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Kann man die eine Liebe für immer vergessen? Alle Erinnerungen Sarahs an ihre große Liebe Rafael, der sie von dem Fluch des Orakels befreite, sind verloren. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin hat die Studentin einen Neuanfang in Kalifornien gewagt. Ohne es zu ahnen, wird Sarah erneut zum Spielball im Krieg der Engel. Denn diese sind nicht gewillt, sie so einfach ziehen zu lassen. Der oberste Engel schickt einen der seinen, der Sarahs Liebe gewinnen soll. Dann wäre sie für Rafael für immer verloren. Als die weiblichen Engel Rafaels Erinnerungen an Sarah zu erwecken versuchen, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit - und gegen verborgene Interessen, die sich den Liebenden in den Weg stellen. Werden Sarah und Rafael ihre Gefühle füreinander wiederfinden oder bleiben sie für immer getrennt, vereint nur in ihrer Sehnsucht nach Verlorenem? Eine dramatische und berührende Geschichte zu der ewigen Frage, ob es die wahre Liebe gibt.
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Veröffentlichungsjahr: 2016
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Das Buch
Die Autorin
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Epilog
Der Krieg der Engel
Die Engelskinder: Naphalim und Lilithuhim
Hintergrund und Danksagung
Carolyn Lucas
Verrat der Engel
Die Geschichte von Sarah und Rafael II
Copyright © 2022 AIKA Consulting GmbH
Berliner Straße 52
34292 Ahnatal
4. Auflage, März 2022
Lektorat: Sabine Kosmin, www.sabine-kosmin.de
Korrektorat Erstauflage: Tanja Lottes, www.bibliofeles.de
Korrektorat Zweitauflage: Lektorat Schmeinck – Korrekturen mit Herz
Coverdesign: © Grit Bomhauer, www.grittany-design.de
Bildmaterial: © Despositphotos – EdwardDerule | K3star
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Die Handlung und die handelnden Personen sowie deren Namen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen ist rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Die Zitate von Urakib sind entnommen aus:
Edmond Rostand: Cyrano von Bergerac. Romantische Komödie in fünf Aufzügen. Übersetzung von Ludwig Fulda. Originaltitel: Cyrano de Bergerac (1897)
Kann man die eine Liebe für immer vergessen?
Alle Erinnerungen Sarahs an ihre große Liebe Rafael, der sie von dem Fluch des Orakels befreite, sind verloren. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin hat die Studentin einen Neuanfang in Kalifornien gewagt.
Ohne es zu ahnen, wird Sarah erneut zum Spielball im Krieg der Engel. Denn diese sind nicht gewillt, sie so einfach ziehen zu lassen. Der oberste Engel schickt einen der seinen, der Sarahs Liebe gewinnen soll. Dann wäre sie für Rafael für immer verloren.
Als die weiblichen Engel Rafaels Erinnerungen an Sarah zu erwecken versuchen, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit - und gegen verborgene Interessen, die sich den Liebenden in den Weg stellen.
Werden Sarah und Rafael ihre Gefühle füreinander wiederfinden oder bleiben sie für immer getrennt, vereint nur in ihrer Sehnsucht nach Verlorenem?
Eine dramatische und berührende Geschichte zu der ewigen Frage, ob es die wahre Liebe gibt.
Carolyn Lucas ist das Pseudonym der Autorin Christiane Lind, unter dem sie Fantasy-Geschichten schreibt. Wie ihre Hauptfigur Sarah hat Carolyn lange Zeit in einer verschlafenen Studentenstadt in einer Wohngemeinschaft gelebt. Mit Sarah teilt sie außerdem die Zuneigung zu Katzen und Pferden sowie den Job als Buchhändlerin. Einen gefallenen Engel hat sie allerdings noch nicht kennengelernt.
Mehr auf: www.christianelind.de oder https://de-de.facebook.com/ChristianeLind
Als der Wecker klingelte, hätte ich ihn am liebsten erschossen - so wie an jedem Morgen, an dem ich vor dem Wachwerden aufstehen musste. Ich tastete mit der Hand nach dem Ding, um auf die Schlummertaste zu drücken. Noch zehn Minuten schlafen zu können, wäre ein echter Gewinn an Lebensqualität. Stattdessen griff ich in etwas Plüschiges – Katzenfell.
Frodo.
Unser schwarzer Kater konnte Türen aufmachen, sodass es ihm immer wieder gelang, in mein Schlafzimmer einzubrechen und mich zu beobachten. Normalerweise weckte mich das auf. Denn es war kein schönes Gefühl, am frühen Morgen angestarrt zu werden. Heute jedoch war ich so müde gewesen, dass Frodos durchdringender Blick nicht zu dem von ihm gewünschten Erfolg geführt hatte. Im Halbschlaf zog ich meine Finger aus dem Fell, gähnte, brachte den Wecker zum Schweigen und erhob mich. Vor der Tür erwartete mich Pippin mit hochgerecktem Kopf. Futter! Das stand ihm überdeutlich auf der Stirn geschrieben. Aber eigentlich stand ihm das immer auf der Stirn geschrieben.
»Jaja, ich komme gleich«, sagte ich, bevor ich kurz im Bad verschwand. Wie jeden Morgen argwöhnisch beobachtet von Sam, der sich immer noch nicht dazu überwinden konnte, Fabienne und mir zu vertrauen. Fabienne – wo war meine Mitbewohnerin und beste Freundin überhaupt? Warum musste eigentlich immer ich morgens die hungrigen Horden füttern? Fabienne verfügte über die glückliche Fähigkeit, selbst bei lautem Katzenmiauen weiterschlafen zu können, während ich sofort wach wurde. Selbst wenn ich nicht früh aufstehen musste wie heute.
