Verwirrung der Gefühle - Viola Maybach - E-Book

Verwirrung der Gefühle E-Book

Viola Maybach

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Beschreibung

Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert. Kirsten Fischer sah den dreizehnjährigen Jungen, der mit verstocktem Gesicht vor ihr saß, nachdenklich an, ohne etwas zu sagen. Er hieß Merlin, aber er hatte so gar nichts von einem Zauberer an sich. Er war etwas zu dick und bewegte sich schwerfällig. Man sah ihm an, dass er viel saß oder lag und für Sport wenig übrig hatte. Im Vergleich zu seinem Körper war sein Gesicht erstaunlich schmal, aber er hatte bereits jetzt einen mürrischen Zug um den Mund, der sich mit der Zeit eingraben würde, wenn es nicht gelang, ihn auf einen anderen Weg zu bringen. Schöne Augen hatte er, das war Kirsten sofort aufgefallen. Sie waren blau und groß und von schwarzen Wimpern umrahmt, obwohl Merlins Haare dunkelblond waren. Er könnte, dachte Kirsten nicht zum ersten Mal, ein hübscher Junge sein, wenn er freundlicher in die Welt gucken würde. Sie dehnte das Schweigen aus, weil sie hoffte, so eher zum Ziel zu gelangen. Die meisten Menschen konnten nämlich Schweigen nicht gut ertragen, und so fingen sie irgendwann an zu reden, auch wenn sie sich vorgenommen hatten, genau das nicht zu tun. Merlin war ein notorischer Unruhestifter. In letzter Zeit wurde er oft auch aggressiv, schon mehrmals hatte er andere Schüler angegriffen. Immer waren es Jungen gewesen, die schwächer waren als er, an Stärkere traute er sich natürlich nicht heran. Die bisherige Schulpsychologin hatte an Kirstens erstem Arbeitstag gesagt: »Meinen Burn-out habe ich unter anderem Merlin Siebthal zu verdanken. Denken Sie an mich, wenn Sie mit ihm zu tun haben.« »Er hat mich genervt«, sagte Merlin jetzt in die Stille hinein. »Er ist ein blöder Angeber.« »Womit hat er angegeben?«, fragte Kirsten ganz sachlich.

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Seitenzahl: 115

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Der neue Dr. Laurin – 126 –Verwirrung der Gefühle

Unveröffentlichter Roman

Viola Maybach

Kirsten Fischer sah den dreizehnjährigen Jungen, der mit verstocktem Gesicht vor ihr saß, nachdenklich an, ohne etwas zu sagen. Er hieß Merlin, aber er hatte so gar nichts von einem Zauberer an sich. Er war etwas zu dick und bewegte sich schwerfällig. Man sah ihm an, dass er viel saß oder lag und für Sport wenig übrig hatte. Im Vergleich zu seinem Körper war sein Gesicht erstaunlich schmal, aber er hatte bereits jetzt einen mürrischen Zug um den Mund, der sich mit der Zeit eingraben würde, wenn es nicht gelang, ihn auf einen anderen Weg zu bringen. Schöne Augen hatte er, das war Kirsten sofort aufgefallen. Sie waren blau und groß und von schwarzen Wimpern umrahmt, obwohl Merlins Haare dunkelblond waren.

Er könnte, dachte Kirsten nicht zum ersten Mal, ein hübscher Junge sein, wenn er freundlicher in die Welt gucken würde. Sie dehnte das Schweigen aus, weil sie hoffte, so eher zum Ziel zu gelangen. Die meisten Menschen konnten nämlich Schweigen nicht gut ertragen, und so fingen sie irgendwann an zu reden, auch wenn sie sich vorgenommen hatten, genau das nicht zu tun.

