Viel Wirbel um den neuen Doc - Viola Maybach - E-Book

Viel Wirbel um den neuen Doc E-Book

Viola Maybach

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Beschreibung

Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert. "Heute also? ", fragte Leon Laurin seine Frau Antonia beim Frühstück. Ihre vier Kinder hatten das Haus gerade verlassen, wie immer in höchster Eile, nachdem keines von ihnen richtig gefrühstückt hatte. Lediglich Kyra, die Jüngste, war zumindest dazu gekommen, ihre halben Brötchen im Sitzen einzunehmen, während die anderen hastig im Stehen etwas hinuntergeschlungen hatten. Da nützten alle elterlichen Predigten nichts, wie wichtig es für jeden Menschen war, in aller Ruhe und mit einem guten Frühstück im Magen in den Tag zu starten – es blieb, wie es war. Antonia und Leon hatten ihre Ermahnungen daher eingestellt. "Ja, heute", bestätigte sie. "Ich habe kein gutes Gefühl, Leon. "Ich weiß", erwiderte er. "Timo ist merkwürdig zurückhaltend in Bezug auf diesen jungen Mann, auch Eckart und mir ist es nicht gelungen, ihm noch ein paar weitere Informationen zu entlocken. Er hat immer nur gesagt: 'Seht ihn euch an, redet mit ihm, bildet euch eure eigene Meinung. Ich bin voreingenommen, von mir würdet ihr nur Gutes hören, also halte ich lieber den Mund. "Ich träume manchmal schon davon", bekannte Antonia. Leon musste lachen. "Du wirst ihn heute sehen, dann kannst du aufhören, von ihm zu träumen. " Er betrachtete seine Frau neugierig. "Im Ernst, so sehr beschäftigt dich das? "Natürlich tut es das! Maxi und ich brauchen Verstärkung in der Praxis, dein Freund und Kollege Timo Felsenstein empfiehlt einen jungen Mann, der ein sehr guter Kinderarzt sein soll, aber mehr verrät er uns nicht. Er eiert herum, wenn ich das mal so deutlich sagen darf, und dafür gibt es garantiert gute Gründe.

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Seitenzahl: 115

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Der neue Dr. Laurin – 81 –Viel Wirbel um den neuen Doc

Das hatte keiner Dr. McGregor zugetraut!

Viola Maybach

„Heute also?“, fragte Leon Laurin seine Frau Antonia beim Frühstück.

Ihre vier Kinder hatten das Haus gerade verlassen, wie immer in höchster Eile, nachdem keines von ihnen richtig gefrühstückt hatte. Lediglich Kyra, die Jüngste, war zumindest dazu gekommen, ihre halben Brötchen im Sitzen einzunehmen, während die anderen hastig im Stehen etwas hinuntergeschlungen hatten. Da nützten alle elterlichen Predigten nichts, wie wichtig es für jeden Menschen war, in aller Ruhe und mit einem guten Frühstück im Magen in den Tag zu starten – es blieb, wie es war. Antonia und Leon hatten ihre Ermahnungen daher eingestellt.

„Ja, heute“, bestätigte sie. „Ich habe kein gutes Gefühl, Leon.“

„Ich weiß“, erwiderte er. „Timo ist merkwürdig zurückhaltend in Bezug auf diesen jungen Mann, auch Eckart und mir ist es nicht gelungen, ihm noch ein paar weitere Informationen zu entlocken. Er hat immer nur gesagt: ‚Seht ihn euch an, redet mit ihm, bildet euch eure eigene Meinung. Ich bin voreingenommen, von mir würdet ihr nur Gutes hören, also halte ich lieber den Mund.“

„Ich träume manchmal schon davon“, bekannte Antonia.