Mit was für einem Quatsch beschäftigte sich mein Kopf? Meine Fragen sollten wohl das Gefühl vertreiben, das mich jeden Morgen begleitete. Wirklich jeden Morgen. Das Gefühl, mit einem glücklichen Lächeln auf dem Gesicht aufzuwachen, weil ich etwas Wunderschönes geträumt hatte. Und im Anschluss diese sich anbahnende Traurigkeit, weil ich sofort nach dem Aufwachen begonnen hatte, den Traum zu vergessen. Je intensiver ich mich bemühte, mich zu erinnern, desto schneller verblasste die Erinnerung.
Inzwischen hatte ich herausgefunden, dass ich in meinen Träumen, die sich jede Nacht ähnelten, einem Mann hinterherlief, ohne ihn zu erreichen. So wie man träumte, dass man auf der Stelle trat - nur, dass ich so sehr rannte wie noch nie in meinem Leben und trotzdem nicht schnell genug war, um den Mann zu berühren. Wo ich lief und ob es kalt oder warm war, daran erinnerte ich mich nicht. Worüber ich mir jedoch sicher war, war, dass ich das Gesicht des Mannes niemals gesehen hatte. Fast ebenso sicher war ich mir, dass es nicht Sebastian, mein Ex, sein konnte. Weil ich dem auf keinen Fall hinterherlaufen würde, außer vielleicht, um ihn zu verjagen. Ein wirklich seltsamer Traum mit lauter Unklarheiten. Trotzdem war ich lächelnd aufgewacht.
Und so ging es mir jeden Morgen. Egal, ob der Wecker mich aus dem Schlaf riss oder ob ich von selbst erwachte. Ich erinnerte mich zwar nur an den Schatten meines Traums, aber dem überwältigenden Glücksgefühl, das mit ihm einherging, wäre ich gerne auf den Grund gegangen. Denn eigentlich war ich mit meinem Leben, mit unserem Leben, so wie es jetzt war, zufrieden. Warum also verfolgte mich jeden Morgen dieses Gefühl, dass mir etwas Wichtiges zum Glücklichsein fehlte? Warum träumte ich immer wieder den gleichen Traum?
»Vielleicht solltest du einen Traumdeuter aufsuchen«, hatte Fabienne vor einem Monat vorgeschlagen, als ich wieder muffelig am Frühstückstisch gesessen hatte. »Die gibt es hier bestimmt zu Hunderten.«
Fabienne war nicht nur meine Freundin und Mitbewohnerin, sondern auch der Grund, warum Sam, Frodo, Pippin und ich in Berkeley lebten. Sie hatte ein Stellenangebot an der University of California bekommen, das sie nicht ablehnen konnte. Genauer gesagt am Lawrence Berkeley National Laboratory, wo sie irgendetwas mit sauberer, nachhaltiger, undsoweiter Energie erforschte. Da mein Leben in Deutschland vollkommen langweilig und ereignislos verlief, war ich begeistert, als Fabienne mich fragte, ob ich sie nicht begleiten wolle.
Die Kater fanden die Vorstellung, umziehen zu müssen, weniger grandios, aber wir ließen ihnen keine Wahl. Einen Monat hatte es gedauert, alle Umzugsvorbereitungen zu treffen. Kater impfen lassen – was deren Begeisterung für unseren Ortswechsel nicht gerade anfachte. Möbel, Bücher und den Großteil unseres Hausstands verpacken und einlagern, Abschied von Freunden nehmen und rein ins Abenteuer: Drei Jahre Leben in Berkeley erwarteten uns. Möglicherweise auch länger, je nachdem wie Fabienne sich schlug. Da meine Freundin alle Kriterien eines Genies erfüllte, sah ich uns für immer im sonnigen Kalifornien.
Ursprünglich hatten wir nach San Francisco ziehen wollen, aber nachdem wir Berkeley gesehen hatten, kam das nicht mehr in Frage. Seit drei Monaten wohnten Fabienne und ich nun schon hier. Von der ersten Begegnung an hatte ich mich in die Stadt verliebt – und Berkeley dankte es mir mit vielen kleinen Glücksmomenten und sich wunderbar fügenden Zufällen. An der Universität hatte ich keine Schwierigkeiten, mich ins Studienfach einzufinden, obwohl mein Englisch nicht das Beste war. Fabienne und ich hatten sofort eine wunderschöne Jugendstilvilla aufgespürt, in der auch Katerhaltung erlaubt war. Die Miete war zwar unglaublich hoch, aber dafür fühlte ich mich in unserem Häuschen vom ersten Augenblick an zu Hause. Doch das Beste von allem war mein Job, der mich gefunden hatte, statt ich ihn.
Dank Fabiennes Hilfe hatte ich ein Stipendium, mit dem ich die Studiengebühren und einen Teil der horrenden Miete bezahlen konnte. Selbst, wenn ich eisern sparen und mich nur von trockenem Brot und Wasser ernähren würde, würde das Geld nicht reichen. Fabienne hatte angeboten, die Miete allein zu zahlen, aber das ließ mein Stolz nicht zu. Da ich meinen Vater und meine Stiefmutter nicht um Geld bitten wollte, musste ich mir eine Arbeit suchen. Kurz nachdem ich die Stellenangebote in meiner Lieblingszeitung, dem Berkeley Daily Planet, durchsucht und nichts gefunden hatte, fand mein Job mich. Ich ging zu Just Good Books, einem Buchladen in der Telegraph Avenue, den mir eine amerikanische Freundin empfohlen hatte. Als ich hineingehen wollte, stieß ich mit einer großen und molligen Frau in schreiend bunten Klamotten zusammen, die hinausgehen wollte. Als erstes fielen mir ihre orangegefärbten Haare auf, deren Farbton sich übel mit dem Rotton ihrer Jacke biss. Sie hatte dermaßen viel Schwung, dass der Zettel, den sie in der Hand hielt, zu Boden fiel – genau wie ich.
