Eine unwahrscheinliche Frau - Hubert Schem - E-Book

Eine unwahrscheinliche Frau E-Book

Hubert Schem

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Beschreibung

Thomas Uggemesch, Leiharbeiter und bedingt erfolgreicher Schriftsteller, berichtet über Erlebnisse, die sein Leben seit dem fünfzigsten Jahrestag der Vereinigung der beiden deutschen Staaten dramatisch verändert haben. In erster Linie die Begegnung mit Thea Birklaub, seiner einzigartigen Liebe. Sie hat ihre Karriere bei einem IT-Unternehmen freiwillig beendet und ist auf der Suche nach einer zweifellos nützlichen, also sinnvollen, Tätigkeit. Durch sie taucht eine Spur auf, die möglicherweise zu der geheimnisumwitterten Frau führt, die bei der Jubiläumsveranstaltung im Berliner Reichstag die Festrede halten und wegen ihrer vermeintlichen Rolle als Gründerin der "OFFENEN UNION" geehrt werden sollte. Ihr unerklärliches Nichterscheinen hatte ihre Verehrer irritiert, enttäuscht und daran zweifeln lassen, dass die "Gründerin" überhaupt existierte. War es auszuschließen, dass ihre Anhänger in aller Welt einem Mythos aufgesessen waren? Textfunde aus der Feder oder dem Diktat von Verwandten seiner großen Liebe - Briefe ihres Großvaters väterlicherseits an eine unbekannte Verwandte aus der ehemaligen DDR, die Niederschrift von Erinnerungen ihrer Großmutter mütterlicherseits - machen der Enkelgeneration deutlich, welche Probleme vor siebzig, fünfzig und dreißig Jahren für wache und nonkonformistische Menschen vordringlich waren. Erinnerungen von Theas Mutter könnten eine Spur zu der geheimnisvollen Frau sein. Wird es gelingen, deren Identität zu konkretisieren? Muss die Gründungsgeschichte entmythologisiert werden? Oder aber sind die Diskussionen und die Beziehungsdynamik in einer Vierergemeinschaft, die sich nach dem 3.10.2040 zusammengefunden hat, vielseitiger und gerade deshalb interessanter?

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Seitenzahl: 311

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Hubert Schem

Eine

unwahrscheinliche

Frau

Roman

ERSTER TEIL

1

Nach einem erhebenden Auftakt mit Klängen von Beethoven und Tzenic, nach den Begrüßungsansprachen der Hausherrin und der Obersten Repräsentantin der OFFENEN UNION - geschmücktausah

mit Zitaten von Shakespeare, Goethe, Hesse und Mandela - und nach zähen zwanzig Minuten des Harrens und Hoffens nimmt die Jubiläumsveranstaltung im Plenarsaal des Reichstags am Vormittag des 3. Oktober 2040 ein schockierend unfeierliches Ende. Mit abnehmender Überzeugungskraft hat die Bundestagspräsidentin immer wieder neue Begründungen für den Leerlauf des Programms angeboten: Ein gewöhnlicher Stau auf der Stadtautobahn; die Verwicklung der Erwarteten in einen Unfall; eine jähe Indisposition; ein Gerücht, das von einer Entführung wissen will; und schließlich sogar die Andeutung von Zweifeln an der individuellen Gegenständlichkeit der kurzzeitig Vermissten - einaberwitziges Gerücht, trotz der bedeutungsvollen Verweisung auf den Streit um die Existenz Benedikts von Nursia, den „Vater des Abendlandes“. Doch jetzt gibt sie entschlossen auf und versucht die Enttäuschung abzufedern. Statt der vorgesehenen Verleihungszeremonie und der mit Spannung erwarteten Rede bleibe zwar die Möglichkeit, in Abwesenheit der zu Ehrenden einige Sätze zu ihrer Person und ihren hervorragenden Leistungen für das seit fünfzig Jahren wieder vereinigte Deutschland, ganz besonders aber für die OFFENE UNION zu sagen. Doch dies grenze an Missachtung des Informationsstandes der Bürgerinnen und Bürger aus allen Ländern der Union, die im Plenarsaal und auf den Zuschauerrängen anwesend seien, sich auf zahlreichen Plätzen und in den Tagungsräumen der benachbarten Gebäude vor den Großbildschirmen eingefunden hätten oder voreinem privaten Bildschirm, wenn nicht gar irgendwo unterwegs auf dem Display ihres Handwunders der Veranstaltung folgten. Sie sei überzeugt, dass die überwältigende Mehrheit der direkt oder indirekt an der Feier Teilnehmenden die Gründe für die geplante außerordentliche Ehrung einer außerordentlichen Frau kenne. Was immer sich als Grund für ihr Nichterscheinen herausstellen werde - nichts könne verhindern, dass ihr ohne vermeidbare Verzögerung die Insignien der OU-Ehrenbürgerschaft in einem gebührend feierlichen Rahmen übergeben und dass ihre beabsichtigte Rede breitgestreut publiziert werde. Die von allen zuständigen Gremien der OU nahezu einstimmig beschlossene Ehrung in dieser Form sei zwar deutlich auf das Persönlichkeits- und Leistungsprofil der ersten Trägerin zugeschnitten, doch sei mit der Verleihung wie bei anderen Ehrungen auch die Idee verbunden, dass in den folgenden Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten eine unaufhaltsam zunehmende Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern mit ähnlich großen Verdiensten wiedie der ersten Trägerin auf diese Weise geehrt werden könnten. Da mit der Ehrenbürgerschaft der OFFENEN UNION eine symbolische Ebene ins Blickfeld geraten sei, die der politischen Realität nur in Ansätzen entspreche, und weil auch die aktuelle Situation immer mehr an Realität zu verlieren scheine, halte sie es für angemessen, ohne wohlabgewogene Schlussbemerkungen und ohne den geplanten musikalischen Ausklang die Veranstaltung schlicht zu beenden. Die Teilnehmer im Haus und draußen hätten im Freien oder in einem der zu Fuß zu erreichenden Lokalitäten verschiedenster Art die Möglichkeit, sich zwanglos auszutauschen.

Von überall her sofort anschwellendes Gemurmel. Immer wieder spontane Gruppenbildungen auf Gängen und Fluren, Foyers und Plätzen. Dann eine ungeordnete aber schließlich deutlich dominierende Bewegung. Manche wissen wohin, viele schließen sich instinktiv an.

