Versuche Unaussprechliches zu sagen -  - E-Book

Versuche Unaussprechliches zu sagen E-Book

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Beschreibung

Versuche Unaussprechliches zu sagen - Zwischen Flucht & Ankommen - Jugendliche schreiben über ihre Erlebnisse So lautet der Titel des Buches, das aus einer Schreibwerkstatt der VHS Gelsenkirchen hervorgegangen ist. Jugendliche und junge Erwachsene, die nach Gelsenkirchen gefunden haben, schrieben hier ihre Erlebnisse und zeigten dabei nicht nur ein hohes Maß an Mitteilungsbedürfnis, sondern auch ein ernsthaftes Bestreben am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu wollen. Das Bemühen, sich möglichst in deutscher Sprache mitzuteilen, war groß und die Fortschritte die hierzu in kürzester Zeit gemacht wurden, setzten das Ziel in Gang, aus den Ergebnissen ein Buch zu machen. Den jungen Teilnehmern wurde von vornherein freigestellt, den jeweiligen Grad des autobiographischen Charakters ihrer Beiträge selbst zu bestimmen. Dieses lag darin begründet, dass nicht wenige der geflüchteten Jugendlichen und jungen Erwachsenen erhebliche Schwierigkeiten haben, Ausschnitte ihrer Biographie 1:1 widerzugeben wie sie erlebt wurden, weil es ihnen einfach noch zu weh tat. Daher wurde ihnen zugestanden, gewisse Erlebnisse auch als fiktive, bzw. teilfiktive Geschichten zu schreiben, bzw. nach eigenem Ermessen in eine poetische, jedoch authentische Form umzugestalten. Somit wurde den Teilnehmern die Möglichkeit gegeben, konkret Erlebtes, auch indirekt zu schildern. Was die Themengebiete betrifft, so fokussieren sich die Beiträge um das Schwerpunktthema Flucht. Aber auch weiter reichende Themen sind mit eingeflossen. Die jeweilige Perspektive wird darin erzählerisch, lyrisch, oder auch in Brief- oder Tagebuchform aufgezeigt. Zudem gibt es zu jedem Fotoportrait der Beteiligten ein Interviewauszug. Als nicht unwichtig zu erwähnen, ist, dass mit diesem Projekt, in Bezug auf die politischen und kriegerischen Auseinandersetzungen die in den Heimatländern stattfinden, keinerlei politische Haltungen eingenommen werden. Es geht lediglich darum, den geflüchteten Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine eigene Stimme zu geben, sie unbefangen erzählen zu lassen -, das, was sie zu sagen haben - und wie auch immer sie es wünschen. Die Buchpräsentation und Fotoausstellung, mit anschließender Podiumsdiskussion findet am 6.7.2018 um 18.30 Uhr in der VHS Gelsenkirchen statt

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Seitenzahl: 162

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Brigitte Schneider: Projektleitung VHS Gelsenkirchen

Vorwort: Reimund Neufeld

Emel Siala (Mitherausgeberin)

Noshin: Die Schmerzen meiner Heimat

Ghamkin

Ghamkin (bei seiner Flucht 17 Jahre alt)

Ahmad: Die erste Nachricht

Ali: In einem alten Haus

Avesta: Meine Geschichte

Mohammed: Ich habe mich verlaufen

Nour: Normal

Ahmad: Ein phantastischer Traum

Ali: Und auf dem Tisch in einem kleinen Zimmer

Gihad

Gihad: (bei seiner Flucht 16 Jahre alt)

Gihad: Wir Flüchtlinge

Ali: Der Himmel ist schwarz

Avesta: Der traurige Traum

Ahmad: Die zweite Nachricht

Ghamkin: Freiheit

Nour: Sei kein Verurteilter

Ahmad

Ahmad: (bei seiner Flucht 17 Jahre alt)

Ahmad: Der erste Brief

Ghamkin: Im Halbschlaf

Ali: Das Herz schlägt

Noshin: Meine gegrüßten Freunde

Nour: Jene zwei Grübchen

Ahmad A.: Eine Kriegsgeschichte

Alaa Eddin: Gewalt

Avesta: Morgenstimmung

Avesta

Avesta (bei ihrer Flucht 21 Jahre alt)

