Verrückt in Bonn - Hubert Schem - E-Book

Verrückt in Bonn E-Book

Hubert Schem

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Beschreibung

Spätsommer 1997 in Bonn. Neuartige Störungen im Regierungsapparat. Nie beschlossene Änderungen von Gesetzen und Verordnungen erscheinen im Bundesgesetzblatt. Geheimnisvolle Zeichenfolgen tauchen in amtlichen Schriftstücken auf. Nonsens-Texte werden im interministeriellen Informationssystem verbreitet. Dienstliche Texte sind spielerisch umgestaltet worden. Unsicherheit, Panik in den Ministerien. Treibt ein Einzelner sein Unwesen? Ist es eine Gruppe, die der Bundesrepublik schaden will? Oder greifen die bewährten Methoden des Ausbalancierens gegensätzlicher Kräfte nicht mehr, weil Ministeriale sich abweichend vom Kodex verhalten? Eine dreiköpfige Task-Force wird zusammengestellt, um den Verursachern auf die Schliche zu kommen und ihre Motive zu erforschen. Die Mitglieder dürfen weder aus dem Bonner Regierungsapparat noch aus einem Geheimdienst oder einer Polizeidienststelle kommen. Berufen werden: ein höherer Beamter aus dem Finanzministerium eines neuen Bundeslandes, eine Expertin für Kommunikationsstörungen in Großorganisationen aus der Staatskanzlei eines süddeutschen Bundeslandes und ein bewährter Spezialist für das Aufspüren von Störungsursachen in komplexen Informationssystemen, der zu DDR-Zeiten Offizier bei der Nationalen Volksarmee war, nach der Wende als Mitarbeiter der Treuhandanstalt Vereinigungskriminalität aufgespürt hat. Die Sonderermittler gewinnen in verschiedenen Ministerien erstaunliche, aber nicht zielführende Erkenntnisse. In ihrer Freizeit dagegen haben alle Drei überwältigende Erlebnisse, indem sie erfahren, dass es in Bonn bürgerliche Frauen gibt, die sich viel Freiheit bewahrt oder erworben haben und gradlinig damit umgehen. Nach siebeen Wochen mit teilweise skurrilen Rechercheerlebnissen und traumhaften privaten Begegnungen nimmt alles ein unerwartetes Ende - Vielleicht mit einer Ausnahme.

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Seitenzahl: 307

Veröffentlichungsjahr: 2017

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1

Er zog mit der Linken die Schiebetür auf, betrat das leere Abteil, wählte nach alter Gewohnheit den Fensterplatz mit dem Rücken zur Fahrtrichtung, wuchtete seinen Koffer auf die Ablage und ließ sich in die Polster fallen. Vertrauend darauf, alle wichtigen Reisedaten im Kopf zu haben, war Jürgen Rüthberg am Hamburger Hauptbahnhof gelassen ausgestiegen, ohne die undeutlichen Ansagen zubeachten, war zügig zu dem im Fahrplan angegebenen Bahnsteig gegangen und hatte dort endlich eine den Anschlusszug betreffende Mitteilung verstanden. Hastig mit seinem schweren Koffer erneut eine Treppe hinauf, die übernächste hinunter, in letzter Sekunde in den nächstbesten Wagen; mit dem Koffer in der Rechten in verdrehter Haltung den schmalen Seitengang entlang schlurfen, trippeln, stolpern, ein leeres Abteil als Einladung verstehen und auf den weit vorne in einem Großraumwagen reservierten Platz verzichten.altungfieErinnerungen und Gedanken schweifen lassen, ohne Gesicht und Haltung kontrollieren zu müssen, dösen, schlummern, träumen – welch reizvolle Aussicht.

Mehr als vier Stunden allein im Abteil. Von der vorbeihuschenden Außenwelt nichts, was den Augenblick überdauerte. Scharfe und verschwommene Bilder aus ferner und naher Vergangenheit vermischten sich mit wachgerufenen Gefühlsvariationen. Angenehmes, Interessantes, auch Belangloses; aber kein Anflug quälender, hässlicher oder auch nur vage unangenehmer Erinnerungen. Positives weckt Positives, das wiederum Positives aufruft – eine seiner Grunderfahrungen.

Als die bevorstehende Ankunft im Bonner Hauptbahnhof angekündigt wurde, sah er sich gerade gefühlsversunken am Rand der westmecklenburgischen Steilküste stehen. Die sonore Stimme aus einer unsichtbaren Lautsprecherbox konnte die frühe Abendstimmung über der unruhigen Ostsee nicht verscheuchen. Wenn die schnell treibenden Wolkengebilde der Sonne Raum ließen, musste er die Hand über die Augen halten, um das ganze Panorama erfassen zu können. Die Lichtspiele auf der unruhigen Wasserfläche. Die ferne Linie des jenseitigen Ufers der Bucht. Unten auf dem weiten Strand ganz vereinzelt sportlich ausschreitende oder nach Schätzen suchende Spaziergänger. Kein Ton von Menschen oder Menschenwerk dringt herauf. Im flachen Wasser bemüht sich ein Paar mit unerschöpflicher Geduld, einen Surfdrachen wieder richtig in den Wind zu bringen. Sie versucht jetzt mit seiner Hilfe, auf dem Board Fuß zu fassen, während er mit der Linken die Schnüre des Drachens hält, dessen einer Teil vom Wind hin und her gezerrt wird, ohne den schlaff im Wasser liegenden anderen Teil hochziehen zu können. Wieder und wieder misslingen die Bemühungen des Paars. Schließlich versucht er es allein, während sie mit herabhängenden Armen nur noch zusieht: Einige sichere Griffe in die Schnüre. Widerstrebend und gleichzeitig aufwärts drängend hebt der Drachen sich in voller Länge aus dem Wasser und wird sofort vom Wind aufgebläht. Sein Bändiger steht schon auf dem Board. Ein Griff dahin, ein Griff dorthin, und aus dem Stand mit Hochgeschwindigkeit ostwärts. Plötzlich hebt er ab: zwei, drei, vier Meter über der kabbeligen See durch die Luft. Höher, weiter. Der Betrachter hält die Luft an. Doch schon sind Brett und Mann zurück auf dem Wasser, um mit weiter gesteigertem Tempo die wilde Jagd fortzusetzen. Die Umrisse sind fast aus Jürgens Blickfeld verschwunden, da - eine knappe Körperbewegung und gegen den Wind geht die Jagd zurück. Wie eine Statue steht die Partnerin bis zu den Oberschenkeln im Wasser. In wechselnd weiten Bögen zieht der athletische Surfer seine Kreise um sie herum. Sie scheint ihn nicht mehr zu beachten. Abrupt wendet der Betrachter auf der Steilküste sich zum Gehen, erfüllt von einem seit vielen Jahren nicht mehr gespürten eigenartigen Ziehen und Drängen, für das er noch nie einen treffenden Begriff gefunden hat. Und schon Raum für Zweifel. Hatte er voreilig aus dem deutlichen Größenunterschied geschlossen, dass ein sportlicher Er eine sportlich ungeschickte Sie im Flachwasser zurückließ? Konnte es nicht umgekehrt gewesen sein? - Eine Rüge aufs eigene Konto!