2

In den offenen Räumen des Pseudoschlosses brodelt es. Seit Jahren gibt es in Berlin keinen anderen Ort, der ein bestimmtes und trotzdem sehr differenziertes Publikum derart magisch anzieht. Nach der Errichtung des Kompromissgebäudes auf dem Platz, der einst vom Stadtschloss der Herrscher Brandenburgs, Preußens und schließlich auch des Zweiten Deutschen Reiches, drei Jahrzehnte sodann vom sogenannten Palast der Republik beherrscht wurde, steht seit über zwanzig Jahren ein Bau, für den es keinen offiziellen Namen gibt. Nachdem alle Versuche einer demokratischen oder wenigstens teildemokratischen Namensfindung gescheitert waren, wurde allmählich kultiviert, was zunächst nur der Ausdruck von Rat- und Hilflosigkeit gewesen war: Man überließ endgültig die Namensgebung dem Volk, ohne ein Verfahren vorzugeben. Dass die Kreativität des oft gerühmten Berliner Volksmunds sich dann als überraschend begrenzt erwies, nahm niemand zum Anlass, erneut offiziell nach einem angemessenen Namen zu suchen.

Außen in Form eines Schlosses mit modernen Elementen, innen nach wechselnden Versuchen jetzt im Erdgeschoss beherrscht von einer unüberschaubaren Vielzahl auf unterschiedliche Weise lediglich symbolisch abgegrenzter oder mit mobilen Elementen gebildeter Räume. Überall sichtbar oder unsichtbar die neueste Kommunikationstechnik, vollkommen unabhängig von Nutzungszweck, Farbe, Form und Raumgestaltung. Stile aus vergangenen Epochen in Reinform, häufiger in Variationen mit anderen Stilen, einige im Rahmen des beliebten leichthändigen Verweisungsspiels nur angedeutet; moderne und hypermoderne Experimente. Immer findet sich irgendwo ein symbolisches Augenzwinkern als Gruß an den Betrachter mit der undogmatischen Lebenseinstellung und Lebensart, die sich im abgelaufenen Jahrzehnt in der OFFENEN UNION herausgebildet hat.

Wer nicht nur in der Rolle eines Touristen zum Pseudoschloss geht, erwartet hier keine Beschaulichkeit, kein ungestörtes Allein- oder Zuzweitsein, auch keinen unbedingten Respekt vor Gruppengrenzen. Hier will vielmehr jeder Eingeweihte den Austausch von Gedanken, Erfahrungen und Gefühlen in einer sportlich-fairen Form, einer Form, die zur Aufmerksamkeit zwingt, die das Hin und Her zwischen Ernst und Ironie nicht als beliebig einsetzbare geistige Fechtvariante erlaubt und die insgesamt das Risiko von Missverständnissen und Kränkungen minimiert. All das ohne sich je zu langweilen und ohne durch penetrante Naivität, ideologische Tatsachenignoranz oder dogmatisches Gutmeinen abgestoßen zu werden. Man sucht interessante und sich interessierende Gesprächspartner - einen, mehrere, möglichst viele, je nach Inhalt und Zweck.

Vor allem Teilnehmer verschiedener Internetforen, die nach einer langen Phase der fast ausschließlichen Kommunikation über Netze und Satelliten ein Bedürfnis nach direkter Begegnung mit lebendigen Menschen an zentralen Orten bei sich und anderen festgestellt hatten, haben im Pseudoschloss die Möglichkeit zu einem persönlichen Erfahrungs- und Gedankenaustausch gefunden. Die innere Gestaltung des Schlosses hat bewirkt, dass dieser geschichtlich so schillernde Erdenfleck innerhalb weniger Jahre zum beliebtesten Treffpunkt der Anhänger netzbegleitender direkter Kommunikation geworden ist. Jedes Forum hat eine Art von Stammtisch, der zu festgelegten Zeiten reserviert ist oder bei besonderen Anlässen reserviert wird. Teilnehmer eines der weltweit größten Foren stellen seit Jahren die weitaus größte Gruppe, die regelmäßig zweimal wöchentlich, außerdem nach spontaner Verabredung im Netz oder auch bei besonderen Gelegenheiten „nach Zulauf von der Straße“ im Schloss debattiert. Unter dem Namen NON-EXPERTS‘ NET TRIAL - ob dies die ursprüngliche Bedeutung der geläufigen Abkürzung NENT ist, kann inzwischen niemand zweifelsfrei beantworten - streben die Teilnehmer nicht mehr und nicht weniger an, als die Menschen in der Welt, ihre Organisationen, Institutionen, Systeme und Großereignisse, die Mängel und Gefahren, die Schätze und Chancen, zu verstehen, sich in politische Entscheidungsprozesse einzumischen und noch nicht begonnene zu initiieren.

Kein Zufall also, dass eine knappe halbe Stunde nach dem plötzlichen Ende der Festveranstaltung im Reichstag mindestens dreißig Leute im NENT-Revier aufgeregt diskutieren. Warum kam sie nicht? Was ist mit ihr? Wer ist sie überhaupt? Gibt es neuerdings begründete Zweifel, dass sie - wer genau immer sie sein möge - die Gründerin von NENT ist? Was bedeutet die Verweisung auf Benedikt von Nursia?

Ein hier ungewohntes Hin und Her und Her und Hin. Unklarheit. Ratlosigkeit.

Schließlich dominiert der Aktionsdrang. Man kann nicht warten, bis alle Fragen zufriedenstellend beantwortet sind. Man muss als Erstes schnellstmöglich dafür sorgen, dass die beabsichtigte Rede ins Netz gestellt wird.

Es gibt einen Satz von ihr, der unbedingt in ihre virtuell zu rekonstruierende Rede gehört:

Ich gehe bei meinen Gedanken und Handlungen immer davon aus, dass überall auf unserer Erde nur eine kleine Minderheit der Menschen dauerhaft von der Neigung beherrscht wird, ihren Mitmenschen Schaden zuzufügen und dass von dieser kleinen Minderheit wiederum nur wenige Menschen lebenslänglich jeden Versuch strikt abweisen, auf ihr Verhalten Einfluss zu nehmen.

Lasst uns jetzt keinen Disput beginnen, ob ihre Meinung richtig ist oder ob man sie einfacher ausdrücken könnte. Zweifellos hat ihre Wirkungsmacht sehr viel mit dieser originell formulierten Grundüberzeugung zu tun. Sie war überzeugt, weil sie es wollte, basta! Paradox - und bewusst naiv. Ja, bewusst naiv! Oder vielleicht besser: intelligent naiv? Ein großes Thema, das wir im Netz diskutieren sollten. Doch vordringlich geht es jetzt um die Rede. Wer macht mit? Wer weiß, wer kann, wer macht was?