Leon musste lachen. „Du wirst ihn heute sehen, dann kannst du aufhören, von ihm zu träumen.“ Er betrachtete seine Frau neugierig. „Im Ernst, so sehr beschäftigt dich das?“

„Natürlich tut es das! Maxi und ich brauchen Verstärkung in der Praxis, dein Freund und Kollege Timo Felsenstein empfiehlt einen jungen Mann, der ein sehr guter Kinderarzt sein soll, aber mehr verrät er uns nicht. Er eiert herum, wenn ich das mal so deutlich sagen darf, und dafür gibt es garantiert gute Gründe. Etwas stimmt mit dem Mann nicht, sonst könnte er uns ja einfach ein paar Informationen zukommen lassen.“

„Ihr hättet eine ordentliche Bewerbung verlangen können“, sagte Leon. „Dann wüsstet ihr jetzt, was ihr wissen wollt.“

„Erstens bin ich davon nicht überzeugt, Bewerbungsunterlagen beschreiben einen Menschen auch nur teilweise. Und zweitens ist das alles von Anfang an so informell gelaufen, dass wir den richtigen Zeitpunkt schlicht verpasst haben, an dem wir das noch hätten ändern können. Heute ist es ja auch kein offizielles Vorstellungsgespräch, sondern Timo hat erwähnt, dass dieser junge Arzt gerade in München ist, um seine Eltern zu besuchen und dass er vorbeikommen könnte, wenn es uns passt. Was hätten wir denn da sagen sollen? ‚Nein, das passt uns nicht‘? Timo weiß doch, dass wir in Arbeit ertrinken. Das hätte blöd ausgesehen.“

„Wahrscheinlich wäre es von Anfang an besser gewesen, die Stelle auszuschreiben und dann aus der Flut der Bewerberinnen oder Bewerber jemanden auszusuchen“, stellte Leon sachlich fest. „Aber dafür ist es nun natürlich zu spät, und ich bin sicher, Timo wollte nur helfen. Also sprecht mit dem Mann und macht euch euer eigenes Bild, und dann könnt ihr immer noch entscheiden. Verpflichtet seid ihr jedenfalls zu nichts.“

„Das nicht, aber nachdem er sich nun so reingehängt hat, kann es sehr unangenehm werden, wenn wir den von ihm vorgeschlagenen Mann ablehnen. Du hast völlig Recht, wir hätten das von vornherein ganz anders angehen sollen“, murmelte Antonia.

Sie hatte vor einiger Zeit wieder angefangen, als Kinderärztin zu arbeiten, und hatte erst nach langem Suchen die richtige Praxispartnerin gefunden: Maxi Böhler. Die beiden Frauen waren von Anfang an ein gutes Team gewesen, und nachdem Carolin Suder noch zu ihnen gestoßen war, eine außerordentlich tüchtige junge Frau, die den Praxisbetrieb organisierte, war ihr Team komplett gewesen.

Die Praxis war an die Kayser-Klinik angeschlossen, die Leon leitete. Die enge Zusammenarbeit hatte sich schon öfter als Segen erwiesen, denn Antonia und Maxi konnten im Notfall schnell auf alle Bereiche der Klinik zugreifen und taten es auch. Viele Eltern wussten das zu schätzen, ebenso wie die Leistungen und das Engagement der beiden Ärztinnen, und so war es nicht verwunderlich, dass sie schon nach recht kurzer Zeit mehr Arbeit gehabt hatten, als sie bewältigen konnten.

Sie wussten nicht mehr, wer zuerst ausgesprochen hatte, dass sie überlastet waren, aber jedenfalls hatten sie irgendwann angefangen, darüber nachzudenken, eine dritte Ärztin in ihr Team aufzunehmen. Dabei war ihnen bewusst gewesen, welches Risiko das bedeutete, denn natürlich würde eine weitere Person ihr Team verändern, das jetzt so problemlos funktionierte.