Ahmad: Hochzeit

Ghamkin: Der Himmel, die Wolken, um zu überleben

Ali: Gnade

Ahmad: Die dritte Nachricht

Ghamkin: Der Traum hat seinen Platz in unseren Herzen

Ali

Ali (bei seiner Flucht gerade 18 Jahre alt geworden)

Avesta: Der letzte Moment

Ghamkin: Eines Tages

Ahmad: Das Frauenbild im Islam

Nour: Niemand wird deinen Schmerz fühlen

Ali: Habt ihr schon mal versucht…

Mohammed

Mohammed (bei seiner Flucht 15 Jahre alt)

Mohammad: Aus Syrien

Ahmad: Kunst & Kultur

Avesta: Alltagsfragen auf der Straße in Deutschland

Ali: „Ich bin deine Königin“

Noshin: Mein Fräulein

Ahmad: Die vierte Nachricht

Ali: Ohne Titel

Alaa Eddin

Alaa Eddin (bei seiner Flucht 17 Jahre alt)

Alaa Eddin: In Syrien

Nour: Ein Stück Zucker in einer Tasse

Ghamkin: Kurdische Hochzeit

Ahmad: Aus meinem Tagebuch

Gihad: Das Frauenbild

Avesta: Die Liebe

Ahmad: Was passiert in dieser Welt?

Avesta: Ich versuche...

Nour

Nour: (bei der Flucht 17 Jahre alt)

Nour: Tagebucheintrag

Ahmad: Der lügnerische Morgen

Gihad: Meine Flucht aus Syrien

Ali: Menschliches Verhalten

Ghamkin: Oktober

Ahmad A.

Ahmad A. (bei der Flucht 22 Jahre alt)

Ahmad A.: Gott sei Dank, ich lebe noch

Ahmad: Die fünfte Nachricht

Avesta: Aber das war mein Traum

Ibrahim

Ibrahim (bei der Flucht 17 Jahre alt)

Ibrahim: Jeder Mensch hat ein freies Herz

Ali: Ein Tag aus meiner Kindheit

Ghamkin: Mütter, die in Kriegen leiden

Ahmad: Der 2. Brief

Ghamkin: Nun bist du aufgeschmissen

Noshin

Noshin (bei der Flucht 15 Jahre alt)

Noshin: Kein Versagen

Ahmad: Wir sind Zahlen geworden

Die Herausgeber

Brigitte Schneider

Projektleitung VHS Gelsenkirchen

Als wir im Frühjahr 2016 noch unter dem Eindruck der großen Flüchtlingswelle im Winter 2015/16 über einen 2wöchigen talentCAMPus (dem Ferienprogramm des Bundesbildungsministeriums „Kultur macht stark“ und des Deutschen Volkshochschulverbandes) nachdachten, konnte keiner absehen, was daraus werden würde. Wir, Vertreterinnen und Vertreter vom Team Jugendförderung der Stadt Gelsenkirchen u.a. Udo Reinmuth, potentielle Dozent/innen u.a. Reimund Neufeld und ich, als Vertreterin der VHS, hatten eher Sorge, dass die Teilnehmenden spätestens in der zweiten Woche nicht mehr erscheinen würden. Das Gegenteil war der Fall. Wir hatten wohl für die geflüchteten syrischen Jugendlichen ein „cooles“ Ferienprogramm, bei dem man zumindest jeden Tag Gleichgesinnte treffen konnte. Der talentCAMPus „WillkommenDAHEIM“ hatte zeitweise eine Stärke von 50 Teilnehmenden - die Hälfte war vorgesehen. Nun hatten wir das Glück, dass wir auf ein solides Förderprogramm zurückgreifen konnten und die Kolleginnen und Kollegen vom DVV - namentlich Vera Klier- unser Vorhaben von Beginn an nachhaltig unterstützen. Dafür großen Dank!

