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Unterschiedliche Religionen, Traditionen und Sprachen sind seit jeher Realität in Deutschland. Wie ein gelingender Umgang mit kultureller Vielfalt aussieht, ist eine viel diskutierte Frage. Das respektvolle Zusammenleben in Vielfalt muss eingeübt und aktiv gestaltet werden. Dies geschieht im Alltag vor Ort: in den Nachbarschaften und Schulen, am Arbeitsplatz und in der Freizeit. Die Publikation zum Reinhard Mohn Preis 2018 "Vielfalt leben - Gesellschaft gestalten" gibt Impulse für diese gesellschaftliche Zukunftsaufgabe. Sie analysiert den aktuellen Umgang mit Vielfalt in Deutschland, fragt nach guter Praxis in anderen Ländern und formuliert Handlungsempfehlungen für die Gestaltung des Zusammenlebens. Ziel ist eine vielfältige Gesellschaft, in der Teilhabegerechtigkeit und ein respektvolles Miteinander verwirklicht sind. Namhafte Autoren wie Armin Nassehi, Doug Saunders, Bart Somers u. a. geben hier ihre Sichtweisen zum Thema Vielfalt wieder.
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Seitenzahl: 234
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)
Chancen und Herausforderungen kultureller Pluralität in Deutschland
Reinhard Mohn Preis 2018
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.dnb.de abrufbar.
Für eine bessere Lesbarkeit verwenden wir meist entweder die weibliche oder die männliche Form von personenbezogenen Substantiven. Wenn nicht anders erwähnt, sind damit beide Geschlechter gemeint.
© 2018 Verlag Bertelsmann Stiftung, Gütersloh
Verantwortlich: Dr. Ulrike Spohn
Übersetzung: Barbara Serfozo
Lektorat: Heike Herrberg
Herstellung: Christiane Raffel
Umschlaggestaltung: Elisabeth Menke
Umschlagabbildung: Jordis Schlösser, OSTKREUZ – Agentur der Fotografen GmbH, Berlin
Satz und Druck: Hans Kock Buch- und Offsetdruck GmbH, Bielefeld
ISBN 978-3-86793-842-6 (Print)
ISBN 978-3-86793-843-3 (E-Book PDF)
ISBN 978-3-86793-844-0 (E-Book EPUB)
www.bertelsmann-stiftung.de/verlag
Vorwort
Kulturelle Vielfalt in Deutschland: Wie gelingt das Zusammenleben?
Ulrike Spohn, Kai Unzicker, Stephan Vopel
I. Umgang mit kultureller Vielfalt in Deutschland
Die rechtliche Regulierung kultureller Vielfalt in Deutschland
Michael Wrase
Ohne Gesicht und ohne Stimme: Warum die Vielfalt der Lebenswelten im medialen Diskurs zu wenig sichtbar wird
Friederike Herrmann
Wir und die Anderen. Ein soziologischer Versuch, die Leitkulturdebatte zu verstehen
Armin Nassehi
Vielfalt ohne Diskriminierung: Das Beispiel des religiösen Zusammenlebens
Volker M. Heins
Kulturelle Vielfalt als gesellschaftlicher Leitbegriff und politische Praxis? Nation und »Volksgemeinschaft« im 19. und 20. Jahrhundert
Thomas Großbölting
II. Internationale Perspektiven
Gesellschaftspolitische Paradigmen im Umgang mit kultureller Vielfalt: Nordamerika und Europa im Vergleich
Oliver Schmidtke
Warum das Konzept von Multikulturalismus auch in Zukunft relevant bleibt
Tariq Modood
III. Städte als bedeutende Orte des Zusammenlebens
Die Stadt als Labor für Vielfalt und Teilhabe: Herausforderungen und Chancen
Doug Saunders
Migration und Vielfalt auf städtischer Ebene: Wie Mechelen in einer Zeit des Populismus und der Radikalisierung seinen eigenen Weg geht
Bart Somers
Die Autorinnen und Autoren
Kulturelle Vielfalt ist ein Thema, das aktuell nicht nur in Deutschland stark bewegt. Überall auf der Welt ringen die Menschen mit der Frage, wie ein angemessener Umgang insbesondere mit einer Vielfalt unterschiedlicher Nationalitäten, Kulturen und Religionen aussehen kann und gestaltet werden soll. Populistische Parteien und Bewegungen haben in vielen Ländern Konjunktur und die Zukunft eines friedlichen Zusammenlebens hängt entscheidend davon ab, dass wir gute Lösungen für den Umgang mit dieser Vielfalt finden. Denn sie ist in den meisten Ländern heute einfach Realität.
Der Reinhard Mohn Preis 2018 widmet sich unter dem Titel »Vielfalt leben – Gesellschaft gestalten« dieser Aufgabe. Er gibt Anregungen dafür, wie wir auch unter den Bedingungen von Vielfalt in unserer Gesellschaft in Frieden und Freiheit leben können. Um gute Lösungen zu finden, ist es wichtig, die Herausforderungen ebenso wie die Chancen, die mit Vielfalt einhergehen, besser zu verstehen. Nur so lassen sich nachhaltige Perspektiven für die Gestaltung der Gesellschaft entwickeln. Eine wichtige Voraussetzung ist und bleibt es, Menschen durch eine Ausbildung und eine Beschäftigung die Chance auf ein selbstbestimmtes, sinnerfülltes Leben zu ermöglichen. Dazu gehört ein wichtiges Prinzip: Wir müssen wieder das Teilen lernen – auch das Teilen von Wissen!