Nach zwei Stunden und dreizehn Minuten hat jeder den Plan und seinen Teil an der Ausführung auf seinem Gerät. Man kann sich trennen und zur Tat übergehen. Die Großgruppe löst sich auf. Kleingruppen formieren sich. Einzelne streben zum Ausgang.

3

Ich war dabei. Im Reichstag und im Pseudoschloss. Ich fühle mich herausgefordert, und zwar auf eine Art und Weise und mit einer solchen Intensität, dass ich es im Moment kaum ertragen kann. In der großen Gruppe konnte ich mich nicht dazu durchringen, endlich mit offenen Karten zu spielen. Ich durfte es nicht, wenn nicht alles zusammenstürzen sollte, was ich in Jahren errichtet zu haben glaube.

Und dann sie! Sie, die mich ansprach, als sich die Gruppe auflöste. Ich hatte sie früher noch nie gesehen. Es ist ein Wunder. Ich ahne es: Auch sie hat ein Geheimnis, und zwar womöglich eines, das sich mit meinem irgendwo vor dem Unendlichen trifft. Ihre Andeutungen haben mich elektrisiert. Aber viel wichtiger und viel mehr: Ich bin erfüllt von ihr, trage sie mit mir, wo immer ich bin und wohin ich auch gehe. Bin ich mir selbst in anderer Gestalt begegnet? - Was für ein verquaster Unsinn! - Ich bin total verwirrt und finde es auch noch großartig. Einen solchen Zustand habe ich noch nie erlebt.

Als ich am vereinbarten Abend vor ihrer Wohnungstür stand - die Haustür war unverschlossen, den Lift hatte ich ignoriert -, pochte mein Herz so stark, dass ich eine Weile wartete, bevor ich auf den Klingelknopf drückte. Mit den ersten Geräuschen aus der Wohnung legte mein Herzschlag wieder zu. Sie begrüßte mich souverän-freundlich, stutzte kurz und umarmte mich. Nein, nicht nur flüchtig, sondern so, dass ich sie richtig spürte. Seltsamerweise schaltete mein Herz nach einigen Sekunden merkbar herunter. Und ich fühlte mich plötzlich genau so souverän wie sie auf mich wirkte.

Wir wollten uns schon unaufgeregt an die Erforschung unserer vermuteten Gemeinsamkeiten machen, als einer von uns vorschlug, zunächst einige persönliche Daten auszutauschen. War es ihre Idee, war es meine? - Egal, ich fing jedenfalls an, ihr zu erzählen, was ich für zweckentsprechend hielt. „Also gut, ich bin zweiunddreißig, wenn das von Bedeutung ist. Ein Alleiniger mit gewissen Sehnsüchten, Hoffnungen und Überzeugungen. Enttäuschungen tun jetzt nichts zur Sache. NPL-Studium nach vier Semestern abgebrochen...“

„Langsam - NPL ...?“

„Pardon! Neo-Pragmatische Literaturwissenschaft, wenn dir das mehr sagt.“

„Nicht wirklich. Aber das genügt im Moment.“

„Also weiter. Parallel zur NPL zwei Semester Sozioökonomie. Dann auch aufgegeben. Dann ...“

„Stopp. Das interessiert mich besonders. Warum aufgegeben? Uninteressant?“

„Im Gegenteil. Äußerst interessant. Aber auch äußerst unergiebig.“

„In welchem Sinne?“

„Im platten, ordinären, gewalttätig ökonomischen. Niemand konnte mir eine Perspektive aufzeigen, die mit einer Chance verbunden war, meinen Lebensunterhalt und den einer zukünftigen Familie zu bestreiten.“

„Ich staune und bleibe einstweilen stumm.“

Ich hatte den roten Faden plötzlich verloren und überlegte, wie ich fortfahren sollte. Sie schien es bemerkt zu haben und zeigte, dass sie keineswegs die taffe Frau ist, die sie so gut spielen kann. „Darf ich mal zur Abwechslung?“, fragte sie ganz selbstverständlich. Und fuhr gleich fort: „Einundvierzig. Also noch im vergangenen Jahrtausend geboren. Zurzeit auch alleinig. Kaufmännische Lehre und Studium der Wirtschaftswissenschaften. Zwölf Jahre in der sogenannten freien Wirtschaft, davon zwei in den USA und nicht ganz zwei in Südafrika. Ein bisschen so etwas wie Karriere. Plötzlich die Nase voll. - Dazu vielleicht später Genaueres. - Und jetzt auf freien Füßen oder in der Schwebe. Ein bisschen Unternehmens- und Organisationsberatung. Ein bisschen Fachschreiberei und Artikel zu Wirtschaftsproblemen in Tages- und Wochenzeitungen, ab und zu ein Wochenendseminar für nicht defätistische kritische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Großunternehmen, die sich blöderweise, ich kann nichts dafür, als Nidekrimits klassifizieren. Alles zusammen noch keine Garantie für ein regelmäßiges Einkommen. Aber weit überwiegend interessant und manchmal ganz schön spannend.“

Bevor ich die Frage platzieren konnte, die mir auf der Zunge lag, fuhr sie fort: „Geduld, Geduld! Ich werde mich bemühen, deine stumme Frage so gut wie mir möglich zu beantworten. Am besten im Zusammenhang mit dem Riesenthema: Unabhängig sein, ohne zu hungern, zu dürsten oder zu frieren. Ein Dauerthema für Leute wie du und ich. So viel kann ich jetzt schon sehen. Und ich freue mich darauf. Heute würde es zu eng. Jetzt von mir noch ein Satz oder zwei: Gut, dass ich diese Eigentumswohnung habe, dank der weitsichtigen Fürsorge meines vor zwanzig Jahren verstorbenen Großvaters. Der hat die Wohnung vor dreißig Jahren gekauft und dabei schon an mich gedacht.“

„Ist es indiskret, wenn ich dich frage, wieso dich dein Großvater direkt bedacht hat? Was war mit dem Zwischenglied?“

„Eine herrlich abstrakte und trotzdem indiskrete Frage. Aber das ist nicht der Grund, dass ich sie jetzt nicht beantworten werde. Ich kann es einfach nicht. insichtMein Vater ist wenige Monate vor meiner Geburt gestorben. Viel mehr weiß ich selbst nicht. Die Antworten auf meine Fragen waren immer seltsam undeutlich. Und meine Mutter schien mir jedes Mal wieder heftig von Trauer angefallen zu werden, wenn ich das Thema anschlug. Deshalb habe ich es irgendwann aufgegeben, weiter zu forschen. Meine Fantasieprodukte dazu behalte ich lieber noch für mich. - Wie ging es weiter nach deinen zwei Studienabbrüchen. Ins Elend bist du ja anscheinend nicht gestürzt.“