Merlin war ein notorischer Unruhestifter. In letzter Zeit wurde er oft auch aggressiv, schon mehrmals hatte er andere Schüler angegriffen. Immer waren es Jungen gewesen, die schwächer waren als er, an Stärkere traute er sich natürlich nicht heran. Die bisherige Schulpsychologin hatte an Kirstens erstem Arbeitstag gesagt: »Meinen Burn-out habe ich unter anderem Merlin Siebthal zu verdanken. Denken Sie an mich, wenn Sie mit ihm zu tun haben.«

»Er hat mich genervt«, sagte Merlin jetzt in die Stille hinein. »Er ist ein blöder Angeber.«

»Womit hat er angegeben?«, fragte Kirsten ganz sachlich.

»Mit seinem blöden Vater«, sagte Merlin. »Damit, dass der so viel Geld verdient, dass die sich alles kaufen können, was sie haben wollen, sein blöder Vater, seine blöde Mutter und er.«

Kirsten ging in Gedanken die anderen Jungen durch, die Merlin in letzter Zeit angegriffen hatte und kam zu dem Schluss, dass er sie sich offenbar nicht zufällig ausgesucht hatte. Sie fragte sich, wie ihrer Kollegin dieser Zusammenhang hatte entgehen können. Oder war sie nervlich so sehr am Ende gewesen, dass sie nach einem möglichen Zusammenhang gar nicht mehr gesucht hatte? Das war durchaus möglich.

»Machen wir doch mal ein Spiel«, schlug sie vor. »Was würdest du kaufen, wenn du Geld ohne Ende hättest?«

Merlin kniff die Augen zusammen, sein Blick war misstrauisch. »Wozu soll das gut sein?«

»Es ist ein Spiel, mehr nicht. Du fängst an mit einem Wunsch, den du dir erfüllst, danach bin ich an der Reihe, dann wieder du.«

Er wollte ablehnen, das sah sie ihm an, aber dann siegte doch seine Neugier auf die Wünsche, die sie äußern würde. Das hatte sie insgeheim gehofft, sie war froh, dass es geklappt hatte.

Sein erster Wunsch war eine Spielkonsole, deren Preis er ihr nebenbei auch noch mitteilte. Sie musste schlucken. Sie war gerade erst aus einem Sabbatjahr zurück, in dem sie sich ihren Jugendtraum erfüllt hatte: Sie war durch die ganze Welt gereist. Unterwegs hatte sie jede Art von Job angenommen, die ihr geboten worden war, und sie hatte dabei sehr viel Spaß gehabt und noch mehr gelernt. Sie war mit vielen armen Leuten in Kontakt gekommen, die ihr von ihren Nöten erzählt hatten. Oft waren es Sorgen ums reine Überleben gewesen, und hier saß nun ein aggressiver Dreizehnjähriger, der andere drangsalierte, und sein größter Wunsch war ein unanständig teures Spielgerät.

Natürlich ahnte er nicht einmal, dass in anderen Teilen der Welt eine ganze Familie monatelang von dem Geld für diese Spielkonsole hätte leben können.

»Ich wünsche mir eine Hütte für Ali und seine Familie«, sagte sie.

Wieder kniff Merlin die Augen zusammen. »Sie müssen sich was für sich wünschen«, sagte er.

»Muss ich nicht, mein größter Wunsch ist es, dass Ali und seine Familie wieder ein Dach über dem Kopf haben.«

»Wer ist Ali?«, fragte Merlin.

Sie erzählte ihm von dem großgewachsenen Mann in Uganda, der mit seinen beiden Frauen und den sieben Kindern in einem kleinen Haus gewohnt hatte, das eines Tages von einer Bande niedergebrannt worden war. »Die haben auch Alis Kühe und drei der Hühner mitgenommen, seitdem lebt die Familie in zwei Zelten, die sie geschenkt bekommen haben.«

Merlin vergaß seine Spielkonsole, er wollte mehr über Ali und dessen Familie hören, und Kirsten erfüllte seinen Wunsch bereitwillig. Ihr Plan war aufgegangen, sie war mit dem Jungen ins Gespräch gekommen, das war das Wichtigste für den Anfang.