HDa Jürgen Rüthberg wusste, dass ihn am Bahnhof niemand erwartete, gab es noch keinen Grund, sich in der Gegenwart zurückzumelden, als er den Zug in Bonn verließ. Ein durch vertraute Signale ausgelöster Automatismus hatte seine Aufmerksamkeit lediglich auf das notwendige Maß erhöht. So fand er sich auf der Poststraße wieder und schlenderte wie ein Tourist in Richtung Münsterplatz. Flüchtige Gedanken an den nächsten Tag konnte er gelassen vorbeiziehen lassen. Wenn er dafür sorgte, vor Mitternacht allein in einem nicht zu weichen Bett zur Ruhe zu kommen, würden ihm spätestens nach dem Frühstück - darauf glaubte er sich aufgrund seiner Erfahrungen verlassen zu können - alle Kenntnisse und Fähigkeiten, denen er seine Mission verdankte, zur Verfügung stehen. Und alle Kenntnisse, Fähigkeiten und Gefühle, die dieser Mission abträglich sein könnten, würden sich wegducken.

Von der Poststraße war anscheinend seit den Fünfziger

Jahren nicht mehr als der Name erhalten geblieben. Jürgen vermied es, seine vagen Erinnerungen zu konkretisieren und mit der Gegenwart zu vergleichen. Oft genug hatte er erfahren, dass die Konfrontation von erinnerten mit gegenwärtigen Bildern Enttäuschung und Wehmut erzeugt. Und nichts trieb ihn an, den schönen Spätsommerabend durch süße, säuerliche, bittere oder auf vielfältige Weise gemischte Erinnerungen zu einem höchst privaten Gedenk- und Wehmutsfestival eines seit einigen Jahren wieder alleinstehenden Mannes im dritten Drittel seines Lebens ausarten zu lassen.

Am Münsterplatz wandte er sich ohne bewusste Entscheidung nach rechts. Die eigenartige Lage des Münsters schräg zum Platz war ihm früher nicht aufgefallen. Jetzt dachte er an einen Riesenfindling, lange vor allem Menschenwerk in einer Endmoräne eingesunken und Tausende von Jahren später generationenlang kunstvoll bearbeitet, bis Türme und Zinnen sich stolz zum Himmel reckten, während der Steinkoloss weiter Millimeter um Millimeter in der Erde versank.

Die klaren Töne eines Hammerklaviers riefen ihn in die Gegenwart zurück. Ohne zu überlegen, wandte er sich um und ging mit schnellen Schritten in Richtung des Beethovendenkmals. Das Klavier stand einige Meter vom Denkmal entfernt auf dem schwarzen Ascheplatz, ein Teller mit Münzen in diskretem Abstand auf einem Schemel. Ein junger Mann im weißen Hemd mit offenem Kragen war mutig oder dreist genug, unter den Augen des größten Bonners seine Fertigkeiten zu demonstrieren. Unschlüssig schlenderte Jürgen an den stehengebliebenen Passanten vorbei. Als er das Straßencafé an der anderen Seite des Denkmals entdeckte, hatte er ein vorläufiges Ziel. Er fand einen freien Tisch in günstiger Lage. Während der Pianist von Beethoven zu Schubert wechselte, beobachtete Jürgen mit mäßigem Interesse die Zuhörer und wartete gelassen auf die Bedienung. Als er sich schließlich wie zufällig umschaute, sah er auf der Terrasse des Pavillons einen älteren Kellner, der in klassischer Haltung vier offenbar munteren Frauen zuprostete. Alle fünf kippten den Inhalt ihres kleinen Glases rituell hinunter. Und die muntere Unterhaltung wurde sofort noch lebhafter. Jürgen verstand nur zusammenhanglose Wörter, wurde aber von der heiteren Stimmung so angesteckt, dass er nicht bemerkte, wie sich seine Kontrollmechanismen ausschalteten. Eine wohlige Abendsonne, vertraute Töne aus der schönen Müllerin, die heiteren rheinischen Frauen ohne List und Tücke. Minutenlang war er nur noch Gefühl.

Der Kellner wiederholte mit deutlich rheinischem Akzent freundlich Jürgens Bestellung und notierte sie auf seinem Block. Ohne an den Stufen zur Terrasse zu stolpern oder auch nur zu zögern, ging er hinauf und passierte wortlos den Tisch der fröhlichen Frauen. Eine der Frauen sah ihm nach und machte mit plötzlich ernst gewordenem Gesicht eine kurze Bemerkung, die die anderen zum Verstummen brachte.

Jürgen bemerkte zu spät, dass er sekundenlang zu dem Frauentisch hinübergeschaut hatte und nun die eine der Frauen unverhohlen anstarrte. Sie hatte seinen Blick anscheinend gespürt und nahm die Herausforderung spielerisch an. Er wandte seinen Blick nicht ab, sondern versuchte ihn möglichst harmonisch so umzugestalten, wie es seinen Vorstellungen von ihren Erwartungen entsprach. Sein Blick sollte nicht das nackte Interesse an ihrer Person zeigen, aber auch keine Sekunde lang jene ausdruckslose Blödheit, die gerade dann erscheint, wenn man sich bemüht, den eigenen Gesichtsausdruck unter Kontrolle zu bringen.

Sie hielt seinem Blick noch einen Augenblick stand – ein wenig amüsiert, ein wenig frech. Dann wandte sie sich mit einer kurzen Bemerkung ihrer Nachbarin zu, die an dem Turm ihrer pechschwarzen Haare herumnestelte. Wieder gab es eine allgemeine Heiterkeit in der Runde. Auch er versuchte seine Aufmerksamkeit abzulenken und betrachtete das Beethovendenkmal und das Treiben rundherum scheinbar intensiv. Dabei verrückte er seinen Stuhl so, dass er unauffälliger wieder zur Terrasse hinüber sehen konnte. Der Pianist war inzwischen mit seinem Potpourri bei Johann Strauss angekommen, was Jürgen ihm nach kurzer Verblüffung großzügig verzieh.

