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Verona, Managerin bei All-In-Cloud Inc. Corp. greift nach den Sternen - vielmehr nach den Wolken, die neudeutsch Clouds heißen und ein Leben im digitalen Paradies versprechen: frei vom Ballast der Dinge, von materiellen Bedürfnissen, gar frei von der unzulänglichen Biologie des eigenen Körpers überhaupt. Aber bevor es soweit ist, zwingt Veronas eigener Körper-Akku sie zu einem Urlaub, den sie auf der Nordseeinsel Spiekeroog verbringt. Doch statt Erholung widerfährt ihr ein regelrechter Rachefeldzug des Lebens ... Auftragsarbeit für eine Lesung beim Yachtclub Phoenixsee e.V., geschrieben mit fachkundiger Unterstützung durch Seglerin und Autorin Cornelia Franken.
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Seitenzahl: 62
Veröffentlichungsjahr: 2014
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DERHANK
Veronas Wolke
Die Cloud, die Insel, das Leben und das Meer. Eine unschöne Erzählung.
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Inhaltsverzeichnis
Titel
- 3
- 2
- 1
Veronas Wolke
Dank
DERHANK
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Leseprobe ich du er sie es
Leseprobe Meeresspiegel Spiegelmeer
Impressum neobooks
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Veronas WolkeDie Cloud, die Insel, das Leben und das Meer. Eine unschöne Erzählung.
»Die Wolke von All-In-Cloud Inc. Corp. ist aber mehr als nur eine Verdichtung des World-Wide-Web. Unsere Cloud ist die Vorstufe von Heaven, sie ist das, in das Verona irgendwann -und möglichst bald- hineintransferieren wird.«
Auftragsarbeit für eine Lesung beim Yachtclub Phoenixsee e.V., geschrieben mit fachkundiger Unterstützung durch Seglerin und Autorin Cornelia Franken.
Regenstränge verdrahten die Insel mit schwarzen Wolken, wie zahllos flirrende Drachenleinen ohne Drachen, die Wolken sind die Summe aller Drachen, und Verona klammert sich an ihre eigene Wolke im Schoß, als könnte die verhindern, über Bord zu gehen. Veronas Wolke, das ist ihre Handtasche, eine Art Flokatiplüschbeutel im Hippielook. Und die Insel dort hinter dem prasselnden Aussichtsfenster, das ist die Nordseeinsel Spiekeroog.
Eine Woche Urlaub, auf der Insel, weil man da nichts machen braucht und kein Lärm ist, und das »deinem Körper mal guttun wird« (sagt Mutter).
All-In-Cloud Inc. Corp. fusioniert mit iTech-Han-Wan Lloyd und Verona lässt sich in den Urlaub schicken. Weil sie seit zwei Jahren nicht einen Tag genommen hat und ihre Mutter die einzige Person ist, die es sich erlauben darf, über Veronas Körperfunktionen so was wie ein persönliches Ranking abzugeben. Und das Mutterranking ist in den letzten Wochen schlecht ausgefallen. Teint, Fingernägel und Haarfestigkeit, Augen, Zahnfleisch und Körperhaltung, überall gehen die Zeiger nach unten, Verona ist dabei, ihren Körper zu »verschleißen«.
Alles kann man auswechseln, Nur für den Körper gibt es keinen Ersatz, und genau das wird bald die letzte entscheidende Lücke sein, wenn wir bei Apple anklopfen. All-In-Cloud Inc. Corp. und iTech-Han-Wan Lloyd sind noch kleine Lichter, unbekannte Softwarefirmen, aber wenn wir uns in den Wolkenmarkt erst mal reingeboxt haben, dann wird das auch einen Riesen wie Apple nervös machen, und bis dahin muss man sich ausreichend vernetzt haben mit Meditech-Firmen, die die entsprechenden Ersatzteile für Biotools liefern. Biotools, wie ihr Körper eines ist.
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Den sie nicht ungeschützt der Sonne aussetzen will, als der Regen sich am nächsten Tag verzogen hat. Warum muss ein Körper braun sein? Was funktioniert besser, wenn er braun ist?
Verona hat sich einen Strandkorb gemietet, sitzt im Schatten und blickt aufs Meer, das echte Meer, das sich zurückzieht, das sich verschlagen wegduckt und dabei kilometerweit blanken Sand freilegt, wie ein hämisches Angebot, »... komm doch!«, säuselnd. Nur die vielen anderen Körper lenken ab von der Heimtücke, die das Meer nie ganz verbergen kann oder will. Wellenreiter und Segelgleiter eiern johlend über die Wasseroberfläche, Jugendliche, die einen sinnlosen Aufriss um ihre Körper machen, das sind Tools!, widerspenstig wie veraltete Rechner! Am Schlimmsten aber die Touristen, die in großen Herden oder Horden im Sand nach Muscheln suchen: weißrotbraune Schlickgrubber, die sich paaren und vermehren und das Gequäke und Gezeter ihrer Brut zerrt mehr an den Nerven, als eine Zwölfstundenschicht im Büro.