Und dann war Timo Felsenstein, der in der Kayser-Klinik die Notaufnahme leitete, damit herausgerückt, dass er einen jungen, fähigen Kinderarzt kannte, der nach München zurückkehren wollte und sich bald auf die Suche nach einer Stelle machen würde. So hatte das angefangen. Antonia und Maxi hatten eigentlich über eine weitere Frau nachgedacht, aber sie waren bereit gewesen, sich Timos Bekannten wenigstens anzusehen und ein Gespräch mit ihm zu führen. Nur: Mehr als dass er in Timos Augen ein fähiger Arzt war, hatten sie nicht in Erfahrung bringen können. Und nun also war der Tag gekommen, an dem sich Dr. Valentin Gregor bei ihnen vorstellen würde, am späten Nachmittag, nach der Sprechstunde.

Antonia sah auf die Uhr und sprang auf. „Höchste Zeit für mich“, rief sie. „Ich muss noch einen Hausbesuch machen. Kannst du …“

„Ja, ich räume alles weg, und ich halte sämtliche Daumen für das Gespräch.“ Sie verschwand noch einmal nach oben, er konnte ihre elektrische Zahnbürste hören. Als sie ihn wenige Minuten später zum Abschied küsste, schmeckte sie nach Pfefferminze. „Du siehst sehr schön aus“, sagte er. „Hoffentlich verliebt sich der junge Dr. Gregor nicht gleich in dich.“

Sie lachte und wirkte endlich etwas entspannter. Gleich darauf fiel die Haustür hinter ihr ins Schloss.

Leon schenkte sich noch eine Tasse Kaffee ein. An diesem Tag erwartete ihn vor allem Schreibtischarbeit, nicht gerade seine Lieblingsbeschäftigung. Antonias Vater, Professor Joachim Kayser, hatte die Klinik seinerzeit gegründet. Einige Zeit nach Leons Heirat mit Antonia hatte Joachim seinem Schwiegersohn die Leitung übertragen und sich selbst zur Ruhe gesetzt. Er kam allerdings immer noch regelmäßig, um ein digitales Patientenarchiv aufzubauen. Dafür hatte er sich im Untergeschoss ein schönes Büro mit einer superteuren Kaffeemaschine eingerichtet. Leon musste lächeln, als er daran dachte, sein Schwiegervater hatte da unten offenbar viel Besuch.

Er selbst arbeitete auch weiter als Gynäkologe und Chirurg, aber natürlich weniger als früher, denn schließlich hatte er vor allem eine Klinik zu leiten, und das tat er, von der Schreibtischarbeit einmal abgesehen, mit großem Vergnügen. Er hatte die Gebäude renovieren und erweitern lassen, eine eigene Klinikküche wieder eingeführt – was ihm Patienten und Angestellte gleichermaßen dankten – und er war ein immer ansprechbarer Chef, der nicht alles allein entscheiden wollte, sondern sich bei wichtigen Fragen Rat von Fachleuten, vor allem aber von seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern holte. Ein eher unnahbarer Klinikchef wie sein Schwiegervater, vor dem die Assistenzärzte noch gezittert hatten, war Leon jedenfalls nicht, und die Erfolge sprachen für ihn. Die Kayser-Klinik war heutzutage nicht nur bekannt für ihre technische Ausstattung, die sich auf dem jeweils neuesten Stand befand, sondern vor allem auch für ihr hervorragend ausgebildetes Personal, das sich mit großer Hingabe den Patientinnen und Patienten widmete.

Er leerte seine Kaffeetasse, räumte den Tisch ab und verließ wenig später ebenfalls das Haus. Er würde mit den Akten auf seinem Schreibtisch schon fertig werden!

*

Salome Rhein beobachtete den neuen Jungen mit leisem Unbehagen. Er hieß Friedrich von Langenhain und sah aus wie ein kleiner Engel mit seinen dunklen Locken, den großen blauen Augen und dem zarten, feinen Gesicht. Er war sieben Jahre alt, das einzige Kind seiner vermögenden Eltern, und er war mit ihnen gerade erst von Hamburg nach München gezogen.