»Sorry«, sagten wir gleichzeitig, was uns zum Lachen brachte.
»Mein Fehler«, sagten sie und ich wieder gleichzeitig, was das Lachen nur verstärkte.
Als ich mich aufgerappelt hatte und den Zettel aufhob, kam ich nicht umhin, ihn zu lesen.
Aushilfe gesucht. Sofort. Voraussetzung: Liebe zu Büchern. Gehalt ist nicht hoch, aber fair.
»Bitte«, sagte ich, als ich der Frau den Zettel reichte. Dann setzte ich alles auf eine Karte, grinste sie an und fuhr fort: »Ich heiße Sarah und suche genau diesen Job.«
»Ich bin Charlotte und glaube ans Schicksal.« Ihr Lächeln war ebenso ansteckend wie ihr Lachen. Sie erinnerte mich an meine Lieblingslehrerin in der Grundschule, die, zu der ich mit allen Problemen und aufgeschlagenen Knien gehen konnte. Die, die immer ein sauberes Taschentuch gehabt hatte, mit dem sie Schotter von den Knien gewischt oder Tränen getrocknet hatte. Hier musste ich einfach arbeiten. »Willkommen an Bord.«
So war ich zu Charlotte, ihren vielen Büchern und dem Café mit den besten Sandwiches, die man sich nur vorstellen konnte, gekommen. Deshalb musste ich heute auch zu dieser unerfreulichen Uhrzeit aufstehen. Denn diese Woche hatte ich Frühdienst, nicht meine Lieblingszeit, aber wegen der Uni ging es leider nicht anders. Obwohl es viel zu früh war, freute ich mich trotzdem auf die Arbeit. Meine Kolleginnen waren klasse, Charlotte die beste Chefin der Welt und selbst die Kunden liebten Bücher so wie ich. »Eigentlich müssten wir dir Geld dafür zahlen, dass wir hier arbeiten dürfen«, hatte eine Kollegin im Spaß zu Charlotte gesagt. Ein wahres Wort.
Seitdem Fabienne und ich in Berkeley lebten, hatte mein Leben einen deutlichen Sprung zum Positiven getan. Verglichen mit meinem Leben in Göttingen hatte sich alles zum Guten gewendet. Toi, toi, toi – ich klopfte auf unseren runden Holztisch, um das Schicksal nicht herauszufordern. Die Kater waren gesund und hatten sich schnell an ihren neuen Alltag gewöhnt. Sie liebten das Haus so wie ich und versuchten ab und zu, in den kleinen Garten auszubrechen. Doch Fabienne und ich hatten entschieden, dass es zu riskant wäre, ihnen diese Freiheit zu gestatten. Selbst im verträumten Berkeley fuhren für unseren Geschmack viel zu viele Autos. Da die Kater jedoch immer fordernder wurden, überlegten wir, einen ausbruchssicheren Zaun anzubringen oder besser anbringen zu lassen.
Das Zusammenwohnen mit Fabienne lief genauso gut wie in Deutschland. Ich hätte also rundum glücklich sein müssen. Warum blieb dieser Rest eines Zweifels? Warum nur gab ich so viel auf Träume, an die ich mich nicht einmal richtig erinnern konnte? Was fehlte in meinem Leben, das ich so sehr dahinterher war, den Träumen auf die Spur zu kommen? Dass ich einem Phantom hinterherjagte, das ich in meinen Träumen verfolgte und das mich im Gegenzug in meinen wachen Stunden verfolgte. Irgendwie fühlte es sich an, als ob mein Herz etwas wusste, das mein Verstand vergessen hatte.
»Mack! Mack!«, forderte Sam lautstark sein Essen ein. Wenn man Kater hatte, blieb einem nur begrenzt Zeit für lebensphilosophische Fragen. Unsere Samtpfoten hatten den Blick fürs Wesentliche: erst das Futter und dann … alles andere. Außerdem musste ich mich beeilen, wie ich nach einem Blick auf die Küchenuhr erschreckt feststellte.
»Ja, es gibt ja dein Mack«, antwortete ich dem Kater und öffnete eine Dose. Der Geruch war dermaßen durchdringend fischig, dass ich mir das Frühstück ersparen würde, was wiederum Zeit einsparte. Während ich das Stinkezeug auf drei Näpfe verteilte, fragte ich mich ein letztes Mal, ob ich mich korrekt erinnerte, von einem Mann geträumt zu haben. Einem Mann, dessen Gesicht ich nicht gesehen hatte und dessen Namen ich nicht wusste, der mir in meinem Traum jedoch die Welt bedeutet hatte.
»Sarah. Hallo. Danke fürs Füttern.« Fabienne kam in die Küche und gähnte. Obwohl es erst sieben Uhr dreißig und sie gerade aus dem Bett gestiegen war, sah sie umwerfend aus. Ihre langen schwarzen Haare trug sie in einem losen Pferdeschwanz. Ihre auffallend blauen Augen blinzelten verschlafen, als sie auf die Kaffeemaschine zuging. Selbst in ihrer Pyjamahose, die mit hellblauen Cartoon-Kaninchen übersät war, wirkten ihre Beine schlank und elegant. »Wann kommst du heute nach Hause? Ich wollte was kochen.«
»Gegen sieben. Erst Frühschicht bei Just Good Books, dann noch zwei Seminare.« Ich erwiderte ihr Gähnen und schaute sie prüfend an. »Ist irgendwas?«
»Wieso?« Sie konnte mir nicht in die Augen schauen, was für sie sehr, sehr ungewöhnlich war. »Alles gut. Willst du zuerst ins Bad?«
»Ich muss«, antwortete ich nach einem weiteren Blick auf die Küchenuhr. Blöd, dass mir keine Zeit blieb. Zu gerne hätte ich herausgefunden, was mit Fabienne nicht stimmte. Meine Freundin hasste es zu kochen, obwohl alles, was sie zubereitete, sehr lecker schmeckte. Wenn Fabienne sich also freiwillig dazu bereit erklärte, an einem schlichten Montag das Abendessen zu übernehmen, dann stimmte etwas gewaltig nicht. Musste ich mir Sorgen machen?