Der talentCAMPus verlief erfolgreich und nach den Sommerferien wollten die Jugendlichen direkt weitermachen. Eigentlich ein Idealfall in Punkto Nachhaltigkeit. Das Problem war nur, die meisten der Jugendlichen wollten sich einfach nur treffen, die VHS, als außerschulische Bildungseinrichtung, aber keinen offenen Jugendtreff hat. Zum Glück konnten wir einige der Jugendlichen an das DGB-Haus der Jugend oder an andere Jugendeinrichtungen verweisen. Mit einer Restgruppe konnten wir weiterarbeiten. Vor allem die Schreibwerkstatt, unter Leitung von Reimund Neufeld und Emel Siala, zeigte den Willen, ihre Texte zu veröffentlichen. Die Jugendlichen schrieben über ihr Leben in Syrien, über ihre Fluchterfahrungen und das Ankommen in Deutschland. Bewegende Texte, die man beim ersten StadtLesen in Gelsenkirchen im Juni 2017 hören konnte.

Mit Mitteln von Arbeit und Leben (DGB/VHS) konnte die Schreibwerkstatt weiterfinanziert werden. Im Herbst 2017 konnte wieder mit Mitteln des Bundesbildungsministeriums über das Programm „talentCAMPus18+“ des Bundesbildungsministeriums und des DVV – die Jugendlichen waren inzwischen über 18 Jahre alt – Mittel beantragt werden. Die Schreibwerkstatt war jetzt in ihrer heißen Phase. Im Herbst konnten nun auch die Fotografin, Julia Schönstädt, gewonnen werden, die die Bilder zum Buch beitrug und uns auch die Möglichkeit eröffnete, die gelungenen Fotos in einer kleinen Ausstellung in der VHS zu zeigen.

Durch eine weitere Förderung mit Mitteln aus dem Projekt „Kultur macht stark“ des Bundesbildungsministeriums ist es nun im Jahr 2018 möglich, das Buchprojekt zu Ende zu bringen, die Texte zu veröffentlichen und die Ausstellung zu zeigen.

An dieser Stelle herzlichen Dank - auch im Namen des Kooperationsbündnisses Team Jugendförderung der Stadt Gelsenkirchen und des DGB Hauses der Jugend - an die Kolleginnen und Kollegen des Deutschen Volkshochschulverbandes. Insbesondere sei hier Sylvi Unbenannt erwähnt, die uns kompetent unterstützte und mich geduldig durch den Antragsdschungel führte. Großen Dank auch an Reimund Neufeld und Emel Siala, die mit großem Engagement die Jugendlichen begleiteten, nicht zu vergessen Julia Schönstädt. Schließlich auch Danke an die Teilnehmenden für ihre Bereitschaft, sich mit schmerzhaften Erfahrungen auseinanderzusetzen. Danke für die tollen Texte, Danke für die gemeinsame Zeit. Viel Kraft und Mut auf eurem weiteren Lebensweg.