Er fühlte sich vom Leben benachteiligt, was er tatsächlich auch war. Er lebte mit seiner alleinerziehenden Mutter und zwei jüngeren Schwestern in einer Dreizimmerwohnung. Das Geld war immer knapp, das wusste Kirsten, weil Merlin am letzten Klassenausflug nicht hatte teilnehmen können – die Mutter hatte das Geld dafür nicht gehabt. Und sie musste ihn ja nur ansehen, um zu wissen, dass seine Kleidung nicht einmal den Mindestanforderungen heutiger Dreizehnjähriger entsprach. Er sah aus wie das, was er – auch – war: der Sohn einer Mutter, der das nötige Geld für die ›richtigen‹ Marken fehlte.

Kirsten war ähnlich aufgewachsen wie er, deshalb konnte sie gut nachvollziehen, wie er sich fühlte, doch das sagte sie selbstverständlich nicht laut. Sie erzählte ihm von Ali und seiner Familie, stellte ihm aber auch immer wieder Fragen, etwa die, ob er sich vorstellen könne, so zu leben wie einer von Alis Söhnen, sodass schließlich ein richtiges Gespräch entstand, das sich scheinbar weit von Merlin und seinen aggressiven Übergriffen entfernt hatte.

Als der Junge sich verabschiedete, fragte er: »Kann ich noch mal wiederkommen?«

»Das musst du sogar, es gibt ja noch ein paar Wünsche, von denen ich dir noch gar nichts erzählt habe. Wir sehen uns am Montag, Merlin.«

Er nickte, und sie stellte erfreut fest, dass er sich anders hielt, als er zur Tür ging: Die Schultern waren nicht hochgezogen, der Kopf hing nicht nach vorn, der ganze Junge wirkte lockerer. Das würde nicht so bleiben, und mit Sicherheit würde es Rückfälle geben, aber sie hoffte, dass ein Anfang gemacht war. Wenn es ihr gelang, mit ihm im Gespräch zu bleiben, würde sie ihm vielleicht auch vermitteln können, dass er zwar einen schwereren Start gehabt hatte als andere, dass das aber noch lange nicht hieß, dass er sich, um im Bild zu bleiben, die teure Spielkonsole eines Tages nicht von seinem eigenen Geld würde kaufen können. Nur, schätzte sie, würde er, wenn er so weit war, vermutlich andere Wünsche haben. Sie hoffte es.

»Na, wie wars?«, erkundigte sich Sibylle Schöniger, eine ältere Lehrerin an der Realschule, in der Kirsten an diesem Donnerstag arbeitete. Sibylle war über sechzig, was man ihr nicht ansah. Die grauen Haare trug sie kurz, auch ihre Augen waren grau, sie kleidete sich sportlich und hatte manchmal eine etwas zackige Art, die manchen, die sie noch nicht kannten, zunächst Angst einjagte. Dazu kamen ihre Fächer: Mathematik und Physik, die ebenfalls angsteinflößend für viele waren. Doch wer Sibylle ein wenig näher kennenlernte, vergaß diese Angst schnell, denn sie liebte ›ihre Kinder‹ und gab sich auch mit denen die größte Mühe, die wenig Begabung für ihre Fächer hatten.

Kirsten war als Schulpsychologin an insgesamt vier verschiedenen Schulen tätig. Auf Dauer war das natürlich kein Zustand, aber es gab einfach zu wenige Schulpsychologen, dabei wuchs der Bedarf seit Jahren. Aber natürlich, dachte Kirsten, konnte man viel mehr Geld verdienen, wenn man seine eigene Praxis eröffnete. Sie selbst hatte bislang keine derartigen Pläne, es gefiel ihr, viel unterwegs zu sein, und auch die hohe Arbeitsbelastung störte sie – noch – nicht. Aber es war natürlich möglich, dass sich das änderte, wenn sie älter wurde. Doch noch zehrte sie von ihrer einjährigen Auszeit, den vielen Erlebnissen, Erfahrungen, Begegnungen, und wohl auch deshalb hatte sie das Gefühl, jeder Aufgabe gewachsen zu sein, die auf sie zukam.