»Logan, das Paar an Tisch 5 möchte noch etwas bestellen.« Marissas kräftige Stimme übertönte das Stimmengewirr, das jeden Tag um die Mittagszeit herum im Café herrschte. Der hochgewachsene Mann, den sie angesprochen hatte, reagierte nicht, sondern wischte weiter den Tisch ab, als hätte er sie nicht gehört oder als wollte er sie nicht hören. »Hey, Logan! Oder wie immer du auch heißt.«
Endlich schaute er auf.
»Entschuldige.« Er lächelte. »Diese Woche ist es also Logan. Das habe ich noch nicht begriffen.«
»Tisch 5«, wiederholte Marissa, die sein Lächeln erwiderte. »Wenn dir Logan nicht gefällt, kann ich dich auch … Luke, Larry oder Liam nennen.«
»Logan ist schon okay.« Nachdem er ihr zugenickt hatte, ging der Mann zu dem Paar, das sich an Tisch 5 anschwieg. »Kann ich Ihnen noch etwas bringen?«
»Nein, danke«, sagte der Gast. Dann schaute er die zierliche Frau an, die ihm gegenübersaß und eine SMS tippte. »Sarah, möchtest du noch was trinken?«
Sarah. Der Mann, der diese Woche Logan genannt wurde, schüttelte den Kopf, als er dem Namen nachspürte. Sarah. So wenig wie er sich an seinen Namen erinnerte oder daran, wo er geboren war, so wenig erinnerte er sich an eine Frau namens Sarah. Aber der Name begleitete ihn und war ihm wichtig. Als ob diese Sarah eine derart bedeutende Rolle in seinem Leben gespielt hatte, dass sie die einzige Erinnerung blieb. Wenn auch eine sehr verschwommene. So wie alles, was in seinem Leben geschehen war, bevor es ihn nach Independence verschlagen hatte.
»Mir egal«, antwortete die Frau, ohne aufzusehen. Ihre Daumen tanzten über das Smartphone, das ihr viel wichtiger zu sein schien als ihr Gegenüber. »Meinetwegen können wir gehen.«
Logan musterte sie. Ob sie seine Sarah war? Nein, sie hatte keinerlei Wiedererkennen gezeigt, sondern ihn nur mit dem interessierten Blick bedacht, den er von Frauen gewöhnt war.
»Du bist schon verflucht attraktiv«, hatte seine Chefin Marissa gesagt, als sie ihm den Job gegeben hatte. »Groß, schlank, dunkel – du kriegst garantiert viel Trinkgeld. Aber nur von den Frauen.«
Recht hatte sie behalten. Logan hatte sich in den zwölf Wochen, die er hier arbeitete, einen kleinen Fanclub von Frauen aufgebaut, die in der Umgebung von Marissas Coffee & Sandwich House arbeiteten und jede Mittagspause hier verbrachten.
»Dann die Rechnung, bitte.« Der Mann schaute Logan an. Mit dem gewissen Blick, mit dem ihn viele Männer anstarrten. Bist du Konkurrenz für mich?, fragte dieser Blick. Willst du mir meine Frau wegnehmen?
»Selbstverständlich.« Logan setzte sein Ich-bin-keine-Gefahr-für-Sie-Lächeln auf, das meistens funktionierte. Vor allem, wenn er es damit kombinierte, seine Schultern zu senken, damit er kleiner wirkte.
Nachdem der Mann gezahlt hatte – nur die üblichen zehn Prozent Trinkgeld hatte es gegeben – ging Logan zu Marissa, die hinter der Theke den Überblick über das Café behielt. Wie man es von einer hervorragenden Köchin erwarten konnte, wirkte Marissa rundlich und gemütlich, als schmeckten ihr die Torten, Brownies und Muffins, die in der Auslage hinter Glas lagen. Einige Gäste hatten sich von Marissas gemütlichem Äußeren täuschen lassen und versucht, die Preise zu drücken, indem sie behaupteten, der Kuchen wäre nicht frisch. Schneller, als diese Menschen »Entschuldigung« sagen konnten, hatte Marissa sie hinausbefördert und ihnen verboten, das Marissas Coffee & Sandwich House je wieder zu betreten. Nur zwei oder drei von ihnen waren dumm genug gewesen, es dennoch zu versuchen. Marissa besaß ein fotografisches Gedächtnis für Gesichter und hatte die Störenfriede sofort wiedererkannt und erneut rausgeworfen. Logans Hilfe hatte sie dankend abgelehnt und auch wirklich nicht benötigt.
Pech für diese Geizkragen, die versucht hatten, Marissa zu betrügen. Auf ewig blieb ihnen das gemütlichste Café von Independence verwehrt. Eine Woche, nachdem sie Logan eingestellt hatte, hatte Marissa ihm erzählt, dass sie Marissas Coffee & Sandwich House vor zwei Jahren übernommen hatte. Vorher war es ein Pub gewesen, der sich in der kleinen Stadt nicht hatte halten können. Fotos von dem Pub hingen noch an den Wänden, damit die Gäste sehen konnten, wie sehr Marissa ihn verändert hatte. Im Pub hatte dunkles Holz dominiert – an den Wänden, der Decke und bei Stühlen und Tischen. Dunkelbraun war die Farbe der Saison, hatte Marissa es formuliert. Zwei schmale Fenster waren eher dazu geeignet gewesen, das Licht auszusperren als es einzulassen.