Gelsenkirchen, 23.Mai 2018

Brigitte Schneider,

Programmbereichsleiterin Gesellschaft und Politik der VHS Gelsenkirchen

Vorwort

Reimund Neufeld

Was sollte in einem Vorwort zu einem Buch wie diesem unbedingt erwähnt werden? Es sind die unzähligen, verzweifelten Hilferufe, die Bitten, Bittschriften, Antragstellungen und schriftlich eingereichten Gesuche der Geflüchteten, die existentieller Hilfe bedürfen. Was diese Menschen neben all dem Leid das sie vor, während und kurz nach ihren dramatischen Fluchterlebnissen allein an Bitten und Flehen auf sich nehmen mussten, verdient ein ganz eigenes Augenmerk. Mir war dieses Phänomen erst an dem Punkt vollends bewusst, als ich mich zu Anfang an verschiedenen öffentlichen und privaten Stellen wandte, um für dieses Buch um Unterstützung zu bitten. Bei diesen Aktionen (des Bittens) bekam ich stets das beschämende Ohnmachtsgefühl zu spüren, wann immer Ablehnung die Folge war. Beim nicht-personenbezogenen Umgang mit den Statuten deutscher Behörden, bei dem so pragmatisch und sachlich die Rahmenbedingungen und Schranken aufgezeigt werden, die bei Antragstellungen grundsätzlich einzuhalten sind, ist es schon schwer genug. Doch bei persönlichen Anfragen in Gesprächen mit Einzelpersonen verschiedenster Einrichtungen, Träger und Behörden, ist es besonders bitter, wenn diese Personen es nicht schaffen einer Bitte um Hilfe nachzukommen –, weil man natürlich auch hier wieder den Satzungs- und Gesetzesbestimmungen entsprechen muss… Natürlich. – Wie schwer es ist, fremde Menschen um etwas zu bitten, habe ich hierbei nur ansatzweise erfahren. Denn es ging bei meinen Anfragen weder um persönliche, noch um existentielle Belange. – Aber dieser Prozess hat mich auch nachdenklich gestimmt –, in Hinsicht auf die sogenannte Willkommenskultur „Refugees wellcome!“ Denn die elementaren Bedürfnisse der Flüchtlinge sind nicht allein das Dach über dem Kopf, Essen und Trinken und ein gewisses Sicherheitsgefühl, sondern beinhalten ebenso sämtliche sozialen und emotionalen Grundbedürfnisse, die für uns so selbstverständlich sind –, wie Bildung und gesellschaftliche Zugehörigkeit, bis hin zu einem gewissen Grad an Wertschätzung. – Unser Buch will einen Schritt in diese Richtung tun. Es will einen Beitrag leisten den sozialen Bedürfnissen der geflüchteten Jugendlichen zu entsprechen, ihnen die gesellschaftliche Teilhabe zu erleichtern und ihnen ein Stück weit Anerkennung und Wertschätzung entgegen zu bringen.

Die Geschichten und Texte der geflüchteten Jugendlichen sind so vielfältig wie dramatisch. Sie handeln von Krieg und Vertreibung, von Entwurzelung und verlorener Heimat. Aber sie zeigen auch Hoffnung auf – inmitten all dem erfahrenen Leid und der traumatischen Erlebnisse. – Wenn ich an den Anfang unseres Schreibworkshops zurückdenke, dann denke ich zunächst an die Sprachbarrieren, die es zu überwinden galt. Im Zusammenhang mit dem hohen Mitteilungsbedürfnis, das die geflüchteten Jugendlichen gleich zu Beginn zeigten, erkenne ich heute rückblickend die ungewöhnliche Herausforderung unseres Projektes. Meine Kollegin Emel, die auch für die Übersetzungsarbeiten zuständig ist, hat hier Großartiges geleistet, und ohne sie wäre unser Buch sicherlich nicht in dieser Form möglich gewesen, denn die ersten Textbeiträge der Jugendlichen sind uns vornehmlich in Arabisch vorgelegt worden. Dabei ist es erstaunlich, wie schnell die Jugendlichen innerhalb eines Jahres Deutsch lernten, und wie der Anspruch, in Deutsch zu schreiben sich allmählich durchsetzte. – Ich habe die Jugendlichen ermuntert, ihre Texte so zu schreiben und zu gestalten, wie immer sie es wünschen; es gab keinerlei Vorgaben was die Form oder den Stil des Geschriebenen betraf. Ob sachliche Erfahrungsberichte, erzählende Prosa, Tagebuchaufzeichnungen, Briefe, oder auch lyrische Texte –, alles war geboten. Bemerkenswert ist der Anteil an Poesie, der sich in vielen dieser Texte findet. Selbst in den reinen Berichterstattungen. – Was uns die geflüchteten Jugendlichen und ihre Geschichten zu sagen haben, das steht in unserem Buch geschrieben. Viele dieser Texte enthalten offensichtlich nur wenig an Einzeldetails des von den Jugendlichen Erlebten. Sie haben im Verlauf des gesamten Projektes weit mehr über das Erlebte mündlich berichtet als wie hier zu lesen ist. Was in den Texten an Details zurückgehalten wurde, ist, wenn man genau darauf achtet, schon sichtbar – und oft sogar spürbar. Nicht wenige Textinhalte sind sogar in verschlüsselter Form poetisch dargestellt. Bedenken wir, dass hier Menschen zu Wort kommen, die gehalten waren Unaussprechliches schriftlich zu formulieren. – Darüber hinaus soll unser Projekt einen Dialog in Gang setzen. Ein Dialog der Flüchtlinge mit den Menschen unserer Gesellschaft –, im Hinblick auf ihre gesellschaftliche Teilhabe und mit der Berücksichtigung des „Inklusiven Ansatzes“, der uns dabei sehr wichtig ist. Diesen Aspekt haben wir nicht zuletzt bei der Entscheidung im Fokus gehabt, unser Buch mit eindrucksvollen fotografischen Porträts der geflüchteten Jugendlichen zu bereichern –, unterstrichen mit jeweils einem Interview-Auszug der Porträtierten. Mit dem Ziel unser Projekt möglichst nachhaltig wirken zu lassen, sind desweiteren verschiedene Veranstaltungsreihen mit Lesungen, Fotoausstellungen und Diskussionsrunden geplant. – Unter diesen Gesichtspunkten bitten wir, neben möglichen Unterstützungen für unser Projekt, insbesondere um Anerkennung und Wertschätzung der erbrachten (nicht nur literarischen) Beiträge der geflüchteten Jugendlichen. Anerkennung für ihren Mut, sowie die Anerkennung, dass unser Buch auch ein Stück weit „echte Literatur“ darstellt –, das nicht bloß eine Nische füllt, die wenig Interesse weckt.