Heute Morgen war er mit einer großen schwarzen Limousine gebracht worden, von einem Chauffeur, der ihm die Tür aufgehalten hatte. Er würde in Zukunft nur nachmittags, nach Schulschluss kommen, aber die Eltern hatten sich noch nicht für eine der infrage kommenden Privatschulen entschieden, deshalb war er vorerst auch morgens hier, in der von ihr geleiteten Kindertagesstätte, statt im Unterricht. Sobald die Schulfrage geklärt war, würde er nach der Schule für ein paar Stunden kommen, wie die anderen Schulkinder auch.

Er war ein überirdisch schöner Junge, aber von ihm ging etwas aus, das ihr Sorgen bereitete. Sein Blick war finster, den hellen, blauen Augen zum Trotz, und er machte keinerlei Anstalten, auf die Angebote der anderen Kinder einzugehen, sich an ihren Spielen zu beteiligen. Er wollte nicht hier sein, so viel war jetzt schon klar. Aber was wollte er? Er hatte bisher kaum mehr als ‚ja‘ oder ‚nein‘ gesagt, sich jedem Gespräch verweigert. Reden wollte er jedenfalls nicht. Spielen offenbar auch nicht, ebenso wenig wie Freundschaften schließen. Natürlich, die Kinder, die morgens hier waren, gingen noch nicht zur Schule, sie waren durchweg jünger als er. Aber es gab ein paar Sechsjährige, mit denen hätte er doch zumindest reden können?

Ihre Kita war hervorragend ausgestattet, sowohl von den Räumen und den Spiel- und Lernmaterialien her als auch, was das Personal betraf. Entsprechend teuer war sie. Friedrich war hier nicht das einzige Kind sehr vermögender Eltern. Salome hätte lieber Kinder aus allen Bevölkerungsschichten betreut, aber ihre Arbeitgeber hatten ihr klargemacht, wie dankbar sie für die Chance sein musste, eine solche ‚Elite-Einrichtung‘ leiten zu dürfen. Und immerhin: Es war eine Herausforderung. Aber eines Tages, das wusste sie schon jetzt, würde sie selbst eine Kindertagesstätte gründen, und die sollte dann weniger für Kinder sein, die von den Chauffeuren der Eltern gebracht wurden. Aber das war Zukunftsmusik, daran brauchte sie jetzt noch nicht zu denken. Und sie würde hier ohne Zweifel viel lernen.

Wieder näherte sich ein Kind dem Tisch, an dem Friedrich saß. Dieses Mal war es Matilda, eine Vierjährige, die insgeheim zu Salomes Lieblingen gehörte, weil sie ein sonniges Gemüt hatte, aber auch erkannte, wenn jemand traurig war und Zuspruch brauchte.

Matilda sagte etwas zu Friedrich und legte ihm dabei ihre kleine Hand auf den Arm. Ruckartig hob der Junge den Kopf und funkelte die Kleine so wütend an, dass sie sichtlich erschrak. Zugleich schleuderte er ihr Händchen von seinem Arm, als sei es ein giftiges Insekt, vor dessen Biss er sich hüten musste.

Matilda stolperte ziemlich heftig nach hinten, ganz blass war sie geworden angesichts der unerwartet heftigen und abweisenden Reaktion des Jungen. Salome war bereits bei ihr und griff nach ihrer Hand, während sie sich an Friedrich wandte: „Es gibt keinen Grund, so unfreundlich zu sein“, sagte sie. „Wenn du in Ruhe gelassen werden willst, kannst du das einfach sagen, Friedrich.“

Er wandte den Kopf. Der Blick, den er Salome zuwarf, war beinahe hasserfüllt. Dann wandte er sich an Matilda und sagte mit klarer, kalter Stimme: „Lass mich in Ruhe!“ Danach drehte er den Kopf wieder zum Fenster.