»Ganz gut, finde ich«, beantwortete sie Sibylles Frage. »Ich bin am Montag wieder hier, dann machen wir weiter.«

»Weiter womit? Hat Merlin überhaupt den Mund aufgemacht?« Sibylle hatte Kirsten einiges über Merlins familiären Hintergrund erzählt, sie war seine Klassenlehrerin und hatte daher am meisten mit ihm zu tun. Kirsten war ihr für die Informationen sehr dankbar gewesen, zumal Sibylle aufrichtig an Merlins Wohlergehen interessiert war. »Ich mag ihn«, hatte sie gesagt, »aber er muss lernen, dass er nicht tun und lassen kann, was er will.«

»Oh ja, wir haben uns lebhaft unterhalten«, sagte Kirsten jetzt.

Sibylles Blick war ungläubig, aber Kirsten erzählte ihr natürlich nicht, wie sie den Jungen zum Reden gebracht hatte. »Frag mich nicht weiter, du weißt, ich rede nicht über die Gespräche, die ich mit Schülerinnen und Schülern führe.«

Sibylle war nicht eingeschnappt. »Schon gut. Ich bin ja schon froh, wenn du mir nicht das sagst, was ich mir jedes Mal von deiner Vorgängerin anhören musste: ›Dieser Junge ist ein hoffnungsloser Fall, völlig verstockt, aus dem ist ja kein Wort herauszukriegen.‹ Wie gesagt: jedes Mal!«

Unfassbar, dachte Kirsten. Ihre Vorgängerin hatte schließlich auch Psychologie studiert, da sollte man doch annehmen, dass sie sich zu helfen wusste, wenn jemand nicht reden wollte.

Sie verabschiedete sich von Sibylle und fuhr mit ihrem Rad zu dem Café, in dem sie sich mit ihrer ›kleinen‹ Schwester Elisa verabredet hatte, denn Elisa hatte dringenden Redebedarf angekündigt. Kirsten seufzte bei diesem Gedanken. Sie konnte sich schon denken, worum es ging. Mal wieder um diesen Moritz – denn um den ging es schon seit einem halben Jahr. Moritz war Elisas Freund. Sie hatte ihn kennengelernt, als Kirsten gerade in Südamerika gewesen war, aber sie hatte die Geschichte von Anfang an mitverfolgen können, denn Elisa und sie hatten oft telefoniert. Sie waren, trotz des Altersunterschieds zwischen ihnen, sehr eng miteinander, was wohl auch an ihrer Familie lag.

Ihre Mutter Irina war kurz nach Elisas Geburt von ihrem Mann Oliver verlassen worden. Damals war Kirsten zehn gewesen. Elisa, hatte ihr die Mutter später einmal gestanden, hätte die Ehe eigentlich retten sollen, aber das hatte nicht geklappt. Oliver, also Kirstens und Elisas Vater, hatte dann sehr unregelmäßig Unterhalt gezahlt, er war Freiberufler, war manchmal ohne Aufträge gewesen und hatte dann eben kein Geld gehabt. Seine Töchter hatte er nur noch selten gesehen, irgendwann hatte er wieder geheiratet, danach war der Kontakt mehr oder weniger abgebrochen.

Kirsten jedenfalls hatte auf die harte Tour lernen müssen, wie es war, wenn man eben noch in einigermaßen geordneten Verhältnissen gelebt hatte und dann plötzlich ›arm‹ war. Ihre Mutter hatte alles getan, um die Not zu überdecken, aber es war ihr nicht immer gelungen. Sie hatte sich ja um ein Baby kümmern müssen, also keinen Ganztagsjob annehmen können. So war es schon bald Kirsten zugefallen, für Elisa da zu sein, denn ihre Mutter hatte kurz nach Elisas Geburt anfangen, als Putzfrau zu arbeiten, um wenigstens etwas Geld zu verdienen.