Die Beiträge im vorliegenden Band bieten eine umfassende Analyse des Umgangs mit kultureller Vielfalt in Deutschland und zeigen Wege auf, wie wir dieser Herausforderung künftig noch besser gerecht werden können. Wie gehen wir derzeit mit kultureller Vielfalt hierzulande um? Wie sieht es im Recht, in den Medien oder in der Bildung aus? Welche Formen des Umgangs gibt es in anderen Staaten? Vor allem aber: Wie gelingt es uns, ein respektvolles Zusammenleben in Vielfalt zu gestalten? Experten geben Antworten auf diese Fragen und bringen dabei auch internationale, ländervergleichende Perspektiven mit ein. Für den Reinhard Mohn Preis mit seinem Motto »Von der Welt lernen« ist dies von zentraler Bedeutung.
Die hier vorgelegten Handlungsempfehlungen sind das kombinierte Ergebnis der in diesem Buch versammelten Expertenbeiträge und der Erkenntnisse aus einer in Zusammenarbeit mit der Prognos AG durchgeführten internationalen Recherche guter Praxis. Sie richten sich an Städte als bedeutende Orte, an denen Vielfalt konkret gelebt und gestaltet wird. Das Handeln auf städtischer Ebene ist zwar stets auch in gesamtstaatliche Rahmenbedingungen eingebettet, doch es besteht auf lokaler Ebene ein bedeutender Spielraum, Vielfalt aktiv zu gestalten. Vor allem sind Städte Orte der Begegnung: In der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, in der Schule oder Kita, im Fußballclub, in der Musikschule oder im Jugendzentrum kommen Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, Religionen und Lebensweisen zusammen.
Die neuen Technologien, insbesondere auch Social Media, haben unsere Art zu kommunizieren und zu arbeiten verändert. Sie zu nutzen, ist heute und zukünftig wichtig, doch für das gelingende Zusammenleben in Vielfalt bleibt eines ausschlaggebend: die Begegnung »face to face«! Diese bietet jeden Tag die Chance, auf der Basis von Gemeinsamkeiten – als Nachbarn, Eltern, Sport- oder Musikbegeisterte – in Austausch und Dialog auch über kulturelle Unterschiede zu treten. Kulturelle Vielfalt ist heute Teil unseres Alltags und wir alle sind gefordert, das Zusammenleben gemeinsam mit unseren Mitmenschen zu gestalten. Damit dies gelingt, ist es wichtig, dass wir in unserem Gegenüber stets den Menschen – und nicht nur den Fremden – sehen und uns mit Offenheit, Empathie und Respekt begegnen.
All das trägt dazu bei, dass wir besser in einen Dialog kommen, auch über vermeintliche Unterschiede hinweg. Auf diese Weise kann es uns gelingen, unsere Welt gerechter, friedlicher, menschlicher und damit besser zu machen. Und das beginnt im Kleinen – in unserer Stadt und in unserer Nachbarschaft. Es beginnt also bei jedem und jeder Einzelnen von uns! Aus meiner Lebenserfahrung heraus vertrete ich das Motto: Erst lernt man sich kennen; daraus erwächst Respekt und Zuneigung – und so entstehen schließlich Freundschaften.