Sein Blick blieb nirgendwo hängen. Er drehte seinen Stuhl weitere Zentimeter in Richtung Terrasse. Als er wie zufällig hinübersah, trafen sich ihre Blicke sofort wieder und hielten sich fest. Gleichzeitig ein vielsagendes Lächeln: freundlich, interessiert, verständnisvoll bis verschwörerisch, keine Spur einer spöttischen Beigabe. Es entging ihm nicht, dass er jetzt hellwach war – zum ersten Mal seit vielen Stunden – und dass er bereits beschlossen hatte, es nicht bei diesen Blickkontakten bewenden zu lassen. Bevor sein interner Computer ihm auch nur den Hauch einer Idee für sein weiteres Vorgehen geliefert hatte, veränderte sich die Situation in seinem Blickfeld: Die Frauen schoben ihre Stühle zurück, standen auf, nahmen ihre Handtaschen in den Griff und kamen die Terrassenstufen herunter. Seine Blickpartnerin war hinter den anderen verschwunden. In einen Anfall von Panik hielt Jürgen die Luft an und versuchte dann, ruhig einige tiefe Atemzüge zu machen.

Als er sie wieder entdeckte, ging sie zwei Schritte hinter den drei anderen Frauen her und sah ihn wieder freundlich-interessiert an. Ihm fiel keine Strategie ein, ihr Fortgehen zu verhindern. Bevor er sich zwischen der blasierten Attitüde des klugen Verzichts und irgendeinem Trick mit hohem Lächerlichkeitsrisiko entscheiden konnte, stand sie plötzlich auf der anderen Seite seines Tisches und setzte sich wortlos ihm gegenüber. Wieder eine leichte Panik-Attacke, die er mit neutralem Gesichtsausdruck zu kaschieren suchte.

"Sieht dieser Koloss nicht aus wie ein Golem für Bildungsbürger?" Ihre Stimme war nur leicht rheinisch getönt.

Jürgen straffte sich innerlich und äußerlich und spielte den Ball zurück: „Welcher Golem, der elektronische Superintelligenzler auf dem Lehrstuhl in Krakau?"

Nach kurzer Verblüffung lachte sie hell auf. "Nein, der eigenhändig aus Lehm gemachte stumme Gehilfe des aus Worms gekommenen Rabbi in Prag."

"Der möge atomisiert auf dem Dachboden der Altneusynagoge ruhen."

"Atomisiert? - Du hast wohl verpasst, dass er längst in neuer Gestalt auferstanden ist. Walle, walle manche Strecke, dass zum Zwecke Wasser fließe ... – Dank unseres Dichterzaren muss keine magische Formel mehr unter der Zunge des Golem liegen, wenn er leben soll. Er lebt weiter in den Köpfen von Millionen angebildeter Deutscher. Grobe Materie wurde reiner Geist."

Dass sie ihn duzte, irritierte ihn nicht. In dieser spannend verrückten Situation waren bürgerliche Gewohnheiten belanglos. Inzwischen hatte der Pianist wieder mit Vivaldi begonnen, und Jürgen hatte seine behagliche Sicherheit zurückgewonnen. Seine Stimme war ruhig und fest: "Ich lasse dir deinen Besen des Zauberlehrlings. Mein Motto heißt: Schafft viele Golems in Bonn - Lem-Golems natürlich".

"Du musst noch viel üben. Das klingt nicht gerade mitreißend. Und außerdem - Hände weg von meinem niedlichen Bonn!"

Er fand keine Antwort darauf und schwieg. Als er plötzlich einen Impuls spürte, sich streng zur Ordnung zu rufen und sich so zu verhalten, wie es für einen zweiundsechzigjährigen Staatsangestellten in einer solchen Situation angemessen war, reagierte er etwas hastig: "Sie sind anscheinend eine Eingeborene. Können Sie mir ein preislich moderates kleines Hotel oder eine Privatpension empfehlen, wo man sich halbwegs wohlfühlt, mindestens für drei Tage, wahrscheinlich aber eher für einige Wochen?“ Staunend hörte er sich sprechen.

"Da kommt nur meine eigene Pension in Frage. Schon beschlossen: Du logierst bei mir."

Während ihm das Blut zu Kopf stieg, hoffte er wütend wegen des Verlustes seiner Sicherheit, sie möge es nicht bemerken.

"Pension Petula - wer nie dort schlief, hat Bonn verschlafen!" Ihre jetzt raue und dunklere Stimme wollte er nicht als ein laszives Versprechen, sondern als dessen ironische Imitation verstehen. Trotzdem war er irritiert durch die Art, wie sie ihre Pension anpries. Er versuchte einen Schuss Ernüchterung in dieses Spiel zu bringen und hoffte gleichzeitig, dass es nichts fruchten werde: "Du betreibst also eine Privatpension und akquirierst auf diese Weise Gäste?"

"Das klingt nach Spielverderberei. Ein ziemlich grobes Foul! Dafür bist du mir schadensersatzpflichtig."

"Tut mir leid! Also einen Gespritzten?"

"Einverstanden; aber dann müssen wir gehen. Ich lebe, lerne, arbeite und liebe auf der anderen Seite des Golem."

"Wir müssen gehen?"

"Wer denn sonst! Keine Angst, bei mir wird nicht gebissen, wer nicht gebissen werden will."