„Ich versuche mal, es ohne Abschweifungen in meine Motive und ohne jede Ornamentik rüberzubringen.“

„Nein, nein, ich lasse mich nicht mit nüchternen Daten abspeisen. Motive interessieren mich besonders, und dazu passende Ornamentik finde ich wunderbar. Wir haben doch Zeit - wenn nicht heute, dann eben später.“

Ich verbiss mir eine Bemerkung, dass sie jetzt von mir etwas verlangte, was meiner stummen Frage an sie im Prinzip entsprach. Nur jetzt keinen Heckmeck beginnen! „Also mit Motiven und Ornamentik. Broterwerb kontra Neigung - das uralte Thema. Ich suchte den Weg, der zu beiden führt, fand ihn nicht und begann über Kompromisse nachzudenken. Ich fühlte mich berufen zum Schreiben. Mehr oder weniger anspruchsvolle Romane, Erzählungen mit Pfiff, Essays über ewige und aktuelle Themen mit originellen Sichtweisen, raffinierte Kategorienmischungen mit markanten Stellen für Aha-Erlebnisse meiner Leserinnen und Leser. Dass man davon nicht leben kann, wusste ich auch schon eine Weile, dass trotzdem Hunderttausende in allen Generationen davon träumten und immer wieder träumen, konnte ich mir ausrechnen oder ausdenken. Und gerade noch rechtzeitig habe ich kapiert, dass ein Germanistik- und/oder Literaturwissenschaftsstudium einen jungen Menschen, der sich zum Schriftsteller berufen fühlt, zwar von Irrwegen abhalten, ihm hilfreiche handwerkliche Hinweise geben und ihm vielleicht noch viel hilfreichere Verbindungen vermitteln kann, dass es aber andererseits die große Gefahr mit sich bringt, jeden schöpferischen Gedanken abzuwürgen, bevor er sich richtig entfaltet hat. Nach wenigen Semestern sind das theoretische Wissen und die damit verbundene Kritikfähigkeit so stark entwickelt, dass die langsame Entfaltung schöpferischer Ideen auf einer längeren Wegstrecke keine Chance hat, sich dem schnellen Zugriff der Selbstkritik zu entziehen. Das meinte ich damals und das meine ich immer noch - obwohl es glänzende Ausnahmen gibt. Also wurde mir klar, dass ich meiner Berufung zum Schriftsteller nur als Amateur neben einem richtigen Brotberuf folgen konnte. Übrig blieb die große Frage, in welchem Brotberuf ich genug Brot verdienen könnte, ohne mich verbiegen zu müssen, so verbiegen, dass meine mir selbst zugeschriebenen schriftstellerischen Talente verkümmern, ersticken, erwürgt würden. Ich fand einfach keinen. Ergebnis: Seit mehr als sieben Jahren bin ich bei Leihunternehmen angeheuert. Ich bin körperlich nicht so schwach wie ich trotz meiner Länge manchmal eingeschätzt werde, mache also manches, wozu Muskelkraft gefragt ist, aber auch einiges, was den Geist auf die eine oder andere Weise herausfordert, und ziemlich viel nervtötenden Bürokram. Ich komme zurecht in der Gegenwart und überlasse die Zukunftsvorsorge der nicht ganz so fernen Zukunft. Aber, aber auf etwas bin ich stolz: dass ich es tatsächlich geschafft habe, einen dreihundertfünfzig Seiten dicken Roman fertig zu stellen, der meiner Eigenkritik immer noch standhält. Und - oh Wunder - es klingelt seit einiger Zeit sogar einigermaßen regelmäßig in der Kasse - zunächst dank des Netzes, inzwischen auch dank eines kleinen aber feinen altherkömmlichen Verlags, dessen Eigentümer seine Spielsucht kultiviert hat und nun auf noch unentdeckte Autoren von anspruchsvoller Belletristik setzt. Nach meinem Eindruck spekuliert er nicht auf eine hohe Kapitalverzinsung, sondern hofft auf einen ideellen Gewinn in Form der Teilnahme am literarischen Erfolg seiner Autorinnen und Autoren. Mir soll es recht sein. Das Klingeln in meiner Kasse ist zwar vornehm leise und also nicht ausreichend, aber mein Werk wurde zur Kenntnis genommen, mein Name ist einigen Multiplikatoren nicht mehr unbekannt. Daraus haben sich Perspektiven mit flackernden Hoffnungsflämmchen ergeben. Vor allem jedoch: Das nächste Werk steht vor seiner Vollendung. Na ja, leicht übertrieben. Diesmal wird es natürlich ein Bestseller, der mich mindestens ein halbes Jahrzehnt aller materiellen Sorgerei enthebt. . - Danke für dein verständnisinniges Schmunzeln...“

Plötzlich fiel mir mein Blog ein und sofort auch das, was ich bei NENT trieb. Sollte ich das erwähnen? Wenn ja, klar und wahr oder nur andeutungsweise und verschwommen? Einerseits spürte ich einen starken Drang, ihr alles ohne Winkelzüge zu erzählen, andererseits bemerkte ich den Zugriff der Bremsen, die mich vor überfallartigen Entwicklungen zu bewahren haben, vor allem davor, mir Blößen zu geben, durch die mein Leben in eine ungewollte und unerfreuliche Richtung getrieben oder gezogen werden könnte.

Ich suchte wieder nach dem verlorenen Faden, sah dass sie im Begriff war, erneut die aktive Rolle zu übernehmen, als ein dezentes Brummen die leichte Spannung aufhob. Routiniert griff sie zu ihrem Multigerät und sah auf den Display. Nach wenigen Sekunden verschattete sich ihr Gesicht. Dann wandte sie sich mir zu: „Tut mir wirklich leid. Ich hasse es, aber ich muss es jetzt trotzdem tun: Ich muss dringend jemanden anrufen. Und leider wird das nicht in wenigen Minuten erledigt sein. Ich bitte dich um Verständnis. Den Grund für diesen krassen Verstoß gegen meine eigenen Prinzipien wirst du später erfahren, versprochen. Bis wann darf man dich abends noch anrufen? Wir müssen unsere Sitzung so bald wie möglich fortsetzen.“

4

Mir gelang es trotz aller Schwierigkeiten bei meinen verschiedenen beruflichen Aktivitäten, drei Wochen lang keine Sitzung des NENT im Pseudoschloss zu versäumen. Leider sah ich meine große neue Liebe dort nicht. Ihr Anruf am späten Abend unserer ersten privaten Begegnung war bei aller Liebenswürdigkeit so deutlich gewollt undeutlich gewesen, dass ich meine Neugierde niedergerungen hatte und mich auf ihr Versprechen verließ, sich sofort nach ihrer Rückkehr von einer nicht näher beschriebenen Auslandsreise zu melden. Nur wer eine ähnliche Situation je selbst erlebt hat, kann ermessen, in was für einer Verfassung ich mich seitdem durch die Tage bewegte. Ohne zu überlegen, hatte ich mich von den beiden Möglichkeiten, mich innerlich abzukapseln und äußerlich auf das Notwendigste zu beschränken oder mit besonderen Aktivitäten meinen Kummer, meine Sorgen und meine frische Liebe in den Hintergrund zu drängen, für die aktive Alternative entschieden.