Affen, denkt Verona, als hätten wir keine zehntausendjährige Kultur-Evolution hinter uns. Eine Evolution, die demnächst einen Quantensprung vollziehen wird. Aber es gibt auch kluge Menschen: zum Beispiel der mißmutige Junge dort, der sich in seine Strandmuschel verkrochen hat und mit seinem iPod spielt. Recht hat er.
Verona betrachtet ihre Unterarme, auf denen schon wieder Härchen sprießen.
Wie ein Tier! Auch ich sehe wie ein Tier aus! Mein nächstes Tool wird keine Haare haben. Die Neandertalerzeit ist vorbei und jetzt, sie grinst, freut sich wie ein Kind, das seinen Eltern ein Schnippchen geschlagen hat, und jetzt: greift sie in ihre Wolke. Darin ist kein Platz für Tampons, Lippenstift und Frauennippes. Ihre letzte Regel ist vorgestern ausgelaufen, die nächste wird sie erst in 19 Tagen wieder daran erinnern, dass ihr Körper technisch überholt ist; und Schminke benutzt Verona nur im Notfall. Statt Nippes zieht sie ihren Tablett-PC heraus, der mit der Wolke von All-In-Cloud Inc. Corp. verbunden ist, mit der Unendlichkeitswolke, mit der Wolke, die keine Grenzen kennt, keine lächerlichen drei, vier Gigabite wie bei Apple, wir sind open, just open for you!
Anderthalb Terrabite hat Verona da oben, ihr ganzes Leben ist da oben. Alles!
Verona besitzt schon lange keinen PC mehr, nur noch Bildschirme mit W-LAN, in jedem Raum ihrer Eigentumswohnung einen, und alles, was jemals wichtig oder zu dokumentieren war, das lebt fort in der Wolke.
Im Laufe der letzten zwei Jahre hat sie sich allen Ballastes entledigt, jedes Poesiealbum, jede Kinderzeichnung, ihre Fotoalben, Schulhefte, Impfbücher, alle je erhaltenen Briefe, Alles, was man scannen konnte, hat sie eingescannt und anschließend weggeworfen; Hat auch ihre einstigen und heutigen Lieblingsbücher weggeworfen und als eBooks runtergeladen, nein, nicht RUNTER-geladen, RAUF-geladen, und die, die es nicht als eBook gibt, die hat sie bei einem Scanservice digitalisieren lassen. Alles musste nach oben.
Und wenn auch 'oben' nur eine Metapher ist, so umspannt doch letztlich die in Großservern physisch gebundene virtuelle Wolke mit ihren unzähligen Verflechtungen ins Internet und dessen auf der Welt verteilten sensorischen und projektorischen Außentools genauso wie die physikalische Atmosphäre den Globus lückenlos.
Die Wolke von All-In-Cloud Inc. Corp. ist aber mehr als nur eine Verdichtung des World-Wide-Web. Unsere Cloud ist die Vorstufe von Heaven, sie ist das, in das Verona irgendwann - und möglichst bald - hineintransferieren wird.
Derzeit ist ihr persönlicher Wolkenabschnitt einer von ein paar Tausend - noch. Schon bald werden es Hunderttausend sein, Millionen, bis irgendwann jeder Mensch ein Teil der Wolke ist - und keiner wird MEHR benötigen als das Nötigste, um sein Biotool instand zu halten. Bald wird jeder Mensch frei sein. Verona jedenfalls ist frei. Sie überlegt, ihre viel zu große, weitgehend leer stehende Wohnung zu verkaufen, und sich in einem Hotel einzuquartieren. Wie hier, auf der Insel. Das reicht völlig. So lange, bis sie ihren anfälligen, weitgehend überflüssigen Körper ebenfalls verkaufen oder besser noch verschrotten kann, um sich SELBST in der Wolke einzuquartieren ...
Doch vorher muss sie diese Fusion ans Laufen bringen. Urlaub hin oder her, wenn sie Mails hat, dann hat sie die eben, dann muss man auch, und Verona hat, wie jeden Tag um diese Uhrzeit, bereits an die Hundert Mails, das meiste interner Müll, CC-Zeug, aber dieser Softwarefritze aus London, Jonathan, der nölt schon wieder ...
Verona holt ihr Smartphone aus der Handtasche und sucht London in den Kontakten. Auf Bildtelefonie verzichtet sie lieber, muss der doch nicht sehen, wie ich im Bikini im Strandkorb sitze ...