Endlich ein Grund sitzenzubleiben, ohne sich pausenlos unterhalten zu müssen. Während er die Frau einige Sekunden ansah, bemühte er sich, seinen Augen jenen Ausdruck freundlichen aber unaufgeregten Interesses zu geben, den sie beim zufälligen Auftauchen einer alten Bekannten haben dürfen. Erst nachdem er keine kritischen Reaktionen von ihr bemerken konnte, erlaubte er seinen Augen weitere vorsichtige Erkundungen. Jürgen Rüthberg sah sich gerne selbst als einen Mann der Abstraktionen, der Ordnungsprinzipien, der logischen Verknüpfungen – als einen Juristen eben. Beine, Hintern, Bauch Busen, Gesicht - na gut, so etwas registriert man seit unvordenklichen Zeiten wohlgefällig oder mit stiller Kritik; aber das Ergebnis muss nicht differenziert mitgeteilt werden. Über eine pauschale Beurteilung war er nie hinausgekommen. Genaueres hielt er nicht für wünschenswert. Ebenso wenig wie er erklären konnte und wollte, warum ihn ein bestimmtes Kunstwerk beeindruckte, ein anderes kalt ließ. Absurd hätte er es gefunden, sich darum zu bemühen, den Grund dafür zu finden, warum ein Lächeln ihn in fast jeder Situation positiv berührte, welche Bewegungen der Gesichtsmuskeln ihn derartig ansprachen. Umso überraschter war er jetzt, als er bemerkte, wie er sich für einen etwaigen Gesprächspartner oder Briefempfänger abmühte. Gesamteindruck: stattlich aber kein bisschen matronenhaft, gepflegt aber nicht aufgedonnert, reif mit einer altersunabhängigen Jugendlichkeit. Einzelbewertung: Haare dicht und schlohweiß, etwas länger als ein Bubikopf, weder natürliche noch künstliche Locken. Ein Gesicht, das mit seiner auffallend großen, leicht höckerigen Nase und einigen Falten als ausgesprochen ernst oder gar streng bezeichnet werden könnte, wenn nicht dieser Schimmer von freundlich-ironischem Interesse alles Strenge überlagert hätte. Für die Augenfarbe fand er keinen eindeutigen Begriff. Ein helles Grau dominierte; aber es gab auch bräunliche Einsprengsel. Eine originelle Mischung. Ihr geblümtes Sommerkleid - vermutlich viel teurer als es auf den ersten Blick aussah - ließ jeder Einschätzung ihrer Körperformen einen weiten Spielraum. Er schloss jedoch aus ihren Schultern und Oberarmen - möglicherweise auch schlicht aus seinen Wunschphantasien -, dass sie einen sportlichen Oberkörper mit den berühmten kleinen festen Brüsten haben müsse. Begutachten konnte er im Einzelnen nur noch ihre nackten Füße in dünnen Sandalen, ihre Fesseln und ihre linke Wade. Alles andere entzog sich durch Tisch und Kleid seinen taxierenden Augen. Die Zehennägel waren nicht gefärbt und die Zehen auch im übrigen unauffällig, außer dass die großen Zehen ein wenig kürzer waren als die unmittelbar benachbarten. Fesseln und Wade zeigten sich als sportlich-stabil.

Bevor er den Versuch anstellen konnte, aus den gesammelten Daten ihr ungefähres Alter zu schätzen hatte sie ihn wieder ertappt: "Spar dir die Mühe! Sechzig plus/minus fünf - genau wie du. Das muss dir genügen. Und ich warne dich vor schnellen Festlegungen; denn ich bin anders."

"Anders als wer oder was?"

"Anders als du denkst oder denken kannst."

"Verzeihung, aber das meint doch fast jede".

"Ah, eine Spezialität der Frauen, Herr Schürzenjäger?"

"Jede und jeder oder meinetwegen jedermann, wenn das noch neutral ist."

"Eröffne bitte keinen Nebenkriegsschauplatz! Ich bin anders. Das wirst du schon sehen."

"Wann und wo?"

"Wart' es nur ab!"

Nachdem sie ihren Gespritzten hinuntergekippt hatten, stand sie sofort auf, lächelte ihn verschwörerisch an und schien zu zitieren: „Auf zur Pension Petula, wo unsres Staates Diener findet Ruh nach Frust und Hast. Und findet mehr, wenn er es fasst."

2

Nichts ließ von außen oder innen auf eine Privatpension schließen. An der Klingel verblasst der Name Schillingsteg. Die Innenaufteilung so unübersichtlich wie es sich für stattliche Altbauten gehört. In seinem anhaltenden Ausnahmezustand interessierte Jürgen sich nicht dafür, was es mit dieser angeblichen Pension auf sich habe. Die vorgebliche Pensionswirtin führte ihn zunächst ins Wohnzimmer, von wo aus man fast den ganzen Münsterplatz überblicken konnte. Einige Minuten stumm nebeneinander stehend, sahen sie zum Beethoven-Denkmal mit dem Menschengewusel hinunter. Der unermüdliche Pianist war wieder aktiv. Einzelne Tonfetzen forderten zum Kombinieren auf. Mit einer Mischung aus angenehmsten Gefühlen und leichter Beklemmung erwartete Jürgen eine geradlinige Aktion von seiner Wirtin, hielt es aber auch für möglich, dass sie etwas von ihm erwartete, was seine Vorstellungskraft nicht konkretisieren wollte. In ihrer ureigensten Umgebung wirkte sie auf ihn jetzt zweifelsfrei diesseitig.

Bevor die aufkommende Unruhe sich in ihm ausbreiten konnte, holte ihre Stimme ihn aus seiner stummen Erstarrung: "Wie war es möglich, dass du meine Bemerkung über den Golem verstanden hast? Was weißt du von ihm?"

"Was man so liest, wenn man sich auf einen Besuch in Prag einigermaßen vorbereitet hat und dann auch in der Altneusynagoge war. Der Rabbi Löw, der von Worms nach Prag gezogen oder geflüchtet war. Einige Sagen. Der Roman von Gustav Meyrink. Ein englischer Film mit dem Titel 'Der Golem lebt'. Und ich weiß inzwischen auch, dass der Rabbi Löw nicht der erste und einzige war, der so einen seelenlosen Menschengehilfen oder Übersoldaten erschaffen haben soll. Es soll sich um einen bei vielen orientalischen Völkern verbreiteten Mythos handeln."

"Unser Adam soll ja angeblich auch aus Matsch gemacht worden sein. Also sind wir doch alle Golems oder Golemkinder. Schwerfällig, stur, aber unheimlich stark.“

Er verbiss sich ein Lachen und schluckte auch eine ironische Bemerkung hinunter. Nein, das war womöglich doch mehr als nur der Ausdruck ihrer rheinischen Lust am Nonsens. Und auch keine Koketterie. Da steckt womöglich viel mehr dahinter, fuhr es ihm durch den Kopf. Also schwieg er beharrlich. Dank Petulas gelassen-sicherer Direktheit gelang schließlich der Übergang zu dem undeutlich Erwarteten ohne peinliche oder verstörte Augenblicke. Sie kundig, zielsicher, schamlos im besten Sinn; er lernend, leistend, genießend im ausgewogenen Wechsel. Eine selbstverständliche Übereinstimmung, mit Ungleichzeitigkeit das Altideal der Gleichzeitigkeit zu toppen. Nichts von einem faden Nachgeschmack.