Im Pseudoschloss gelang es mir zu meinem eigenen Erstaunen, in zwei Untergruppen trotz zeitlicher Überlappung aktiv zu sein. Während die eine Gruppe sich damals noch immer mit dem ungeklärten Schicksal der NENT-Gründerin und den daraus ergebenden Verpflichtungen befasste, hatte sich die andere Gruppe aus einem dringenden politischen Anlass gebildet oder vielmehr war aus einem langen Dämmerschlaf wieder zu voller Präsenz erwacht.

Jahrelang war ein Großthema der NENT-Gründerin eine revolutionäre Umwälzung gewesen, die das gesamte Finanzierungssystem des Staates und seiner Gliederungen sowie der Methode des staatlichen Ausgleichs krass ungleicher Lebensbedingungen aus den Angeln heben und durch eine radikal vereinfachte ersetzen würde. Diese neue Methode würde eine gewaltige Verschiebung im Gefüge der beruflichen Tätigkeiten weg von unnützer Verwaltung hin zu wirtschaftlich oder sozial nützlichen Tätigkeiten zur Folge haben und dem Verhältnis der Bürger zu ihrem Staat eine von Grund auf positive Tendenz geben. Die meines Wissens erste in einem größeren Kreis formulierte Vorstellung von NENT-G fand ich zufällig im Netz als ich noch Sozioökonomie studierte. Angeblich handelte es sich um einen Auszug aus der informellen Niederschrift von Debattenteilen durch ein anonymes Mitglied eines Gremiums von Steuerfachleuten, welches sich Ende des vergangenen Jahrtausends im Auftrage der Bundesregierung mit dem damals wieder einmal als dringend angesehen Problem einer umfassenden Steuerreform befasste.

Kurzfassung des Radikalvorschlags von Prof. Sch:

Abschaffung aller Steuern bis auf eine: die Mehrwertsteuer. Erhöhung der Mehrwertsteuer um den Satz, der zur Deckung der Einnahmenlücke erforderlich ist. Keinerlei Differenzierung beim Steuersatz. Flankierende Maßnahmen zum Ausgleich sozialer Härten und von Wettbewerbsverzerrungen bei

ausländischer Konkurrenz (so lange die Reform nicht in allen Ländern der Erde realisiert ist).

Zwangsläufige Folge: Das gesamte Tarifgefüge und darüber hinaus die Einkommensstruktur insgesamt wird auf dem Prüfstand des Volkes stehen und grundsätzlich neu geordnet werden müssen.

Mit der Reform angestrebte Folgen:

a) Dauerhafte Minderung eines gewichtigen Teils der Personalkosten im öffentlichen Dienst und in der Wirtschaft, Freistellung großer Personalressourcen für gesellschaftlich notwendige Aufgaben;

b) Abschaffung aller über Steuererleichterungen gewährten staatlichen Subventionen, stattdessen Einführung eines direkten flexiblen Förderungssystems, das für jeden Durchschnittswähler verständlich ist und bei den Wahlen mittelbar mit zur Abstimmung stehen kann. Radikale Vereinfachung des Steuersystems. Steuerverkürzungen und Steuerumgehungen wird es – abgesehen von plumpen Fälschungen bei der Mehrwertsteuer - nicht mehr geben. Jeder interessierte Bürger kann die finanzpolitischen Entscheidungen inhaltlich verfolgen und verstehen. Wahlkämpfe werden wieder inhaltlich orientiert sein. Eine neue Qualität der Demokratie wird sich entwickeln. Sie wird sachbezogen und durchschaubar sein. Versuche von Scharlatanerie und Volksverdummung werden schnell erkannt und entlarvt. Sie sind bald als Mittel der Politik untauglich. Und nicht zuletzt: jeder Bürger leistet entsprechend seinem Konsum seinen Beitrag für die Zwecke des Staates. Die Bürger, die bisher keine direkten Steuern gezahlt haben, werden dadurch zu ebenso selbstbewussten wie staatsbewussten Bürgern. Sie werden sich zukünftig intensiv dafür interessieren, für welche Zwecke der Staat die Steuereinnahmen verwendet. -

Und die ganz, ganz große Vision: Irgendwann global in allen Ländern nur diese eine Steuer!

Erwiderung der Vertreterin des Europäischen Steuerinstituts W:

"Ich denke, wir können uns eine längere Diskussion über diesen Radikalvorschlag ersparen, wenn wir die europäische Integration nicht ein für alle Mal verhindern wollen. Nein, - das ist zu wenig -, wenn wir das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen wollen. Ich muss wohl in diesem Kreis nicht erläutern, inwiefern ein deutscher Alleingang dieser Art allen Bestrebungen zur Harmonisierung des Steuerrechts in den Ländern der EU hohnsprechen würde. Ich schlage deshalb vor, die Tagesordnung in der zuvor geplanten Weise fortzusetzen."

Tagungsleiter Prof. H:

"Frau Kollegin Sch, ich weiß natürlich, dass Sie uns allen mit ihrem Superreformmodell vor Augen führen wollten, wie kleinkariert unsere Reformdiskussion ist. Und Sie haben zweifellos Recht. Ihr Modell ist erschlagend einfach und deshalb eigentlich grandios. Aber Sie wissen natürlich so gut wie jeder hier, dass Frau W leider auch Recht hat. - Nicht weil sie die Interessen des Vereinten Europa zu vertreten hat,sondern schlichtweg, weil eine solche Reform die Entwicklung von Jahrzehnten - vielleicht sogar von Jahrhunderten - total ignorieren würde. Und das nicht nur steuerrechtlich. Ich meinedie politische und die wirtschaftliche Entwicklung allgemein, ganz besonders aber die Entwicklung des Bewusstseins der Bürger in unserem Land, in Europa, ja, in der ganzen zivilisierten Welt. Wir haben doch immer noch in weiten Kreisen ein tief verwurzeltes Gerechtigkeitsgefühl. Das hat nicht zuletzt etwas mit unserem gewachsenen Steuersystem zu tun. Wenn wir - was Sie, Frau Kollegin, ja implizit vorschlagen -, diese Gerechtigkeitsorientierung als trügerisch hinzustellen versuchen, um eine ganz neue Orientierung zu etablieren, dann wäre das keine Reform mehr, sondern schlichtweg eine Revolution. Möglicherweise eine unblutige - wenn es gutginge. Sie könnte aber auch blutiger als alle Revolutionen werden, die unser Land bisher erlebt hat. Ich bitte Sie deshalb um Ihr Einverständnis, dass wir Ihren sicher äußerst originellen und fachlich keineswegs undiskutablen Vorschlag hier nicht weiter diskutieren."

