Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Benedikt XVI. gilt als einer der bedeutendsten Päpste der Kirchengeschichte. Sein theologisches Werk hat ihn bereits in die Reihe der Kirchenlehrer erhoben. Die zentralen Reden seiner Reisen in die Heimat offenbaren jedoch ein Anliegen, das weit über die Grenzen des Glaubens hinausreicht. Seine philosophische Agenda gilt den existenziellen Fragen des Menschen, unabhängig von seiner religiösen und kulturellen Prägung. Die Regensburger Vorlesung und die Ansprache im Deutschen Bundestag sind zu Schlüsseltexten für seine Botschaft geworden. In einer Zeit, die den Fortschritt der Wissenschaft begrüßt, seine geistesgeschichtlichen Grundlagen aber zunehmend vergisst, appelliert Benedikt für eine Rückbesinnung auf die Vernunft in ihrer ganzen Weite.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 56
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
In memoriam
Monsignore Karl Katzenmüller (1922-2012)
+ Carissimo amico in amicitiam aeternam +
0. Vorwort
I. Die Regensburger Rede
II. Die Bundestagsrede
III. Anmerkungen zur Regensburger Rede
IV. Anmerkungen zur Bundestagsrede
„Im Anfang war der Logos“ (Joh 1.1)
Quid est veritas? – Was ist Wahrheit?
Diese Frage, in der es wie nirgends sonst ums Ganze geht: um alles oder nichts, taucht in einem entscheidenden Kontext des Johannesevangeliums auf (Joh 18,37-38). Kein Geringerer als Pontius Pilatus hat sie gestellt, jener bekannte Statthalter Roms, der Vertreter des damals mächtigsten Reichs der Erde.
Sein Gegenüber ist Jesus aus Nazareth, ein jüdischer Wanderprediger, von dem er offenbar noch wenig gehört hat. In mehreren Anläufen hatte er versucht, etwas über ihn und die Vorwürfe herauszufinden, die ihm zur Last gelegt werden. Schließlich skizziert Jesus seinen Auftrag, nämlich „Zeugnis für die Wahrheit“ abzulegen.
„Was ist Wahrheit?“ – Diese Antwort des Pilatus überliefert uns Johannes, und lässt dabei offen, wie viel Skepsis, Zurückweisung oder Interesse darin enthalten waren. Was aber ist Wahrheit? Uns selbst begegnet diese Frage heute nicht anders als damals.
In der Philosophie geht es um die Erkenntnis der Wirklichkeit, um die Beschaffenheit der Welt und die Rolle des Menschen in ihr, und damit um alle großen und kleinen Einzelfragen, die für unser Verständnis davon wichtig sind. Der altgriechische Ausdruck ἀλήθεια (alētheia), der sich hier bei Johannes findet, den aber auch die sokratische Philosophie kannte, bedeutet Wahrheit und Wirklichkeit zugleich und geht so in seinem Umfang über die bloße Klassifikation einer Sache als „richtig“ oder „falsch“ hinaus.
In der religiösen Perspektive findet sich der weiteste Begriff von Wahrheit. Er findet seine Anwendung auf Tatsachen – im philosophischen Sinn – genauso wie auf Personen, auf eine Botschaft oder eine innere Haltung. Die so vermittelte Wirklichkeit wird auch nicht lediglich erkannt und anerkannt, sie wird gespürt und geglaubt: die Wahrheit wird gelebt.
Solch metaphorischer Verwendung entgegengesetzt ist der sehr viel engere, wissenschaftstheoretische Wahrheitsbegriff, der im Zuge der neuzeitlichen Forschung aufgekommen ist und der in vielen Bereichen Einzug gehalten hat. Er bezieht sich nur mehr auf Aussagen und deren Richtigkeit: Ein Satz ist wahr genau dann, wenn es sich tatsächlich so verhält, wie er es ausdrückt. So lautet die gängige Definition. Sie bringt die Logik für die Beschreibung eines Experiments zum Ausdruck, wie man es in den empirischen Wissenschaften findet.
Was aber ist nun wirklich Wahrheit, ist wahre Wirklichkeit?
Obgleich die unterschiedlichen Bedeutungen von Wahrheit in ihren jeweiligen Bereichen ihre Berechtigung haben, so hat sich seit dem Beginn der Aufklärung nach und nach ein verändertes Bewusstsein von dem gebildet, was allgemein als wahr und wirklich gelten kann.
Zunächst ist die religiöse Perspektive in die Kritik geraten. Sie gilt vielen als veraltet, mythisch überladen und im Grunde längst überwunden. Eine Wahrheit in diesem Sinn gibt es demnach nur noch für den einzelnen Gläubigen, gültig nur in dessen Bewusstsein und Gefühlswelt, aber ohne Bezug zur Realität. Ähnlich ist es auch der philosophischen Suche nach Wissen und Erkenntnis ergangen. Im Zuge des naturwissenschaftlichen Fortschritts sind ihre Argumente und Schlüsse in den Hintergrund gedrängt worden. Religion und Philosophie gelten nur mehr als Vorstufen für ein wissenschaftliches Weltbild, welches das gesamte Universum aus den Gesetzmäßigkeiten der Physik erklären kann.