Nun hingegen schien die Sonne durch das große Fenster, das Marissa einbauen lassen hatte und beleuchtete eine Einrichtung, die sie als Mischung aus französischem Bistro und amerikanischer Gemütlichkeit bezeichnete. Neben Ecken mit Bistrotischen und schmalen, eher unbequem wirkenden Stühlen gab es drei breite, mit rotem Samt bezogene Sofas, die von schweren Sesseln aus demselben Material flankiert wurden. Der Samt der Sessel war allerdings lila oder blau, sodass das Marissas Coffee & Sandwich House lebendig und farbenfroh wirkte. Den Mittelpunkt des Cafés machte die Kuchentheke aus, in der Marissa all das präsentierte, was sie täglich frisch buk.
Hinter der Theke glänzte chromfarben Marissas ganzer Stolz: eine gewaltige Kaffeemaschine, die alle nur erdenklichen Kaffeeprodukte herstellte. Das gute Stück durfte man erst bedienen, nachdem man sich in Marissas Augen dafür qualifiziert hatte. Logan gehörte seit letzter Woche zu dem auserwählten Kreis der Kaffeemaschinenbediener, was ihm den spaßigen Neid einiger Kollegen eingebracht hatte, die Monate auf diese Ehre hatten warten müssen.
»Die gute Marissa ist bestimmt ein bisschen in dich verliebt«, hatte Megan gespöttelt, die von Anfang an dabei war. »So wie fast alle Frauen hier.«
Logan hatte mit den Schultern gezuckt und nichts weiter dazu gesagt. Ihm erschloss sich nicht, warum seine Kollegen und besonders die Kolleginnen so viel Interesse am Liebesleben anderer Menschen hatten. Über Marissa kursierten die wildesten Gerüchte: sie hätte einen zwanzig Jahre jüngeren Liebhaber oder einen dreißig Jahre älteren. Sie liebte Frauen oder war von ihrer großen Liebe verlassen worden. Marissa lächelte zu allen Spekulationen und schwieg. Da Logan es genauso hielt, hatten Marissa und er sich bereits nach kurzer Zeit angefreundet. Logan hegte den Verdacht, dass Marissa ihn bemitleidete, weil er nicht wusste, wer er war, und ihn daher etwas unter ihre Fittiche nahm. Immer wenn sie ihn sah, hatte sie ein besonders freundliches Lächeln für ihn, so auch jetzt.
»Also, Logan ist es wohl nicht?«, begrüßte ihn seine Chefin. »Du siehst auch nicht aus wie ein Logan. Eigentlich überhaupt nicht wie einer, dessen Name mit L beginnt.«
»Warum hast du das L dann nicht ausgelassen?« Logan oder wie immer er auch hieß, zwinkerte ihr zu. »Warum versuchst du es nicht mit einem Namen, der dir spontan in den Sinn kommt?«
»Weil ich eine Systematikerin bin.« Marissa grinste breit, sodass das Grübchen in ihrer linken Wange sichtbar wurde. »Ich gehe das Alphabet von A bis Z durch und dann wieder von Z bis A, bis du endlich auf einen Namen reagierst.«
»Vielleicht sollte ich Marvin nehmen, damit du Ruhe gibst«, spöttelte Logan freundlich. »Oder Martin.«
Er mochte seine Chefin, deren lilafarbene Haare jedem sofort auffielen, obwohl er sie oft nicht verstehen konnte. Auch an ihre Marotte, ihm unbedingt den richtigen Namen geben zu wollen, hatte Logan sich erst gewöhnen müssen. Aber er nahm es hin, weil sie ihm diesen Job gegeben hatte, ohne viele Fragen zu stellen. Dass er weder eine Sozialversicherungskarte noch einen Führerschein oder sonstige Ausweispapiere bei sich gehabt und keinerlei Erinnerung daran hatte, wer er war, hatte Marissa nicht davon abgehalten, ihn einzustellen.
Auch das Drängen ihrer Schwester Evelyn, die Logan über den Haufen gefahren hatte, trug seinen Teil dazu bei. Evelyn hatte befürchtet, dass sie an Logans Gedächtnisverlust Schuld war. Daher fühlte sie sich wohl für ihn verantwortlich und brachte ihn bei ihrer Schwester unter. Die ersten vier Wochen nannte Marissa ihn wie alle anderen John, nach John Doe, dem Alias, das Unbekannte in Polizeiberichten erhielten. Evelyns Mann, der sich für sehr witzig hielt, kam auf die Idee und alle übernahmen den Namen.
Doch nach vier Wochen hatte Marissa ihn aus ihren verschiedenfarbigen Augen angeschaut, den Kopf geschüttelt und gesagt: »Auf keinen Fall John. Wir probieren jetzt einfach aus, wie du heißen könntest.«
Von Adam über Bill, Chris, Dave und noch etliche andere Vornamen waren sie jetzt beim Buchstaben L angelangt, ohne dass Logan bisher den Eindruck gehabt hatte, einer der Namen wäre wirklich seiner. Selbst das intensivste Nachdenken und sogar eine Hypnose hatten keinerlei Ergebnis gebracht. Er war ein Mann ohne Namen und ohne Vergangenheit, dem nur wenig geblieben war: das Gefühl eines furchtbaren Verlustes und der Name Sarah.