Nachher fragte sie ihn freundlich-hartnäckig über sein Leben in Bonn von 1955 bis 1958 aus. Wo war er wann gewesen? Was waren seine Stammkneipen? Was seine Feierabend- und Wochenendbeschäftigungen? Hatten sie womöglich beide an irgendeiner erinnerungswürdigen Veranstaltung teilgenommen? Ja, 1956 waren sie beide Teilnehmer einer großen Demonstration gegen die Niederschlagung des Aufstandes in Ungarn durch die Panzer der Sowjetunion. Auf dem Kaiserplatz standen sie als kleine Partikel in einer unübersehbaren Menge und hörten dem Philosophie-Professors Theodor Litt zu. Beide konnten sich sogar an einen Zwischenruf erinnern, mit dem ein Wort zu dem Vorgehen der Engländer und Franzosen am Suezkanal eingefordert wurde. Beide waren beglückt, sich zu erinnern, dass die Antwort von Litt sie enttäuscht hatte. Mit lockerer Ernsthaftigkeit behauptete Petula schließlich, ihren neuen Pensionsgast schon seit vielen Jahren zu kennen. Sie zweifle nicht daran, dass er der Mann sei, dessen Bild sie seit über dreißig Jahren in unterschiedlich konkreter Ausprägung immer mal wieder vor ihrem inneren Auge gehabt habe. Begonnen habe das in der Zeit, als sie sich entschlossen habe, den Vater ihres zwei Monate später geborenen Sohnes nicht zu heiraten, den Hochzeitstermin platzen zu lassen und alle Folgen möglichst gelassen in Kauf zu nehmen. Ihre in wenigen Wochen herangereifte und dann plötzlich feststehende Entscheidung, das Wagnis einer Ehe mit einem ausgewiesenen Schürzenjäger nicht einzugehen, die vermessene Hoffnung also aufzugeben, ihn dauerhaft bändigen zu können, habe sich damals wohl mit ihrer Wunschvorstellung von einem idealen Lebenspartner verbunden. Das innere Bild müsse aber noch älteren Ursprungs sein. Sie glaube dass die heftigen Turbulenzen in jener Zeit auch ihr Unterbewusstsein aufgewühlt hätten und sein Bild aus dieser Tiefenschicht in die Sphäre der konkreten Phantasie habe aufsteigen lassen. Und sie glaube auch zu wissen, wann und wodurch sein Bild sich in ihr geformt und festgesetzt habe. Aber sie wisse noch nicht, ob sie ihm das so erzählen könne, dass er sie nicht für übergedreht ansehen werde.

Jürgen wollte keinen Augenblick lang der anhaltenden Verzauberung widerstehen. Er hielt sich für einen abgeklärten, doch trotzdem nicht vollkommen ernüchterten Mann. Tagträume waren ihm weder fremd noch lästig geworden. In den vergangenen Jahrzehnten hatte er sich einige Male Ausbrüche aus dem überschaubaren Terrain seiner bürgerlichen Existenz erlaubt, ohne dass sie ihm Anlass zu selbstquälerischen Vorwürfen geworden waren. Nie hatte er bisher mit diesen Ausbrüchen sein Gleichgewicht völlig unkontrolliert gefährdet, nie den Kopf verloren und nie in Kauf genommen, nicht zum Vertrauten zurückkehren zu können. Diesmal war er so überrumpelt worden, dass er sich ohne den geringsten Versuch von Gegenwehr der Situation ergab und mit freudiger Spannung die weitere Entwicklung erwartete. Nach seinem Empfinden war die Schwerkraft so weit aufgehoben, dass er mühelos abheben könnte: zu Riesensprüngen nach Art der Lemuren, zu genussvollen Steile-Wand-Läufen, sogar zum freien Flug hinweg über Bauwerke und Bäume.

Als Jürgen hinter Petula vor der Haustür gewartet hatte, war ihm zunächst die Hässlichkeit dieser Tür aufgefallen. Und sofort hatte ihn eine unscharfe Erinnerung bedrängt, ohne sofort Gestalt anzunehmen. Doch während Petula mit der Linken die Tür angezogen und mit der Rechten aufgeschlossen hatte, war ihm plötzlich wieder der Feuerschein hinter der dicken Milchglasscheibe vor Augen. Und jetzt erinnerte er sich genau, wie er kurz gestutzt, dann jedoch entschlossen die damals noch unabgeschlossene Tür aufgeklinkt, einen Karton mit lichterloh brennender Holzwolle und angeglühten Holzstücken auf den Bürgersteig gezerrt und das Feuer ausgetreten hatte. Auch seine Gedanken waren ihm wieder präsent: Klingeln und irgendeinen Bewohner informieren? Die angekohlten Reste in das Treppenhaus zurückschieben? Oder spurlos verschwinden? Er hatte den am frühen Sonntagmorgen menschenleeren Münsterplatz damals kurzentschlossen verlassen. Wollte er auf dem Weg zu einem Wettkampf oder zum Training nur keine Zeit verlieren? Oder wollte er das erhabene Gefühl des unauffälligen, selbstverständlichen und selbstlosen Handelns still und stolz für sich auskosten? Eine Antwort darauf gab die Erinnerung nicht mehr her. Wohl aber fiel ihm ein, wie er später in Gedanken mit einem alternativen Geschehensablauf gespielt hatte: Das hölzerne Treppengeländer hätte Feuer gefangen, das Treppenhaus bald lichterloh gebrannt, und die Bewohner der Obergeschosse wären womöglich voller Panik aus den Fenstern gesprungen. Oder sie wären gar in ihren Betten verbrannt. Jürgen bemerkte rechtzeitig, dass die unwahrscheinliche Häufung ungewöhnlicher Erlebnisse in Gegenwart und Vergangenheit ihn aufrührte, so dass er sich besonders bemühte, Petula wie nebenbei von dem Wiederaufleben seiner Erinnerung an jenen eigenartigen Vorgang zu erzählen. Und er bemühte sich auch dann noch gelassen zu erscheinen, als Petula sichtlich entzückt ihre Version jenes Ereignisses anschloss. Sie habe schon damals mit ihrer älteren Schwester in diesem Haus gewohnt und erinnere sich genau, wie sie dem Rauchgeruch nachgegangen und im Treppenhaus die halbmeterhohen Flammen gesehen habe, zu ihrer Schwester gelaufen sei, um zu beratschlagen, wie man die Feuerwehr alarmieren könne - Telefon hatte niemand im Haus -, dann aus dem Fenster gesehen habe, um die Möglichkeiten des Abstiegs oder Sprungs aus dem zweiten Obergeschoss zu taxieren und ihn, ja ihn, einen damals für sie namenlosen jungen Mann!, beobachtet habe, als er die Flammen austrat, wie sie sofort heruntergelaufen sei, ihn aber nur noch von weitem gesehen und instinktiv gewusst habe, dass er kein großes Trallala aus diesem Vorgang machen wollte. Aufgefallen sie ihr besonders der beschwingte Gang des Davoneilenden, daran erinnere sie sich genau. Dies habe sie wohl in ihrer Erinnerung zu seinem ganz persönlichen Markenzeichen gemacht und den Anstoß gegeben, sich im Laufe der Zeit in vielen Stufen das Bild von einem Traummann auszumalen. Aber das Bild sei überhaupt nicht entscheidend. Wirklich eingedrungen sei damals in sie die Vorstellung von einem womöglich ganz in ihrer Nähe lebenden Menschen des anderen Geschlechts, der manchmal der Lust nachgab, aus eigener Kraft abzuheben – eine Art Leidenschaft, der sie selbst schon seit ihrer frühen Kindheit verfallen gewesen sei. Er könne froh sein, dass sie die lange Phase dieser Besessenheit inzwischen weitgehend überwunden habe. Jürgen, der sich bei ihrer Schilderung erinnerte, wie er als Turner und Leichtathlet immer wieder mal versucht hatte, beim Gehen die Schwerkraft zu überwinden, und sich gelegentlich eingebildet hatte, ganz nahe daran zu sein, spürte noch einer Empfindung nach, die seinem damaligen Hochgefühl ähnelte, als ihr abschließender Satz sein Bewusstsein erreichte. Diesen Satz verstand er nicht und wollte er nicht verstehen. Die Gefahr witternd, dass der Zauberschleier zerreißen würde, wenn er jetzt mit analytischem Verstand eine Diskussion vom Zaun brach, schwieg er.