Erwiderung von Sch:

"Ich muss wohl oder übel einverstanden sein, Herr Kollege. Gestatten Sie mir aber noch eine ergänzende Bemerkung: Ich würde es sehr begrüßen, wenn bei den Diskussionen in den nächsten Tagen die anderen Modelle auch an dem von mir skizzierten gemessen würden. Ich möchte eindringlich warnen vor der großen Verzagtheit gegenüber radikalen Reformen. Wenn es schon nicht möglich ist, den dicken Knoten aus all den unsinnigen Verknotungen und Verknüpfungen mit einem gewaltigen Hieb durchzuschlagen, wie ich es für sinnvoll halte, dann muss andererseits verhindert werden, dass jedes kleine Knötchen, das man auflösen will, reflexartig als schützenswerte Errungenschaft oder gar als Teil eines unabänderlichen Naturgesetzes dargestellt wird. Und wir sollten bitteschön auch nicht vergessen, dass längst eine stille Revolution im Steuerrecht stattgefunden hat, indem unsere sogenannten Leistungsträger - und bedauerlicherweise nicht nur die - die Steuerverkürzung zum Volkssport gemacht haben. Und was das Gerechtigkeitsgefühl betrifft: Wenn es noch einen Restglauben an die prinzipielle Gerechtigkeit unseres heillos deformierten derzeitigen Steuersystems gibt, dann kann das nur an der mangelnden Informiertheit oder dem Desinteresse der Gläubigen liegen.

Ich bitte um Verzeihung - nein, nur um etwas Verständnis - für meine möglicherweise emotional klingenden Ausführungen. Dieses Thema war, ist und bleibt mir eine Herzenssache.“

Diese Texte haben mich schon beim ersten Lesen ganz eigenartig berührt. Und die Wirkung hat sich in der Zwischenzeit nicht verflüchtigt. Jedes Mal wenn ich mir die Texte wieder vornehme, weil ich dem Geheimnis ihrer Wirkung nachspüren möchte, bin ich wieder auf diese besondere Weise fasziniert und gleichzeitig deprimiert. Die Faszination hat zu tun mit einem Anhauch von Weite, Frische, Großzügigkeit und Mut, den ich beim Lesen des Plädoyers der (leider) anonymen Professorin immer wieder als belebendes Glücksgefühl empfinde. Die deprimierende Wirkung kommt zunächst von der uninspirierten Art, wie der Vorschlag abgeschmettert wurde. Vor allem aber, dass das Enge, Stickige, Egoistische und Ängstliche in dieser Angelegenheit bis heute beherrschend ist. Ich muss mich noch viel intensiver als bisher damit befassen. Es ist nicht nur mein Interesse an dieser großen Steuerreform - die allerdings für sich allein wichtig genug ist -, was mich antreibt. Vielmehr habe ich eine noch sehr unstrukturierte Vorstellung, dass sie womöglich beispielhaft für alle großen politischen Reformen in unserem Land ist. Und nicht nur dort. Bevor ich diese unausgegorenen Gedanken in den Diskurs in der NENT-Gruppe einbringe, muss ich zunächst im stillen Kämmerlein versuche, mir mehr Klarheit zu verschaffen. Noch immer bin ich also keineswegs in erster Linie ein Gruppenmensch.

Ich will auch zugeben, dass ich vor geraumer Zeit viele Stunden und Tage damit verbracht habe, mir auszumalen und nach meinem Wissen und Vermögen auszurechnen, wie viele Menschen nach der Einführung des neuen Systems für andere Aufgaben freigestellt sein würden. Beamte und Angestellte in den Finanzämtern und an den Finanzgerichten, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Rechnungswesen und in den Steuerabteilungen der Unternehmen, freiberufliche und angestellte Steuerfachleute mit ihren Zuarbeitern, Hochschullehrer mit ihrem Tross, Kursleiter in Weiterbildungsinstituten, Fachautoren und so weiter, und so weiter. Ich bin damals mit meinen Kalkulationen nicht zu Rande gekommen. Mir fehlten schlicht solide Ausgangsdaten. Aber eines scheint mir heute noch gewiss: Es ist sicher nicht zu hoch gegriffen, wenn man davon ausgeht, dass mindestens fünf von tausend Einwohnern ihren Lebensunterhalt mit Tätigkeiten verdienen, die durch Anforderungen des Steuerrechts (ohne Umsatzsteuer) bedingt sind. Das wären also etwa vierhunderttausend Beschäftigte, die für sinnvolle Tätigkeiten zur Verfügung ständen, wenn die Reform mit aller Konsequenz durchgezogen würde. Und das nur in der Bundesrepublik, bezogen auf die gesamte Offene Union wären es etwa drei Millionen. Es ist atemberaubend, sich die Ressourcenverschwendung auszurechnen, die immer noch stattfindet, weil kleinstkarierte Interessen und eine kindische Ängstlichkeit der Politiker in allen Lagern der Reform entgegensteht. Zwar hat sich in den mehr als vierzig Jahren, die seit der oben verkürzt wiedergegebenen Diskussion verstrichen sind, der Mehrwertsteuersatz auf inzwischen zweiundvierzig Prozent erhöht, doch von einer radikalen Abschaffung der anderen Steuern, insbesondere der Steuern vom Einkommen und Ertrag, kann keine Rede sein. Ihre Bedeutung als Einnahmequellen ist zwar immer geringer geworden, doch der Aufwand für ihre Erfassung ist nicht im gleichen Verhältnis gesunken, sondern weiter gestiegen.

Meine Rechenversuche und Gedankenspiele gehören zwar nach weit verbreiteter Meinung kaum zur Stimmungsfamilie des Weiten, Frischen, Großzügigen und Mutigen; aber - so klug musste ich in meinen zweiunddreißig Lebensjahren werden - wenn man nach mehr strebt als innerer Befriedigung, genügt es eben nicht, dem Charakter und der Wirkungsmacht einer Stimmung nachzusinnen, und mag sie noch so ausfüllend, drängend, unbeschreiblich angenehm oder bitter deprimierend sein.