Liz Mohn
Stellvertretende Vorsitzende des Vorstands der Bertelsmann Stiftung
Ulrike Spohn, Kai Unzicker, Stephan Vopel
Historisch betrachtet ist kulturelle Vielfalt schon immer Realität in Deutschland und die Frage des Umgangs mit dieser Pluralität hat sich der Gesellschaft immer wieder von Neuem gestellt. Juden waren bereits lange auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands präsent, als sich das Christentum auszubreiten begann. In der Frühen Neuzeit wurde nach der Spaltung des westlichen Christentums als Folge der Reformation die Differenz zwischen Protestanten und Katholiken als bedeutender kultureller Unterschied wahrgenommen, der bis ins 20. Jahrhundert hinein brisant blieb. Mit dem aufkommenden Nationalismus wandelte sich die seit jeher gängige Praxis eines Nebeneinanders unterschiedlicher Volksgruppen mehr als je zuvor zu einer Frage des Umgangs mit kulturell Fremden. So wurden etwa Sinti und Roma, Dänen, Friesen und Sorben auf deutschem Gebiet schließlich als nationale Minderheiten anerkannt. Allerdings waren insbesondere Juden sowie Sinti und Roma stets Vorurteilen, Anfeindungen und Verfolgung ausgesetzt. Das gipfelte im 20. Jahrhundert im Völkermord des Dritten Reiches.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs stand die deutsche Gesellschaft sowohl in der frühen Bundesrepublik als auch in der DDR vor der erheblichen Aufgabe, rund 14 Millionen Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches sowie aus Ost- und Südosteuropa aufzunehmen. In Ostdeutschland machten die Vertriebenen zeitweise ein Viertel der Bevölkerung aus. In den 1950er- und 1960er-Jahren trug in Westdeutschland vor allem der Zuzug der sogenannten Gastarbeiter aus Südeuropa, der Türkei und Nordafrika zur weiteren ethnischen und religiösen Pluralisierung der Gesellschaft bei. Auch in Ostdeutschland wurden, wenngleich in geringerem Umfang, ausländische Arbeitskräfte angeworben, die vor allem aus Vietnam, Polen und Mosambik stammten. Solche Arbeitsmigration war jedoch schon zu diesem Zeitpunkt kein neues Phänomen: Deutschland hat auch zuvor in Zeiten des Arbeitskräftemangels bereits auf die Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Ausland gesetzt, wie etwa den sogenannten Ruhrpolen im 19. Jahrhundert. In den 1980er- und 1990er-Jahren wiederum suchten im Zuge des Zerfalls des Ostblocks die (Spät-)Aussiedler als neue Gemeinschaft einen Platz in der deutschen Gesellschaft, und aufgrund der Jugoslawienkriege kamen Hunderttausende Flüchtlinge vom Balkan nach Deutschland. Somit ist die gegenwärtige Aufnahme von Geflüchteten aus Kriegs- und Krisengebieten des Nahen Ostens sowie von temporären oder dauerhaften Arbeitsmigranten im Kontext heutiger Globalisierungsprozesse lediglich eine neue Episode in einer langen Geschichte der Vielfalt hierzulande.
Der Reinhard Mohn Preis 2018 legt einen Begriff von kultureller Vielfalt zugrunde, der sich auf die Dimensionen Herkunft, Religion und Sprache bezieht – anders als etwa im unternehmerischen Diversity Management, wo unter Vielfalt auch Merkmale wie Geschlecht, Alter, sexuelle Orientierung und Behinderung gefasst werden. Die Schwerpunktsetzung ist bewusst so gewählt, da es vor allem die zuerst genannten Dimensionen von Vielfalt sind, die aktuell die öffentliche Debatte bestimmen und als Herausforderung für das Zusammenleben wahrgenommen werden. Die Pluralität der Lebensweisen, die mit unterschiedlichen kulturellen Traditionen, Religionen und Sprachen einhergeht, kann für die Gesellschaft Anstrengung und Wandel bedeuten und hat historisch – nicht nur, aber auch und gerade in Deutschland – immer wieder zu Spannungen geführt. Zugleich existierte immer die Perspektive, kulturelle Vielfalt als Bereicherung und Horizonterweiterung begreifen zu können. Denn Vielfalt bietet auch Chancen und Potenziale. Wenn kulturelle Vielfalt aktiv gestaltet wird, kann sie zu einer besonderen Stärke der Gesellschaft werden.
Reinhard Mohn erkannte bereits früh die Relevanz dieses Themas als Zukunftsaufgabe für die Gesellschaft. Die Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts angesichts kultureller Unterschiede und disparater Tendenzen innerhalb der Bevölkerung stellte sich in Deutschland zu Beginn der 1990er-Jahre schon einmal mit besonderem Nachdruck. Mit der deutschen Wiedervereinigung galt es einen Weg zu finden, den die Menschen in den höchst verschieden geprägten Landesteilen fortan gemeinsam gehen konnten – mit dem Ziel, auf lange Sicht zu einer Gesellschaft zusammenzuwachsen. Zur gleichen Zeit war die deutsche Gesellschaft, insbesondere durch die Balkanflüchtlinge, mit hohen Asylbewerberzahlen konfrontiert. In dieser Phase des gesellschaftlichen Umbruchs erlebte Deutschland eine massive Welle von Fremdenfeindlichkeit, die 1992 in den rassistisch motivierten Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen gipfelte.
Im selben Jahr bezog sich die Bertelsmann Stiftung auf die aktuellen Herausforderungen mit dem Carl Bertelsmann-Preis zum Thema »Einwanderungspolitik«. Die Auszeichnung erhielt Schweden für seine Integrationsstrategie. Diese basierte auf der Erkenntnis und Akzeptanz der Tatsache, dass ein großer Teil der aus dem Ausland nach Schweden eingewanderten Menschen dauerhaft bleiben würde. Das heißt, Schweden entwickelte schon früh ein Selbstverständnis als Einwanderungsland und setzte auf eine Politik, die auf eine Anerkennung kultureller Identitäten sowie auf gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe und politische Partizipation ausgerichtet war.
Reinhard Mohn bekräftigte damals die Notwendigkeit einer verfassungsrechtlich fest verankerten pluralistischen staatlichen Ordnung: »Ein friedliches Zusammenleben verschiedener Kulturen in einem Staat setzt einen dauerhaften kulturellen Pluralismus – gesichert durch die Verfassung – voraus«. Damit wies er auf die wichtige Rolle des freiheitlichen Staates hin, der dafür Sorge tragen muss, dass eine Vielfalt kultureller Lebensweisen im gesellschaftlichen Leben Raum findet. Dies beruht auch auf seiner Einsicht, dass Kultur »für den Menschen eine unverzichtbare Lebenshilfe« bedeutet. Das heißt, Traditionen, Religion und Sprache bilden einen Rahmen, in den wir Menschen eingebettet sind, der uns Orientierung gibt und dabei hilft, uns die Welt zu erschließen. Es ist daher ein natürliches Bedürfnis von Menschen, ihre kulturellen Identitäten zu leben.