3

Sie versuchte mit der linken Hand ihre Sonnenbrille im Haar zu fixieren, während sie mit der rechten das Tablett im Gehen ausbalancierte. Die Suppe geriet heftig ins Schwingen, und vom übervollen Salatteller fielen mehrere Käsewürfel auf das Tablett und rutschten bis zur Kante. Am ersten Arbeitstag nach ihrem Sommerurlaub betrachtete Vera Hofknecht dieses kleine Missgeschick ironisch als Verwarnung für ihre Gier. Sie vergewisserte sich im Weitergehen, dass die Suppe abschwang und sah fast gleichzeitig, dass der von ihr bevorzugte Tisch besetzt war. Unschlüssig blieb sie eine Sekunde stehen und wandte sich dann abrupt nach links. Gerade noch rechtzeitig sah sie einen Schatten auf das Tablett fallen, blieb instinktiv stehen und vollführte dann mit ihrem Gegenüber einen jener Tänze, die man - je nach Stimmung - als peinlich oder lustig empfindet. Die hochgewachsene Psychologin, mit ihrer Urlaubsbräune wie aus einem Reiseprospekt entsprungen, und der zerbrechlich wirkende Ministeriale machten synchron vergebliche Ausweichversuche, entschuldigten sich gegenseitig, lächelten sich dann freundlich an und steuerten schließlich beide auf einen freien Tisch zu.

Zu dieser Zeit war das Selbstbedienungsrestaurant hauptsächlich von Bediensteten der umliegenden Ministerien bevölkert. Vera hatte den Kollegen schon früher gelegentlich gesehen. Ohne sich erinnern zu können, wie sie dazu gekommen war, hatte sie eine vage Vorstellung von seinem hohen Rang in der Hierarchie der Landesregierung, kannte aber weder seinen Namen noch seine Dienststelle. Obwohl sie seit fast eineinhalb Jahren in der Staatskanzlei tätig war, fühlte sie sich immer noch nicht richtig dazugehörig. Dass eine auf sie als Diplom-Psychologin zugeschnittene Planstelle für zunächst zwei Jahre in der Staatskanzlei eingerichtet worden war, beruhte auf ihren eigenen Ideen, ihren zielgerichteten Aktivitäten und ihren Kontakten, die sie während der Arbeit an ihrer Dissertation geknüpft hatte. Bei einer günstigen Gelegenheit hatte sie einen einflussreichen Gesprächspartner zu ihrem Verbündeten gemacht. Es war ihr gelungen, ihn davon zu überzeugen, dass durch die Einrichtung dieser Planstelle, für die es weder in anderen Bundesländern noch bei der Bundesregierung etwas Vergleichbares gab, das Land seine Spitzenstellung auch auf einem Gebiet demonstrieren konnte, das bis dahin nicht auf seiner Schokoladenseite gelegen hatte.Während Vera mit Genuss ihre Flädlessuppe löffelte und der unbekannte Kollege mit eleganten Bewegungen ein kaltes Hähnchen zerlegte, entwickelte sich überraschend geradlinig ein Gespräch, das eher zu einem ersten Rendezvous nach einen einschlägigen Inserat gepasst hätte als zu einer Begegnung zwischen Kollegen in der halbstündigen Mittagspause. Vielleicht war es kein Zufall, dass es dem wesentlich Älteren schneller gelang, etwas über die dienstliche Funktion seiner Tischgenossin zu erfahren als ihr über seine. Vielleicht lag es aber auch an einer bewussten Gesprächsführungsstrategie der Jüngeren. Vera hatte aus seiner besonderen Sprechweise - präzise und ungedrechselte aber wohlformulierte Sätze, den Ton auf eine für die Zuhörerin anstrengende Weise zurückgenommen - und aus seinem gleichbleibend freundlich-neutralen Gesichtsausdruck das vage Bild von ihm ergänzt. Er musste zu jener seltenen Kategorie hochrangiger Beamter gehören, die ihr vielseitiges Wissen und ihre in Jahrzehnten gesammelte Erfahrung wechselnden Herren loyal dienstbar machen - häufig mit innerer Überlegenheit und gelegentlich mit versteckter Ironie. Als plötzlich in dem pergamentenem Gesicht ihres Gesprächspartners eine kurze Turbulenz entstand - Auflösung der gesetzten Linien, offenes Staunen, Nachdenken, Versunkenheit, Ratlosigkeit, Einfall, erneutes Nachdenken, Entschluss, Straffung der Gesichtszüge zu einer vorher nicht zu erkennenden Härte -, wusste Vera, dass dieses Gespräch eine Wendung nehmen würde. Obwohl er eher leiser als zuvor sprach, konnte sie ihn nun mühelos verstehen. "Ich müsste mich jetzt eigentlich vorstellen, bitte aber um Nachsicht, dass ich davon absehe. Nach meiner Überzeugung sind Sie genau die Frau, die man derzeit in Bonn braucht." Ihre Verblüffung ließ ihn kurz zögern. Dann fuhr er im gleichen Tonfall fort: "Es geht um die Mitarbeit in einem kleinen Projektteam, dessen Aufgabe ich Ihnen hier nicht beschreiben kann, für die es aber - so viel darf ich Ihnen sagen - in der Geschichte dieser Republik kein Beispiel gibt. Meine Kenntnis davon beruht auf privaten Kontakten zu einem alten Studienfreund und Bundesbruder. Wenn Sie Interesse haben, gebe ich Ihnen seine private Telefonnummer. Rufen Sie dort bitte nicht vor 20,00 Uhr an und nicht am Donnerstag. Wahrscheinlich wird auch er Ihnen am Telefon nichts Genaues sagen, sondern ein Treffen in Bonn vorschlagen, wenn er - wovon ich überzeugt bin - an Ihrer Mitarbeit interessiert ist. Ich weiß, dass das auf alberne Weise geheimbündlerisch klingt. Es ist tatsächlich eine Sache mit einer der höchsten Geheimhaltungsstufen. Mir sind selbst nur Bruchstücke bekannt. Und ich bin mir nicht einmal sicher, ob mein Kontaktmann selbst alle Fäden in der Hand hält. Aber es ist zweifellos eine seriöse Aktion - mindestens so seriös, wie das, was Sie und ich hier Tag für Tag tun." Ein kaum erkennbares Lächeln mit einer uralt-weisen Ironie blieb auf seinem Gesicht haften.