Salomes zwang sich, im Stillen bis fünf zu zählen, denn wenn sie jetzt ihren Gefühlen freien Lauf ließ, würde ein Unglück geschehen, das wusste sie. Als sie sicher war, dass sie ihre Stimme unter Kontrolle halten konnte, sagte sie: „Matilda, bitte, geh zurück zu Vicki und Lila.“ Sie strich der Kleinen sanft über den Kopf, bevor sie sich zu ihr hinunterbeugte und ihr ins Ohr flüsterte: „Ich habe diesem unfreundlichen jungen Mann noch einiges zu sagen.“

Matilda, die zuvor den Tränen nahe gewesen war, lächelte tapfer, biss sich auf die Lippen und marschierte zu ihren Freundinnen zurück, während sich Salome zu Friedrich setzte.

„Ich muss mit dir reden“, sagte sie.

Er rührte sich nicht, sein Blick war unverwandt aus dem Fenster gerichtet.

„Sieh mich bitte an, wenn ich mit dir spreche. Ich nehme doch an, dass dir deine Eltern beigebracht haben, was Höflichkeit ist.“

Zuerst rührte er sich nicht, dann wandte er äußerst langsam den Kopf. Hätte sie seinen Blick nicht zuvor schon gesehen, sie wäre erschrocken zurückgezuckt, so aber war sie darauf vorbereitet.

„Wenn du nicht hier sein willst, Friedrich, so würde ich vorschlagen, dass du deinen Eltern das sagst, denn sonst werde ich es tun. Ich werde es jedenfalls nicht zulassen, dass du liebenswürdige kleine Mädchen wie Matilda erschreckst und verstörst, nur weil du ein Problem hast, mit dem du offenbar nicht fertig wirst. Ich bin gern bereit, dir zu helfen, aber zuerst müsste ich wissen, was mit dir los ist. Wo wärst du lieber als hier?“

Er presste die Lippen fest zusammen, damit ihm nur ja kein Wort entschlüpfte. Immerhin, dachte Salome, gab es also offenbar etwas, worüber er einiges zu sagen gehabt hätte.

Sie versuchte es anders. „Wie stellst du dir das vor hier in dieser Einrichtung? Dass du jeden Tag so dasitzt und kleine Kinder erschreckst? Wenn du deine Situation ändern willst, musst du schon selbst etwas dafür tun. Sag mir, welches Problem du hast, sonst kann ich dir nicht helfen.“

Das war zu viel für ihn, er spuckte ihr seine Worte förmlich entgegen. „Sie wollen mir helfen? Sie sind doch die Leiterin hier, Sie stecken mit denen unter einer Decke! Mit Ihnen rede ich kein Wort.“

Salome zog die Augenbrauen hoch. „Wie bitte? Mit wem stecke ich unter einer Decke? Was willst du damit sagen?“

Aber Friedrich hatte sich bereits wieder abgewandt, seine Haltung sprach eine deutliche Sprache: Er würde kein weiteres Wort sagen.

Obwohl Salome das wusste, wartete sie noch einige Sekunden. Dann jedoch erhob sie sich und zog sich, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass es allen anderen Kindern gut ging und dass ihre Kolleginnen und Kollegen die Lage im Griff hatten, in ihr Büro zurück.

Sie musste jetzt sehr dringend mit Friedrichs Eltern sprechen. Wenn es noch ein paar Tage so weiterging, würde der Junge Unruhe in die ganze Gruppe bringen, und das musste sie verhindern. Sie kannte Friedrichs Eltern bislang nicht, es war seine Großmutter mütterlicherseits gewesen, die den Jungen angemeldet und alles geregelt hatte, sie hieß Annemarie Dobler. Eine nette, bodenständige, aber sehr zurückhaltende Frau, erinnerte sich Salome, die beim Abschied gesagt hatte: „Es wird Friedrich guttun, bei Ihnen zu sein.“

Seltsam, dass ihr das jetzt wieder einfiel. Sie hatte über diesen Satz seinerzeit gar nicht länger nachgedacht, sondern ihn einfach als Hinweis darauf genommen, dass Friedrichs Oma von der Kindertagesstätte beeindruckt gewesen war. Das hatte sie natürlich gefreut. Jetzt fragte sie sich, ob Frau Dobler ihren Satz vielleicht ganz anders gemeint hatte. Aber wie?