An dieser Stelle möchte ich mich, auch im Namen meiner Kollegin Emel, herzlich bei der VHS Gelsenkirchen bedanken, namentlich bei der Projektleiterin Brigitte Schneider, für die freundliche Unterstützung unseres Projektes in jeglichen Belangen. Unser Dank selbstverständlich auch für die Unterstützung von Arbeit und Leben, dem talentCAMPus des Deutschen Volkshochschulverbandes und der Stadt Gelsenkirchen. Vor allem aber danken wir den schreibenden jungen Teilnehmern dieses Buches für ihr gesamtes Engagement und die Durchhaltekraft bis zuletzt. Danke!

Emel Siala

(Mitherausgeberin)

Die Arbeit an diesem Buch war eine sehr schöne und neue Erfahrung für mich. Da ich selbst libanesischer Herkunft bin und meine Eltern in den 90er Jahren vor Krieg und Verfolgung aus ihrem Heimatland flüchten mussten, lag mir dieses Projekt besonders am Herzen. Durch dieses Buchprojekt wurde mir zunehmend bewusst, wie meine Eltern sich vor 30 Jahren gefühlt haben mussten.

Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, mit zwei Sprachen und zwei Kulturen groß geworden. Für mich ist Deutschland meine Heimat, nichts ist mir hier fremd, alles ist mir vertraut, alles selbstverständlich.