»Gönn dir mal eine Pause. Probier den Pecan Pie.« Ohne Logans Antwort abzuwarten, holte Marissa einen weißen Porzellanteller, auf den sie ein gewaltiges Stück des Pekannusskuchens legte. »Ich mach dir einen doppelten Cappuccino dazu.«
»Danke. Du verwöhnst mich.« Logan wartete, bis die chromglitzernde Maschine sein Getränk fertiggestellt hatte. Er unterdrückte ein Gähnen. Gestern Nacht war er wieder dreimal aufgewacht, weil er gemeint hatte, verdächtige Geräusche vor der Tür zu hören. Wer immer er auch war, einen leichten Schlaf hatte er auf jeden Fall.
»Hier, bitte.« Marissa reichte ihm Teller und Tasse. »Lass es dir schmecken.«
»Da bin ich sicher.«
Gerade, als er auf einen der hinteren Tische zugehen wollte, hielt ihre Stimme ihn auf.
»Bevor ich es vergesse«, sagte Marissa so nebenbei, dass Logan sofort Verdacht schöpfte. »Morgen fängt eine Neue an. Kannst du sie einarbeiten?«
»Marissa!« Logan gab ein gespieltes Stöhnen von sich. Zu durchsichtig waren ihre Anstrengungen, ihn zu verkuppeln. »Lass mich raten: mein Alter, hübsch und Single?«
»Keine Ahnung«, gab seine Chefin vor. Unschuldig musterte sie ihn aus ihren verschiedenfarbigen Augen, die sie hinter den Brillengläsern verbarg. Logan hatte den Verdacht, dass Marissa die Brille nur trug, damit man nicht sofort sah, dass sie ein blaues und ein braunes Auge hatte - wie ein Husky, wie sie selbst sagte. »Wir brauchten noch jemanden für Montag und Mittwoch.«
»Hmm«, antwortete er und ging zu seinem Tisch. Dort trank er langsam und genüsslich einen Schluck seines Cappuccinos. Dass er Kaffee lieber mochte als Tee, hatte er inzwischen schon über sich herausfinden können. Auch dass er Carrot Cakes und Pecan Pies mochte und Fleisch ablehnte, war einfach zu entdecken gewesen. Was ihn hingegen mit einer Frau namens Sarah verband, blieb weiterhin unklar. Logan hätte nicht einmal sagen können, ob er Frauen mochte oder Männer. Bisher waren alle Versuche Marissas, ihn zu verkuppeln, an seinem mangelnden Interesse gescheitert. Genüsslich aß er sein Stück Kuchen, bevor er sich die Tageszeitung holte. Immer noch hoffte Logan, dass er dort auf einen Artikel stieß, der ihm etwas über seine Vergangenheit verraten würde.
Weil er sich überhaupt nicht erinnern konnte, war die Suche nach sich selbst ein Balanceakt. Möglicherweise gab es gute Gründe, dass er vergessen hatte, wer er einmal war. Gründe, über die er lieber nicht nachdenken wollte. Als er seine Sorgen einmal Marissa erzählt hatte, hatte die ihn lange angeschaut, als könnte sie in sein Herz blicken.
»Nein«, hatte sie dann gesagt und den Kopf geschüttelt. »So wie du aussiehst, ist dir etwas Trauriges geschehen, aber du bist kein böser Mensch.«
Logan hatte sich entschieden, Marissas Instinkten zu vertrauen und vorsichtig damit begonnen, seine Vergangenheit ausfindig zu machen. Megan hatte ihn in die wunderbare Welt des Internets eingeführt, aber selbst dort war er nicht fündig geworden. Weder über eine Suchmaschine noch über einen der vielen Social Media Kanäle. Was immer Logan auch unternahm, um etwas herauszufinden, das Vorhaben endete in einer Sackgasse. Damit hätte er leben können, schließlich gefiel es ihm in Independence. Er mochte seinen Job, seine kleine Wohnung und seine Kollegen, die bald zu Freunden geworden waren. Aber etwas ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Jede Nacht träumte er von ihr – von Sarah – ohne sich jedoch an Details dieser Träume erinnern zu können. Das Einzige, was ihm blieb, war ihr Name, den er jeden Morgen beim Aufwachen sagte.
»Sarah.«
Wer oder was mochte sie für ihn gewesen sein?
»Du weißt es so gut wie ich.« Zaqebe machte ihrem Ärger Luft, indem sie mit dem Fuß aufstampfte. Je nach Temperament hoben Armaros` Katzen die Köpfe, sahen sie empört an oder flüchteten unter den mit smaragdgrünem Samt bezogenen Diwan. »Es ist verdammt unfair.«
»Engel sollten nicht verdammt sagen«, antwortete Armaros mit feinem Lächeln. Die Oberste der Lilithuhim strich sich eine Strähne ihres grauen Haares hinters Ohr, bevor sie weitersprach: »Ich stimme dir zu, das weißt du, aber …«
»Ja, ja, auch das weiß ich.« Zaqebe ließ sich auf den Diwan fallen, was ihr das zornige Fauchen einer weißen Katze einbrachte, deren Fell so plüschig war, dass sie aussah wie ein kleiner Eisbär. Ein wütender kleiner Eisbär. »Entschuldige, Samtpfote. Ach, Armaros. Es kann nicht sein, dass Sarah und Rauel dafür bestraft werden, dass sie uns alle gerettet haben.«
Die Katze verschwand unter einem dunklen, schweren Tisch, auf dem Bücher verstreut lagen. Wie stets standen neben den in Leder gebundenen Manuskripten Glasgefäße mit scharf riechenden alchemistischen Flüssigkeiten. Wie die Samtpfoten den Gestank nur aushielten, blieb Zaqebe ein Rätsel.