Wie die vorherigen Betrachtungen zeigen, ist kulturelle Vielfalt ein Thema, das die deutsche Gesellschaft zu verschiedenen Zeitpunkten immer wieder beschäftigt hat. Gleichwohl stellt sich Vielfalt als konkrete Herausforderung im Kontext der jeweils aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse stets in neuer und anderer Weise. Der Umgang mit kultureller Vielfalt in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten bedeutend weiterentwickelt. Auf der rechtlichen Ebene ist die Reformierung des Staatsbürgerschaftsrechts seit den 2000er-Jahren zu nennen, besonders die Ermöglichung der doppelten Staatsangehörigkeit durch die Abschaffung der sogenannten Optionspflicht für in Deutschland aufgewachsene Kinder ausländischer Eltern im Jahr 2014. Auf der Ebene der Einstellungen in der Gesellschaft zeigen aktuelle Studien (z. B. Bertelsmann Stiftung 2018a) einen deutlichen Trend zu mehr Offenheit und Toleranz in der deutschen Bevölkerung seit den 1980er-Jahren.
Dass rechtspopulistische Bewegungen und Parteien gegenwärtig dennoch im Aufwind sind, ist darauf zurückzuführen, dass ein nicht unerheblicher Teil der Deutschen die geschilderte Entwicklung nicht oder nur zögerlich mitvollzogen hat. Dies führt zu einer zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung: Der gewachsenen Offenheit für Vielfalt stehen beharrliche Widerstände gegen die nachhaltige Verwirklichung einer vielfältigen Gesellschaft gegenüber. Zugleich ist Deutschland heute in einem globalen Kontext situiert, der bis in die Mitte Europas – man denke etwa an Polen und Ungarn, aber auch an den »Brexit« sowie über Europa hinaus an die USA unter Trump – von Tendenzen kultureller Schließung erfasst wird. Diese stellen eine Bedrohung für das Zusammenleben in Frieden, Freiheit und Wohlstand dar.
Die Herausforderung für Deutschland im Jahr 2018 liegt darin, in dieser schwierigen Gemengelage aus inneren Widerständen und einem widrigen äußeren Umfeld einen Weg zu finden, bisherige Errungenschaften im Umgang mit kultureller Vielfalt zu bewahren und die vielfältige Gesellschaft im Einklang mit freiheitlich-demokratischen Werten weiterzuentwickeln, ohne eine weitere Polarisierung der Gesellschaft zu befördern. Damit dies gelingt, muss der Umgang mit Vielfalt aktiv eingeübt werden. Der Reinhard Mohn Preis 2018 möchte hierfür Impulse geben und Perspektiven aufzeigen, wie wir hierzulande Vielfalt leben und Gesellschaft gestalten können. Die Ebene rechtlicher Rahmenbedingungen und gesamtstaatlicher Politik ist in diesem Zusammenhang von großer, doch nicht von alleiniger Bedeutung. Ebenso wichtig sind die lokale Ebene, wo das Zusammenleben vor Ort konkret gestaltet wird, sowie das Alltagsverständnis im Umgang mit Vielfalt als selbstverständlichem Bestandteil gesellschaftlicher Praxis.
Ziel des vorliegenden Buches ist es, ein tieferes Verständnis der Thematik zu ermöglichen und Orientierung zu bieten. Hierfür ist es zunächst wichtig, die Sachlage genau zu beschreiben und zu analysieren, wie wir in Deutschland mit kultureller Vielfalt umgehen. Internationale Perspektiven erweitern den Blick und tragen dem Motto des Reinhard Mohn Preises Rechnung: »Von der Welt lernen«. Schließlich wird die Frage nach konkreten Lösungswegen aufgegriffen: Wie kann das Zusammenleben in Vielfalt praktisch gelingen? Hier erweisen sich Städte als Orte von zentraler Bedeutung: Denn in Städten konzentriert sich kulturelle Vielfalt und in der alltäglichen Begegnung vor Ort liegen Chancen und Potenziale, ein gelingendes Zusammenleben zu gestalten.
Die Frage, wie wir in Deutschland mit kultureller Vielfalt umgehen, lässt sich in Bezug auf unterschiedliche Sektoren und gesellschaftliche Handlungsfelder stellen, wie Politik, Recht, Wirtschaft, Bildung oder Medien. Dem Recht kommt ein besonderer Stellenwert zu, da es einen kollektiv verbindlichen Rahmen schafft, der für die anderen Handlungsfelder richtungsweisend ist. Michael Wrase stellt in seinem Beitrag die gesetzlichen Regelungen und die aktuelle Rechtsprechung dar und geht unter anderem auf viel diskutierte Themen wie den lange währenden Streit um das Kopftuch im Schuldienst und die rituelle Beschneidung von Jungen ein. Für ein gelingendes Zusammenleben ist es aus seiner Sicht erforderlich, dass die kulturelle Vielfalt der Gesellschaft in der rechtlichen Regulierung Berücksichtigung findet. Diesbezüglich hebt er besonders den Bildungsbereich als zentrales Handlungsfeld hervor.