Krieg und Flucht kannte ich bislang nur aus den Nachrichten oder aus Erzählungen meiner Eltern. Die Geschichten der Geflüchteten in unserem Buchprojekt haben bei mir jedoch andere Emotionen ausgelöst, die ich vorher nicht in dieser Intensität kannte. Viele Beiträge haben mich zu Tränen gerührt. Es wird einem bewusst, wie schwer es für sie alles sein muss. Was wäre, wenn wir an ihrer Stelle wären? Getrennt von Familie, Freunden und Heimat – dem vertrauten Umfeld. Gezwungen zur Flucht, ohne zu wissen, ob, wann und wo das neue Leben beginnt. In einem fremden Land angekommen, versucht man das Beste aus allem zu machen, um ein geregeltes Leben endlich führen zu können. Man erhält Hilfe und Unterstützung, jedoch spürt man auch die Ängste, Distanz und Ablehnung anderer Menschen. Integration heißt es von überall. Doch wann ist man integriert und wann nicht? Von Inklusion ganz zu schweigen. Angst und Vorurteile helfen keinem weiter. Um erfolgreich, friedlich und gemeinsam in Deutschland leben zu können, sollten wir aufeinander zugehen und anhaltend im Dialog bleiben. Ich halte es für wichtig, den Flüchtlingen nicht nur in belehrender Weise zu sagen, was sich in Deutschland gehört und was nicht, was man von ihnen erwartet und was zu tun ist, um richtig integriert zu werden. Denn es gibt auch eine andere Möglichkeit, die Zuhören heißt –, die den Geflüchteten die Chance einräumt von sich zu erzählen. So würde man vielleicht bemerken, dass man gar nicht so unterschiedlich ist, dass es viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede gibt. Genau darum geht es in unserem Buchprojekt. Die jugendlichen Flüchtlinge, die schon so vieles in ihrem jungen Leben haben durchmachen müssen, erhalten hier die Möglichkeit zu Wort zu kommen, können unbeschwert und angstfrei sagen, was sie zu sagen haben. Sie erzählen uns von ihren Erlebnissen und lassen uns an ihren Wünschen und Gedanken teilhaben. So äußerte sich jeder Teilnehmer auf seine ganz eigene Art und Weise –, in Prosatexten, in lyrischer Form und in den einzelnen Interviews. Und so hören wir dank dieses Buches Stimmen, die wir sonst nie gehört hätten.

Noshin

Die Schmerzen meiner Heimat

Es reicht Tod, schmeichle uns nicht weiterhin,

die Gräber können unsere Leichen nicht mehr ertragen.

Wir wissen nicht, wer uns getötet hat und wer die Mörder sind.

Und wir wissen nicht, wer die Menschen sind, die für uns trauern und beten.

Es ist so, als wäre unser Blut billig auf dem Markt der Feinde.

Es ist so, als wäre unser Blut ein Himbeergetränk, welches beim Trinken schmeckt.

Sie haben uns die Sorgen eingepflanzt, hoffentlich pflücken sie diese Pflanzen.

Ach, du Nacht

Ach, du Morgen. Aufbruch.

Ach du Mond, ach du Vollmond!

Wann schmilzt der zerstörte und eisige Schmerz?

Wann wechseln wir die Waffenpatronen gegen Schreibstifte aus?

Wann wird die Menschlichkeit den Menschen überlegen sein?

Eine Karawane der Märtyrer, deren Blut die Erde überflutet.

Ihre Gräber sind nördlich, südlich, westlich und östlich verstreut,

wie ein Kompass, der die Richtung angibt.

Jede Richtung erzählt von einem Ereignis des Krieges und des Krieges selbst.

Wundert euch nicht, wenn die lebenden Menschen von den Toten Hilfe verlangen.

Wundert euch nicht, wenn ihr viele, viele Obdachlose seht.

In meinem Land sind die Kinder ihrer Kindheit beraubt, vom Bordstein der Straße

und sie haben durch Geduld das Erwachsenendasein erreicht.

Und wegen ihrer Schmerzen haben sie eine wunderschöne Aura ihres Heldentums.

Erzähl mir bitte etwas über meine Heimat.

Ist sie aus den Trümmern wiederaufgebaut?

Ist der Staub entfernt worden?

Ist die Dunkelheit gestorben?

Bitte gebt mir eine Nachricht, selbst wenn alles eine Lüge ist.

Sagt, dass mein Land den Frieden gefeiert hat und dass sein Garten sich mit dem

Licht des Friedens und der Freiheit geschminkt hat.

Teilt mir bitte mit, dass es keine Verletzten in meiner Heimat mehr gibt und keine Märtyrer und keine Obdachlose.

Sagt mir bitte, dass keine Mutter mehr wegen ihres Kindes, welches gestorben ist,

weint und kein Bruder mehr leidet, wegen seinen verstorbenen Geschwistern.

Sagt mir bitte, dass der Schmerz meiner Heimat fort ist, ohne zurückzublicken.

Und dass der Tod auch gestorben ist.

Sagt mir das bitte, auch wenn es eine Lüge ist.