Eigentlich hatte Kirsten sich vorgenommen, dieses Baby zu hassen, denn sie gab Elisa die Schuld am Scheitern der Ehe ihrer Eltern. Doch Elisa war so sonnig und lieb gewesen, dass Kirstens Abneigung einfach weggeschmolzen war. Und so waren die beiden Schwestern im Grunde von Anfang an unzertrennlich geworden. Ihre Mutter hatte dann, als Elisa drei gewesen war, endlich wieder einen Bürojob gefunden, von da an war die Not nicht mehr ganz so groß gewesen, aber noch immer hatte Kirsten, mitten in der Pubertät, all die Dinge nicht bekommen, die ihr für ihr Glück unverzichtbar erschienen. Auch deshalb hatte sie sich heute so gut in Merlins Situation hineinversetzen können.

Ihre Mutter war seit zwei Jahren wieder verheiratet, mit ihrem vermögenden Chef Martin Kuhlmann, der zum Glück ein wirklich liebenswerter Mann war. Seitdem war Geld kein Thema mehr, aber Irina und ihre beiden Töchter waren natürlich geprägt von den Jahren, in denen sie buchstäblich jeden Cent hatten umdrehen müssen, bevor sie ihn ausgaben.

Irina genoss es, dass sie jetzt schöne Kleidung kaufen konnte, aber sie tat es in Maßen. »Warumsoll ich mehr kaufen, als ich brauche und anziehen kann?«

Wenn Martin das hörte, lachte er immer und freute sich. »Du bist wirklich das Gegenteil von meiner ersten Frau«, sagte er. »Ich konnte gar nicht so viel verdienen, wie sie zum Fenster hinausgeworfen hat.«

Ja, Irina und Martin waren ein harmonisches Paar, sie hatten sich gesucht und gefunden, darüber war Kirsten überglücklich. Weniger glücklich war sie darüber, dass sich Elisa in diesen achtzehn Jahre älteren Moritz verliebt hatte, der sich offensichtlich mit ihrer Jugend und Schönheit schmückte und sie mit seinem Geld beeindruckte. Wenn Elisa jetzt so dringend über etwas Wichtiges reden wollte, dann hatte Kirsten vor allem eine Sorge: dass Moritz ihr einen Antrag gemacht hatte.

Das hätte gerade noch gefehlt, fand sie, denn Elisa war natürlich viel zu jung für eine feste Bindung, sie hatte ja bis jetzt außer ein paar Kurzzeit-Beziehungen noch gar keine Erfahrungen sammeln können. Aber wenn ein gestandener, erfolgreicher, vermutlich auch ansehnlicher Mann kam, der wusste, was er wollte und zudem weltgewandt wirkte, dann konnte er eine Zwanzigjährige sicher leicht beeindrucken. Und im Taumel der Verliebtheit würde Elisa vielleicht ›ja‹ sagen, wenn er sie fragte. Bloß nicht, dachte Kirsten. Wirklich, bloß das nicht!

Sie hatte ihn bislang nicht kennengelernt, sie war ja auch erst vor Kurzem nach München zurückgekehrt und hatte sich erst einmal wieder einleben und sich um ihren Job kümmern müssen. Wenn sie ehrlich war: Sie legte auch keinen großen Wert darauf, Moritz‘ Bekanntschaft zu machen. Ihr reichte, was Elisa über ihn erzählte. Und dann: Er arbeitete für einen Automobilhersteller – einen, der Luxusautos baute. Mit anderen Worten, er war jemand, dem die Gesundheit des Planeten offensichtlich gleichgültig war, denn sonst hätte er sich ja wohl eine andere Tätigkeit gesucht.

Elisa war schon da, als Kirsten das Café erreichte, in dem sie sich verabredet hatten. Sie saß am Fenster und winkte ihr zu. Kirsten begrüßte sie mit zwei Küssen und setzte sich zu ihr.

Eine Sekunde später brachte die Bedienung zwei heiße Schokoladen mit Sahne.

Kirsten musste lachen. »Du hast also schon bestellt.«