die bei Gründern und Erben unterschiedlich verteilt sein können. »Wenn man etwas selbst aufbaut, ist man derjenige, der die Fähigkeiten und das Interesse daran hat, etwas zu kreieren. Das heißt, man ist ein unternehmerischer Mensch. Wenn man etwas erbt, muss das nicht unbedingt heißen, dass man nur schwer eine Beziehung zu unternehmerischem Handeln entwickelt. Es ist nicht auszuschließen, dass man das geerbte Vermögen auch als Belastung empfindet, weil man womöglich ganz andere Pläne in seinem Leben verwirklichen möchte«, meint dazu Christa Ratjen. Unterschiedliche Persönlichkeiten, unterschiedliche Fähigkeiten, unterschiedliche Lebensentwürfe – all das lässt die Aufgabe, etwas Vorhandenes zu bewahren, keineswegs zum Selbstläufer werden. Klaus Mangold bringt das so auf den Punkt: »Wenn man keine unmittelbare starke Identifikation zu einem übernommenen Vermögen hat, ist es schwierig, dem gerecht zu werden; auch den gleichen Willen, die gleichen Parameter desjenigen zugrunde zu legen, der einem das geschenkt oder vererbt hat. Zudem ist es schwierig, immer dem vermeintlichen Willen des Erblassers gerecht zu werden. Schließlich hafte ich für das übertragene Vermögen anders, weil immer der Schatten dessen eine Rolle spielt, der es mir übertragen hat und dessen Willen ich gerecht werden soll.« Auch der Erfolgsdruck ist in den nachfolgenden Generationen größer als in der Gründergeneration. Christian von Boetticher weist darauf hin, von der nächsten Generation werde wie selbstverständlich erwartet, dass die Arbeitsplätze weiterhin sicher seien und die Erfolgsgeschichte fortgeschrieben werde. »Während die Aufbaugeneration auch scheitern kann, ohne dass man ihr das vorwirft, stellt man an die nächste Generation natürlich die Erwartung, dass sie die Erfolgsstory fortsetzt«, sagt er. Damit sei ein gesellschaftlicher, auch ein unternehmensbezogener Druck vorhanden, mit dem nicht alle umgehen könnten.
Was macht die Aufgabe, etwas Vorhandenes zu bewahren, noch schwierig? Entscheidend ist dabei wohl: Nur »bewahren« reicht nicht. Die nicht leicht zu lösende Aufgabe besteht darin, etwas Vorhandenes immer wieder an den kontinuierlichen Wandel, an die Veränderungen der Zeitläufe anzupassen. Etwas zu bewahren, ist, gerade wenn es unternehmerisch geprägt ist, außerordentlich schwierig. »Wenn man sich die Veränderungen der letzten fünf Jahre in Bezug auf Digitalisierung, Automatisierung, Alter, Umwelt, Nachhaltigkeit ansieht, dann sind das alles Themen, die jedes Unternehmen und jedes Vermögen beschäftigt«, heißt es von einem Gesprächspartner, der ungenannt bleiben möchte. Auch Andreas Jacobs weist auf die Notwendigkeit hin, das, was man einmal übernommen hat, immer wieder den äußeren Veränderungen anzupassen. Als gutes Beispiel für diese Notwendigkeit nennt er Stiftungen. Sie würden für die Ewigkeit errichtet, und der Stifter versehe sie mit einem bestimmten Stiftungszweck. Jeder, der in der Nachfolge eine Stiftung weiterführe, müsse die Mittel und Wege, um den Stiftungszweck zu erreichen, immer wieder anpassen. »Man kann Dinge nicht so erhalten, wie sie einem übergeben wurden. Man muss unterwegs anpassen, justieren und im Rahmen des ›Purpose‹ Veränderungen vornehmen. Diese Anpassungen an die Entwicklung der Gesellschaft sind häufig schwieriger zu identifizieren und umzusetzen als der Aufbau eines neuen Konzepts, einer neuen unternehmerischen Idee.«