Während es im Recht um die Wahrung verfassungsrechtlicher Prinzipien und elementarer Grundrechte geht, die den kollektiv verbindlichen Rahmen gesellschaftlichen Handelns bilden, kommt dem Feld der Medien als öffentlichem Forum der modernen Gesellschaft ebenfalls eine besondere Bedeutung zu. Die Medien sind der zentrale Schauplatz für die Austragung der Debatten darüber, wie gesellschaftlich und politisch mit kultureller Vielfalt umgegangen werden soll. Hier wird Wissen produziert, werden Interpretationen etabliert und Erzählmuster geschaffen, die allgemeine Anerkennung und Legitimität beanspruchen. Vor allem geht es dabei um Fragen der gesellschaftlichen Identität: Wer gehört zu Deutschland? Was bedeutet es, deutsch zu sein? Wie viel kulturelle Heterogenität verträgt der gesellschaftliche Zusammenhalt? Doch nicht nur explizite Debatten über diese Fragen, sondern auch die Art und Weise der Berichterstattung über Menschen und Sachverhalte, die mit kultureller Vielfalt zu tun haben, prägen das gesellschaftliche Selbstverständnis. Oft wird unterschwellig ein bestimmtes Bild davon vermittelt, welche Bedeutung kulturelle Vielfalt für die deutsche Gesellschaft hat. Dieses Bild ist über weite Strecken inadäquat und problematisch, stellt Friederike Herrmann fest. Sie geht in ihrem Beitrag den Mustern journalistischer Berichterstattung über kulturelle Vielfalt in den deutschen Medien am Beispiel der Kopftuchdebatte und anhand der aktuellen Kontroversen um das Thema »Flüchtlinge« genauer auf den Grund.
Der Beitrag von Armin Nassehi wirft die Frage auf, wieso die Debatte um kulturelle Vielfalt in Deutschland überhaupt so sehr auf Identität ausgerichtet ist. Eine vielfältige Gesellschaft erfordert, dass Konventionen und Regelungen überdacht und angepasst werden, etwa auf den Arbeits- und Wohnungsmärkten oder im Bildungssystem. Hier bieten sich viele Anknüpfungspunkte, um Vielfalt als Herausforderung und Chance für die Gesellschaft zu verhandeln und praktisch zu gestalten. Stattdessen wird Vielfalt in Deutschland jedoch fast ausschließlich als Frage der gesellschaftlichen Identität unter dem Begriff der Leitkultur thematisiert. Es besteht die Neigung, kulturelle Unterschiede zu stilisieren und als Identitätskonflikte zu dramatisieren. Nassehi unterzieht diesen Befund einer historisch-soziologischen Analyse mit dem Ziel, die spezifische Zuspitzung der Debatte in Deutschland zu verstehen.
Die Wahrnehmungs- und Diskursmuster in Bezug auf Vielfalt, die in der Gesellschaft etabliert sind, bilden einen Rahmen, der die Teilhabechancen von Menschen, die als kulturell abweichend angesehen werden, systematisch und ganz konkret beeinflusst. Volker Heins zeigt in seinem Beitrag auf, wie abwertende Wahrnehmungen und Vorurteile eine Quelle für Diskriminierung bilden und wie sich dies auf die gesellschaftlichen Teilhabechancen von Angehörigen religiöser Minderheiten in Deutschland auswirkt. Er untersucht dies am Beispiel der Muslime und der – im Vergleich zu diesen bislang öffentlich wenig beachteten – Sikhs.
Die herrschenden Wahrnehmungen, Diskurse und darauf aufbauenden politischen Haltungen gegenüber Vielfalt in Deutschland sind kein Zufall. Vielmehr haben sie eine lange Tradition und lassen sich besser verstehen, wenn man nach ihren Entstehungsgründen fragt und sie in ihrem geschichtlichen Kontext betrachtet. Thomas Großbölting erhellt die historischen Hintergründe der skeptischen Haltung gegenüber Vielfalt, die hierzulande noch immer deutlich spürbar ist. Er zeigt, wie das bereits im 19. Jahrhundert mit dem Nationalstaat entstandene Ideal der Bevölkerung als einer kulturell homogenen Gemeinschaft in den deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts fortlebte und bis heute die politischen Debatten in Deutschland beeinflusst.