Vera ignorierte die Vorschriften über Dienstreisen und fuhr mit ihrem eigenen Wagen nach Bonn. Das abendliche Telefongespräch hatte ihr Interesse einerseits bestärkt, ihm aber andererseits ein vages Unbehagen zugesellt; denn der Angerufene, der sich mit einem fast tonlosen "Hallo!" gemeldet und es auch im weiteren Verlauf des Telefonats vermieden hatte, seinen Namen zu nennen, kannte bereits alle Daten, die sie dem unbekannten Kollegen über sich preisgegeben hatte, und weiteres aus geheimnisvollen Quellen. Seine Angaben über das Sonderprojekt und die ihr möglicherweise zugedachte Aufgabe waren wenig erhellend.

Treffpunkt sollte ein Lokal an der Wachsbleiche, einer kurzen und engen Straße hinter der Beethovenhalle, sein. Bevor sie das Lokal betrat, fiel ihr ein, dass sie nicht wusste, wie sie ihren Gesprächspartner erkennen sollte, und dass sie ihm auch keinen Hinweis über ihr eigenes Äußeres gegeben hatte. Sie blieb vor dem Eingang stehen und begann ratlos die Speisenkarte neben dem linken Türpfosten zu lesen. Bevor sich ihr Unbehagen über die Situation mit dem Ärger über die Preise zu einem Stimmungseinbruch vermischen konnte, bemerkte sie, wie jemand hinter ihr herankam und an der anderen Seite der Tür stehenblieb. Er schien zunächst ebenfalls die Speisenkarte zu studieren, sprach sie dann aber mit seiner verhaltenen Stimme an, ohne sich ihr zuzuwenden: "Keine Sorge, Frau Dr. Hofknecht, Sie sind natürlich mein Gast. Darf ich vorgehen?"

Das Lokal war fast leer. Zielsicher steuerte er auf einen Zweiertisch am Ende des Schankraums zu. Sie war überrascht von seinem Äußeren. Während des Telefonats hatte sie wegen seiner leisen und leicht leiernden Art zu sprechen, stets einen Mann vor Augen gehabt, der dem Kollegen aus der Staatskanzlei weitgehend ähnelte. Dieser Mann hier war wohl einen halben Kopf größer als sie und hatte die Figur eines Kugelstoßers. Auf einem schlanken und auffallend langen Hals saß ein kugelrunder kleiner Kopf. Die erfahrene Psychologin verbot sich sofort, aus seiner blassroten Gesichtsfarbe Schlüsse auf seine Ess- und Trinkgewohnheiten zu ziehen.

"Ich muss Sie um Verständnis für mein unkonventionelles Verhalten bitten, Frau Kollegin. Wenn wir ins Geschäft kommen, kann ich das vielleicht wiedergutmachen, wenn nicht, werde ich mit Ihrem Unwillen leben müssen. Ich schlage also vor, dass wir uns der Aufgabe zunächst abstrakt-allgemein annähern."

Bei aller Sicherheit seiner Stimme glaubte sie einen Rest von Einübung aus diesen Sätzen herauszuhören. Sie stellte sich auf einen spannenden Schlagabtausch ein und spürte einen beruhigenden Impuls der Siegesgewissheit. Dies war der Beginn eines Spiels mit ihr noch unbekannten Regeln, und die erste Runde dieses Spiels wollte und würde sie gewinnen. "Ich bin bereit."

Seine Irritation über Ihre knappe Antwort entging ihr nicht. Er fing sich aber sofort und sah ihr jetzt mit professioneller Ernsthaftigkeit gerade in die Augen. "Frau Dr. Hofknecht, Sie sind durch Ihre Dissertation und durch Ihre derzeitige Tätigkeit ausgewiesen als Expertin für Kommunikationsstörungen in komplexen Organisationen. Sie glauben demnach an einen Normalverlauf?"

"Nein, für normal halte ich die gestörte Kommunikation. Mein Störungsbegriff geht von einem Idealverlauf aus..."

"Den Sie erdacht haben?"

"Dazu bin ich zu spät geboren. Bestenfalls habe ich ihn ein wenig gestaltet".

"Gut, Ihre Bescheidenheit in Ehren, wenn der Idealverlauf nie erreicht wird, inwiefern kann er dann ideal sein?"

Sie hatte nicht ernsthaft erwartet, dass er ihre Dissertation von vorn bis hinten gelesen hatte; jetzt war ihr klar, dass er nicht einmal die Einführung kannte. Seine Kenntnisse musste er von dritter Seite erlangt haben. Sie beschloss einen Entlastungsangriff zu starten. "Wenn hier in Bonn ein Übermensch die Aufgabe bekäme herauszufinden, welche der tausenden von gesetzlichen Vorschriften ausgerichtet sind an einem Ideal im umgangssprachlichen Sinn und welche lediglich der Realisierung eines wertfreien Modells dienen - er müsste schon am ersten Tag scheitern, Herr ...."

"Busch."

Er hatte sich tatsächlich überrumpeln lassen. Sie sah, dass sich über das zarte Rot seines Gesichts eine zusätzliche Rotschicht gelegt hatte und wartete ab, wie er sich einfangen würde.