»Rauel hat den Kodex der Naphalim gebrochen.« Armaros streichelte die winzige graugetigerte Katze, die auf dem Buch lag, das Armaros lesen wollte. »Semjasa musste ihn bestrafen.«
»Das sehe ich ein.« Zaqebe sprang auf. Ihr Ärger war dermaßen groß, dass sie sich bewegen musste. Sonst wäre sie geplatzt. »Semjasa hat Rauel bereits die Unsterblichkeit genommen. Ihm auch noch die Erinnerung zu nehmen, war reine Grausamkeit.«
»Wäre es besser, Rauel würde sich an seine Liebe zu Sarah erinnern?« Armaros hob die Hände, als wollte sie sich entschuldigen. Als wünschte die Oberste der Lilithuhim sich ebenfalls, dass Rauel und Sarah ihre Liebe hätten leben dürfen. »Du selbst hast ihr geholfen, ihn und uns zu vergessen.«
»Ich musste es tun.« Zaqebe ging zum Fenster, um in den Garten hinauszuschauen. Der Anblick der tiefrot blühenden Rosen beruhigte sie nicht, sondern erinnerte sie an Blut. »Ich wünschte, es hätte einen anderen Weg gegeben.«
Hätten Zaqebe und Rauel nicht gemeinsam den Zauber gewirkt, der Sarah die Orakelfähigkeit genommen hatte, so wäre ihr ein furchtbares Schicksal bestimmt gewesen. Orakel, von denen es immer nur eines geben konnte, waren Kinder von Menschen und Halbengeln. Sie besaßen die Fähigkeit, die Zukunft zu sehen, aber nicht die Kraft, die Zukunft zu ertragen. Das führte dazu, dass sie früher oder später dem Wahnsinn verfielen. Armaros hatte Sarahs Orakelkräfte unterdrücken können, als diese ein Kind war. Aber es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen, bis die Macht wieder hervorgebrochen wäre. Nur ein gemeinsamer Zauber der untereinander verfeindeten Engelskinder konnte ein Orakel befreien. Doch der Preis dafür war hoch – das Orakel verlor jegliche Erinnerung an seine Macht und auch an die Söhne und Töchter der Engel.
Rauel hatte es wissend in Kauf genommen, Sarahs Liebe zu verlieren, damit sie glücklich leben konnte. Mit dieser Entscheidung hatte Rauel den Zorn Semjasas, des obersten Naphal, auf sich gezogen. Es gibt ohnehin wenig Gutes über Semjasa zu sagen, dachte Zaqebe, aber dass er so übel handeln würde, hatte niemand erwartet.
Nicht nur, dass er Rauel alle Engelsmacht genommen und ihn zu einem Menschen gemacht hatte. Nein, schlimmer noch, Semjasa hatte Rauel jede Erinnerung genommen und ihn nach Kansas gesandt. Ins Nirgendwo. So weit weg von Sarah, wie es nur möglich schien. Zaqebe hatte gegen den Befehl, sich nicht einzumischen, verstoßen und dafür gesorgt, dass auch Sarah und ihre Freundin Fabienne in den USA lebten. Bevor Zaqebe jedoch erreichen konnte, dass Sarah und Rauel sich in einem Wiedersehen vereinten, hatte Armaros sie zurückgerufen. Seitdem gab es ständig Streit zwischen ihnen über die Frage, ob die Lilithuhim sich einmischen durften oder nicht.
»Lass mich nur Sarah und Rauel zusammenbringen«, bat Zaqebe. Sie wandte sich zu Armaros und schaute die oberste Lilithuh flehend an. »Mehr werde ich nicht tun. Nur ihnen die Chance geben, einander zu sehen und sich wieder an ihre Liebe zu erinnern.«
»Das kann ich nicht zulassen.« Armaros seufzte. »Der Vertrag mit den Naphalim verbietet es, uns in Sarahs Leben einzumischen.«
»Ich weiß.« Zaqebe stieß ein Schnauben aus, das die Katzen endgültig dazu brachte, sich in den hinteren Raum zu begeben. Dorthin, wo es ruhiger war. »So wie auch die Naphalim sich nicht einmischen dürfen. Warum hast du das unterschrieben?«
»Weil die Alternative ein Krieg wäre.« Armaros wirkte alt und erschöpft, als sie die Worte aussprach. »Es ist mir nicht leichtgefallen, aber ich musste tun, was möglich war, um einen erneuten Waffengang zu verhindern.«
So sehr Zaqebe es hasste, das zugeben zu müssen, sie stimmte Armaros zu. Ein weiterer Krieg zwischen Engelstöchtern und Engelssöhnen hätte das Leben vieler Menschen gefordert. Warum nur mussten die Naphalim so engstirnig und rückwärtsgewandt sein? Warum nur fiel Zaqebe kein Plan ein, um Sarah zu helfen? Die Engelstochter hatte die Frau wegen ihrer Menschlichkeit und Verletzlichkeit ins Herz geschlossen.
»Der Vertrag gebietet, dass keine Lilithuh sich in Sarahs und Rauels Leben einmischt«, sagte Armaros. Sie nickte Zaqebe zu. »Ich möchte dich daran erinnern: WederLilithuhimnochNaphalim dürfen zu den Menschen gehen und ihnen helfen.«
Dann wandte die oberste Lilithuh sich ab, um ihr Zimmer zu verlassen. Zaqebe blieb allein mit ihren Gedanken zurück. Armaros‘ Worte hatten ihr etwas sagen wollen, etwas Verstecktes, das hatte sie begriffen. Aber ihr wollte einfach nicht einfallen, was die oberste Lilithuh gemeint haben könnte.