Dieses Anpassungserfordernis gilt nicht minder für Unternehmen. Wer etwas Vorhandenes bewahren wolle, der müsse vor allem den Wandel rechtzeitig erkennen und mitmachen, betont Wolfgang Grupp: »Wenn einer eine Automobilfirma vor 50 Jahren geerbt hat, dann wird das Auto heute anders gebaut. Und wenn er sagt, ›Ich mache es so, wie es ewig war‹, dann wird er nicht bewahren. Auch die Textilbranche wandelt sich. Auf einer Handelsblatt-Tagung hat man gesagt, es könne sein, dass in zwei, drei Jahren textile Teile nicht aus Baumwolle, sondern aus dem Drucker kommen. Was mache ich dann mit meinen 1200 Mitarbeitern? Dauert das noch zwei, drei Jahre oder noch 20 Jahre?« Bewahren bedeute daher, die Idee zu bewahren. Aber die Idee müsse dem Wandel angepasst und weiterentwickelt werden. Nicht nur Branchen verändern sich, auch die äußeren Umstände zwingen zu notwendigen Anpassungen. So habe jede der bisherigen Generationen der Familie Underberg, die das Mitte des 19. Jahrhunderts gegründete Unternehmen bis heute geführt haben, durch die Folgen zweier Weltkriege, der Inflation, des wachsenden Wettbewerbs und der Internationalisierung die Firma auf- und weiterbauen können und müssen, erzählt Hubertine Underberg-Ruder. Der promovierten Biologin ist daher »das Bewahren (…) in gewissem Sinn ein bisschen zu statisch. Ich sehe ein Unternehmen mehr als ein organisches Etwas. So wie bei einem Baum wachsen hier fünf neue Äste, und dort haut der Sturm auch mal zwei weg.« In genau diese Richtung denkt – mit einer etwas anderen Begrifflichkeit – auch eine Gesprächspartnerin aus der Schweiz, die mit Blick auf das eingangs erwähnte Opel-Zitat anmerkt: »Ich streiche den Begriff ›verwalten‹ im Zusammenhang mit Vermögen immer raus, aus jedem Interview, in jedem CV, weil man ein Vermögen nur erhalten kann, wenn man etwas unternimmt.«
Was hat der Umstand, ein Vermögen einerseits zu erben oder geschenkt zu bekommen oder andererseits selbst zu erarbeiten mit Glück zu tun? Glück, so beschreibt es das Philosophische Wörterbuch von Max Müller und Alois Halder, meine in der Alltagssprache zunächst das Eintreffen eines zwar erhofften, aber unwahrscheinlichen günstigen Ereignisses (»Glück haben«; gr. eutychia, lat. fortuna). Daneben sei Glück auch (als »glücklich sein«; gr. eudaimonia, lat. beatitudo oder felicitas) der Zustand der Wesenserfüllung und als solches Ziel des menschlichen Lebens, individuell verschieden gesehen als Besitz von Gütern, Macht, Freundschaft, Liebe, Tugenden, Erkenntnissen oder im Genuss.
Haben Vermögende mit Blick auf ihr Vermögen – geerbt oder selbst erarbeitet – Glück gehabt? Ganz überwiegend wird das bejaht. Natürlich habe man Glück, wenn man Vermögen mitbekommen habe, weil man sich dann nicht um das tägliche Brot Sorgen machen müsse, meint Christa Ratjen. Die Schweizerin Ellen Ringier spricht sogar von »unverschämtem Glück«, das sie gehabt habe, weil ihr Großvater ihr ein kleines Vermögen in Form eines Trusts überließ, um sie unabhängig von einem späteren Ehemann zu machen. Dieses »unverschämte Glück« sei der Anstoß dafür gewesen, dass sie heute davon lebe, zurückzugeben.
Andreas Jacobs schildert seinen Glücksmoment so: »Ich habe insofern Glück gehabt, als ich gegen meine Erwartung etwas vererbt bekommen habe. Das hat mich überrascht. Natürlich kann man sagen: Du wusstest doch, dass du einen vermögenden Vater hast, also wird ja irgendwann mal ein Teil des Vermögens in deinem Schoß landen. Aber so war dem nicht, ich hatte auch keinerlei Anspruchshaltung. Das Erbe war ein Glück – nicht nur monetär, sondern weil darin auch Anerkennung ausgedrückt wurde –, Glück als ungeplanter Zufall. Natürlich hat das mein Leben verändert, weil ich mit dem Vermögen die Möglichkeit hatte, mich selbstständig zu machen.« Jörg Mittelsten Scheid hat sein Vermögen selbst aufgebaut und betont, er habe dabei Glück gehabt. Er sei nicht belastet durch irgendwelche Dinge, die er übernommen habe oder die er der Allgemeinheit schulde, sondern er sei darin frei. Frei bis zu dem Augenblick, wo er sein Vermögen als gebundenes Vermögen sehe und dieses gebundene Vermögen Einfluss auf andere Menschen habe.