5

Ich muss mich korrigieren: Nun ist doch wieder die Rede von dem Umsturz des Steuersystems. Gerade dies ist der Grund für das Erwachen, Diskutieren und Arbeiten der Gruppe im Pseudoschloss. Und keineswegs nur dort. Wir - am Ort und im Netz - wollen diesmal die Chance nicht verstreichen lassen. Wir wollen Einfluss nehmen auf das Ob und das Wie. Die Sache selbst ist es wert. Aber darüber hinaus weiß oder fühlt jeder von uns, dass dies ein Musterfall ist. Jetzt wollen und müssen Bürgerinnen und Bürger bei einer Riesenreform einen qualifizierten - vielleicht sogar entscheidenden - Beitrag leisten, ohne als sogenannte Experten zertifiziert zu sein. Der Name unseres Forums ist uns gerade jetzt auch Verpflichtung. Nicht auszudenken, welche Folgen die konstruktive Mitwirkung einer ständig wachsenden Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern bei dieser Großreform für das Verhältnis der Bürgerinnen und Bürger zu den staatlichen und überstaatlichen Institutionen haben würde, wenn sie gelingt. Die Gedankenspiele damit können mich immer wieder höchst angenehm berauschen.

Meine Mitarbeit bei der anderen NENT-Gruppe war darauf fokussiert, bestimmte Aktionen zu verhindern, weil mir Informationen zur Verfügung standen, die die anderen nicht hatten und die ich ihnen auch noch nicht vermitteln wollte, konnte, durfte. Die von mir verheimlichten Fakten betrafen mich selbst und gewisse Tätigkeiten von mir. Schon vor mehreren Jahren hatte ich erste Zweifel in mir entdeckt, ob alle bekannt gewordenen Texte, die unserer Gründerin zugeschrieben wurden, tatsächlich von ihr stammten. Ungewöhnlich und mir nicht einleuchtend war ihre Eigenart, die Texte stets mit einem anderen Pseudonym zu zeichnen, in dem sich allerdings stets unser NENT irgendwo finden ließ. Eine reine Spielerei ohne ernsthaften Sinn passte nicht in das Bild, das ich mir von dieser Frau gemacht hatte.

Obwohl ich anfangs wirklich hoffte, einen einleuchtenden Grund für dieses Versteckspiel zu finden, wuchsen meine zunächst zurückgedrängten Zweifel bei jedem neuen Text von ihr. Das Problem quälte mich zunehmend. Und irgendwann konnte ich den Gedanken nicht loswerden, die Artikel stammten gar nicht von ihr - oder mindestens nicht alle. Und schon bald drängte ein viel weitergehendes Gedankenbündel nach: Glaubte ich an einen Mythos? War das, was einer Person zugeschrieben wurde, möglicherweise einer Gruppe von Menschen zuzuschreiben? Ich versuchte mich zu erinnern, seit wann ich ein Anhänger der angeblichen Gründerin von NENT war und auf welche Weise das Bild in mir entstanden war, das ich bis vor kurzem vor Augen hatte. Ein Bild, wie es nach meinem Eindruck die mir persönlich bekannten Teilnehmer an den Treffen im Pseudoschloss ähnlich vor Augen hatten. Ein langgedehntes Hin und Her in mir zwischen der Freude, in einer Bewegung mitzuwirken, die voll und ganz meiner Überzeugung und Neigung entsprach, und meiner schon seit der Pubertät kräftig entwickelten Lust, alles, was mir als Mythos erschien, radikal zu entmythologisieren. Allmählich gewann die Entmythologisierungslust die Oberhand. Und also startete ich meinen ersten Versuch: Ich verfasste einen mittellangen Artikel, den ich in ähnlicher Weise verschlüsselt zeichnete wie die vermeintliche Gründerin. Er passierte anscheinend problemlos die Kontrollstationen und erschien auf unserer Forumsseite. Niemand protestierte oder äußerte Zweifel daran, dass mein Artikel von der NENT-Gründerin stammte. Also fuhr ich in unregelmäßigen Abständen auf diese Weise fort. Allmählich war es nicht mehr der Spürsinn, der mich antrieb, sondern ich gewann immer mehr Spaß an dieser Tätigkeit, an dem Schreiben der Artikel und an dem Versteckspiel. Was ich der vermeintlichen NENT-Gründerin übelgenommen hatte, betrieb ich jetzt selbst mit Lust.

Offen blieb die Folgefrage, wer seit wann die Rolle der NENT-Gründerin spielte oder ob es nie eine Person gegeben hatte, die mit Fug und Recht als Gründerin bezeichnet werden konnte. Und wie konnte es geschehen, dass der Mythos derartig wirkungsvoll auf den politischen Ebenen war - auf denen der Unionsländer und auf denen der Offenen Union als Institution -, dass schließlich die Erstverleihung einer Ehrenbürgerschaft der Offenen Union an die NENT-Gründerin beschlossen und der Rahmen für die Übergabe der Insignien geplant wurde? Und wie war es möglich, dass im Vorfeld der Verleihung alles glattgegangen war, dass die vermeintliche Adressatin der hohen Ehre nicht nur den ihr zugewiesenen Namen akzeptiert zu haben schien, sondern dass sie sogar ihre Bereitschaft zur Annahme der Ehrenbürgerschaft erklärt hatte - auf welche Weise auch immer -, und zugesagt hatte, zum Abschluss der Jubiläumsveranstaltung eine Grundsatzrede zu halten? Hatte hier die unbekannte Person in einem spannenden Spiel alles auf eine Karte setzen wollen und sich dabei erbärmlich verrechnet? Oder war sie des Spiels überdrüssig geworden und wollte es auf eine dramatische Weise beenden? Beides machte für mich keinen Sinn. Beides war mir zu banal. Beides passte nicht in meine Vorstellung von der oder dem Unbekannten.