»Verdammt, ich bin eine Kriegerin, keine Philosophin«, zischte Zaqebe. Ihr Tonfall veranlasste die kleine schwarze Katze, die sich aus dem hinteren Zimmer hervorgewagt hatte, dazu, sofort umzudrehen und mit hocherhobenem Schwanz zurückzulaufen. »Was wollten mir diese Worte sagen?«
Weder Lilithuhim noch Naphalim durfen sich Sarah oder Rauel nähern …
Sollte es wirklich so einfach sein? Warum nur war sie nicht vorher auf die Lösung gekommen? Zaqebe sprang auf und eilte aus dem Zimmer, als müsste sie gegen die vergehende Zeit anrennen. Ein breites Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als sie sich ausmalte, wie sie Sarah und Rafael zu ihrem verdienten Glück verhelfen könnte.
»Urakib.« Semjasa nickte dem Krieger zu, der seinem Befehl sofort gefolgt war. »Du bist einer meiner besten Kämpfer.«
»Ja.« Urakib war kein Mann der vielen Worte, was Semjasa erneut zweifeln ließ. Würde dieser Naphal der Aufgabe gerecht werden können, die der Oberste für ihn vorgesehen hatte? Doch alle anderen Naphalim schienen Semjasa noch ungeeigneter. »Was für einen Auftrag soll ich ausführen?«
Stets direkt, nie diplomatisch. Und diesem Krieger wollte er wirklich einen derart heiklen Auftrag zumuten?
»Ich werde dich zu den Menschen senden. Zu der Frau, die Rauels Verbannung erforderte.«
»Zu den Menschen?« Semjasa konnte Urakib förmlich dabei zusehen, wie der versuchte, Gedanken zu formulieren. Warum nur hatte Rauel, der Klügste unter ihnen, sich in eine Frau verlieben müssen und sie verraten? »Aber … aber verbietet der Vertrag mit ihnen das nicht?«
Brav, dachte Semjasa. Urakib hielt sich an die Vorschrift, den Namen der Lilithuhim niemals mehr zu nennen. Sein Untergebener war stets gut darin, sich an Vorschriften und Regeln zu halten. Wie der Engelssohn damit klarkommen würde, improvisieren zu müssen, darüber wollte Semjasa lieber nicht nachdenken. Aber ihm blieb keine Wahl. Er musste handeln, wenn er nicht wollte, dass die Engelstöchter einen Vorteil erhielten. Alles wegen dieses Weibes.
»Der Vertrag verbietet es uns, als Naphalim auf die Welt der Menschen zu gehen.« Semjasa lächelte kurz. Nicht umsonst hatte er sich lang und intensiv Gedanken über diese Formulierung gemacht. Einen guten Anführer zeichnete aus, vorauszudenken und stets einen Plan B und C im Hinterkopf zu haben, wenn die erste Idee scheiterte. Erstaunlich, aber nicht verwunderlich, dass Armaros dieses Schlupfloch bisher nicht bemerkt hatte. Auch wenn ihre Väter Engel gewesen waren, so blieben die Lilithuhim doch nur Weibsvolk. »Ohne Engelsmacht sind wir frei zu tun, was wir wollen.«
»Aber wer würde auf Engelsmacht verzichten?«, fragte Urakib. Dann konnte Semjasa sehen, wie dem jüngsten der Naphalim langsam begreiflich wurde, was ihn erwartete. »Oh, Herr, nein. Bitte, das könnt Ihr nicht verlangen.«
»Du bist ein Krieger«, erinnerte Semjasa ihn. Vorab hatte er überlegt, mit welcher Taktik er Urakib überzeugen würde. An das Ehrgefühl des Engelssohns zu appellieren, erschien Semjasa am vielversprechendsten. »Ein Kämpfer, der jede Aufgabe erfüllt, und sei sie noch so schwer.«
»Ja«, antwortete Urakib kleinlaut. Er hielt den Blick zu Boden gesenkt, als fürchtete er, dass seine blauen Augen ihn verraten könnten. »Ich tue, was Ihr wünscht.«
»Gut.« Semjasa gestattete sich ein kleines Lächeln, das Urakib sicher als Freundlichkeit auffassen würde, obwohl es purer Triumph war. »Du wirst die Frau verführen und mit ihr ein Kind zeugen.«
»Herr!« Urakib schaute auf, blanke Panik in den Augen. Der jüngste Naphal war dermaßen erschüttert, dass ihm der Mund offen stehen blieb, nachdem er das eine Wort ausgerufen hatte. Endlich gewann er seine Fassung zurück. »Aber, Herr, warum?«
Eigentlich musste Semjasa seinen Untergebenen nicht erklären, was seine Gründe waren. Er war der Oberste und sie hatten zu gehorchen. Aber in diesem Fall war er bereit, eine Ausnahme zu machen – einfach, weil vom Gelingen von Urakibs Mission derart viel abhing. Erst hatte der Anführer überlegt, sich eine Lügengeschichte auszudenken, mit der er seinen Untergebenen ruhigstellen würde. Dann jedoch hatte er entschieden, dass es klüger wäre, Urakib die Wahrheit zu sagen. Jedenfalls den Teil der Wahrheit, den der Naphal kennen durfte.
»Die Frau war ein Orakel …«, begann Semjasa.
»Ich weiß«, unterbrach ihn Urakib. Dieser offensichtliche Ungehorsam war beredtes Zeugnis dafür, wie nervös ihn die Aufgabe machte. Niemals sonst hätte der Naphal es gewagt, den Obersten nicht ausreden zu lassen. »Aber sie hat ihre Macht verloren.«
»Sie hat sie nicht eingebüßt!«, entgegnete Semjasa scharf, damit Urakib sich nicht noch einmal einer derartigen Frechheit erdreisten mochte. »Rauel und … das Engelsweib haben ihr die Macht genommen.«
Urakib sagte nichts, sondern schaute wieder zu Boden. Regungslos stand der jüngste Naphal vor seinem Obersten und schien sich zu wünschen, im Erdboden versinken zu können.