Man darf sich Vermögen nicht als Glück an sich vorstellen. Weder bedeutet Vermögen zu haben das reine Glück, noch sind der Aufbau und der Erhalt von Vermögen vorrangig mit Glück verbunden. Eher ist das Gegenteil der Fall. Der Erwerb von Vermögen habe wenig mit Glück zu tun, und wenn der Erwerb glücklich ist, dann hat das Halten des Unternehmens selten mit Glück zu tun, glaubt Christian von Boetticher. »Sowohl zum Erwerb als auch zum Halten des Unternehmens gehört immer mehr als Glück. Ob man ein gutes Geschäftsmodell hat und Fleiß hineinsteckt, um es aufzubauen, oder eine Unternehmung erbt und ein gutes Gespür und eine gute Hand dafür hat, sie fortzuführen – das alles hat mit Glück wenig zu tun.« Auch wer ohne eigene Leistung etwas ererbe, habe genug damit zu tun, mit Fleiß, Engagement und Know-how dazu beizutragen, das geerbte Vermögen zu erhalten.
Glück hat natürlich immer auch mit den Umständen zu tun. Und für die kann der Einzelne in der Regel wenig. Zum Beispiel haben wir alle keinen Einfluss darauf, in welche Welt wir hineingeboren werden. Sie halte es für ein großes Glück, »in der westlichen Welt, in Deutschland zu leben«, sagt Christa Ratjen. Würde ihr Unternehmen in einem Bürgerkriegsgebiet oder beispielsweise in einem »trockenen Staat« stehen, so Hubertine Underberg-Ruder, hätte sie natürlich deutlich weniger Glück, als wenn es in einem Land stehe, in dem über einen langen Zeitraum stets Frieden geherrscht habe. »Wir haben ein stabiles wirtschaftliches Umfeld, wir leben in einer Gesellschaft, in der man genuss- und verantwortungsvoll Alkohol trinken darf und kann. Das es morgen anders kommen könnte, das würde man als Unglück bezeichnen. Wenn ich sage, ›ich habe Glück gehabt‹, dann steckt für mich in dieser Aussage implizit drin, dem Unglück entgangen zu sein, also politischer Instabilität, Krieg oder wettbewerbsrechtlichen Einschränkungen.« Dirk Roßmann, Jahrgang 1946, war schon recht früh bewusst, dass er kaum Chancen haben wird, sein Leben so zu führen, wie er es sich vorstellt, wenn die Geschichte so weitergeht, wie seine Eltern und Großeltern sie erlebt haben. »Insofern ist mir klar, dass der Rahmen – ein Dreivierteljahrhundert Frieden seit dem Zweiten Weltkrieg – ein ganz wichtiger Grundstein ist. Ich habe ein Sauglück, ein Riesenglück gehabt.«
Jeder Unternehmer kennt die Situationen – manche nennen sie »Zufälligkeiten« –, für die sie in ihrem unternehmerischen und wirtschaftlichen Handeln nicht verantwortlich waren, die ihnen aber in die Hände gespielt haben. Umgangssprachlich würde man sagen: »Da haben wir Glück gehabt.« Das Entscheidende ist, ob es gelingt, die Umstände und die Chancen, die sie verheißen, zu erkennen und wahrzunehmen. »Wir sind in einer Branche tätig, die viele Chancen geboten hat in den letzten 20, 30 Jahren und die sich von einem lokalen zu einem internationalen, globalen Markt entwickelt hat«, berichtet Natalie Mekelburger. »Wir haben sicherlich Glück gehabt, dass wir davon profitieren konnten. Aber man muss auch dazu sagen, wir haben unsere Chancen wahrgenommen. Von allein funktioniert das natürlich nicht. Da ist nicht nur Glück im Spiel. Das Glück ist mit den Tüchtigen. Dieses Sprichwort trifft wahrscheinlich in unserem Fall auch zu.«
Auf das Diktum des Generalfeldmarschalls Helmuth Graf von Moltke – »Aber Glück hat auf die Dauer doch zumeist wohl nur der Tüchtige« – wird regelmäßig Bezug genommen. Erfolg komme nicht von allein, man müsse schon tüchtig sein, hebt Dirk Roßmann hervor. Aber oft habe der Tüchtige auch Glück und plötzlich passiere genau das, was der Mensch sich wünsche. »Ob mein eigener Erfolg das Ergebnis meiner Intelligenz, meiner Kreativität, meiner Willensstärke ist oder mehr das Ergebnis externer Einflüsse, die mir zufällig zugeflogen sind, das kann ich nicht beurteilen. Wahrscheinlich kam beides zusammen«, so Roßmann. Genauso beschreibt es auch Maria-Theresia von Seidlein. Natürlich habe sie »jede Menge Glück« gehabt, aber es sei eben nicht nur Glück allein gewesen. Es gehöre auch dazu, sein Glück »einfangen« zu können. »Vom Nichtstun, vom einfach nur Dasitzen so viel Glück zu haben, dass die Dinge sich alle fügen – das kommt selten vor. Man muss schon etwas tun.