Im zweiten Teil dieses Bandes wird der Blick auf den Umgang mit Vielfalt um internationale Perspektiven erweitert. Hier zeigt sich, dass nicht nur Deutschland, sondern auch andere europäische Länder sich schwertun, Vielfalt als selbstverständliches Merkmal der Gesellschaft anzuerkennen. In Europa besteht seit dem Zeitalter der Nationalstaaten traditionell die Neigung, Homogenität und Einheit zu betonen. Interessant ist daher eine Gegenüberstellung mit dem angelsächsischen Raum, wo – bei allen antipluralistischen Gegenbewegungen in der aktuellen Politik und der Geschichte der USA – grundsätzlich die Tradition eines kulturellen Pluralismus doch stärker verankert ist. Kulturell vielfältige Identitäten werden in den angelsächsischen Ländern eher als Normalität aufgefasst. Oliver Schmidtke beschreibt diese verschiedenen Paradigmen im Umgang mit kultureller Vielfalt anhand von Deutschland und Frankreich einerseits sowie Kanada und den USA andererseits. Dabei beleuchtet er die ideengeschichtlichen, politischen und historischen Hintergründe dieser unterschiedlichen Entwicklungspfade.
Eine Perspektive aus Großbritannien fließt mit dem Beitrag von Tariq Modood in die Diskussion ein. Er verteidigt den Multikulturalismus – in Deutschland heute nahezu ein Unwort und praktisch totgesagt – als zukunftsfähige politische Option für kulturell vielfältige Gesellschaften. Die Ablehnung des Multikulturalismus als gescheitert beruht aus seiner Sicht auf einem falschen Verständnis und er zeigt, wie ein richtig verstandener Multikulturalismus eine Grundlage für die Zugehörigkeit und Teilhabe aller in einer vielfältigen Gesellschaft bilden kann. Abschließend kommentiert er den Umgang mit Vielfalt in Deutschland im Vergleich zum Vereinigten Königreich und kommt zu dem Ergebnis, dass hierzulande Nachholbedarf besteht – sowohl hinsichtlich der gesellschaftlichen Mentalität in Bezug auf Vielfalt als auch der Sichtbarkeit und Repräsentation von Vielfalt im öffentlichen Raum.
Der letzte Teil des Bandes wirft die Frage nach konkreten Ansätzen für Handlungsperspektiven und Lösungswege auf. Hier kommt der lokalen Ebene eine besondere Relevanz zu, denn im Alltag vor Ort findet das Zusammenleben konkret statt: in den Nachbarschaften, den Schulen, auf der Arbeit und in der Freizeit. Dabei rücken ganz besonders Städte in den Blick, denn urbane Kontexte sind stärker von kultureller Vielfalt geprägt als ländliche Regionen. Städte sind ganz praktisch und alltäglich mit den Herausforderungen eines Zusammenlebens in Vielfalt konfrontiert. Im Umgang damit sind sie zwar nicht völlig frei, da lokale Politik stets in die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen auf Bundes- und Landesebene eingebettet bleibt; dennoch ergibt sich auf lokaler Ebene ein Spielraum, den Städte nutzen können, um als »Laboratorien der Vielfalt« pragmatische und innovative Lösungswege zu erproben und zu entwickeln.
Bislang werden die sich aus kultureller Vielfalt ergebenden Anforderungen häufig als eine Bürde für Städte gesehen, die unter Aufwendung ohnehin schon knapper Ressourcen zusätzlich bewältigt werden muss. Vielfalt als Thema aktiv aufzugreifen und zu einem festen Bestandteil städtischer Strategien zu machen, erscheint aus diesem Blickwinkel geradezu als Luxus, den sich nur reiche Städte als Add-on zu den sonstigen städtischen Aufgaben leisten können. Die Gestaltung von Vielfalt zu einem Querschnittsthema und Kernelement städtischer Politiken zu machen, ist aus Sicht von Doug Saunders jedoch eine notwendige Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit von Städten – sozial, ökonomisch und kulturell. Er plädiert in seinem Beitrag dafür, Vielfalt bei Investitionen in Schulen, Wirtschaft, Stadtplanung, Wohnungsbau und Infrastruktur mitzudenken. Dies fördere Teilhabegerechtigkeit und zahle sich zudem auf lange Sicht für die Städte aus – sowohl ökonomisch als auch mit Blick auf die Qualität der sozialen Beziehungen.
Der Beitrag von Bart Somers gibt aus erster Hand Einblicke in die Entwicklung der Stadt Mechelen, die in Vielfalt investiert und das Thema zu einem strategischen Bestandteil aller Bereiche der städtischen Politik gemacht hat. Der belgische Bürgermeister, der 2016 mit dem World May or Prize ausgezeichnet wurde, schildert Mechelens eindrucksvolle Entwicklung von einem Ort mit hoher Kriminalitätsrate, stagnierender Wirtschaft und flüchtender Mittelschicht zu einer wirtschaftlich und kulturell florierenden Stadt, auf die ihre Bewohner stolz sind. Interkulturelle Begegnung im Alltag zu fördern sowie für die Sicherheit, Teilhabe, aktive Bürgerschaft und Zugehörigkeit aller Bürgerinnen und Bürger Sorge zu tragen, sind wichtige Eckpfeiler der städtischen Strategie.