Ghamkin:

„Ich sah, wie die Flecken des Krieges verschwanden. Ich sah die Kinder, die Straßen, die Blumen und die Pflanzen vor den Haustüren blühen. Es schien so, als wäre das Leben neu geboren. Das wiedergefundene Leben sieht Sicherheit in den Herzen.“

Ghamkin

(bei seiner Flucht 17 Jahre alt)

Wie würdest du das Wort Heimat beschreiben?

Heimat…Die Heimat kann ich nicht beschreiben… Sie ist der Körper und die Seele.

Gibt es einen Ort, den du Heimat nennst?

Ja mein Zimmer in Syrien und meine Mutter, beide sind wie meine Heimat. Ich vermisse mein Zimmer und die Fotos, die an den Wänden hängen.

Fühlst du dich wohl in Deutschland?

Im Moment noch nicht, weil ich meinen Weg noch nicht sehe. Ich hatte einen Traum als ich hierher kam, aber bis jetzt habe ich den Weg noch nicht gefunden.

Was war dieser Traum?

Der Traum, dass ich einen leichten Weg zur Bildung habe, aber wie ich jetzt sehe ist dieser Weg nicht so leicht. Ich hatte Zeugnisse aus Syrien, aber die werden nicht akzeptiert. Also muss ich jetzt wieder von der 9. Klasse an beginnen. Es gab einige Schwierigkeiten und Missverständnisse mit den Zeugnissen.

Bereust du den Schritt der Flucht?

Nein, nein ich bereue den Schritt auf keinen Fall. Obwohl es viele Schwierigkeiten anfangs gab. Die Probleme in meinem Land, sind um 50000fach schwieriger als die Probleme hier. Dort hätte ich jetzt arbeiten und zur Schule gehen müssen. Die Bildung in meiner Stadt war zerstört. Ich versuche mein altes Leben zu vergessen und meinen Weg zu gehen. Ich kann nicht nach hinten schauen und bereuen, während der Weg vor mir her läuft.

Wen oder was vermisst du am meisten?

Die Person, die ich jetzt so sehr vermisse wie meine Heimat, ist meine Mutter. Meine Mutter ist nicht hier. Vor zwei Tagen ist meine Mutter auf den Weg nach Bulgarien gewesen, um auch nach Deutschland zu kommen. Seit zwei Tagen habe ich nicht geschlafen. Meine Mutter habe ich seit zweieinhalb Jahren nicht gesehen. Jeden Tag vermisse ich sie mehr. Jeden Tag sagt sie mir: ,,Mein Sohn ich vermisse dich.“ Jeden, jeden Tag. Die letzte Nachricht war vor zwei Tagen, dann war ihr Handy 30 Stunden ausgeschaltet. 30 Stunden haben wir nichts von ihr gehört. Sie ist allein mit meiner Schwester und ihrem kleinen Sohn, ohne männliche Begleitung. Ich habe nicht geschlafen, ich habe angefangen mit mir selbst zu sprechen. Jedes Mal schickte ich ihr eine neue Nachricht, mit der Hoffnung ihr Handy sei an. Am Ende stellte sich heraus, sie ist im Gefängnis und nun ist sie dort in einem Heim. Ich bin in Deutschland mit meinem Vater und meiner Schwester, die 25 Jahre alt ist.

Hat Deutschland deine Persönlichkeit verändert?

Sehr, sehr, sehr. Ich habe ein anderes Gefühl zu der Zeit bekommen. Ich wusste vorher nicht, dass die Zeit so wichtig ist. Es hat sich gezeigt, dass die Zeit das allerwichtigste ist. Ich bin stärker geworden. Ich habe mich gezwungen gefühlt, stärker sein zu müssen. Jeden Tag bin stärker, als der Tag davor geworden. Ich dachte mir, sei stark und bleib stark. Jeden Tag habe ich mich verändert. Ich merke, dass die Zeit zu schnell umgeht und wiederum in anderen Momenten, geht sie zu langsam um. Schnell geht die Zeit um, hinsichtlich der Tage und den Jahren, aber langsam, wenn es darum geht mein Leben zu verbessern.

Wo gibt es Unterschiede zwischen Syrien und Deutschland?