« Die Frage beim Glück heiße im Grunde nicht, ob man Glück habe, sondern: Könne man es »packen und festhalten«, stimmt Manuel Herder zu. Das habe auch oftmals wieder mit Glück zu tun. So habe er etwa die Chance gehabt, über Zukäufe und Investitionen aus dem Verlagshaus das heutige Medienunternehmen zu machen. Hier sei ebenfalls viel Glück im Spiel gewesen. Eine Anekdote von Wolfgang Grupp zeigt sehr schön, dass Glück natürlich eine Rolle spielt, aber es kommt eben auch darauf an, es beim Schopfe zu packen. Als Grupp in dritter Generation in die von seinem Großvater gegründete Firma einstieg, war sie stark diversifiziert und hatte für damalige Verhältnisse recht hohe Bankschulden. »Dann kam – etwas glücklich – das T-Shirt aus Amerika. Wir haben nur Hausmarken gemacht für die Kaufhauskönige, für Karstadt, Quelle usw. Die waren damals immer mehr unter Druck, weil man in Fernost produzieren ließ. Karstadt hat selbst in Fernost produziert und stand unter Preisdruck. Das wurde immer schwieriger, und dann kam eben das T-Shirt aus Amerika. Das Unterhemd war plötzlich als T-Shirt zum Oberhemd geworden. Das habe ich aufgegriffen und hatte Glück, dass ich daraus Geld machen konnte.«
Das Glück »einfangen«, es »packen und festhalten«, also die Fähigkeit, die Chancen im Eintreffen eines zwar erhofften, aber unwahrscheinlichen günstigen Ereignisses nicht nur zu sehen, sondern beherzt wahrzunehmen, bedeutet am Ende nichts anderes als – Arbeit. Dem Zitat des Generalfeldmarschalls würde insofern sicher auch Klaus Mangold zustimmen. Er habe Glück gehabt, erzählt er, aber Glück sei nicht die entscheidende Komponente beim Aufbau seines Vermögens gewesen. »80 Prozent dessen, was ich in meinem Leben geschaffen habe, ist das Ergebnis von harter Arbeit, tiefer Analyse und der Abwägung von allen möglichen Parametern, die in die Entscheidungsprozesse eingeflossen sind. Alle meine Entscheidungen – Firmenbeteiligungen, Immobilien, Forstwirtschaft, Landwirtschaft, Ausland, Inland, Portfoliozusammensetzung – sind Gegenstand von tiefer rationaler Abwägung gewesen, auch in meiner eigenen Familie.«
Glück fällt einem gewöhnlich nicht in den Schoß, man muss schon etwas dafür tun. Natürlich, erzwingen lässt es sich nicht. Dirk Roßmann ist wohl nahe dran mit seinem Hinweis, oft habe der Tüchtige auch Glück und plötzlich passiere genau das, was er sich wünsche. »Der Zufall begünstigt den vorbereiteten Geist«, hat der französische Chemiker und Mikrobiologe Louis Pasteur einmal gesagt. Nicht ganz wörtlich wird Pasteurs Aussage auch so wiedergegeben: »Glück bevorzugt den, der vorbereitet ist.« In dieser Form erwähnt es Patrick Adenauer und fügt hinzu: »Es trifft selten den, der sich gar nicht darum bemüht. Wenn man ein Unternehmen richtig im Markt positioniert, sprich die richtigen Ideen hat und den richtigen Blick in die Zukunft, dann wird aus Glück, das man hier und da hat, ein System, weil man einfach das Richtige tut und den richtigen Riecher hat. Dann ist es am Ende weniger Glück.«
Dass Geld allein nicht glücklich macht, gehört zu den Binsenweisheiten, die jeder kennt. Dass Geld aber nicht vollkommen unerheblich ist, lässt sich mit dem Bonmot des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki zeigen, der meinte, Geld allein mache nicht glücklich, aber es sei besser, in einem Taxi zu weinen als in der Straßenbahn. Vermögende sind darin einig, dass Geld allein tatsächlich nicht glücklich macht. Aus seiner Lebenserfahrung und vielen Gesprächen könne er das bestätigen, sagt Friedrich von Metzler. Wichtig bei dieser Einsicht ist das Wort »allein«, denn Geld hilft schon enorm. Es sei leichter, mit Geld glücklich zu sein als ohne, meint Maria-Theresia von Seidlein. Aber Geld per se oder Vermögen per se seien sicherlich keine Garanten, um glücklich zu sein.