Bei der Betrachtung ganz verschiedener Felder und unterschiedlicher Perspektiven kristallisieren sich einige Aspekte heraus, die für ein gelingendes Zusammenleben in Vielfalt, das im Alltag vor Ort gestaltet wird, von Bedeutung sind. Dies wird auch in der Zusammenschau der Beiträge dieses Buches mit den Ergebnissen der internationalen Recherche guter Praxis deutlich, die für den Reinhard Mohn Preis 2018 durchgeführt wurde und Städte als bedeutende Orte des Zusammenlebens in den Mittelpunkt stellt (Bertelsmann Stiftung 2018b).
Auf dieser Basis lassen sich die Voraussetzungen eines gelingenden Zusammenlebens in Vielfalt zunächst in vier Dimensionen darstellen: soziale Teilhabe, politische Partizipation, Zugehörigkeit und Interaktion. Diese Dimensionen gehen aus den normativen Grundfesten unserer Gesellschaft hervor: der Idee eines Gemeinwesens, in dem die mit gleicher Freiheit ausgestatteten Bürgerinnen und Bürger eine Gemeinschaft bilden, die sich politisch selbst bestimmt. Dieses Versprechen der liberalen Demokratie wird nur eingelöst, wenn Menschen unabhängig von ihrer kulturellen Identität gerechte Lebenschancen erhalten (soziale Teilhabe), in der Politik repräsentiert sind und Gehör finden (politische Partizipation), sich mit ihrem Gemeinwesen verbunden fühlen (Zugehörigkeit) und mit ihren Mitbürgern in einem lebendigen Austausch stehen (Interaktion).
Mittels dieser Zieldimensionen lassen sich die Voraussetzungen, die ein gelingendes Zusammenleben nach den normativen Maßstäben liberaler Demokratien ausmachen, adäquat erfassen. Um sie zu verwirklichen, sind konkrete Strategien und Maßnahmen zu erarbeiten und umzusetzen. Diese sollten auf verschiedenen Ebenen – gesamtstaatlich wie auch lokal – ansetzen. Auf der gesamtstaatlichen Ebene ist vor allem mit dem Grundgesetz der allgemeine normative und rechtliche Rahmen für die pluralistische, freiheitliche Gesellschaft abgesteckt. Besonders gehören dazu die Festschreibung der Würde des Menschen in Artikel 1, der freien Entfaltung der Persönlichkeit in Artikel 2, der Gleichheit aller vor dem Gesetz und des sich daraus ergebenden Gebots der Nichtdiskriminierung in Artikel 3 sowie auch der Freiheit des Glaubens in Artikel 4. Mit Blick auf die Religionsausübung sind zudem Artikel 140 zum Verhältnis von Religion und Staat sowie Artikel 7 zur Regelung des Religionsunterrichts relevant. Gesetze und Verwaltungsrichtlinien müssen darauf zielen, den effektiven Gebrauch der Grundrechte zu ermöglichen.
Der so verfassungsrechtlich verankerte Rahmen einer freiheitlichen staatlichen Ordnung bildet eine notwendige, jedoch keine hinreichende Bedingung für ein gelingendes Zusammenleben in kultureller Vielfalt. Denn das konkrete Zusammenleben in Vielfalt, das heißt die Haltungen und Praktiken eines offenen und respektvollen Miteinanders, muss auf der Ebene alltäglicher Begegnung und Interaktion eingeübt und kultiviert werden. So können wir heute beobachten, dass es nicht Nationalstaaten, sondern einzelne Städte sind, die hier eine Vorreiterrolle einnehmen.
In der kleineren politischen Einheit der Stadt können neue Strategien leichter erprobt und im konkreten Zusammenleben praktisch eingeübt werden. Städten kann somit eine Katalysatorfunktion zukommen, die auf lange Sicht dazu führt, dass die auf städtischer Ebene kultivierten Mentalitäten und Praktiken auf die gesamtstaatliche Ebene zurückwirken und hier korrespondierende Entwicklungen anzustoßen vermögen. Daher sind die folgenden zehn Handlungsempfehlungen in Bezug auf den lokalen Handlungskontext von Städten formuliert. Die Empfehlungen leiten sich ab aus den in diesem Buch versammelten Analysen und Befunden in Verbindung mit den Ergebnissen der für den Reinhard Mohn Preis 2018 durchgeführten internationalen Recherche guter Praxis (Bertelsmann Stiftung 2018b).
1.Klares Bekenntnis zu einem respektvollen Umgang mit Vielfalt abgeben
Städte sollten sich klar zu einem respektvollen Umgang mit Vielfalt in der Stadtgesellschaft bekennen. Sie sollten die Chance nutzen, den Respekt vor Vielfalt als positive Marke der Stadt zu entwickeln und hierüber die lokale Identität und das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken. Das Bekenntnis zu einem respektvollen Umgang mit Vielfalt kann beispielsweise durch Auszeichnungen, Kampagnen, Plakate oder Feste der Stadt transportiert werden. Auch ein Gruß auf der Internetseite oder in den Social-Media-Kanälen der Stadtverwaltung zu den hohen Feiertagen der verschiedenen religiösen Gemeinschaften in der Stadt ist eine einfache Möglichkeit, die Zugehörigkeit aller zu signalisieren.