Existenzielle Fragen, die einst das Anliegen der Geisteswissenschaften waren, sind damit obsolet geworden. Sachverhalte, die sich nicht empirisch überprüfen lassen, gelten buchstäblich als sinn-los, weil sie keinen Bezug zur Realität haben: Gott und Jenseits, Ethik und Ästhetik, freier Wille und Bewusstsein – was immer das physikalische Weltbild transzendiert, wird als unwissenschaftlich verworfen.
An dieser Stelle setzen Benedikts Appelle ein: zuerst an der Universität Regensburg, später im Deutschen Bundestag. Vor dem akademischen Publikum wendet er sich gegen einen verengten Vernunftbegriff, der sich dem Logos der Welt verschließt, jenem Urgrund, auf den Religion und Philosophie seit jeher verweisen. Vor den versammelten Parlamentariern erinnert der Pontifex an den Ursprung des Rechts, der mit innerweltlichen Verfahren nicht zu erklären ist und damit ebenfalls über das positivistische Weltbild hinausweist.
In beiden Reden fordert Benedikt dazu auf, sich der Vernunft in ihrer gesamten Weite zu öffnen, um so auch die Wirklichkeit in all ihren Dimensionen zu erfassen, einschließlich ihrer Transzendenz, einschließlich des göttlichen Logos.
So geht es im Kern der Botschaft Benedikts nicht um das klassische Spannungsverhältnis von Vernunft und Glaube, von Wissenschaft und Religion, sondern vielmehr um die menschliche Vernunft und ihre Bereitschaft, sich dem göttlichen Logos zuzuwenden, kurz: um Vernunft und Logos.
Benedikts philosophische Agenda ist in ihrer Bedeutung erst ansatzweise erkannt worden, sein Ruf hat noch nicht den Widerhall gefunden, der noch folgen muss. Um aber eine eingehende Auseinandersetzung zu ermöglichen, wurden die beiden Reden dem Wortlaut entsprechend sorgfältig editiert und dabei in Kapitel unterteilt. Auf Literaturangaben wurde ausdrücklich verzichtet, zum besseren Verständnis sind jedoch am Schluss einige Anmerkungen und Hinweise nachgereicht worden.
Editierte Rede Papst Benedikts XVI. in der Aula Magna der Universität Regensburg am 12. September 2006:
I. Begrüßung und Rückblick: Vernunft im universitären Diskurs: Die Aufgabe der Theologie
1Eminenzen, Magnifizenzen, Exzellenzen, verehrte Damen und Herren!
2Es ist für mich ein bewegender Augenblick, noch einmal in der Universität zu sein und noch einmal eine Vorlesung halten zu dürfen. 3Meine Gedanken gehen dabei zurück in die Jahre, in denen ich an der Universität Bonn nach einer schönen Periode an der Freisinger Hochschule meine Tätigkeit als akademischer Lehrer aufgenommen habe. 4Es war – 1959 – noch die Zeit der alten Ordinarien-Universität. 5Für die einzelnen Lehrstühle gab es weder Assistenten noch Schreibkräfte, dafür aber gab es eine sehr unmittelbare Begegnung mit den Studenten und vor allem auch der Professoren untereinander. 6In den Dozentenräumen traf man sich vor und nach den Vorlesungen. 7Die Kontakte mit den Historikern, den Philosophen, den Philologen und natürlich auch zwischen beiden Theologischen Fakultäten waren sehr lebendig. 8Es gab jedes Semester einen sogenannten Dies academicus, an dem sich Professoren aller Fakultäten den Studenten der gesamten Universität vorstellten und so ein Erleben von Universitas möglich wurde – auf die Sie, Magnifizenz, eben auch hingewiesen haben – möglich wurde ein wenig zu sehen, daß wir in allen Spezialisierungen, die uns manchmal sprachlos füreinander machen, doch ein Ganzes bilden und im Ganzen der einen Vernunft mit all ihren Dimensionen arbeiten und so auch in einer gemeinschaftlichen Verantwortung für den rechten Gebrauch der Vernunft stehen – das wurde erlebbar. 9Die Universität war auch durchaus stolz auf ihre beiden Theologischen Fakultäten. 10Es war klar, daß auch sie, indem sie nach der Vernunft des Glaubens fragen, eine Arbeit tun, die notwendig zum Ganzen der Universitas scientiarum gehört, auch wenn nicht alle den Glauben teilen konnten, um dessen Zuordnung zur gemeinsamen Vernunft sich die Theologen mühen. 11a