Auch bei Geld und Vermögen trifft die Theorie vom abnehmenden Grenznutzen zu. Als Grenznutzen wird der Nutzenzuwachs bezeichnet, der einem Haushalt oder einer Person durch den Konsum einer zusätzlichen Einheit eines Gutes erwächst. Laut dem deutschen Nationalökonomen Hermann Heinrich Gossen nimmt der Nutzen, den ein Gut dem Verbraucher stiftet, mit jeder zusätzlichen Einheit, die von diesem Gut konsumiert wird, ständig ab, bis Sättigung eintritt. Natürlich sei es wichtig, genug Geld zum Leben zu haben, aber deshalb brauche man nicht hundert Häuser, bestätigt Dirk Roßmann das erste Gossen’sche Gesetz. Es sei vielleicht schön, wenn man ein Haus besitze, aber hundert Häuser machten nicht gleich glücklich. Auch materielle Dinge hätten nur einen relativen Wert. Ob jemand zwei oder 20 Millionen besitze – die meisten Vermögen seien völlig unbedeutend für das Lebensglück.
Für Einkommen gilt dasselbe, wie der Zürcher Verhaltensökonom Ernst Fehr nachgewiesen hat, auf dessen Forschungen in den Gesprächen hier und da Bezug genommen wird. In einem Gespräch mit dem Tagesanzeiger im Juli 2018 erläuterte Fehr, höhere Einkommen führten im Durchschnitt zwar zu mehr Zufriedenheit und Glück. Dass Leute mit einem höheren Einkommen glücklicher seien, habe auch damit zu tun, dass diese dadurch auch einen höheren Status haben. Es sei die soziale Wertschätzung, die das Glück fördere. Das Glück nehme aber nicht im gleichen Ausmaß zu wie die Einkommen. Vielmehr werde die Wirkung von ansteigenden Einkommen auf das Glück kleiner. Wenn man sein Einkommen von 150 000 Franken pro Jahr auf 200 000 Franken steigern könne, sei der Glückszuwachs geringer, als wenn man es von 50 000 auf 100 000 Franken steigere. Für Vermögen gelte das sicherlich auch, meint eine Gesprächspartnerin aus der Schweiz.
Neben dem abnehmenden Grenznutzen wird regelmäßig auf die Ambivalenz von Geld und Vermögen hingewiesen. Er kenne viele Menschen, die sehr vermögend und gleichzeitig sehr unglücklich seien, erzählt Christian von Boetticher. Ebenso kenne er Menschen, die nur wenig haben und trotzdem glücklich sind. »Glücklich sein ist eine Frage der persönlichen Definition und der persönlichen Haltung. Das hat etwas mit Haltung zu tun und wenig mit Haben oder Nichthaben.« Ein Mitglied einer bekannten deutschen Unternehmerfamilie sagt: »Für mich ist Vermögen mit Sicherheit keine Voraussetzung, um Glück zu haben oder glücklich zu sein. Wenn man aus seiner Situation als vermögender Mensch etwas macht, dann trägt das Vermögen zur Verwirklichung bei und somit auch zum Glück. Aber ich kenne viele Leute, die sind auch ohne großes Vermögen sehr glücklich und manchmal fragt man sich, ob die nicht fast glücklicher sind.« Dirk Roßmann kommt bei der Frage, wie sehr der Umstand, vermögend zu sein, für ihn dazu beitrage, glücklich zu sein oder glücklich zu leben, auf Goethe zu sprechen. »Goethe schreibt im ›West-östlichen Divan‹: ›Volk und Knecht und Ueberwinder | Sie gestehn, zu jeder Zeit, | Höchstes Glück der Erdenkinder | Sey nur die Persönlichkeit.‹ Ich kenne viele Leute, die über ein großes Vermögen verfügen, die depressiv sind oder andere Probleme haben. Genauso kenne ich Menschen, denen es wirtschaftlich gutgeht, die ein kleines Vermögen haben, die aber ein glückliches Leben leben, weil sie tolle Freunde haben. Das ist alles sehr relativ. Menschen, die psychische Probleme haben, können eine Milliarde besitzen und sind trotzdem arme Wichte. Menschen, die ständig im Materialismus schwelgen, können solche bedauernswerten Menschen sein, weil sie gar nicht wissen, was wichtig ist. Wichtig sind Freunde, ist Vertrauen, ist Gemeinschaft.«