2.Leadership für Vielfalt zeigen
Städte brauchen aktive Treiber gelingender Vielfalt, die über Ansehen verfügen und als Autorität betrachtet werden. Hier kommt Lokalpolitikerinnen und Lokalpolitikern eine wichtige Rolle zu, insbesondere dem (Ober-)Bürgermeister oder der (Ober-)Bürgermeisterin. Von der öffentlichen Haltung führender Persönlichkeiten geht eine Signalwirkung aus. Sie können Orientierung geben und Vertrauen schaffen, indem sie sich authentisch für eine vielfältige Gesellschaft einsetzen. Dies beginnt in der Stadtverwaltung selbst: Diese hat als Arbeitgeberin und Einkäuferin von Dienstleistungen eine wichtige Vorbildfunktion. Sie sollte mit gutem Beispiel vorangehen und die Prozesse zur Rekrutierung von Personal im Sinne der interkulturellen Öffnung darauf anlegen, dass die Belegschaft die Vielfalt der Bewohnerschaft widerspiegelt. Fremdsprachen und Kenntnisse verschiedener Kulturen sollten als Kompetenz gewürdigt werden. Ebenso können bei der Vergabe öffentlicher Aufträge im Rahmen der geltenden Richtlinien vorhandene Spielräume für eine interkulturelle Öffnung genutzt werden.
3.Starke Vorbilder einsetzen
Politische Leadership für Vielfalt muss durch Vorbilder im gesellschaftlichen Alltag ergänzt werden, die das Zusammenleben in Vielfalt ganz selbstverständlich als Normalität vorleben. Dies können Lehrerinnen, Jugendarbeiter, Polizistinnen, Fußballtrainer, Theatermacher oder andere »Helden« der Zivilgesellschaft sein, die als Vorbilder »von nebenan« Mut machen und Vertrauen in eine vielfältige Gesellschaft vermitteln. Denn die nachhaltige Verwirklichung eines gelingenden Zusammenlebens in Vielfalt erfordert eine breite gesellschaftliche Basis und die Verankerung in verschiedenen Handlungsfeldern.
4.Strategisch koordinieren und vernetzen
Vielfalt sollte nicht als isoliertes Thema getrennt von anderen städtischen Aufgaben betrachtet, sondern als Querschnittsthema in allen Handlungsfeldern strategisch mitgedacht werden. Dies erfordert eine Koordination und Vernetzung zwischen einzelnen städtischen Verwaltungseinheiten sowie zwischen der Stadt und den zentralen gesellschaftlichen Akteuren, die in den unterschiedlichen Handlungsfeldern praktisch tätig sind. Die strategische und koordinierte Zusammenarbeit in den Bereichen Jugendarbeit, Schule und Kita, lokale Wirtschaft, Wohnen, Sicherheit usw. schafft eine Grundlage für effektives Handeln, bei dem alle Akteure an einem Strang ziehen. Die Einrichtung einer entsprechenden Stelle für Strategie und Koordination innerhalb der Stadtverwaltung ist sinnvoll, um konkrete und nachprüfbare Ziele und Maßnahmen in partizipativen Prozessen zu entwickeln, Verantwortlichkeiten festzulegen und Erfolge wie auch Defizite bei der Umsetzung der städtischen Strategie zur Gestaltung von Vielfalt nachzuhalten und transparent zu machen. Auch der Austausch zwischen Städten über ihre interkulturellen Strategien und Maßnahmen stellt einen wichtigen Aspekt von Vernetzung dar.
5.Kulturelle Besonderheiten aktiv anerkennen
Verschiedene Traditionen und Religionen gehen mit unterschiedlichen Lebensgewohnheiten und Ritualen einher. Städte sollten die sich daraus ergebenden kulturellen Besonderheiten im Rahmen der geltenden gesetzlichen Ordnung aktiv anerkennen, um allen Bürgerinnen und Bürgern ein Gefühl der Teilhabe und Zugehörigkeit zur Stadtgesellschaft zu vermitteln. Das lässt sich praktisch zum Beispiel durch die Akzeptanz religiöser Kopfbedeckungen bei Berufen im öffentlichen Dienst oder die Berücksichtigung unterschiedlicher Bestattungsrituale auf städtischen Friedhöfen verwirklichen. Für die Entwicklung einer gemeinsamen Identität und eines Zusammengehörigkeitsgefühls sollten aber auch die Gemeinsamkeiten der Stadtbewohner betont werden.
6.Begegnungsräume schaffen
Städte sollten aktiv Begegnungsräume schaffen – sowohl im wörtlichen Sinne der Gestaltung öffentlicher Räume als auch im übertragenen Sinne der Förderung von Austausch und Dialog. Ersteres geschieht etwa mittels partizipativer Stadtplanung, die gemeinsame Interessen wie auch unterschiedliche Bedürfnisse ermittelt und unter Beteiligung aller Betroffenen einen »Ort für alle« – zum Beispiel ein Jugendzentrum oder einen Park – gestaltet. Auch Nachbarschaftszentren, Stadtbüchereien oder Sportstätten bieten sich hierfür an. Hilfreich sind professionell geschulte Mediatoren und Quartiersmanager, die den Austausch zwischen Bewohnern mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen begleiten und bei Missverständnissen oder Konflikten vermitteln