Bisher wird kaum irgendwo in der Bundesrepublik Deutschland, in der Offenen Union oder sonst wo auf unserer Erde in Zweifel gezogen, dass die Entstehung der Offenen Union aus der einst hermetisch geschlossenen Europäischen Union dem gezielten und dem mittelbaren Wirken der NENT-Gründerin zu verdanken ist. Selbst diejenigen, die die These vertreten, dass die Zeit für ein politisches Gebilde wie die Offene Union in den Zehnerjahren unseres Jahrhunderts einfach reif war, müssen zugeben, dass es bei einer derartigen Situation trotzdem der Initiative, des Einfallsreichtums, der sozialen Kompetenz und - jawohl, auch das - eines Fundus politischer Listen bedurfte, um aus einer mehr oder weniger vagen Idee eine konkrete politische Institution zu machen. Wenn es nicht die Gründerin unseres NENT war, wer war es dann? Wenn die Gründerin sich bisher unter wechselnden Pseudonymen verborgen hatte, wieso konnten wir alle uns ohne geistige Akrobatik eine konkrete Person vorstellen? Eine namenlose, aber dennoch konkrete Person? War das überhaupt möglich? Wie konnte ich sicher sein, dass meine Mitbürgerinnen und Mitbürger dieselbe Vorstellung von dieser Person hatten wie ich? Wie könnte sich aus einer Vielzahl lediglich gedruckter Wörter innerhalb von Jahrzehnten eine einheitliche Vorstellung von einem menschlichen Wesen mit Fleisch und Blut herausbilden? Was unterschied diese namenlose Person in der Vorstellung von zig Millionen Menschen von einem Mythos? Einige dieser Fragen hatten mich bereits vor der dramatischen Zuspitzung am Jubiläumstag umgetrieben und mein Gleichgewicht gehörig erschüttert. Als eingeschworener Skeptiker und Anhänger des modifizierten Neo-Pragmatismus konnte und kann ich mit Begriffen nicht umgehen, deren Gehalt oder Sinn ich nicht wenigstens erahne. Wenn man mir schriftlich oder mündlich konkrete Phänomene - Zustände, Vorgänge, Befindlichkeiten, ihre Zusammenhänge und ihre Wirkungsweise - mit dunklen Begriffen und Sätzen zu erklären versucht, reagiere ich entweder aggressiv fragend oder fatalistisch stumm. So oder so bin ich für eine mehr oder weniger lange Zeit unzufrieden und also nicht glücklich. Jetzt also diese geballte Ladung von Fragen ohne Aussicht auf eine mir einleuchtende Antwort.

Fest steht immerhin für mich, dass sich Ende der Zehnerjahre dieses Jahrhunderts ein beispielloser Wandel vollzogen hat - ein Bewusstseinswandel der Politiker, der einflussreichen Medienvertreter, der Bürgerinnen und Bürger. Innerhalb von drei bis vier Jahren verbreitete sich die Idee der Offenen Union aus einer vermeintlichen Sektiererecke in die große weite Welt. Nach einer verhältnismäßig kurzen Zeit heftiger Debatten in allen Medien zeichnete sich ab, dass die Idee nicht mehr zu besiegen war. Immer mehr Menschen waren überzeugt von ihrer Richtigkeit und Alternativlosigkeit, und immer mehr Menschen schlossen sich dem Gesinnungswandel an, weil sie immer im größten Meinungsstrom mitzuschwimmen pflegten.

Allein schon diese epochale Veränderung der Ausrichtung von politischen Gebilden - weg von einer absurden geografischen Abgrenzung hin zu einer Wertegemeinschaft, weg vom Ausgangsprinzip der selbständigen Einheit hin zu einer weltweiten Verbundenheit und Verantwortung - hätte genügt, die Unbekannte, Unerkannte oder als Person Ungreifbare mit Orden und Ehrenzeichen zu überschütten. Vergebens die erste große und großartige Bemühung dazu. Ein Phantom, ein Mythos, ein namen- und gestaltloses Wesen ist für eine Ehrenbürgerschaft der Offenen Union unter keinem Aspekt denkbar.

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Obwohl ständig erhofft, kam ihr Anruf doch unerwartet. Ich brauchte weniger als eine Stunde, bis ich sie stumm umarmen durfte - lange, noch länger, für immer und ewig... Ich fand es dann jedoch richtig und schön, dass sie keine Anstalten machte, unser Wiedersehen sofort in ein körperliches Erkunden und Versinken übergehen zu lassen. Auch ich hatte andere Prioritäten. Und ich war mit Neugierde vollgepumpt.

Sie versuchte nicht, zuerst das Neueste von mir zu erfahren, sondern bat mich freundlich-entschlossen, ihr eine Weile zuzuhören. Sie müsse mir eine wichtige Geschichte aus ihrem Leben erzählen. Also ließ und lasse ich sie.

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Als Betriebswirtin mit einem überdurchschnittlichen Examen fand ich Mitte 2026 schnell eine – nach meinen damaligen Maßstäben und Vorstellungen - interessante und vielversprechende Anstellung in einem multinationalen Unternehmen der Informationsverarbeitung. Nachdem ich meine anfänglichen Schwierigkeiten überwunden hatte, ging es schnell aufwärts. Schon im zweiten Jahr kam ich in das Programm für potentielle Führungskräfte. Der Personalbestand des Unternehmens wuchs damals sprunghaft, und entsprechend viele Führungskräfte wurden benötigt. Ein Ende des Wachstums war noch nicht abzusehen.

Zu Beginn meines vierten Dienstjahres wurde ich Abteilungsleiterin einer kleinen aber feinen Abteilung innerhalb der Hauptabteilung Management-Informationssysteme. Und damit war meine Karriere anscheinend erst am Anfang. Nach weiteren drei Jahren wurde ich für zwei Jahre zur Weltzentrale in New York City abgeordnet. Nicht zum weiteren Training in einem geschützten Milieu, sondern für eine konkrete aber zeitlich limitierte Aufgabe, nach deren Bewältigung ich die nächste Stufe auf der Karriereleiter erklimmen konnte – oder gerade nicht, wenn ich die Erwartungen nicht erfüllte. Meine Bewährungsaufgabe bestand darin, einen umfassenden Vorschlag zur Verbesserung des weltweiten Management-Informationssystems für den Board of Directors zu erarbeiten. Obwohl es längst zum Standard jedes Konzerns dieser Größenordnung gehörte, ein integriertes MIS zu nutzen, zeigten sich immer wieder Lücken und besonders ärgerliche Unverträglichkeiten im System. In mehreren Ländern und selbst in der Konzernzentrale waren dadurch Fehlentscheidungen getroffen worden, deren Folgen nur mit großer Mühe und hohen Kosten ausgebügelt oder für die Öffentlichkeit anderen Ursachen zugewiesen werden konnten. Bei einem Konzern, dessen zugehörige Unternehmen komplexe Systeme der Informationsverarbeitung für nahezu alle denkbaren Zwecke anbot, wäre es nicht nur hochnotpeinlich, sondern schwer geschäftsschädigend gewesen, wenn bei den einschlägigen Abnehmern ruchbar geworden wäre, dass es im eigenen Haus mit der Informationsverarbeitung keineswegs so klappte, wie es die Werbung Tag für Tag zu demonstrieren versuchte.