"Verdammt ... Verzeihung... nun gut, meine Name ist also Busch. Sie hätten ihn wahrscheinlich sowieso innerhalb der nächsten halben Stunde erfahren. Wir wollen ja hier keinen Agententhriller spielen. Verkürzen wir das Verfahren also. Ich bin Abteilungsleiter im Innenministerium und in dieser Eigenschaft auch Kontaktmann zum Kanzleramt. Verfassung, innere Sicherheit und vieles mehr. Ihr Einsatz hier hätte im weiteren Sinne damit zu tun. Zuvor gestatten Sie mir aber noch eine Frage."

Sie bemühte sich, ihre Spannung nicht zu zeigen, sah ihn freundlich an und wartete stumm ab. Er suchte sichtlich nach den angemessenen Wörtern. Schließlich fuhr er in einem suggestiven Tonfall fort: "Die Aufgabe ist nicht nur eine beispiellose Herausforderung, sondern auch in jeder Hinsicht delikat."

"In jeder Hinsicht? - Heißt das, es wird nicht nur der Einsatz meines Kopfes verlangt? " Jetzt war ihr das Blut zu Kopf gestiegen. Sie ärgerte sich maßlos und überlegte, ob sie einfach aufstehen und die Angelegenheit damit beenden sollte. Das ausgerechnet ihr, der kompromisslosen Kämpferin für die radikale Selbstbestimmung der Frauen!

"Nein, nein, nicht in diesem Sinne natürlich. Delikat würde Ihre Kommunikationssituation sein. Sie dürften niemandem vertrauen, solange es kein eindeutiges Ergebnis gibt, auch nicht den Mitgliedern des kleinen Teams, mit denen ich sie für einige Zeit zusammenspannen möchte. Bedenken Sie, jede und jeder hier im Bonner Regierungsapparat und seinem Umfeld kann die Quelle oder ein Zufluss jenes unterirdischen Stroms sein - wenn Sie mir diese Metapher gestatten -, der meiner Ansicht nach die Grundfesten unserer Republik bedroht und ein bleibendes Chaos anrichten kann."

Im letzten Moment schluckte sie eine kesse Bemerkung über den Charme des Chaos hinunter und schwieg. Auch Busch schien sein Pulver verschossen zu haben und widmete sich schweigend dem farblosen Inhalt seines Glases. Schließlich ergriff sie wieder die Initiative: "Sie fragen mich gar nicht nach meiner Einstellung zu unserem Staatswesen, Herr Busch, werde ich dazu noch in einem besonderen Verfahren geprüft?"

"Nein, nein, wir wissen, dass Sie ziemlich kritisch sind. Aber: wer offen Missstände kritisiert, dem ist der Staat nicht gleichgültig und der plant nicht insgeheim den Umsturz. Ihre Einstellung ist gerade richtig. Und damit sind Sie eingestellt."

Sie brauchte einen Moment um ihre Freude zu unterdrücken. Dann erwiderte sie in einem leicht ärgerlich klingenden Tonfall: "Und ich werde gar nicht mehr gefragt?"

"Pardon, wollen Sie also?"

"Ein paar Fragen hätte ich schon noch."

"Selbstverständlich."

"Da Sie mich wegen meiner ganz speziellen Fachkenntnisse hier haben möchten, darf ich wohl annehmen, dass Sie nicht von mir erwarten, wie eine Kriminalistin tätig zu sein. Es geht Ihnen hoffentlich nicht darum, dass ich durch Einsatz meiner Fachkenntnisse konkrete Personen denunziere, die für das Chaos verantwortlich sein könnten, von dem Sie eben gesprochen haben?"

"Die Frage habe ich von Ihnen erwartet, Frau Dr. Hofknecht. Ich will mit offenen Karten spielen. Von Ihren Teamkollegen muss ich erwarten, dass sie Namen nennen, wenn sie innerhalb ihrer dienstlichen Aufgabe zu dem Ergebnis gekommen sind, dieser oder jener, diese oder jene habe die Absicht oder nehme grob fahrlässig in Kauf, unserem Staat Schaden zuzufügen. Das nenne ich nicht denunzieren. Das ist für mich eine Dienstpflicht. Von Ihnen möchte ich derartiges aber nicht verlangen. Von Ihnen verspreche ich mir etwas anderes. Ich möchte aus der Sicht einer Psychologin und Expertin für Kommunikationsstörungen in Großorganisationen wissen, wie es zu solchen Erscheinungen kommen konnte, welche Gefahren sich für die Zukunft aus der bereits eingetretenen Entwicklung ergeben und was Ihrer Meinung nach getan werden muss, um diesen Gefahren zu begegnen."

"Sie denken an eine Art von Bestandsaufnahme über alle Befindlichkeiten, Einstellungen und Kommunikationsgewohnheiten im Regierungsapparat, die zu einem Verhalten führen könnten, das nach Ihrer Ansicht gefährlich für den Staat werden kann? Ehrlich gesagt, das klingt mir ziemlich nach Stasi. Das können Sie doch nicht ernsthaft von mir erwarten, Herr Ministerialdirektor." Vera war verärgert und sah ihre Felle wieder davonschwimmen.

In der nächsten halben Stunde gelang es dem Abteilungsleiter, Veras Bedenken so weit auszuräumen, dass sie im Prinzip zusagte. Er versicherte ihr feierlich, ihre Arbeitsergebnisse würden losgelöst von konkreten Personen und Strukturen für allgemeine korrigierende Maßnahmen verwendet. Und zu ihrer eigenen Überraschung glaubte sie ihm aufs Wort. Stein für Stein trug er die Mauer ihrer Skepsis mit seiner ernsthaften Argumentationsweise ab, bis ihr die Argumente gegen sein Ansinnen ausgingen. Trotzdem blieb ein Rest von Unbehagen. Vera ertappte sich, wie sie auf ihrer Unterlippe herumbiss. Ein starker Impuls warnte sie, sich in eine Situation zu begeben, in der sie trotz aller Zusicherungen mit Grundsätzen ihrer Berufs- und Lebensauffassung in Konflikt geraten könnte. Busch sah schweigend an ihr vorbei ins Leere. Plötzlich nahm sie den Gegenimpuls wahr: Denen muss man es zeigen! Wer zwingt dich denn, deine Feststellungen ausnahmslos und ungefiltert weiterzugeben! - Verdammt noch mal, diese Herausforderung musst du annehmen! Ihre weiteren Fragen gehörten nur noch zu dem Nachhutgefecht dieses eigenartig verschwörerischen Einstellungsgesprächs. "Welche Zeitvorstellungen haben Sie und wie sind die finanziellen Konditionen, Herr Busch?"